- -
- 100%
- +

Alexander Grosz übte keinerlei Druck auf seine Tänzerin aus, ganz im Gegenteil, er tröstete und besänftigte sie, wenn sie weinte, weil sie sich zu krank fühlte, um aufzutreten.
Er sagte: »Ich verstehe Sie gut, Isadora. Oscar Beregi ist ein großartiger Schauspieler und ein umwerfend schöner Mann. Wer könnte ihm widerstehen? Wäre ich eine Frau …«
Isadora putzte sich die Nase. »Schon gut, Alexander. Ich danke Ihnen für Ihre Sympathie. Aber was soll ich tun? Ich bin hin- und hergerissen. Oscar, die Bühne, der Mann, die Kunst –«
»Natürlich, das ist ein Konflikt. Aber ich denke, verzeihen Sie, auch ans Geschäft. Wir können uns noch fünf, sechs Tage ohne Auftritt leisten, dann wird es finanziell eng. Was halten Sie von München? Ich hätte da Verbindungen.« Isadora maß in Gedanken den Abstand von Budapest nach München und nickte traurig.
Ihren Trennungsschmerz verwandelte sie in Kunst. Sie ersann eine Variante der Geschichte von Iphigenie, einen Tanz, der den Abschied vom Leben am Altar des Todes darstellt. Für eine endgültige Genesung begab sie sich mit Elizabeth ins mondäne Seebad Abbazia (Opatija) auf der Halbinsel Istrien, den ersten Kurort an der österreichischen Adriaküste. Die beiden Frauen fuhren die schmale Küstenstraße auf der Suche nach einer Unterkunft rauf und runter und erregten so die Aufmerksamkeit der Leute in dem kleinen Ort, auch die des Erzherzogs Ludwig Viktor, des jüngsten Bruders vom österreichischen Kaiser. Ludwig Viktor, ein bekennender Uranier, lud die beiden kurzerhand in seine Villa im Garten des Hotels Stephanie ein, dort konnten sie wohnen. Das wiederum löste eine nicht geringe Irritation in den aristokratischen Kreisen des Kurortes aus, die sich neugierig an die Tänzerinnen wandten – doch nicht etwa aus Interesse an der Kunst, nein, die meisten wollten herausfinden, in welchem Verhältnis die Frauen zu Ludwig Viktor standen. Die Schwestern ließen es sich gut gehen, speisten ausgiebig und gingen schwimmen, natürlich nicht in dieser Reihenfolge. »Damals führte ich ein Badekostüm ein, das bald sehr beliebt wurde, eine leichte blaue Tunika aus hauchfeinem Crêpe de Chine, mit tiefem Nackenausschnitt, dünnen Trägern, einem Rock, der eben die Knie bedeckte, die Beine nackt. Es war noch üblich, vollständig in Schwarz gekleidet mit knöchellangen Hosen und Schuhen ins Wasser zu gehen. Man kann sich vorstellen, was für ein Aufsehen ich erregte. Der Erzherzog wandelte stets mit einem Opernglas bewehrt die Promenade entlang und beobachtete uns. Gut hörbar murmelte er: ›Ach, wie schön ist diese Duncan. Ach, wie wunderschön! Diese Frühlingszeit ist nicht so schön wie sie.‹«
Jener paradiesische Flecken Erde inspirierte Isadora Duncan zu einer wiederkehrenden Stilfigur ihrer Kunst. Denn hier in dem gemäßigten Klima wuchsen Palmen direkt vor ihrem Fenster, sie konnte sie oft beobachten.
»Ich bemerkte, wie die Palmblätter sich in der Morgenbrise wiegten und kreierte ähnliche Bewegungen für meinen Tanz, etwa das Flattern der Arme, Hände und Finger. Viele meiner Nachahmerinnen haben das zu kopieren versucht, ohne dass sie überzeugen konnten. Denn sie wussten nichts von der Quelle dieser Bewegungen, dem kontemplativen Zittern der Palme, und konnten sie daher nicht innerlich empfangen, bevor sie äußerlich Gestalt annahmen.«
Grosz kabelte, er habe da eine Anfrage: »Münchner Künstlerhaus. Stop. Was meinen Sie?« Von diesem Etablissement hatte Isadora gehört, es war erst vor wenigen Jahren unter dem Motto Das Haus soll allen Künstlern Münchens ein Sammelplatz sein für Frohsinn, Rat und ernste Tat eröffnet worden – ein opulent ausgestatteter Neorenaissance-Bau, der wegen seiner ungewöhnlichen Fassade ins Auge fiel. »Dort traf sich täglich ein Kreis von Künstlern um die Meister Kaulbach, Lenbach und von Stuck, um das gute Münchner Bier zu trinken und über Philosophie und Kunst zu debattieren.« Die Duncans und Grosz fuhren im November 1902 nach München, und Isadora trat im Künstlerhaus auf. Aber das war nicht selbstverständlich, es gab im Vorfeld Widerstände gegen den Auftritt einer Tänzerin, insbesondere von Franz von Stuck. Der Jugendstilmaler fand eine leicht bekleidete, barfuß tanzende Frau unpassend in diesem Tempel der Kunst. Dabei hatte sich der Mann über Jahre mit dem Thema Tanz in Paar- und Reigentänzen sowie einzeln tanzender Frauen intensiv beschäftigt. Also glaubte er kompetent zu sein und fürchtete, Isadora würde ihn enttäuschen oder, schlimmer noch, den Kunsttempel mit vulgärem Exhibitionismus entweihen. Wenn Isadora solchen Vorbehalten begegnete, trat sie meist einen Schritt auf die Menschen zu. Eines Morgens besuchte sie also den Künstler in seiner von ihm selbst errichteten großartigen Villa in der Prinzregentenstraße, zog sich um, tanzte für ihn in ihrer Tunika und setzte ihm anschließend über Stunden »die Heiligkeit meiner Mission – die Wiedergeburt der Religion mit den Mitteln des Tanzes« auseinander. »Später erzählte von Stuck, wie er mir anvertraute, seinen Freunden gern, dass er selten in seinem Leben so überrascht gewesen sei. Es habe sich für ihn angefühlt, als sei eine Waldnymphe vom Olymp herab in sein Atelier gestiegen. Natürlich gab er seine Zustimmung.«
Isadora hatte einen Riecher für die richtigen Orte ihrer Auftritte. So tanzte sie auch im Kaim-Saal in der Maxvorstadt, wo Arthur Schnitzlers Reigen uraufgeführt wurde und die weltweit erste Eurythmie-Vorführung stattfand. Und sie sorgte auch hier für eine Sensation. »Der Erfolg war unglaublich. Besonders die Studenten gebärdeten sich wie verrückt. Nacht für Nacht spannten sie die Pferde meines Wagens aus und zogen mich durch die Straßen. Dazu schmetterten sie ihre Studentenlieder und liefen mit Fackeln neben meiner Kutsche her. Oft standen ganze Gruppen stundenlang vor meinem Hotelfenster und sangen, bis ich ihnen Blumen und Taschentücher zuwarf, um die sie sich dann balgten, weil sie sie auf ihre Kappen heften wollten.«
Isadora ließ sich von diesem Enthusiasmus anstecken, in einem Studentencafé tanzte sie tatsächlich auf den Tischen, was in der Satire-ZeitschriftSimplicissimus Erwähnung fand. Sie schrieb in ihren Memoiren: »Die jungen Leute tanzten die ganze Nacht, ein wiederkehrender Refrain war ›Isadora, Isadora, ach, wie schön das Leben ist‹. Obgleich einige nüchterne Bürger der Stadt schockiert reagierten, blieb es doch ein unschuldiger Spaß – auch wenn mir Kleid und Schal regelrecht zerrissen wurden.«
Eines Abends entdeckte Isadora bei einem Auftritt im Künstlerhaus in der ersten Reihe das Profil eines Mannes, das ihr bekannt vorkam. Diese markante Nase, die hohe Stirn und die auffälligen Augenbrauen hatte sie schon irgendwo gesehen. Es war der seinem Vater sehr ähnliche Siegfried Wagner, der da begeistert applaudierte. Isadora war begierig zu hören, was der Sohn des hochverehrten Komponisten zu erzählen hatte. Siegfried Wagner war bei Engelbert Humperdinck in die Lehre gegangen, der bald in Berlin ein wichtiger Unterstützer Isadoras werden sollte. Jetzt kam Wagner mit einem Liliengebinde zu ihr in die Garderobe und sagte:
»Miss Duncan, was Sie auf der Bühne machen, davon könnten wir auch in Bayreuth eine Menge lernen. Wären Sie bereit, für unsere Festspiele zu arbeiten?«
Isadora lächelte erst einmal nur, wie sie es meistens tat, wenn sie Zeit brauchte, um einen Entschluss zu fassen. Dann sagte sie:
»Es wäre mir eine große Ehre, bei Ihnen im Festspielhaus aufzutreten. Aber – ich kann leider nicht singen.« Beide lachten, sie verlegen, er höflich. Dann sagte er:
»Sie wissen, dass Tanzeinlagen in den Opern meines Vaters eine wichtige Funktion erfüllen?«
»Tanzeinlagen –« wiederholte Isadora gedehnt, »Das eben biete ich nicht.« Und sie erklärte Siegfried Wagner das Niveau und den Anspruch ihrer Kunst, so gut es in der Eile ging.
»Ich verstehe«, sagte Wagner, »und pflichte Ihnen bei. Es geht um mehr als um Einlagen. Beziehungsweise: Es geht um etwas ganz anderes. Um einen Appell an die Gottheit. Um eine Anrufung. Um Erhabenheit. Darum geht es uns auf dem Grünen Hügel auch. Ich bin sicher, wir werden uns einig. Ich werde meine Mutter bitten, sich an Sie zu wenden.«

Als Isadora an diesem Abend ins Hotel zurückkam, sah sie so abgekämpft aus, dass die Mutter fürchtete, ihre Kleine könne zu viel an Budapest und an die Liebe denken, und sich spontan eine attraktive Ablenkung überlegte:
»Hör mir zu, Dorita. Alexander spricht von Berlin. Er könnte da für dich die großen Soloabende organisieren, in der Kroll-Oper, verstehst du, fünftausend Plätze, und er wird es schaffen. Noch sind wir im Süden. Von hier aus ist es nicht weit nach Florenz. Was meinst du? Elizabeth wollte schon lange dorthin.« Isadora war einverstanden, und so brachen die drei Frauen ins schöne Italien auf. Für La Duncan war die Begegnung mit Florenz von besonderer Bedeutung, denn sie ging schnurstracks in die Uffizien und verliebte sich dort in ein Gemälde von Sandro Botticelli, sein Werk Primavera (= Frühling), das ihren Tänzen ein neues Leitmotiv vorgeben sollte. »Tagelang saß ich am Boden vor dem Bild; ein freundlicher alter Aufseher brachte mir schließlich einen Stuhl. Ich blieb so lange dort sitzen, bis ich die Blumen wachsen und die zarten Körper im Tanz sich wiegen sah, und in mir erwachte die freudige Gewissheit, dass ich dieses Bild tanzen und meinem Publikum die Botschaft der Liebe und des Frühlings mitteilen wollte.« Später, 1903 in Berlin, war Isadora immer noch im Banne Botticellis, und unter den Kunstfreunden in ihrem Publikum, die das berühmte Bild natürlich kannten, gab es nicht wenige, die ihr attestierten, wie eine Botticelli-Venus auf der Bühne zu schweben.
»Was Sie da sagen«, antwortete Isadora, »befriedigt mich tief. Denn Sie müssen wissen, dass ich in einem früheren Leben für Botticelli Modell gestanden habe.«
»Wie war er als Mensch denn so«, fragte ein vorwitziger Kunststudent, »der große Meister Botticelli?«
»Oh«, replizierte Isadora schlagfertig, »er erlaubte mir nach jeder Sitzung so viele der gemalten Orangen zu pflücken und zu essen, wie ich wollte, und davon habe ich heute noch meine gesunde Haut.«

Es war Frühling in Berlin, als Isadora in der Kroll-Oper, unweit des Brandenburger Tores, ihre Soli tanzte, diesmal mit großem Orchester. Sie sah nun die Stadt in einem anderen, freundlicheren Licht als bei ihrem ersten Besuch mit der Fuller-Company, vor allem, weil jetzt der Applaus ungeteilt ihr galt. Die jungen Leute im Publikum waren ähnlich enthusiastisch wie die Münchner Studenten, auch sie spannten nach den Vorstellungen die Pferde vor Isadoras Kutsche aus und zogen ihr Idol mit eigener Kraft heim ins Hotel Bristol – wo man ihr das vor Jahr und Tag eingelagerte Gepäck mit vielen Verbeugungen und Pardon-Beteuerungen zurückgab. Die Stadt sprach von ihr, man feierte sie und nannte sie in der Presse und auf den Programmzetteln »die Göttliche«. Eines Abends meldete sich der Berliner Journalist Erwin Rosen bei Isadora und lud sie zum Essen ein. Er wollte einen Artikel über sie schreiben. Noch hatte er sie nicht auf der Bühne gesehen und war voller Erwartung. Viele seiner Kollegen schwärmten von ihr – besonders von der subtilen Ausdruckskraft ihrer Arme und Hände. Rosen notierte: »Ich hatte in Münchener Zeitungen gelesen, dass ihre Tänze unter den Münchener Künstlern richtige Stürme der Begeisterung entfesselt hätten. So begab ich mich schleunigst zu ihr ins Hotel. Überschrift meines Artikels sollte sein: ›Die neue Tanzkunst‹. Ich verarbeitete da natürlich fast nur das, was die gute Duncan mir zu erzählen beliebte, aber ich gab aus Eigenem hinzu, welche Eindrücke ich empfing, als ich sie beim Essen ihres Hühnchens beobachtete. Dabei ging mir nämlich ein Licht auf. Wer so wunderschöne Hände hat und die Bewegungen dieser Hände und Arme so zu beherrschen versteht, dass das Zerlegen eines Hühnchens mit Messer und Gabel für den erstaunten Beobachter ein ästhetischer Genuss wird – der hat auch Rhythmus im Leibe und Grazie; es müsste also etwas dran sein an der neuen Tanzkunst!«
Nicht alle Kritiker und Kunstsachverständigen waren von Isadora angetan. Das Völkchen der Ballettomanen etwa verzieh der Avantgardistin ihre Schmähungen des Spitzentanzes nimmermehr und würdigte sie guten Gewissens herab. Insbesondere die Berliner waren nicht allzu galant. Schon bei Erwin Rosen spürt man einen leichten Spott, noch deutlicher machte sich der wortgewandte Kritiker Max von Boehn über die Botschafterin der neuen Tanzkunst lustig: Er nannte sie »die tanzende Gouvernante«. Und weiter: »Sie hopste auf der Bühne herum mit Arm- und Handbewegungen, als finge sie Fliegen, aber mochte zehnmal jede Nuance einer alten Vase abgesehen sein, es war zusammen doch kein Ganzes, nichts, was ein innerer Zwang beseelt hätte.« Immerhin erkannte er an: »Was sie als Tänzerin schuldig blieb, hat sie als Anregerin gut gemacht. Miss Duncan hat den Tanz wieder in seine Rechte als individuelle Kunst eingesetzt, sie hat die Bahn freigemacht für den neuen Tanzstil, der sich an der schematischen Akrobatik des Balletts nicht mehr genügen lässt.«
Wie alle Menschen, die etwas Neues bieten, hatte Isadora gelernt, Kritik achselzuckend hinzunehmen, zu ignorieren oder abzuwehren. »Mein Tanz wurde Gegenstand hitziger Debatten. Ganze Kolumnen erschienen ständig in den Zeitungen, die mich entweder als Genius einer neu entdeckten Kunstform feierten oder als Zerstörerin des klassischen Balletts beschimpften.« Es gab einen Bewunderer, der sogar eigens begründete, warum es unmöglich oder jedenfalls nicht richtig sei, Duncan zu kritisieren, und mit diesem Schriftsteller namens Karl Federn freundete Isadora sich an. Er schrieb: »Was das Ausdrucksvollste an ihr ist, ob ihre Hände, ihr Antlitz oder der vollkommene Fuß – wir wissen es nicht. Zur Kritik ihrer Tänze ist meiner Ansicht nach noch nicht die Zeit. Ihr Weg ist noch zu neu. Und das Wesentliche ihrer Tat, die Rückkehr zur individuellen Inspiration, lässt sich überhaupt nicht kritisieren.« Der Dichter, Anarchist und Vagant Peter Hille feierte Isadora so: »Ihre Kunst ist so einfach, Intuition, nicht Regeltanz; da bedarf es weiter keines Rezepts: nichts Künstliches, keine blutig getrippelten Zehen, nichts Vergewaltigtes, keine wirbelnden, lebendigen Kreisel – einfach Leben, das sich erlauscht und das Erlauschte tanzt. Deshalb wird diese Kunst auch so inbrünstig gehasst von allen Tanzmeistern und Kritikern der Welt, wie sie gelobt wird von freischöpferischen Geistern der Künstler.«
›Das Beste ist‹, dachte Isadora, ›ich stelle selbst ein für alle Mal klar, worum es mir geht.‹ Vor dem inneren Auge Botticellis Primavera mit den drei Grazien und im Kopf, in dessen cérébralen Regionen, die Ideen und Ideale ihrer Kunst, beschloss sie, alles zu Papier zu bringen, was sie an Erfahrungen, Vorstellungen und Zielen in sich hatte und mit sich trug. Dem Manuskript, das sie verfertigte und auf Einladung des Berliner Pressevereins dort zum Vortrag brachte, gab sie den Titel Der Tanz der Zukunft. Es wurde 1903 von dem renommierten Verleger Eugen Diederich in Leipzig als Buch herausgebracht, zweisprachig, auf Englisch und Deutsch.
»Der wahre Tanz sollte nun nichts anderes sein als eine natürliche Gravitation des Willens im Individuum, nicht mehr und nicht weniger als eine Übertragung der Gravitation des Weltalls in das menschliche Individuum.
Und du, o Pan, der du mitleidig und freundlich warst gegen die arme Psyche auf ihren Wanderungen, denke doch gütiger von meinen kleinen Versuchen, in deinen waldigen Lichtungen zu tanzen.
Und du, o Terpsichore, sende du mir ein wenig Trost und Stärke, dass ich deine Macht auf Erden verkünden möge mein ganzes Leben hindurch. Und nachher im schattenhaften Hades soll mein sehnsüchtiger Geist noch tanzen — bessere Tänze zu deinen Ehren.«
Übersetzt hatte den Text Karl Federn. Er schrieb dies im Vorwort: »Was Nietzsche ahnte und in künstlerisch-poetischer Erkenntnis schaute, das hat Isadora Duncan zur Tat gemacht. Wenn er sagte: ›Nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden‹ – versuchen ihre Tänze, Gleichnisse der höchsten Dinge zu sein.«
Isadora hörte oft, dass sie etwas mache, was noch nie da gewesen sei, und so war es auch. Aber es gilt zu bedenken, dass sie mit ihrer Programmatik zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts keineswegs allein stand. Ihre Vision lag vielmehr im Zug der Zeit, die sich zunehmend für Freikörperkultur, Wandern, Turnen, Nacktbaden, Naturheilmethoden und gesunde Speisen, lose Kleider aus handgewebtem Stoff, Erziehungsprinzipien nach Art des verehrten Jean-Jacques Rousseau und seiner Devise »Zurück zur Natur« begeisterte. Man sprach von Lebensreform. Die Industrialisierung hatte die Städte verschandelt und die Luft verschlechtert – die Menschen wollten raus auf waldige Höhen und frei atmen. Aber nicht nur die äußere Natur war ihnen abhandengekommen, auch die innere. Ein seelisches Gleichgewicht verstand sich nicht mehr von selbst, und kaum noch jemand verspürte sie noch, die Gravitation des Weltalls im eigenen Solarplexus. All das musste zurückgewonnen werden – wobei es nicht recht klar war, ob es je vorhanden gewesen war. Wie oft in Umbruchzeiten verklärte man die Vergangenheit und sah sie als eine Ära, in der die Menschen besser mit der Natur gelebt, sich in ihrer Haut wohler und Gott näher gefühlt hätten. Und man beschwor ihre Wiederkehr. Es gab Gurus wie in Berlin den Maler Fidus, die ein neues frisches Lebensgefühl versprachen, wenn nur die Häuser so gebaut würden, dass in alle Zimmer einmal am Tag die Sonne schiene und wenn die Menschen täglich Gymnastik machten, sich fleischlos ernährten und barfuß liefen. So also war der Boden bereitet für eine Priesterin des natürlichen Ausdrucks im Tanz, und Isadora Duncan beschritt ihn sehr selbstbewusst und äußerst anmutig. Sie zweifelte nie an ihrer Mission und dachte immer öfter daran, dass es ihr vom Schicksal auferlegt sei, eine Schule zu gründen. Sie wollte die Kinder der Welt tanzen lehren, und zwar nicht nur ein paar auserwählte, sondern die gesamte junge Generation. Unter denen, die ihr auf der Bühne so frenetisch applaudierten, müssten doch mäzenatisch gesonnene, wohlhabende Persönlichkeiten zu finden sein, die nur darauf warteten, etwas Sinnvolles mit ihrem Vermögen anzufangen. Diesen großherzigen und einsichtigen Menschen würde sie es nahelegen, ihre Schule zu sponsern. In Berlin überzeugte sie tatsächlich mehrere Damen des Adels und einige Bankiersgattinnen, dass es unter den guten Werken, die die Zeit erfordere, nur wenige gebe, die so unverzichtbar seien wie ihre Schule.

Mutter und Töchter Duncan hatten schon lange drauf gewartet, und endlich kam er: ein Brief von Raymond. Er habe in den USA keine weiteren Aufträge bekommen, und jetzt hielte ihn nichts mehr in der alten Heimat. Er sei begeistert von Isadoras großen Erfolgen und von ihren üppigen Einkünften und sei nun unterwegs zu seiner Familie. Bruder Augustin, als Schauspieler durchaus erfolgreich, wolle sich anschließen, obschon ihm die Trennung von Frau Sarah und Tochter Temple sehr schwerfalle. Aber auch er spüre, dass die Wurzeln seiner Kunst in Europa lägen und suche neue Anregung. Isadora jubelte. Es stand noch ein Postscriptum in dem Brief. Raymond hatte nämlich einen Plan. Es gehe um einen ganz neuen Aufbruch. Was er damit wohl meinte? Isadora vertraute Raymond unbedingt. Wenn er sich etwas ausdachte, steckte immer etwas Großes dahinter.
Aber erst einmal waren es die Pläne ihres Agenten, denen Isadora Folge leisten musste. Es war das Jahr 1903. Alexander Grosz hatte für den Mai Auftritte in Paris ausgehandelt, und das war ganz im Sinne der Duncans, hatten sie doch diese Stadt verlassen, ohne das ganz große Publikum gewonnen zu haben. Und jetzt würde La Duncan im Théâtre Sarah Bernhardt ihr Debut geben, in einem ersten Haus an der Place du Châtelet; Georges Bizet und Charles Gounod hatten dort ihre Opern herausgebracht, die neue Tanzkunst passte gut hinein. Das Programm beinhaltete einen Reigen zu Botticellis Primavera, Bacchus und Ariadne, drei Stücke von Chopin und zwei Tänze ohne Musik: Der Tod und das Mädchen und Pan und Echo. Doch es war wie verhext; an fast allen der zehn Abende gab es freie Plätze im Theater, der Applaus klang verhalten, es blieb bei bloßen Achtungserfolgen. »Was ist los mit den Parisern?«, fragte Isadora ihre Mutter mit Tränen in den Augen. »Sie haben mich doch in den Salons zum Küssen rumgereicht …« Immerhin nahm sie teil an einem Fest für Auguste Rodin, der zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt worden war. Sie tanzte noch einmal für den Meister, er besuchte ihre Vorstellung und pries ihre Kunst. Gleichwohl: Eine Resonanz wie die in Budapest, München oder Berlin war ausgeblieben. Enttäuscht fuhren Mutter und Tochter zurück in die preußische Hauptstadt. Dort warteten nicht nur Elizabeth, sondern auch noch Augustin und Raymond. Die Familie war wiedervereint und Isadora getröstet. Sie mieteten eine geräumige Wohnung in Charlottenburg, und Isadora absolvierte noch ein paar Auftritte im Thalia-Theater und in der Philharmonie. Als alle eines Abends um den Tisch herumsaßen, verkündete Raymond seinen Plan:
»Lasst uns auf eine Pilgerreise gehen.« Das Wort ›Pilgerreise‹ löste eine verhaltene Euphorie aus. Die Mutter fragte etwas besorgt:
»Und unser Ziel?«
»Die Quelle der Kunst: Griechenland.«
Nach dem Misserfolg in Paris war Alexander Grosz bereit, seine Tänzerin erst einmal ziehen zu lassen. Die guckte auf ihr Konto. Dort hatte es schon mal besser ausgesehen, der Abstecher nach Paris war ein Zuschussgeschäft gewesen, aber der Rest war immer noch beträchtlich, die Reise konnte angetreten werden. Isadora war jetzt 26 Jahre alt, sie hatte die halbe Welt befahren und ihr vorgetanzt. Von San Francisco aus war sie in die großen amerikanischen Städte des Nordens gefahren: Chicago, New York, Boston und hatte dort ein kleines Publikum gefunden. Sie war danach in Europa, in den Hauptstädten Englands, Frankreichs, Österreichs, Ungarns und Deutschlands aufgetreten und konnte in den meisten dieser Orte ein großes Publikum bezaubern. Dabei dachte sie oft daran, dass ihre geistige, künstlerische und spirituelle Heimat eigentlich noch woanders lag: in Griechenland eben. Von daher, aus der Antike, so war sie überzeugt, stamme letztlich alle überzeitliche Inspiration für eine hohe Kunst; insofern war es ihr aufgetragen, dieses Land kennenzulernen und vielleicht sogar zum Standort ihres künftigen Lebens und Wirkens zu erwählen. War es ein Zufall, dass sich gerade jetzt die Familie wieder zusammengefunden hatte? War es ihr und den anderen nicht bestimmt, zueinanderzustehen und beieinanderzubleiben, um aus der Gemeinsamkeit Erleuchtung zu gewinnen? Die Nähe des Clans fühlte sich warm an, und Wärme war eine Form der Energie, die Isadora für die Regsamkeit, die Geschmeidigkeit und die Grazie ihrer Glieder vor allem brauchte. Sie traf sich noch einmal, zum Abschied, mit Karl Federn, schrieb Briefe an Mary Desti, Charles Noufflard und Oscar Beregi. Dann packte sie ihre Tuniken, die Chitone und die blauen Vorhänge ein. Das Herz hüpfte ihr bei der Vorstellung, auf der Akropolis zu tanzen.

Raymond Duncan nahm es sehr ernst mit dem einfachen Leben. Er war Vegetarier, trug sommers wie winters offene Sandalen, die er selbst herzustellen gelernt hatte, außerdem schlichte Gewänder aus Wolle, die er zum Teil selbst spann, und er lehnte die Eisenbahn als roh, laut und stinkend ab. Doch Mutter und Schwestern konnten ihn überreden, von einer Reise zu Fuß, die ihm am liebsten gewesen wäre, abzusehen. Die Eisenbahn war nicht ganz zu vermeiden, doch wo immer es möglich sei, wolle man wandernd oder in Kutschen und Booten zum Lande der Verheißung vordringen. Von Venedig aus ging es über die Adria auf die griechischen Inseln zu, immer auf den Spuren des Odysseus, so weit sich diese anhand des Homer nachvollziehen ließen. Hier kam es zu ersten Enttäuschungen bezüglich der Mentalität und des Wissensstandes zeitgenössischer Griechen: die jungen Bootsführer wussten gar nichts von der Odyssee und dem Trojanischen Krieg und belächelten die ›griechischen‹ Gewänder ihrer Passagiere. Überhaupt war die Verständigung schwierig. Trotz seiner Nähe zur Antike hatte der Duncan-Clan es versäumt, Griechisch zu lernen, und unter den Bewohnern des Gelobten Landes war das Englische nicht eben verbreitet. Doch die Sprachschwierigkeiten fochten die Duncans nicht an. »Der Tanz ist elementar. Er ist die Sprache, die jeder versteht«, sagte Isadora. Als die fünf in Karvasaras (Amfilochia) an Land gingen und entzückt niederknieten, um den griechischen Boden zu küssen, sahen die Bootsmänner und die Leute am Strand einander höchst verwundert an. Man hatte ja schon manches von der anderen Seite des offenen Meeres, von Amerika, gehört, aber so verrückt hatte man sich die Einwohner dann doch nicht vorgestellt.



