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Das badische Experiment war die bewußte Durchbrechung des Bismarckschen Systems in einem wichtigen Bundesstaat. Bismarck hatte einen beispiellos sicheren Instinkt für alle Feinde seiner Schöpfung. So erkannte er die Gefahr, die für sein System in dem badischen Liberalismus lag12, obwohl zu Bismarcks Zeit noch kein Mensch an den badischen »Großblock« dachte. Die badische Entwicklung unter Wilhelm II. war zwar durchaus kein Schritt zum Sozialismus in Deutschland, aber es war ein Schlag gegen die herrschende preußische Aristokratie. Der sozialdemokratische Parteivorstand freilich mißbilligte die badische Taktik unter dem Beifall der Parteitagsmehrheiten, einschließlich der Radikalen, die beim Kampfe gegen die badischen »Disziplinbrecher« in erster Reihe standen.
Für das Kaisertum und das herrschende System in Deutschland war es ohne große Bedeutung, ob die Sozialdemokratie etwas aktiver oder passiver war. Die bloße Existenz der sozialdemokratischen Millionenorganisation war die Gefahr. Zwar in Friedenszeiten war die preußische Staatsgewalt immer noch den Sozialdemokraten bei weitem überlegen. Das zeigte sich wieder bei den Straßendemonstrationen, die von der Partei, unter dem Eindruck der russischen Revolution, zur Erzwingung der preußischen Wahlreform organisiert wurden. Die preußische Polizei hielt die Demonstranten überall in Schach. Das Militär brauchte nirgends einzugreifen, und das preußische Wahlrecht blieb das alte. Aber was sollte eines Tages werden, wenn die stolzen preußischen Garderegimenter irgendwo zwischen Metz und Verdun zerschossen wurden und wenn man dann die Arbeitermassen als Landwehrleute und Ersatzreservisten zu den Fahnen rufen mußte? In der ersten ernsten Krise, bei der die kaiserliche Regierung versagte, mußte die Macht der Gegenregierung, dem sozialdemokratischen Parteivorstand, zufallen. Und dann würden sich das linke Zentrum und die liberale Opposition von selbst den Sozialdemokraten anschließen. Bismarck hat nach 1890 immer wieder diese Entwicklung prophezeit13.
Die Regierung hätte zwei Möglichkeiten gehabt, um die Lage zu meistern. Entweder eine brutale Unterdrückung der Sozialdemokraten im Stile Bismarcks. Aber dazu hatte nach 1890 niemand den Mut. Oder eine Politik des Kompromisses, die zunächst dem Bürgertum den Anteil an der Macht erweiterte, und dann von der neuen Grundlage aus eine Verständigung mit den Arbeitern suchte. Wilhelm II. und seine Reichskanzler Caprivi, Hohenlohe und Bülow schlugen keinen der beiden Wege ein, sondern ließen einfach die Dinge laufen. Da stellte der historische Zufall in den Jahren 1906 bis 1908 noch einmal die Schicksalsfrage an das alte System Deutschlands.
Es kam im Jahre 1906 im Reichstag wegen einiger Personalfragen der Kolonialverwaltung zu einem Konflikt zwischen dem Fürsten Bülow und dem Zentrum. Damals stand an der Spitze der Kolonialverwaltung der frühere Berliner Bankdirektor Dernburg. Die Berufung eines liberalen Finanzmannes auf eine hohe Reichsstelle war als Zugeständnis an das Bürgertum empfunden worden. Darum genoß Dernburg bei seinem Streit mit dem Zentrum die Sympathien der Nationalliberalen und der Fortschrittler im Reichstag und aller bürgerlichen liberalen Kreise im Lande. Bei der ganzen Angelegenheit hatte das Zentrum nicht die Absicht, einen prinzipiellen Kampf mit der Regierung zu beginnen. An der Kritik der Kolonialverwaltung war auch Erzberger beteiligt. Aber den Hauptstoß führte der Abgeordnete Roeren, der durchaus der konservativen Führergruppe des Zentrums zuzurechnen war.
Als das Zentrum mit seinen Personalwünschen nicht durchdrang, lehnte es einen Teil der Geldforderung der Regierung für die Schutztruppe in Südwestafrika ab. Da die Sozialdemokraten sich dem Zentrum anschlossen, fand die Forderung der Regierung im Reichstag keine Mehrheit. In Südwestafrika fanden damals Kämpfe mit aufständischen Eingeborenen statt. Die Regierung erklärte, daß die Truppenstärke, die das Zentrum für Südwestafrika bewilligen wollte, zur Unterdrückung des Aufstandes nicht ausreiche. Wie kam es zu der Zuspitzung des Konflikts zwischen Bülow und dem sonst so befreundeten Zentrum?
Mit ganz unbedeutenden Zugeständnissen hätte Bülow das Zentrum befriedigen können. Aber der hohen Reichsbürokratie war selbst die geringe Bindung an das Parlament, wie sie durch die Stellung des Zentrums im Reichstag sich ergab, nicht erwünscht. So benutzte Bülow die Gelegenheit, um in einer »nationalen« Frage den Kampf mit Zentrum und Sozialdemokraten aufzunehmen. Der Reichstag wurde aufgelöst. Die konservativen Gruppen, die Nationalliberalen und die Fortschrittler vereinigten sich als »Block«, um bei den Wahlen eine Mehrheit ohne das Zentrum zustande zu bringen. Bei den Wahlen 1907 behauptete sich das Zentrum. Die Sozialdemokraten dagegen verloren die Hälfte ihrer Mandate. Die Sozialdemokraten hielten zwar ihre Stimmenzahl von 1903, aber die Gegner zogen aus den politisch Indifferenten solche Verstärkungen, daß die Sozialdemokraten zirka vierzig Mandate einbüßten. Im neuen Reichstag hatten Konservative und Liberale zusammen eine sichere Mehrheit.
Wilhelm II. und Bülow waren durch eine Verkettung günstiger Umstände zur Kartellpolitik Bismarcks von 1887 zurückgekehrt. Bülows Front war sogar noch stärker. Bismarck hatte im liberalen Lager nur die Nationalliberalen auf seiner Seite, während Bülow in seinem Block auch auf die Fortschrittler rechnen konnte. Das gesamte liberale Bürgertum hatte sich der Regierung angeschlossen, nur weil man die Berufung Dernburgs und den Bruch mit dem Zentrum für den Beginn einer neuen Periode deutscher Politik hielt. Es kam jetzt alles darauf an, diese Hoffnung des Bürgertums nicht zu enttäuschen. Aber Bülow, der kein Staatsmann, sondern nur ein geschickter Taktiker war, dachte an keine ernsthafte Umgestaltung der deutschen Verfassung. Da gab das Schicksal dem Fürsten Bülow und seinen Blockparteien noch eine beispiellose Gelegenheit, Deutschland zu reformieren.
Das Jahr 1908 brachte die »Daily-Telegraph«-Affäre14. Wilhelm II. hatte in das genannte englische Blatt ein Interview lanciert, worin er seine Freundschaft für England beteuerte. Der Artikel enthielt, neben vielen anderen Betrachtungen, die folgenden Behauptungen des Kaisers: Die deutsche Flotte werde gar nicht gegen England, sondern gegen Japan gebaut. Als während des Burenkrieges Rußland und Frankreich an Deutschland die geheime Anregung richteten, gemeinsam gegen England vorzugehen, habe Wilhelm II. diesen Vorschlag abgelehnt und die ganze Angelegenheit in einem Brief der Königin Victoria von England mitgeteilt. Ja, als die englische Armee in Südafrika in gefährlicher Lage war, habe er, zusammen mit dem deutschen Generalstab, einen Kriegsplan ausgearbeitet, wie die Buren am besten zu schlagen seien. Der Kriegsplan wäre ebenfalls nach London gegangen und entspreche ungefähr den Operationen, mit denen später Lord Roberts die Buren besiegte. So habe er, Wilhelm II., gehandelt, und dennoch gelte er als Feind Englands.
Bevor Wilhelm II. den Artikel an den »Daily Telegraph« abgehen ließ, schickte er den Text dem Fürsten Bülow mit dem Auftrag, den Artikel durchzusehen und nötigenfalls Änderungen vorzunehmen. Bülow hat, wie er später versicherte, im Drang der Geschäfte den Artikel nicht selbst gelesen, sondern dem Auswärtigen Amt zur Prüfung übersandt. Das Auswärtige Amt schlug einige kleine Änderungen vor, war aber sonst mit der Veröffentlichung einverstanden. In diesem Sinne berichtete Bülow an den Kaiser, und der Artikel erschien mit den Änderungen des Auswärtigen Amtes am 28. Oktober in London.
Es war ein starkes Stück, daß das Auswärtige Amt einer derartig blamablen Veröffentlichung keinen Widerstand entgegensetzte. Das Auswärtige Amt hat nicht einmal die phantastische Geschichte von dem angeblichen Kriegsplan des Kaisers korrigiert, obwohl es nach seinen eigenen Akten dazu imstande gewesen wäre. In Wirklichkeit besaß das Auswärtige Amt eine Abschrift der Aufzeichnung, die Wilhelm II. am 4. Februar 1900 dem Prinzen von Wales, dem späteren König Eduard VII., übersandt hatte. Das waren »22 Aphorismen über den Krieg in Transvaal« aus der Feder Wilhelms II., gänzlich harmlose allgemeine Betrachtungen über die Kriegslage, aus denen der englische Generalstab nicht den mindesten Nutzen ziehen konnte. Es ist auch keine Mitarbeit des deutschen Generalstabs an den »Aphorismen« Wilhelms II. zu erweisen. Wilhelm II. hat also 1908, um seine England-Freundschaft zu beweisen, einen groben Gedächtnisfehler begangen. Der Respekt vor einem kaiserlichen Konzept war damals im Auswärtigen Amt so groß, daß die Beamten ernsthafte Änderungen nicht wagten. Oder waren sie politisch so ahnungslos, daß sie die Tragweite der Veröffentlichung nicht ermessen konnten? Daß Fürst Bülow den Artikel ungelesen weitergab, war eine Leichtfertigkeit; denn er mußte die Eigenart seines Herrn kennen. Die ganze »Daily-Telegraph«-Affäre ist ein klassisches Beispiel für die Art, wie Deutschland unter Wilhelm II. regiert wurde.
Als das Interview veröffentlicht wurde, entstand im deutschen Volke, von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten, eine beispiellose Entrüstung über den Kaiser. Der Mann, der autokratisch die Außenpolitik Deutschlands machte, hatte ohne jeden Grund Japan provoziert. Er hatte allen Mächten die Neigung genommen, an Deutschland irgendeine vertrauliche Mitteilung zu richten, und er rühmte sich endlich, einem kleinen, mit Deutschland befreundeten Volk durch seinen famosen »Kriegsplan« in den Rücken gefallen zu sein. Es zog die schwerste Krise über die deutsche Monarchie herauf, die vor 1918 eingetreten ist. Die Reichstagsdebatte am 10. und 11. November brachte eine Einheitsfront gegen den Kaiser. Fürst Bülow wagte es nicht, den Kaiser zu verteidigen, sondern schloß sich dem Wunsche nach größerer Zurückhaltung des Herrschers an.
Am 17. November hatte Bülow eine Audienz beim Kaiser. Wilhelm II. war über den Kanzler tief erbittert und menschlich mit Recht. Denn er hatte den Unglücksartikel dem Reichskanzler zur Prüfung übersandt und erst veröffentlichen lassen, als Bülow zugestimmt hatte. Damit hatte Bülow die verfassungsmäßige Verantwortung für das »Daily-Telegraph«-Interview. Ob Bülow den Text selbst gelesen hatte oder nicht, war gleichgültig. Trotzdem wagte Wilhelm II. angesichts der Volksstimmung nicht, Bülow zu entlassen. Sondern das Resultat der Unterredung zwischen Kaiser und Kanzler vom 17. November war eine Erklärung im »Reichsanzeiger«, worin Wilhelm II. versicherte, er wolle die »Stetigkeit der Politik des Reiches unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten sichern«. Das klang wie ein Verzicht auf das persönliche Regiment.
Jetzt oder nie war die Möglichkeit einer Reform der Bismarckschen Verfassung. Die Außenpolitik des Reichs mußte in die Hand eines dem Reichstag verantwortlichen Reichsaußenministers gelegt und darüber hinaus ein kollegiales, dem Parlament verantwortliches Reichsministerium geschaffen werden. Wenn Bülow und sein Block geschlossen vorgingen, war alles zu erreichen: Der Kaiser war so im Gedränge wie nie einer seiner Vorgänger seit 1848. Aber ohne die Konservativen war damals eine Aktion zur Parlamentarisierung und zur Einschränkung der kaiserlichen Macht nicht möglich. Die Konservativen hätten sich aufraffen müssen, freiwillig einen Teil ihrer Machtpositionen an das Bürgertum abzugeben. Es hätte ein konservativ-liberales Reichsministerium und eine konservativ-liberale preußische Regierung entstehen müssen. Wäre so der Bülow-Block aus einer parlamentarischen, taktischen Kombination zu einer organischen Zusammenfassung der Hauptkräfte des Reichs geworden, so war noch in elfter Stunde der Grundfehler der Bismarckschen Verfassung zu korrigieren.
Englische Konservative haben in ähnlichen Situationen so gehandelt. Die preußischen Konservativen zeigten damals dieselbe Engherzigkeit, mit der sie gegen Bismarck gekämpft hatten. Von ihren historischen Privilegien wollten sie nichts, absolut nichts aufgeben. Der Fortbestand des Bülow-Blocks erfüllte sie mit wachsendem Unbehagen. Schon war die preußische Wahlrechtsfrage wieder aufgetaucht. Jede noch so maßvolle Änderung des preußischen Wahlrechts mußte auf Kosten der Agrarkonservativen gehen. Und wer bürgte dafür, daß die Liberalen nicht immer begehrlicher wurden, wenn sie sich als unentbehrlichen Bestandteil der Regierungsmehrheit empfanden? Die natürliche Stütze der Konservativen im Kampfe gegen die »Demokratie« und für das alte Preußen war aber trotz allem die ungeschwächte Königsmacht. So haben die Konservativen die Kritik Wilhelms II. in der »Daily-Telegraph«-Angelegenheit mit der Versicherung verbunden, daß sie eine Parlamentarisierung Deutschlands nach wie vor ablehnen15.
So verpuffte die gewaltige Volksbewegung gegen den Kaiser ergebnislos. Denn eine Umgestaltung des Bismarckschen Deutschlands auf dem Wege der Reform und Evolution war nur mit den Konservativen möglich. Lehnten die Konservativen jede Verfassungsänderung ab, so blieb nur der Weg der Revolution. 1908 waren die psychologischen und objektiven Voraussetzungen für die Revolution noch nicht da. Aber die Unvermeidlichkeit der deutschen Revolution ist in dem schicksalsschweren Jahre 1908 festgestellt worden, wenn auch damals die Mitlebenden das noch nicht klar sahen.
Die Konservativen sehnten sich aus der gefährlichen Block-Kombination wieder zu dem erprobten Bündnis mit dem Zentrum zurück. Im Zentrum hatte während der ganzen Krise die konservativ gestimmte Führergruppe die Macht behalten. Man war zwar im Wahlkampf 1907 taktisch an die Seite der Sozialdemokraten gedrängt worden. Bei Stichwahlen unterstützten sich die Oppositionsparteien gegen den Regierungsblock. Aber daraus war kein politisches Bündnis zwischen Zentrum und Sozialdemokraten geworden. Die Zentrumsführung wollte sich den Rückweg zur Regierung nicht versperren. Mit Befriedigung sah das Zentrum, wie sich Bülow sowohl mit dem Kaiser wie mit den Konservativen entzweite.
Ein unbedeutender Anlaß führte 1909 zur Sprengung des Bülow-Blocks. Die Konservativen erklärten sich gegen die Regierungsvorlage einer Erbschaftssteuer. Das Zentrum schloß sich ihnen an. Bülow blieb in der Minderheit, und der Block war zerrissen. Entscheidend für die Haltung von Konservativen und Zentrum war nicht so sehr die Abneigung der Agrarier gegen eine finanzielle Mehrbelastung, sondern maßgebend waren die allgemein politischen Erwägungen, den Bülow-Block zu zerstören. Als seine Reichstagsmehrheit gesprengt war, nahm Bülow den Abschied.
Wilhelm II. sah in dieser Entwicklung einen persönlichen Triumph16. Daß die Reichstagsmehrheit Bülow gestürzt hatte, war für den Kaiser der Beweis, daß das Parlament seine Stellungnahme in der »Daily-Telegraph« -Affäre bereue. Das Volk sei zwar vorübergehend durch Bülow getäuscht und seinem Kaiser entfremdet worden. Aber nun kehre es zum Kaiser zurück. Die Wirkung, die der Volkssturm von 1908 auf Wilhelm II. ausgeübt hatte, war damit ausgelöscht. Der Kaiser kehrte ohne Hemmung zu seinem alten persönlichen System zurück. Bülows Nachfolger wurde ein typischer Bürokrat, Bethmann-Hollweg, von dem nicht zu befürchten war, daß er jemals selbständige Gedanken haben oder die Autorität des Kaisers gefährden würde. Daß ein Bethmann-Hollweg im Juli 1914 deutscher Reichskanzler sein konnte, ist die schwerste Anklage, die sich gegen das alte System richten läßt.
Fürst Bülow erhielt durch seinen Abgang ein Ansehen, das ihm nicht zukam. Er galt nun weiten Kreisen als Vertreter einer modernen deutschen Staatsauffassung, der dem autokratischen Willen Wilhelms II. im Bunde mit dem reaktionären Agrariertum erlegen war. In Wirklichkeit war Bülow in den Kampf mit dem Zentrum aus taktischen Opportunitätsgründen, ohne jeden weiteren politischen Plan, hineingeraten. Ebenso hat Bülow die »Daily-Telegraph«-Angelegenheit selbst mitverschuldet, und nur weil er sich die Kraft nicht zutraute, im November 1908 dem Volkssturm entgegenzutreten, hat er auf den Kaiser gedrückt. Aber die Autorität, mit der Bülow sein Amt verließ, führte noch 1917 dazu, daß eine einflußreiche Strömung ihn als Reichskanzler zur Rettung Deutschlands wünschte.
Die Zerstörung des Bülow-Blocks hat im liberalen Bürgertum eine tiefe Verbitterung erregt. Man sah keine Möglichkeit mehr, die unhaltbaren politischen Verhältnisse Deutschlands zu reformieren. Im Besitze dieser Erkenntnis stieg das Bürgertum zwar nicht auf die Barrikade – das taten ja damals die Sozialdemokraten auch nicht –, aber es wuchs die Neigung der Liberalen, sich mit den Sozialdemokraten gegen das herrschende halbabsolutistische System und gegen die preußischen »Junker« zu verbünden.
Bei den Reichstagswahlen von 1912 schlossen die Sozialdemokraten und die Fortschrittler ein formelles Wahlbündnis. Die Nationalliberalen gingen wieder mit den Fortschrittlern zusammen. Die Sozialdemokraten errangen viereinviertel Millionen Stimmen und 110 Mandate. Was die Liberalen an die Sozialdemokraten verloren, glichen sie größtenteils durch Gewinne auf Kosten der Konservativen und des Zentrums wieder aus. Die veränderte Lage zeigte sich bei der Präsidentenwahl im neuen Reichstag. Das war damals keine bloße parlamentarische Formalität. Denn das Reichstagspräsidium mußte mit dem Kaiser persönlich verkehren. Bei dem Verhältnis, das damals zwischen Wilhelm II. und den Sozialdemokraten bestand, war die Wahl eines Sozialdemokraten in das Reichstagspräsidium eine persönliche Beleidigung des Kaisers.
Dennoch wurde bei der Wahl des 1. Präsidenten der Zentrumsführer Spahn nur mit knapper Mehrheit gewählt. Sein Gegenkandidat Bebel erhielt nicht nur alle fortschrittlichen, sondern auch 20 nationalliberale Stimmen. Und bei der Wahl zum 1. Vizepräsidenten kam der Sozialdemokrat Scheidemann, wieder mit Hilfe eines Teils der Nationalliberalen, durch17. Scheidemann mußte zwar ein paar Wochen später sein Amt niederlegen, weil er sich weigerte, zu Hofe zu gehen. Hätten ihn die Nationalliberalen noch weiter gestützt, so wäre das ein offenes Bekenntnis zur Republik gewesen. So weit war die Entwicklung noch nicht. Aber welche Wandlung hatte sich seit 1890 vollzogen! Wie mußte das deutsche Bürgertum gestimmt sein, wenn sich loyale, patriotische, von der Industrie gewählte Nationalliberale nicht anders helfen konnten, als daß sie für Bebel und Scheidemann eintraten! Aber Wilhelm II., Bethmann-Hollweg und der herrschende preußische Adel wollten von dem, was in Deutschland vor sich ging, nichts sehen und hören. Da kam im Winter 1913/14 eine neue Krise: Eine an sich unbedeutende Angelegenheit wuchs sich zu einem erbitterten Konflikt zwischen der herrschenden Gruppe und dem ganzen übrigen deutschen Volke aus.
In der kleinen elsässischen Garnisonstadt Zabern war es zu Reibungen zwischen der Bevölkerung und einigen jungen Offizieren gekommen. Es folgten Straßenkundgebungen gegen das Militär. Der Oberst des in Zabern liegenden Regiments, von Reuter, war der Meinung, daß die Zivilbehörde seine Untergebenen nicht schütze. Deshalb ließ er einige Dutzend Demonstranten durch Soldaten festnehmen und eine Nacht im Kasernenkeller festhalten. Das war ohne Zweifel ein schwerer Übergriff des Obersten, weil das Militär auf keinen Fall befugt war, Zivilpersonen in Haft zu halten. Der Oberst konnte indessen zu seiner Entschuldigung anführen, daß er in einem Notstand und in gutem Glauben gehandelt habe.
Unter anderen politischen Verhältnissen wären die Zaberner Vorfälle nur als bedauerliches Lokalereignis betrachtet worden. Aber in der politischen Hochspannung von 1913 erregten die Meldungen aus Zabern das deutsche Volk aufs tiefste. Die Massen fühlten sich schutz- und rechtlos gegenüber der Willkür der militärischen Aristokratie. Die Zaberner Gegend ist zufällig der einzige Bezirk Elsaß-Lothringens mit protestantischer Mehrheit. Dort hatte sich die reichstreue Gesinnung in Elsaß-Lothringen zuerst durchgesetzt. Lange Jahre war der Zaberner Wahlkreis, allein im Elsaß, durch einen konservativen Abgeordneten vertreten. Trotzdem hatte die Zaberner Bevölkerung sich eine solche Behandlung gefallen lassen müssen.
Im Reichstag wurde das Militär vom Kriegsminister von Falkenhayn schroff und scharf, vom Reichskanzler von Bethmann-Hollweg in seiner üblichen hilflosen Art verteidigt. Das Haus geriet in eine Erregung gegen das Offizierskorps, die in der ganzen Geschichte des deutschen Reichstags noch nicht dagewesen war. Der Verurteilung der Zaberner Vorfälle durch Sozialdemokraten und Liberale schloß sich das Zentrum an. Die wirksamste Rede gegen das herrschende Militärsystem hielt damals der badische Zentrumsabgeordnete Fehrenbach. Die Konservativen waren völlig isoliert. Mit 293 gegen 54 Stimmen bei 4 Enthaltungen stellte der Reichstag am 4. Dezember 1913 fest, daß er die Haltung der Regierung in der Zabern-Affäre mißbillige.
Die wichtigste politische Lehre aus der Zabern-Angelegenheit war, daß auch die vorsichtige Zentrumsführung mitgerissen wurde, wenn eine große oppositionelle Massenbewegung einsetzte. In wirklich ernsten Situationen hatten die preußischen Konservativen und das herrschende preußische System am Zentrum keine Stütze. Wilhelm II. und Bethmann-Hollweg faßten, ebenso wie das Offizierskorps, den Zabern-Streit als Prestigefrage des herrschenden Systems auf. Das Militär behielt auf der ganzen Linie recht. Oberst von Reuter wurde am 10. Januar 1914 vom Kriegsgericht Straßburg freigesprochen. Die große Mehrheit des Volkes und des Parlaments mußte sich damit abfinden. Ein halbes Jahr später brach der Weltkrieg aus.
Der Krieg überraschte das deutsche Volk in einer innenpolitisch unhaltbaren und untragbaren Situation. Von 1908 bis 1914 hatte sich der Gegensatz zwischen der regierenden Aristokratie und den Massen des Volkes immer mehr zugespitzt. Ereignisse wie die »Daily-Telegraph«-Affäre, die Wahlen von 1912 und der Zabern-Streit bedeuteten zwar noch keine Revolution, aber es waren die typischen Vorgänge einer vorrevolutionären Epoche. Wäre 1914 der Krieg nicht ausgebrochen, so hätten sich die Konflikte zwischen der kaiserlichen Regierung und der großen Mehrheit des deutschen Volkes immer mehr gesteigert, bis zu einer direkt revolutionären Lage. So hat der Kriegsausbruch zunächst die innerpolitische Kluft überbrückt, aber nicht beseitigt. Je länger der Krieg dauerte und je schwieriger er wurde, um so stärker durchbrachen die vorhandenen Gegensätze die Hülle des »Burgfriedens«, bis dann Krieg und Revolution eins wurden.
Bismarck war der Ansicht, daß das Hohenzollern-Kaisertum trotz aller Schwierigkeiten seine innerpolitischen Gegner niederhalten könne, wenn nur der Frieden erhalten blieb. Wilhelm II. war ebenfalls bemüht, den Frieden zu bewahren. Hatte er um 1890 den russisch-französischen Krieg als unvermeidlich angesehen, so neigte er später immer mehr zur Überzeugung, daß es gelingen werde, den Frieden zu erhalten. Aber um den Frieden zu verteidigen, dazu genügt nicht die friedliche Gesinnung, sondern dazu ist vor allem eine entsprechende geschickte Politik erforderlich. Wilhelm II., seine Reichskanzler von Caprivi bis Bethmann-Hollweg und seine nähere Umgebung haben niemals den Krieg gewollt. Aber sie haben durch ungeheure Fehler Deutschland in die Situation hineinmanövriert, die zum Juli 1914 führte.
Innen- und Außenpolitik eines Staates sind voneinander nie zu trennen. Denn beide sind gleichmäßig der Ausdruck der im Staate herrschenden gesellschaftlichen Kräfte. Das innerpolitische Kräfteverhältnis Deutschlands legte die entscheidende Macht in die Hand des Kaisers, auch wenn er zur Diplomatie so wenig befähigt war wie Wilhelm II. Das Planlose und Sprunghafte seines Wesens erregte überall Mißtrauen. Die ausländischen Mächte zweifelten daran, daß es überhaupt möglich sei, mit Deutschland unter Wilhelm II. stabile Politik zu treiben. So wurde das Vertrauen zur deutschen Politik im Ausland, das Wilhelm I. und Bismarck geschaffen hatten, zerstört. Die Neigung Wilhelms II. zu pathetischen und drohenden Worten verstärkte das Mißtrauen, obwohl auf die starken Reden keinerlei Taten folgten.
Wilhelm II. hat sich redlich bemüht, die Beziehungen Deutschlands zu Rußland und zu England zu bessern, und auch gegen Frankreich hatte er keine feindlichen Absichten. Gelegentliche kaiserliche Kraftausdrücke in den berühmten Randbemerkungen zu den Akten darf man nicht zu ernst nehmen. Trotzdem hat Wilhelm II. für Deutschland keine stabile politische Situation schaffen können. Auf Grund der bestehenden Reichsverfassung war aber die Führung der Außenpolitik, außer durch eine Revolution, dem Kaiser nicht zu entreißen!
Die preußische Aristokratie hatte an sich gar keinen Grund zu einer imperialistischen, kriegerischen Politik. Denn der ostpreußische Gutsbesitzer trieb keinen Handel mit China und besaß keine Bergwerke in Marokko. Der tiefste Grund der außenpolitischen Schwierigkeiten Deutschlands war vielmehr die wirtschaftliche Expansionskraft des deutschen Bürgertums und die dadurch erzeugten Verstimmungen der Konkurrenten, vor allem in England. Aber hätte Deutschland eine rein bürgerliche Regierung gehabt, so wie England oder Amerika, so hätte das Bürgertum selbst planmäßig seine Expansion organisiert. Das Bürgertum hätte selbst die Verantwortung für seine politischen Interessen tragen müssen. Es hätte sich überlegt, was erreichbar war und was nicht. Es hätte seine Kräfte nicht zersplittert und sich nicht an allen Enden der Welt zugleich Feinde erweckt.




