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„Wohl ein Fan, was? Oder gar vom großen CSO eingeschleust, um zu schauen, was wir quatschen?“ Sie starrt auf meinen Badge. Offenbar ist auch sie kurzsichtig. „ECCO. Noch nie gehört.“
„Die war beim Magazin“, antwortet mein Kollege vom Blatt. „Da hast du noch nicht einmal deinen Namen schreiben können.“
Danke für die Unterstützung. Mira, das Fossil.
„Aber dass sein Vater Mega-Schwierigkeiten hat, ist euch Sport-Gläubigen nicht entgangen, oder?“
Ich lächle süffisant. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hätte ich mich doch intensiver vorbereiten sollen.
„Du meinst, wegen dieser Offshore-Sache?“, sagt der vom Blatt lässig und nimmt einen großen Schluck Gin Tonic.
„Wenn die ihm nicht unter die Arme greifen, kann er sich die nächste Saison in die Haare schmieren. Tennistourneen sind teuer.“ Die lila Nachwuchskraft hat augenscheinlich Freude daran, alles schlechtzumachen.
„Die …“, ergänze ich gedankenvoll.
„Na, das neue Sportkonsortium. Samt CSO Kaiser. Die haben Kohle hoch siebzig. Sind ja auch teilweise staatlich. Und die gesamte Branche zahlt mit. Man ist abhängig von Genehmigungen, von der Zuteilung der Sportevents, von Werbepackages. Ich finde diesen Kaiser übrigens mehr als dubios.“
„Irgendjemand muss die Arbeit machen“, murmelt der vom Blatt.
„Na ja, das wirkliche Sagen haben ohnehin andere. Die Wirtschaft. Die dahinter.“
Ich sehe mein lila Visavis mit freundlichem Spott an. „Wie immer. Die Welt ist verschworen.“
„Prost“, unterstützt mich der vom Blatt.
Blutwurst mit Kaisergranaten und Maschanzker-Essig-Reduktion. Gibt es immer noch welche, die glauben, eine Kombination von Innereien und Meeresfrüchten sei kreativ? Wird seit gut zwanzig, dreißig Jahren gemacht. Und funktioniert selten. Unser Starkoch hat die Vorspeise selbst kommentiert: „das Beste aus Österreich und dem Rest der Welt“. Hängt er nicht gerade vor dem Mikrofon, ist er am Smartphone. „Gekocht hat der nicht selbst“, sagt mein Kollege vom Blatt.
„Tut er sonst auch nicht“, erkläre ich ihm. „Geht sich bei seinen vielen Lokalen schwer aus. Wenn er sich an den Herd stellt, dann geht es um PR.“
„Kein Wunder, dass er sich mit Kaiser so gut versteht.“
„Blutwurst? Ich kotz mich gleich an“, wirft die Dürre in Lila ein. Inzwischen hab ich ihr Schild entziffert. Sie arbeitet für einen Blog. So etwas ist jetzt angeblich ganz wichtig. Kathi Richter.
„Kaisergranaten? Ihr Österreicher seid schon lustig, noch immer auf dem Kaisertrip … Ich dachte, das wäre etwas zum Schießen“, kommt es von der Berliner Abendzeitung.
„Das sind diese Garnelen da auf dem Teller“, lässt der vom Blatt weltläufig wissen.
Ich grinse ihm zu. „Auch wenn es eigentlich Scampi sind.“
„Na und? Ich bin ja kein Gastrokritiker.“
„Ich bin überhaupt Vegetarierin“, ergänzt Kathi Richter und sieht sich um, als müsste sie das gegen alle verteidigen, wenn nötig, auch mit Kaisergranaten.
„Passt schon“, sage ich gutmütig. Soll doch bitte jede essen, was sie will. Eine einfache Übung in Toleranz. Ich sehe hinüber zum Ehrentisch. Er ist zu weit entfernt, als dass ich Details erkennen oder gar Gesprächsfetzen aufschnappen könnte. Aber es wirkt, als wären alle mit der Vorspeise einverstanden. Auch Danielas Eltern. Die Außenministerin wirkt bäuerlicher als Mutter Sagerer. Vielleicht ist das Brokat-Dirndl daran schuld. Zu viele Rüschen, zu viel altrosa Gepluster. Ich muss an einen rustikalen Lampenschirm denken.
Ich verstricke mich in ein Gespräch über Doping im Radsport und Skilanglauf. Nicht gerade mein Spezialgebiet, auch wenn einschlägige Skandale die heile österreichische Sportwelt immer wieder beuteln. Die Pharmaindustrie teste neue Wirkstoffe am liebsten an Todkranken und an Spitzensportlern, hat mir ein Genetiker vor Jahren erzählt. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das glauben will. Wobei schon interessant ist, dass Sportler und Trainer wegen Dopings verurteilt werden, Pharmafirmen aber nie. Ich sehe auf die Uhr. Material für eine nette Geschichte habe ich mehr als genug. Und wie die Feier weitergeht, kann ich mir vorstellen. Essen, tanzen, immer wieder schauen, wie spät es schon ist, trinken, tanzen, noch mehr trinken. Von den traditionellen Hochzeitsbräuchen hat man abgesehen, das wissen wir schon aus dem Presse-Briefing. Weil man „exklusive Kleingruppenbildung“ verhindern möchte, hat Sportmanager Kaiser erklärt. Weil man so etwas nie ganz unter Kontrolle hat, ist meine Erklärung. Die meisten der Bräuche sind ohnehin eher lähmend.
Der Platz neben Daniela ist bereits seit einiger Zeit leer. Ich sollte zu ihr gehen und mich verabschieden. Das gebietet die Höflichkeit. Und vielleicht bekomme ich so noch die eine oder andere Zeile für meine Hochzeitsgeschichte. Hoffentlich ist ihrem Daniel nicht schlecht geworden. Zu viel Blutwurst auf zu viel Aufregung … Sie jedenfalls scheint das gut vertragen zu haben. Und so groß war die Portion ohnehin nicht. Mein Kochfreund Manninger hätte die Blutwurst selbst gemacht und mit Chili und Kokos gewürzt, dann hätte sie besser zu den Scampi gepasst. Und jedenfalls interessanter geschmeckt. Aber wie hat mein Kollege so richtig gesagt? Wir sind ja nicht als Gastrokritiker hier. Ich stehe auf und winke unverbindlich in die Runde. Keine Lust, dass mich jemand zu Daniela begleitet.
Jetzt ist auch sie aufgestanden. Offenbar gibt’s ein wenig Aufregung am Ehrentisch. Vielleicht ist ihm wirklich schlecht geworden? Sein Vater scheint auch schon länger nicht mehr da zu sein. Ihre Mutter beugt sich zu ihr, sie schüttelt energisch den Kopf. Ich nähere mich langsam.
„Was heißt, er geht nicht dran?“, höre ich sie fragen.
„Keine Ahnung, aber ich hab ein ungutes …“
Griff auf meine Schulter. „Sie suchen die Toilette?“
Ich sehe CSO Kaiser ins Gesicht. „Machen Sie hier alles? Auch den Guide zu den Klos?“
„Dort drüben!“ Er deutet in die dem Ehrentisch entgegengesetzte Richtung.
„Ich wollte mich von der Braut … der jungen Ehefrau verabschieden.“
„Ich werde es ausrichten.“
„Ich dachte, wir hätten die Möglichkeit, uns ganz frei zu bewegen.“
„Sind Sie angeleint?“
„Ja dann …“ Ich mache mich von ihm los und gehe Richtung Ehrentisch.
Jetzt ist der Griff auf meine Schulter schon fester. „Haben Sie das notwendig? Zu stören?“
„Wir kennen uns.“
„Da hat sie mir etwas anderes gesagt.“
Mutter und Vater Sagerer, Daniela. Jetzt stehen alle drei und flüstern aufeinander ein. Vielleicht geht es um ein ungeplantes Spiel. Man hat den Bräutigam entführt. Warum muss es immer die Braut sein? Nur weil es üblich ist? Schon möglich, dass einige dem Kontrollwahn von Kaiser ein Schnippchen schlagen wollten. Das erklärt auch seine unentspannte Reaktion mir gegenüber.
„Die haben den Bräutigam entführt, was?“
„Das … ist absurd! Wehe, Sie schreiben so etwas. Er hat frische Luft gebraucht, mehr ist da nicht. Er ist Sportler. Nicht gewohnt, so lange zu …“
„Ich habe vom Hochzeitsbrauch gesprochen.“
Er starrt mich an. „Ich auch. Natürlich.“
„Wie lange ist er schon weg?“
„Glauben Sie, ich habe auf die Uhr gesehen?“
„Sie haben doch alles im Griff. Sonst.“
Ich sehe, dass auf seiner Unterlippe kleine Schweißperlen stehen. So warm ist sein Designersakko gar nicht. „Spotten Sie nur. Sie alle können feiern. Oder lästern. Ich arbeite. Ich habe einen Auftrag. Im Interesse unseres Brautpaares.“
„Fürs heilige Image. Österreichs heile Welt.“
„Und? Ist Ihnen klar, wie viele das gerne hätten? Wie schwierig es ist, in unserem Zeitalter der Bilder- und Nachrichtenflut durchzudringen? Mit den richtigen Messages zum richtigen Zeitpunkt? Die Aufmerksamkeit zu bekommen? Global gedacht? Warum, glauben Sie, kommen die Touristen? Warum kauft wer welche Sportartikel? Die Branche braucht jede Unterstützung, die sie kriegen kann, ich sage nur: Corona. Und dann noch der absurd warme Winter.“
„Schon mal was von Klimakrise gehört?“
Kaiser versucht mich weiterhin anzusehen und gleichzeitig mitzubekommen, was am Ehrentisch los ist. Seine Gesichtszüge entgleiten ins Absurde, er schielt, sein Mund verzieht sich.
„Geht’s Ihnen gut?“, frage ich jetzt doch einigermaßen besorgt. Vielleicht war etwas im Essen. Daniel ist der Erste, der es gespürt hat, und liegt jetzt röchelnd unter einem Weinstock.
Kaiser fokussiert wieder auf mich. „Ich glaube, Ihre Kollegin winkt. Sie sollten …“
Schwacher Versuch. Ich mache noch zwei Schritte Richtung Ehrentisch.
„Klimakrise? Sie sind also eine Jüngerin der heiligen Greta? Sind Sie dafür nicht …“
Ich will schon auffahren, als mir klar wird: Der will mich provozieren, in ein Gespräch verwickeln, Hauptsache, ich komme nicht zu Daniela. Allerdings. Alle Schäfchen kann auch der beste Hütehund nicht immer unter Kontrolle haben.
„Sorry, jetzt muss ich wirklich auf die Toilette. Dort drüben, haben Sie gesagt?“ Ich deute brav in die dem Ehrentisch entgegengesetzte Richtung.
„Vergessen Sie nicht, was im Vertrag steht“, gibt er mir mit.
Ich habe ihn noch immer nicht gelesen. Dafür habe ich gesehen, in welche Richtung Danielas Mutter gegangen ist. Ich bin keine Paparazza. Aber ich habe meinen journalistischen Ehrgeiz.
Frau Sagerer trägt ein schlicht geschnittenes beiges Kostüm, das ihr ausgesprochen gut steht. Sie ist schlank und mittelgroß, ihr Gesicht hat eine gesunde Bräune, die ebenso mit Urlaub im Warmen wie mit Arbeit im Freien zu tun haben kann.
„Daniels Freunde haben ihn entführt“, sage ich und lächle sie an.
Frau Sagerer runzelt die Stirn. „Sie meinen, sein Team?“
„Ja … sozusagen.“
„Sein Freund konnte nicht kommen, leider. Er hat im letzten Moment abgesagt. Weil seine Lieblingstante schwer krank geworden ist.“
„Sein Team eben.“
„Ich weiß nicht … Ich sollte nicht mit Ihnen reden.“ Sie starrt auf mein Namensschild.
„Wir sind eingeladen, aber doch irgendwie anders“, lächle ich weiter. „Kaiser will alles kontrollieren, nicht wahr?“
Danielas Mutter lächelt zurück. „Sagen Sie es nicht weiter, aber der Mann ist eine Pest. Ich bin so etwas nicht gewohnt. Ich bin echt froh, wenn es vorbei ist. Leider. – Und Sie werden das nicht schreiben, oder?“
„Werde ich nicht. Eine meiner besten Freundinnen ist übrigens Weinbäuerin.“
„Oh, Sie kennen die Familie hier?“
„Nein, Eva Berthold. Im Weinviertel. Noch ein richtiger Familienbetrieb. Nichts derart Großes.“
„Evelin Sagerer.“
Sie streckt mir die Hand entgegen.
„Mira Valensky. Und ich will Sie wirklich nicht aushorchen. Ich bin keine Gesellschaftsreporterin, auch keine Sportreporterin.“
„Was machen Sie dann hier?“
„Na ja. Frage ich mich auch. Ich arbeite für ein Onlinemagazin, üblicherweise schreibe ich gesellschaftspolitische Reportagen. Aber die Chefredakteurin ist auch eine Freundin. Und ich hab ihr versprochen, über diese Hochzeit eine nette Geschichte zu machen. Weil so etwas von sehr vielen Menschen gerne gelesen wird.“
„Hoffentlich“, seufzt Evelin Sagerer.
„Ich dachte, es gibt bei dieser Hochzeit keine verkauften Rechte?“
„Nein, aber die Betreuer sagen, was auch Kaiser sagt. Wenn die Hochzeit gut rüberkommt, haben wir viele Vorteile. Zum Beispiel was die nächsten Werbeverträge von Daniela angeht. Gar nicht zu reden von den Balajs.“
„Was ist mit ihnen?“
„Das kann ich nicht sagen, muss sozusagen in der Familie bleiben. Aber es ist wichtig für sie, dass alles gut läuft.“
„Und jetzt ist Daniel weg.“
Sie schüttelt den Kopf. „Ihm wird alles zu viel geworden sein. Er … Sogar Daniela ist vor der Hochzeit davongelaufen. Und sie hat wirklich super Nerven.“
„Ich hab sie im Weingarten getroffen, per Zufall. Er ist … davongelaufen, meinen Sie?“
„Das mit dem Bräutigamentführen ist Unsinn. Sein Team macht ganz genau das, was Kaiser geplant hat. Und auch er … Er ist ein netter Kerl.“
„Wie gut kennen Sie ihn?“
„Kein Kommentar.“
„Nicht gut.“
Evelin Sagerer seufzt. „Nicht trifft es besser. Er war einmal bei uns. Wirklich nett, wenn auch ein wenig gestresst. Sein Vater war mit. Der ist immer mit. Ich halte so etwas für schwierig. Wir freuen uns für Daniela und wir haben sie immer unterstützt, auch wenn das am Anfang gar nicht leicht war. Aber wir wären nie auf die Idee gekommen, immer an ihr dranzukleben …“
„Sein Vater weiß auch nicht, wo er steckt?“
„Er sucht ihn, glaube ich. Oder sie reden irgendwo, das wäre gut. Ein Gespräch zwischen den beiden. Ich muss jetzt aufs Klo. Und Sie dürfen nichts schreiben, was ich gesagt habe. Auch wenn es bloß für so ein Onlinedings ist.“
Kreisendes Blaulicht. Keine Sirene. Menschen, die, von zwei Scheinwerfern beleuchtet, zwischen Licht und Nacht, Weinstöcken und einem großen Baum planlos herumzueilen scheinen. Natürlich ist Kaiser dabei. Er rudert mit den Armen. Sein Smartphone wird noch hügelabwärts fallen. Unter dem Baum liegt Daniel. Man hat eine karierte Decke über ihn gebreitet. Das festlich erleuchtete Schloss hebt sich vom Nachthimmel ab. Das alles kann nicht real sein. Mehr Menschen kommen in unsere Richtung, vom Schloss her, eine Karawane. Vater Balaj brüllt auf einen Polizeibeamten ein. Ich verstehe trotzdem nichts. Ich weiß nur: Sein Sohn ist tot. Erschossen. Unter dem großen Baum, der zwischen den Rebzeilen steht.
Nach meinem Gespräch mit Evelin Sagerer war ich unschlüssig, was ich tun soll. Zu meinem Tisch wollte ich nicht mehr zurück. Aber wie geplant fahren, obwohl Daniel verschwunden ist? Immerhin bin ich Journalistin. Und worüber ich schreibe, kann ich später entscheiden. Aber mich in Familienangelegenheiten einmischen? Hab ich das nicht längst getan, indem ich über diese Hochzeit berichte? War sie je eine Familienangelegenheit? Die ultimative Show, das schon eher. Ich bin am Vorplatz zum Schloss gestanden, als ich das Blaulicht gesehen habe. Und ich bin hin. Vesna hätte mir sonst gekündigt. Als Putzfrau und als Freundin. Kaiser war bereits da. Daniels Vater auch. Dazu ein paar vom Team.
Die bis ins kleinste geplante Traumhochzeit ist wohl geplatzt. Es hat jemanden gegeben, der sich nicht ans Drehbuch gehalten hat. Wir stehen im Vorzeigeweingarten, tief unter uns fließt die Donau, es glänzen die Lichter der Wachauer Dörfer, das Schloss strahlt vor sich hin und einer der Hauptdarsteller ist tot. Die Gruppe, die vom Schloss her kommt, bewegt sich schnell. Drängelei, Gerenne. Wer ist zuerst am Schauplatz? Wer kriegt die besten Bilder? Wer kann am meisten erzählen? Und wieder geht es um Aufmerksamkeit, um diese paar Sekunden Öffentlichkeit. Für Ego, Geld und … Stopp, Mira. Denk an Daniela. Wie fürchterlich.
Sirenen. Ein, zwei, drei Polizeiwagen biegen um die Kurve, halten nahe beim Baum. Knallende Türen, Befehle, die sich mit dieser Kulisse zu etwas noch immer völlig Unwirklichem mischen. „Alle zurück, treten Sie zurück! Gehen Sie zurück, da gibt es nichts zu sehen!“ Energische Stimme durch ein Megafon.
„Wenn Sie den Tatort nicht verlassen, machen Sie sich strafbar!“
Ich sehe, wie sich eine Gestalt aus der langsamer gewordenen Gruppe löst. Ophelia, Desdemona, griechische Tragödiengestalt im wehenden weißen Kleid, bloßfüßig. – Hat Kaiser das inszeniert? Absurd, wie kannst du so etwas denken. Ihre Mutter läuft hinter ihr drein, auch sie hat die hohen Schuhe ausgezogen. Knapp vor dem Baum bleibt Daniela stehen. Sie starrt auf die Gestalt unter der Decke. Ihre Mutter legt ihr den Arm um die Schulter. Sie stehen und schauen.
Es ist gerade erst Mitternacht. Wir sitzen im Salon, in dem auch das Presse-Briefing vor der Hochzeit war. Ich bin mir sicher, nicht nur ich habe das Gefühl, dass Tage dazwischenliegen. Tage ohne Schlaf. Mir ist kalt. Das Licht im Raum ist unbarmherzig hell. Die Stuckverzierungen der Rokoko-Decke haben Sprünge, unsere Gesichter sind grau.
Neben dem Polizeidirektor steht Kaiser. Er hat tiefe Ringe unter den Augen. „Es wird volle Transparenz geben. Die Familie arbeitet eng mit den Behörden zusammen, damit dieses … einzigartige Verbrechen rasch aufgeklärt wird. Sie können auch in der Medienberichterstattung auf meine totale Kooperation zählen. Je schneller wir …“
Ein Kameraverbot haben sie trotzdem verhängt. Für den Moment. Meine Kollegen wirken erschöpft. Und auf eine seltsame Art überrascht, oder eher gekränkt, enttäuscht. So, als hätte man ihnen die Geburtstagstorte im letzten Moment weggenommen und ins Gesicht geworfen. Ich habe meinen ersten Bericht bereits durchgegeben, Sam einfach am Telefon erzählt, was ich weiß. Sie schreibt es zusammen und stellt es ins Netz. Während der Vorspeise erhält Daniel Balaj einen Anruf. Er flüstert Daniela zu, dass er gleich wiederkommt. Sie meint, er habe nicht besonders aufgeregt gewirkt. Er kommt nicht wieder. Sein Vater macht sich auf, ihn zu suchen. Gefunden wird er schließlich von einem slowakischen Arbeiter, der sich im Weingarten mit einer Freundin treffen wollte. Er sieht, dass Daniel Balaj tot ist. Ruft die Polizei. Die Tatwaffe hat man neben dem Toten gefunden. Es handelt sich um eine Smith & Wesson .44 Magnum. Der Schuss wurde aus ganz geringer Nähe auf seinen Kopf abgegeben.
Nun ist der Polizeidirektor dabei, uns das Prozedere zu erklären. Wann wer was darf, wann was passieren wird, und, vor allem, dass wir besser heimfahren sollten. Nachdem wir befragt worden sind. Wie alle anderen Hochzeitsgäste auch.
„Im Moment geht es auch darum, Personen und … Dinge auszuschließen“, erklärt er.
„Selbstmord?“, ruft eine Kollegin nach vorne.
„Selbstmord ist absurd“, antwortet Kaiser anstelle des Polizeichefs. „Er stand auf dem Gipfel des Erfolgs. Er hat gerade geheiratet. Besser konnte es gar nicht laufen für ihn.“
„Wir können nichts ausschließen im Moment“, widerspricht der Polizeidirektor.
„Ich versichere Ihnen, es wird nichts vertuscht. Es wird volle Transparenz …“
Der Polizeidirektor sieht Kaiser stirnrunzelnd an. „Sie werden mir nicht unterstellen …“
„Nein. Natürlich nicht. Wir sind alle … in einer Ausnahmesituation. Ich bin überzeugt, dass die Polizeibehörden optimal mit uns kooperieren werden.“
„Sie mit uns“, präzisiert der Polizeichef.
„Wechselseitig. Ich möchte nur noch einmal allen anwesenden Medienvertretern versichern, dass ich Sie bei allem unterstütze, das der Aufklärung dieses … wie gesagt einmaligen Verbrechens dient. Das ist nicht nur ein feiger Mord, es ist ein Anschlag auf Österreich!“
Interessanterweise verwendet unser Kanzler einige Stunden später bei einer mehr oder weniger spontanen Trauerkundgebung genau diese Worte: „Es ist ein feiger Mord, es ist ein Anschlag auf ganz Österreich!“ Vor einem großen schmiedeeisernen Tor an der Donauuferstraße haben inzwischen hunderte Menschen Blumen, manche auch Tennisschläger niedergelegt. Allerdings sind die ersten Trauernden einem Irrtum aufgesessen. Das Tor gehört nicht zum Weingut, in dem Daniel ums Leben gekommen ist. Aber jetzt ist an der Trauerstätte nichts mehr zu ändern. Und schließlich sei es ja auch egal, wo getrauert werde, hat Kaiser wissen lassen. Ihm habe ich einige interessante Hinweise zu verdanken. Offenbar ist er wirklich bemüht, dass der Fall so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Vielleicht traut er es uns Medienleuten eher zu als den Polizeibehörden. Sein Kalkül ist wohl einfach: Je schneller alles geklärt ist, desto schneller ist alles vergessen. Und desto schneller kann er sich wieder um positive Aufmerksamkeit für den österreichischen Sport und vieles, was damit zusammenhängt, kümmern.
Die Herkunft der Waffe kennt man inzwischen. Sie ist auf den Besitzer des Weinguts zugelassen. Sie ist registriert, er verwendet sie zur Nachsuche. Das sei üblich, wenn man Wildschweine jage. Um ihm und auch uns „unnötige Anstrengungen zu ersparen“, hat Kaiser zu einem Pressegespräch vor das Winzerhaus geladen. Titel der Ankündigung via WhatsApp: „Mord bei Traumhochzeit“. Zwanzig, dreißig Kamerateams sind es sicher, die sich auf dem eigens errichteten Podest positioniert haben. So, dass im Hintergrund die steilen Weinhänge zu sehen sind. Geschickte Kameraleute können bis zur Donau hinunterblenden. Letztlich hätte jeder die Waffe nehmen können, erklärt der Hausherr. Er werde die Konsequenzen für seine Verantwortungslosigkeit tragen, aber es sei einfach ein „ziemliches Durcheinander“ gewesen. Man habe „dem Team“ das gesamte Haus zur Verfügung gestellt. Was er denn mit „dem Team“ meine, fragt einer meiner Kollegen. „Den Hochzeitern … und ihrer Begleitung …“
„Dass ein Außenstehender die Waffe genommen hat, ist damit auszuschließen“, stellt ein Fernsehreporter fest.
„Ist es leider nicht. Sie war in einem Schrank, wie es sich gehört, versperrt. Aber dann … Man hat Fotos gemacht, und ich habe mich daran erinnert, dass im Schrank eine alte Schießscheibe mit einem Herz ist, die habe ich für ein Foto herausgeholt. Der Schrank … er ist wohl offen geblieben und keiner kann sagen, wer ein und aus gegangen ist. Der Schrank steht im Nebenhaus, da war keine Security …“
„Wir hatten keine Security“, fährt Kaiser dazwischen.
„Nein … ich meine …“
„Da geht es jetzt nicht ums Image“, rufe ich nach vorne.
„Jeder hätte die Waffe nehmen können“, sagt der CSO mit festem Blick in meine Richtung.
„Er hat sie sogar selbst …“, fährt der Winzer fort, verstummt und sieht Kaiser an.
„Reden Sie weiter, es gibt nichts zu verbergen.“
„Er … Daniel hat sie gesehen und hat gesagt, mit so einem Revolver hat er in Australien geschossen. Ich hab ihm die Munition gezeigt, es ist eine besondere. Viele konnten das sehen. Und ich fürchte … die Munition ist beim Gewehrschrank geblieben.“
Warum hat mir Kaiser die Nummer von Danielas Mutter gegeben? Ich habe ihn bloß gefragt, wo die Familie jetzt ist. Und ihm erzählt, dass ich kurz vor dem Mord mit ihr geredet hätte. Eine Verdächtige weniger. Aber sie könnte dabei gewesen sein, als sie über den Revolver geredet haben. Sie könnte sich erinnern, wer sonst noch in der Nähe war.
Ich gehe den Schotterweg entlang, bleibe dort stehen, wo ich gestern Daniela begegnet bin. Gestern? Das kann nicht sein. Ich wähle die Nummer und erschrecke, als Evelin Sagerer nach dem ersten Läuten drangeht. Ich war mir beinahe sicher, dass sie nicht reagiert. Oder dass es sich überhaupt um eine falsche Nummer handelt.
„Man tut eben alles, damit der schreckliche Mord so schnell wie möglich geklärt wird“, sagt sie. „Daniela ist nicht in der Verfassung … noch nicht, sagt Kaiser. Morgen, übermorgen kann es sein, dass sie sich an die Öffentlichkeit wenden wird.“
„Der führt sie wirklich den Medien vor?“
„Sind Sie nicht auch von …“
„Ich bin anders.“ Ich komme mir lächerlich vor. Wie viele haben das schon gesagt.
„Auch sie will … beitragen.“
„Sorry, aber das klingt nicht echt. Der setzt euch unter Druck, ist es nicht so?“
Kurzes Schweigen. „Nein. Ist es nicht. Was wollen Sie wissen?“
„Sie haben mir erzählt, dass ein Freund von Daniel nicht kommen konnte. Und dass sein Vater immer an ihm drangeklebt ist. Bester Freund und Coach und Trauzeuge und alles.“
„Daniels Vater … er ist gegangen, um ihn zu suchen. Mehr kann ich nicht sagen. Man sagt … Daniel hat sich abnabeln wollen. Es kann sein, dass er stärker beim neuen Konsortium andocken wollte.“
„Der Vater wäre ausgebremst worden. Wo er doch alles für seinen Sohn …“
„Ich … ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas mit seinem Tod zu tun hat. Man darf nicht vergessen … es ist sein Kind. War.“
„Kaiser müsste eigentlich mehr darüber wissen.“
„Weiß er sicher.“ Das klingt richtig erleichtert.
„Hat er gesagt, dass Sie mir das erzählen sollen?“
„Nein. Ich will einfach helfen. Auch damit Daniela besser … damit zurechtkommt.“
„Wie geht es ihr?“
„Das ist privat.“
„Richten Sie ihr einen ganz lieben Gruß aus. Ich habe unser Treffen sehr nett gefunden. Und ich weiß, dass sie ihn …“ Weiß ich eigentlich nicht. Nur weil sie aufgeregt wie viele Bräute war? Weil sie gesagt hat, dass sie ihn natürlich mag, sonst würde sie ihn nicht heiraten? … Sinnlos. Ganz abgesehen davon, dass ich eine Fremde für sie bin. Wie viel erzählt man so einer? „Hat sie ihn geliebt?“, frage ich trotzdem.




