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Georg verabschiedete sich mit einer heftigen, aber betont kurzen Umarmung von Anna. Für sie fühlte es sich an, als wolle er sie sich vom Hals halten, sie war allerdings zu erschöpft, um länger darüber zu grübeln. Ihr ganzer Körper schmerzte, mehr aber tat es ihr in der Seele weh. Sie hatte sich das Ende des heutigen Tages etwas anders vorgestellt. Sie hatte wenigstens einmal noch eine Nacht mit ihm verbringen wollen, dieses Gefühl des Verschmelzens ein zweites Mal erleben oder zumindest neben ihm einschlafen, dem Mann, den sie bewunderte und verehrte, der sie aus den Zwängen des Sklavendaseins befreit hatte und ihr eine neue Perspektive geben würde. Sie seufzte und wandte sich schließlich ihrem Essen zu. Kurz darauf fiel sie gesättigt ins Bett, dachte sehnsüchtig an Georg und inmitten dieser Gedanken fielen ihr die Augen zu.
»Der Friede sei mit euch, seid willkommen in meinem Haus, das allen unseren Brüdern und Schwestern, die guten Willens sind, offen steht. Georg, wie schön, dich wiederzusehen.« Agatha Streicher umarmte Georg und begrüßte Anna ebenso herzlich.
»Lasst uns in die gute Stube gehen. Susanna, ihr habt sie gestern bereits kennengelernt, hat euch die Milchsuppe hergerichtet.« Sie betraten das Kaminzimmer und setzten sich an den riesigen Eichentisch, der vielen Gästen Platz bot.
»Erzähl, wie geht es dir, und was verschafft mir die Ehre eures Besuchs?«, wandte die Hausherrin sich an Georg, nachdem Susanna heißen Tee eingeschenkt hatte.
»Du weißt, Agatha, dass ich vieles unter meinem Pseudonym für Caspar verfasst habe. Seit vier Tagen bin ich ohne Anstellung, weil mich der neue Abt in Kempten nicht mehr ertragen konnte. Jungfer Anna Dorn hat sich mir angeschlossen. Sie denkt und lebt in unserem Geiste und ist auf der Flucht vor einem skrupellosen Wirt, von dem sie ausgebeutet wurde. Wir hoffen, dass du uns Caspars Aufenthaltsort nennen kannst. Es ist unser gemeinsames Ziel, dem Meister nah zu sein.«
Anna lächelte Georg zu, hoffte aber vergebens auf einen Blick der Zuneigung.
»Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass der Meister sich bei den Augsburger Rehlingern in Pilgerhausen8 auf einem der Einödhöfe versteckt hält. Ich werde einen Brief an Jacobus verfassen und euren Besuch anmelden.« Anna dachte an ihre nach wie vor schmerzenden Knochen und sah Georg auffordernd an. Er hatte ihren Blick offenbar verstanden.
»Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet, Agatha. Wenn du erlaubst, würden wir uns gerne einen weiteren Tag erholen, bevor wir die lange Reise antreten.«
Agatha Streicher lachte. »Bleibt, so lange es euch gefällt, und seht euch in Ulm ein wenig um, bevor ihr dort oben in den Wäldern mit Füchsen und Bären hausen werdet. Unsere Stadt hat einiges zu bieten.«
8 Von Schwenckfeldern verwendetes Synonym für Leeder.
3
Leeder, 24. März 1557
Sie waren noch mehr als eine Wegstunde von Pilgerhausen entfernt, als ihnen bereits der rote Backsteinturm am Horizont die Richtung wies. Sie konnten den Ort nicht verfehlen.
»Unauffälliger hätte sich Caspar gar nicht verstecken können. In einem Ort mit so einem riesigen Kirchturm vermutet niemand Protestanten, und erst recht keine Schwenckfelder.« Seit sie am Spöttinger Ballenhaus vorbeigekommen waren, ging Georg zu Fuß neben dem Pferd her, während Anna im Sattel saß.
»Ich kann mich ja um deinen Haushalt kümmern. Wenn du dort eine Stelle als Prediger und Schulmeister bekommst, wird dir bestimmt auch eine Wohnung zugestanden.« Anna hatte sich bisher nicht mit Georgs Zurückweisung abgefunden.
»Das schlag dir aus dem Kopf, Anna! Das Konkubinat ist kein Weg für uns beide. Nur der gemeinsame Glaube wird uns für immer verbinden. Auf so einem Gut gibt es zahllose Möglichkeiten, sich nützlich zu machen, und jemand, der wie du keine Arbeit scheut, findet sicherlich etwas. Jacobus Rehlinger ist ein reicher Kaufmann, der in Augsburg sein Bürgerrecht aufgegeben hat, um sich dort oben in Leeder unbehelligt den Schriften Caspars widmen zu können. Er leistet sich wahrscheinlich ein großzügiges Gesindehaus.«
Anna verbarg ihre Enttäuschung und schwieg. Am späten Nachmittag trafen sie endlich ein. Sie hatte ein ungutes Gefühl, als das mächtige Schloss unterhalb der Kirche auftauchte.
Anscheinend wurden sie erwartet.
»Wach auf, mein Seel!«, rief ihnen ein Mann in schwarzem Talar freudig entgegen.
»Lobsinge seinen Namen«, antworteten Georg und Anna gleichzeitig, bevor sie das Tor erreichten.
»Das muss Jacobus sein«, erklärte Georg.
»Der Friede des Herrn sei mit euch beiden und geleite euch auf allen Wegen. Seid herzlich willkommen in Leeder. Deine Schriften sind meine tägliche Lektüre, Agricola. Ich freue mich wie ein Kind, dich leibhaftig vor mir zu haben! Das ist mein Sohn Emanuel«, stellte er einen jungen Mann vor, der zu ihnen getreten war. »Wir wollten es uns nicht nehmen lassen, dich und deine Begleiterin persönlich hier zu begrüßen.«
»Agricola?« Anna sah Georg verwundert an.
»Ich werde dir alles erklären«, versuchte er, sie zu beschwichtigen, und mit einem Schlag wurde ihr deutlich, wie bekannt Georg bereits durch seine Verteidigungsschriften für Caspar geworden war, wenn auch unter falschem Namen. Georg war berühmt. Und in seinem Leben war kein Platz für sie.
»Das ist Anna Dorn, ebenfalls aus Kempten«, stellte Georg sie vor. »Sie hat sehr früh ihre Eltern verloren und ist meine gelehrigste Schülerin. Sie hat mich gebeten, sie mitzunehmen. Wir ersuchen untertänigst und um der Barmherzigkeit des Herrn willen, bei euch aufgenommen zu werden.«
»Die Streicherin hat mich bereits benachrichtigt und es ist mir eine große Ehre, euch in meinen Besitztümern beherbergen zu dürfen.«
»Ich danke Euch von ganzem Herzen für Eure Gastfreundschaft. Gott vergelte es Euch tausendfach.« Anna ergriff Jacobus Rehlingers Hände und verneigte sich tief vor ihm.
»Wir haben zwei Zimmer hergerichtet. Mein Sohn Emanuel wird euch hinaufgeleiten. Es wird uns eine Freude sein, heute Abend gemeinsam mit euch zu speisen.«
Anna empfand es als wohltuend, in welch ruhigem Ton in diesem Haus miteinander gesprochen wurde, selbst den Bediensteten begegnete man respektvoll. Es ermutigte sie, eine Frage zu stellen: »Ist denn der Meister auch im Haus?«
»Caspar ist vor einigen Tagen unerwartet abgereist«, antwortete Emanuel. »Er wohnt meist nur ein paar Tage im Schloss und flüchtet sich anschließend auf einen der Höfe, wo er in Ruhe und Frieden seinen Studien nachgehen kann.«
Anna bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen.
In ein Gespräch mit Jacobus versunken, war Georg unten zurückgeblieben, während Emanuel sie in ihr Zimmer brachte. Sie hatte Georg verloren, war ihm unwichtig geworden, das spürte sie nur zu deutlich. Sie versuchte, auf andere Gedanken zu kommen, doch selbst die Teppiche, Bilder und bemalten Teller, die überall an den Wänden hingen, konnten ihre Stimmung nicht verbessern. Schließlich fasste sie sich ein Herz. »Hast du den Meister schon oft gesehen?«, fragte sie Emanuel, als er vor einer Tür stehen blieb, die mit prächtigen Schnitzereien verziert war.
»Er war wie ein Familienmitglied. Seine Besuche wurden in letzter Zeit zwar seltener, aber als Kind habe ich oft auf seinem Schoß gesessen.«
»Darum beneide ich dich, Emanuel.«
Er öffnete die Tür, um ihr das Zimmer zu zeigen. Dabei sah sie ihm aus nächster Nähe in seine warmen hellbraunen Augen. Emanuel drehte sich rasch um und verabschiedete sich.
Anna warf ihre Sachen auf das Bett, zog die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster und blickte auf die schneebedeckten Berge in der Ferne. Auch wenn es ihr noch nicht vergönnt war, den Meister zu treffen, spürte sie in diesem Haus seinen Geist, eine tiefgründige Menschlichkeit und den Respekt untereinander. Auf dem Gut der Rehlinger herrschten kein Misstrauen, kein Hass und kein Befehlston, wie sie es jahrelang beim alten Blärsch erfahren hatte. Sie atmete tief durch. Diese Menschen waren Freunde. Sie wollte alles dafür tun, um hier ein Zuhause zu finden.
4
Eichstätt, Maria Immaculata9 1557
Kerzenschein flackerte über ihr weißes Gesicht und es schien ihm, als habe sich ihr roter Mund bewegt.
»Dein mildes Lächeln wird mir sehr fehlen.« Ungewollt war ihm ein tiefer Seufzer entglitten und sein warmer Atem vernebelte für einen Augenblick die Sicht in der eiskalten Kirche. Er konnte sicher sein, dass es keinen Mithörer gab, weil nach der Matutin alle wieder in ihren Zellen waren, um die wenigen Stunden Schlaf bis zur Morgenhore zu nutzen. Eigentlich hatte er gelernt, seine Gefühle zu unterdrücken. »Nur der Schwächling zeigt Gefühle«, waren die mahnenden Worte seines Novizenmeisters. Dennoch fiel ihm der Abschied schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Er würde dieses Bild der Madonna mit dem Kind vermissen. Fast vierundzwanzig Jahre hatte er beinahe täglich davor gekniet und gebetet. Sie war jederzeit für ihn da, wandte ihren Blick niemals von ihm ab, hatte ihn getröstet und ihm Kraft gespendet, diese Hure, seine treulose Mutter, zu vergessen. Die Madonna beschützte liebevoll ihren Sohn, der sein Köpfchen eng an ihre Wange schmiegte, das erhabene Rot ihres Kleides, die sie umgebenden Strahlen und die in allen Farben glitzernde Krone zeigten ihre Macht. Unter ihrem Schutz fühlte er sich geborgen, sie war die Himmelskönigin, der er sein Leben anvertrauen wollte; sie würde ihn nicht enttäuschen.
Auch die Klostermauern würden ihm fehlen, hatten sie ihm doch von klein auf Geborgenheit und Schutz bedeutet. Hier war er zu Hause, das Kloster war ihm Familie, Quell des Wissens, Ort der Kontemplation und Zuflucht vor weltlichen Begierden. Alles hatte er überstanden. Selbst das unkeusche Drängen im Dormitorium. Jahrelang musste er mit ansehen, wie dort mit Mund und Hand Unzucht getrieben wurde. Er hatte die Versuchungen an sich abprallen lassen.
»Nur eiserne Härte gegen dich selbst lässt dich stark gegen andere werden«, war ein weiterer Leitspruch des Novizenmeisters. Diesen Kampf hatte er gewonnen durch Fasten, Disziplin und den Nagelgürtel.
Draußen hatte die Welt sich verändert. Die Protestanten ließen nicht nach, sich mit Verleumdung und Hetze gegen seine Kirche und den Papst hervorzutun. Die Nachrichten, die das Kloster erreichten, waren beunruhigend, es verging kein Tag, an dem sie sich nicht mit Häresie und Ketzerei hatten auseinandersetzen müssen. Die Mutter Kirche war in großer Bedrängnis. In dieser schwierigen Zeit erging an den Orden der Ruf aus Rom. Der Papst rief nach ihnen, den Fähigsten und Besten, um seine Herde zu schützen.
»Deine Zeit ist gekommen. Strenge im Glauben, striktes rationales Denken, verbunden mit Gehorsam gegenüber der katholischen Kirche und den dominikanischen Prinzipien, zeichnen dich aus, mein Sohn.« So hatte sein Abt ihn gepriesen.
Er war bereit, sich in Italien zu einem derer machen zu lassen, die man ehrfürchtig Domini canes nannte, zu einem der »Hunde des Herrn«. Es machte ihn stolz und erhaben. Mit Freude und Dankbarkeit würde er dem Ruf folgen, aber da war das Unbekannte, das Neue, das Unberechenbare, das ihn unruhig machte. Nein, Angst war es nicht, vielmehr fühlte er eine Art Fieber in sich aufsteigen. Es war die fiebrige Erwartung, Witterung aufzunehmen und sich dem Bösen an die Fersen zu heften. Wie von selbst wischte das rote Taschentuch über seine feuchte Stirn.
»Fiat voluntas tua10, du wirst mich beschützen«, flüsterte er, berührte die Lippen der Gottesmutter mit seinen Fingern und verließ zum letzten Mal die Kapelle der Madonna.
9 8. Dezember
10 Dein Wille geschehe.
5
Leeder, Januar 1558
Fast ein Jahr war vergangen seit ihrer Ankunft in Pilgerhausen. Anna war richtiggehend aufgeblüht. Fast jeden Abend saß sie im Kreis der Leederer Schwenckfelder. Sie sangen und beteten, und Anna durfte die zahlreichen Bücher benutzen, die Jacobus während vieler Jahre zusammengetragen hatte. Emanuel war immer in ihrer Nähe. Sie redeten und diskutierten oft bis spät in die Nacht hinein und Anna hatte den Eindruck, dass er sie verehrte und bewunderte. Es entwickelte sich eine gegenseitige tiefe Zuneigung, von der Anna überzeugt war, dass daraus Liebe werden würde. Emanuels Blicke zeigten ihr mehr, als er mit Worten auszudrücken in der Lage schien.
Georg hingegen war allein in ein Haus unten im Dorf gezogen, um sich seinen Verteidigungsschriften zu widmen. Trotzdem war Anna glücklich. Georg blieb ihr ein guter Freund. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie hier sein durfte, weg von den lüsternen Laffen und den besoffenen Säcken im »Raben«. Sie hätte sich auch als Bedienstete im Schloss verdingt, aber Jacobus Rehlinger hatte sie schon nach wenigen Tagen zur Seite genommen und ihr versichert: »Du bist eine von uns, Anna!«
Und als sie ihm eines Tages erklären wollte, dass sie ja keine Eltern hätte und deswegen ehr- und rechtlos sei, entgegnete Jacobus: »Hör auf, dir über Stand und Herkunft Gedanken zu machen! Wir Schwenckfelder machen keine Standesunterschiede, jeder Mensch ist ein Geschöpf des Allmächtigen und steht mit seinem Leben und Tun in eigener Verantwortung.«
»Wenn nur alle Menschen so denken würden wie du, Jacobus, dann gäbe es keinen Zwist und Streit untereinander«, hatte Anna erwidert.
An diesem kalten Winterabend saß Jacobus in seinem Sessel vor dem offenen Kamin und ließ sich von Anna vorlesen. Sie hatte ihm das vor einiger Zeit angeboten, als sie bemerkt hatte, dass seine Sehkraft langsam schlechter wurde. Nach einer Weile nahm er ihr das offene Buch weg, legte es zur Seite, ergriff ihre Hand und schaute ihr tief in die Augen.
»Lass mich dich unterbrechen, Anna. Emanuel hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass er dich heiratet. Er braucht eine zupackende und rechtschaffene Frau, wie du es bist, und ich könnte mir keine bessere Schwiegertochter wünschen. Also sei darauf gefasst, dass er dich bald danach fragen wird.«
Anna war gerührt. Nichts wollte sie lieber, als in diesem Haus der Toleranz und Nächstenliebe Oberste unter Gleichen zu werden und vielleicht sogar irgendwann Gastgeberin zu sein für den Meister selbst.
»Sollte er mich danach fragen, wird es für mich nur eine Antwort geben: Ja, ich will es, aus ganzem Herzen!«
Jacobus stand auf, streichelte Anna über die blonden Haare und küsste sie väterlich auf die Stirn.
6
Bologna, Osterfest 155811
Es war sein erstes Osterfest in der Fremde. Er wusste, dass es die richtige Straße war, die er eingeschlagen hatte. Noch war er einer unter Hunderten. Doch der heutige Tag würde vieles verändern. Die Welle der Begeisterung, die die Dominikanische Mönchsgemeinschaft erfasst hatte, würde auch ihn nach oben tragen. Sein Freund und Vorbild Michele Ghislieri war zum neuen Großinquisitor ernannt worden.
Nach dem feierlichen Gottesdienst wurde die Urkunde Papst Pauls IV. vorgelesen. Barfuß und mit dem einfachen Mönchsgewand bekleidet stieg Michele die Stufen in den Altarraum hinauf, um die Schrift demütig aus der Hand des päpstlichen Nuntius zu erhalten. Er, der Kardinal, dem es gestattet gewesen wäre, zu diesem feierlichen Anlass in prunkvollem Rot mit Stab, Mitra und Cappa magna zu erscheinen, empfing die Macht über das Heilige Offizium als einfacher Diener; fast wie ein Büßer stand er da und verbeugte sich. Aber schon bei seiner Ansprache ließ er die versammelte Gemeinschaft nicht im Zweifel, nach welchen Kriterien er sein Amt führen wollte. »Nichts ist grausamer als Mitleid mit den Gottlosen!«, rief er in die Menge. »Wir werden mit unbeugsamer Härte Gotteslästerung, Ehebruch und Ketzerei bekämpfen. Unzucht, Okkultismus und Zauberei sind Kapitalverbrechen, die mit dem Beil oder dem Scheiterhaufen zu sühnen sind. Die unheilvolle Reformation des Wittenberger Ketzers werden wir mit eiserner Faust bekämpfen.«
Er wusste, wovon sein Freund Michele sprach, war er doch einer der wenigen, der in den deutschen Landen das Beben am eigenen Leib gespürt hatte, das die lutherischen Horden ausgelöst hatten.
Nichts ist grausamer als Mitleid mit den Gottlosen. Dieser Satz hatte sich ihm eingeprägt und er wiederholte ihn immer und immer wieder.
1110. April
7
Leeder, Juni 1558
Anna strahlte, und mit ihr die Junisonne, als sie und Emanuel das Schloss verließen, in dem sie kurz zuvor der Amtsschreiber zu Mann und Frau erklärt hatte. Emanuel war der Richtige für sie, davon war sie überzeugt. Er stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden, leitete umsichtig das Gut und würde sicher ein herzensguter Vater werden. Wie schnell hatte doch das Schicksal, über alle Standesdünkel hinweg, ihr trauriges Dasein beim alten Blärsch beendet und sie zur Frau eines wohlhabenden Gutsbesitzers gemacht.
Eine dicke Menschentraube wartete auf die beiden frisch Vermählten, war es doch Brauch, dass bei einer Hochzeit im Schloss für alle Dorfbewohner süßes Gebäck verteilt wurde. Anna dachte nur daran, hinaus nach Schäfmoos zu kommen, um ihren Bund vom Meister segnen zu lassen. Der festlich geschmückte Wagen wartete bereits auf sie und unter begeisterten Vivat-Rufen fuhren sie in Richtung Aschthal.
Das junge Paar hatte den Ort längst verlassen, als der Kutscher Karl plötzlich die Pferde mit einem lauten »Hooo, Buaba« anhielt und die beiden unfreiwillig gegeneinanderprallten.
»Ist etwas passiert, Karl?«, fragte Emanuel.
Anna sah ein kleines, dunkel gekleidetes Wesen mitten auf dem Weg stehen. Sie schob Emanuel zur Tür der Kutsche. »Ich glaube, du solltest nach dem Rechten schauen.«
Er folgte ihrer Aufforderung und stieg ins Freie. Anna kannte die Frau nicht, aber das verrunzelte Gesicht mit den stechend und unerschrocken blickenden schwarzen Knopfaugen prägte sich ihr ein.
»I hao miassa bremsa, sonscht wär se mir unter d’Räder komma«, stammelte der Kutscher Karl entschuldigend.
Anna hörte, wie Emanuel mit der Alten redete: »Was ist dein Begehr?«, fragte er die Frau höflich.
»I hao an Briaf für de Hoachzeitar«, antwortete sie mit krächzender Stimme und reichte ihm ein Stück Papier. »Es standet it so scheane Sacha dinna«, schob sie mit einem bösartigen Lächeln hinterher. »Mei, es gibt halt Leit, wo uib Rehlinger am liabschta zum Deifl schicka däded.«
Anna überlegte, wer ihnen wohl diese Nachricht zukommen lassen wollte und was die Alte damit meinte, dass es Leute gab, die die Rehlinger zum Teufel schicken wollten. Emanuel nahm das Papier, griff in die Tasche und gab ihr ein Geldstück.
»Du hast sicher nur deine Pflicht getan, vergelt’s Gott«, entgegnete er der verdutzten Alten, die sich artig bedankte und das Weite suchte.
»Du hast ihr Geld gegeben? Jetzt komm, mach es schon auf«, rief Anna ihrem Mann von der Kutsche aus zu.
Emanuel setzte sich wieder zu ihr und gab Karl das Zeichen zum Weiterfahren. »Lass uns doch warten, bis wir wieder zu Hause sind; der Brief deutet auf nichts Gutes, und Caspar soll uns in fröhlicher Stimmung wiedersehen!«
Widerwillig gab Anna nach und konnte nicht verhindern, dass ihr Mann den Brief ungelesen in die Tasche steckte.
Als sie Aschthal verlassen hatten und bergauf in den Wald einbogen, hielt der Kutscher abermals mit einem »Brrrrr« das Gespann an. Ein dicker Baumstamm lag quer über dem Weg.
»Dean hot ebbar umg’säged. Mir könnt grad meah umdrehe!«, vermeldete Karl aufgeregt.
»Müssen wir wirklich umdrehen? Kennst du keinen anderen Weg nach Schäfmoos?«, fragte Emanuel, und Anna spürte, wie sie mit einem Mal traurig wurde.
»Es gibt bloßig den oine.« Karl ließ die Pferde rückwärtsgehen und bemühte sich, das Gespann zu wenden.
»Ich kann mir vorstellen, wer dahintersteckt! Wir lassen uns nicht von diesen Leuten den Tag verderben, Anna. Ich werde einen Holzmacher heraufschicken und morgen ist der Weg wieder frei. Caspar wird wohl noch ein paar Tage hier bleiben.«
Anna nickte nur und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen; niemand konnte ermessen, was ihr dieser Besuch beim Meister bedeutet hätte.
8
Bologna, fünf Tage nach Maria nascita12 1560
Die Beine ausstrecken und ohne einen Präfekten im Nacken träge in der Sonne liegen, was gab es Schöneres. Auch wenn das Geratter auf den holprigen Wegen ihn kräftig durchrüttelte, hatte Otto die letzte Stunde zwischen Kisten und Säcken friedlich geruht. Der Duft von Kräutern und Früchten und das noch berauschendere Gefühl der Freiheit hatten ihm einen wohligen Halbschlaf beschert. Alles Mögliche war ihm durch den Kopf gegangen: sein Vater in Gestalt des mahnenden Onkels, Dompropst zu Speyer, der ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit als leuchtendes Vorbild vorgehalten wurde, der Stolz, mit schmerzenden Beinen auf der Passhöhe des heiligen Bernhard angekommen zu sein, die staubigen Straßen und freundliche Menschen. Die gefürchtete Glocke, die ihn im Domkonvikt zu Augsburg als einen der Ersten ins Chorgestühl gerufen hatte, hörte er ganz schwach im Hintergrund. Er drehte sich noch einmal um. Während er weiterdöste, vermischten sich in seinen Gedanken die Abschiedsrufe seiner acht Geschwister mit Späßen der Schweizergardisten, denen er sich angeschlossen hatte und die er bereits in Rom wähnte.
»Stronzo, sei in ritardo!13«, dröhnte es an seinem Ohr und Otto schreckte augenblicklich auf. »…ardo, ardo, ardo.« Ein Wald von roten Säulen tanzte um ihn. Otto war klar, dass das kein Kosewort gewesen war, als sich langsam Arkadengänge um eine wunderschöne Piazza ordneten und ein Marktweib, die Arme in die breiten Hüften gestemmt, am Wagen stand. Sie waren also angekommen. Otto musste lachen, als er den gutmütigen Ambrogio so kleinlaut sah, den Bauern mit der großen Knollennase, der ihn seit Persiceto hatte mitfahren lassen. Ottos wunde Füße hatten sein Mitleid geweckt.
»Studente teutonico, moglie, stai zitto!14« Otto sah einen schmutzigen Finger in seine Richtung deuten.
»Mea culpa, mea culpa«, haspelte Otto entschuldigend und kletterte vom Wagen. Ihm war klar, dass er der Grund des Streits sein musste.
»Ma scusa, sei benvenuto! Come ti chiami? Come sei magro!15«, rief Moglie und stand schon mit einem bissbereiten Apfel vor ihm. Fast hätte er den Mund geöffnet, nahm die Frucht aber nur und sagte: »Otto, per piacere.«
»Ma che bello ragazzino! Guardi gli occhi azzurri! Poverino, come sei sporco!16« Während Otto noch versuchte, vom lateinischen porcus abzuleiten, wischte bereits ihr nasser Schürzenzipfel durch sein Gesicht.
»Grazie, grazie, signora Moglie«, stammelte er verlegen, worauf die Bauersleute schallend lachten. Otto wunderte sich, denn er war sicher, den Namen richtig verstanden zu haben. Ohne lang zu zögern, half er, die Gemüsereste in die Kisten zu packen, und ließ sich auch von Ambrogio nicht davon abbringen. Beim Stapeln der Kohlköpfe konnte Otto den Vater mahnen hören, ein von Gemmingen habe sich nicht mit niederem Volk einzulassen. Und Otto hätte ihm mit Matthäus Kapitel fünfundzwanzig, Vers vierzig, widersprochen: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt … Otto wusste, dass der neuerliche Standesdünkel in seinem Vater erst seit dem Notverkauf des Stammhauses in Mühlhausen gewachsen war.
»Mille grazie per … per guidarmi!« Otto bedankte sich artig, verabschiedete sich, und Moglie steckte ihm noch einige Pflaumen zu. Er ließ es geschehen, dass sie ihn zum Abschied an ihren üppigen Busen drückte, und winkte den beiden hinterher, bis das Fuhrwerk die Piazza verlassen hatte.
Einfache und liebe Menschen, dachte er und ließ den Blick über den Platz schweifen. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber nun so mutterseelenallein zu stehen, machte ihn ein wenig mutlos. Er lehnte sich an einen der Arkadenbögen und beobachtete das Treiben auf der Piazza. Die Schönheit des Platzes schien sich in den Menschen widerzuspiegeln. Damen in prächtigen Gewändern, Reiter in blinkenden Uniformen und sogar die herumtollenden Kinder verbreiteten Fröhlichkeit und Anmut. Nur die Unzahl riesiger Türme, majestätischer als jeder Kirchturm daheim, erschienen ihm wie bedrohlich in den Himmel gereckte Zeigefinger. In Augsburg hätte niemand gewagt, einen Glockenturm an Höhe zu übertreffen, hier schienen sich die Gotteshäuser zu verstecken. Hatte die Kirche ihre Vormachtstellung an die Weltlichkeit abgegeben?