Das Ketzerdorf - Der Aufstieg des Inquisitors

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Otto schwankte zwischen Faszination und Beklommenheit. Er hatte sich so sehr gewünscht, in Bologna zu studieren, seinen Wissensdurst zu stillen, und jetzt kam er sich verloren vor. Aber mit Gottes Hilfe würde er auch das schaffen. Er wischte seine aufkommende Verzagtheit mit dem Argument hinweg, dass der Herr ihn bislang stets geleitet und beschützt hatte. Auf dem Weg über die Alpen, sechsundzwanzig Tage zu Fuß. Er hätte ein Pferd aus dem Stall des Vaters bekommen. Doch obwohl er gut reiten konnte und Pferde über alles liebte, hatte er verzichtet, weil er sehr wohl wusste, dass sein Vater sparsam sein musste. Die Zeiten, da man in adligen Kreisen den Namen von Gemmingen mit Ehrfurcht aussprach, waren längst vorbei.
Die Sonne hatte bereits den Wald der Türme erreicht. Im Schatten der Marmorfassade einer mächtigen Kirche, etwa hundert Fuß entfernt, beobachtete Otto einen Dominikaner, der Tauben fütterte. Wer die Tiere so liebt, dass sie ihm auf den Armen sitzen und ihm aus der Hand picken, muss ein vertrauenswürdiger Mensch sein. Otto beschloss, den Pater nach dem Weg zu fragen.
»Scusate, il convento di San Domenico?«, sprach er ihn an und zuckte kurz zusammen, als sich der Pater ruckartig umdrehte und Otto mit seinem Blick traf. Die Tauben flatterten ängstlich auf.
»Che fastidio! Avete perturbati le colombine!17«
»Verzeihung, ich wollte nur … Es tut mir leid«, fiel Otto in die deutsche Sprache zurück.
»Oh, Ihr kommt aus den deutschen Landen, Herr Studiosus«, sagte der Kirchenmann zu seiner Verwunderung auf Deutsch. »Willkommen in Bologna, der Stadt der Laster. Wegen der Tauben macht Euch keine Gedanken, sie kennen mich und kommen immer zurück, weil sie mir vertrauen.« Der Pater schenkte ihm ein mildes Lächeln und Otto war froh, nach langer Zeit wieder seine Sprache zu hören.
»Ihr habt Glück, ich lebe in San Domenico. Ihr könnt mir folgen. Ich bin Erminio vom Berg«, stellte der Geistliche sich vor.
»Johann Otto von Gemmingen.« Otto streckte ihm die Hand entgegen.
»Sieh an, ein von Gemmingen! Mitglied der deutschen Reichsritterschaft. Ihr gehört ja dann bestimmt nicht zu diesem verarmten Zweig, oder?«
Otto wusste, dass sein Vater ihm nur unter größten Anstrengungen das Kanonikat ermöglicht hatte. Er schluckte. Der Pater schien sich gut auszukennen.
»Und was werdet Ihr nach dem Trivium18 anstreben?«, bohrte der Geistliche weiter.
Endlich konnte Otto Kontra geben. »Ich bin seit zwei Jahren Kanoniker am Dom in Augsburg, soli Deo gloria.« Otto gestattete sich ein Lächeln.
»Oh, Herr Kanonikus! Da habe ich Euch ja ganz falsch eingeschätzt; da werdet Ihr ja eine geistliche Laufbahn einschlagen.«
Was so ein Titelchen doch ausmacht, dachte sich Otto.
»Ich habe Recht studiert und lebe seit einigen Jahren in Bologna«, fuhr der Pater fort. »Ich weiß sehr gut um die Schönheiten dieser Stadt, aber auch um deren Gefahren; der Teufel und seine Komplizen fühlen sich hier besonders wohl. Nehmt Euch in Acht vor den Versuchungen, die überall lauern!« Der Dominikaner hatte bedrohlich seine Stimme gesenkt.
»Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte Otto und war sich sicher, dass der Pater es nur gut mit ihm meinte.
»Hütet Euch vor den Verführungskünsten der Töchter Evas, die schon manchen gutgläubigen Mann das Paradies gekostet haben.« Die Züge des Paters verzerrten sich. »Satan weiß, wie seine Werkzeuge einzusetzen sind, Herr Kanonikus!«
Otto musste etwas erwidern, er wollte sich sein Studium nicht madig machen lassen. »Wenn Ihr die Stricke des Teufels so gut kennt, dann wird er ja wohl nicht in Euren eigenen Mauern sein Unwesen treiben. Und mich aus der Bibliothek von Professore Boncompagni zu locken, wird sehr schwer werden.«
»Ah, Boncompagni! Ein Mann Gottes, der ungeniert mit Weibern verkehrt. Nicht gerade das beste Vorbild, das Ihr Euch da ausgewählt habt!« Der Padre rümpfte verächtlich die Nase.
Wie kann dieser Mensch so abfällig über Boncompagni sprechen, dessen guter Ruf bis über die Alpen ausstrahlt! Einen Moment lang wurde Otto unsicher. Sollte er in Augsburg falsch beraten worden sein? Er sagte weiter nichts und schämte sich zu sehr, um den Padre zu bitten, langsamer zu gehen, weil ihn seine Füße schmerzten. Also biss er die Zähne zusammen.
»Ich möchte, dass es Euch gut geht und Ihr erfolgreich Eure Studien betreiben könnt. Kommt zu mir, wenn Ihr nicht weiterwisst!«
»Ich danke Euch sehr für Eure Hilfe und werde gerne auf Euer Angebot zurückkommen«, antwortete Otto, als sie das Konventgebäude mit der Klosterkirche erreicht hatten.
»Ancora uno di ultramontani!19«, rief freudig ein weiterer in Weiß gekleideter Dominikaner schon von Weitem. Schwungvoll kam er Otto mit wehender Soutane entgegen. »Padre Ferrara«, stellte sich der junge Pater vor, »salve! Dominus tecum!«
»Das ist Euer Vorgesetzter, Herr von Gemmingen«, ging Erminio sogleich dazwischen. »Padre Ferrara, in dessen Obhut ich Euch übergebe, ist der Regens des Internats.« Erminio und Ferrara grüßten sich verhalten.
»Nehmt Euch in Acht vor den Fallstricken des Bösen, das die Schönheit magisch anzieht und versucht, sie in seinen Besitz zu nehmen«, rief Erminio warnend, hob bedeutungsvoll den Zeigefinger, zog mit einem Lächeln die Augenbrauen hoch und verschwand mit langen Schritten durch die Klosterpforte.
Otto atmete tief durch. Padre Ferrara führte ihn in den hinteren Bereich des Collegios, der von einem großen Garten umgeben war. Otto überkam ein mulmiges Gefühl, denn der Padre sprach nicht lateinisch, wie er es erwartet hatte, sondern toskanisch. Erst als sie im Speisesaal haltmachten und er sofort von einigen Mitstudenten auf Deutsch begrüßt wurde, legte sich seine Unruhe.
Ein freundlicher, etwas älterer Student kam auf ihn zu und schüttelte ihm kräftig die Hand. »Ich bin Giacomo, eigentlich Jakob Fugger, aber die Italiener können mich nicht aussprechen. Sei herzlich willkommen in Bologna.«
»Otto von Gemmingen; jetzt bin ich aber froh, dass ich mich noch auf Deutsch unterhalten kann«, entfuhr es Otto freudestrahlend. »Ein Augsburger Fugger?«, wollte er wissen.
»Ich bin in Babenhausen geboren. Mein Vater ist Anton Fugger, meine Mutter eine geborene Rehlingerin, wie du sicher weißt, sind wir neun Geschwister und die Familie überallhin verzweigt; da bleibt für den letzten männlichen Spross nicht mehr viel übrig.« Giacomo grinste und Otto erstarrte in Ehrfurcht. Er wusste nur zu gut, wie vermögend und einflussreich Anton Fugger im ganzen Reich und darüber hinaus war.
»Dann sind wir gar nicht so weit entfernt. Ich bin Kanoniker am Dom in Augsburg, meine Familie wohnt in Weinfelden am Bodensee. Es würde mir sehr helfen, wenn ich dich in der einen oder anderen Sache um Rat fragen dürfte. Bist du denn schon länger am Collegio?« Etwas verlegen richtete er den Blick auf den Steinboden.
»Es ist selbstverständlich, dass wir uns gegenseitig helfen. Als ich hier vor zwei Jahren begonnen habe, hat sich auch ein älterer Mitschüler meiner angenommen. Ich bin jetzt im letzten Jahr, vorausgesetzt, dass ich meiner Faulheit Herr werde.« Giacomo lachte und drehte sich zum Padre, der nichts verstanden hatte.
»Se voi permettete, Padre, gli mostrero la casa20«, versuchte Giacomo dem wartenden Padre Ferrara die unangenehme Aufgabe abzunehmen, den Neuankömmling durch das Haus zu führen, was dieser dankend annahm. Otto war erleichtert und fand Giacomo sofort sympathisch und vertrauenswürdig. Giacomo nahm Ottos Gepäck und lief, immer zwei Stufen nehmend, durch das Treppenhaus in das oberste Stockwerk, wo sich das Dormitorium befand. Otto hastete hinterher.
»Von den Betten, die nicht bezogen sind, kannst du dir eins aussuchen. Ich empfehle dir dringend, eins am Fenster zu nehmen, denn Erstinken ist schlimmer als Erfrieren. Mein Bett steht dort hinten an der Wand.«
In dem Saal standen mehrere Dutzend Betten, jeweils durch ungefähr brusthohe Wände in Vierergruppen abgeteilt. Neben jedem Bett befand sich eine abschließbare Holzkiste für persönliche Dinge. Otto warf seine Sachen auf ein freies Lager in der Nähe eines Fensters, wie ihm Giacomo empfohlen hatte, und setzte sich, um die Unterlage zu testen.
»Nicht gerade komfortabel, aber es scheint wenigstens kein Strohsack zu sein«, bemerkte Otto.
»Die Klosterbrüder haben vor ein paar Jahren alle Strohsäcke durch neue Rosshaarunterlagen ersetzt. Das hat zwar den großen Vorteil, dass man viel bequemer liegen kann, aber die Wanzen, Flöhe und Läuse fühlen sich im Rosshaar weitaus wohler als im Stroh. Du wirst dich daran gewöhnen. Wenigstens haben wir eine schöne Aussicht auf die Stadt und die Berge. Wenn du so weit bist, gehen wir nach unten«, drängelte Giacomo, »du willst doch nicht das Abendessen verpassen?«
Sie gingen ein Stockwerk tiefer, wo das Studierzimmer war, an dessen Eingangstür ein großes Schild mit dem Hinweis »Silentium« prangte.
»Such dir ein Pult aus, auf dem noch kein Buch liegt, und leg eines von deinen mit deinem Namen drauf.«
An den Wänden reihten sich hohe Regale mit Hunderten von Büchern, Folianten und Schriftrollen. Im Saal standen in fünf Reihen jeweils zehn Pulte, fast alle waren besetzt, sodass die Auswahl nicht sehr groß war.
»Wie war denn deine Reise? Warum bist du nicht mit den anderen Augsburger Scholaren gereist?«, fragte ihn Giacomo.
»Von Weinfelden aus ist es kürzer über den Septimer und über Mailand. Ich habe mich einer Gruppe aus Scholaren und Schweizergardisten angeschlossen. Sie haben dort die Tradition des Bettelsingens, was uns zwar immer ein Nachtlager und eine warme Mahlzeit eingebracht hat, aber nur selten konnten wir auf einem Wagen mitfahren.«
»Wir reisen, wenn es passt, mit einem Fugger’schen Handelstross, das ist wesentlich entspannter, weil wir nicht zu Fuß laufen müssen und in eigenen Fuggerhospizen übernachten können. In diesem Sommer war ich nicht zu Hause, sondern bei den Honolds in Venedig. Oktavian wirst du gleich kennenlernen; sein Vater ist ein einflussreicher Geschäftsmann; er hat dort eine wunderschöne Faktorei.« Giacomo schien sich gut auszukennen.
»Ich hätte ein Pferd bekommen können, aber ich wollte zu Fuß gehen. Mir wäre vieles entgangen, besonders die Quälerei mit den Schuhen. Schau dir meine Füße an!« Otto zeigte ihm seine geschundenen Fersen und Zehen.
»Deinem Schuhmacher solltest du die Leviten lesen! Ich bringe dich nach dem Abendessen in die Krankenstation; dort werden sie deine Blessuren versorgen.« Giacomo sah Otto etwas mitleidig an. Von irgendwoher erklang das Läuten einer Glocke.
»Das Klingeln bedeutet Abendbrot; du wirst richtig Hunger haben nach der langen Reise! Aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Die Küche ist ein disastro, wie die Italiener sagen.« Giacomo griff sich mit der Hand an den Hals und tat so, als müsste er etwas herauswürgen, um dann in schallendes Gelächter auszubrechen. »Gottlob gibt es in der Stadt wunderbare Tavernen.«
Ottos Miene hatte sich nur kurz aufgehellt. »Du kannst einem ja schon vor dem Essen den Appetit verderben«, gab er zurück.
Kurz darauf betraten sie im Erdgeschoss mit den anderen Studenten, die aus allen Richtungen zusammenströmten, den Speisesaal.
»Hier ist zwar freie Platzwahl, wir von der Natio Germanica sitzen meist zusammen. Die Natio, musst du wissen, das sind alle deutsch sprechenden Studenten. Außerdem wird noch unterschieden zwischen Ultras und Citras, das heißt diesseits und jenseits der Alpen, also Italiener gegen den Rest der Welt.« Giacomo platzierte Otto an einem Sechsertisch.
Padre Ferrara stand vor einem mächtigen Kreuz an der Wand und faltete mit großer Geste seine Hände, sodass augenblicklich Stille eintrat. »Oremus: Benedic, Domine, nos et haec tua dona, quae de tua largitate sumus sumpturi. Per Christum Dominum nostrum. Amen«, sprach er das Tischgebet.
Nach dem ersten Wort des Padre hatten alle Anwesenden in einen eigenartigen Singsang eingestimmt. Nun setzten sie sich, und während im ganzen Saal ein geschäftiges Gemurmel anhob, stellte Giacomo ihm die Tischgenossen vor. »Das ist Heinrich Lauber aus Hildesheim, genannt Rico, Johannes Langer, alias Longus, unser Spaßvogel, und Oktavian Honold, ein Lechrainer und zukünftiger Medicus.«
»Die Sodomisti werden an dir sicherlich ihre Freude haben.« Rico, sommersprossig, ein Bär von einem Kerl mit riesigen Pranken, war der Erste, der Otto mit einem betont laschen Händedruck begrüßte und dabei die Augen verdrehte. »Schwarze Wuschelhaare und blaue Augen, dazu noch einen Körper wie Adonis, da wird sich bei den warmen Brüdern die Kutte wölben«, fügte er breit grinsend hinzu.
»Die erste Warnung vor den Verführungen des Teufels, allerdings in Form schöner Frauen, habe ich bereits erhalten, ihr werdet es nicht glauben«, erzählte Otto freimütig von seiner Begegnung mit dem Padre. »Fra Erminio hat mir bereits eine Lektion darin erteilt.«
»Er nennt sich vom Berg, stammt aber aus ganz einfachen Verhältnissen. Es wird erzählt, dass ihn seine Mutter an die Kirche verkauft hat. Vor dem musst du dich in Acht nehmen. Wir nennen ihn nur Sterminio. Er füttert zwar Tauben, im Glauben, dass man ihn mit dem Heiligen Geist in Verbindung bringt – aber das sind die Schlimmsten, die selber den Nagelgürtel tragen«, schaltete sich Giacomo in das Gespräch ein.
»Schnall deine Schamkapsel fest, kneif die Arschbacken zusammen und erwarte die Verführungskünste des Teufels mit Gelassenheit«, polterte Rico. »Die warmen Brüder, die auf Frischfleisch aus dem Norden warten, werden dir hin und wieder nachstellen, aber so wie ich dich einschätze, bist du für diese Art von Perversion eher unempfänglich, geh ihnen am besten aus dem Weg!«
»Da kannst du dir sicher sein«, erwiderte Otto mit Nachdruck.
»Rico hat da bereits seine eigenen schlechten Erfahrungen gemacht«, ergänzte Oktavian, und Longus legte los:
»Conschtitutio Criminalisch Carolina Paragraph einhundertschechzschehn, Schodomie: Schtrafe für Unzschucht, scho schie wider die Natur geschieht«, rezitierte Longus offenbar einen zahnlosen Professor, indem er die Lippen zwischen die Zähne presste. »Ferner, wenn ein Mensch mit einem Vieh, Mann mit Mann, Weib mit Weib Unzschucht treiben, haben schie dasch Leben verwirkt, und man scholl schie nach allgemeiner Gewohnheit mit dem Feuer vom Leben zschum Tode richten. Merkt eusch dasch, meine Herren, wenn ihr von eurer Libido übermannt werdet.«
Alle sechs brachen in schallendes Gelächter aus, sodass der Regens Padre Ferrara, der am Magistertisch zu speisen pflegte, einen bösen Blick in ihre Richtung schickte.
»Bei uns in der Natio wird halt viel gelacht«, sagte Giacomo schulterzuckend.
»Was sich hinter den Klostermauern abspielt, bleibt der Justiz ohnehin verborgen, und zudem hat der Papst für die Seinen wohl gesorgt«, ergänzte Oktavian, ein schlaksiger, braun gebrannter Kerl, mit hochgezogenen Augenbrauen in unverkennbarem Lechrainer Dialekt halblaut.
»… nicht alles am ersten Tag, schließlich will er dereinst das Priesteramt bekleiden«, fügte Giacomo mit gespielter Sorge hinzu.
»Ad maiora mala vitanda«, entgegnete Oktavian geheimnisvoll.
Um größeres Übel zu vermeiden? Was meint er damit?, überlegte Otto.
»Na, dann wird es dich als zukünftigen geistlichen Würdenträger ganz besonders interessieren, was hier im Hintergrund gespielt wird«, wurde Oktavian immer mysteriöser.
Was hat denn der Papst damit zu tun?, ging ihm durch den Kopf.
»Ihr seid doch alle hoffentlich gut katholisch?«, fragte Otto und hoffte inständig, dass keiner der neuen Freunde seine Ahnungslosigkeit als Dummheit auslegen würde.
»Alle katholisch, natürlich! Unser Medicus nur zur Hälfte«, antwortete Giacomo, der sich wichtigtuerisch zu Otto über den Tisch beugte. »Du musst wissen, Otto, dass Oktavians Vater, der Protestant Hans III. Honold von Emmenhausen, Lengenfeld und Bronnen, noch mit Martin Luther persönlich an einem Tisch gesessen hat und immerhin Ohrenzeuge eines wahrhaftigen Furzes des Wittenbergers wurde. Des ach so großen Reformators heißer Darmwind hat seine eigene Einstellung zur katholischen Kirche in einigen wichtigen Belangen maßgeblich verändert. Und so ist er dem Drängen seiner päpstischen Frau erlegen, den Sohn abseits der sich gefährlich verbreitenden protestantischen Düfte zum Studium ins entfernte Italien zu schicken.«
Der ganze Tisch lachte herzlich über diese Geschichte, die Giacomo offensichtlich nicht das erste Mal zum Besten gab; Oktavian schien eher gelangweilt und gähnte Otto ostentativ an.
»Am Collegio herrscht allgemein die Ansicht, dass, bevor man sich ganz in den Schoß der Mutter Kirche begibt, das Leben in vollen Zügen und mit all seinen Annehmlichkeiten genossen werden müsste«, meldete sich unversehens Longus zu Wort.
In diesem Moment kam einer der citramontani mit einer großen Schüssel und klatschte jedem der sechs Tischgenossen einen Schöpflöffel von einer undefinierbaren Masse auf den Teller.
»In… In… Ingozzate, teutones!21«, stotterte er und schon hatte Rico einen Batzen Suppe auf seiner Hose. Das ließ der sich nicht gefallen. Er stand unverzüglich auf und seine Nasenflügel fingen an zu beben. »He, Balbetta, cazzo, fa piano!22«, schnauzte er. Der Italiener konnte gerade noch seine Schüssel auf den Tisch stellen. »Fi… Fi… Figurati, teu… teu…« Weiter kam der Italiener nicht, denn Rico versetzte ihm mit seiner Pranke einen Schlag, der ihn rücklings auf den Boden warf. In Windeseile wurden die beiden von den jeweiligen Natio-Mitgliedern getrennt.
Es geht wohl nicht ganz spannungslos zu zwischen Ultras und Citras, beobachtete Otto. Dann schritt Padre Ferrara ein.
»Heinricus Lauber e Antonio Balbetta siete suspensate dal pranzo oggi, andate alla chiesa e pregate per due ore!23«, verhängte er die Strafe mit lauter Stimme. Mit hängenden Köpfen trotteten die beiden Hitzköpfe nach draußen.
»Zwei Stunden beten und nichts zu essen ist ungerecht. Balbetta hat doch angefangen, Rico zu provozieren, das hat jeder gesehen«, protestierte Otto.
»Mit Rico musst du kein Mitleid haben. Er lässt sich halt nichts gefallen und auf die Suppe kann er heute getrost verzichten.« Oktavian zog die Mundwinkel nach unten und spielte gelangweilt mit seinem Löffel.
»Im Laufe der Woche wird die Suppe beständig dicker«, konstatierte Longus und stocherte in seinem Teller herum.
»Alles, was heute übrig bleibt, kommt morgen in leicht veränderter Form wieder auf den Tisch. Am Freitag kann es sein, dass der Löffel stecken bleibt, und am Samstagabend profitieren dann die Schweine von den letzten Resten; Saufraß, du verstehst, Otto!« Longus grunzte und die anderen lachten.
»Genießbar ist das Essen eigentlich nur sonntags und feiertags, wo auch einmal Pasta, Fleisch oder Knödel auf den Tisch kommen, bevor am Montag ein neuer circulus beginnt«, brachte Giacomo die Sache auf den Punkt.
Otto ließ sich nicht beeindrucken und löffelte weiter. »Ich weiß nicht, was ihr habt, die Suppe ist gar nicht so schlecht!« Er war so hungrig, dass er an diesem Abend fast alles gegessen hätte.
Nach dem Abendessen und einem kurzen Besuch in der Krankenstation erklärte Giacomo Otto den weiteren Ablauf des Abends, während sie sich mit den anderen Scholaren in der Klosterkirche zur gemeinsamen Komplet versammelten.
»Mit den Kuttenbrüdern sind wir, Gott sei Dank, nur zum Teil in den klösterlichen Alltag eingebunden. Da tagsüber Vorlesungen und Verpflichtungen an verschiedenen Orten der Universität anstehen, werden lediglich Laudes und Komplet zusammen mit den Mönchen in der Klosterkirche gebetet.«
»Ah ja«, gähnte Otto. Er war so müde, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte.
»Jetzt schlaf dich erst mal aus und gönn deinen geschundenen Füßen ein wenig Ruhe«, riet ihm Giacomo auf dem Weg ins Dormitorium. »Morgen werde ich dir alle anderen Dinge erklären.«
Otto warf seine Kleider über einen Stuhl, legte sich auf seine Rosshaarmatratze und deckte sich mit dem prall gefüllten Federbett zu. Endlich war er angekommen in der Welt, von der er sich so viel versprochen hatte. Gute Freunde zu finden, würde sehr wichtig sein. Das hatte er schon heute, an seinem ersten Tag, gespürt.
Sie haben hier irgendein Geheimnis. Der Papst hat für die Seinen wohl gesorgt. Was hat Oktavian damit gemeint? Das Böse würde in Gestalt von nichtsnutzigen Weibern lauern? Seltsam, dieser hilfsbereite Dominikaner, der Tauben füttert und vor dem Teufel warnt. Sterminio heißt doch das Verderben. Otto sinnierte über die Vorkommnisse des Tages und die Begegnung mit dem eigenartigen Pater auf der Piazza, aber noch bevor er sein Abendgebet beginnen konnte, hatte ihn der Schlaf eingeholt.
12 8. September
13 Idiot, du bist zu spät!
14 Deutscher Student, Frau, sei ruhig!
15 Entschuldige, sei willkommen! Wie heißt du? Was bist du mager.
16 Was für ein hübscher Junge, schau, die blauen Augen! Du Armer, was bist du schmutzig!
17 Wie ärgerlich, Ihr habt meine Tauben verscheucht!
18 Grammatik, Rhetorik, Dialektik.
19 Noch einer von jenseits der Berge!
20 Wenn Ihr erlaubt, Padre, zeige ich ihm das Haus.
21 Fresst, ihr Deutschen!
22 Du Schwanz, bleib ruhig!
23 Verlasst das Abendessen, geht in die Kirche und betet zwei Stunden.
9
Leeder, 15. September 1560
»Da können wir uns drehen und wenden, wie wir wollen, der sonntägliche Kirchgang muss als lutherischer Predigtgottesdienst durchgeführt werden.« Jacobus Rehlinger war etwas ungehalten.
Anna hatte an diesem Abend die Frage in die versammelte Runde geworfen, ob man sich nicht den teuren Unterhalt der Kirche sparen könnte. »Es tut mir leid, wenn ich dich mit meinem Vorschlag erzürnt habe, Jacobus, aber die meisten von uns leben nach dem Vorbild Caspars und besuchen die Kirche nur als Vorwand«, versuchte sie, die Wogen zu glätten, und Georg nickte ihr bestätigend zu.
»Um uns nicht auf dem eigenen Territorium angreifbar zu machen, ist es geradezu überlebenswichtig, den Augsburger Religionsfrieden umzusetzen. Nicht wenige der Altgläubigen laufen hinauf nach Denklingen, um ihre Sakramente zu empfangen. Wir stehen dadurch ständig unter Beobachtung.«
Anna wurde durch ein Geräusch vor der Tür abgelenkt. Als sie nachschaute, stand Hieronymus vor ihr und umarmte sie innig.
»Wach auf, mein Seel«, rief er in den Raum. »Ich wollte euch nicht stören.«
Das »Lobsinge seinen Namen« schallte ihm vielfach zurück. Anna bat ihn herein und spürte sofort, dass ihn irgendetwas bedrückte. Jacobus, Georg und Emanuel begrüßten ihn.
»Was führt dich zu uns, Oheim? Wir waren gerade dabei, über unsere protestantische Gottesdienstordnung zu beratschlagen, setz dich!«, lud Anna ihn ein.
Hieronymus Rehlinger zögerte nicht lange und verkündete die Neuigkeit: »Anton Fugger ist gestern überraschend gestorben.«
»Der Herr sei ihm gnädig. Ein großer Verlust für die Katholischen«, bemerkte Jacobus.
»Ich würde sagen, für die ganze Stadt und weit darüber hinaus. Denn schließlich war er es, der nach dem Augsburger Religionsfrieden mit beiden Konfessionen im Dialog geblieben ist und bemüht war, bei seinen Einladungen vor allem die protestantische Seite zu berücksichtigen. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie er katholischen Würdenträgern das cuius regio, eius religio24 erklärt hat: Es muss ein friedliches Nebeneinander geben, liebe Freunde, selbst wenn die politischen Konsequenzen für die katholische Kirche bitter und einschneidend sein werden. Es war ihm damals als kaiser- und papsttreuem Katholiken vollkommen bewusst, dass die Reformation nicht rückgängig zu machen war und sich die Äbte und Bischöfe mit dem Verlust von Zehnt und Steuereinnahmen wohl abfinden mussten«, berichtete Hieronymus.
»Ist es nicht so, dass sich die Katholiken mit ihrem Ablasshandel, der Unterdrückung der Bauern und der Förderung von Leibeigenschaft den Zorn Luthers und damit auf lange Sicht auch die Reformation selbst zuzuschreiben haben?«, mischte sich Anna in die Diskussion ein.
»Dass sich Martin Luther auf dem falschen Weg befunden hat, beweist die Tatsache, dass er dazu aufgerufen hat, die Bauernaufstände niederzuschlagen, und seine Leute Kirchen geplündert, angezündet und geschändet haben«, fügte Emanuel hinzu.
»Du darfst nicht vergessen, mein lieber Bruder, dass mit dem Beschluss des Reichstags, nur zwei Konfessionen zuzulassen, auch wir, zusammen mit Calvinisten, Täufern, Zwinglianern und Utraquisten, der Verfolgung ausgesetzt wurden«, ereiferte sich Jacobus.





