Das Ketzerdorf - Der Aufstieg des Inquisitors

- -
- 100%
- +
»Alle großen Städte des Reiches werden sich zumindest auf eine Parallelität der Konfessionen einstellen müssen. In den meisten wird dies bereits seit Jahren gelebt, nur in Augsburg tut man sich schwer mit dieser unausweichlichen Tatsache. In der Unfähigkeit, diesen Dualismus anzuerkennen, verfolgen sie alle anderen und stürzen sich auf uns, um von der eigenen Engstirnigkeit und Verblendung abzulenken. Die öffentliche Verbrennung unserer Bücher vor zwei Jahren war der sichtbare Beweis, dass es in Augsburg bis in die höchsten Kreise hinauf an der notwendigen religiösen Toleranz mangelt.« Hieronymus’ Miene hatte sich während seiner Erzählung verdüstert. Anna vernahm mit Betroffenheit die Schilderung des Onkels.
»Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, und damit seid ihr, die junge Generation, gemeint, dass wir eigenständig bleiben müssen und wirtschaftlich gesund, um uns die katholischen Usurpatoren vom Leib zu halten. Auch der Herzog in München unternimmt alles, um uns das Leben schwer zu machen. Es kümmert ihn wenig, dass wir absolut konform mit den Augsburger Reichstagsbeschlüssen leben und handeln«, sagte Jacobus.
»Was haltet ihr davon, wenn wir hinuntergehen und ich das Abendessen auftischen lasse? Hieronymus hat eine weite Reise hinter sich und bestimmt einen mächtigen Appetit mitgebracht.«
»Dann tun wir der Schlossherrin den Gefallen und lassen uns nicht lange bitten.« Georg stand als Erster auf und Anna ertappte sich dabei, dass sie ihn – wie bei jeder sich bietenden Gelegenheit – beobachtete.
24 Wessen Herrschaft, dessen Religion.
10
Bologna, San Michele25 1560
»Was meinte Oktavian eigentlich mit der Bemerkung Ad maiora mala vitanda?«, fragte Otto seinen neuen Freund Giacomo, als sie an diesem Feiertag zum Festgottesdienst in die Klosterkirche gingen. Es war ihm einfach nicht aus dem Kopf gegangen.
»Ich weiß ja nicht, wie der Klerus bei euch darüber denkt. Im Kirchenstaat, zu dem Bologna gehört, nimmt man es mit dem Zölibat nicht ganz so streng. Die meisten Geistlichen leben mit Konkubinen oder leisten sich Kurtisanen. Die Kinder, die dadurch entstehen, fallen ihnen bald zur Last. Die Päpste selbst gehen ja mit leuchtendem Beispiel voran: Papst Julius II. hatte deren drei, Paul III. sogar vier, und der jetzige Papst Pius IV. soll mehrere Geliebte haben, die ihm jederzeit zur Verfügung stehen.«
»Davon wird im Domkonvikt allenfalls gemunkelt. Dass sogar die Päpste eigene Kinder haben, wusste ich nicht«, bemerkte Otto und überspielte seine Überraschung.
»Vor einigen Jahren, unter Julius III., ist man dazu übergegangen, quasi als Vorsorgemaßnahme, Häuser einzurichten, in denen die geistlichen Herren, die es sich nicht leisten können, eine eigene Bettgefährtin oder Haushälterin auszuhalten, unter kirchlicher Kontrolle ihrer Libido frönen können. Julius’ Nachfolger wollte, dass alle Bordelle, auch die katholischen im Kirchenstaat, geschlossen werden. Bisher hat sich aber niemand daran gehalten, denn inzwischen haben wir ja Pius IV. Hier in Bologna gibt es so ein Haus, genannt casa di tolleranza, wir nennen es ›Castello‹. Ein Badehaus ausschließlich für Kleriker mit einem angeschlossenen Bordell.«
Otto kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. »Das sind ja aufregende Neuigkeiten«, entfuhr es ihm, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte.
»Eisernes Stillschweigen darüber, Otto! Es gibt in der Stadt sehr aufmerksame Ohren, die begierig sind, alles, was jenseits der Legalität getrieben wird, bei den richtigen Stellen zu deponieren!«
»Ad maiora mala vitanda bedeutet also, dass es der Kirche lieber ist, dass ihre Geistlichen in geordneten Verhältnissen Unzucht treiben, als dass unzählige Pfaffenkinder von der doppelten Moral ihrer geistlichen Väter zeugen«, fasste Otto zusammen.
»Das hast du messerscharf erkannt, mein Lieber! Schelbscht Thomasch von Aquin verglich die Funktion der Proschtitution für die Geschellschaft mit einer Kloake, die im Palascht für Schauberkeit schorgt«, ergänzte Giacomo lachend und fuchtelte mit dem rechten Zeigefinger, den schon bekannten Professor nachahmend.
Otto stellte sich vor, wie es wohl sein würde, den Professor zum ersten Mal selbst zu hören. Inzwischen waren sie vor dem Portal der Kirche angekommen. Dort hatte sich eine Menschentraube gebildet.
»Ich lasse mir nicht den Tisch des Herrn verwehren!«, schrie eine Frau aufgeregt und die Umstehenden pflichteten ihr lautstark bei.
»Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifriger Gott!« Erminio vom Berg hatte sich vor ihr auf der obersten Stufe platziert und hielt ihr die ausgestreckte flache Hand abwehrend entgegen.
Otto war schnell klar, dass dieser Frau Unrecht widerfahren würde.
»Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie! Was habt Ihr denn dieser Frau vorzuwerfen?«, mischte er sich auf Deutsch in die Auseinandersetzung ein. Giacomos Versuch, ihn davon abzuhalten, kam zu spät.
»Mutig, mutig! Ich bewundere Euch, von Gemmingen, kaum zwei Wochen in der Stadt und schon das Maul aufreißen! Ich will es Euch sagen: Diese Frau hat einen Priester verführt und lebt mit diesem in Sünde, darum soll sie im Staub liegen und Buße tun, anstatt die Wohnung des Herrn mit ihrer Anwesenheit zu besudeln. Und Euch empfehle ich mehr Respekt angesichts der geistlichen Autorität.« Erminio warf einen zornigen Blick auf Otto und Giacomo.
»Leg dich lieber nicht mit ihm an«, flüsterte sein Freund Otto zu.
Otto aber ließ sich nicht beirren. »So ihr den Menschen ihre Sünden vergebt, so wird der himmlische Vater sie auch euch vergeben. Matthäus, Kapitel sechzehn, Vers vier«, rief er dem Dominikaner über die Schaulustigen hinweg zu und erntete dessen höhnisches Lachen. Nachdem es verklungen war, war es auf dem Platz so still, dass man nur noch das Gurren der Tauben vom Kirchturm hörte.
Otto spürte Giacomos Hand an seinem Arm, der ihn durch die Menge zurück an den Seiteneingang zog. Otto ließ sich nur widerwillig wegzerren.
»Wie kommt dieser Mensch dazu, sich über die Worte des Herrn zu erheben, frage ich dich.«
»Da hast du dir den falschen Gegner ausgesucht, Otto! Erminio ist mächtig und durchaus in der Lage, dir das Leben zur Hölle zu machen. Ich verstehe dich ja, dass du Ungerechtigkeit, noch dazu gegen Schwächere, nicht ertragen kannst. Es gibt aber andere Möglichkeiten, ihn zu ärgern, wart es ab.«
Während des Gottesdienstes gingen Otto alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Ein Geistlicher darf sich in einem Bordell den körperlichen Freuden hingeben und steht anschließend wieder am Altar des Herrn. Einem Weib, das mit einem Priester verkehrt, wird dagegen der Zugang zu den Sakramenten verwehrt.
Sein Glaubensgefüge hatte einen Riss bekommen.
Am Abend saßen die Ultras in ihrer Lieblingstaverne und erzählten sich von ihren Erlebnissen aus den Ferien.
»Da haben wir einen guten Fang gemacht!« Giacomo stieß Otto wie einem alten Freund mit seinem Ellenbogen in die Seite.
»Das hättet ihr heute hören sollen, wie Otto vor allen Leuten die Konkubine eines Pfaffen verteidigt hat. Das hatte Sterminio nicht erwartet, dass er vor der Kirche auf Widerstand stoßen würde.«
Otto überhörte das Kompliment. »Ihr erzählt mir, dass sich Geistliche im Bordell vergnügen dürfen. Hingegen verlieren Sünderinnen mit demselben Vergehen den Zugang zu den Sakramenten. Liegt denn darin nicht ein grober Widerspruch?«
»Sicherlich wird hier mit zwei verschiedenen Maßstäben gemessen. Das ist, wie so oft, eine Sache der Auslegung, Otto. Selbst der oft zitierte Aquinate ist der Meinung, dass Blicke, Berührungen und Küsse nur in Verbindung mit Wollust den Akt der Sünde darstellen, und Weiber sind ja bei den Katholiken von jeher sündhaft«, konterte Oktavian.
»Ach ja, du hast ja einen protestantischen Vater. Ist Sünde nicht immer Sünde, egal, ob Mann oder Weib, katholisch oder protestantisch?«, entgegnete Otto etwas verwirrt.
»Dann soll mir jemand Wollust nachweisen! Und außerdem wird dir doch in der Beichte Unschamhaftigkeit in Reden und Handeln mit ein paar Vaterunsern verziehen«, mischte sich Rico ein.
»Wenn ich das meinem Vater erzähle, konvertiert der zu den Lutherischen«, reagierte Otto entsetzt. »Woher wisst ihr eigentlich von diesem Bordell? Oder habt ihr euch das alles nur ausgedacht?«
»Wenn dir mal danach ist, nehmen wir dich gerne mit, dann kannst du dir für ein paar Tage die Handarbeit sparen«, bot ihm Rico an und klopfte Otto lachend auf die Schulter.
»He, Rico, langsam, langsam, und vor allem nicht so laut! Natürlich ist das alles geheim und geschieht absolut im Verborgenen«, mahnte Giacomo und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen.
»Rico ist vor zwei Jahren mit einem älteren Kommilitonen aus der Natio der Sache auf die Spur gekommen, als sie einen Bruder erwischt haben, wie er es hinten im Ökonomiegebäude mit einem Schaf getrieben hat. Wenn sie ihn verpfiffen hätten, hätte er wohl mit dem Schlimmsten rechnen müssen.« Giacomo zog mit der Handkante den Hals entlang. »Entgangen ist er seiner Strafe nur, weil alle die Geschichte für sich behalten haben. Der Bruder hat zum Dank den beiden den Zugang zum Castello verschafft und versorgt sie bis heute mit der jeweils gültigen Losung, die dort die Türen öffnet.«
»Ihr habt ihn erpresst?«, staunte Otto.
»Wenn du so willst, profitieren beide davon. Dem Bruder rettete es das Leben und ersparte ihm den vorzeitigen Abgang ohne Sakramente in die Hölle, uns hingegen öffnet es die Pforten ins irdische Paradies«, legte Giacomo schwärmerisch dar.
»Warst du denn bereits in diesem Castello?«, wollte Otto wissen, nun doch neugierig geworden.
»Einige von uns sind dort regelmäßig, ich nur gelegentlich.« Giacomo grinste in sich hinein.
»Um dort nicht irgendwelchen bekannten Gesichtern zu begegnen, kannst du eigentlich nur während der Gebetszeiten oder an Tagen, an denen die Herren ihren seelsorgerischen Pflichten nachgehen, dort aufkreuzen, was wiederum den Nachteil hat, dass du Schwierigkeiten bekommst, wenn sie dich nicht in der Kirche antreffen.«
»Wollt ihr unseren neuen Freund wirklich schon in die Geheimnisse einweihen? Du musst verstehen, Otto, wir kennen dich kaum, und die Sache darf niemals herauskommen«, meinte Oktavian.
»Sein Auftritt heute Morgen war Beweis genug, dass man sich auf ihn verlassen kann«, wandte Giacomo ein.
»Es weiß nur ein halbes Dutzend verschworener Leute von der Natio darüber Bescheid, und das muss so bleiben, sonst kriegst du es mit mir zu tun«, flüsterte Rico ihm bedrohlich ins Ohr.
»Ihr könnt euch auf mich verlassen«, versicherte Otto etwas verdattert.
»Jetzt ist genug geredet«, beendete Giacomo das Gespräch abrupt, als sich immer mehr Bekannte von der facultas an den Tisch setzten.
»Inter pedes virginum gaudium est juvenum26«, sangen sie mit vereinten Kräften und Otto kam nicht umhin, ebenfalls mit einzustimmen. Während der Trebbiano das Übrige tat, um die Zungen zu lockern, beschloss Otto nach dem dritten Becher im Stillen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und für alles offen zu sein, was da auf ihn zukommen mochte.
»Giacomo, du sollst sofort zu Ferrara kommen, es ist etwas mit deinem Vater!«, schrie auf einmal Longus in die Runde. Er musste gerannt sein, so schwer, wie er atmete.
Giacomo stand mit versteinerter Miene auf und die Gesänge am Tisch verstummten augenblicklich. Für Otto war klar, dass der Himmel ein Zeichen zur Warnung geschickt hatte.
Sicher ist es nicht gottgefällig, was hier geschieht. Der arme Giacomo!
25 29. September
26 Das Vergnügen der jungen Burschen liegt zwischen den Beinen der Jungfrauen.
11
Leeder, November 1560
»Wo der Meister sich wohl jetzt befinden mag?« Jacobus Rehlinger sprach Anna aus der Seele. Es war der Gedanke, der alle im Schloss versammelten Anhänger und Freunde Schwenckfelds seit Langem beschäftigte. Anna hatte sich viel Mühe gegeben, um das Konventikel in der Form abzuhalten, wie Jacobus es ihr aus der eigenen Erfahrung mit Caspar weitergegeben hatte, und doch hätte sie es wenigstens einmal mit ihm selbst erleben wollen.
»Ich vermute, dass er sich in Öpfingen oder in Memmingen aufhält. Er folgt einer göttlichen Eingebung, die ihn behütet und vor Verfolgung bewahrt«, wandte Georg Mayer ein.
»Und ich habe ihm immer noch nicht begegnen dürfen. Was wohl seine überstürzte Abreise am Tag vor unserer Hochzeit ausgelöst hat? Ob er vor den Schergen des bayerischen Herzogs fliehen musste?«, sagte Anna und seufzte vernehmlich.
»Du trägst ihn in deinem Herzen, und nur das zählt. Agnes Martt wird jeden Tag aus Augsburg erwartet. Bestimmt wird sie Neuigkeiten mitbringen. Dort weiß man immer, wie es um ihn steht.« Emanuel nahm Anna in den Arm. »Darf ich dich um die Bibellesung bitten, Georg? Jacobus wird heute die Predigt übernehmen.«
Anna genoss es, Gastgeberin zu sein. Sie war es, die die Lieder aussuchte und nach dem Konventikel aus der Küche auftischen ließ. Auch wenn sie an diesem Sonntagabend erkennen musste, dass die Gespräche sich weniger um das seelische oder leibliche Wohl drehten, sondern erfüllt waren von der Sorge um Caspar.
»Wir hätten ihn nicht ziehen lassen dürfen; in den Monaten, die er hier verbracht hat, sind wir zu einem wichtigen Zentrum seiner Lehre geworden. In Schäfmoos war er jedenfalls sicher und behütet. Die Sorge um sein Wohlergehen und sein Leben teilen wir alle. Lasst uns miteinander für ihn beten, dass der Herr, unser Gott, ihm das Geleit gebe und ihn auf sicheren Pfaden führe.«
Anna stellte bewundernd fest, dass Jacobus Rehlinger wie immer die richtigen Worte gefunden hatte, und sie beneidete alle im Raum, die die unerklärliche und glückselig machende Ausstrahlung Caspars am eigenen Leib hatten erfahren dürfen.
12
Bologna, Weihnachten 1560
Am Vorabend des Weihnachtsfestes lagen die Freunde in ihren Betten und Otto sinnierte. »Denkt ihr nicht manchmal an eure Eltern?« Er ertappte sich dabei, wie wenig seine Gedanken in letzter Zeit bei seiner Familie waren. Das Studium forderte ihn so sehr, dass er kaum an irgendetwas anderes denken konnte. Bis jetzt hatte er nie den Heiligen Abend ohne sie verbracht.
»Ich denke oft an meinen Vater«, antwortete Giacomo. »Ihr müsst wissen, dass er den jähen Tod gestorben ist, ohne Sakramente und Letzte Ölung, nun müssen wir alles daransetzen, um ihn aus dem Fegefeuer zu befreien.«
»Ich werde ihn in meine Gebete einschließen«, versuchte Otto, seinen Freund zu beruhigen.
»Wisst ihr, warum Oktavian nicht im Collegio ist?«, wollte Otto wissen.
»Ich glaube, er macht einen Besuch bei seinem älteren Bruder in Venedig. Die Honolds machen dort gute Geschäfte, und ehrlich gesagt würde ich ebenfalls lieber in einem Palazzo am Canale Grande das Fest verbringen als in unserem muffigen Kloster«, erklärte Giacomo. »Vor allem ist es wichtig für mich, auf andere Gedanken zu kommen.«
»Du brauchst ein wenig Abwechslung, Giacomo. Die Citras sind fast alle zu ihren Familien nach Hause gereist, der Regens ist in Rom und das bedeutet für uns, dass die Katze aus dem Haus ist, ihr Ratten! Lasst uns am Heiligen Abend das Fest der Nächstenliebe feiern, wie Luther es so schön genannt hat. Während die Brüder ihre Christmette zelebrieren, statten wir den Mädchen im Castello einen Besuch ab, sozusagen eine delectatio carnalis27. Francescos Vögelchen werden deinen Alten schnell vergessen machen.« Rico pfiff durch die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen. »Was meinst du, Giacomo, wollen wir den Kanonikus mitnehmen?« Dabei wandte er sich Otto zu. »Hast du denn überhaupt Lust mitzukommen?«
Otto hatte all die Wochen nicht mehr an die casa di tolleranza gedacht, zu sehr war er mit den Vorlesungen, den Büchern und den Aufgaben beschäftigt, die sich auf seinem Schreibpult stapelten. »Was glaubt ihr denn? Natürlich komme ich mit.« Er klang überzeugter, als er war, aber er wollte auf keinen Fall ein Spielverderber sein, schließlich war er doch in Italien, um das Leben und alles, was es zu bieten hat, richtig kennenzulernen.
»Holst du morgen das Losungswort ab?«, fragte Giacomo Rico.
»Nicht nötig, ich denke, es gibt erst im neuen Jahr einen Wechsel der Losung, so lange ist die alte gültig«, flüsterte Rico und Otto spitzte die Ohren.
»Also sub tuum praesidium«, wiederholte Giacomo.
»Schrei noch lauter!«, zischte Rico. »Sub tuum praesidium! Otto, hast du gehört?«
Otto konnte mit der Übersetzung »unter deinen Schutz« keinen Zusammenhang zu einem Bordell herstellen. »Ich bin ja nicht taub! Ich versuche nur, mir den morgigen Abend bildhaft vorzustellen, und stolpere über die Tatsache, dass es eigentlich eine schwere Sünde ist, was wir da vorhaben.«
»Jetzt hör auf mit deinen Moralvorstellungen, Otto. Alle machen es, vom Papst über die Rotkappen und Bischöfe, bis hinunter zu den Pfaffen und Kuttenbrunzern.« Otto kannte bereits die markigen Sprüche Ricos. Sie rangen ihm nur ein müdes Lächeln ab.
»Danke für euer Vertrauen, ich werde mir ja wohl Gedanken machen dürfen. Wie hältst du es eigentlich mit der Tugend, Giacomo? Bist du nicht so erzogen worden, die Zehn Gebote einzuhalten und in Rechtschaffenheit und Gottesfurcht durch das Leben zu gehen?«
»In unserer Familie hat man es mit der Hilfe Gottes zu großer Macht und Einfluss gebracht. Ibi fas ubi proxima merces28. Niemand aus unserer Familie würde all die skrupellosen Geschäfte, die mein Großvater und mein Vater mit Königen, Kaisern und sogar dem Papst gemacht haben, als verwerflich und unmoralisch bezeichnen. Bei uns lebt man nach der Devise: Gut ist, was uns nützt. Mein Großonkel Jakob war sein Leben lang ganz eng mit der Kirche verbunden. Hinter all seinem Tun standen sein guter Wille und der Wille des Allmächtigen. Auch wenn in den Kriegen, die er dem Kaiser finanziert hat, Tausende von unschuldigen Menschen ihr Leben verloren haben, war es für ihn und sein Gewissen ausreichend, für diese armen Seelen in Augsburg eine eigene Kapelle zu bauen und ausstatten zu lassen. Mit seinen Zinsen, die er für das Verleihgeschäft verlangt hat, hat er sich nicht nur zum reichsten Mann der Welt gemacht, sondern gleichzeitig Tausende in die Armut und in den Tod getrieben. Weil er aber ein rechter Fugger ist, hatte er selbst dafür mit dem lieben Gott eine Vereinbarung getroffen: Er stiftete eine Siedlung für Arme und Bedürftige. Die Leute wohnen dort umsonst und sprechen dafür täglich einmal ein Vaterunser, ein Credo und ein Ave-Maria für den Stifter und meine Familie. Aber wem erzähle ich das alles, man kennt ja die Geschichten über unsere Familie. Du hast nur ein Leben, das du nach deinem Gutdünken gestalten kannst. Wenn du deinem Gott am Altar dienen und auf das fleischliche Glück verzichten willst, dann tu es! Wenn du dein Leben in einem Kloster verbringen willst, wer hindert dich? Aber jetzt lerne die Welt kennen, die die katholische Kirche als schlecht und verdorben darstellt. Mach dir dein eigenes Bild von dem, was in der katholischen Badestube vor sich geht, hinterher kannst du immer noch zum Pfaffen gehen und deine Sünden beichten.«
Selbst wenn Giacomo nicht so brillant argumentiert hätte, Otto war inzwischen gerne bereit, sich überzeugen zu lassen. Er sehnte sich nach der Wärme und Geborgenheit eines anderen Körpers. Die Nächte waren frostig und im großen Dormitorium stand nur ein kleiner Ofen, der kaum verhindern konnte, dass sich an den Fenstern Eisblumen bildeten. Wer wollte, konnte sich für das Bett einen heißen Stein aus der Küche nehmen, der für ein paar Stunden Wärme verbreitete. Er beschloss, einen solchen zu holen.
»Sub tuum praesidium confugimus, Sancta Dei Genetrix. Nostras deprecationes ne despicias in necessitatibus, sed a periculis cunctis libera nos semper, Virgo gloriosa et benedicta.29« Otto repetierte leise und gebetsmühlenartig die Marienantiphon, während er mit einer Kerze in der Hand die drei Stockwerke zur Küche hinunterstieg.
Als Otto mit dem Stein in der Hand und dem Psalm auf den Lippen zurückkehrte, lästerte Giacomo: »Im Castello wissen sie mit deinen Nöten umzugehen, Herr Kanoniker.«
»Silentium finalmente, teutones!«, beschwerte sich lautstark der Citra, der als Einziger die Feiertage nicht zu Hause verbrachte; streng genommen war nach dem Löschen der Kerzen jegliche Unterhaltung untersagt.
»Habt ihr nicht Sorge, dass der Citra etwas gehört haben könnte?«, fragte Otto besorgt.
»Ach, der versteht kein einziges deutsches Wort, darauf verwette ich meinen Teutonenarsch«, antwortete Rico lachend.
Otto lag noch lange wach, er war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite das Kanonikat, die Erwartungen seines Vaters, seine Heimat, die Kirche, auf der anderen Seite das Leben, das Verbotene, die Lust und das Verlangen des eigenen Körpers. Erst als der heiße Stein längst seine ganze Wärme abgegeben hatte und von den anderen Betten lautes Schnarchen zu vernehmen war, schlief er endlich ein.
Sie hatten gewartet, bis die Glocken verstummt waren, die die Christmette einläuteten, dann zog Otto mit Giacomo und Rico los. Die Nacht war kalt und neblig.
»Und was, wenn wir erwischt werden?«
»Scheiß dir nicht ins Hemd, Otto«, entgegnete Rico.
»Da in der Christnacht die Vigil in der Regel als Nachtwache abgehalten wird, ist die Wahrscheinlichkeit, im Castello ein bekanntes Gesicht zu treffen, sehr gering«, versuchte Giacomo, Ottos Bedenken zu zerstreuen.
»Die meisten Leute sitzen in einer der Kirchen; die Geistlichkeit sowieso.«
Sie hatten ihre schwarzen Umhänge angelegt. Giacomo trug die Öllampe und leuchtete.
»Ich komme mir vor wie eine der lichtscheuen Gestalten, die ihre Arbeit im Dunkeln verrichten: Abdecker, Henker und Verdingmörder«, murmelte Otto.
»Da vorne in die Via Marsili, links in die Via Urbana und schon sind wir in der Via Senzanome, dort liegt die casa di tolleranza«, flüsterte Giacomo geheimnisvoll.
Er spielt nur zu gern den Fremdenführer, dachte Otto und fragte: »Warum ist Longus nicht mitgekommen?«
»Er macht sich nichts aus Weibern«, antwortete Rico »dafür kann er wie kein anderer Leute nachahmen und Witze erzählen.«
»Nach dem Studium will er eine geistliche Karriere einschlagen, am liebsten in einem Kloster. Na, die werden viel Spaß mit ihm haben! Er ist ein guter Kerl. Da das Collegio nach der Komplet abgesperrt wird und es keine Möglichkeit gibt, ins Gebäude zu kommen, wartet er im Studierzimmer auf uns, um uns nach unserer Rückkehr durch ein Fenster neben der Küche hineinzulassen«, erklärte Giacomo.
»Was erwartet uns in dieser casa di tolleranza?«, fragte Otto.
»Ein Kastrat und ein Haufen junger Weiber, die ihre feuch…«
»Rico, bleib gelassen!«, unterbrach ihn Giacomo. »Viele von den Mädchen dort haben ein schweres Schicksal zu ertragen. Die meisten von ihnen stammen aus katholischen Waisenhäusern. Sie sind uneheliche Kinder von Geistlichen, die von Nonnen erzogen wurden, oder ihre Eltern sind tot. Der Lebensweg von Waisen endet gewöhnlich im Frondienst eines Klosters oder eines Spitals, nur die hübschen und kräftigen Mädchen werden für spezielle Aufgaben ausgewählt; immerhin haben sie einen besonderen Status.«
»Offiziell gelten sie als Bademägde, deren Aufgabe es ist, jede Woche den geistlichen Kunden die Schwarten zu säubern«, merkte Rico an und lachte.
»Es ist ihnen daher erlaubt, sich ohne besondere Kennzeichnung frei in der Stadt zu bewegen«, ergänzte Giacomo. »Für normale Huren sind ein gelbes Gewand oder zumindest gelbe Schleifen vorgeschrieben. Unsere Bademägde dürfen die Sakramente empfangen und stehen, wie alle in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeeinrichtungen Beschäftigten, unter dem besonderen Schutz der katholischen Kirche, die sie darob als ihr Eigentum betrachtet. Wobei es nicht wenige in der Kirche gibt, die sie am liebsten zum Teufel jagen würden.«
Otto klopfte das Herz bis zum Hals, als sie vor der unscheinbaren Stadtvilla ankamen.
»Ach ja, bevor ich es vergesse, Otto: Es gibt ein paar Spielregeln zu beachten. Zum einen, verrate niemals deinen Namen und deine Herkunft, und das Wort ›Collegio‹ darf nie fallen. Wir sind alle drei Novizen eines Klosters, verstanden! Die Mädchen sind ebenfalls angehalten, nicht über sich zu sprechen oder ihren wahren Namen zu nennen; also nicht nachfragen und keine Küsse auf den Mund, hörst du! Zum anderen mögen sie es, wenn du dich vorher gebadet hast; außerdem gibt man am Ende für die geleisteten Dienste mindestens zwei Bolognini.«





