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Und zwar so: Je nach körperlicher Konstitution beginnt sich ab 0,5 Promille das Gesichtsfeld einzuschränken. Wesentliche Einflußfaktoren sind lokaler und meteorologischer Natur, aber auch Charakterstruktur und Ausgangsstimmung (Trinkaktivatoren und Trinkziel) des Biertrinkers. Je nachdem erfährt er Empfindungen von Zufriedenheit oder konträrer Niedergeschlagenheit, gefolgt von protrahierter Reaktionsfähigkeit und psychischer Entkrampfung. Die Risikobereitschaft nimmt zu, bis hin zum Angstverlust. Daneben macht sich ein ausgeprägtes Großartigkeitsgefühl breit, welches wir auch mit dem Begriff Sorglosphase umschreiben. Die Sinnkontinuität bleibt erhalten.
Ab 1,2 Promille beobachten wir eine gewisse Disharmonie des muskulären Zusammenspiels. Im Verein mit dysphorischen Stimmungen werden nur noch Bruchstücke von Sätzen oder Ausrufe in lauter Form vorgebracht. Die Merkfähigkeit verringert sich rapide (Inselgedächtnis). Das kann für den Beobachter mitunter stark unterhaltsame Züge aufweisen. Die erkenntnispraktischen Turbulenzen umrahmen sämtliche lebensweltlichen Teilgestade: Innerhalb einer biertrinkenden Gruppe entstehen Schlägereien aus geringstem Anlaß, beziehungsweise ohne daß eine thematische Unterschiedlichkeit der Auffassungen begründet ist. Oder alle am Tisch sind Freunde, die geheimnisvolle erste Millionstelsekunde nach dem Pilsener Urknall läuft in Superzeitlupe vor dem inneren Auge des Biertrinkers ab, Black Sabbath sind auf einmal besser als Deep Purple, selbst die holzbusige Kellnerin verliert schlagartig wesentliche Komponenten ihrer sexuellen Unattraktivität, und selbstverständlich wird jetzt noch eins getrunken!
Erst der schwere Rausch, verursacht ab etwa 2,5 Promille, läßt lebensbedrohliche Ausfallerscheinungen sämtlicher Funktionen und Reaktionen zu. Das Erspüren der sozialen Situation ist erheblich gestört, wenn nicht ausgehebelt. In einem derartigen Intoxikationszustand sind Handlungen, die einen Sinnbezug zeigen, selten.
Wie oben erwähnt, nimmt sich die Leber des Ethanolabbaus an, denn ein dauerhafter Verbleib dieser beliebten Erfrischungssubstanz kann aus toxikologisch eindeutigen Gründen nicht befürwortet werden. Zumal in der Abflutungsphase unerbittlich Ermüdungserscheinungen und Energieverlust dominieren. Im Volksmund wird die Leber daher auch als »Entgiftungsstation« verhöhnt. Sie bedient sich während dieser Verrichtungen des von ihr monopolistisch produzierten Enzyms Alkoholdehydrogenase. Dieses Enzym destruiert das Bierethanol unter tatkräftiger Zuhilfenahme von Wasserstoff (daher Flüssigkeitsbedarf!) mit einer gleichbleibenden Geschwindigkeit von annähernd 0,1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht und Stunde bei den Herren und etwa 0,085 Gramm bei den Damen. Eine strenge Kommission wacht über die exakte Einhaltung dieses ehrgeizigen wenngleich nachgewiesenermaßen frauenfeindlichen Zeitplanes. Für die Anwender regelmäßiger Ethanolzuführungen steht zudem ein ergänzender Enzymkatalog zur Verfügung, den wir MEOS abkürzen: Microsomal Ethanol Oxidizing System. Hier spielt der Sauerstoff eine gewisse Rolle (bleibt nach der Abspaltung von Wasserstoff übrig; tja, wohin damit?). Rivalitäten oder Kompetenzüberschreitungen zwischen beiden Abbaumöglichkeiten sind nicht belegt. Zerlegt und damit ohne Frage entgeistigt wird das Bierethanol über die Zwischenstufe des übelriechenden Aldehyds, um dann endgültig in der Anonymität würdeloser Kohlenwasserstoffe unterzutauchen. Verständlich, daß das im Bier enthaltene Ethanolträgermedium Wasser sich nicht für diese Exekutionen hergibt und lieber schnellstens über die Harnröhre den Organträger des Biertrinkers verläßt, um nicht in Loyalitätskonflikte zu geraten.
NEBENSCHAUPLATZ REZENS
Rezens bedeutet Spritzigkeit und ist visuell am Verhalten der Kohlendioxidbläschen beim Einschenken zu beobachten: Haben sie es eilig, die Flüssigkeit zu verlassen, um nur flüchtigen Schaum zu bilden, oder spielt sich das Ganze in graziöser Zeitlupe ab – ein sich Wiegen und Schaukeln, die Trennung fällt schwer, letzte Grußadressen werden ausgetauscht, leichtfertig ewige Treueschwüre geleistet. Zum Abschied und Dank formen die Bläslein Schaummassive, um das geliebte Bier letztmalig uneigennützig vor dem bösen Sauerstoff zu schützen. Die Rezens markiert einen wesentlichen Bestandteil der physischen Begutachtung eines Trinkbieres. Wir nehmen das durch ein angenehmes, Frische vermittelndes Kribbeln auf der Benutzeroberfläche unserer Zunge wahr. Die Kohlendioxidbläschen eines guten Bieres (Westmalle Tripel, Hoegaarden Witbier) sind sowieso ein übermütiges Völkchen und, das ist eine ihrer biochemischen Besonderheiten, besitzen die Eigenschaft, ausgesuchten Geschmacksknospen geneigter Trinker ihre besten Hopfenfreunde persönlich vorzustellen oder sie, wo das in der Kürze der Zeit nicht möglich ist, mit einer Unzahl kleinster, aber leidenschaftlichster Küsse zu überziehen und damit Genuß und Genußbereitschaft in nie gekannte Regionen zu überführen. Letzthin aber purzeln die Teilchen fröhlich in den Magen, um via Aufstoßen neues Leben und neues Glück in der freien Atmosphärenwirtschaft zu beginnen.
Bei schlechten (Beck’s, König) und noch schlechteren Bieren (Warsteiner) ist das alles ganz anders. Die Betreffenden formen eine nur nachlässige Lust zur Bläschenbildung aus, zerplatzen meistens schon vor dem Mund, hängen sich in ihrer Schlaffund Trägheit an alte Malzinvaliden oder Hopfenrentner, deren abstoßendes Wesen sie durch ihr Eigengewicht ins Unermeßliche steigern und wahre Greueltaten auf der Zunge anrichten.
Das Aufstoßen ist technisch betrachtet eigentlich nichts weiter als das Entweichen des Kohlendioxids aus dem Magen. Dieses Gas wird bei der Flüssigkeitsaufnahme moussierender Getränke (Bier) zwangsläufig freigesetzt und verläßt, nachdem es im Verbund mit der Flüssigkeit dem Trinker ein Gefühl von Spritzigkeit und Frische vermittelt hat, augenblicklich den Wirtsorganismus über den weit geöffneten Mund. Trägere Gaskollektive oder welche, die sich wieder mal nicht trennen können, entweichen über den Anus als sogenannter Bierfurz. Anderenfalls drohen Auftreibung des Leibes und Zwerchfellhochstand.
Der Körper bedient sich bei diesem Vorgang der rückläufigen Peristaltik, also Antiperistaltik. Einzelne oder mehrere Gastrauben werden nach oben transportiert und zwar durch zirkulär einschnürende Kontraktion der Speiseröhrenmuskulation, die sich nämlich, wie schön das doch immer wieder klappt, ebenfalls in die gewünschte Transportrichtung bewegt.
Wir unterscheiden das ganz gewöhnliche, auch ungewollte Aufstoßen, ein der simplen, natürlichen Notwendigkeit Rechnung tragendes Gebaren, gepaart mit sich unmittelbar anschließender in Mimik und Gestik breit dokumentierender mentaler Indisponiertheit, besser peinlicher Berührtheit, während sich die folgenden Äußerungsformen unter dem Oberbegriff des gewollten Aufstoßens zusammenfassen lassen.
Einmal das kontemplative Aufstoßen: ein eher sich selbst vergewissernder Akt mit verhaltener Lautformung, der meist von einsamen Biertrinkern vollzogen wird, die sich dabei gleichzeitig der noch vorhandenen Funktionstüchtigkeit ihres Verdauungssystems versichern. Das exzessive Aufstoßen hingegen gilt nur in seiner klangästhetischen Bewertung als umstritten: In erster Linie Stimmungen und Meinungen vermittelnd, als quasi unterste, aber nichtsdestotrotz agilste Verständlichmachung sozial grundwichtiger Sachverhalte wie »Mir hat’s geschmeckt«, »Mir geht’s pfundig« oder »Mir ist heut’ so«, wird mit dem exzessiven Aufstoßen aus dem Gefühl des Wohlbehagens heraus häufig erneuter (Bier-)Trinkwunsch paraphrasiert und von den meisten Bedienungskräften öffentlicher Schankstätten auch so verstanden.
Beschlossen und abgerundet wird die Aufstoß-Palette vom aggressiven Aufstoßen. Hier werden über die mehr oder minder ausgeprägte Fähigkeit zur absichtlichen Lautbildung aus der Tiefe des Rachenraumes hierarchische Festlegungen getroffen, die fraglos im Trinkergruppenverhalten fußen und auf das unmittelbar bevorstehende Herauskehren anderer im Gruppenkontext erheblich scheinender Fähigkeiten schließen lassen. Anwendungsbereiche finden sich etwa vor der Trinkhalle, im Biergarten, beim Kirchen- oder Männertag und beim kollektiven Fernsehempfang. Eine Sonderform, das sogenannte Wett-Rülpsen, soll umworbenen weiblichen Biertrinkpartnern Paarungsbereitschaft, mindestens aber den Willen zum gemeinsamen Ausschlafen des Rausches signalisieren. Hierbei beobachten wir jedoch meist ein jähes Umschlagen der imponierenden in die desintegrierende Wirkung.
AUSBLICK
Wir sehen: Es ist alles wohl und weise bedacht und eingerichtet. Und dabei soll »es« unserer Auffassung nach auf absehbare Zeit hübsch bleiben. Haben wir uns da verstanden?
DAS EIGENHEIMBRAUEN
Eine Warnung
Drei Dinge sollte ein Mann jemals getan haben, um rechtschaffen von seinem Leben Zeugnis ablegen zu können, hieß es früher. Das eine ist ein Bier selber zu brauen, die anderen beiden habe ich jetzt grad nicht parat. Der Ursprung dieses Brauchs läßt sich unverweilt bis in graue Germanenzeit verfolgen. Neigte die Frau des Familienoberhauptes, niedergestreckt von den häuslichen Verrichtungen, endgültig zum Siechtum, dann mußte der Gatte mitunter einen Sud selber ansetzen, bis haus- und ehefräulicher Ersatz erschaffen war.
Heutzutage ist das Eigenheimbrauen heterodox motiviert, beispielsweise weil die Leute gern aus reiner Langeweile wieder fleißig sein wollen oder den Jean Pütz in sich entdeckt haben. Außerdem macht Bierselbermachen genausoviel Freude wie … wie … Kuchenselberbacken, wie Marmelade-, Wurst- oder Kinderselbermachen.
Geschwind sind auch Ratgeber in Buchform (Hlatky/Reil: Bierbrauen für jedermann. Stocker-Verlag, Graz 1995; Klawunn/ Grunau: Bier selbst gebraut. Verlag Karin Schulz, Göttingen 1994; Krause: Bierbrauen. Südwest-Verlag, München 1995; Vogel: Bier aus eigenem Keller. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 1993; Hanghofer: Bier brauen nach eigenem Geschmack. BLV Verlagsgesellschaft, München 1999) und Händler zur Stelle, die ganze Scharen Ahnungsloser im Drang bestärken, das Reich der ungenießbaren Getränke um einige Pfützen zu vergrößern. Die Freunde sparen schon mal auf einen Blindenhund, die Ratgeber nicht mit Prahlereien: Weit über fünfzigtausend Exemplare will der Stocker-Verlag angeblich von seiner Broschüre abgesetzt haben.
Vor dem Abzweig in die Subsistenzwirtschaft hat der Gesetzgeber jedoch ein riesiges Warnschild mit dem vollen Wortlaut des Deutschen Biersteuergesetzes (BierStG) zum Auswendiglernen aufgestellt. Diesem vollen Wortlaut ist unter anderem zu entnehmen, daß Bierbrauen im eigenen Haushalt genehmigungspflichtig sei. Nein: ist. Und jetzt kommt’s: Steuerfrei eigenheimgebraut werden dürfen fünfundzwanzig (25) Liter monatlich. Vorausgesetzt, man braut nicht monatlich, oder die gebraute Biermenge überschreitet nicht zweihundert Liter jährlich. Moment, halt, stopp, noch mal, wie jetzt? Fünfundzwanzig Liter auf den Monat sind nicht steuerpflichtig, legt der Eigenheimbrauer entweder mindestens einen Monat pro Jahr Pause ein. Braut er nur 24,99 Liter pro Monat, entfällt diese lästige Unterbrechung. Oder er braut monatlich, aber aufs ganze Jahr besehen nicht mehr als 199,99 Liter. Oder er braut gänzlich geheim.
Egal ob der Eigenheimbrauer 24,99 oder fünfundzwanzig Liter einbraut und monatlich oder mit einem Monat Unterbrechung oder ob er es beim einmaligen Erlebnis beläßt, dem zuständigen Hauptzollamt ist in jedem Fall, möglichst vorab, Meldung zu erstatten. Mit Dienstgrad, Name, Datum, Rand plus avisierte Menge und Bierart – als wüßte das jeder vorher detailliert genau. Getränkekreationen außerhalb des Geltungsbereichs Deutscher Reinheitsgebote (Obst- und Gemüseapplikationen, Reis-, Mais-, Hafer-, Hirsezusätze) fallen nicht unter diese Regelung. Der Gesetzgeber vertritt zudem die Ansicht, die Rohstoffe mögen nicht gemeinsam von den Händlern vertrieben werden, und wenn doch, dann solle der ausdrückliche Hinweis unterbleiben, man könne mit dem Malzhefehopfentriumvirat Bier daheim brauen.
Zum Eigenheimbrauen benötigt der Gelegenheitsbraumeister Leitungswasser, Bierhefe, Hopfen und Malz (siehe hierzu Gelbe Seiten des Telefonbuches). Das Malz – zirka sieben Kilogramm auf fünfundzwanzig Liter Endprodukt – zerkleinert (schrotet) er in der Kaffeemühle, bis sich das Plastikgehäuse zielstrebig von selbst verkohlt. Anschließend maischt er im vom Nachbarn geborgten Zwanzig-Liter-Windeltopf ein (vorher gut ausspülen), womöglich in einer mit »eng« nur entfernt realistisch beschriebenen Stehkombüse. Er schleppt dieses Monstrum von Topf – drin blubbert bedrohlich eine haferflokkenbreiähnliche Pampe – zirka tausendmal zwischen Bad und Küchenzelle hin und her, um durch Mischen verschiedener Anteile dieser Suppe bestimmte Temperaturen zu erzielen. Einen viehisch galoppierenden Kreuzschaden handelt er sich gratis ein. Dann neunzig Minuten kochen und die Hopfenkrümel unterheben. Schließlich glaubt er in seiner Babybadewanne das am besten geeignete Gefäß zur Gärung der exzeptionell übelriechenden, nicht minder zähen Plempe gefunden zu haben. Aufsässige Nachbarn entziehen ihm im Handumdrehen ihre Gunst, weil sie vermuten, er hätte eine Fischbüchse aus dem Kambrium geöffnet. Es braucht auch nicht viel Unachtsamkeit, und sein Wirken gleitet still in Experimente auf dem Gebiet der wilden Gärungen ab. Darauf freut sich allenfalls sein Ausguß. Sonst Blindenhund. Klappt es trotzdem nach drei Monaten kalter Reifung im Keller – hier empfiehlt sich der Winter –, wird er die Früchte seiner Mühen schmecken und neuartige sensorische Sensationen erleben. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, daß sich seine Zunge an kulturhistorisch determinierte, recht eng gesteckte Grenzen des geschmacklichen Wohlbefindens erinnert. Die einschlägige Ratgeberliteratur behauptet das blanke Gegenteil, daher ist ihr pädagogisch-didaktischer beziehungsweise demagogisch-dialektischer, um nicht zu sagen demonstrativ-paläontologischer Wert alles andere als unumstritten.
NACHTRAG: Insgesamt sechsundzwanzig Liter eines rübensaftdunklen, schwach rezenten, schwer genießbaren Lagerbieres waren Ergebnis meiner dreimonatigen Bemühungen: Rudolfs Selbstgebrautes (4,3 %). Schwer genießbar zum einen, weil der saubere Herr Besserwisser sich nach den Einsatzschlüsseln der ältesten Beispielstädter Brauordnung von 1475 gerichtet hatte, zum anderen, weil er die ungleich höhere Bitterstoffkonzentration modernen Turbohopfens in Relation zur damals eingesetzten Rohware sträflich außer acht gelassen hatte. Dumm einfach. Aber bei den anderen meckern. Stoppt Bierversuche!

Ein 26-Liter-Faß! Nicht weitersagen.
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