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Matthews gelangweilte Stimme drang über den Lautsprecher seines Laptops zu Nathan durch, als er die nächste Bewerberin hereinbat. Ihre Vorgängerin hatte es nicht einmal geschafft, auf dem Stuhl Platz zu nehmen, ehe Nathan Matthew mitgeteilt hatte, sie wegzuschicken. Er hatte sie nur ansehen müssen, um zu wissen, dass sie genau die Art von Frau war, die er nicht in seiner Nähe haben wollte. Sie würde alles daran setzen, seine Identität herauszufinden – und nicht zögern, sie meistbietend zu verkaufen, inklusive detaillierter Geschichten über seine sexuellen Vorlieben. Er hatte bereits zu viele ihresgleichen gesehen und sie war bei weitem nicht die erste, die er nach Hause schickte.
Doch Nathan gab noch nicht auf. Für diesen Tag hatte Matthew noch fünf Bewerbungsgespräche ausgemacht und weitere für die nächsten beiden Tage.
Nun warf er einen flüchtigen Blick auf die Bewerbungsunterlagen dieser Emma Sullivan. Matthew hatte darauf bestanden, ihm jede einzelne Bewerbung weiterzuleiten, obwohl Nathan ihn jede hatte einladen lassen, die auch nur ansatzweise etwas von der Bedienung eines Computers verstand.
Emma Sullivan war fünfundzwanzig Jahre alt und hatte bis vor kurzem den familieneigenen Buchladen mitgeführt. Zwar nicht die Büroarbeit, die man von einer Assistentin der Geschäftsführung eines internationalen Unternehmens erwarten würde, aber es würde ausreichen.
Als Nathan den Blick von den ausgedruckten Unterlagen zurück auf den Bildschirm hob, war er zum ersten Mal an diesem Tag wirklich interessiert an dem, was er sah. Miss Sullivan war das genaue Gegenteil ihrer Vorgängerinnen. Keine Kopfbewegung, die ihr Haar kunstvoll über die Schulter werfen sollte, kein verheißungsvolles Grinsen, kein wohlgeübter Augenaufschlag. Ihr Kostüm war nicht geschnitten, um jede Kurve zu betonen. Sie hatte nicht vor, irgendetwas anderes aus diesem Gespräch herauszuholen, als einen Job. Sie war perfekt.

»Bitte, setzen Sie sich, Miss Sullivan.«
Emma tat, wie ihr geheißen und nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz. Erst, als er auf seinem eigenen Stuhl Platz genommen hatte, sah ihr Gegenüber sie an. Für einen kurzen Moment runzelte er die Stirn, ehe er sich räusperte und einen erneuten Blick auf die Unterlagen auf seinem Klemmbrett warf.
»Miss Sullivan, in Ihren Unterlagen steht, dass Sie einen Buchladen geführt haben?«
»Ich weiß, dass es nicht dasselbe ist, aber ich bin überzeugt, dass ich für den Job geeignet bin. Ich lerne Neues wirklich ausgesprochen schnell. Ich weiß, das wird jeder von sich behaupten aber …«
»Miss Sullivan, wieso suchen Sie sich nicht einen Job in Ihrem erlernten Beruf? Ich bin mir nicht sicher, dass Sie den Anforderungen …« Etwas piepste auf seinem Laptop und er warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Er presste die Lippen zusammen und räusperte sich, ehe er fortfuhr. »Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob Sie den Anforderungen für diesen Job gewachsen sind.«
»Wie gesagt, ich begreife wirklich schnell und …«
»Ich denke dennoch, Sie sollten es sich noch einmal überlegen und …« Ein erneutes Piepsen unterbrach ihn. Sein Blick verfinsterte sich, als er auf den Bildschirm sah.
»Hören Sie, ich wäre nicht hier, wenn ich mir nicht sicher wäre, diesem Job gewachsen zu sein. Ich bin es gewohnt hart zu arbeiten, auch bis spät in den Abend, ich erfülle meine Aufgaben selbstständig und …«
»Miss Sullivan …«
»Bitte.« Emma biss sich auf die Unterlippe. Sie wollte nicht betteln. Sie schluckte den Kloß, der sich in ihrer Kehle formte, herunter und straffte die Schultern. »Ich bin die beste, die Sie für diesen Job finden können, das kann ich Ihnen versichern.«

Was zum Teufel machte Matthew da eigentlich? Nathan sah finster auf den Monitor und tippte zum dritten Mal die Worte »Stell Sie ein!« auf der Tastatur. Doch statt dies zu tun, stellte Matt sich so an, als wolle er sie sofort wieder nach Hause schicken.
Dabei hatte er sich längst entschieden. Nathan wollte sie. Ihm war nicht entgangen, wie sie ihr Kinn kaum merklich gereckt hatte, als Matthew ihre Qualifikation in Frage gestellt hatte. Sie war stolz auf ihre Leistungen, ohne dabei die Arroganz ihrer Mitbewerberinnen an den Tag zu legen. Sie war unsicher und kämpfte dagegen an. Sie trug ihre Emotionen so offenkundig zur Schau, dass Nathan sich fragte, ob sie jemals gelogen hatte. Sie war perfekt. Nun musste sie nur noch zustimmen, den Job anzunehmen. Matthew sollte ihn ihr schmackhaft machen, nicht versuchen, sie schon im Vorfeld zu vergraulen.
Stell sie ein! Ich will sie!, tippte Nathan erneut ein und hörte, wie seine Nachricht mit einem Piepen bei Matthew ankam. Er hörte auch das Seufzen seines Freundes, als dieser die Nachricht las. Dann schwankte das Bild vor ihm, Emma Sullivans Gesicht verschwand, stattdessen sah er die Zimmerdecke und schließlich – nichts. Matthew hatte den Laptop geschlossen.
Nathan ballte die Hand zur Faust und bemühte sich, sie nicht auf den Tisch zu schlagen. Stattdessen griff er zum Hörer seines Telefons und drückte die Kurzwahltaste, hinter der sich Matthews Nummer verbarg. Besetzt.
»Matthew, du Mistkerl, versau mir das ja nicht!«, fluchte er und knallte den Hörer zurück aufs Telefon.

Emma sah ihr Gegenüber verwirrt an, als dieser nicht nur seinen Laptop beim nächsten Piepen schloss, sondern auch den Hörer des Telefons auf den Tisch legte.
»Miss Sullivan, Sie müssen mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass dieser Job nichts für Sie ist.« Er hob die Hand, als sie dazu ansetzte, ihm zu widersprechen. »Ich sage das nicht, weil Ihre Anforderungen für die Stelle ungeeignet wären, sondern weil Sie keine Ahnung haben, worum genau es bei dieser Stelle geht. Und wenn ich ehrlich bin, wäre es mir lieber, wenn es dabei bleibt. Vertrauen Sie mir einfach, Miss Sullivan: Sie wollen diesen Job nicht. Sie sind gut ausgebildet, Sie sagen selbst, dass Sie fleißig sind und eine schnelle Auffassungsgabe haben. Sie finden etwas Besseres, vertrauen Sie mir.«
Emmas Nackenhaare stellten sich auf. Sie verschränkte die Hände im Schoß, schüttelte jedoch den Kopf.
»Wenn Sie mir den Job nicht geben wollen, sagen Sie es, aber Sie werden es nicht schaffen, dass ich meine Bewerbung von mir aus zurückziehe«, erklärte sie mit fester Stimme. Ihr Gegenüber fuhr sich mit der Hand durch sein Haar und seufzte.
»Miss Sullivan, ich will nur Ihr Bestes, glauben Sie mir bitte. Dieser Job ist nichts für Sie. Sie wissen ja nicht, worum es hier geht.«
»Solange es nichts Illegales ist, gibt es nichts, was Sie mir sagen können, das meine Meinung ändern wird.« Sie presste die Hände so fest aneinander, dass ihre Knöchel weiß wurden. Das hier war ihre einzige Chance, die Behandlungskosten für ihren Vater auch nur ansatzweise zu verdienen. Sie konnte es sich nicht leisten, einen Rückzieher zu machen.
»Mr. …« Sie versuchte, sich an den Namen zu erinnern, an die sie die Bewerbung gerichtet hatte, doch sein Versuch, sie abzuwimmeln, hatte sie vollständig aus dem Konzept gebracht.
»Emerson. Matthew Emerson«, gab er mit einem Seufzen seinen Namen preis.
»Mr. Emerson, wieso sagen Sie mir nicht einfach, was Sie zu sagen haben und lassen mich dann selbst entscheiden? Ich bin kein Kind mehr und definitiv alt genug, als dass jemand meine Entscheidungen für mich fällen muss.« Sie war überrascht, dass ihre Stimme noch immer so ruhig klang, während sie innerlich zitterte wie Espenlaub. Sie brauchte diese Stelle und musste den Mann, der ihr gegenübersaß, davon überzeugen, dass sie genau die Richtige dafür war, worum auch immer es ging.
Er musterte sie einen Moment lang schweigend, ließ seinen Blick über sie gleiten. Schließlich schüttelte er den Kopf und lehnte sich in seinem Sessel zurück.
»Sie wissen ja, wo es hinausgeht …«, murmelte er, während er einen Schluck Wasser aus einem Glas trank, das neben dem nun geschlossenen Laptop stand.
»Die Stelle habe ich für einen Mandanten ausgeschrieben, der anonym bleiben möchte. Zum einen geht es tatsächlich um die ausgeschriebene Tätigkeit als Assistentin, wenn auch weit eingeschränkter, als dies üblicherweise der Fall ist. Mein Mandant nimmt keine persönlichen Treffen wahr, keine Geschäftsreisen. Er arbeitet ausschließlich von zu Hause aus. Es fällt also tatsächlich nur die Arbeit am PC und am Telefon an.«
Er hielt inne und warf Emma einen geradezu flehenden Blick zu. Doch sie wollte mehr hören. Sie wollte wissen, wovon er glaubte, dass sie nicht bereit war, es zu tun.
Er richtete seine Krawatte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
»Mein Mandant verlangt außerdem, dass Sie ihm jederzeit zur Verfügung stehen«, er zögerte kurz, ehe er hinzufügte: »zu seiner sexuellen Verfügung.« Er sah Emma eindringlich an, wartete scheinbar auf ihre Reaktion.
Emma brauchte einen Augenblick, bis sie seine Worte wirklich verstand. Blut schoss ihr in die Wangen. Ein Teil von ihr wollte augenblicklich aufstehen und gehen. Doch sie blieb, wo sie war. Ihr Vater würde sterben, wenn er seine Behandlung nicht bekam. Wie konnte sie da über so etwas Lächerliches wie Sex seine Chance zum Überleben aufs Spiel setzen?
»Miss Sullivan?«
»Ich bin noch hier«, flüsterte sie und versuchte, ihre Unsicherheit nicht in ihrem Gesicht zu zeigen.
Mr. Emerson schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er sie fragend an.
»Wieso? Wieso wollen Sie so einen Job annehmen? Ich meine, Sie haben mir wirklich zugehört, ja? Sie müssen jederzeit dazu bereit sein, Sex mit einem Ihnen vollkommen fremden Mann zu haben. Wann, wo und wie er es von Ihnen verlangt.«
Emma nickte wie in Trance. Ja, sie hatte ihn verstanden, aber es änderte nichts. Sie brauchte trotzdem das Geld, brauchte den Job. Bei seinen letzten Worten jedoch zog sich ihr Magen angstvoll zusammen.
»Ist er … ein Sadist oder so etwas?«
»Nein … nein … nur«, Mr. Emerson seufzte. Emma hatte aufgehört zu zählen, wie oft er das während ihrer Unterhaltung bereits getan hatte. »Er verlangt absoluten Gehorsam, wenn Sie verstehen, was ich meine?«
Emma nickte. Ihr Kopf musste glühen, so heiß war ihr. Sie glaubte zumindest zu verstehen, was er meinte.
»Sie wollen die Stelle immer noch? Wieso?«
Emma ließ den Blick auf ihre Hände sinken. Sie zitterte. Sie hatte es nicht gemerkt, doch sie sah es an ihren Fingern.
»Mein Vater liegt im Sterben«, erklärte sie mit leiser Stimme. »Es gibt eine Behandlung, die ihm helfen kann, doch die ist sehr kostspielig. Arbeitslos kann ich sie mir auf keinen Fall leisten und selbst mit einem Gehalt als Buchhändlerin …« Sie schüttelte den Kopf.
»Wenn ich die Stelle haben kann, dann nehme ich sie an.«
»Mein Mandant würde Sie augenblicklich nehmen. Aber ich bitte Sie, sich das noch einmal ganz genau zu überlegen, Miss Sullivan. Sie müssen für ein Jahr in seinem Haus leben, ihr Kontakt zur Außenwelt wird größtenteils eingeschränkt sein. Und Sie werden mit ihm allein sein. Momentan gibt es noch einen Butler, doch dieser wird nach Ihrer Anstellung in Rente gehen. Danach sind Sie mit meinem Mandanten allein. Und es gibt da noch einige Regeln, auf die er größten Wert legt: Sie dürfen ihn nie sehen, ihn nie selbst berühren und nie seinen Namen erfahren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer es für Sie sein muss, in der Situation mit Ihrem Vater zu sein … aber bedenken Sie auch bitte, was das für Sie selbst bedeuten wird.«
»Es bedeutet, dass mein Vater überleben kann«, gab Emma ruhig zurück und suchte erneut Mr. Emersons Blick. »Sie sagen, Ihr Mandant ist kein Sadist, ich habe also nicht zu befürchten, dass mir innerhalb dieses Jahres etwas zustößt.«
»Nein.« Er gab auf, sie hörte es an seiner Stimme. Sie sollte jubilieren, stattdessen fühlte sie sich selbst entsetzlich erschöpft.
»Also, kann ich die Stelle haben?«
Mr. Emerson nickte langsam, schob den Laptop zur Seite und zeigte ihr den Vertrag, den sie unterschreiben sollte. Er ging noch einmal alle Punkte mit ihr durch, ihre Arbeit, die Bezahlung, die weit größer war, als Emma sich je hatte träumen lassen. Sie unterschrieb, ohne ein weiteres Mal darüber nachzudenken. Mr. Emerson versprach ihr, einen Vorschuss auf ihren Lohn am kommenden Montag an das Krankenhaus zu überweisen. An dem Tag, an dem sie ihre Stellung antreten würde. Weniger als eine Woche hatte sie Zeit, ihre Angelegenheiten zu regeln. Als sie das Büro verließ, zitterte sie am ganzen Körper.
»Denk ja nicht darüber nach, ob das ein Fehler ist«, warnte sie sich selbst und schloss für einen Moment die Augen, ehe sie sich auf den Weg zu ihrem Vater ins Krankenhaus machte. Sie hoffte, Dr. Miles anzutreffen, und mit ihm über die Behandlung reden zu können. Ihr Vater würde seine Behandlung erhalten und den Krebs besiegen. Das war alles, was zählte.

»Was zum Teufel sollte das?«, zischte Nathan ins Telefon, als Matthew ihn nach einer gefühlten Ewigkeit anrief. »Matthew, bei aller Freundschaft, wie konntest du sie gehen lassen? Ich weiß, dass du nichts von der Idee gehalten hast, aber dass du so weit gehen würdest …«
»Sie kommt am Montagmorgen um zehn Uhr«, teilte Matthew ihm ohne jegliche Emotion in der Stimme mit.
Nathan hielt inne.
»Ich dachte, du würdest sie wegschicken«, meinte er schließlich merklich ruhiger.
»Das wollte ich auch«, gestand Matthew. »Aber sie wollte nicht gehen. Selbst dann nicht, als ich ihr sagte, was genau du von ihr erwartest.«
Ein Lächeln zog an Nathans Mundwinkel, ließ seine Narbe schmerzen. Er hatte es gewusst. Sie besaß eine Stärke, die er ihr beim ersten Anblick angesehen hatte.
»Matt … Danke.«
Matthew murmelte nur etwas Unverständliches, ehe er auflegte.
Kapitel 3
»Ich werde dich leider nicht mehr so oft besuchen können, aber ich ruf dich ganz oft an und so oft ich es schaffe, komme ich vorbei und wenn die Behandlung vorbei ist und du entlassen wirst und das Jahr rum ist …«
Ihr Vater griff nach ihrer Hand und brachte sie damit zum Schweigen. Emma sah ihn fragend an, als er sie besorgt anschaute.
»Und das ist wirklich ein guter Job, ja? Es ist nichts Illegales oder …«
»Papa, natürlich nicht. Es ist ein guter Job und ich werde gut bezahlt.«
»Dafür musst du nur ans andere Ende des Landes ziehen«, wiederholte ihr Vater die Lüge, die sie ihm aufgetischt hatte. Emma wusste nicht, ob er ihr wirklich glaubte. Er behauptete stets, sie könne nicht lügen und ihr Leben lang hatte er auch stets jede Schwindelei erkannt. Vielleicht war dies aber auch eine Lüge, die er glauben wollte: Emma hatte behauptet, eine gute Stelle in einer staatlichen Bibliothek in Schottland erhalten zu haben. Zwar nur auf ein Jahr befristet, aber mit hervorragender Vergütung.
Vielleicht hatte er wirklich nicht gesehen, wie ihre Mundwinkel bei diesen Worten leicht gezuckt hatten, vielleicht hatte er es auch einfach nicht sehen wollen. Sie tat es für ihn, das musste sie sich nur immer wieder sagen, wenn die Zweifel sie erneut packten. Sie tat es für ihn und sie würde noch viel mehr tun, wenn sie ihrem Vater damit die nötige Behandlung bezahlen konnte.
Was war schon ein Jahr? Ein Jahr ging schnell vorbei und danach hätten sie genug Geld, um in ihr altes Leben zurückzukehren. Alles würde wieder so werden, wie es vor der Erkrankung ihres Vaters gewesen war.
»Ich ruf dich an, sobald ich angekommen bin«, versprach sie und küsste zum Abschied seine Wange. Ihr Vater drückte noch einmal ihre Hand.
»Ich bin stolz auf dich, Emma, das weißt du, nicht wahr?«
Ein Kloß schnürte ihr die Kehle zu. Sie nickte nur und zwang sich zu einem Lächeln, ehe sie sein Zimmer verließ.

»Miss Sullivan?«
Emma nickte und sah zu dem älteren Mann auf, der ihr gerade die Tür öffnete. Sie hatte nicht erwartet, mit einer Limousine abgeholt zu werden. Während der Fahrt aus der Londoner Innenstadt hierher in die Außenbezirke hatte ihr Magen sich nervös zusammengezogen. Mehrmals hatte sie ihre Hände an ihrem Rock abgewischt, aber schon spürte sie, wie sich erneut ein feiner Schweißfilm auf ihnen bildete.
»Guten Morgen, Mr. …«
»Nennen Sie mich doch bitte einfach Theodore, Miss Sullivan. Wenn Sie bitte eintreten möchten.« Er trat zur Seite und bedeutete Emma, herein zu kommen. Der Fahrer der Limousine trug die Tasche, in die sie ihre Habseligkeiten gepackt hatte und reichte sie dem älteren Butler.
»Oh, bitte, lassen Sie mich …«
Theodore winkte ab, als Emma ihm die Tasche abnehmen wollte.
»Ich würde meinen Job äußerst schlecht machen, wenn ich Ihnen erlauben würde, Ihr Gepäck selbst zu tragen.« Er schmunzelte und um seine Augen bildeten sich kleine Lachfältchen.
»Folgen Sie mir bitte«, forderte Theodore sie auf und ging voran. Emma sah sich in der Eingangshalle der Villa um. Der moderne Bau, der sich vor der Außenwelt hinter hohen Mauern und Zäunen versteckte, zeigte auch im Inneren eine Vorliebe für Stein und Metall. Kühle, klare Linien dominierten alles um sie herum.
»Ich werde Ihnen nachher das Anwesen zeigen, zunächst jedoch wurde ich darum gebeten, Sie direkt ins Esszimmer zu bringen.« Theodore stellte ihre Tasche vor einer dunklen Holztür ab und öffnete diese. Emma trat an ihm vorbei und ging in das Esszimmer. Ein großer, schwarzer Tisch stand in der Mitte, sechs mit schwarzem Leder bezogene Stühle standen zu beiden Seiten des Tisches, zwei weitere an den Kopfenden.
Theodore ging auf den Tisch zu und räusperte sich, um Emmas Aufmerksamkeit zu erhalten. Als sie zu ihm sah, erkannte sie, dass der Butler einen Streifen Stoff in der Hand hielt.
»Ihnen wurde bereits erklärt, dass Sie ihn nicht sehen dürfen?«
Emma nickte. Plötzlich wurde ihr Mund entsetzlich trocken. Wie angewurzelt blieb sie stehen und sah auf den schwarzen Stoffstreifen in Theodores Hand. Sie wusste nicht, weshalb sie überrascht war, jetzt schon damit konfrontiert zu werden. Deshalb war sie doch hier. Vielleicht lag es einfach daran, dass der Butler mit einer solchen Selbstverständlichkeit mit dem Thema umging. Gerade so, als führe er dieses Gespräch nicht zum ersten Mal.
»Ich werde Ihnen diese Augenbinde anlegen und ihm dann gleich Bescheid sagen, dass Sie da sind. Ihnen sind auch die anderen Regeln bekannt? Sie dürfen ihn nicht berühren, ihn nicht nach seinem Namen fragen.«
»Ja«, flüsterte Emma und sah noch immer auf die Augenbinde in Theodores Hand. Dieser schwieg einen langen Moment, bis Emma den Blick zu seinen Augen hob.
»Sie müssen sich nicht fürchten, Miss Sullivan. Ich kann verstehen, dass diese Situation etwas … nun, verstörend auf Sie wirken muss. Ich möchte Sie noch daran erinnern, dass Sie laut Vertrag jederzeit von selbigem zurücktreten können. Wenn Sie es sich also noch anders überlegen wollen …«
»Nein«, sagte sie hastig und räusperte sich. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. »Ich … es ist nur etwas ungewohnt, wie Sie schon sagten. Ich bin ein wenig nervös, das ist alles.«
Theodore nickte und trat hinter sie, um ihr die Augenbinde umzulegen.
»Er ist kein Unmensch, das versichere ich ihnen.« Theodore legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie aufmunternd. »Er ist lediglich … nun, er verlangt, dass seinen Forderungen umgehend Folge geleistet wird. Tun Sie dies und halten sich an seine Regeln, dann werden Sie sehen, dass er niemand ist, vor dem Sie sich fürchten müssen.« Er trat einen Schritt von ihr zurück. Er hatte gut reden, doch Emma nickte nur leicht. Was sollte sie auch sagen? Dass sie kurz davor war, einen Rückzieher zu machen? Das konnte sie nicht. Sie brauchte das Geld, ihr Vater brauchte die Behandlung. Sie würde es durchstehen.
»Wenn Ihre Unterhaltung beendet ist, finden Sie mich in der Küche. Das ist die Tür rechts von Ihnen.« Theodores Schritte entfernten sich von ihr und sie hörte, wie die Tür hinter ihm geschlossen wurde.

Emma hörte ihn, wie er den Raum hinter ihr betrat. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie seine Schritte auf dem Marmorboden vernahm. Ihre Zungenspitze glitt über ihre plötzlich trockenen Lippen. Sie war nicht nervös, versuchte sie sich selbst zu überzeugen und scheiterte kläglich. Sie war im Haus eines Fremden, hatte sich ihm für das kommende Jahr gänzlich ausgeliefert. Nicht einmal sehen konnte sie ihn, die Augenbinde hüllte ihre Welt in vollkommene Dunkelheit. Wie sollte sie nicht nervös sein?
»Du warst pünktlich. Das gefällt mir.« Seine Stimme war tief und ruhig. Er klang, als habe er diese Situation schon unzählige Male hinter sich gebracht. Emma wusste nicht, ob sie das beruhigen sollte, oder nicht. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder. Erwartete er überhaupt eine Antwort von ihr?
»Ich habe in einer halben Stunde noch eine wichtige Telefonkonferenz und daher nicht viel Zeit. Nach dem Mittagessen möchte ich mich ausführlicher mit dir unterhalten.« Er blieb vor ihr stehen und auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, hob Emma automatisch den Kopf. Sie schätzte ihn einen guten Kopf größer als sich. Erneut fragte sie sich, weshalb sie ihn nicht sehen durfte. Was hatte er zu verheimlichen?
»Einige grundlegende Dinge möchte ich allerdings bereits jetzt mit dir besprechen. Das heißt, wenn du die Stelle noch immer willst.«
»Das tue ich«, sagte sie schnell und räusperte sich, als sie hörte, wie atemlos sie klang.
»Gut.« Er zog das Wort in die Länge. »Ich habe einige Fragen an dich. Zu deinem eigenen Wohl solltest du sie mir ehrlich beantworten.«
Seine Stimme sandte Schauer über ihren Rücken. Erschrocken über sich selbst erkannte Emma, dass diese keineswegs unangenehm waren.
»Bist du noch Jungfrau?«
»Nein.« Es gelang ihr, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen und sie versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen. Fragen. Mehr oder weniger harmlose Fragen. Sie würde ja wohl noch ein paar Fragen beantworten können.
»Mit wie vielen Männern hattest du bisher Sex?« Er hörte sich näher an, aber das konnte nicht sein. Dann hätte sie seine Schritte hören müssen. Doch im nächsten Augenblick spürte sie seine Finger auf ihrer Schulter. Erschrocken zuckte sie zusammen, während sie ihm antwortete. »Drei. Ich habe mit drei Männern geschlafen.«
Seine Hand glitt unter den Träger ihres Kleides, schob es langsam über ihre Schulter. Emma zitterte leicht, als seine Fingerspitzen über den Ausschnitt des Kleides strichen. Obwohl er ihre Haut kaum berührte, war sie sich dieser Berührung bewusster, als sie es je zuvor gewesen war. Auch den zweiten Träger streifte er über ihre Schulter, ehe seine Hand erneut über ihren Ausschnitt strich.
Ihr Herz schlug nun noch schneller in ihrer Brust. Daran, es zu beruhigen, verschwendete sie keinen Gedanken mehr. Emma bemühte sich lediglich darum, sich ihre Nervosität nicht zu sehr anmerken zu lassen. Sie spürte, wie er das Kleid über ihre Brust zog. Als er es losließ, fiel es zu Boden und ließ Emma einen zarten Lufthauch auf ihrer Haut spüren.
Sie schluckte den Kloß herunter, der sich in ihrem Hals bildete. Es war nicht viel gewesen, das geblümte Sommerkleid, dass sie am Morgen angezogen hatte, aber es war mehr gewesen als die Unterwäsche, die nun als einziges zwischen seinen Augen und ihrer Nacktheit stand.
Er schwieg länger, als es ihren Nerven guttat. Was, wenn sie ihm doch nicht gefiel? Wenn er sie wieder wegschicken würde? Sie brauchte das Geld, das er ihr bot. Wenn sie wenigstens sein Gesicht hätte sehen können. Wenn sie nur wüsste, woran er in diesem Augenblick dachte.




