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Schliesslich kam der Tag, an dem mir Karin die Frage stellte, die mein Leben verändern sollte: «Was steckt eigentlich hinter deinem immerwährenden heiteren Lächeln?» Diese Frage und die Erkenntnis, dass diese Frau meine Fassade durchschaut hatte, liessen meine seelischen Dämme brechen. Meine ganze Verzweiflung, meine unterdrückte Wut und meine fassungslose Trauer hatten bei Karin Platz. Ich fand bei ihr mit all meinen inneren Konflikten und mit all meinen ungeordneten Gefühlen Gehör und Verständnis.
Es ist mein Glück, dass ich heute mit einer Frau und gerade mit dieser Frau zusammenleben darf. Meine Liebe zu Karin machte mich frei, endlich konnte ich die Frau sein, die ich bin. Die Frau, die in Ordnung ist, so wie sie ist, die Frau, die liebesfähig ist. Ich hatte mir vorher jegliche Liebesfähigkeit abgesprochen, da ich es nicht geschafft hatte, einen in den Augen vieler Menschen idealen Mann zu lieben. Nicht lieben zu können, war mein tiefster Schmerz – und heute darf ich solche Freude erleben! Doch bis dahin war es ein langer Weg.
Meine Kindheit im Baselland war geprägt von pietistischen Strömungen. Als ich zwölf Jahre alt war, schwappte eine von Billy Graham angeführte Evangelisationswelle von Amerika her über ganz Europa. Da mein Urgrossvater väterlicherseits seinen Hof wegen seiner Trunksucht verloren hatte, waren meine Eltern aus Überzeugung beim Blauen Kreuz und mit ihnen das halbe Dorf.
Meine Geschwister und ich bekehrten uns gemeinsam in der Dorfkapelle und versprachen, unser Leben Gott zu widmen. Ich war im Bibellesebund aktiv. Dieser Bund organisierte auch sogenannte Venner-Ferienlager für Jugendliche, wo es ebenfalls zu Bekehrungen und zu Sündenbekenntnissen kam. Noch lange danach rechnete ich mit einem strafenden Gott, der alle Verfehlungensieht und ahndet. Mir steht noch ein Bild vor Augen vom Jüngsten Gericht mit dem schmalen Pfad zum Himmel und dem breiten Weg der Sünder zur Hölle. Dieses Bild hatte grossen Einfluss auf mich. Ich lebte ständig mit Schuldgefühlen, und nach der Bekehrung suchten mich nachts jahrelang apokalyptische Träume heim, weil ich mich ständig, nach jeder kleinen Lüge und nach harmlosesten Verfehlungen, als Sünderin fühlte.

Eva, 16, Konfirmation
Mein Vater stammte aus einer Erfinderfamilie. Schon der Grossvater hatte seinerzeit Wasser über den Berg in unser kleines Dorf gebracht. Kein Mensch hatte geglaubt, dass das funktionieren könnte. Er schaffte es auch, Elektrizität in das zuvor recht verkommene Nest zu bringen. Danach entwickelte er kleine Elektromotoren für Posamenter-Webstühle. Die Seidenbandindustrie war damals eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Menschen in der Gegend. Mein Vater seinerseits erfand im Jahr 1950 einen Kombiherd, der gleichzeitig Holz- und Elektroherd war. Er belieferte in der ganzen Schweiz und im nahen Ausland Hotelküchen und Bauerngüter. Vater wurde Fabrikbesitzer. Daneben war er Schulpflegepräsident und Feuerwehrkommandant. Man kann sagen, dass meine Eltern im Dorf den Ton angegeben haben.
Meine Mutter amtete als Kirchenpflege- und Frauenvereinspräsidentin. Sie stammte aus einer Lehrerfamilie. Ihr Vater nahm mich schon als kleines Mädchen mit in sein Schulzimmer. Bereits als Fünfjährige durfte ich mitmachen, wenn mein Grossvater unterrichtete. Von Anfang an war für mich sonnenklar, dass ich Lehrerin werden würde. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich endlich zur Schule gehen durfte. Von der ersten bis zur fünften Klasse war ich die Hilfslehrerin meines Klassenlehrers. Ich übte mit den schwächeren Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen. Wenn der Unterricht mich langweilte, las ich unter dem Pult heimlich ein Buch.
Erst viel später wurde mir klar, dass mich der Grossvater, den ich so sehr liebte, sexuell ausgebeutet hat. Unterdessen glaube ich zu verstehen, warum ich bis heute auf Zuwendung häufig misstrauisch und zurückweisend reagiere.
Ich habe vier jüngere Brüder. Sie kamen im Jahresabstand zur Welt, was eine grosse Belastung für meine Mutter war. Mich ärgerte zutiefst, dass es jedes Mal wieder ein Bruder war und nie eine Schwester. Als ich dreieinhalb Jahre alt war und mein dritter Bruder zur Welt kam, wusste man lange nicht, ob meine Mutter sich von der Geburt wieder erholen würde. Sie war ein halbes Jahr lang gelähmt, musste wochenlang im Spital bleiben und auch nachher daheim im Bett liegen. Mich brachte man in dieser Zeit bei den Grosseltern unter. Dort müssen Grossvaters Übergriffe geschehen sein. Kaum sass ich jeweils im Auto, um wieder zu den Grosseltern zu fahren, schnürte es mir den Hals zu.
Damals war ich auch einige Wochen bei meiner Gotte in Basel in den Ferien. Ende 1944, Anfang 1945 sah ich die Kriegsfeuer im Elsass, was mir furchtbare Angst machte. Diese Ängste verstärkten sich noch durch die Ängste meines Vaters vor dem Krieg. Er war nicht militärtauglich, er war eben ein sensibler Erfinder, weder gross noch kräftig. Er zeigte uns Kindern Bombenlöcher von versehentlich im Baselbiet abgeworfenen Bomben.
Mein Vater war ein Patron alter Schule. Er beschäftigte immer auch Behinderte im grösser werdenden Betrieb. Meine Mutter war die Sozialarbeiterin des Dorfes und kümmerte sich auch um randständige Familien. Sie war trotz ihren fünf Kindern keineswegs auf ihre Mutterrolle beschränkt und lebte mir ihre breite Kompetenz und ihre Tüchtigkeit auch vor. Sie erledigte meist in der Nacht noch die Buchhaltung für das florierende Geschäft mit den Kombiherden, das sie mit meinem Vater führte, und nahm eine wesentliche Position in der Geschäftsleitung ein. Alles, was mit Planungsarbeit zu tun hatte, fiel in ihr Ressort. Das machte sie stolz und selbstbewusst, belastete sie aber auch.
Als Älteste übernahm ich schon früh freiwillig viel Verantwortung. Ich wollte immer ein Vorbild für meine Brüder sein. Es war mir wichtig, den Erwartungen meiner Eltern zu entsprechen. In der Folge setzte auch ich mich mein Leben lang für sozial benachteiligte Menschen ein.
Die Eltern gaben sich Mühe, uns Kinder gleich zu behandeln. Ich musste als Mädchen nicht besonders viel Haushaltsarbeit übernehmen. Meine Mutter sagte im Gegenteil immer wieder: «Sie muss dann noch früh genug.» Wie ein Damoklesschwert hingen diese Worte jahrzehntelang über mir: Mein Frau-Sein wurde mir durch sie zum belastenden Muss. Meine Mutter hat erst mit 28 Jahren geheiratet. Vorher teilte sie ein unbeschwertes Leben mit ihrer Schwester. Mit ihr war sie viel gereist, was damals noch ungewöhnlich war. Gerne wäre meine Mutter Lehrerin geworden. Sie musste aber eine kaufmännische Ausbildung machen, weil ihren Eltern klar war, dass sie einmal heiraten würde. Ich spürte immer mehr, wie unzufrieden meine Mutter mit ihrem Leben war, besonders mit ihrer Ehe, in der sie allein zuständig war für alle Familien- und Erziehungsaufgaben.
Uns Kindern wurde sehr früh vermittelt, dass wir mehr Glück als alle anderen Kinder um uns herum hätten, weil es uns eben besonders gut gehe. Darüber hinaus gab es nichts zu wollen. Mir und meinen Brüdern wurde so das Wünschen gründlich abgewöhnt. Ich musste vierzig und älter werden, bis ich lernte, eigene Wünsche ernst zu nehmen. Erschwerend war auch, dass mir die Mutter viele Aufgaben aus der Hand nahm und diese selbst erledigte. Dadurch war es mir auch verwehrt, aus Fehlern zu lernen. Heute sehe ich in diesem Umstand eine der Erklärungen für meine häufigen Handlungsblockaden. Schritt für Schritt lernte ich später, zu mir zu stehen, zu handeln und zu ertragen, dass es zum Leben gehört, Fehler zu machen. Heute kann ich Fehler als wichtige Lernchancen akzeptieren.
Unsere Eltern waren auf der einen Seite unglaublich hilfsbereit und engagiert in der reformierten Kirche sowie im Blauen Kreuz. Auf der anderen Seite praktizierten sie in der Familie rigorose Erziehungsmethoden. Ich erlebte, wie hart mein ältester Bruder bestraft wurde, wenn er nicht gehorchte. Mein Grossvater, Lehrer und Pädagoge, sagte meinen Eltern, dass der Wille des Bürschleins gebrochen werden müsse – und zwar von Anfang an, sonst hätten sie später keine Chance mehr, sich durchzusetzen.
Durch solche Erfahrungen kam ich zum Schluss, dass ich meine Wut und meine Gefühle herunterschlucken und auf die Zähne beissen müsse, um nicht anzuecken.
Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass in einem meiner Lieblingsmärchen die Tarnkappe, mit der ein Büblein andere Menschen überlisten konnte, eine entscheidende Rolle spielte. Ich versteckte mein wahres Gesicht sehr lange unter einer imaginären Tarnkappe.
Mit sechzehn machte ich die Aufnahmeprüfung für das Evangelische Lehrerseminar Unterstrass in Zürich. Dafür setzte sich meine Mutter ein. Sie stellte sich gegen die Meinung der Verwandtschaft, die fand, dass ich ein Mädchen sei, das später heiraten werde, während andererseits noch vier Buben da seien, die studieren sollten. Ich bin meiner Mutter für ihre Unterstützung bis heute unendlich dankbar. Ich trat unter Direktor Konrad Zeller, einem strenggläubigen Calvinisten und Pietisten, in das Seminar ein, das für Mädchen noch nicht lange offenstand. Viele der Seminaristinnen und Seminaristen liessen sich durch den strengen Verhaltenskodex, der gelehrt wurde, unter Druck setzen. Insbesondere Erotik und Sexualität waren stark tabuisiert. Wer sich verliebte, musste sich im Büro des Direktors unter Umständen peinlichen Befragungen und Ermahnungen aussetzen und Verhaltensweisen, die als sündig galten, konnten zum Ausschluss aus der Schule führen, wenn jemand erwischt wurde.
Ich war sehr lange diesem calvinistischen Denken verpflichtet. Vorehelicher Sex war für mich undenkbar. Mit Rico, einem Mitschüler, war ich etwa ein halbes Jahr lang eng befreundet. Aber zu mehr als zu Küssen und Spaziergängen Hand in Hand kam es zwischen uns nicht. Die Grenzen waren für mich ganz klar: Hätte er mehr von mir gewollt, hätte ich mich sofort von ihm getrennt.
Im Verlauf der Ausbildung fand eine Projektwoche in Zoologie unter der Leitung unseres Biologielehrers statt. Er trug die gleiche Art Schnauz wie mein Grossvater. Dadurch müssen unbewusste Erinnerungen an die sexuelle Ausbeutung in mir aufgekommen sein. Denn kurz bevor diese Intensivwoche begann, bekam ich plötzlich vierzig Grad Fieber. Man brachte mich ins Krankenzimmer, wo ich halluzinierte und Lähmungserscheinungen hatte. Der Kurs fand ohne mich statt. Wenn ich jetzt über dieses Erlebnis spreche, fühle ich mich erneut wie gelähmt. Das widerfuhr mir schon lange nicht mehr: Eine Mattscheibe, Erinnerungsfetzen, die hochkommen und mir den Hals zuschnüren …
Diese lange zurückliegenden Übergriffe waren mir damals noch nicht bewusst. Deshalb verstand ich auch nicht, warum dieser Lehrer so heftige Reaktionen in mir auslöste. Den Zusammenhang begriff ich erst, als ich mich viel später, mit über vierzig Jahren, in einer Therapie mit dem Thema auseinandersetzen konnte.

Eva, 33, mit ihrer Tochter
Nicht nur die Erinnerungen an meine Kindheit und Jugendzeit sind teilweise schmerzhaft, sondern auch jene an meine Verlobungszeit und an die 15-jährige Ehe. Immer wieder habe ich mich krampfhaft angepasst. Ich glaubte, die Erwartungen der Aussenwelt und besonders diejenigen der Eltern erfüllen zu müssen. Doch wo blieb ich mit meinen eigenen Bedürfnissen und Träumen?
Während der Ausbildung zur Erwachsenen-Kursleiterin lernte ich nicht nur Karin kennen, ich lernte vor allem auch mich neu kennen. Endlich spürte ich wieder Energie und Lust, etwas anzupacken. Ich fing an, an mich zu glauben, lachte viel mit den inspirierenden Frauen meiner Ausbildungsgruppe und fühlte mich wahrgenommen und angenommen. Ich nahm meine Arbeit als Heilpädagogin wieder auf und konnte in eine Praxisgemeinschaft mit Psychologinnen eintreten. Die Arbeit ausser Haus und der Austausch mit den Kolleginnen taten mir gut.
Der Zufall wollte es, dass Karin und ich in einer Ausbildungswoche im gleichen Zimmer untergebracht waren. Ich fühlte mich ausgesprochen wohl in ihrer Gegenwart. Niemand kannte mich inzwischen besser als sie. Am Ende der Woche sassen wir beide ein letztes Mal auf dem Bett im gemeinsamen Zimmer. Karin gab mir einen sanften Kuss auf den Mund. Ich war elektrisiert und verzaubert. Aber es machte mir auch Angst. Daheim schrieb ich umgehend einen Brief an Karin, in dem ich versuchte, mich von ihr und dem Geschehenen zu distanzieren. Karin gab vor, meine Bedenken und Ängste zu verstehen, war ich doch verheiratet, und sie sei in einer langjährigen Frauenbeziehung gebunden.
Vordergründig glaubten wir beide unseren Versicherungen. Dennoch telefonierten wir häufig, und ich fuhr fortan mit Karin in ihrem roten Honda Cabriolet an die Wochenendkurse. Immer mehr widerstrebte es mir nach den Wochenenden, daheim wieder auszusteigen, und ich mochte auch gar nicht mehr erzählen, wie gut es mir ergangen war.
Dann kam der unwirkliche und unvergessliche Abend im Januar 1981, zwei Monate vor meinem vierzigsten Geburtstag. Karin sass mir in meiner Wohnung gegenüber. Hans war in Frankreich und machte die neue Segelyacht bereit für seinen jüngsten Traum: eine Weltumsegelung mit Frau und Kindern. Ich hatte Karin gebeten, vorbeizukommen statt nur zu telefonieren. Sie kam, hatte aber keine Lust zu reden. Sie wollte einfach da sein, bei mir. Beim Abschied umarmte und küsste mich Karin – im selben Moment ging im ganzen Städtchen das Licht aus, und wir sassen beim Schein einer Kerze im Dunkeln. Am nächsten Tag war in der Zeitung zu lesen, dass eine Katze sich ins Transformatorenhäuschen verirrt und so den Stromausfall verursacht hatte …
In der Anfangszeit mit Karin war ich wieder froh um meine Tarnkappe, denn unsere Beziehung musste zunächst im Verborgenen stattfinden. Ich spürte aber deutlich, dass ich die Geheimhaltung nicht lange ertragen würde. Nachdem ich Karin körperlich nähergekommen war, sass ich an einem Sonntag in einer Predigt in der vordersten Kirchenbank. Während des Abendmahls fiel plötzlich ein Sonnenstrahl durch das Kirchenfenster genau auf mich. Für mich gab es keinen Zweifel mehr: Meine Liebe zu Karin, die ich als so überwältigend erlebte, konnte nur ein Geschenk Gottes sein. Kurz danach legte ich Hans gegenüber alles offen. Glücklicherweise hatte er sich gleichzeitig in eine meiner Freundinnen verliebt, wenn auch nur platonisch.
Es kam die schönste Zeit meines bisherigen Lebens: Ich strahlte vor Glück und wollte und konnte das nicht mehr verstecken. Karin und ich liefen in gelben Stiefeln durch den Regen – an der Hand die Kinder, die eine ganz neue Mutter kennenlernten. Ich erlebte mit Karin zum ersten Mal auch sexuelle Erfüllung.
In diese Zeit meiner Rückkehr auf seelisches Festland fielen die letzten Vorbereitungen für die kühne Unternehmung von Hans, die Welt zu umsegeln, nur mit Frau und Kindern in einer kleinen Yacht auf hoher See. Ich, die mit Karin endlich Freiheit zu entdecken begann, dachte in panischer Angst an diese Reise, an das Eingesperrtsein auf dem engen Boot, zusammen mit dem Mann, den ich zwar schätzte, jedoch nicht liebte. Die Kinder, die bald aus ihrem Beziehungsnetz herausgerissen werden sollten, waren inzwischen acht und sechs Jahre alt. Der Gedanke, ihnen auf mich allein gestellt während zwei oder drei Jahren Lehrerin und Mutter sein zu müssen, war für mich furchtbar, insbesondere auch weil ich wusste, dass ich auf dem unablässig schwankenden Boot schwer seekrank werden würde.
Während der letzten Vorbereitungsmonate nahm ich innert kürzester Zeit elf Kilogramm ab. Hans belastete mich mit einer eigenartigen Geschichte von einem Mann, der vom Bürgenstock heruntergesprungen sei, weil sich seine Frau von ihm trennen wollte. Ich litt unter Todesängsten und stand unter einem unerträglichen Druck. Ich fürchtete, dass ich auf dem Schiff in Verzweiflung über Bord gehen oder verrückt werden könnte. Karin war damals wie ein Anker für mich. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass Verrücktwerden nicht Schicksal, sondern eine Wahl sei, und sie versicherte mir, dass ich diesen Weg nicht wählen werde. Da hatte ich einen wichtigen Traum: Ich stand an einem Scheideweg in einer eiskalten Winterlandschaft. Alles war gefroren und schneebedeckt. Auf der einen Seite sah ich meinen toten Bruder Heiri, der wollte, dass ich mit ihm gehe. Auf der anderen Seite stand Anna, ein Nachbarskind, in einem farbigen Mäntelchen. Sie wünschte, dass ich sie heimbegleite, da sie den Heimweg nicht kenne. Ich entschied mich, das Mädchen heimzubegleiten. Ich bin überzeugt davon, dass diese Entscheidung im Traum für mich lebensrettend war.

Eva, 45
Der Plan zur Weltumrundung nahm konkrete Form an. Hans beabsichtigte, mit den Kindern vorerst bis Alicante zu segeln. Ich sollte nachreisen und bis Madeira mitsegeln. Ein Bekannter mit Hochseeerfahrung wollte Hans und die Kinder über den Atlantik begleiten, während ich im Sinn hatte, von Madeira aus in die Schweiz zurückzukehren. Das hatte ich mir so ausbedungen. Geplant war, dass ich später in die Karibik fliegen, die Kinder besuchen und sie je nach ihrem Befinden eventuell sogar in die Schweiz zurückholen werde. Doch alles kam anders.
Zwischen Gibraltar und Madeira wurde ich wieder heftig seekrank. In der anschliessenden Nacht wendete Hans das Boot. Er hatte eingesehen, dass die geplante Segelreise meine Kräfte übersteigen würde. Er schlug vor, in der Schweiz gemeinsam einen Neuanfang zu wagen. Für mich gab es an diesem Punkt jedoch kein Zurück mehr, kein Zurück in diese Ehe.
Irgendwie brachte ich die Kraft auf, mich damals mitten auf dem Ozean klar für mich zu entscheiden. Im letzten Moment hatte ich realisiert, dass mein Leben auf dem Spiel stand. Es ging um Sein oder Nichtsein. Ich traf die folgenschwere Entscheidung, die Familie trotz schwerster Schuldgefühle – vor allem den Kindern gegenüber – zu verlassen. Selbst wenn mein Beschluss Hans und den Kindern grossen Schmerz zufügte.
Hans segelte nach unserer Trennung mit den Kindern und seinem Freund weiter über den Atlantik. Von der Karibik aus teilte er mir mit, dass er mit den Kindern allein zur Weltumsegelung aufbrechen werde. Es bestehe schliesslich keine Wahrscheinlichkeit mehr, dass ich zur Familie zurückkehren werde.
Kaum war ich zurück in der Schweiz, bereitete ich die Scheidung vor. Das bedeutete aber auch, dass ich es aushalten musste, die Kinder mehr als zwei Jahre lang nicht zu sehen, dass ich zu ertragen hatte, dass Hans mit ihnen allein weitersegelte durch Piratenmeere und Stürme. Bewusst war mir ebenfalls, dass während der langen Reise die Beziehung der Kinder zum Vater sehr eng werden würde. Ich ahnte bereits, dass ich die Kinder nach ihrer Rückkehr nicht einfach wieder zu mir zurückholen könne. Die Befürchtung, dass sie künftig beim Vater leben würden, versuchte ich allerdings so lange wie möglich zu verdrängen.
Während die Kinder auf der Reise waren, schickte ich ihnen an jede Hafenadresse postlagernd Briefe mit Tonbändern, auf denen ich ihnen Geschichten erzählte.
Ohne Therapie und ohne Karin hätte ich es nicht geschafft, mit meinen schweren Schuldgefühlen umzugehen und weiterzuleben. Dennoch war mir klar, dass ich auf gar keinen Fall in meine alte Existenz zurückkehren konnte. Ich begann wieder mit einem vollen Pensum als Heilpädagogin zu arbeiten und übernahm eine Einschulungsklasse.
Im Hinblick auf die spätere Rückkehr der Kinder war Karin und mir klar, dass wir mehr Wohnraum brauchten. Recht unbedarft schauten wir uns nach einem geeigneten Haus in unserer Region um. Wir wurden schnell fündig. Dieser rasche Entscheid zum Hauskauf nach so kurzem Zusammenleben mit Karin war für mich ein grosser und gewagter Schritt. Doch meine Bedenken erwiesen sich glücklicherweise als unbegründet. Wir gestalteten unser neues Heim gemeinsam. Ich hatte mein eigenes Zimmer. Das war der Himmel auf Erden für mich! Ich verfügte frei über einen eigenen Lohn, nicht nur über ein Taschengeld. Zusätzlich war ich getragen von einem schwesterlichen Freundeskreis.
Die Zeit nach der Rückkehr von Hans und den Kindern nach mehr als zwei Jahren Abwesenheit war für alle nicht einfach. Hans und ich vereinbarten, dass die Kinder zusätzlich zu Ferienaufenthalten alle 14 Tage das Wochenende mit Karin und mir verbringen sollten. Zunächst versuchten die Kinder auf ihre je eigene Weise, wieder eine Beziehung zu mir aufzubauen. Susanne reagierte eher mit Trotz und Verweigerung. Patrick behielt seinen Schmerz tief in seinem Innersten und reagierte mit medizinisch unerklärlichen Fieberschüben. Ich versicherte den Kindern immer wieder, dass ich mich nicht ihretwegen, sondern meinetwegen von Hans getrennt hatte. Mit einer suizidalen oder psychisch kranken Mutter wäre den Kindern nicht gedient gewesen.
Hans und ich schafften es glücklicherweise, respektvoll miteinander umzugehen. Hans zeigte Grossmut. Er liess mich gehen, ohne meinen Schritt zu verstehen. Trotzdem verzieh er mir mit der Zeit. Wichtige Entscheidungen, welche die Kinder betreffen, haben wir seither gemeinsam getroffen, obwohl Hans das Sorgerecht hatte.
Hans lernte später seine heutige Frau kennen. Für mich war das eine grosse Erleichterung. Heute pflege ich mit beiden einen guten Kontakt. Unterdessen haben Susanne und Patrick eigene Kinder und ich bin sechsfache glückliche Grossmutter! Am liebsten treffe ich die Enkelkinder einzeln zu Unternehmungen, die individuell auf jedes Kind zugeschnitten sind. Wir kochen gemeinsam, gehen gelegentlich ins Kino oder an eine Ausstellung, diskutieren und malen ganz besonders gern in einem Malatelier. Karin und ich geniessen es immer, die Kinder zu treffen und an ihrer Entwicklung teilzunehmen. Karin hat eine einzigartig prägende Beziehung zu beiden jungen Familien. Sie ermutigt alle, ihre individuellen Wege zu verfolgen. Gerne erzählt sie von Erlebnissen aus ihrer eigenen Geschichte, in der sie sehr oft aus eigenen Fehlern lernen musste.
Karin und ich haben durch unseren Beruf als Lehrerinnen viele Gemeinsamkeiten. Wir ergänzen uns wunderbar. Ich liess mich anstecken von Karins Liebe zur Kunst, zur Malerei und zur Lyrik. Meine schulischen Schwerpunkte waren Heilpädagogik, Methodik und Didaktik. Zudem engagierte ich mich in der Gewaltprävention, wovon Karin ihrerseits profitierte. Im privaten Alltag durchlebten wir anfänglich eine äusserst symbiotische Phase, denn wir hatten beide schwere seelische Verletzungen mit in die Beziehung gebracht. Wir pflegten gegenseitig unsere Wunden. Heute nennen wir die erste Zeit unserer Beziehung eine Spitalbeziehung. Wunden konnten in dieser Zeit zwar heilen, aber wir wurden nicht in eigener Verantwortung erwachsen. Es war für uns deshalb wichtig, die je eigene Geschichte mithilfe einer Therapeutin aufzuarbeiten.
Daneben erlebten wir auch Rivalität: Ich beneidete Karins Sprachgewandtheit, ihre Fähigkeit, sich kurz und klar auszudrücken. Häufig ging es bei Konkurrenzthemen um Beachtung. Oder um sichtbare Unterscheidung: In Sachen Kleidung und Farben hatten wir einen ähnlichen Geschmack. Wenn die eine Rot tragen wollte, hatte die andere garantiert auch Lust auf Rot. Und wir beide in Rot, das ging gar nicht, glichen wir uns doch äusserlich schon genug. Zwar hatte ich mir als Kind sehnlichst eine Schwester gewünscht – ein doppeltes Lottchen. In der Realität hatte eine solche Nähe aber gelegentlich auch ihre Schattenseiten. Heute gibt es glücklicherweise nur noch selten Momente der Empfindlichkeit. Viel mehr Gewicht hatten befreiende Erfahrungen: Ich musste plötzlich wieder Nägel feilen, weil ich sie mir nicht mehr abbiss. Ich hatte keine Menstruationsbeschwerden mehr, und später wurde ich auch meine Allergien grösstenteils los. Auch suchte ich nicht mehr aufwendig nach der einzig richtigen Lösungen für Alltagsfragen: «Gut ist gut genug», pflegt Karin zu sagen. Insgesamt bin ich viel flexibler geworden.

Eva, 47
Dass ich wieder in meinem Beruf, der auch meine Berufung war, tätig sein konnte, half mir generell und in der Partnerschaft zu mehr Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Ich hatte endlich etwas zu sagen. Welch ein Zugewinn!




