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Ein wesentlicher Schwerpunkt meiner Schultätigkeit war die Präventionsarbeit. Schon an meiner ersten Stelle hatte ich die sexuelle Ausbeutung an einer meiner Schülerinnen aufgedeckt. Im Frauenzentrum Baden lernte ich andere von sexueller Ausbeutung betroffene Frauen kennen, gründete mit ihnen die Fachstelle Limita und entwickelte mit einer Psychologin zusammen ein Präventionsprogramm für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen. Es war mir ein besonderes Anliegen im Schulalltag, Mädchen in ihrem Selbstwert zu stärken und Buben ihren Gefühlen näherzubringen.
Meine Liebe zu Karin lebe ich offen. Ich erzählte im Teamzimmer an der Schule von unseren Ferien wie andere auch. Doch ich hausierte nie damit, lesbisch zu sein. Wer es wissen wollte, der wusste es.
Meiner Herkunftsfamilie gegenüber verhielt ich mich von Anfang an völlig transparent. Nach meiner Rückkehr von der Yacht und der Trennung von Hans packte ich als Erstes mein Köfferchen, reiste von Bruder zu Bruder und erzählte, welch dramatische Veränderungen sich in meinem Leben abspielten. Alle waren sie zwar überrascht, da sie Hans und mich immer als ideales Paar erlebt hatten, doch ich spürte seitens aller Brüder auch Offenheit und Verständnis. Karin war von Anfang an willkommen. Alle waren neugierig, sie kennenzulernen.
Am meisten staune ich auch heute noch über meine ehemalige Schwiegermutter. Sie liebte mich bis zu ihrem Ende von Herzen, obwohl ich ihrem Lieblingssohn so wehgetan hatte.
Ein grosses Geschenk machte mir meine Gotte Emmi: Sie vertraute mir an, dass sie vermute, dass auch meine Mutter gerne mit einer Frau gelebt hätte. Einmal erzählte sie mir von einem Traum und überbrachte mir Grüsse von meiner Mutter.
Den Kindern und später den Enkelkindern gegenüber kommunizierten wir von Anfang an, dass Karin und ich ein Paar sind und dass Frauen sich auch in Frauen verlieben können, genauso wie Männer sich in Männer. Die Hauptsache sei, jemanden lieben zu können. Lustig war das bei den Enkelkindern. Ich fragte sie einmal direkt, wie sie es finden, dass ihr Grossmami mit einer Frau, also Karin, zusammen sei. Der kleine Justin sagte nur: «Ja, normal dänk!» Kürzlich wurde die sechsjährige Enkelin von der Schulpsychologin gefragt, wann sie Geburtstag habe. Stolz gab sie Antwort und fügte bei: «Und im Fall, d’Karin hett au am glyche Tag Geburi.» Auf die Frage, wer Karin sei, erklärte sie: «Ich han halt zwei Grossmami – sie wohned mitenand.»
Die Bezeichnung lesbisch mag ich eigentlich nicht. Ich ziehe es vor, zu sagen, dass ich mit einer Frau lebe, und ich spreche von Frauenliebe.
Wenn ich zurückdenke, wusste ich früher zwar schon, dass es Schwule und Lesben gibt, aber trotzdem existierten sie irgendwie nicht in meiner Wahrnehmung. Ich schwärmte für Frauen, aber wirklich bewusst war mir diese Zuneigung nicht. Als Jugendliche verehrte ich in einem Bibellesebund-Ferienlager eine Leiterin. Oder da gab es eine ältere Cousine, die ich schön fand und für die ich schwärmte. Erst sehr viel später konnte ich diese Gefühle einordnen.
Mit Karin nahm ich in den Achtzigerjahren an einer Lesben-Tagung im Zentrum Boldern teil. Im Gegensatz zu ihr brachte es mich aber nicht aus der Fassung, als ich die vielen schönen Frauen sah. Für mich war das einfach selbstverständlich und erfreulich. Ich hatte keinerlei Berührungsängste.
Gelegentlich verkehrten wir im Frauenzentrum Baden. Doch die angebotenen Lesbenabende interessierten uns wenig. Wichtig war mir nur, dass ich andere frauenliebende Mütter traf. Es war für mich wesentlich zu sehen, dass es auch andere Frauen mit Kindern gab, die in einer Frauenbeziehung lebten.
Von 1991 bis 1994 war ich Grossrätin der SP. Spontan hatten damals fünf Frauen des Frauenzentrums Baden beschlossen, für den Grossen Rat zu kandidieren. Zwei von uns wurden auf Anhieb gewählt, so auch ich. Der Werbeslogan lautete: «Brave Mädchen kommen in den Himmel, aufmüpfige in den Grossen Rat.» Lange blieb ich jedoch nicht im Parlament. Das Hickhack, das Einander-nicht-Zuhören und die Unfähigkeit zu handeln wurden mir schnell unerträglich. Ich büsste bald jeden Grossratstag mit einer Migräne und wusste, dass ich mir das nicht mehr lange antun wollte.
Heute leben Karin und ich eine reiche, glückliche Gegenwart: Der Alltag in unserer schönen grossen Wohnung mit Blick über das Reusstal, der prachtvollen Aussicht auf die Berner Alpen, die gute Nachbarschaft, die Ferienwohnung am Genfersee bringen uns hohe Lebensqualität. Auf unseren unzähligen Urlaubsreisen bin ich die Fotografin und gestalte mit Freude Fotobücher, heute natürlich digital.
Täglich feiern Karin und ich unser Leben, und wir wachsen immer noch aneinander. Ich, eher Pragmatikerin mit dem «Talent», Unangenehmes zu verdrängen, habe von Karins Gespür für Unausgesprochenes, im Untergrund Lauerndes, viel gelernt. Bis heute führt mich ihre Frage: «Wie geht es dir jetzt, und was würdest du jetzt tun, wenn du allein wärst?» immer wieder zu meinen eigentlichen Wünschen, zum Überdenken festgefahrener Muster, zu mehr Flexibilität und Freiheit.
Wir gehen sehr offen mit dem «Rest unseres Lebens» um, reden über unsere Vorstellungen, wie ein würdiges Ende für jede von uns zu gestalten wäre, tauschen unsere Gedanken zur Endlichkeit aus und weichen nicht aus vor den sichtbaren Zeichen des Älterwerdens.
Nun gehen wir seit 35 Jahren unseren Weg gemeinsam, und wir haben diesen Entscheid keinen Tag bereut. Seit 2009 leben wir ausserdem in einer eingetragenen Partnerschaft und feiern unseren Hochzeitstag jedes Jahr. Wir haben beide sehr viel gewonnen an Selbstbewusstsein und an Freiheit im Umgang mit anderen.
Seitdem wir eine Zweitwohnung am Genfersee haben und wir beide pensioniert sind, geniesse ich auch die Freiräume, die wir uns gegenseitig geben. Es ist mir wichtig, einfach einmal eine Woche für mich zu sein und nach meinen eigenen Strukturen und Programmen zu leben. Gleichzeitig dürfen wir darauf vertrauen, dass wir immer wieder dort anknüpfen können, wo wir stehen geblieben sind: Ich verliere Karin nicht, und sie verliert mich nicht.

Eva, heute
«Ich bin gerne die, die ich heute bin.»
Karin Rüegg, 77, Aargau
Karin Rüegg (1938) ist Malerin und Dichterin. Nachdem sie ihre Karriere als Opernsängerin aufgegeben hatte, wurde sie in einem Aargauer Dorf leidenschaftliche Primarlehrerin. Sie sagt von sich, sie sei dem Teufel vom Karren gesprungen. Nach mehreren Lebenskrisen ist sie seit über dreissig Jahren mit Eva in einer glücklichen Beziehung. Den Ausdruck «lesbisch» mag sie nicht.
Mit Mitte siebzig begann ich mich zu fragen, welche von meinen Visionen sich im Lauf der Jahre verwirklicht haben. Dabei erinnere ich mich, dass ich mir als Jugendliche vorgestellt habe, einmal in einem Zuhause zu leben jenseits von Enge, mit einem offenen Himmel voller Sterne über mir: einem Ewigkeitsmantel – und zu meinen Füssen die Lichter der Welt.
Heute lebe ich so: Nachts sehe ich die Lichter und den Sternenhimmel über dem Reusstal, und ich fühle mich geborgen. Ich lebe an einem Ort, wo ich zu Hause bin und glücklich, zusammen mit Eva. Das ist die Krönung des Ganzen: Ich bin nicht mehr alleine unterwegs.
Über mein Leben nachdenken, heisst, den «Abstieg in den Brunnen meiner Vergangenheit» wagen. Ich spüre, dass ich zurückgehen muss in eine Zeit, in der es für mich noch keine Worte gab. Als Stütze nehme ich meine Gedichte mit. In Gedichten kann ich immer wieder Fuss fassen in der Welt und Dinge in meinem Leben sinnhaft zusammenbringen. Ich weiss, dass das Vergangene zwar besteht, aber es ist nicht nur gesät, es ist auch geerntet.
Gern erinnere ich mich an den Garten meiner Kindheit. Er war ein Paradies. In ihm stand ein Birnbaum, im Frühling mit allabendlich jubelnder Amsel im Geäst. Schneeglöcklein, Hyazinthen und Hortensien blühten. Es war ein Garten mit Erdbeeren, Johannis- und Brombeeren im Sommer, Trauben im Herbst. Alles nährte mich, vielleicht mehr als meine Eltern mich nähren konnten.
Meine Eltern waren Menschen von sehr unterschiedlicher Herkunft und Wesensart. Mein Vater war aus Angst gemacht, und er verbreitete Angst. Meine Mutter war aus Wörtern gebaut, und sie lehrte mich das Wort. Das Wort war kühl, aber es faszinierte mich.
Mein Vater war ein im Innersten verletzter Mensch. Sein Vater war Alkoholiker, die Mutter zog ihre zehn Kinder mithin alleine gross und arbeitete nebenher auch noch in einer Textilfabrik. Mein Vater war zwar gescheit, aber ohne Halt, ohne innere Heimat.
Meine Mutter stammte aus ganz anderen Verhältnissen, bäuerlichen, und war eng methodistisch erzogen. Sie war eine energische, intelligente Frau. 1937 kam sie als junges Mädchen nach Zürich. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass sie öfter einen Mann beobachtet habe, der an ihrem Haus, in dem sie als Dienstmädchen arbeitete, vorbeiging. Der habe so unzufrieden und mürrisch in die Welt geschaut, dass sie immer wieder gedacht habe: Also so einen wolle sie dann schon nie. Das kam dann allerdings anders, denn der mürrische Mann konnte offenbar durchaus charmant sein. Meine Mutter wurde schwanger. Es habe fünf Monate gedauert, bis sie ihren Zustand erkannt habe.
Ich stelle mir vor, dass ich in der ersten Zeit in meiner Mutter geborgen war. Immerhin bin ich die Frucht einer Liebesbeziehung. Doch in dem Moment, als meine Mutter realisierte, dass sie schwanger war, musste sie zur Salzsäule erstarrt sein. Sie war Meisterin im Verdrängen. Was nicht sein durfte, das war nicht! Von da an wird für mich keine Bewegung mehr möglich gewesen sein. Sie schnürte mich ab. Die Angst vor Enge hat mich mein Leben lang begleitet. Ich wurde mit aller Kraft unsichtbar gemacht, sodass an der Hochzeit, als meine Mutter im achten Monat mit mir schwanger war, niemand diesen Umstand wahrgenommen hat.
Einen Monat später, im April 1938, kämpften meine Mutter und ich drei Tage und drei Nächte lang um unser je eigenes Leben. Wir gewannen beide, zahlten auch beide den hohen Preis einer Depression, die bei meiner Mutter bis zur Geburt meines Bruders andauerte. Ich hatte eigentlich keine Mutter. Ich habe nur eine vage Erinnerung an eine leere, kalte Welt. Meine Mutter konnte keine Beziehung zu mir aufbauen.
Die Leere war während langer Zeit schmerzhaftes Thema meiner Bilder und meiner Gedichte. Es dauerte Jahre, bis mir die Leere zum Raum wurde für Fülle und Erfüllung.
Nicht leer
ist die Leere
der Raum ist sie
dazwischen.
In dieser Zeit hat sich mein Vater meiner in überschäumender Freude bemächtigt. Ich war der Mittelpunkt seines Lebens. Er hatte eine depressive Frau und ein kleines Mädchen, das ihm völlig widerstandslos ergeben war. Mein Vater überschüttete mich mit Zärtlichkeit und Beachtung – viel zu viel. Die abwesende Mutter und der «überschwemmende» Vater wurden für mich zum Trauma. Es ist schwierig, mich gedanklich in dieses Unbegreifliche zurückzuversetzen, das damals mit mir geschah. In der Folge wurde ich zum «Fluchttier»: Nahe Beziehungen ängstigten und ängstigen mich immer wieder. Es fällt mir schwer, mich vertrauensvoll auf Nähe einzulassen.
Erst viele Jahre später während einer Therapie konnte ich die Geschehnisse mit meinen Eltern verarbeiten. «Bin ich existenzberechtigt?» – Mit dieser Frage ringe ich noch immer gelegentlich: Trotz Beziehung, Bildern, Gedichten und Erfolg bin ich auch noch heute nicht immer sicher, ob ich sein darf.
Dennoch habe ich Schritt für Schritt Fuss gefasst in der Welt. Geholfen haben mir dabei das Schreiben von Gedichten und das Malen. Vielleicht ist meine Lebensleistung, dass ich mir die richtigen Werkzeuge, die richtigen Hilfen geholt habe, um zu überleben. Ich bin ausgesprochen organisiert heute, lebe sehr geordnet und bürgerlich. Gleichzeitig habe ich mir meine Eigenwilligkeit bewahrt. Ich schaffe offenbar immer wieder den Spagat zwischen eigen sein und einen Platz haben in der Welt.
1941 bekam ich die Kinderlähmung – und meinen Bruder. Als ich geheilt vom Kinderspital heimkam, hatte sich mein Bruder eingenistet, und die Mutter war von allen Depressionen geheilt. Sie konnte für diesen Sohn auf einmal Gefühle zeigen und Zärtlichkeit. Ich glaubte damals, dass das damit zusammenhänge, dass mein Bruder ein Bub war. Gewieft wie ich war, beschloss ich, selber mehr Bub zu werden als alle übrigen Buben zusammen. Ich rannte schneller als der schnellste Bub im Quartier, kletterte auf die höchsten Bäume, und später in der Schule rechnete ich wie eine Weltmeisterin. Gleichzeitig war ich eifersüchtig auf alles Männliche, neidete Männern ihre vermeintliche Unabhängigkeit, vor allem aber ihr unverdientes Angesehensein. Allen Mühen zum Trotz gelang es mir aber nicht, ein Bub, geschweige denn ein Mann zu werden. Um Ansehen allerdings ging es mir ein Leben lang. Heute, so denke ich, geniesse ich Ansehen als die Frau, die ich geworden bin.
Im Jahr, als mein Bruder zur Welt kam, wurde mein Vater zum Aktivdienst eingezogen und verschwand buchstäblich über Nacht sang- und klanglos von meiner Bühne. Als er 1945 zurückkam, war er ein Fremder für mich: ein Gefährlicher und Gefährdeter. Die Männer im Militärdienst waren völlig lahmgelegt, warteten auf den Krieg, das Gewehr im Anschlag. Mein Vater kam als Alkoholiker zurück. Was sich dann in unserer Familie abgespielt hat, war schwer zu ertragen. Ich hatte unsägliche Angst vor meinem Vater. Jede zweite Nacht kam er betrunken nach Hause und randalierte über Jahre, über Jahrzehnte hinweg. Mein Vater war grundlos und sinnlos eifersüchtig, bedrohte meine Mutter immer wieder, tobte und drohte, uns alle umzubringen. Ich versuchte irgendwie am Leben zu bleiben. Ich zog mich immer mehr in mich selbst zurück, zeichnete viel und baute mir meine eigene, künstliche Welt.
Für mich hängt der Entscheid, mit einer Frau zusammenzuleben, mit meiner Beziehung zu meinem Vater zusammen. Der Weg, als Frau eine Frau zu lieben, war ursprünglich sicher unbewusst gewählt, ein Schritt aus der Verzweiflung heraus. Ein Entscheid als Gegenentwurf zu dem, was sich meine Mutter hat gefallen lassen von ihrem Mann.
Meine Schulzeit wurde von zwei einschneidenden Erfahrungen überschattet. Früh zeigte sich, dass ich Mühe hatte mit der Orthografie. Erst viel später, als ich selber Lehrerin war, erkannte ich, dass ich legasthenisch bin. Ich brauche auch heute noch gelegentlich einen Duden. Zu meiner Zeit galt als dumm, wer nicht richtig schreiben konnte. In der vierten Klasse schrieb ich in einem Diktat 34 Fehler. Ich schämte und hasste mich für meine Schwäche. Später, als Lehrerin, erzählte ich meinen Kindern, wenn sie an einer Aufgabe zu scheitern drohten, diese Geschichte und machte ihnen Mut: «Du kannst es schaffen – schau mich an, ich habe es doch auch geschafft!»
Die andere Erfahrung war ebenso tiefgreifend: Ich wuchs als Kind armer Leute am Zürichberg in einer Umgebung mit lauter reichen, gesellschaftlich gewandten Leuten auf. War ich einmal bei Freundinnen zum Essen eingeladen, wusste ich mich nicht zu benehmen, wusste nicht, wie man «schön» isst, und zitterte innerlich vor Angst und Scham. Dieses Zittern beim Essen kenne ich bis heute.
Zum ersten Mal verliebt war ich in der dritten Klasse, und zwar zweifach, in einen Buben und in ein Mädchen. Erst in der Pubertät verschwanden Buben als Liebesobjekte allmählich aus meinem Leben, und zunehmend himmelte ich Mädchen an. Ich wusste jedoch, dass das irgendwie falsch war, und fühlte mich orientierungslos.
Als 16-Jährige schwärmte ich für Königin Elisabeth und hängte sämtliche Bilder von ihr auf, deren ich habhaft werden konnte. Meine Mutter reagierte darauf spürbar irritiert. Das löste bei mir Verwirrung und Selbstzweifel aus. Als ich dann wirklich realisierte, was mit mir los war, und dass das offensichtlich nicht normal war, fiel ich aus allen Wolken in ein tiefes Loch. Damals, Mitte der 1950er-Jahre, war das Thema Frauenliebe noch völlig tabu. Dass gleichgeschlechtliche Liebe ein Teil unserer Lebensmöglichkeiten ist, wurde erst viel später öffentlich thematisiert. Ich fühlte mich wie in einem Dornröschenschloss, verwachsen und verwunschen. Ich kämpfte mich alleine durch dieses Dickicht. Frauenliebe gab es nicht. Das war eine verrücktmachende Situation: Es gab mich nicht. Ich wanderte verstört durch die Welt, wusste nicht, wer ich war und wozu ich war. Ein Ausweg wäre die Psychiatrie gewesen. Da muss es an meiner Wiege jedoch ein paar gute Feen gehabt haben, die das verhinderten.
Dennoch rutschte ich von einer Verliebtheit in die andere. Immer mit dem Gefühl, dass das eigentlich nicht sein darf. Es gab weder Wörter noch Bilder für meine Empfindungen. Meine Verliebtheiten waren einerseits Rettungsanker, die mich emotional am Leben hielten, andererseits zerrissen sie mich. Ich war eine Liebende wie Cherubin in «Figaros Hochzeit», schwärmte sämtliche Frauen an. Als Cherubin liess ich mich treiben von den Energien der Sexualität, der Liebe, von Angezogensein und Zurückgestossenwerden. Ein Labyrinth. Wenn das Bild eines Labyrinths irgendwo hingehört, dann in meine Pubertät. Ich versuchte mich zu finden, weit davon entfernt zu wissen, wohin das führt.
Schüchterne Bekanntschaften fanden in einem hermetisch abgeschirmten Raum statt. Das waren erotische Begegnungen, jenseits aller Bewusstheit. Leiden pur. Überlebt habe ich diesen Zustand mit der Überzeugung, dass, wer in einen Tunnel hineinfährt, auch wieder hinausfindet.
Das war die Zeit, in der ich – nach einem Opernbesuch in Zürich – mit dem Singen begann, da war ich 16. Singen eröffnete mir einen Überlebensweg. Das Lied vom «Nöck»: «Wer singt, darf in den Himmel gehn» traf einen Nerv in mir. Ich war plötzlich überzeugt, dass ich als Künstlerin einen Ort bei Gott und den Menschen finden würde. Musik wurde für viele Jahre zum tragenden Element meines Lebens. Ich wollte Sängerin werden, und ich wurde es auch.
Ursprünglich habe ich eine Verkäuferinnenlehre gemacht. Gleichzeitig trieb ich meine Gesangsausbildung voran. Ich finanzierte als Konfektionsverkäuferin an der Bahnhofstrasse in Zürich meine Gesangsstunden. Mit 23 Jahren beschloss ich, in München vertieft Musik zu studieren. Mit dem spärlichen Lohn meiner Arbeit als Haushaltshilfe bezahlte ich mein Zimmer und meine Studien. Als ich den ersten Preis für Gesang im Musikwettbewerb der Deutschen Industrie gewann, konnte ich mich ganz auf die Verwirklichung meiner Träume konzentrieren.
In dieser Zeit in München lernte ich meine erste grosse Liebe kennen. Ursula erkannte hinter meiner grossartigen Fassade mühelos das verstörte, einsame Kind. Sie nahm mich wie eine verwaiste kleine Katze auf den Schoss und an ihr Herz, und sie nährte mich mit Achtsamkeit, mit Wärme und ihrem immensen Wissen in Literatur und Geschichte. Sie begleitete meine ersten Gehversuche in der Lyrik, die mir unverzichtbar werden sollte. Wir lebten eine innige und glückliche, intime Zweierbeziehung. Ich bin seelisch in Ursulas Liebe weitgehend gesund geworden. Ursula führte jedoch ein relativ isoliertes Leben und wagte nicht, nach aussen zu mir zu stehen. Zunehmend wurde dieser Umstand für mich zum Gefängnis. Ursulas Mutter war mir gegenüber misstrauisch, sie durchschaute unsere Beziehung. Als ich viele Jahre später, mit vierzig, Eva kennenlernte, trennten sich unsere Wege. Bis heute sind wir einander jedoch unverbrüchlich freundschaftlich verbunden. Ursula ist es, die meine Gedichte redigiert, die mich literarisch anregt oder zurückbindet.
Ich habe Jahre darauf verwendet, um mir den Traum, Opernsängerin zu werden, zu erfüllen. Trotz eines Engagements an der Klagenfurter Oper, das mir Erfolg und viele solistische Auftritte ermöglichte, würde ich das Projekt «Opernsängerin» als Zwischenstation verbuchen, vielleicht sogar als gescheitert. Aber es hat mir geholfen, am Leben zu bleiben und das Leben als reich und lebenswert zu erfahren. Es war offenbar nicht meine Bestimmung, all die negativen Seiten des Theaterlebens in Kauf nehmen zu müssen, wie zum Beispiel mit vierzig Jahren bereits zum «alten Eisen» zu gehören.
Vom Theater ins Lehrerinnenseminar umzusteigen, war eine weise Entscheidung von mir. Ich war dreissig Jahre alt und wurde eine leidenschaftliche Lehrerin. Viele meiner Begabungen fanden Ausdruck in diesem Beruf. Trotzdem ist mir der Abschied von der Oper sehr schwergefallen. Scheitern wurde mir zur wichtigen Lebenserfahrung: Etwas beerdigen können, damit etwas Neues wachsen kann.

Karin, 30
Das Scheitern
wie einen Baum
zwischen Kirsch-
und Mandelbäume
pflanzen
mich auf
richten
an ihm
tanzen
vor Augen
das Ziel
Am Lehrerseminar bekam ich wesentliche Unterstützung für mein Schreiben. 1974 erschien mein erster Gedichtband «Eine Stadt aus Karton» im Sauerländer Verlag. Das Schreiben machte mich glücklich. Wenn ich heute nicht male, schreibe ich. In Gedichten verarbeite ich Erlebtes, Gegenwärtiges und Vergangenes. In Worten kann ich mein Leben immer wieder auf den Punkt bringen.
Nach absolvierter Seminarzeit bekam ich mühelos eine Stelle in einem damals noch kleinen, konservativen Aargauer Dorf. Ich blieb ihm dreissig Jahre lang treu. Ich habe den Primarschülerinnen und -schülern und vor allem ihren Eltern viel zugemutet. Die Kinder nannten mich bei meinem Vornamen. Ich wollte horizontal mit ihnen verbunden sein. Mir war immer bewusst, dass ich selber noch viel zu lernen habe, auch von den Kindern. Statt sie zu kontrollieren, wollte ich gemeinsam mit ihnen unterwegs sein. Zwischen den Kindern und mir bestand sehr viel Respekt. Ich habe nie eine Strafaufgabe verteilt, es ging mir immer darum, den Kindern klarzumachen, dass Taten Folgen haben, für die es heisst, geradezustehen. Wenn es Schwierigkeiten gab, habe ich mit den Kindern auf Augenhöhe gesprochen. Die Schülerinnen und Schüler waren für mich keine unvollkommenen Erwachsenen, sondern eigenständige Menschen mit eigenen Bedürfnissen. Genährt aus persönlichen Erfahrungen, hatten die Vermittlung von Selbstkompetenz und sozialen Fähigkeiten in meinem Unterricht stets oberste Priorität.
Ich habe für meine Schulkinder Gedichte zu vielen Lebensfragen des kindlichen Alltags geschrieben, zu allen Sinnen, Gefühlen, zu zwischenmenschlichem Verhalten. Wir haben an Hand der Gedichte gemeinsam nachgedacht, Schlüsse für unser Leben gezogen. Die Gedichte erschienen später im Baden-Verlag unter dem Titel «Mut ist gut» – bebildert mit Zeichnungen der Kinder.
Du bist ein Fluss
ich bin ein Baum
wie wunderbar
Selber hatte ich nie einen Kinderwunsch. Ich war eine gute Lehrerin, aber ich wäre mit meinem Hintergrund keine gute Mutter geworden.
Neben meinem Beruf war ich noch immer einsam. In einer schönen Wohnung zwar, aber allein, und ich litt zunehmend darunter. Mit Ende Dreissig fuhr ich einmal nach Zürich und besuchte eine Frauenbar. Dort schaute ich mich um, fand mich aber in diesem Milieu nicht zurecht.
In meinem Alleinsein kam mir die Möglichkeit einer Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin sehr gelegen. Ich stieg mit Begeisterung ein, und ich legte von Anfang an offen, dass ich Frauen liebe. Das befremdete zwar einige, andere aber schätzten meine Offenheit. Die Ausbildungsgruppe bestand fast ausschliesslich aus Frauen. Mit ihnen erlebte ich Schwesterlichkeit und entdeckte so etwas wie eine gesellige Ader in mir. Ich tanzte gern, in meinem eigenen Rhythmus natürlich, ich lachte gern und war schlagfertig.
Unter diesen Frauen fiel mir eine auf. Sie hatte einen fliessenden, weichen Gang wie eine Katze und langes, blondes Haar wie eine Prinzessin. Sie war für mich wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Befremdlich war mir allerdings ihr ständiges Lächeln, und ich begann mich zu fragen, was wohl dahinterstecken mochte. In einer Zweierarbeit sprach ich Eva auf dieses Lächeln hin an. Eva sagt heute, für sie sei diese Frage so etwas wie ein Türöffner zu sich selbst gewesen. Sie habe nicht damit gerechnet, dass jemals jemand hinter ihre heile, glückliche Fassade zu sehen vermöchte. Wir hatten jedoch weiterhin wenig miteinander zu tun, zu sehr stammte Eva aus einem anderen, gutbürgerlichen Umfeld. Sie war verheiratet, hatte Kinder und war hoch angesehen. Sie und ich? Nein, wir passten überhaupt nicht zusammen. Ich, zwar Lehrerin, aber «dem Teufel vom Karren gesprungen», und Eva eine Prinzessin … Im Nachhinein erscheint mir das wie eine Froschkönig-Situation. Gelegentlich fühle ich mich auch heute noch als ein von der Wand gefallener Prinz, entzaubert, erlöst vom Froschsein.




