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Damals griff der Zufall ein. Während einer Weiterbildungswoche ergab es sich, dass Eva und ich im selben Zimmer untergebracht waren, und es entstand zwischen uns eine Atmosphäre absichtsloser Zärtlichkeit, die unsere Tage unausgesprochen verklärte. Am Ende dieser Woche nahm ich sehr schweren Herzens von Eva Abschied. Als Symbol für meine Befindlichkeit malte ich eine trauernde, einsame schwarze Katze. Beim Anblick dieser Katze erschrak Eva, nicht ahnend, dass diese Katze noch eine verheissungsvolle und denkwürdige Rolle für uns spielen würde. Eva fürchtete eine zu grosse Anhänglichkeit von meiner Seite, sodass sie mir von zu Hause aus umgehend einen Brief schrieb, dass in ihrem Leben kein Platz sei für einen näheren Kontakt zu mir. Ich antwortete ebenso umgehend, auch ich sei gebunden, wenn auch auf Distanz.
Nachdem wir uns so klar positioniert hatten, sahen wir uns gelegentlich ganz unverbindlich. Vermutlich waren wir beide überrascht, wie wohl wir uns fühlten in der gegenseitigen Anwesenheit. Ganz leicht und unbeschwert. Alles schien geklärt zwischen uns. Dann, am 31. Januar 1981, verabredeten wir uns zwanglos bei Eva zu Hause. Eva wollte eigentlich mit mir reden, und ich wollte schweigen. Wir hielten uns bei den Händen. Als wir uns um 23 Uhr schüchtern und aufgeregt küssten, erlosch das Licht in der ganzen Stadt. Ausser dem Licht einer Kerze auf dem Klavier war es stockfinster.
Am nächsten Tag war in der Zeitung zu lesen, dass eine Katze ins Transistorenhäuschen geraten sei und das habe die ganze Stadt in Dunkelheit gehüllt. Im Moment, als wir uns küssten, ist die schwarze Katze, Symbol meiner Einsamkeit, gestorben. Für mich ist das die schönste Liebesgeschichte der Welt.
Dieser Abend hatte entscheidende Folgen für unser beider Leben. Wir machten uns auf einen gemeinsamen, lebenslangen Weg. Es gab kein Zurück mehr. Für mich war die Aufgabe, die sich in der Folge stellte, vergleichsweise einfach: Ich lenkte mein schwankendes Lebensschiff in einen sicheren Hafen. Eva dagegen musste sich aus sehr engen Verflechtungen lösen, um freie Fahrt für ihr Leben zu gewinnen. Sie war sehr bürgerlich eingebunden, sie war Ehefrau und Mutter. Doch sie hat den Schritt gewagt.

Karin, 34
Wir waren anfänglich unterwegs wie zwei Kinder, Brüderchen und Schwesterchen, in einem verwunschenen Wald, und wir versuchten uns gegenseitig vor Gefahren und vergifteten Brunnen zu bewahren. Eva war damals in vielen Handlungen blockiert. Sie hatte gelernt, abzuwarten und zu reagieren. Wir haben unterschiedliche Temperamente. Ich sprang in diese Lücke, wurde überaktiv, und das schaffte natürlich Konfliktpotenzial.
Für mich war Eva von Anfang an das Zentralgestirn, um das ich kreiste, und wir erlebten am Anfang unserer Beziehung eine Zeit himmelhochjauchzender Freude. Ich wünschte mir nichts mehr, als Eva glücklich zu machen. Im Gegenzug sollte sie mich meiner Existenz vergewissern. Das war für uns beide eine zu grosse Aufgabe. Wir mussten einsehen, dass wir uns nicht gegenseitig erlösen konnten. Allerdings ist Eva auch heute noch meine hilfreichste Begleiterin, wenn ich in Melancholie zu versinken drohe, oder wenn ich mich in Selbstzweifeln verheddere.
Wir machten beide eine langjährige Therapie. Dort habe ich vor allem die Geschichte mit meinem Vater aufgearbeitet. Später stellte sich heraus, dass auch Eva eine Inzestgeschichte mit ihrem Grossvater zu verarbeiten hatte.
Letztlich haben wir gelernt, mit unseren Unterschiedlichkeiten zu leben und uns gegenseitig zu ergänzen und zu bereichern. Eva soll ihre Stärken bei mir leben können. Es entlastet mich, wenn ich eine starke Partnerin an meiner Seite habe.
Doch zurück zu dem, was äusserlich passierte. Kurz nachdem wir uns füreinander entschieden hatten, kauften wir mutig gemeinsam ein Haus. Das war 1982, ich war gerade 44 Jahre alt. Dieses Haus mit Garten war unser Paradies: Voller Rosen, Rhododendren, mit Apfel- und Aprikosenbäumen. Erst nachdem ich mit Eva zusammenzog und wir uns diesen Boden geschaffen hatten, der getragen hat, bin ich wirklich auf die Welt gekommen.
Mit fünfzig Jahren reisten Eva und ich nach Big Sur in Kalifornien, an das Esalen-Institut. Hier fand ich den Weg zur bildenden Kunst, ein weiterer Wendepunkt in meinem Leben. Ich begegnete einem Maler, der mein Mal-Feuer weckte mit dem denkwürdigen Satz: «Es gibt einen Platz in der Hölle für Malerinnen, die ihren Auftrag nicht erfüllt haben.»
Er machte Druck mit den Worten: «Wenn Malen deine Sehnsucht ist, dann warte nicht, bis du pensioniert bist, dann wird es zu spät sein. Lass dich ausbilden – jetzt!» Mein jüngster Gedichtband, der im Dezember 2014 erschien, heisst passend: «wann wenn nicht JETZT».
Nach unserem Aufenthalt in Kalifornien belegte ich Kurse an der Kunstgewerbeschule in Zürich, absolvierte Fernkurse, setzte mich mit Zeichnen, Perspektiven, Licht, Schatten und Form auseinander. Ich wollte nicht einfach Hobbymalerin sein, ich wollte Malerin sein, das Handwerk von Grund auf lernen. Malen wurde mir zur Berufung. In der Welt der Farben und der Formen bin ich zu Hause. Meine Hingabe ans Malen hat mich nie wieder verlassen. Ich male mit wenigen Ausnahmen täglich. Seit 25 Jahren stelle ich in regelmässigen Abständen in renommierten Galerien aus.
In den 1980er-Jahren machte sich eine Philosophie der offenen Beziehung breit unter dem Titel: «Zärtlichkeit und Treue». August E. Hohler stellte Liebe und Zärtlichkeit höher als eine eng verstandene Treue gegenüber nur einem Menschen. Vor allem geht es ihm um Treue sich selber gegenüber. Letztlich hatten Eva und ich es gerade dieser Diskussion zu verdanken, dass unsere Beziehung zustande gekommen war. Wir waren grundsätzlich offen für das Thema. Es liess sich jedoch nicht auf die Realität übertragen. Eva war und ist im Tiefsten auf eine Beziehung ausgerichtet und zur Untreue nicht fähig. Ich, die ich mit Nähe Schwierigkeiten habe, hätte eher fremdgehen können. Ich habe es auch versucht, aber Evas Schmerz hat mich eines Besseren belehrt.
Obwohl es in unserem Bekanntenkreis seit jeher kaum Frauenpaare gab und gibt, leben wir eingebettet in ein ganzes Netz von Freundinnen und Freunden, die in traditionellen Beziehungen leben. Zärtlichkeit leben wir in unserem Alltag, in unserem Aufeinanderbezogensein.
Ob ich in der Frauenbewegung war? Nein! Ich war nur bedingt an Politik interessiert. Ich führte ziemlich blauäugig und unangepasst mein Lehrerinnen- und Märchendasein. Ich bewegte mich in ganz eigenen, seelischen Kreisen. Ich war nicht ganz von dieser Welt. Erst durch Eva wurde ich politisiert. Auch durch meine Schulkinder wurde ich letztlich gezwungen, mich der Realität zu stellen. Ich wurde zu einer engagierten, auch feministischen Lehrerin.
Mut
ist die Milch
die ich dir gebe
du wirst
eine Fliegerin sein
eine
die Schiffe erbaut
Brücken schlägt
und Bäume umarmt
meine Tochter
dein Name sei
Aufbruch
sei
ich bin
die ich bin
Mit dem letzten Schultag schloss sich dann für mich das Tor zum beruflichen Auftrag, und es war gut. Von da an war ich Dichterin und Malerin. War und bin.
1996 zogen wir aus unserem mehrstöckigen Haus in ein Terrassenhaus, alles bequem auf einem Boden, hell, mit Blick über das Reusstal in den weiten Himmel. Eine Wohnung mit integriertem Atelier – Herz, was willst du mehr? Dieses «mehr» kam allerdings sechs Jahre später auch noch. Am Genfersee drängte sich uns buchstäblich und ungeplant eine Zweizimmer-Ferienwohnung auf – direkt am See. Zum ersten Mal standen wir an meinem 64. Geburtstag in den beiden Räumen zwischen Wasser und Himmel: Wir konnten nicht anders, wir entschlossen uns Hals über Kopf zum Kauf.
Seither verbringen wir die Hälfte des Jahres im Aargau, die andere am Léman. An beiden Orten male ich, und ich kann es immer wieder nicht fassen, was das Leben mir alles schenkt, und ich bin voller Dankbarkeit. Dankbar bin ich vor allem Eva, die mit mir unterwegs ist, die mich Acht samkeit lehrt dem konkreten Alltag gegenüber, den wir täglich bewusst feiern, vielleicht weil wir beide wissen, wie kostbar unsere gemeinsame Zeit ist – und wie begrenzt.

Karin, 48
2009 liessen Eva und ich unsere Partnerschaft eintragen. Was wir nicht wussten: Auf dem Standesamt war für gleichgeschlechtliche Paare nicht vorgesehen, «Ja» zueinander zu sagen. Doch genau dieses «Ja» war uns wichtig. Ich unterbrach also die Standesbeamtin mitten in ihrer Zeremonie und fragte sie, wie das jetzt sei mit dem «Ja». Die Beamtin stutzte für einen Moment und war dann bereit, Platz zu schaffen für unseren Wunsch. Unter Tränen zelebrierten wir vor den versammelten Gästen unser «Ja».
Die reformierte Kirche in unserem Dorf hätte uns erlaubt, die Trauung öffentlich in der Kirche abzuhalten – mit Glockengeläut. Ich wusste jedoch rasch, dass ich dafür zu dünnhäutig bin, dass ich emotional an meine Grenzen gekommen wäre. Deshalb beschränkten wir uns auf das Standesamt. Doch unser Pfarrer kam zu einem späteren Zeitpunkt mit uns nach Zürich ins Fraumünster. Unter dem blauen Chagall-Fenster mit der Jakobsgeschichte segnete er uns. Diese Segnung bedeutet uns auch heute noch viel. Wenn wir nach Zürich fahren, besuchen wir regelmässig «unser» Chagall-Fenster.
Nun stellt sich noch die Gretchenfrage: Wie halt ich’s mit der Religion? Die Frage nach Gott beschäftigt mich, seit ich mit drei Jahren zum ersten Mal die Sonntagsschule besuchte. Eine Antwort auf mein Fragen «Wie ist Gott?» bewegt mich. Sie lautet: «Sie ist schwarz.» Das will heissen: Gott ist anders. Anders als wir sie oder ihn uns denken – nicht personal – und dennoch tragend, Leben schaffend und tröstlich.
Wie wollte ich leben ohne den Trost, dass da etwas ist, das mich sieht und meint? In diesem Sinn glaube ich an Gott, wider alle Vernunft.
Im Lauf meines Lebens ist mir klar geworden, dass meine Mutter mich eigentlich immer wieder sehr bewundert hat: Für meine Eigenwilligkeit, meine eigene Farbe, meine Originalität. Letztlich, denke ich, sind meine Mutter und ich aneinander gewachsen. Ich lebte eine lebenslange Sehnsuchtsgeschichte mit ihr, trotz – oder vielleicht wegen – unserer problematischen Anfangsbeziehung. Meine Liebe zu ihr war lange geprägt von meinem ungestillten Wunsch nach Akzeptanz und Gesehenwerden. Ich sehnte mich nach Mutterliebe, lange nachdem ich sie bereits hätte erleben können. Erst die vorbehaltlose Liebe meiner Mutter für meine beiden Partnerinnen zeigte mir die unauflösliche und bedingungslose Treue und Liebe meiner Mutter zu mir und meinem Weg. Es gab nie auch nur den kleinsten Disput, bei welchem meine Mutter bezweifelt hätte, ob ich auf dem rechten Weg sei. Mit dreissig hatte ich ihr am Telefon mitgeteilt, dass ich Frauen liebe. Es ist unglaublich, wie loyal meine so streng und eng erzogene Mutter mich begleitet hat auf dem Weg mit diesen Frauen. Sie hat beide geliebt. Sie liebte Ursula, sie liebte Eva. Sie kam zweimal im Jahr zu Eva und mir in die Ferien. Sie genoss jedes Zusammensein mit uns, nahm Anteil an unserem Leben und mischte sich nie in unsere Angelegenheiten ein.

Karin, 48
Für meinen Vater war Frauenliebe kein Thema. Er wird mich erkannt haben, aber er sprach bis zu seinem Tod 1971 nicht darüber. Viel schwieriger war und ist mein Weg für meinen Bruder. Obwohl er Eva akzeptiert und achtet, ist ein Gespräch über mein ureigenstes Gewordensein mit ihm nicht möglich. Mit Evas Kindern ist die Situation in den langen Jahren unseres Zusammenseins geklärt und gut, und ich freue mich am Gedeihen unserer Enkel.
Vor drei Jahren mussten wir Abschied von meiner Mutter nehmen. Sie hat ihr Leben gemeistert, ohne Ärger, ohne Klagen. Sie war uns bis in ihr hohes Alter ein bewundernswertes Vorbild. Doch:
Zerbräche nicht
die irdene Schale
es befreite sich nicht
schmetterlingsleicht
die Seele
ins hellere Licht
Mit Eva lebe ich unsere Beziehung offen. Als Eva in mein Leben kam – 1981 –, war sie fraglos die Frau an meiner Seite. Ich kommunizierte das, nicht provokativ, sondern ganz selbstverständlich. Vielleicht waren wir für manche Dorfbewohner ein Stück weit eine Provokation. Wir bekamen jedoch nie irgendwelche Vorbehalte zu spüren. Es gab keinen Anlass für Spekulationen oder Geheimniskrämereien. Dass ich eine so sympathische, schöne Frau an meiner Seite habe, hätte für einen Skandal nichts hergegeben. Ich benannte meine Liebe nicht, wir leben sie. Das Wort «lesbisch» mag ich gar nicht. Ich liebe Frauen, ich liebe Eva.

Karin, 48, und Eva, 45
Heute trete ich immer selbstbewusster und offener auf, ich erwarte Respekt, so wie ich auch anderen Respekt entgegenbringe. Neulich auf einer Reise fragte mich eine Frau, ob Eva und ich Schwestern seien. Diese Frage wird uns unentwegt gestellt, und sie nervt auf die Dauer. Ziemlich unwirsch und für mich selber überraschend, gab ich zur Antwort: «Nein, wir sind keine Schwestern, und wenn, dann warme!» Ich erntete Gelächter, uneingeschränkte Akzeptanz und Herzlichkeit.
Wunderbar ist, dass ich heute gerne die bin, die ich bin. Meine Lebenskreise fügen sich wie ein Glasperlenspiel. Ich fühle mich geerdet und kohärent, voller Dankbarkeit, dass ich mit dir, Eva, unterwegs sein darf: Ich bin wie ich bin, und es ist gut so.
Erwarte
nicht das Glück
finde es
wenn du heimkehrst
an die Tür
deines Herzens
gelehnt

Karin, heute
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