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Der Nachmittag, an den sie jetzt dachte, war der letzte gewesen, ein Dutzend Anns und Bills paarten sich in diesem Alptraum von Spiegeln, sie sahen einander nicht direkt an, aber den Anblick ihrer Spiegelbilder fanden sie höchst erregend. Eines dieser Bill-Gesichter hatte wie ein befehlender Gott aus dem Spiegel zu ihr gesprochen: »Heirate mich!«
»Das kann ich nicht, Bill. Ich könnte nie heiraten.«
Das Becken hatte sich gefüllt. Ann stieg in das warme Wasser und drehte die Wasserhähne zu. Als sie, halb im Wasser treibend, ihren Kopf gegen den Beckenrand lehnte, spürte Ann, wie ihre Rückenmuskeln sich entspannten. Sie langte nach ihrem Glas und erhob es, um ihrem Abbild an der Decke zuzutrinken. »Hallo, das sagt ein Spiegel«, sagte sie mit weicher Stimme, und dann trank sie.
»Na, Goldfisch?« Silver trat ins Badezimmer, ein Tablett mit dem Essen in den Händen. »Seit Wochen habe ich nichts derart Bezauberndes gehabt, was ich mir hätte angeln können.«
»Der Köder sieht gut aus«, sagte Ann lächelnd.
»Ich werde dich noch ein bisschen zappeln lassen, bevor ich dich an Land ziehe. Noch Scotch?«
»Ja bitte.«
Silver setzte einen Teller mit Ei, Hühnchenleber und Toast bei Anns Glas ab, das sie wieder vollschenkte. Sie stellte das Tablett auf einen niedrigen Hocker und setzte sich daneben auf den Teppich.
»Sil, hast du jemals einen Menschen getroffen, der aussah wie du?«
»Wie ich? Als Gott mich schuf, Schätzchen …«
»Ich weiß, da hat er die Gussform zerbrochen.«
»Ich habe sie zerbrochen«, verbesserte Silver. »Ich habe meine Mutter aufgerissen vom Arsch bis zum Nabel.« Ann lächelte skeptisch. »Nun, sie starb an mir, arme Seele. Irgendwer am Montageband muss einen Fehler gemacht haben.«
»Vielleicht warst du ihr Ebenbild«, sagt Ann. »Es heißt, wenn man seinem eigenen Ebenbild begegnet, stirbt man. ›Der Zauberer Zoroaster, mein totes Kind, begegnete seinem Ebenbilde, wandelnd im Park!‹«
»Das ist nur Täuschung, Schätzchen. Wir täuschen uns mit Spiegeln.«
»Das glaube ich nicht. Heute bin ich einer Frau begegnet, die wirklich aussieht wie ich.«
»Das kann ich nicht glauben.«
»Doch, es ist wahr.«
»Nun gut, wenn deshalb jemand zu sterben haben sollte, werde ich das sein. Oder sie. Aber nicht du, Schätzchen.«
»Du hältst mich für ein ziemliches Miststück, nicht?«, sagte Ann leise.
»Nein, aber Bill hält dich allmählich dafür. Was, zum Teufel, machst du mit ihm?«
»Nichts, was so schrecklich wäre. Wenn er nur nicht so aufs Heiraten aus wäre, Sil, wenn wir nur so wie vorher miteinander umgehen könnten, dann könnte ich es aushalten.«
»Ich dachte, du bist in ihn verliebt.«
»Oh, das bin ich. Irgendwie. Oder ich liebe ihn zumindest. Aber ich kann nicht mit ihm leben, nicht immer.«
»Er sagt, was immer falsch gelaufen ist, lief falsch, weil ihr hier wart.«
»Sagt er das?« Ann wandte sich von ihrem Essen ab und ließ ihren Kopf wieder auf dem Beckenrand ruhen. Sie versuchte, mit ihren Augen hinter den Spiegel zu dringen, diese unbekannte Anwesenheit, diesen aufmerksamen Beobachter jenseits des Spiegels zu erfassen, aber alles, was ihre Vorstellungskraft zu beschwören vermochte, waren Angesichter des Zweifels. »Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass es falsch ist. Glaubst du nicht, dass Heiraten für einige Frauen schlicht das Falsche ist?«
»Das habe ich immer geglaubt«, bestätigte Silver. »Für mich zum Beispiel. Männer waren mein Beruf. Vor Joe hatte ich immer eine Frau.«
»Aber du hast Joe nicht geheiratet.«
»Nein, aber ich werde ihn heiraten, Schätzchen.«
»Ihn heiraten?« Ann richtete sich auf. »Aber warum?«
»Nun …« Silver stockte, beobachtete Ann. »Ich nehme an, dass mir diese Vorstellung unterschwellig immer gefallen hat.«
»Ein Mann. Eine Frau. Und alle anderen aufgeben?«
»So wird’s wohl nicht sein.« Silver lächelte. »Das ist es nie. Ich weiß das schließlich. Und wer bin ich armes Würstchen zu glauben, für mich müsse alles himmlisch vollkommen sein, oder überhaupt nicht? Glaubst du nicht, dass Mr. und Mrs. auf unseren Badetüchern gut aussehen würde?«
»Sicher«, sagte Ann weich. »Sicher. Warum nicht?«
»Ann?« Ann drehte den Kopf und sah ihre Freundin an. »Wir hätten dich und Bill gern als Trauzeugen.«
»Liebend gern, Silver. Das weißt du. Und ich bin sicher, dass Bill es auch möchte.«
»Es ist nur – Es wäre netter, wenn ihr zwei wieder miteinander sprechen würdet.«
»Gib mir noch was zu trinken. Lass uns auf dich und Joe anstoßen.«
»Aber auf dem Trockenen, Schätzchen.« Silver stand auf und nahm ein riesiges weißes Handtuch aus dem Schrank. Sie hielt es ausgebreitet hoch. »Komm.«
»Was wird dieses Handtuch sagen?«, fragte Ann, als sie aus dem Becken in Silvers Arme kam.
»Goldfisch«, sagte Silver.
»Aber ich werde nicht mehr kommen, wenn du und Joe verheiratet seid.«
»Nein?«, fragte Silver amüsiert.
»Nein.«
»Das hast du anfangs, als du mit Bill zusammen warst, auch gesagt.«
»Und ich bin nicht gekommen.«
»Bis zum ersten Streit«, sagte Silver. »Wilder kleiner Edelfisch. Du wirst gefangen, nicht? Und dann entkommst du, aber du lernst nichts. Der Köder ist immer eine Versuchung. Wenn du ein paar Zentimeter länger wärst oder wenn ich mich nicht vor dem Jagdaufseher fürchtete, würde ich dich behalten.«
»Ich mag nicht behalten werden«, sagte Ann, war sich dessen jedoch nicht ganz sicher, denn als sie da stand, unabhängig und kampfeslustig, wünschte sie doch, Silver würde sie in die Arme nehmen wie ein Kind und sie trösten und lieben mit der vertrauten riesigen rauen Zärtlichkeit ihres Körpers. Aber am Morgen, der sich draußen schon grau am Himmel ankündigte, würde Ann nicht bleiben können. Sie würde sich abzappeln, um zu entkommen, um neu geboren zu werden, unabhängig und allein in der lebendigen Unbeständigkeit ihres Fleisches.
»Ich weiß«, sagte Silver, als sie Ann in die Armen schloss. »Ich weiß das alles. Nachts immer fange ich dich und lass dich gehen am Morgen.«
»Ich liebe dich.«
»Du liebst alle Welt, kleiner Fisch. Du glaubst, dass Gott selbst die Wüste gemacht hat, damit du darin schwimmen kannst. Aber frei willst du sein.«
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