Planungsinstrumente für Wandern und Mountainbiking in Berggebieten

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3.3.1 Grundmodell kvintus.org
3.3.2 Outdoorsport-ABM in der Val Müstair als System
3.3.3 Parameter für das Outdoorsport-ABM Biosfera Val Müstair
3.3.3.1 Methoden zur Herleitung der Parameter
3.3.3.2 Entscheidungen der Wanderer- und Biker-Agenten und Umsetzung im ABM
3.3.3.3 ABM auf der Grundlage eines gemischten RP-SP-Modells
3.3.3.4 Ergebnisse der ABM
3.3.4 Ungewisse Zukunft - Modellierung von Szenarien
3.3.5 Evaluation der Agenten-basierten Modelle
3.4 GPS-Logging und absolute Nutzungserfassung
3.4.1 Einsatz von GPS-Loggern
3.4.2 Stichprobe
3.4.3 Analyse der Logger-Daten mit Geografischem Informationssystem
3.4.4 Erfassung von absoluten Nutzungszahlen von Outdoorsportlern mit Kameras
3.4.5 Abschätzung von Konflikten unter Outdoorsportlern aufgrund der Nutzungsintensität
3.5 Befragung mit Discrete-Choice-Experimenten
3.5.1 Allgemeines zum Fragebogen
3.5.1.1 Aufbau der Befragung
3.5.1.2 Technische Umsetzung der Internet-Befragung
3.5.1.3 Grundgesamtheit und Stichprobe
3.5.2 Inhalte der allgemeinen Befragungsteile
3.5.3 Statistische Auswertung der allgemeinen Befragungsteile
3.5.3.1 Verfahren
3.5.3.2 Planungsindex
3.5.4 Statistische Grundlagen der Discrete-Choice-Experimente
3.5.4.1 Random-Utility-Theorie und multinominales Logit
3.5.4.2 Analyse von Choice-Experimenten mit latenten Klassen
3.5.5 Entwicklung der Choice-Experimente im Hinblick auf die Definition von Regeln für Agenten-basierte Modelle
3.5.6 Touren-Choice-Experimente für Wanderer
3.5.6.1 Attribute und Level für Wandertouren
3.5.6.2 Statistisches Design des DCE-Wandertour
3.5.6.3 Visualisierung des DCE-Wandertour
3.5.6.4 Setting des DCE-Wandertour
3.5.7 Touren-Choice-Experimente für Mountainbiker
3.5.7.1 Attribute und Level für Mountainbike-Touren
3.5.7.2 Statistisches Design des DCE-Mountainbike-Tour
3.5.7.3 Visualisierung und Setting des DCE-Mountainbike-Tour
3.5.8 Weg-Choice-Experiment für Wanderer und Mountainbiker an Abzweigungen
3.5.8.1 Attribute und Level für das DCE-Weg
3.5.8.2 Statistisches Design des DCE-Weg
3.5.8.3 Visualisierung der Entscheidungen im DCE-Weg
3.5.9 Datenbereinigung und Auswertung der Choice-Experimente
3.5.10 Erstellung von Decision-Support-Systemen
4 Ergebnisse
4.1 Übersicht
4.2 Tourencharakteristik und Raumnutzung von Wanderern und Mountainbikern
4.2.1 Geloggte Touren
4.2.1.1 Stichprobe
4.2.1.2 Verlässlichkeit des GPS-Loggings
4.2.1.3 Charakteristiken der Wandertouren
4.2.1.4 Charakteristiken der Mountainbike-Touren
4.2.1.5 Vergleich der Wander- und Mountainbike-Touren
4.2.2 Räumliche Nutzung der Landschaft durch Outdoorsportler
4.2.2.1 Wandern
4.2.2.2 Mountainbiking
4.2.3 Effektive Raumnutzung an ausgewählten Standorten
4.2.3.1 Situation Val Mora
4.2.3.2 Situation Alp Champatsch
4.2.4 Geschätztes Konfliktpotenzial infolge der Nutzungsfrequenzen
4.3 Ergebnisse der Befragung
4.3.1 Charakteristik der Stichprobe und Vergleich mit der Grundgesamtheit
4.3.2 Vergleich von Wanderern und Mountainbikern
4.3.2.1 Aufenthalt und naturorientierter Outdoorsport in den Bergen
4.3.2.2 Häufigkeit und Dauer der Sportausübung
4.3.2.3 Motive für naturorientierten Outdoorsport
4.3.2.4 Einstellungen der Outdoorsportler zur Situation in den Alpen
4.3.2.5 Tourenplanung und -entscheidung
4.3.2.6 Verhalten auf Touren
4.3.3 Heterogenität unter den Wanderern und Mountainbikern
4.3.3.1 Vorbemerkung
4.3.3.2 Unterschiede zwischen Langtour- und Kurztour-Wanderern
4.3.3.3 Unterschiede zwischen Langtour-Bikern und Kurztour-Bikern
4.3.4 Tour-Modelle Wandern
4.3.4.1 Modellentwicklung
4.3.4.2 Charakterisierung der Wandererklassen bezüglich Tourpräferenzen
4.3.4.3 Top-Touren für Wanderer
4.3.4.4 Weitere Eigenschaften der Wandererklassen
4.3.5 Tour-Modelle Mountainbiking
4.3.5.1 Modellentwicklung
4.3.5.2 Charakterisierung der Bikerklassen bezüglich Tourpräferenzen
4.3.5.3 Top-Touren für Mountainbiker
4.3.5.4 Weitere Eigenschaften der Bikerklassen
4.3.6 Wegentscheidungsmodelle für Wanderer
4.3.6.1 Modellentwicklung
4.3.6.2 Wegpräferenzen der Wandererklassen
4.3.6.3 Top-Wege für Wanderer
4.3.7 Wegentscheidungsmodelle für Mountainbiker
4.3.7.1 Modellentwicklung
4.3.7.2 Wegpräferenzen der Mountainbiker
4.3.7.3 Top-Wege für Mountainbiker
4.4 Parameter für das Outdoorsport-ABM Biosfera Val Müstair
4.4.1 Überblick
4.4.2 Agenten-Typen
4.4.3 Verteilung der Agenten
4.4.3.1 Verteilung der Agenten auf die Ausgangspunkte
4.4.3.2 Verteilung der Agenten auf die Touren
4.4.4 Startzeiten der Agenten
4.4.5 Verhalten der Agenten an Wegabzweigungen
4.4.6 Bewegungsgeschwindigkeit
4.5 Überprüfung des Tourenangebots der Biosfera Val Müstair mit Decision-Support-Systemen
4.5.1 Einleitung
4.5.2 Attraktivität publizierter Wandertouren
4.5.2.1 Lange Wandertouren
4.5.2.2 Kurze Wandertouren
4.5.3 Attraktivität publizierter Mountainbike-Touren
4.5.3.1 Lange Mountainbike-Touren
4.5.3.2 Kurze Mountainbike-Touren
4.6 Umsetzung der Parameter im Agenten-basierten Modell
4.6.1 Einleitung
4.6.2 Einzelne Simulationen im Überblick
4.6.3 Verteilung der Agenten von einem Ausgangspunkt auf verschiedene Touren
4.6.4 Tour eines Agenten
4.6.5 Verhalten der Agenten an einer Abzweigung
4.6.6 Geschwindigkeitsdifferenzen von Wanderern und Bikern
5 Diskussion und Schlussfolgerungen
5.1 Einleitung
5.2 Ideale Grundlagen für die Planung und Bildung im Outdoorsport
5.2.1 Spezifische Methodenkombination
5.2.2 Herausforderung Berggebiete für ABM
5.2.3 Decision-Support-Systeme als neue Planungsinstrumente
5.2.4 Übertragbarkeit der Ergebnisse
5.2.5 Aufwand und Mehrwert
5.3 Charakterisierung von naturorientierten Outdoorsportlern
5.3.1 Typisierung von Wanderern und Mountainbikern
5.3.2 Ausübung des Wander- und Mountainbikesports
5.3.2.1 Häufigkeit der Sportausübung
5.3.2.2 Motive zur Sportausübung
5.3.2.3 Tourenvorbereitung
5.3.2.4 Tourenentscheidung
5.4 Entscheidende Parameter für die Wahl von Touren und Wegen
5.4.1 Neue Methoden und Modelle
5.4.2 Bevorzugte Touren
5.4.2.1 Wandertouren
5.4.2.2 Mountainbike-Touren
5.4.3 Bevorzugte Wege
5.4.3.1 Wege für Wanderer
5.4.3.2 Wege für Mountainbiker
5.4.4 Zusätzliche Infrastrukturen
5.4.4.1 Ergänzende Infrastrukturen für Wanderer
5.4.4.2 Ergänzende Infrastrukturen für Mountainbiker
5.5 Reflexion und Weiterentwicklung der angewendeten Methoden
5.5.1 Befragung mit Discrete-Choice-Experimenten
5.5.1.1 Stichprobe
5.5.1.2 Discrete-Choice-Experimente
5.5.1.3 Modellwahl hinsichtlich der Planung
5.5.2 Einsatz von ABM für Planung und Management im naturorientierten Outdoorsport
5.5.3 Umweltbildung und Planung mit Computerspielen oder ABM
5.5.4 Erfassung der Bewegungen der Wanderer und Mountainbiker
5.5.5 Crowdinginformationen in der Kommunikation von Tourenangeboten
5.6 Schlussfolgerungen für die Biosfera Val Müstair
5.7 Ausblick
5.7.1 DCE, DSS und ABM als Instrumente zur Planung im naturorientierten Outdoorsport
5.7.2 Beitrag zum nachhaltigen Destinations- und Schutzgebietsmanagement.
Literaturverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
A Anhang
A.1 Ausgabe- und Protokollformular GPS-Logging
A.2 Approximative Bestimmung der Wegnutzung
A.3 Befragung - Lange Wandertouren
A.4 Befragung - Kurze Wandertouren - DCE-Tour
A.5 Befragung - Lange Biketouren - DCE-Tour
A.6 Befragung - Kurze Biketouren - DCE-Tour
A.7 Wandertouren in der Val Müstair mit Zuordnung der DCE-Attribute
A.7.1 Lange Wandertouren
A.7.2 Kurze Wandertouren
A.8 Mountainbike-Touren in der Val Müstair mit Zuordnung der DCE-Attribute.
A.8.1 Lange Mountainbike-Touren
A.8.2 Kurze Mountainbike-Touren
A.9 GPS-Logging - Dauer von Wander- und Mountainbike-Touren
A.9.1 Wandertouren
A.9.2 Moutainbike-Touren
A.10 Informationsquellen für die Tourenplanung
A.10.1 Langtour- und Kurztour-Wanderer
A.10.2 Langtour- und Kurztour-Biker
A.11 Decision-Support-Systeme für Wanderer
A.11.1 DSS - Lange Wandertouren
A.11.2 DSS - Wegpräferenzen Wanderer
A.12 Decision-Support-Systeme für Mountainbiker
A.12.1 DSS - Lange Mountainbike-Touren
A.12.2 DSS - Wegpräferenzen Mountainbiker
A.13 ABM-Grundlagen
A.13.1 Tourenverteilung
A.13.2 Verteilung der Agenten an den Ausgangspunkten
A.14 Einzelne Tagessimulationen mit Prototyp-ABM für Kurztouren
A.15 Alternatives Wegmodell für Mountainbiker
1 Einleitung
1.1 Outdoorsport in unserer Gesellschaft
Sport ist eine Freizeitbeschäftigung mit vielen positiven Auswirkungen. Dieser Überzeugung ist u.a. der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan und er ernannte deshalb das Jahr 2005 zum „Jahr des Sports und der Sporterziehung“. Anlässlich seiner Eröffnungsrede äusserte sich Kofi Annan wie folgt:
„ Sport kann eine wichtige Rolle für die Verbesserung des Lebens jedes Einzelnen spielen, ja nicht nur des Einzelnen, sondern von ganzen Gesellschaften.“
(Deutscher Olympischer Sportbund, 2005)
Der ehemalige UNO-Sonderbeauftragte für Sport und Schweizerische Altbundesrat Adolf Ogi teilte Annans Aussage und bekräftigte diese immer wieder. Speziell die Bewegung in der Natur war ihm ein besonderes Anliegen. Heiner Geissler, ehemaliger deutscher Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit sowie Gründungsvorsitzender des Kuratoriums Sport und Natur sagte: „Natursport ist eine umfassende Charakterschulung.“ (Kuratorium Sport und Natur, 2012, 30). Mit diesen Auffassungen stehen diese gesellschaftlich anerkannten Persönlichkeiten nicht alleine, verschiedene wissenschaftliche Autoren stützen diese Aussagen und streichen dabei auch die Bedeutung der Outdooraktivitäten für die positive Entwicklung der Psyche, beispielsweise des Selbstwertgefühls heraus (Breitenmoser, 2001, Armour und Sandford, 2012, Deimel, 2013, Virkkunen et al., 2014). Daneben fördert Sport auch die physische Gesundheit und wird für Therapien nach Erkrankungen eingesetzt (Skinner, 2001, Woll und Bös, 2004, Banzer, 2013).
Aufgrund dieser grossen Bedeutung wurde das Sportverhalten in der Schweiz und in anderen Ländern verschiedentlich durch gross angelegte Studien untersucht – in der Schweiz beispielsweise in den Jahren 2000 und 2008 (Lamprecht und Stamm, 2000, Lamprecht et al., 2008a). Dabei stellten Lamprecht et al. (2008a) fest, dass ca. 73 % der Schweizer Wohnbevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren mindestens ab und zu Sport ausübten, der Anteil der regelmässig Sporttreibenden zugenommen hat und insbesondere Outdoor-Sportarten immer mehr Zuspruch fanden1. Im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten nimmt Sport in der Schweiz eine bedeutende Stellung ein. Unter den wöchentlich mindestens einmal ausgeführten Tätigkeiten führten „sich entspannen, nichts tun“ (ca. 78 %), „Sport treiben“ (ca. 63 %) und „ins Grüne gehen“ (ca. 54 %) die Rangliste an (Lamprecht und Stamm, 2000).
Gemäss Lamprecht et al. (2008a) waren „Radfahren, Mountainbike“ (35 %) sowie „Wandern, Walking, Bergwandern“ (33,7 %) die am häufigsten ausgeübten Sportarten. In absoluten Zahlen kann in der Schweiz mit ihren etwa 8 Millionen Einwohnern also von ca. 2 Millionen Radfahrern inkl. Mountainbikern sowie 1,9 Millionen Wanderern ausgegangen werden.2 Bei ersteren ist das Mountainbike sehr bedeutend, so lag bei den verkauften Fahrrädern deren Anteil in den Jahren 2006 bis 2012 zwischen 35,5 % und 46,1 % (velosuisse, 2013).
Auch im internationalen Kontext wird die Bedeutung der Freizeitbeschäftigung Sport, im Speziellen Wandern und Mountainbiking durch verschiedene Studien belegt. Im EU-Durchschnitt sind 49 % der Befragten regelmässige Sportler, was gegenüber dem Wert von 2004 mit 38 % (TNS Opinion & Social, 2004) einen markanten Anstieg darstellt. Dabei bevorzugten im EU-Durschnitt 48 % der Sportler die Natur oder den Park als Umgebung, d.h. Outdoorsport (TNS Opinion & Social, 2010). In Schweden und Finnland gaben in der EU-Sportstudie 2010 72 % der Befragten an, dass sie sich wöchentlich mindestens einmal sportlich betätigten. In Dänemark waren es ca. 64 %, also etwa gleich viel wie in der Schweiz.
Ein Trend ist von eher passivem Naturgenuss, wie Vögel beobachten und Spazieren, hin zu eher aktiven, materialintensiven Sportarten wie Klettern, Mountain Biking, Kanufahren usw. zu beobachten (Eagles et al., 2002). Die Bedeutung der neuen Sportarten unterstreichen die Umsatzzahlen der Outdoorsport-Industrie in Europa, welche ein jährliches Wachstum von ca. 2 % verzeichnet und im Jahre 2010 einen Umsatz von 6 Milliarden Euro erreichte (Neue Zürcher Zeitung, 2011). Weitere Indizien für den Trendwechsel zu aktivem Outdoorsport sind der wachsende Zuspruch zu Veranstaltungen wie dem „Bergfestival“ oder dem „International Mountain Summit“ in Brixen, Italien oder zu Büchern mit dem Thema „Berge“, die sich grosser Nachfrage erfreuen, obwohl die Buchbranche ansonsten mit Schwierigkeiten kämpft (Neue Zürcher Zeitung, 2011). Vogt (2009) spricht allerdings eher von einem medialen, denn von einem realen „Wanderboom“ in der Landschaft.
Jedenfalls bleibt die zweifellos intensive Nutzung der Natur für und durch den Outdoorsport nicht ohne Konsequenzen. Verschiedentlich treten Konflikte auf, die auch in der Öffentlichkeit heftig diskutiert werden, beispielsweise in Zeitungen (Buschor, 2010, Blick, 2012, Huff Post, 2012, Neue Zürcher Zeitung, 2012, Arnet, 2013, Tagesanzeiger, 2013a) oder auch in Online-Blogs (Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2012, Tagesanzeiger, 2013b). Diese Konflikte im Outdoorsport betreffen einerseits die Sportler untereinander, beispielsweise Mountainbiker und Wanderer (Moore, 1994, von Janowsky und Becker, 2002, Cessford, 2003, Reichhart und Arnberger, 2010, Wyttenbach, 2012) oder andererseits Beeinträchtigungen der Natur durch Outdoorsportler (Leung und Marion, 2000, Ingold, 2005, Pickering et al., 2010b).
1.2 Einschätzung künftiger Entwicklungen
Der Tourismus hat in den vergangenen Jahren international erheblich an Bedeutung gewonnen. Auch in der Schweiz ist der Tourismus mit Einnahmen von ca. 35,5 Milliarden Franken im Jahr 2010 und vielen Arbeitsplätzen besonders in Bergregionen eine wesentliche Branche (Schweizer Tourismus-Verband, 2012). Das Thema „Outdoorsport und Natur“ nimmt im Schweizer Tourismus eine wichtige Stellung ein und wird denn auch im Internetauftritt von Schweiz Tourismus (www.myswitzerland.com) prominent dargestellt. Der Werbeslogan „Schweiz. ganz natürlich.“ spricht neben der Kultur auch die Natur an. Bei näherer Betrachtung der Webseite von Schweiz Tourismus fällt die starke Propagierung der Erlebnisse Wandern, Velo fahren und Mountainbiking auf, ebenso werden Berge und Schweizer Pärke als Reiseziele bestens platziert (Schweiz Tourismus, 2013).
Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, nimmt Trends hin zu Aktiv-Ferien und Outdoor-Aktivitäten wahr. Insbesondere hebt er ein langfristiges Wachstumspotenzial im Sommertourismus für die Schweiz hervor (Schweizer Radio und Fernsehen, 2013) und streicht Chancen zur Inwertsetzung der schweizerischen Naturlandschaft insbesondere in Bergregionen hervor. Bei fortschreitendem Klimawandel bilden Bergregionen im heissen Sommer Rückzugsgebiete für Menschen aus Tallagen und Städten. Wenn Bergregionen infolge ansteigender Schneegrenze zunehmend Probleme mit dem Wintertourismus bekommen, so empfiehlt Schmid ihnen pro-aktiv auf den Sommertourismus zu setzen, Angebote zu kreieren und auf den Markt zu bringen (Schweizer Radio und Fernsehen, 2013).
Die Touristiker der Schweizer Bergregionen arbeiten intensiv darauf hin, mehr Sommergäste für Aktiv- und Outdoor-Erlebnisse in ihre Regionen zu holen. Wandern, Velo fahren und Mountainbiking sind wichtige Aktivitäten für ihre Gäste. Deshalb ist mit einer Zunahme von Sportlern in der Natur zu rechnen. Als direkte Folge davon werden die Infrastrukturen wie Wege, Gaststätten, Zugänge usw. der erwarteten Gästezahl angepasst oder neue erstellt wie z.B. Flowtrails. So wurde im Jahr 2010 vom Kanton Graubünden ein grosses Projekt „Graubünden Bike“ lanciert, um den Mountainbike-Sport im ganzen Kanton zu fördern (Fachstelle Langsamverkehr, 2010).
Um den Gästen wertvolle Erlebnisse zu bieten und dabei die Beeinträchtigungen der Natur möglichst gering zu halten, aber auch um für die sich verändernden Rahmenbedingungen vorzubereiten (Job et al., 2011), bedürfen diese Regionen einer sorgfältigen Planung unter Einsatz verschiedener Szenarien. Dabei stellt sich die Frage, wie diese Planung angegangen werden soll. Bislang wurden Planungen in Regionen oft von externen Experten durchgeführt und anschliessend je nach rechtlicher Umsetzung von den Stimmbürgern der Region gutgeheissen oder abgelehnt. Die Akzeptanz solcher Planungen war aufgrund der ungenügenden Partizipation der betroffenen Bevölkerung von unterschiedlicher Qualität (Müller und Kollmair, 2004).
Beim Management von Ökosystemen, Schutzgebieten und Regionen erlangt die partizipative Planung immer grössere Bedeutung, da sie zu besseren Ergebnissen führt (Brody, 2003). Insbesondere ist dies bei der Planung und im Management von Grossschutzgebieten der Fall, in welchen der Naturschutz und die touristische Nutzung integriert werden müssen (Schmitz-Veltin, 2005). Diese Notwendigkeit wurde erkannt und die Beteiligung der Bevölkerung ist deshalb Bestandteil von verschiedenen, neueren Richtlinien zur Schutzgebietsentwicklung, beispielsweise auf internationaler Ebene von der IUCN (Thomas und Middleton, 2003) oder in der Schweiz bei der Planung von Pärken von nationaler Bedeutung (Bundesamt für Umwelt - BAFU, 2008a). Als Untersuchungsregion für die vorliegende Studie wurde deshalb ein Schutzgebiet von nationaler Bedeutung in der Schweiz ausgewählt, die Biosfera Val Müstair.
1.3 Planungsansätze im Bereich Outdoorsport
Spezielle Planungs- und Managementansätze für den Bereich Outdoorsport sind vor allem im Zusammenhang mit Schutzgebieten bekannt. Insbesondere in Europa dominieren dabei Naturschutz- und Managementkonzepte für Arten und Lebensräume, jedoch weniger Managementkonzepte für Besucher (Alexander, 2008). Dazu bilden erholungsbezogene Schutzgebiete wie Naturpärke oder touristisch genutzte Landschaften eine Ausnahme (Pröbstl, 2010).
Anders präsentiert sich die Situation in den USA, Kanada und Australien, wo verschiedene Managementkonzepte für Besucher entwickelt worden sind. Im Fokus dieser Konzepte steht die Ermöglichung von Naturerlebnissen durch Outdooraktivitäten. Als wichtigste Basiskonzepte sind das „Recreation Opportunities Spectrum – ROS“ (Clark und Stankey, 1979) und das „Limits of Acceptable Change – LAC“ (Stankey et al., 1985) zu nennen. Darauf aufbauend entstanden einige Weiterentwicklungen mit Kombinationen verschiedener Elemente, so beispielsweise das „Visitor Activities Management Planning – VAMP“ (Graham et al., 1988), das „Visitor Impact Management – VIM“ (Graefe et al., 1990) oder das „Visitor Experience and Resource Protection – VERP“ (Eagles et al., 2002).
Diese oben genannten Managementkonzepte eignen sich vor allem für Gebiete mit einem hohen Schutzstatus. Sie sind oft sehr allgemein gehalten und schwierig auf den europäischen oder schweizerischen Kontext übertragbar. Trotzdem lassen sich einige Ideen, beispielsweise die Zielorientierung für lokal angepasste Konzepte, aufnehmen (Nilsen und Taylor, 1997). Den Schutzstatus von Regionen auf internationaler Ebene regelt die Welt-Naturschutzorganisation IUCN (International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources). Sie entwickelte sechs verschiedene Schutzkategorien vom „Strengen Naturschutzgebiet / Wildnisgebiet – Ia und Ib“ bis hin zu „Geschützte Landschaft / Geschützte Meeresregion - V“ und „Schutzgebiet mit nachhaltiger Nutzung Natürlicher Ressourcen – IV“ (IUCN, 1994, EUROPARC, 2010). Verbunden mit diesen Schutzkategorien sind Leitlinien für den Aufbau und das Management der entsprechenden Schutzgebiete aufgestellt (Eagles et al., 2002, Phillips, 2002, Thomas und Middleton, 2003), welche auch die Nutzungsmöglichkeiten definieren.
In Europa stellen die Natura 2000-Schutzgebiete eine wichtige Initiative zur Erhaltung der biologischen Vielfalt dar (European Commission, 2014); insbesondere deshalb, weil es sich dabei nicht nur um einzelne Schutzgebiete handelt, sondern vielmehr um einen Verbund derselben, also einem System auf der Grundlage der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (Garbe et al., 2005). Diese naturnahen Landschaften bilden allerdings auch Anziehungspunkte für die Ausübung von Outdoorsport-Aktivitäten (Pröbstl und Prutsch, 2009), was wieder zu Problemen zwischen Sport und Naturschutz führen kann und deshalb planerisch gelöst werden muss.
Die Planung für den Outdoorsport darf sich jedoch nicht nur auf Schutzgebiete beschränken, sondern muss aufgrund der auftretenden Konflikte auch in anderen Räumen durchgeführt werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. In der Schweiz erfolgt diese Planung für den Outdoorsport gemäss Raumplanungsgesetz hauptsächlich mit kantonalen Richtplänen und kommunalen Nutzungsplänen (Schweizerische Eidgenossenschaft, 1979). Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde in der Schweiz ein neues Planungsinstrument, das Landschaftsentwicklungskonzept LEK, erarbeitet. Es ist als ein Instrument für die Entwicklung von Planungen für Gemeinden oder Regionen zu betrachten und kann als Grundlage für die rechtlich verbindliche Nutzungs- und Richtplanung eingesetzt werden. Im Gegensatz zu den anderen Planungen wird im LEK dem Einbezug der Bevölkerung eine grosse Bedeutung zugemessen (Winter, 2000).



