Schweigen, wenn alles in dir schreit

- -
- 100%
- +

Inhalt
Impressum 2
Danke 3
Widmung 4
1 5
2 6
3 16
4 19
5 22
6 26
7 28
8 29
9 32
10 33
11 37
12 40
13 46
14 48
15 53
16 57
17 63
18 66
20 72
21 73
22 75
23 78
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-083-9
ISBN e-book: 978-3-99131-084-6
Lektorat: Leon Haußmann
Umschlagfoto: Kevin Carden, Igor Korionov | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Rosemarie Ruppen-Imhof
www.novumverlag.com
Danke
Geschrieben in der Corona Zeit,
ein großes „DANKE“ an meine Familie und Freunde
für die Unterstützung in dieser schwierigen Zeit.
Widmung
Für meine Enkelinnen
Isabelle, Lara und Xenja
1
Eine schöne farbige Jacke wie sie sich schon lange gewünscht hatte! Einige Tage vor Weihnachten 1965, voller Freude öffnete Sarah das Paket. Sie nahm die Jacke aus der Schachtel, drückte sie an sich. Die Freude war groß. Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie vermisste Elias, ihre erste große Liebe.
Sarah hörte Schritte, sie wollte die Schachtel unter das Bett schieben, zu spät. In der Türe stand ihre Mutter. „Was gibt es denn da zu verstecken?“ „Ich habe ein Weihnachtsgeschenk von meiner Freundin bekommen.“ Die Lüge stand Sarah wohl ins Gesicht geschrieben. „Darf ich mal sehen?“ Sie nahm die Schachtel hervor und öffnete sie zaghaft. „Und das soll ich dir glauben? Du schickst die Jacke zurück! Wir wollen nicht, dass dir dieser Mann Geschenke macht.“ „Nein, bitte nicht … ihr kennt doch Elias nicht einmal.“
Doch alles Betteln nützte nichts. Ihre Eltern hatten ihr den Umgang mit Elias verboten. Sie sei noch viel zu jung für eine feste Beziehung und das noch mit einem Mann, der ein paar Jahre älter war als sie. Ein paar Minuten später kam ihre Mutter zurück ins Zimmer. „Darf ich doch?“ Sarah wollte die Mutter umarmen, doch die Mutter ging einen Schritt zurück. „Mach das Paket bereit! Ich bringe es zur Post.“ Voller Wut schrie Sarah: „Das darf doch nicht wahr sein …“ Nachdenklich, tieftraurig, ließ sie sich in einen Sessel fallen. Sollte sie ihren Eltern erzählen, was ihr „Schlimmes“ widerfahren war?
2
Aufgewachsen war Sarah behütet in ihrem Elternhaus, zusammen mit ihren drei Schwestern und ihrem Bruder. Die Ferien verbrachte sie oft bei den Großeltern, den Eltern ihrer Mutter. Sie liebte ihre Großmutter über alles. Ihre Geschichten faszinierten sie immer wieder. Besonders die Geschichte vom kleinen bunten Schmetterling … Ihr Großvater nannte sie immer meine „Kleine“. Er verwöhnte Sarah, wo er nur konnte. Mit ihrem Onkel hatte sie es immer lustig. Er war für sie wie ein großer Bruder. Neben dem Haus der Großeltern stand ein großer Kirschbaum.
Im Frühling war der Baum voll mit großen, roten Kirschen. Ihr Onkel hielt ihr die Zweige runter. So konnte sie die süßen Kirschen pflücken und essen. „Warum isst du keine Kirschen?“, fragte sie einmal ihren Onkel. Schmunzelnd sagte er zu Sarah: „Weil da kleine Würmchen drin sind.“ „Nein …“, rief sie und spuckte die Kirschen aus! Dann öffnete sie ein paar von den roten Kirschen. Doch von Würmchen war nichts zu sehen. Sie aß die süßen Kirschen weiter. Ihr Onkel meinte dann: „Es war Spaß, ich mag keine Kirschen.“
Im Winter ging er mit Sarah oft schlitteln. An seiner Hand stampfte sie im Schnee die Wiese hoch. Neben ihrem großen Onkel kam sie sich klein vor. Oft nahm er sie auf den Rücken und trug sie hoch. Wenn sie nach dem Schlitteln ausgekühlt nach Hause kamen, hatte Sarahs Großmutter eine große Kanne Tee auf dem Kachelofen abgestellt. Sie und ihr Onkel schlürften den heißen Tee und wärmten sich die Hände an den heißen Tassen. Nur Großmutter konnte so guten süßen Tee kochen.

Schon als Kind konnte Sarah, in sich gekehrt, über längere Zeit an einem Ort sitzen. Sie liebte es, in der Nähe ihres Vaters zu sein. Sie schaute ihm oft bei seiner Arbeit zu. Freudig winkte sie im zu, wenn er sie erblickte. Einmal sah sie ihren Vater weinend am Tisch sitzen. Den traurigen Blick ihres Vaters konnte sie lange nicht vergessen. Ihre Mutter erklärte ihr: „Deine Großmutter ist heute gestorben. Für deinen Vater ist das sehr schwer. Er hat seine Mutter sehr geliebt.“ Auch Sarah vermisste ihre Großmutter. Sie war oft bei ihr auf Besuch. Mit großer Geduld hatte sie ihr beigebracht, wie sie ihre Schuhe selber binden kann. Dabei sah sie oft voller Mitleid auf die rauen, rissigen Hände.
Einmal fragte sie ihre Großmutter: „Tun dir denn deine Hände nicht weh?“ Zärtlich strich sie über Sarahs Gesicht und meint: „Nein, mein Kind die tun mir nicht weh. Weißt du, als dein Großvater, mein Mann gestorben war, musste ich oft hart arbeiten. Es war nicht immer einfach, doch meine Kinder waren das ‚Wichtigste‘ für mich. Meine rissigen Hände haben mich nie gestört und ich habe mich dafür nie geschämt.“
Sarah stand auf und setzte sich ihrer Großmutter auf den Schoss und fuhr ihr mit ihren kleinen Händen durch ihr graues Haar. Wenn das Wetter es nicht erlaubte, draußen zu spielen, war Sarah gerne in der Nähe ihrer Mutter. Wenn sie ihr Strickzeug in die Hände nahm, setzte sie sich nahe zu ihr. „Wenn ich größer bin, lernst du mich dann auch stricken?“, fragte sie ihre Mutter oft.
Sarah liebte die Natur, sie konnte sich an jeder kleinen Blume erfreuen. Oft brachte sie ihrer Mutter ein Blumensträußchen nach Hause. An einem wunderschönen Sommertag stand sie vor der großen Wiese, nahe ihrem Elternhaus. Sie konnte nicht widerstehen, lief los und setzte sich mitten in das meterhohe Gras. Sie schaute zum tiefblauen Himmel und dachte, ob ihre Großmutter sie wohl sehen könne. Ein kleiner Marienkäfer setzte sich auf ihr Knie. In Gedanken an ihre Großmutter versunken, sah sie den Bauer nicht auf das Feld zukommen. Plötzlich schreckte sie ein lautes Geschrei auf … „Was fällt dir ein, komm da sofort raus. Wenn ich dich hier noch einmal sehe, sperre ich dich in den Schweinestall.“
Sarah hoffte, dass ihre Eltern nicht von ihrem Abenteuer erfuhren, denn das würde bestimmt Hausarrest geben.
Genau richtig an einem regnerischen Tag, packte sie ihr Geburtstagsgeschenk aus. Sie jubelte vor Freude. Ein roter Regenschirm, wie sie sich schon lange gewünscht hatte. Sie holte ihre Jacke und nahm ihren Regenschirm. „Ich muss schauen, ob er den Regen aushält“, sagte sie freudestrahlend zu ihrer Mutter und verließ das Haus.
Ihre Mutter schaute ihr nach … sie freute sich mit ihrem Mädchen. Sarah blickte zurück und hielt begeistert ihren kleinen Daumen hoch. Sie vergaß sogar ihren Geburtstagskuchen, den sie mit ihren Geschwistern teilen wollte. Was für sie im Moment zählte, war ihr roter Regenschirm, mit dem sie stolz den Weg hochlief.
Sie klopfte bei ihrer besten Schulkameradin an. Ihre Mutter öffnete die Türe. „Ist Charlotte zu Hause, ich möchte ihr meinen neuen Schirm zeigen und sie zum Kuchen einladen?“ „Sicher, komm rein. Viel Glück auch von mir.“

Sarah ging gerne zu Schule. Das Lernen fiel ihr leicht. Ihre Lehrerin sagte oft zu ihr: „Du bist eine gute Schülerin, aber du bist eine Träumerin.“ Das störte sie allerdings gar nicht.
Ihr war noch nicht bewusst, dass Träume zerstört werden können! Jahre später, aus dem kleinen verträumten Mädchen war eine lebensfrohe, hübsche junge Frau geworden, wünschte sie sich oft die Zeit zurück. Gerne erinnerte sie sich an ihre behütete Kinderzeit in ihrem Elternhaus. Die Tage bei ihren Großeltern vermisste sie sehr.
Gut gelaunt kam sie auf ihr Elternhaus zu. Sie winkte ihrer Mutter am Fenster. Sie hatte den Nachmittag mit einer Kollegin verbracht. Sarah setzte sich zu ihrer Mutter und sah sie an. „Sag schon, was hast du auf dem Herzen?“ „Paula geht im Herbst in ein Mädchenpensionat. Meinst du, dass ich da auch hingehen könnte? Paulas Mutter meinte, wir könnten im Sommer arbeiten gehen. Sie hat eine Liste von Sommerjobs für junge Mädchen. So könnte ich einen Teil der Internatskosten selber bezahlen.“ Sarah sah ihre Mutter an. „Du sagst nichts?“ „Ich rede am Abend mit deinem Vater. Du weißt ja, dass du nach der obligatorischen Schulzeit arbeiten gehen solltest.“ Am Abend hörte sie ihre Eltern miteinander diskutieren und ahnte nichts Gutes. Sie lag noch lange wach, schlief dann mit dem Gedanken ein, dass sich bestimmt alles zum Guten wenden würde.
Als Sarah am Morgen, sie stand früh auf, in die Küche kam, saßen ihre Eltern am Tisch und tranken Kaffee. An ihren Gesichtern, besonders am traurigen Blick ihres Vaters entnahm sie, dass sie ihr keinen positiven Entscheid mitteilen würden. „Wir können uns dein Studium nicht leisten. Du musst die Grundschule fertig machen und dann arbeiten gehen. Es tut uns leid.“ Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihre Schultasche und verließ die Wohnung … An diesem Morgen spürte, ja wusste sie: ihre wohlbehütete, schöne Kinder- und Jugendzeit war vorbei!

Zwei Monate später: Sarah saß im Zug und Tränen verschleierten ihren Blick. Sie blickte aus dem Fenster. Der Zug fuhr vorbei an Wiesen, Bächen und Dörfern. Es überfiel sie eine unendliche Traurigkeit. Es war ein Einsteigen und Aussteigen, doch sie nahm es kaum wahr. Eine ihr gegenübersitzende ältere Frau schaute sie schon längere Zeit an. „Geht es dir nicht gut? Du bist noch jung und schaust so traurig aus.“ „Nein es geht mir nicht so gut“, sagte sie zaghaft. „Ich bin heute das erste Mal allein unterwegs.“ Beim Aussteigen sagte ihr die Frau: „Pass gut auf dich auf. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Wenn du magst, kannst du mich besuchen. Ich wohne hier im Dorf und heiße Helene Bircher.“ „Ich bin Sarah, danke für ihre Einladung.“
Sarah sah die junge Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Sie ging auf sie zu. „Sind sie Frau Müller?“ „Ja, ich bin Anna, so darfst du mich auch nennen. Das ist meine Tochter Lena. Und du bist Sarah. Meine Mutter hat mir von dir erzählt. Hattest du eine gute Reise?“ „Ja danke, das Elternhaus zu verlassen, fiel mir nicht leicht.“ Anna tat das junge Mädchen leid. „Ich nehme dir deinen Koffer ab, der ist bestimmt schwer. Du darfst Lena mit dem Kinderwagen schieben.“
Das kleine Mädchen lächelte Sarah an, als ob es ihr Mut machen wollte. Sie lächelte zurück und die „Kleine“ fing an zu strampeln und lustige Laute von sich zu geben. „Ein Herz hast du bereits für dich gewonnen“, meinte Anna. Auf dem Weg in ihr neues Zuhause erklärte ihr Anna, was es in dem großen Dorf alles zu sehen gab. „Hier ist die Schreinerei meines Vaters. Er beschäftigt dort acht Arbeiter. Zwei sind hier vom Dorf. Die restlichen Arbeiter kommen von auswärts. Sie wohnen in unserem Haus. Und hier ist unser Laden, da darfst du arbeiten. Ich hoffe, es wird dir gefallen. Wir schauen kurz hinein, so kannst du meine Mutter kennenlernen. Meine Mutter und ich teilen uns die Arbeit. Ab Morgen bist du unsere neue Mitarbeiterin“, sagte Anna freundlich.
Eine stämmige Frau kam auf sie zu und begrüßte sie. „Da bist du, ‚Willkommen‘ bei uns! Ich möchte, dass du mich wie alle anderen Angestellten mit Madam anredest.“ „Ja, das kann ich gerne“, sagte Sarah freundlich. „Sie scheint ein anständiges Mädchen zu sein“, flüsterte Madam ihrer Tochter zu.

Während die beiden Frauen sich unterhielten, streckte Lena ihre Ärmchen nach Sarah aus. „Darf ich sie aus dem Wagen nehmen?“, fragte sie zaghaft. „Ja klar, mach nur!“ Anna hoffte, dass die Kleine ihr den Start ins neue Leben ein wenig erleichterte. Weiter liefen sie durch das Dorf, bis sie zu einem großen weißen Haus kamen.
„Das wird ab heute dein neues Zuhause sein. Im ersten Stock wohnen meine Eltern. Im Parterre wohne ich mit meinem Mann und Lena. Rechts im angebauten Teil wohnen unsere Angestellten und dort ist auch dein Zimmer.“ Sie betraten das Haus und Anna zeigte Sarah das Zimmer. „Du kannst dich einrichten, ausruhen und eingewöhnen. Um sieben Uhr gibt es Nachtessen. Ich zeige dir noch das Esszimmer. Es wird auch als Aufenthaltsraum genutzt.“
Irgendwie tat Anna das Mädchen leid. Das erste Mal fern vom Elternhaus, in einer neuen Umgebung mit lauter fremden Menschen. „Sarah, wenn du etwas benötigst oder Sorgen hast, darfst du jederzeit zu mir kommen.“ Mit Tränen in den Augen bedankte sich Sarah. Anna nahm sie kurz in die Arme und drückte sie.
Sie ging in ihr Zimmer, packte den Koffer aus, legte sich aufs Bett und schlief ein. Aus Angst, was auf sie zukam, hatte sie die letzten Nächte kaum geschlafen. Durch ein Klopfen wurde sie wach und musste kurz überlegen, wo sie war.
Vor der Türe stand eine junge Frau. „Ich bin Katrin und wohne im Zimmer neben dir. Kommst du auch zum Essen? Übrigens, ich bin hier im Haus so Mädchen für alles, ich putze, wasche und helfe beim Kochen …“ Im Esszimmer angekommen, neugierige Blicke. „Du bist wohl die ‚Neue‘?“ „Ja die bin ich, ich heiße Sarah.“ Sie war froh, nach den Essen die ganze Belegschaft zu verlassen. Es waren ihr zu viele Fragen auf einmal. Mit einem „Gute Nacht“ verabschiedete sie sich und ging zurück in ihr Zimmer. Wenig später kam ihre Madam und fragte nach ihrem Befinden. „Ich habe deinen Eltern mitgeteilt, dass du gut angekommen bist.“ Sarah setzte sich an das kleine Tischlein. Sie schrieb ihren Eltern, wie sie es versprochen hatte, einen Brief.
Liebe Eltern, liebe Geschwister,
ich bin gut angekommen, und bin gerade von dem Nachtessen zurück. Jetzt bin ich in meinem kleinen Zimmer, meinem neue Zuhause! Die Leute haben mich freundlich empfangen, es geht mir gut, aber ich vermisse euch alle sehr. Mir wurde der neue Arbeitsplatz gezeigt, es ist ein großer Laden mit allerlei Angeboten. Kleider, Wolle, Kosmetikartikel und vieles mehr. Morgen ist mein erster Arbeitstag, und ich freue mich darauf. Ich versuche, mich hier einzuleben. Hoffe, dass es euch allen gut geht, der Abschied von euch fiel mir schwer. Am liebsten hätte ich im Zug losgeheult. Ich habe eine nette ältere Frau kenne gelernt, vielleicht gehe ich sie einmal besuchen. So, ich mache jetzt Schluss für heute, bis zum nächsten Mal.
Liebe herzliche Grüße an euch alle
Eure Tochter und Schwester Sarah
Sarah faltete den Brief zusammen und stecke ihn in den Umschlag. Das Briefpapier hatte sie von einer Schulkollegin zum Abschied geschenkt bekommen. Die Briefmarken hatten ihr die Eltern zugesteckt. Sarah eilte aus dem Haus. Ihr war beim Herkommen unweit vom Haus ein Briekasten aufgefallen. Sie warf den Brief ein. Als sie sich umdrehte, sah sie am Straßenrand gegenüber einen hübschen jungen Mann.
Er grüßte sie freundlich: „Dich habe ich hier noch nie gesehen.“ „Ich bin erst heute angekommen. Und was machst du hier, hat man dich versetzt?“ „Ich warte auf meine Freundin. Komm doch rüber, ich bin Elias.“ Sie ging kurz zu ihm. Als sie seine Freundin kommen sah, verabschiedete sie sich mit einem „Tschüss“. Der junge Mann mit den schönen blauen Augen ging Sarah nicht so richtig aus dem Kopf. „Blödsinn, er wartet auf seine Freundin“, dachte sie.
3
Sofia kam auf Elias zu, gab ihm einen Kuss und hängte sich bei ihm ein. „Wer war dieses Mädchen?“ „Sie ist neu hier. Ich habe mich kurz mit ihr unterhalten.“ „Ich freue mich so sehr, mit dir ein paar Tage in die Berge zu fahren. Unsere Hütte ist klein, aber gemütlich.“
Es war das erste Mal, dass die Eltern Sofia erlaubten, mit Elias zu verreisen. Gut gelaunt gingen die beiden in ihr Stammlokal, wo sie ihre Kollegen trafen. Während Elias sich unterhielt, saß Sofia still da. „Können wir nach Hause gehen, mir ist nicht so ganz wohl?“, fragte sie plötzlich. „Ja klar, kein Problem, gehen wir.“ Sie verabschiedeten sich von ihren Freunden. „Wir fahren für ein paar Tage in die Berge, bis bald wieder.“ Elias war besorgt. „Sofia, du wirst hoffentlich nicht krank?“ „Nein, morgen ist bestimmt wieder alles gut. Ich bin in den letzten Tagen oft müde, Zeit für Ferien.“
Sofia arbeitete im Hotel ihrer Eltern am Empfang. Sie war für das Wohlergehen der Gäste verantwortlich. Die Tage waren anstrengend, sie arbeitete oft bis spät in den Abend. Vor der Haustüre verabschiedeten sie sich. „Ja dann, bis Morgen, ich freue mich sehr, meine liebe Sofia.“ Nachdenklich lief Elias nach Hause. Was ist in letzter Zeit mit Sofia los …?
Anderntags liefen sie mit gepackten Rucksäcken zur Seilbahnstation. Sie fuhren nach oben und mussten dann noch gute zwanzig Minuten laufen. Ziemlich erschöpft angekommen, stieß Sofia einen „Jauchzer“ aus: „Hier oben ist meine Welt. Ich habe diese Hütte schon als Kind geliebt. Jedes Mal, wenn ich mit meinen Eltern hier hochkommen durfte, war ich voller Freude.“ Nach einem gemütlichen Nachmittag kochten sie zusammen und genossen den ersten Tag ihrer gemeinsamen Ferien. „Möchtest du mit mir schlafen?“, fragte Elias vorsichtig. „Bitte sei mir nicht böse, ich möchte in meinem Bett schlafen.“ Sie ging ins Bett und schlief sofort ein.
Elias setzte sich vor die Hütte, schaute nachdenklich ins Tal hinunter. ‚Wo ist meine fröhliche, lebenslustige Sofia geblieben? Etwas stimmt nicht mit ihr!‘ Er stand am Morgen auf und sah, dass Sofia auch wach war. „Wie geht es dir heute? Bleib ruhig noch im Bett. Es ist kalt, ich mache im Ofen das Feuer an.“ „Elias … bitte verzeih mir wegen gestern Abend.“ Er setzte sich aufs Bett und nahm sie in die Arme. „Alles ist gut, geht es dir heute wieder besser?“ „Ja, wir können den neuen Tag in Angriff nehmen.“ „Da bin ich aber sehr froh“, sagte Elias erleichtert.
Beim Frühstück meinte er plötzlich: „Du würdest mir schon sagen, wenn etwas bei dir nicht stimmt?“ „Ja klar, würde ich …“ Hörte Elias da ein Zögern in ihrer Stimme? Gut gelaunt liefen sie los. Ihr Ziel war ein kleiner Bergsee. Dort hatte Sofia viele Stunden mit ihren Eltern verbracht.
Angekommen, liess sie sich nieder, Tränen rannen über ihr Gesicht. Elias setzte sich neben sie, schlang den Arm um sie und sagte: „Bitte sage mir endlich, was los ist? Hast du einen anderen Mann kennengelernt?“ „Nein, habe ich nicht“, rief sie entsetzt. Das Reden fiel ihr schwer. „Ich glaube, ich bin krank. Schon seit längerer Zeit bin ich ständig müde und würde am Morgen am liebsten im Bett bleiben. Ich werde nächste Woche zum Arzt gehen.“ Besorgt sagte Elias: „Wäre es nicht das Beste, wenn wir heute nach Hause gehen würden?“ „Nein, lass uns noch den heutigen Abend zusammen verbringen, wer weiß …“
Zurück in der Hütte, öffnete Sofia eine Flasche Wein. Ihre Mutter hatte sie ihr in den Rucksack gesteckt. Sie prosteten einander zu. Die restlichen Tage blieben sie gemütlich in und vor der Hütte, obwohl Elias am liebsten zurück ins Tal gegangen wäre. Wieder zuhause, verabschiedeten sie sich voneinander. „Ich muss morgen arbeiten. Am Abend schaue ich bei dir vorbei. Ich mache mir große Sorgen.“
Elias ging noch kurz seine Großmutter Helene besuchen. Er berichtete ihr von seinen Sorgen um Sofia. Dann machte er sich auf den Heimweg, schaute nach oben und sah den wunderschönen Sternenhimmel … Sofia suchte am nächsten Morgen ihren Arzt auf. Er begrüßte sie freudig. „Wie kann ich dir helfen?“ Sie erzählte ihm, wie es ihr in der letzten Zeit ergangen war. „Das muss nichts Ernstes sein, ich nehme dir jetzt Blut ab. Zudem mache ich ein Röntgen von deiner Lunge. Bald wissen wir mehr, sorge dich nicht zu sehr. Ich rufe dich morgen an. Lasse deine Eltern von mir grüßen.“ Mit einem „Danke“ verabschiedete sich Sarah vom Arzt. Er war befreundet mit ihren Eltern. Sie kannte ihn schon seit ihrer Kindheit.
In Gedanken versunken, sah sie nicht, dass ihr eine Kollegin entgegenkam. „Sofia … sieht man dich auch wieder einmal, wo steckst du die ganze Zeit?“ „Du, ich arbeite im Moment sehr viel, ich melde mich bei dir. Ich muss weiter. Meine Mutter wartet auf mich.“ Sie ließ ihre Kollegin stehen und lief weiter. „Was habe ich dir denn getan?“ „Gar nichts, alles ist gut, du hörst von mir.“
Sofia wollte zuerst Gewissheit haben. Sie fühlte sich elend. Nach bangem Warten läutete endlich das Telefon. „Sofia, kannst du vorbeikommen?“, hörte sie eine besorgte Stimme. „Es wäre gut, wenn dich jemand begleiten würde. Was ich dir zu sagen habe, ist leider nichts Gutes.“ „Was ist mit mir?“, rief Sofia verzweifelt. Die Mutter nahm ihre weinende Tochter in die Arme.
4
Der erste Arbeitstag war anstrengend. Sarah versuchte, so gut es eben ging, die Kunden zu bedienen. Sie staunte, wie locker die Frauen mit Geld umgingen. Nach dem Preis wurde selten gefragt. Das kannte Sarah nicht. Am Abend war sie sehr müde. Die Arbeit hatte ihr gefallen und sie freute sich auf den nächsten Tag. Sarah hatte sich gut eingelebt. Die Abende verbrachte sie mit Lesen und Musik hören. Anna hatte ihr ein kleines Radio und Bücher ausgeliehen.
Manchmal gesellte sie sich zu ihren Mitbewohnern. Es war für sie als junges Mädchen nicht immer einfach in dieser Gesellschaft. Es fielen oft raue und zwiespältige Worte. Sarah musste lernen, damit umzugehen und versuchte, sich so gut es ging durchzusetzen.
Gut waren da noch drei Frauen, älter als Sarah, mit denen sie es sehr gut hatte. Mit Katrin verstand sie sich besonders gut. Sie wirkte oft traurig, in Gedanken versunken … Für Sarah war sie wie eine große Schwester. Die Arbeit erledigte sie inzwischen fast alleine. Ihre Madam lobte sie. „Du lernst aber schnell. Wir sind sehr froh, dass wir dich haben.“ Am ersten des Monats erhielt sie ihren Zahltag. Sogar etwas mehr als ihr versprochen wurde, was sie sehr freute. So konnte sie auch etwas für sich behalten. Sie wollte für einen Wintermantel sparen.
Wie abgemacht schickte sie das Geld größtenteils ihren Eltern. An ihrem freien Nachmittag ging Sarah oft mit der kleinen Lena spazieren. Sie liebte die „Kleine“, die gerade laufen lernte. Anna war froh, ihre Tochter für ein paar Stunden abzugeben. Sie erwartete ihr zweites Kind. So konnte sie sich in dieser Zeit, wenn sie nicht arbeiten musste, ein wenig ausruhen.
Auf ihren Spaziergängen lernte Sarah auch immer neue Leute kennen. Das Dorf war ihr inzwischen vertraut. Sie war nicht mehr die „Fremde“. Nur Elias, an den sie oft denken musste, hatte sie nie mehr gesehen! Oft schrieb Sarah Briefe an ihre Eltern und Geschwister. Auch mit ihren Schulkolleginnen, besonders mit Paula, ihrer besten Freundin, hatte sie regen Briefkontakt. Die Briefe endeten fast immer mit einem: „Bis bald …“ In einem Brief schrieb ihre Mutter:
… du bist nun schon länger von zu Hause fort, wir kommen dich am Sonntag besuchen …
Sarah konnte es fast nicht erwarten, ihre Eltern wiederzusehen. Endlich Sonntag, sie stand früh auf, duschte, wusch sich die Haare und kleidete sich an. Madam hatte ihr ein Kleid geschenkt, sie durfte es im Laden selber aussuchen. Sie war außer sich vor Freude! „Ich mag mich nicht erinnern, dass meine Mädchen“, sie hatte zwei Töchter, „sich jemals über ein neues Kleid so gefreut hatten“, meinte sie.
Sarah stand vor dem Spiegel, drehte sich hin und her. Sie gefiel sich selber. „Oh, siehst du schick aus“, Madam stand auf dem Balkon und winkte ihr zu. „Du kannst um zwölf mit deinen Eltern zum Essen kommen. Ich möchte sie auch kennenlernen.“ „Klar, mache ich, nochmals danke für das schöne Kleid.“ Auf dem Weg zum Bahnhof kam ihr Elias entgegen. Ihr Herz schlug höher … „Schön, dich zu sehen, Sarah, du siehst toll aus!“ Obwohl sie Elias nur kurz kannte, irgendwie schien er verändert. „Ich muss weiter. Meine Eltern kommen mich besuchen.“ „Tschau, vielleicht sehen wir uns mal wieder.“ Nervös stand Sarah am Bahnhof, bis endlich der Zug einfuhr. Ihre Eltern stiegen aus und Sarah lief ihnen entgegen.



