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Wir neigen manchmal aus Zeitgründen dazu, unsere Pferde geistig und körperlich über einen gewissen Zeitraum nicht ausreichend zu beanspruchen und sie dann plötzlich mit Aufgaben zu konfrontieren, die sie möglicherweise restlos überfordern – zum Beispiel, weil uns die Idee kommt, wir könnten einen Wanderritt unternehmen, an einem Turnier teilnehmen oder auch nur eine ungewohnt ausgedehnte Dressur- oder Springstunde einbauen. Unsere Pferde werden damit unter Umständen völlig überfallen. Bereiten Sie also Ihre Pferde genauso gut auf anstehende Aufgaben vor wie sich selbst, wenn Sie plötzlich über Ihre körperlichen Grenzen hinausgehen wollen.



ÜBUNG:Raum wahrnehmen
Stellen Sie sich vor, Sie sind in den Körper Ihres Pferdes geschlüpft. Nehmen Sie den Raum wahr, der Ihnen zur Verfügung steht. Schauen Sie sich Ihre Box, das Stallgebäude, das Umfeld, die Nachbarn und die Menschen, die mit Ihnen zu tun haben, genau an. Achten Sie auf Geräusche, eventuell auftretenden Lärm oder andere nervende Reize. Schauen Sie, wo Ihr Futter liegt, in welcher Ecke Sie schlafen dürfen und wo Sie Ihre Notdurft erledigen müssen. Nehmen Sie wahr, wie viel Platz Sie zum Strecken, Wälzen und für Bewegung in der Box haben. Achten Sie auf die Gerüche! Pferde sind extrem auf ihren Geruchssinn fixiert. Können Sie frische Luft atmen, oder gibt es kein Fenster nach draußen, sondern nur ein Gitter zur Stallgasse?
Nun sehen Sie sich die Bewegungsmöglichkeit außerhalb der Box an. Gehen Sie dieselben Wege, die Ihr Pferd täglich geht. Wie viel Raum hat Ihr Pferd zur Verfügung, und wie ist er gestaltet? Entspricht er den Bedürfnissen Ihres Pferdes? Seien Sie ehrlich zu sich selbst, im Interesse Ihres Pferdes und in Ihrem eigenen.
Kann es sein, dass es Probleme gibt, die damit zusammenhängen, dass Ihr Pferd sich nicht so bewegen kann, wie es sich bewegen müsste?
Vergleichen Sie mal Ihren eigenen Radius mit dem Ihres Pferdes. Sehen Sie Ihre Wohnung, Ihren Garten, denken Sie daran, wie Sie morgens aus dem Haus gehen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Oder vielleicht auch mit dem Auto. Wie Sie tagtäglich die Stadtgrenze überqueren und weite Wege zurücklegen.
Wie Sie spazieren gehen, einkaufen, Sport treiben.
Ich denke, wir sind uns einig, dass Ihr Radius größer und auch reizvoller als der Ihres Pferdes ist. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Pferd seinen Radius erweitern kann.


Das Pferd als Resonanzverstärker
Pferde sind eine emotionale Herausforderung! Stimmen Sie mir da zu? Pferde können uns jeden Tag völlig unerwartet aufs Neue in eine Gefühlswelt stupsen, von der wir zuvor nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatten. Gestern noch waren wir überglücklich und von einem wunderbaren Ausritt durch die Natur beseelt, und schon am nächsten Tag versetzt uns dasselbe geliebte Pferd in Angst und Schrecken, weil es plötzlich wie wild vor etwas scheut, was ihm doch sonst nie etwas ausgemacht hat.
Kennen Sie das? Mal ist man verliebt in sein Pferd, dann restlos besorgt, weil es herumkränkelt, und dann wieder könnte man sich selbst geißeln, weil man einfach alles falsch zu machen scheint. Man glaubt zum Beispiel, so schlecht geritten zu sein, dass man es für immer sein lassen will, um das arme Tier nicht länger zu quälen. Man ist niedergeschlagen, euphorisiert vor Glück, wütend, traurig, zufrieden …
Wir Pferdemenschen leben ein intensives Leben – dank der Pferde.
Pferde wissen sehr genau um das, was in uns vorgeht. Man kann ihnen nichts vorgaukeln. Sie lesen uns, unsere Energie, überprüfen diese auf Authentizität und spüren blitzschnell nach, was unsere Energie in ihnen selbst auslöst, zum Schwingen bringt. Entsprechend reagieren sie.
Natürlich gibt es Pferde, die sich mehr vom Menschen abgrenzen und wiederum andere, die sehr sensibel auf uns reagieren. Genau wie bei uns Menschen auch. Das Pferd spiegelt, aber es verstärkt auch massiv Themen in uns. Vielleicht holt es Angstanteile in uns hervor, von denen wir glaubten, sie gar nicht mehr in uns zu tragen wie Wut, Aggressivität und übertriebener Ehrgeiz. Aber auch das Lichtvolle: Liebe, Dankbarkeit, Stille, Sensibilität, Authentizität …
Ich nenne es mal unsere Licht- und Schattenseiten.



Ehrgeiz
Sind Sie ein ehrgeiziger, erfolgsorientierter Mensch? Dann wird Ihnen das Pferd mit Sicherheit dabei helfen, diese Eigenschaft auszuleben. Das kann so weit gehen, dass das Pferd – in der negativsten Form – irgendwann zum viel zitierten Sportgerät verblasst und dem ständig hungernden Selbstwertgefühl des Menschen zu Turnierruhm und Ehrenpreisen verhelfen muss. Doch diese Eigenschaft kann, wenn sie durch das Pferd verstärkt wird, auch in eine andere, positive Richtung kanalisiert werden. Zum Beispiel dahin, dass Sie sich für artgerechte Pferdehaltung einsetzen oder gegen Schlachttransporte. Pferde können auch einen Kämpfer für das Gute aus uns werden lassen.
Und sie können uns und unseren Ehrgeiz auch schlichtweg auflaufen lassen. Es gibt Pferde, die strahlen zu Hause in der schönsten Harmonie mit ihrem Menschen, doch sobald dieser auf die Idee kommt, das in einem Wettkampf zeigen zu wollen, ist Schluss. Das Pferd weigert sich, den Ehrgeiz seines Menschen auszuleben. Und schon stößt es ihn unsanft in eine Auseinandersetzung mit sich selbst.
Angst
Wer ängstlich ist, wird seiner Angst durch das Pferd immer und immer wieder begegnen. Das Pferd wird die Angst wie ein gnadenloser Lehrer geradezu herausfordern. Bis man irgendwann lernt, dieses Gefühl als zu sich gehörig zu akzeptieren und es ernst zu nehmen. Erst dann ist man frei, zu entscheiden, ob man es dabei belässt, die Schönheit der Pferde nur noch aus der Ferne zu betrachten, oder ob man die Angst integriert und sich ihr von Zeit zu Zeit stellt. Wem das gelingt, der wird auch in anderen Situationen besser mit ihr umgehen können. Gerade Pferde, die ihre eigene Angst bis zur Panik steigern können, sind mit diesem Gefühl bestens vertraut. Kein Wunder also, dass sie es so gern in uns hervorrufen.
Doch glücklicherweise birgt jedes Gefühl in sich die Chance, daran zu wachsen. So auch die Angst, die wir oft als negatives Gefühl abtun. Und vergessen wir nicht: Angst ist ein Schutz. Sie hat das menschliche Überleben bis heute überhaupt erst möglich gemacht. Also sollten wir sie auch achten. Angst ist eine große Lehrerin, ein Urgefühl und das Gegenteil von Sicherheit, Freiheit und Liebe.
Mut
Mut ist ein schönes Wort. Es gehört regelrecht zum Reiten dazu. Mutig war es, das allererste Mal auf ein Pferd zu steigen, einen ersten Galopp zu wagen, einen ersten Sprung über ein Hindernis, einen ersten Ausritt. Sie sehen schon, Mut braucht immer neue Herausforderungen. Und wer mutig ist, der wird diesen Mut mit seinem Pferd zur Genüge ausleben können. Das kann auf der Lichtseite die absolut wilde Lebensfreude bedeuten, zum Beispiel in Form eines den Menschen und das Pferd erfreuenden Galopps durch das Gelände. Auf der Schattenseite kann es sich auch zu einem immer waghalsigeren Höher-Weiter-Schneller-Riskanter steigern, womit die Gesundheit von Pferd und Reiter aufs Spiel gesetzt wird.

Wer mutig ist, kennt keine Angst? Oder liebt er es einfach nur, ihr zu begegnen? Angst und Mut gehen Hand in Hand. Heute wird die Angst durch Mut überwunden, und morgen wiederum bestimmt die Angst und sagt: »Bis hierher und nicht weiter.«
Aggressionen
Dass Pferde auch Gewalt, Wut und Aggressionen sowie die Tendenz zu Missbrauch in uns Menschen zum Schwingen bringen, ist leider wohl allzu bekannt. Zahlreiche Artikel sowohl in Pferde- als auch Tageszeitungen zeugen davon.
Aggression ist ein Gefühl, das zu uns Menschen gehört wie jedes andere auch. Doch kann es sich zu einer bedrohlichen Schattenseite auswachsen, die uns erschaudern lässt. Jeder Mensch wird schon einmal wütend gewesen sein – auch auf sein Pferd. Wut ist meist eine hilflose Reaktion auf zuvor erlebte Angst, Bedrohung oder Scham. Wenn wir wütend sind, hören wir auf zu denken. Eine sinnvolle Lösung wäre es, darüber nachzudenken, was uns wütend macht, bevor die Wut uns gänzlich übernimmt, und dann dem Gefühl mit Verstand und Wissen Einhalt zu gebieten.
Doch gibt es leider immer noch eine Steigerung der Schattenseite. Vereinzelte Menschen arbeiten Gewalt, Missbrauch und die eigene Empfindungslosigkeit auf unbeschreibliche Art und Weise an Pferden ab. Es ist erstaunlich, wie Pferde selbst diese grässlichen Schattenseiten solcher Menschen geduldig ertragen.

Liebe
Doch stehen den Schattenseiten glücklicherweise auch all die wunderbaren Lichtseiten gegenüber, wie zum Beispiel Empathie, Mitgefühl, Inspiration, ästhetisches Empfinden, Lerneifer, Wissbegierde, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Einsatzwillen für das Gute und vor allem die Liebe.
Die meisten Menschen wollen aus Liebe zum Pferd reiten. Liebe ist in der Regel der erste Grund, aus dem ein Mensch aus unserem Kulturkreis die Sehnsucht nach Pferden in sich entdeckt. Wer seine Liebesfähigkeit wirklich lebt oder leben will, der wird sie mit dem Pferd zusammen noch mehr zum Ausdruck bringen, dem wird beim Anblick seines Tieres das Herz weit aufgehen, und den wird beim Geräusch des erwartungsfrohen, leisen Wieherns zur Begrüßung das Glück und die Liebe durchströmen.
Lerneifer
Wenn wir bereit sind zu lernen, werden wir in unserem Pferd einen geduldigen Lehrer finden, der immer und immer wieder unsere Schattenseiten erträgt und uns beharrlich auf unsere lichtvollen Seiten hinweist. In all den Jahren, in denen ich mich nun mit Pferden beschäftige, habe ich stets aufs Neue festgestellt: Es geht immer weiter, immer voran. Es gibt keinen Stillstand mit Pferden. Wir müssen weitergehen, Verstand, Geist und Herz offen halten und lernen. Pferde sind Bewegungstiere, und sie sorgen kontinuierlich dafür, dass auch wir in Bewegung bleiben, uns weiterentwickeln. Nie ist man irgendwo angekommen. Den Spuren der Pferde zu folgen, ist ein endloser, bereichernder Weg. Und während wir glauben, ihnen etwas beizubringen, sind doch in Wahrheit sie unsere besten Lehrer.

ÜBUNG:Das erste Gefühl
Setzen Sie sich doch einmal ganz in Ruhe hin. Sorgen Sie dafür, dass Sie allein sind und Zeit für sich haben. Legen Sie ein Notizheft und einen Stift neben sich. Vielleicht zünden Sie eine Kerze an.
Nun denken Sie an Ihr Pferd. Eventuell nehmen Sie auch ein Foto Ihres Pferdes zur Hand. Lassen Sie Ihr Pferd ganz auf sich wirken. Versuchen Sie zunächst, an nichts Bestimmtes zu denken, sondern lassen Sie einfach nur die Gefühle zu, die Ihr Pferd in Ihnen auslöst. Es kann sein, dass ein ganz bestimmtes Gefühl sehr vordergründig in Erscheinung tritt. Bitte bewerten Sie es nicht, was auch immer das für ein Gefühl sein mag. Lassen Sie es zu, und integrieren Sie es in Ihr Herz.
Vielleicht strömt nun auch eine ganze Flut von Gefühlen und Gedanken auf Sie ein. Schreiben Sie alle stichwortartig auf.
Es können sehr unterschiedliche Emotionen sein: Liebe, Angst, Stolz, Berührung, Ablehnung, Widerwille … Lassen Sie alles zu, und schreiben Sie die Gedanken auf, die Ihnen kommen.
Wie gesagt: Bewerten Sie bitte weder sich noch Ihre Gefühle. Es gibt in diesem Fall kein falsches oder richtiges Fühlen. Nur das, was ist. Es geht darum, wahrzunehmen und das Wahrgenommene an die Oberfläche zu holen.

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