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Philipp setzte sich in der Zwischenzeit gegen seinen Lachanfall zur Wehr. Er dachte im Schnelldurchlauf an seine verstorbenen Eltern, an längst vergangene Probleme mit Sophie und weitere dunkle Seiten seines Lebens, was den Lachkrampf milderte. Er schüttelte entschuldigend den Kopf, atmete tief aus und strich sich mit dem Ärmel seines Jacketts die Tränen aus dem Gesicht. »Sorry, Rektorin Fries. Mit einer Firmengeschichte hätte ich wirklich nicht gerechnet. Einmal mit von Werdenberg über das Bankgeschäft diskutieren oder ein Beratungsmandat übernehmen, gerne. Aber eine Firmengeschichte? Da gibt es kompetentere Kandidaten. Warum nicht einen Historiker damit beauftragen? Oder fragen Sie doch Frau Professorin Schelbert. Die freut sich sicher über einen öffentlichen Auftrag. Ich habe so etwas nie gemacht. Zudem hat gerade das Semester begonnen. Mit meiner Vorlesung, dem Seminar und der Betreuung der Doktoranden bin ich voll ausgelastet. Und forschen soll ich ja auch noch.«
Fries stand auf und blickte aus dem Fenster in den grauen Morgenhimmel über Zürich. Der Wind hatte weiter aufgefrischt und drückte nun dicke Regentropfen gegen die Scheiben. Ein feines Klopfen war zu hören, wie auf einer Tischplatte trommelnde Finger. Fries zuckte mit dem Kopf nach rechts, dann nach links. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als sie lange Haare getragen hatte. Die Haarpracht war mittlerweile verschwunden, die Phantombewegung geblieben. »Bilden Sie sich nur nicht zu viel auf sich ein, Humboldt. Natürlich habe ich die Schelbert vorgeschlagen, allerdings hat von Werdenberg abgelehnt.«
Philipp wurde hellhörig. »Was hat meine Kollegin dazu gesagt?«
»Was meinen Sie denn?«, fragte die Rektorin gereizt zurück. »Sie hat sich natürlich teuflisch aufgeregt, dass ›der Krieger‹ den Auftrag bekommen hat.«
»Der Krieger?«
Fries verdrehte die Augen. »Ja, Sie – der Krieger. Professor Humboldt, der immer alles kriegt.«
Philipp lächelte böse in sich hinein. Sein Bauchgefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Die Schelbert intrigierte gegen ihn. Er würde sie in Zukunft genauer im Auge behalten.
Fries fuhr fort. »Es geht natürlich nicht um eine profane Firmengeschichte. Es steckt mehr dahinter. Viel mehr.« Die Rektorin machte eine bedeutungsschwangere Kunstpause und drehte sich wieder zu Philipp. »Alexander von Werdenberg will seine Bank verkaufen. Und zwar an die Zürcher Investment Bank, die Sie als ehemaliger CEO bestens kennen. Der Gewinn aus dem Verkauf soll in eine Stiftung fließen, die von seiner Tochter geführt wird. Ich muss Sie nicht darauf hinweisen, dass diese Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Es wird der Deal des Jahres an der Schweizer Börse. Die Privatbank von Werdenberg wird für immer verschwinden. Alexander von Werdenberg will, dass Sie sein Vermächtnis verfassen und ihm für Fragen zur Verfügung stehen.«
Philipp pfiff leise durch die Zähne. Das war wirklich eine große Sache. Die spektakulärste Übernahme seit Langem auf dem Finanzplatz, dazu von dieser diskreten, ja geheimnisvollen Bank.
Fries blieb die Veränderung in Philipps Körpersprache nicht verborgen und sie setzte nach. »Sie werden einmal unser Starprofessor, Humboldt. Darum will von Werdenberg Sie. Nur Sie und niemand anderen. Das passt wie die Faust aufs Auge. Sie beide sprechen dieselbe Sprache, zwei Experten auf Augenhöhe. Für die Detailarbeit bekommen Sie einen Journalisten oder was immer Sie brauchen.«
»Ich dachte, die Ressourcen der Universität seien knapp bemessen? Woher stammt auf einmal das Budget dafür?«
Fries zeigte ihr breitestes Lachen und die kräftigen weißen Zähne kamen zum Vorschein. Ein Raubtier, das jederzeit zubeißen und seine Beute in tausend Stücke reißen konnte. »Dafür ist gesorgt. Von Werdenberg wird alle Zusatzkosten übernehmen. Und nicht nur das: Wenn wir das Projekt nach seinen Wünschen ausführen, wird er uns – und damit auch Ihr Institut – mit einem großzügigen Legat unterstützen. Wir können die Universität voranbringen und unseren Kollegen von der ETH endlich wieder einmal so richtig vors Schienbein treten.«
Daher wehte also der Wind.
Es war der Rektorin ernst. Todernst. Philipp rutschte auf seinem Stuhl hin und her, fand aber keine passende Position. Das Knirschen des Leders, sonst ein Zeichen von Gemütlichkeit, war nun laut und unangenehm. Der angesprochene Deal war interessant, keine Frage. Andererseits war eine prominente Rückkehr in die Bankenwelt genau das, was Philipp unbedingt vermeiden wollte. Keine Steine umdrehen, die Vergangenheit ruhen lassen, und die Toten …
»Wenn es nur ums Geld geht, bezahle ich den Unterhalt meines Institutes aus eigener Tasche.« Philipp hoffte, dass er so von der Aufgabe verschont bliebe. Vergeblich.
»Professor Humboldt. Wir sprechen hier von Zahlen, die sogar Ihr Konto sprengen würden. Es dreht sich hier nicht um einige 10.000 Franken.« Fries kostete den Moment aus und machte sich keine Mühe, ihre Genugtuung zu verbergen.
»Sechsstellig?«
Die Rektorin schüttelte genüsslich den Kopf.
»Siebenstellig?«
Fries blickte zur Decke und ihre Daumen zeigten nach oben. Sie wippte dabei mit den Unterarmen, als würde sie einen Düsenjet auf die richtige Position lotsen. »Achtstellig, Humboldt. Und die erste Zahl ist keine Eins, so viel kann ich Ihnen sagen.«
Jetzt verstand Philipp die Anspannung der Rektorin. Alexander von Werdenberg gehörte zu den reichsten Einwohnern der Schweiz, wobei ein großer Teil seines Vermögens in der Bank steckte. Der Bankier schaffte es in der jährlichen Rangliste der Bilanz jeweils ganz nach oben. Lediglich einige Oligarchen und alteingesessene Industrielle hatten noch mehr auf der hohen Kante.
Aus der strengen Rektorin war nun eine begnadete Verkäuferin geworden und sie wickelte Philipp mit Zuckerwatte ein. »Wir könnten zusammen Ihr Institut auf Vordermann bringen, es mit allen nötigen Ressourcen ausstatten. In den nächsten zehn Jahren würde so der Nukleus der Schweizer Bankforschung hier in Zürich entstehen. Mit Ihnen an der Spitze, Humboldt. Und die Beförderung zum ordentlichen Professor wäre sowieso selbstverständlich – bereits im nächsten Jahr. Ich mag Sie, Philipp. Sie haben eine große akademische Karriere vor sich.«
Philipp war hin- und hergerissen. Was konnte denn schon passieren? Schließlich würde er in von Werdenbergs Vergangenheit stöbern – und nicht umgekehrt. Und über die alten Geschichten musste in der Zwischenzeit nicht nur Gras, sondern längst ein veritabler Wald gewachsen sein. Das Angebot war verlockend. Mit dem Legat könnte er sein eigenes Institut aufbauen. Hatte er das nicht immer gewollt, etwas Sinnvolles leisten, etwas Bleibendes hinterlassen, worauf er dereinst stolz zurückblicken konnte? Dennoch erbat sich Philipp eine kurze Bedenkzeit. Das Projekt höre sich zwar sehr attraktiv an, er müsse aber noch Rücksprache mit seiner Frau halten, da sie schließlich beide für die Erziehung der Kinder verantwortlich seien und mit der Annahme des Projektes ohne Zweifel Arbeitsstunden über das normales Pensum hinaus entstünden.
Die Rektorin gab sich vordergründig verständnisvoll. »Abgemacht. Ich respektiere Ihre Bedenkzeit und werde Herrn von Werdenberg informieren, dass Sie sich morgen für ein erstes Treffen an sein Büro wenden. Die Kontaktnummer werden wir Ihnen zukommen lassen. Jetzt sollten Sie sich aber beeilen, in wenigen Minuten beginnt Ihre Vorlesung.«
Nach einem Blick auf die Uhr blieb Philipp keine Zeit mehr, auf den geschickten Schachzug der Rektorin zu reagieren. Er griff nach seinen Unterlagen und eilte davon.
War er gerade über den Tisch gezogen worden?
Der Vorlesungsraum war zum Bersten voll. Das ganze Ausmaß wurde ersichtlich, als sich Philipp zum Rednerpult durchgekämpft hatte. Der Raum war maßlos überfüllt, vollgestopft wie ein Pendlerzug in Mumbai. Am Eingang hatte sich bereits ein längerer Rückstau gebildet. Die Scheiben waren von innen angelaufen und die Luft war feucht wie in einer Waschküche. Der Sauerstoffpegel lag deutlich unter dem Lärmpegel. Philipp konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – die Menschenansammlung war seine Rettung. Unter solchen Umständen war an eine reguläre Durchführung der Vorlesung gar nicht zu denken. Er breitete die Arme aus, wie Jesus bei der Bergpredigt. »Guten Morgen. Ich muss Sie leider enttäuschen. Die Autogrammstunde von George Clooney wurde abgesagt. Hier wird nun stattdessen die Vorlesung ›Geschichte der Schweizer Banken seit 1945‹ abgehalten.«
Schallendes Gelächter.
»Nun gut. Ein Versuch war es wert. Aber ich möchte Sie dennoch warnen. Grundlage meiner Vorlesung ist dieses Buch.« Philipp hob seine soeben veröffentlichte Forschungsarbeit in die Höhe. »500 Seiten. Trocken wie ein alter Zwieback.« Er legte den Schmöker vor sich auf das Pult und fuhr fort. »Ich freue mich natürlich außerordentlich über das rege Interesse an meiner Forschung. Mit diesen prekären Platzverhältnissen können wir heute allerdings keine reguläre Vorlesung abhalten. Ich werde versuchen, bis nächste Woche einen größeren Raum zu organisieren. Lesen Sie bis dahin die ersten beiden Kapitel meines Buches. Sie können es kostenlos auf der Webseite meines Instituts herunterladen.«
Anerkennendes Klopfen. Philipp klemmte sich seine Sachen unter den Arm und blickte dann nochmals ins Plenum. »Die zwei Kapitel beleuchten die Entstehung des Finanzplatzes. Ich lege in meinen Vorlesungen und Seminaren großen Wert auf ein profundes Verständnis der historischen Zusammenhänge. Man lebt das Leben zwar vorwärts, aber verstehen kann man es nur rückwärts. Ich wünsche allen einen guten Semesterstart.«
Philipp atmete erleichtert aus. Er konnte noch nicht ahnen, was auf ihn zukommen würde. Vorwärts gesehen.
Der Auftraggeber
»Hat er angebissen?« Seine Stimme klang tief und weich, wie eine Felldecke.
»Ja«, sagte die Rektorin. »Aber genau genommen habe ich zugebissen.«
»Gut, wir bleiben in Kontakt.« Er beendete zufrieden das Telefongespräch. Fries war zuverlässig. Wobei das bei der Summe, die er in Aussicht stellte, zu erwarten gewesen war. Er erhob sich aus seinem imposanten Bürosessel und drückte den Rücken durch. Die Schmerzen waren an diesem Morgen fast unerträglich. Die Bandscheibe und das schlechte Wetter – eine unheilvolle Allianz. Trotzdem fühlte er sich wohl in seiner Haut. Er hatte gelernt, mit dem Leiden umzugehen, und wollte es mittlerweile nicht mehr missen. Die Schmerzen waren das untrügliche Zeichen, dass er noch am Leben war. Nichts setzte so viel Adrenalin im Körper frei. Außer vielleicht Todesangst, das reinste Doping. Und wenn man in seinem Leben so viele Stresshormone durch den Körper gejagt hatte wie Alexander von Werdenberg, konnte man schon süchtig danach werden. Sorgfältig entfernte er einen Fussel am Ärmel seinen Jacketts, zupfte das weiße Einstecktuch zurecht und goss sich dann zufrieden ein Glas trockenen Sherry ein. Alles lief nach Plan.
Bis jetzt.
Bahnhofstrasse
Zürich, 17. September
Schon am nächsten Nachmittag stand Philipp an der Bahnhofstrasse und betrachtete den Eingang der Privatbank von Werdenberg. Zwischendurch ratterte eine der blau-weißen Trams vorbei und versperrte ihm für kurze Zeit die Sicht. Der geheimnisvolle Bankier hatte ihn bei ihrem Telefongespräch freundlich gebeten, gleich wenige Stunden später zu ihm ins Büro zu kommen. Der Hauptsitz der Bank lag, wie nicht anders zu erwarten, an der Straße mit den teuersten Uhren der Welt. Mit dem Einzug der beliebigen Kleiderketten und den weltweit bekannten Marken war die Exklusivität der 1,4 Kilometer langen Bahnhofstrasse zwar verschwunden, aber die gediegene Architektur und das schöne Panorama, vor allem dort, wo sich die Sicht auf den See und die Berge zu öffnen begann, waren geblieben.
Philipp betrachtete interessiert die Fassade des stattlichen Gebäudes, das die Privatbank von Werdenberg beherbergte. Vielleicht hatte hier vor hundert Jahren eine wohlhabende Familie gelebt, die ihr Geld in der Industrie gemacht hatte? Wer weiß. Heute gehörten die Gebäude an der Bahnhofstrasse Banken, Versicherungen, ausländischen Konsortien und vermehrt auch Pensionskassen, die ihr Geld im Betongold anlegten.
Philipp war früh dran und flanierte ein wenig durch die Gegend, die lange Zeit seine Heimat gewesen war. Es fühlte sich seltsam fremd und sogar etwas einsam an, wie wenn man nach vielen Jahren einen alten Freund wiedersieht und sich nichts mehr zu sagen hat. Philipp überquerte den fast menschenleeren Bürkliplatz. Die Mittagspause war schon vorbei und der Feierabend stand erst noch vor der Tür. Die meisten der kaufmännisch Angestellten arbeiteten also gerade oder taten zumindest so. Ein junges Elternpaar war mit seinen Kindern unterwegs, ein Hund schnupperte an einem Hydranten und wollte sich von seinem Herrchen partout nicht zum Weitergehen überreden lassen. Ein asiatisches Paar begutachtete die Einkäufe. Zwei Rentner genossen nach dem verregneten Wochenstart die milden Temperaturen auf einer Parkbank und unterhielten sich ruhig mit lauter Stimme. Das Gespräch drehte sich um die Misere eines Zürcher Fußballklubs. Philipp lächelte – sein Sohn David besaß ein Trikot des Rekordmeisters.
Am Seebecken blinzelte Philipp in die Sonne und genoss das herrliche Panorama. Die Berge schienen an diesem föhnigen Tag wie gemalt und zum Greifen nah. Der See roch nach Wasser mit einer Prise Tang. Laute Musik wummerte aus einem vorbeifahrenden Auto. Möwen kreischten und missgönnten sich jede Brotkrume.
Sehr menschlich, diese Tiere.
Philipp entschied sich, einen Kaffee im Hotel Storchen zu sich zu nehmen, und ging zum Weinplatz hinunter. Da Zürich durch keinen der großen Kriege versehrt worden war, konnte das Hotel Storchen auf eine über 600-jährige Geschichte zurückblicken. Es hatte schon illustre Persönlichkeiten wie Richard Wagner oder Grimmelshausen beherbergt. Dank des schönen Wetters und der milden Temperaturen standen einige Tische vor dem Hotel auf dem Weinplatz. Philipp setzte sich auf einen freien Platz und bestellte eine Tasse Kaffee. Genüsslich zog er die frische Luft tief in seine Lungen. Er überlegte kurz, sich eine Zigarette anzuzünden, ließ dann aber davon ab. Er wollte bei seinem ersten Treffen mit von Werdenberg nicht nach kaltem Rauch stinken. Stattdessen studierte er die Gegend und ließ die Seele baumeln. Das Grossmünster präsentierte sich auf der anderen Flussseite unter dem strahlenden Himmel in seiner ganzen Pracht und die beiden blau-weißen Fahnen auf den charakteristischen Doppeltürmen bewegten sich sanft im Wind. Philipp glaubte fast, ihr Flattern zu hören. Die Kirche soll der Legende nach von keinem Geringeren als Karl dem Großen gegründet worden sein. Und heute war Kaiserwetter. Postkartenidylle.
Vor dem Hotel herrschte Fahrverbot. Eigentlich. Ein Elektroradfahrer schoss ohne Rücksicht auf Verluste in halsbrecherischem Tempo an den Fußgängern vorbei. Er war dabei so auf die Beherrschung seines Gefährts konzentriert, dass er die eindeutige Geste des Kellners, den er beinahe überrollt hatte, nicht bemerkte. Die militanten Radfahrer waren zu einer regelrechten Plage geworden, fand Philipp. Was ihn vor allem ärgerte, war deren heuchlerische Selbstgerechtigkeit, das Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber allen, die sich anders fortbewegten. Dabei bleibt ein Idiot ein Idiot, egal ob er im Auto, auf einem Fahrrad oder sonst wo sitzt. Die Szene war aber in dem Moment schon wieder Geschichte, als Philipp den Kaffee serviert bekam. Sein Lieblingsgetränk, einmal von Rotwein abgesehen, war schon lange zu einer Sucht geworden. Er nahm sofort einen kleinen Schluck. Kaffee musste heiß sein. Kalter Kaffee war für ihn ungenießbarer als die Zeitung von gestern.
An einem Nebentisch saßen einige Banker in dunklen Anzügen. Sie tuschelten und schauten zu Philipp hinüber. Er nickte ihnen kurz zu. Wahrscheinlich hatten sie ihn erkannt oder sogar für ihn gearbeitet. Die Gesichter kamen ihm nicht bekannt vor. Als CEO hatte er viele tausende Mitarbeiter unter sich gehabt. Es konnte allerdings auch an diesen unsäglichen Hipsterbärten liegen, die sie allesamt trugen, dass er sie nicht unterscheiden konnte. Ursprünglich vielleicht einmal als Zeichen von Individualität gedacht, waren die Bärte mittlerweile nur noch Mainstream. Was mochte wohl die Botschaft sein: Hallo, ich bin eigentlich ein unerschrockener Hockeyspieler?
Nun gut.
Philipp schloss die Augen und atmete tief durch. Nicht negativ werden. Er hatte nach seinem Abschied als CEO der Zürcher Investment Bank vor rund vier Jahren einige Zeit gebraucht, um all den Stress und schizophrenen Verfolgungswahn loszuwerden. Er hatte nicht vor, sich wieder dort hineinziehen zu lassen, und zündete sich jetzt doch eine Zigarette an. Er war gespannt auf die erste Begegnung mit dem legendären von Werdenberg. Die Webseite der Bank hatte nicht viel preisgegeben. Es war von einigen hundert Mitarbeitenden zu lesen, die meisten davon arbeiteten in der Peripherie. Lediglich der innerste Zirkel hielt sich an der Bahnhofstrasse auf. Ansonsten fand man die üblichen Floskeln. Transparent wolle man sein. Nichts versprechen, was man nicht einhalten könne. Man konzentriere sich auf die Dinge, die man beeinflussen könne. Philipp kannte die Marketingsprüche bestens aus eigener Erfahrung. Schlussendlich kochten aber alle Finanzinstitute nur mit Wasser. Die einen besser als die anderen, keine Frage. Und die Privatbank von Werdenberg gehörte definitiv zu denen mit vielen Gault-Millau-Punkten.
30 Minuten, zwei Zigaretten und eine weitere Tasse Kaffee später machte sich Philipp auf den Weg zu seinem Termin. Vor dem Gebäude kontrollierte er Krawatte, Hemd, Jackett und Schuhe. Der anthrazitfarbene Anzug saß perfekt, wie gestern gekauft. Die Krawatte hatte er mangels Übung dreimal binden müssen, bis die Länge passte, bündig mit der Gürtelschnalle. Keinen Zentimeter länger, keinen kürzer. Er trat näher an den Eingang heran. Keine Tafel oder sonstige Beschriftung wies darauf hin, dass sich hier ein Geldinstitut befand. Offensichtlich war man nicht an Laufkundschaft interessiert. Und Diskretion hatte in diesem Geschäft bekanntlich noch nie geschadet.
Philipp drückte den unscheinbaren Klingelknopf, nachdem er vergeblich nach einer Klinke Ausschau gehalten hatte. Als habe man bereits auf ihn gewartet, öffnete sich die gusseiserne Tür und er betrat das Gebäude. Dort empfing ihn eine Sicherheitsschleuse mit Gegensprechanlage und einer kleinen Überwachungskamera.
»Sie wünschen?«, ertönte eine sonore Stimme aus dem Nichts.
Philipp bückte sich leicht in Richtung des Mikrofons. »Humboldt. Herr von Werdenberg erwartet mich.« Mit einem lauten Summen, gefolgt von einem metallenen Klicken, wurde die Glastür entriegelt. Auf einer massiven Bronzeplatte stand geschrieben, was alle, die es bis hierhin geschafft hatten, ohnehin schon wussten: »Privatbank von Werdenberg«. An der weißen Wand war ein herrliches Bergrelief abgebildet, wahrscheinlich eine Szenerie aus dem Engadin. Die Werdenberg-Brüder, so viel hatte Philipp in Erfahrung bringen können, hatten dort ein Internat besucht. Das Bild mochte daher eine Reminiszenz an diese Jugendzeit sein. Oder die Marketingabteilung versuchte mit einer guten Portion Swissness davon abzulenken, dass die Privatbank von Werdenberg deutsche Wurzeln hatte.
Philipp ging zum Empfang im ersten Stock. Seine Schritte hallten laut durch das Gebäude. Zu seiner Überraschung wurde er oben an der Treppe nicht von einer der für das Private Banking sonst üblichen ansehnlichen Empfangsdamen begrüßt. Stattdessen nahm ihn ein imposanter älterer Herr mit dem Händedruck eines Holzfällers in Empfang.
»Grüß Gott, Herr Professor Humboldt. Alexander von Werdenberg. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Die Freude ist meinerseits«, erwiderte Philipp freundlich. Neugierig betrachtete er den geheimnisvollen Bankier. Von Werdenberg musste in seiner Jugend eine geradezu furchteinflößende Erscheinung gewesen sein, denn noch heute war er kräftig, vital und strotzte vor Gesundheit. Er war trotz seines Alters immer noch gleich groß wie Philipp, der mit seinen 1,90 Meter nicht zu den Kleinsten gehörte. Die Augen des Patrons leuchteten klar und wach, ohne Anzeichen einer Eintrübung. Die Körperhaltung aufrecht, Rücken und Schultern durchgestreckt. Das scharfe Rasierwasser von Werdenbergs stach Philipp sofort in die Nase, keine Spur von dem leicht süßlichen Geruch, der bei Menschen ab einem gewissen Alter oft wahrzunehmen war. Von Werdenberg war ohne Zweifel der rüstigste Senior, den sich Philipp vorstellen konnte. Was mochte wohl sein biologisches Alter sein? 65? Höchstens. Seine Konstitution war geradezu beängstigend.
Von Werdenberg war sich seiner Wirkung zweifellos bewusst und kam dem obligaten Kompliment zuvor: »Ich war Schwimm- und Fechtmeister an der Universität. Aber das ist lange her. Mittlerweile bin ich auf der falschen Seite der 80. Mein Gelenke knacken am Morgen wie ein antiker Holzstuhl.« Seine Stimme war tief und warm.
Philipp quittierte seine Aussage mit einem ehrlichen Lachen.
Von Werdenberg legte die Hand schwer auf Philipps Schulter und schob ihn vom Treppenhaus in den offiziellen Empfangsbereich. Das Gebäude war in einem Topzustand, als wäre erst gestern eine umfassende Renovierung abgeschlossen worden. Frisch gebohnerte Holzböden, weiße Steinwände, schwarze Designermöbel. An den Wänden hingen Bilder des sonst so fotoscheuen Bankiers, die von Werdenberg mit bekannten Persönlichkeiten zeigten: von Werdenberg kaffeetrinkend mit Helmut Kohl, von Werdenberg in einer Bibliothek neben Johannes Paul II., von Werdenberg zigarrerauchend mit Franz Josef Strauß, von Werdenberg lachend in einer größeren Gruppe um Ronald Reagan, der noch junge von Werdenberg mit sieben älteren Herren, Philipp erkannte Willi Ritschard und Kurt Furgler. Daneben gab es noch kleinere Bilder mit Willy Brandt, François Mitterrand, Margaret Thatcher, Prinzessin Diana und Elizabeth Taylor. So viel Intimität war ungewöhnlich für die sonst auf Diskretion bedachte Privatbank.
Von Werdenberg stellte sich neben Philipp. »Zugegebenermaßen etwas eitel von mir. Alles Unikate. Die Negative liegen in meinem Safe und es gibt keine weiteren Abzüge. Ich habe immerhin gewartet, bis die Damen und Herren von uns gegangen sind. Also eine zweifelhafte Ehre, hier zu hängen.«
»Da haben wir ja dann schon einige Seiten für Ihre Firmengeschichte«, sagte Philipp.
»Sie kommen ja gleich zur Sache, junger Mann. Das gefällt mir. Keine Lebenszeit vergeuden. Vor allem, wenn – wie bei mir – der obere Teil der Sanduhr bald leer ist.« Von Werdenberg sprach ohne Wehmut, eher wie ein Wissenschaftler, der nüchtern ein Faktum erklärt. »Aber diese Persönlichkeiten werden natürlich nicht in unserem Buch auftauchen. Glauben Sie mir, Professor, ich hätte nicht viel Spannendes über die Herrschaften zu berichten, im Gegensatz zu den Damen.« Für einen kurzen Augenblick huschte ein Ausdruck von Melancholie über sein Gesicht.
Von Werdenberg erinnerte Philipp an einen Schauspieler, dessen Name ihm partout nicht einfallen wollte. Es blieb keine Zeit nachzudenken, denn zwei Frauen traten aus einem der Sitzungszimmer, die sternförmig um den Empfangsbereich angeordnet waren. Beide waren dunkel gekleidet. Die eine trug ein elegantes schwarzes Deux-Pièces. Mit den hohen Schuhen und kurzgeschnittenen blonden Haaren hätte sie auf das Titelbild jeder Bankbroschüre gepasst. Die andere wirkte in ihrem schwarzen Hosenanzug und mit den offenen langen Haaren eher wie eine Künstlerin oder Journalistin.
Von Werdenbergs Augen strahlten noch heller. Er winkte die Frauen zu sich. »Darf ich Ihnen vorstellen: Da wäre einmal Julia von Werdenberg, meine Tochter, und Frau Loppacher, freischaffende Journalistin, aber de facto schon fast eine feste Mitarbeiterin bei uns. Frau Loppacher wird Sie beim Schreiben unserer Firmengeschichte unterstützen. Sie ist quasi Ihre Ghostwriterin und wird die relevanten Informationen rasch in eine gut leserliche Form bringen.«
Philipp nickte den Damen zu. »Na dann, auf eine gute Zusammenarbeit«, sagte er freundlich zu der Frau mit den offenen Haaren. Diese quittierte mit einem verlegenen Lächeln und schielte zu ihrer Begleiterin. Philipp bemerkte seinen Fauxpas.
Von Werdenbergs Tochter reagierte souverän. »Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Herr Professor Humboldt. Wir lassen Sie jetzt in der Obhut meines Vaters. Sie haben sicher einiges zu besprechen.« Sie drückte den Knopf des Personenaufzuges. Julia von Werdenberg hielt offensichtlich wenig von Smalltalk.




