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Sehr sympathisch.
Sie verabschiedeten sich und Philipp betrat mit von Werdenberg den Lift. Der Patron hielt eine Karte an den Sicherheitssensor und drückte auf den Knopf neben der Aufschrift »Privat«. Danach verschwanden die Damen hinter der Fahrstuhltür, die sich mit einem sanften Summen schloss.
Der Privatraum des Firmenchefs beherbergte eine stattliche Bibliothek. Die schwarzen Regale mit den glänzenden Chromstahlverstrebungen waren perfekt auf das moderne Design des Raumes abgestimmt. Von Werdenberg war offensichtlich jemand, dem die Details wichtig waren. Er schätze hier oben, hoch über der hektischen Bahnhofstrasse, die Kraft der Ruhe, erklärte von Werdenberg. Das habe nichts mit seinem Alter zu tun, schob er rasch nach. Schon zu Beginn seiner Karriere habe er Menschenansammlungen nach Möglichkeit gemieden. Diesen Wunsch nach Diskretion teile er mit vielen seiner Kunden. Leider hätten in letzter Zeit eitle Selbstinszenierung und schlechte Manieren die Oberhand gewonnen. Er selbst habe sich immer an den Maximen orientiert, die Marc Aurel in seinen Aphorismen formuliert habe: hart an sich arbeiten und die einem auferlegten Pflichten erfüllen. Er ging zur Bücherwand, die sicher einige hundert Werke umfasste, und winkte Philipp zu sich. Mit sichtlichem Stolz wies er darauf. »Alles Erstausgaben. Einige datieren bis ins Mittelalter zurück.«
Philipp war ehrlich beeindruckt. »Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Sammlung angelegt?«
Von Werdenberg nickte zufrieden. »Endlich jemand, der die richtigen Fragen stellt und nicht mit irgendwelchen Gemeinplätzen seine Unwissenheit zu kaschieren versucht.« Beinahe zärtlich strich er mit der Hand über die ledernen Buchrücken. »Der Schwerpunkt der Sammlung befasst sich mit den verschiedensten Aspekten der Macht und des Bösen. Ein erfolgreicher Manager, der nicht mindestens einmal Machiavelli gelesen hat? Undenkbar. Ein CEO, der nicht mit den Schattenseiten des Lebens Erfahrungen gesammelt hat? Unwahrscheinlich.« Der Patron war in seinem Element. Sei es denn nicht die Kraft und die Vitalität des Bösen, die uns Menschen fasziniere? Hätten nicht alle eine dunkle Seite in sich, der man nur zu gerne einmal Auslauf gewähren würde? Wer wolle nicht aus den tristen Routineabläufen ausbrechen, die einem von Kindesbeinen an durch Eltern, Schule, Staat und Kirche vorgegeben würden? Die Beschäftigung mit dem Bösen bedeute doch nur, dass man sich selbst auf der Spur sei. Man stelle sich Faust ohne Mephisto vor oder den Fledermausmann ohne den Joker. Kafka habe mit Fug und Recht behauptet, dass das Gute allein trostlos sei. »Aber verzeihen Sie, Herr Professor. Ich langweile Sie sicher mit dem dummen Geschwätz eines alten Mannes.«
Philipp war elektrisiert. Er hatte den Ausführungen von Werdenbergs nichts hinzuzufügen. Jeder hat seine dunkle Seite, niemand wusste das besser als er selbst. Philipp zeigte sich als guter Zuhörer. »Nein, Sie langweilen mich gar nicht, im Gegenteil. Ich muss gestehen: Machiavelli habe ich mehrmals gelesen. Bücher haben mich immer fasziniert. Schon mein Deutschlehrer am Gymnasium hat uns geraten, niemandem zu trauen, dessen Fernseher größer ist als die Bibliothek.«
Der Patron lachte herzhaft.
Damit war das Thema abgehakt. Von Werdenberg setzte sich ohne weitere Worte in einen modernen italienischen Designerstuhl und wies Philipp an, ebenfalls Platz zu nehmen. Er goss beiden einen Whiskey ein und trank nach britischer Manier, ohne anzustoßen. Das Getränk roch nach Torf und Holz. Das lodernde Feuer in von Werdenbergs Augen war verschwunden und professioneller Nüchternheit gewichen. Der Verkauf seines Lebenswerks an die Zürcher Investment Bank sei für ihn, so von Werdenberg, nach langer Überlegung die beste Lösung. Er wolle »die vom Paradeplatz« aber noch etwas zappeln lassen und den Preis in die Höhe treiben. Die Schallgrenze von einer Milliarde Schweizer Franken sei durchaus realistisch. Er zeigte sich jetzt als der knallharte Geschäftsmann, der er war. Das Geld sei ihm so wichtig, weil der größte Teil des Erlöses in die Stiftung seiner Tochter fließen solle. Eine fundierte Publikation über sein Unternehmen käme ihm und vor allem seiner Tochter gelegen.
»Sie sehen also, Herr Professor, ich will etwas Positives hinterlassen. Es geht um nichts Geringeres als mein Vermächtnis.« Von Werdenberg machte eine kurze Pause und drückte den Rücken durch. »Meine Tochter will das Familienunternehmen nicht weiterführen. Nicht aufgrund fehlender Fähigkeiten, sondern weil sie andere Interessen hat. Das Sein war für sie schon immer wichtiger als das Haben. Ganz die verstorbene Mutter. Ich muss den letzten Schritt nun initiieren, solange ich den Prozess noch selber in der Hand habe. Ich konnte mich bis jetzt auf meine robuste Gesundheit verlassen, aber machen wir uns nichts vor. Ich bin in einem Alter, in dem man bei jeder Todesanzeige unwillkürlich auf den Jahrgang des Verstorbenen blickt.«
Es wurde kurze Zeit still wie in einem vollbesetzen Wartezimmer. Dann nahm von Werdenberg den Faden wieder auf. »Bitte erzählen Sie mir doch einmal, warum Sie vor vier Jahren die Zürcher Investment Bank als CEO verlassen haben. Ihr mutiger Schritt hat für einigen Wirbel gesorgt auf dem Bankenplatz. Gibt es irgendwelche Leichen im Keller der Bank, von denen ich wissen müsste?«
»Nein, es sind keine Leichen begraben«, log Philipp, ohne zu zögern. »Die Zürcher Investment Bank ist kerngesund«, ergänzte er wahrheitsgetreu. »Ich wollte damals aus meiner Komfortzone ausbrechen. Etwas Neues ausprobieren, Adrenalin spüren, spannende Dinge lernen. Und vor allem mehr Zeit für meine Familie haben. Bereut man dereinst nicht die Dinge, die man nicht getan hat?«
Von Werdenberg nickte kaum wahrnehmbar. »Sie haben so recht, mein lieber Professor. Die meisten Menschen kleben in ihrer Komfortzone wie die Fliege im Netz. Und erst die Ausreden, warum man nicht das Leben führen kann, von welchem man als Kind geträumt hat: Immer ist es gerade zu heiß, zu kalt, zu früh, zu spät, zu einfach oder zu kompliziert, um sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.«
Eine Frage brannte Philipp unter den Nägeln: »Warum ist Ihre Wahl auf mich gefallen? Es gibt sicher Professoren und Journalisten, die mindestens so gut, wenn nicht sogar besser für die Aufgabe geeignet wären.«
Von Werdenberg zögerte keine Sekunde mit der Antwort. »Sie kennen die Zürcher Investment Bank und deren Führungsetage wie kein Zweiter. Ich kann mir beim besten Willen keinen idealeren Sparringspartner vorstellen. Und als ehemaliger Topmanager können Sie mit Zeitdruck umgehen. Die Arbeit muss Ende Januar fertiggestellt sein. Besser schon früher. Wir wollen ja nicht den Pulitzer-Preis gewinnen.«
Philipp legte die Stirn in Falten. »Das wird sehr knapp werden.«
Von Werdenberg machte deutlich, dass der Termin nicht verhandelbar sei. »Alle Informationen liegen auf dem Tisch. Wir werden uns so oft treffen, wie Sie es für nötig halten. Bei diesen Meetings werde ich Ihnen alle Fragen beantworten. Ihr Team wird Zugang zu meinem Bankarchiv erhalten. Wir haben bereits viele Unterlagen aufgearbeitet. Alle bekannten Hintergrundinformationen findet man in den üblichen Pressearchiven. Darüber hinaus werden wir Ihnen ja Frau Loppacher zur Seite stellen. Sie werden von ihr begeistert sein. Und Sie haben sicher einen Assistenten, den Sie abkommandieren können. So werden Sie in kurzer Zeit ein Manuskript verfassen. Ich besitze einen eigenen Verlag in Deutschland, der die Abschlussarbeiten übernehmen wird. Ich will das Projekt vorantreiben, solange ich noch kann. Jeder stirbt an einem Tag.«
»Aber an allen anderen nicht«, dachte Philipp laut.
»Schön gesagt! Von wem ist dieser Satz? Shakespeare?«
»Nein. Snoopy …«, antwortete Philipp trocken.
Von Werdenberg hob die Augenbrauen und zögerte einen Moment. Dann lachte er schallend und nahm einige Dokumente aus einer Ledermappe. »Hier sind die üblichen Formulare hinsichtlich Vertraulichkeit. Ich bitte Sie, diese zu unterschreiben und an uns zu retournieren. Es wartet leider ein Kunde auf mich. Haben Sie sonst noch Fragen, Herr Professor Humboldt?«
»Nein. Aber ich möchte mich nochmals für Ihr Vertrauen und die großzügige Spende bedanken. Ich hoffe, ich werde alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigen.«
»Daran habe ich keine Zweifel. Wir haben Ihre Karriere mit großem Interesse verfolgt, Herr Humboldt. Wir sind uns ähnlich. Ähnlicher, als Sie ahnen.«
Philipp nahm diese Aussage als Kompliment. Dass sie auch eine versteckte Drohung sein könnte, wäre ihm zu diesem Zeitpunkt nie in den Sinn gekommen.
Das Spiegelbild
Alexander von Werdenberg stand am Fenster und beobachtete mit dem nachgefüllten Whiskeyglas in der Hand, wie Philipp Humboldt das Gebäude verließ und um die Ecke des Hotel Savoy verschwand. Er bemerkte gerade noch rechtzeitig die kleine Biene, die – angezogen vom intensiven Geruch des Getränks – in ebendiesem um ihr Leben strampelte. Von Werdenberg befreite das emsige Arbeitstier mit dem Zeigefinger, öffnete das Fenster und beförderte die Biene vorsichtig auf den Fenstersims, wo sie sich nach einer kurzen Verschnaufpause aus dem Staub machte.
Zufrieden ging von Werdenberg in den Nebenraum, in dem er über die Jahre unzählige Nächte verbracht hatte. Boxspringbett, Waschraum, Ankleide, ein ultramodernes Kinesis-Trainingssystem, was zum Teil seine kräftige Statur erklärte. Hinter einer weiteren Tür verbarg sich eine schmale Wendeltreppe, die das Réduit mit der privaten Tiefgarage unter dem Gebäude verband. So konnte von Werdenberg ungesehen kommen und gehen, wann er wollte. Der Bankier wusch sich sorgfältig Hände und Gesicht. Dann drehte er sich um und blickte in die Augen seines Gegenübers. In seine Augen.
»Was ist, wenn er es herausfindet? Dieser Humboldt ist nicht auf den Kopf gefallen. Und seine Visage gefällt mir gar nicht. Müsste mal bearbeitet werden.« Alexander von Werdenbergs Ebenbild hatte etwas Sardonisches, Grobes. Und die Hautfarbe war fahler als beim Original.
»Ich muss Gewissheit haben, dass unser Geheimnis nie an die Öffentlichkeit gelangt. Es ist an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Julia kann mit ihrer Stiftung viel bewirken. Aus Bösem wird so Gutes entstehen. Wir beide sind dem Namen von Werdenberg etwas schuldig. Glaub mir, der Professor ist unser Mann.« Alexander von Werdenberg schloss die Augen und versuchte, sich an die Geschehnisse jener Zeit zu erinnern. Es war ein Abgrund, der ihn jederzeit verschlingen konnte. Hastig katapultierte er sich in die Gegenwart zurück.
Der Fahle war nach wie vor nicht überzeugt. »Um unser Geheimnis zu schützen, soll Humboldt die Firmengeschichte schreiben? Das macht keinen Sinn! Lassen wir die schlafenden Hunde ruhen. Du wirst im fortgeschrittenen Alter noch zum Reichsbedenkenträger.«
»Kann sein«, murrte von Werdenberg zurück. »Doch nur dank meiner Kunst des Zweifelns ist unser Geheimnis bislang unentdeckt geblieben. Und so soll es auch bleiben. Durch den Verkauf der Bank wird unser Name sowieso an die Öffentlichkeit gezerrt. Sollte es also wirklich schlafende Hunde geben, die unser Geheimnis kennen, will ich sie aufstöbern, bevor sie zu kläffen beginnen. Jetzt können wir noch angemessen reagieren, sie zum Schweigen bringen. Vertrau mir. Ein letztes Mal. Wenn dieses Kapitel geschrieben ist, sind wir sicher. Und wenn Humboldt uns tatsächlich auf die Spuren kommen sollte, dann hat er mindestens so viel zu verlieren wie wir. Wenn nicht mehr. Er ist wie eine Marionette in unserer Hand. Und für den Notfall haben wir ja Horowitz.«
»Es ist dein Plan. Aber er beginnt mir zu gefallen. Wenn nötig, kann ich auch selber Hand anlegen. Es wäre nicht das erste Mal!« Das Ebenbild verzog sein Gesicht zu einem bösartigen Grinsen.
Der Notar
Zürich, Winter 1952
»Da kann ich leider nichts für euch tun, Jungs. Die Bank braucht einen Totenschein. Ohne das Dokument ist nicht bewiesen, dass eure Eltern wirklich im Konzentrationslager gestorben sind. Und ohne Totenschein keine Erbübertragung. Aber macht euch deswegen mal keine Sorgen. Ich werde weiterhin im Sinne der Familie von Werdenberg agieren und euch nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen.« Die geröteten Augen und die feisten Wangen des Notars erinnerten an einen Schweinekopf.
George Orwell lässt grüßen.
Genüsslich schloss der Wanst sein üppiges Mittagessen mit einem Schluck Portwein ab. Der Schweinekopf war durch ein imposantes Doppelkinn mit dem Körper verbunden, welcher die Nähte des maßgeschneiderten Anzugs aus edler englischer Seide arg strapazierte. Draußen pfiff ein eisiger Wind um die herrschaftliche Villa, und auf den Fensterscheiben hatten sich skurrile Eiskristalle gebildet.
Der Notar stand wankend auf und balancierte auf seinen dürren Beinen. Schulmeisterlich legte er seine fettigen, feuchten Hände auf die Schultern der beiden konsternierten Brüder und schob sie sanft ihn Richtung der herrschaftlichen Treppe. Er pflegte sein Mittagessen in der Bibliothek im ersten Stock einzunehmen. Der Salon im Parterre war für seine exklusiven Abendempfänge reserviert. »Meine Haushälterin hat Zimmerstunde. Ich bringe euch noch zur Tür. Dann müsst ihr mich aber entschuldigen. Ich hatte gestern einen strengen Abend und möchte mich ein wenig hinlegen. Das schreckliche Wetter ist Gift für meine Gelenke«, jammerte der Wanst weinerlich.
Alexander von Werdenberg blieb abrupt stehen und schüttelte den Kopf. Er konnte seinen Ärger nicht mehr zurückhalten. »Wie stellen Sie sich das denn vor? Mein Gott – unsere Eltern wurden von den Nazis umgebracht. Meinen Sie etwa, man hätte in den Konzentrationslagern feinsäuberlich Totenscheine ausgefüllt?«
Der Notar lächelte scheinheilig und legte theatralisch seine Handgelenke übereinander. »Mir sind leider die Hände gebunden. Der Bankdirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft war diesbezüglich unmissverständlich. Ich begreife ihn. Da könnte ja jeder kommen und …«
Er war nicht in der Lage, den Satz zu Ende bringen. Der jüngere der von Werdenbergs hatte den selbstherrlichen Gauner am Kragen gepackt und schrie ihn an. »Du verdammter Kriegsgewinnler! Wir sind nicht irgendwelche Dummköpfe, die sich von dir noch länger an der Nase rumführen lassen. Du hast lange genug auf unsere Kosten gefressen und rumgehurt! Dir werde ich es zeigen …«
Der Notar war tot, bevor er unten an der Treppe ankam. Wahrscheinlich hatte er sich bereits beim ersten Aufprall das Genick gebrochen. Fett schützt nun einmal weniger gut als eine robuste Muskulatur. Das rechte Bein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Die Brille lag zerschlagen ein Stück weiter Richtung Tür, und um den leblosen Körper bildete sich rasch eine Pfütze mit gelber Flüssigkeit.
Nicht jedem ist ein so schneller und schmerzloser Tod vergönnt.
Die beiden Windhunde des soeben verstorbenen Notars trotteten aus dem Salon, schnupperten an dem leblosen Bündel und schlichen mit eingezogenem Schwanz zu ihren Wolldecken neben der Eingangstür. Dort legten sie sich ruhig und elegant hin, als wären sie Komparsen eines Filmsets, die auf ihren Einsatz warteten.
»Na, bravo, kleiner Bruder! Gut gemacht. Glaubst du, wir kommen jetzt schneller an unser Geld?« Alexander von Werdenberg schaute seinen Bruder tadelnd an.
Dieser zuckte nur mit den Schultern. »Dir wird schon etwas einfallen. Lass uns schnell verschwinden, bevor die Haushälterin auftaucht. Ich würde die nette Dame nur ungern ins Jenseits befördern.«
Sie traten hinaus, schlugen den Mantelkragen hoch und verschwanden im heftigen Schneesturm.
Stöck, Stich, Wyss
Kilchberg, 3. Oktober
»Vierblatt«, sagte Martin laut und deutlich. Es war kurz vor Mitternacht und es ging nun um alles oder nichts. »Alles« war in diesem Fall die Ehre, »nichts« der Abwasch. Er warf die Karte mit einer schwungvollen Handbewegung auf den grünen Spielteppich.
Philipp atmete laut aus. »Nein, das darf doch nicht wahr sein. Jetzt schnappen die uns den Sieg vor der Nase weg.« Resigniert spielte er seine Karte.
Vincent, Martins Spielpartner, ballte seine freie Hand euphorisch zu einer Becker-Faust. »Endlich! Ich habe schon geglaubt, nur die anderen beiden schnorren ihre Punkte heute Abend … Aber Qualität setzt sich eben langfristig immer durch. Auch beim Jassen!«
Er knallte seine Karte genussvoll auf den Tisch, und Armand, der Vierte im Bunde, folgte ihm, wenngleich weniger theatralisch.
»So, das sollte reichen«, griente Vincent zufrieden. Er zählte sorgfältig die Punkte auf der schwarzen Schiefertafel zusammen und blickte triumphierend in die Runde. »Geschafft! Meine Herren, viel Spaß beim Abwaschen!«, sagte er schadenfreudig.
»Stopp, stopp, stopp. Nicht so eilig«, intervenierte Armand mit ruhiger Stimme, fast schon staatsmännisch. »Ich will ja nicht den Spielverderber geben, aber hier und heute gilt doch die Regel: ›Stöck, Stich, Wyss‹ – oder habe ich mich da vor fünf Stunden verhört?«
Er versuchte, seine Euphorie zu unterdrücken, was ihm misslang. Er strahlte über das ganze Gesicht. Der Staatsmann war dem Kinde im Mann gewichen. Vincent sah ihn ungläubig an und rechnete nach. Seine Mundwinkel zeigten gegen Süden. Sein Körper verlor an Spannung und sank leicht nach vorne, als wollte er Abbitte leisten. Die Euphorie war so rasch verschwunden, wie sie gekommen war.
»Das darf nicht wahr sein. Sag mir, dass das nicht wahr ist. Bitte!«, flehte Vincent seinen Freund an.
Doch alles Bitten half nichts. Armand hielt den Trumpfkönig und den passenden Ober in die Luft, was zum Sieg reichte. Er bedankte sich nun seinerseits, was beim Jassen so viel bedeutet wie: »Wir haben gewonnen!«
Philipp und Armand sprangen auf und klatschten sich ab. Nur wer mit dem traditionellen Schweizer Kartenspiel vertraut ist, kann diese spontane Emotion nachvollziehen. Am ehesten ist sie vergleichbar mit dem Siegestor in letzter Sekunde bei der Fußballweltmeisterschaft. Obwohl das Glück einen maßgeblichen Einfluss auf das Spiel hat, ähnlich wie beim Fußball, wo oft lediglich Zentimeter über Glück oder Unglück, Sieg oder Niederlage, ewigen Ruhm oder Depression und dies notabene einer ganzen Nation entscheiden – also trotz oder vielleicht gerade wegen all dieser Zufälligkeiten, die man sicherlich mit Können und geschickten strategischen Winkelzügen beeinflussen kann –, ist für einen eingefleischten Kartenspieler an einem kompetitiven Abend nichts so wichtig wie der Sieg. Ein Sieg, der zu genau diesem Zeitpunkt alles andere in den Schatten stellt – Karriere, Familie, Stress, Probleme jeglicher Art – und der sich in ebendieser kurzen Euphorie entlädt, die von der Dauer her in etwa mit einem Feuerwerksvulkan mittlerer Größe (Modell Everest) vergleichbar ist.
Nachdem diese Zeit verstrichen war, zeigten sich Vincent und Martin – beides enge Freunde Philipps aus der gemeinsamen Studienzeit – als gute Verlierer und machten sich zügig an den Abwasch, wobei die größte Arbeit die Spülmaschine übernahm, die nichtsdestotrotz sorgfältig gefüllt werden musste.
Währenddessen schenkte Philipp sich und Armand den letzten Schluck Guado al Tasso ein. Die drei leeren Flaschen zeugten von einem gemütlichen Abend im Freundeskreis und hatten das Rinderfilet mit Risotto perfekt begleitet. Der Kartenabend fand heute turnusgemäß bei Philipp zu Hause statt. Da er der beste Koch der Männerrunde war und sich bei der Weinauswahl nie lumpen ließ, war dieser Anlass für sie ein Jahreshighlight. Sophie und die Kinder hatten den Abend in den anderen Räumen des großzügigen Hauses verbracht.
Armand hielt seinem Freund eine Zigarette hin, und die beiden gingen in den Garten hinaus, um im Schutz der Lounge zu rauchen. Armand trat kurz ans Küchenfenster, klopfte und hob jubelnd die Arme in die Höhe. Vincent quittierte, über die Spülmaschine gebückt, mit dem Wetzen von zwei Fleischmessern.
»Lass es gut sein, Armand, sonst macht unser Vinc heute Abend kein Auge zu.«
Philipp öffnete nochmals die Verandatür, um den Beagle rauszulassen, der an der Scheibe gekratzt hatte. Philipp erinnerte sich gerne daran, wie er die kleine Bella vor einigen Jahren im Appenzellerland zum ersten Mal gesehen hatte. Diese Rasse sei, so die Leiterin des Tierheims, ausgesprochen familienfreundlich, intelligent und treu. Bella im Speziellen sei immer fröhlich, spielbereit und pflege einen äußerst harmonischen Umgang mit ihrem Herrchen. Sogar von einer unglaublichen Problemlösungskompetenz war die Rede. Alle Attribute stellten sich als wahr heraus, einmal abgesehen von der Problemlösungskompetenz. Bella war jedenfalls zu einem festen Bestandteil der Familie geworden. Das nasskalte Wetter behagte der alten Hundedame wenig, sodass sie nach einem kurzen Abstecher ins Gras sogleich wieder in die warme Stube verschwand.
»Schwupp und weg. Schläft neuerdings bei unserem Jungen im Bett. Dort hören sie zum Einschlafen zusammen die Geschichten der Drei ???. Wir haben den Widerstand aufgegeben. Chancenlos.«
»In meinem nächsten Leben wäre ich auch gerne ein Hund. Aber nur bei euch. Fressen, saufen, schlafen, ein bisschen die Beine vertreten und rund um die Uhr verwöhnt werden. Und zum Einschlafen dann sogar noch Justus, Peter und Bob! Was will man mehr …«
Philipp lachte laut auf. Er hielt die Zigarette in der hohlen Hand, um sie vor dem Wind zu schützen, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in den trüben Nachthimmel.
»Gehe ich recht in der Annahme, dass du und Verena nach wie vor Stress habt? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum du sonst aus einem Napf unter meinem Tisch fressen willst.«
Ein trauriges Lächeln huschte über Armands Gesicht. Er blickte gedankenverloren auf die andere Seeseite. Nur wenige Lichter brannten um diese Zeit, sodass sich dunkle Löcher in die exklusiven Hügel der Goldküste fraßen.
»Gut geraten, Sherlock. Ich glaube, Verena wird mich verlassen. Vielleicht hat sie das schon getan und ich habe es einfach nicht gemerkt. Wer kann es ihr verdenken? Sie hat sich in einen Priester verknallt und einen Bullen bekommen. Früher habe ich den armen Teufeln die Beichte abgenommen, heute jage ich sie.«
Philipp suchte nach tröstenden Worten für seinen Freund. Den Gemeinplatz, dass jede zweite Ehe geschieden werde und die Trennungsquote von unverheirateten Paaren wie bei ihnen noch wesentlich höher liege, nahm Armand schweigend zur Kenntnis. Auch die Vorschläge, es mit einer längeren gemeinsamen Reise zu versuchen, hellten seine Stimmung nicht auf. Trübsinnig fuhr er fort.
»Als wir uns in meiner Priesterzeit kennenlernten, hat Verena etwas in mir gesehen, etwas in mich hineininterpretiert, was ich nun mal nicht bin. Vielleicht hat auch das Verbotene damals einen gewissen Reiz ausgeübt. Gereist sind wir übrigens zur Genüge: Argentinien, Kanada, Japan, Paris, Rom, London, Lissabon … Du hast mich ja finanziell gut unterstützt.«
Philipp wiegelte ab. Die Sache mit der Tasche hatte ihr erstes gemeinsames Abenteuer beendet. Philipp hatte sich damals bei Armand großzügig für dessen Hilfe bedankt. Mit einer Sporttasche – gefüllt mit Tausendernoten. Die beiden Freunde sprachen selten darüber. Eine informelle Abmachung.
»Versteh mich richtig, Philipp, Verena und ich werden hoffentlich Freunde bleiben. Aber unsere Beziehung hat keine Zukunft. Sie muss ihr Leben neu sortieren und ich meines.«
Sie standen eine Weile still unter dem Vordach und lauschten dem Geschirrgeklapper in der Küche.
»Genug Trübsal geblasen«, sagte Armand und drückte seine Zigarette im Gras aus. »Wie geht es der Familie? Die haben sich ja gut versteckt heute.«
Philipp nickte schmunzelnd. »Gut erzogen halt.« Dann drückte er seine fast runtergerauchte Zigarette ebenfalls aus, hielt Armand die offene Hand hin und entledigte sich beider Kippen in einem leeren Blumentopf. »Die Kleine ist Zucker. Mit zwölf zwar kurz vor der Pubertät, aber da mache ich mir keine Sorgen. Michelle ist gut im Gymnasium, weiß, was sie will, und kommt ganz nach ihrer Mutter. Die zwei sind ein Herz und eine Seele. Ich könnte sie tagelang nur ansehen und es würde mir keine Sekunde langweilig werden. Und Sophie als Rechtsprofessorin hat zu Hause natürlich immer Recht. Na ja, das kennst du ja.«
»Und der kleine Wildfang?«
Philipp atmete laut aus und schnorrte vor der Antwort eine weitere Zigarette von Armand. Ratlos zog er die Schultern und Augenbrauen hoch. »David kommt definitiv nach mir! Mit neun ist er natürlich noch voll in der Persönlichkeitsentwicklung. Er steht sich manchmal selbst im Weg und ist unkontrollierbar wie eine V2-Rakete. Er hat zwei Gesichter. Einmal farbig, dann wieder schwarz-weiß, wie die Seiten bei den alten Micky-Maus-Taschenbüchern. Neulich hat er den Sohn des Dorfmetzgers verdroschen, der notabene einen Kopf größer ist als er selbst. Anscheinend hat der Junge unsere Michelle auf dem Schulhof gehänselt, und das kann David nicht leiden. Weckt seinen Beschützerinstinkt.«




