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„Hier schauen Sie mal, das dort ist der Palazzo Vernier del Leoni, der 1749 gebaut wurde, aber nicht fertiggestellt werden konnte, aber ich weiß nicht aus welchen Gründen“, sagte er jetzt ganz aufgeregt, obwohl es dafür keinen Anlass gab, denn unser Vaporetto ging ja nicht unter.
„Die Gründe sind eigentlich immer die gleichen, das Geld fehlte mein Lieber, heute wie damals, dann muss der Bau einfach ruhen, c’est la vie, aber Peggy Guggenheim brachte trotzdem ihre Sammlung ‚modern art’ in diesem nicht fertiggestellten Palazzo unter, ihr gefiel eben dieser Palast, egal ob da ein paar Steine fehlten oder nicht, das ist eben wahre Leidenschaft für die Kunst“, sagte ich überzeugend, um auch mein Rest-Wissen an den Mann zu bringen.
„Ja, ja, der Meinung bin ich auch, erstaunlich diese Frau“, murmelte er so vor sich hin.
Interessant zu bemerken wäre noch, dass neben dem aufregenden Guggenheim-Museum ein Palast zu sehen ist, den die Venezianer sicherlich nicht ohne Grund den Unglückspalast nennen, fetzig sah er schon aus mit stahlverstärktem Selbstbewusstsein schob er sich aus dem Wasser, aber wenn es in dem Palast spukt oder er den Menschen Pech gebracht hat, dann wird ihn sicherlich auch kein reicher Amerikaner kaufen wollen, weil die wollen doch immer alles kaufen und Business machen, ja, ja die Ergebnisse hat man ja letztes Jahr erfahren, Immobilien-Pleite schlechthin, alles Geld einfach verbrannt, aber bei spukenden Palästen muss ich immer an den Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ denken, ein wunderbares Film-Kunst-Werk mit Donald Sutherland und Julie Christi in den Hauptrollen.
„Kennen Sie eigentlich den Kastraten Farinelli?“, wollte ich jetzt von ihm wissen.
„Ja, selbstverständlich, er war doch der berühmteste Kastrat und hat hier große Opern-Triumphe gefeiert, er war auch der Schwarm vieler Frauen.“
„Na, Sie haben ja wirklich Ahnung“, konnte ich nur noch kurz erwidern.
„Na ja, Ahnung von einer Sache haben, ist auch noch etwas anderes, aber ich habe mal Kunstgeschichte studiert, und da sind eben einige Zusammenhänge hängen geblieben“, sagte er locker leicht, um mir zu imponieren, und dabei schipperten wir weiter auf dem Canal Grande stromaufwärts und passierten die Accademia-Brücke. Der Anblick dieser modernistischen Brücke bot sich uns jetzt mit voller Wucht, ich staunte irgendwie, denn ich hatte sie mir eigentlich noch hässlicher vorgestellt, denn sie passte auch irgendwie nicht zu dieser glamourösen Palast-Architektur hier direkt am Canal Grande.
„Diese Brücke wurde 1932 als Provisorium anstelle einer Einsenbahnbrücke aus dem 19. Jahrhundert gebaut. Aber auf allgemeinen Wunsch der Venezianer blieb sie dann einfach stehen, und Holz ist ja mittlerweile ein alternativer Baustoff geworden“, sagte er ernsthaft.
„Ja, das haben Sie gut erkannt, man muss doch heute umweltbewusst bauen, vor allem hier in Venedig“, erwiderte ich sofort, um auch mein Wissen zu Protokoll zu geben.
Nach diesem nicht ganz zu Venedig passenden Bauwerk fuhren wir munter weiter auf unserem Vaporetto und sahen plötzlich wie ein Fels in der Brandung, den Palazzo Francetti Cavalli.
„Dieser fetzige Palast gehörte einstmals dem berühmten Erzherzog Friedrich, der hier 1836 starb“, sagte er jetzt fast ein bisschen traurig, als ob er ihn persönlich kannte, aber ob es hier aufregende Partys gab, wagte ich zu bezweifeln?
„Ja, ich möchte eben auch in Venedig sterben, in dieser morbiden Atmosphäre fallen Krankheit und Tod nicht auf, es gehört zu dieser Stadt wie zu keiner anderen, hier haben Krankheit und Sterben etwas Menschliches, sie finden ein Plädoyer, und hier wird eben auch das Beste in uns mobilisiert, Optimismus, Lebenslust und Kühnheit“, sagte ich jetzt selbstbewusst, damit er merkte, dass ich mich auch geistig mit dieser Stadt beschäftigt hatte, denn ich wollte ja auch unsere Konversation am Laufen halten, seine Worte sollten später auf mich regnen, er sollte sensibler für die künstlerischen Produkte und Kreationen gemacht werden, dieser kleine junge Mann inspirierte mich einfach. Warum? Ich kann es nicht konkret sagen. Vielleicht weil er ein verzerrtes oder einseitiges Frauenbild hat, was ich geraderücken wollte, will. Oder vielleicht war es die Mutterrolle. Keine Ahnung.
Außerdem fuhr unser Vaporetto auch weiter, herrlich und bizarr war das alles, ich starrte auf den Star, auf die Stadt Venedig selbst, die immer wieder schrille Ideen ins Leben übersetzt, warmherzig und vertraut ist sie natürlich auch im Umgang mit Kameras und Schauspielern, sie haucht selbstbewusst ihre leisen und lauten Töne in die Kamera, es ist Venedig selbst, das uns verrückt macht, plötzlich merkte ich wie das Fieber in mir stieg, wie der Puls raste, dennoch musste ich schmunzeln, ein zärtlicher Traum oder Alptraum durchzuckt mein Gehirn, keiner kann es genau sagen, nur ahnen, aber mit freiem Auge sah ich jetzt Santa Maria della Salute, diese hinreißende Barock-Kirche hat ja wirklich monumentale Ausmaße, sie soll auf einem Fundament von 100.000 Holzpfählen entstanden sein.
Sie wurde zum Dank für das Ende der Pest Epidemie von 1630 erbaut und ist das Werk des Meisters Baldessare Longbena, ein Gipfeltreffen der Barock-Architektur findet in Venedig statt, heute wie damals. Vertraut wie alte Freunde fallen sich die einzelnen Werke in die Arme und sind für jedes Fotoshooting bereit, aber nicht nur das, Venedig ist eine Liebe fürs Leben …
Doch plötzlich sprach mich der junge Mann wieder an und sagte salbungsvoll: „Würden Sie mir die Freude machen und nach unserer Vaporetto-Fahrt einen Kaffee mit mir auf dem Markusplatz trinken, ich lade Sie natürlich ein.“
In dem Moment, als er das zu mir gesagt hatte, blitzten seine Augen auf, so dass ich spürte, dass er mich doch irgendwie interessant fand.
„Ja, natürlich, das können wir gern machen“, antwortete ich lachend, weil ich mich über seine Einladung freute, so konnte man ja auch noch mehr ins Gespräch kommen, nicht um Rezepte auszutauschen, sondern um sich vielleicht ineinander zu verlieben, um später verführerisch zu kochen oder um einfach nur Erfahrungen auszutauschen, das kann bei älteren Frauen therapeutische Wirkung haben, aber vielleicht war seine Freundlichkeit nur getarnte Überheblichkeit? Vielleicht ist er Banker und hatte gerade eine Gier-Krise oder Schockpause nötig, möglich wäre es ja, diese Herren treten doch immer so aalglatt auf, und unter dem Deckmäntelchen der Freundlichkeit saugen sie dich, in dem Fall mich, aus, um ihr Selbstwertgefühl wieder nach oben zu bringen, das gibt ihnen dann den ultimativen Kick, aber nicht mit mir, mein Lieber, das hatte ich mir jetzt felsenfest vorgenommen, eigentlich hätte ich ihm programmatisch zurufen müssen: „Kürzertreten, mein Lieber, Anspruchsdenken abgewöhnen und endlich mal soziale Kompetenz, neue Bescheidenheit, keine aggressiven Profit-Instinkte mehr hochkochen.“
Vielleicht war er aber auch ganz anders? Ja, nein, ich wusste es einfach nicht, vielleicht hatte er auch nur eine klassische Borderline-Störung und wollte sich in Venedig entspannen, therapieren, ich werde es ja erleben. Ich durfte aber jetzt die Palastsuche nicht vernachlässigen.
Nun war ich doch mächtig gespannt auf unsere gemeinsame Kaffeepause. Vielleicht hatte er interessante Ansichten, mit einer Spur Wildheit und innerer Zerrissenheit wie ich es bei Männern liebe, wenn sie hektisch gestikulieren, um ihre Meinung zu unterstreichen, vielleicht begegnet er bürgerlichen Themen respektlos und nicht so devot, wie ich es oft erlebe, aber hoffentlich hat er keine Profilneurosen oder Versagensängste, die sollen ja zu sexuellen Blockaden führen. Ununterbrochen würde ich ihn beobachten, währenddessen ich genüsslich Kaffee trinke und seiner etwas verklemmten Konversation folgte, na, hoffentlich ist er großzügig, gentlemanlike eben, und ich muss nicht zum Schluss als emanzipierte Frau die Rechnung zahlen, weil ihm schlecht geworden ist und er blitzartig das Etablissement verlassen muss, na ja, wir wollen nicht orakeln. Eigentlich wollte ich ihm ja gefallen wie alle Frauen, will man Männern imponieren, dass ist nicht nur modern, sondern vor allem normal auch im Zeitalter der Emanzipation, wir wollen einfach ein bisschen Versteckspielen, aber natürlich als eine Art Basismotivation, und das mobilisiert das Beste in uns, und darüber kann man dann auch Bücher schreiben oder Filme drehen oder beides, als Gegengift zu den langweiligen Krimis, schade, dass Gitta nicht dabei sein kann, sie hätte ihm schwer auf den Zahn gefühlt, das konnte sie meisterhaft, sie hätte sofort sein Anspruchsdenken entlarvt, und wir hätten nach den Sternen greifen können, na ja, mal sehen wie sich das alles so entwickelt. Im Moment schipperten wir ja noch über den Canal Grande, aber gleich war unsere wunderbare Rundfahrt vorbei, am liebsten wäre ich gleich wieder losgedüst, jetzt aber war Ende mit der mediterranen Lässigkeit, leider …
Der schöne fremde Mann, den Conny Francis seinerzeit so erfolgreich besungen hat, sagte selbstbewusst mit einem Quantum an Stolz: „Wollen wir Kaffee trinken oder Essen gehen, wenn wir wieder an Land sind?“
„Natürlich gehen wir ins berühmte ‚Caffe Florian’ und trinken stilvoll Kaffee, das hat Kult-Charakter, ist Magie, das Sonnenlicht fällt unter den Arkaden nicht direkt ins Gesicht, und innen sind Lüster und Büsten, da müssen wir hin“, erwiderte ich laut und glücklich, weil dieses Café für mich einfach „Endstation Sehnsucht“ ist, egal wann und mit wem, es ist das klügste und schönste Ziel, das man in Venedig haben kann, denn wer auf dem Markusplatz sitzt, ist auch in der Lage den Mount Everest zu bezwingen, zumindest anpeilen.
Ja der Markusplatz, das Vorzeigestück ist ein einzigartiges Treibhaus der Kreativität, dieser sensationelle Platz mit der Basilika San Marco, den Campanile und der Redutenarchitektur ist für mich die renommierteste Inspirationsquelle, sowie für alle fantasiebegabten Menschen und die sich dafür halten, einfach für alle, Ode an die Freude und Schönheit. Hier füllen sich künstlerische Szenen mit dem Leben.
„Oder wollen wir nicht doch erst lieber noch eine Gondelfahrt machen und später Kaffee trinken gehen, bitte machen Sie mir doch die Freude, Gondelfahren durch die Gassen von Venedig ist mein Traum, ich möchte jetzt unbedingt gondeln“, sagte er fast bittend und mit zärtlicher Stimme, diese Art Sensibilität hätte ich ihm eigentlich gar nicht zugetraut. Nein, es liegt an Venedig, hier verändern sich Männer, sie werden sensibler, davon war jetzt überzeugt, deshalb fahren die verheirateten Paar auf Hochzeitsreise in die Lagunenstadt, das ist das Geheimnis, jetzt hatte auch ich es kapiert.
Ja, was sollte ich jetzt gegen diese fast Liebeserklärung sagen, ich musste ja einwilligen, es war ja schon fast emotionale Erpressung, aber alleine wollte ich nicht Kaffee trinken gehen, wenn ich schon so ein äußerst moralisches Angebot hatte, hier am Kap des Glücks.
„Ja, okay, wenn Sie erst noch eine Gondelfahrt machen wollen, werde ich mich nicht dagegenstellen, ist ja egal, ob wir Kaffee trinken gehen oder vorher noch mit der Gondel fahren, ihr Wunsch ist mir Befehl“, erwiderte ich freundlich, obwohl ich etwas enttäuscht war, weil ich wollte mich jetzt eigentlich kulinarisch stärken, aber Frauen geben eben immer nach, dabei war es kein verführerisches Lippenbekenntnis, sondern einfach nur eine Bitte, aber es lag ein gewisser Zwang in der Luft, aber egal, jetzt hatte ich ja gesagt, da konnte ich nicht wieder nein sagen, sonst macht man sich lächerlich oder wird als Zicke abgetan, aber darauf war ich auch nicht scharf. Oh Gott, die Palastrecherche hatte ich auch völlig vergessen, ich war seinem Charme erlegen, aber Bärbel und Gitta hätten das verstanden, sie hatten ja auch ein Faible für jünge Männer.
Also Schiff oder Gondel ahoi. …
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