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»Noch«, meinte Joseph zuversichtlich, »noch! Es ist ja auch eine Versuchsanlage. Wir werden mit ihr viel lernen und es später besser machen.«
»Glauben Sie, dass diese Technologie eine Zukunft hat?«
»Ja, davon bin ich fest überzeugt, denn wir brauchen Alternativen zu den herkömmlichen Kraftwerken. Dass wir gegen die Atomkraftwerke sind, brauche ich Ihnen ja nicht zu erklären. Aber auch die Verbrennung fossiler Energieträger können wir uns nicht ewig leisten. Der Anstieg des Kohlendioxidgehaltes in der Atmosphäre wird bedrohlich.«
Diesen Satz hätte Joseph selbst vor wenigen Monaten noch nicht ausgesprochen, aber eine kleine Zeitungsnotiz hatte seine Meinung verändert.
Magda hielt ihm die Zeitung hin und fragte: »Hast du das gelesen?«
»Was?«
»Das von den Außerirdischen.«
»Nein.«
»Hier steht«, sie lachte unsicher, »in Mexiko hätten Außerirdische einen Wissenschaftler entführt und ihn vor einem dramatischen Klimawandel gewarnt. Die Menschheit würde mit den Emissionen ihren eigenen Untergang herbeiführen.«
»Aha.«
Sie blickte auf: »Das interessiert dich wohl nicht besonders?«
»Nein, viele Reporter schreiben viel, wenn der Tag lang ist. Und jeder Tag hat 24 Stunden.«
»Sollte dich aber interessieren. Hier wird auf diverse Literaturstellen verwiesen. Lies die doch mal, für deine Partei könnte das ein wichtiges Thema werden.«
»Mache ich.«
Auch der Reporter hatte davon noch nichts gehört.
»Bedrohlich?«, fragte er verwundert, »aber Herr Adam, darüber könnten doch nur Spinner reden.«
»Spinner? Nein, ich denke, dass das Vordenker sind.«
Im Festzelt für Prominente saßen Joseph und Magda noch nicht am Tisch des Ministerpräsidenten, aber unmittelbar daneben mit Ehrengästen aus der Wirtschaft. Viele zeigten sich erfreut, den aufstrebenden Politiker und seine reizende Gattin persönlich kennenzulernen.
»Gestatten Sie, mein Name ist Neumann. Ich vertrete hier den Arbeitgeberverbund«, sagte sein Nachbar zur Linken und reichte ihm die Hand, »angenehm.«
»Ganz meinerseits.«
»Wenn ich, ohne mit der Tür ins Haus fallen zu wollen, meine Erwartungen direkt äußern darf, ich sehe Sie bereits im nächsten Bundestag sitzen.«
»Vermuten Sie das, weil ich meinen Wohnsitz von Westberlin nach Frankfurt verlegt habe?«
»Auch deshalb. Dieses Signal hat jeder Insider verstanden. Zumindest alle, die wissen, dass Westberliner nicht in den Bundestag gewählt werden können.«
»Genau aus diesem Grund bin ich umgezogen.«
»Sie werden aber für die Landesgruppe Niedersachsen kandidieren?«
»Nein, für Hessen.«
»Auf Platz 1?«
»Ja.«
»Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Nach der Wahl werden wir uns ja in Bonn gelegentlich begegnen.«
»Gehören Sie zu den Lobbyisten?«
»Ehrlich gesagt, ich mag dieses Wort nicht. Es hat so einen negativen Touch bekommen. Wir sehen uns eher als Berater. Beratung schadet niemandem, auch keinem Politiker.«
»Auch uns nicht, meinen Sie? Aber können Sie darauf hoffen? In den Medien werden wir doch als beratungsresistente, bornierte Ideologen bezeichnet.«
»In denen vielleicht, aber wir bemühen uns um ein detaillierteres Bild. Und wir wissen, dass auch in Ihrer Partei die Einen so und die anderen so sind.«
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, denn die Kellner servierten den ersten Gang des leckeren Menüs mit ausgewählten Weinen. Magda hielt sich lieber an den köstlichen, prickelnden Champagner. Ein junger Kellner, der sie ungeniert anhimmelte, schenkte ihr immer wieder nach.
»Ein schöner Tag«, sagte sie beschwipst so laut, dass es Neuman hörte.
»Ein interessanter«, meinte Joseph.
»Wirst du solche Einladungen jetzt öfter annehmen?«
»Wenn du willst, warum nicht?«
»Ich will.«
Neumann berichtete seinem Verbandschef brühwarm jedes Detail dieses Zusammentreffens.
»Dann könnten wir also auch bei seiner Frau ansetzen«, antwortete der.
»Mein Respekt, wie immer haben Sie sofort des Pudels Kern erfasst.«
Neumann überreichte einen Kurzbericht. »Das ist ihre Vita.«
»Na, lassen Sie mal sehen. Sie ist also mit ihrem Studium fertig und sucht in Frankfurt noch eine Arbeit. Sie will nicht nur die Politikergattin spielen. Sehr löblich. Und sie vermisst dort schon ihren Berliner Freundinnenkreis, muss sich in Frankfurt erst einen aufbauen. Okay. Und Sie meinten, dass ihr die erste Feier in der VIP-Lounge gefallen hätte?«
»Offensichtlich sehr.«
»Okay, dann haben wir ja einige Ansatzpunkte. Fangen wir bei ihrem Arbeitsplatz an, natürlich mit der gebotenen Vorsicht. Keiner aus Adams Partei darf erkennen, dass wir an den Stellschrauben drehen. Sie schreiben hier, dass sie BWL studiert hätte, aber auch künstlerisch interessiert wäre. Vielleicht könnten wir sie als Kulturfunktionärin etablieren und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Aus den vielen Unternehmergattinnen, die in Kunst und Kultur machen, ergäbe sich dann gleich ihr neuer Freundinnenkreis. Prüfen Sie mal, ob sich da etwas anbietet.«
»Habe ich schon. Zum Beispiel sucht der Dezernent für Kultur und Wissenschaften eine Referentin. Aber ich befürchte, dass der keine Seiteneinsteigerin nehmen würde.«
»Kein Problem. Das regele ich mit dem Bürgermeister.«
Frankfurter Arbeitgeber trafen sich mit den Bundestagsabgeordneten des Landes und folgten der Anregung der neuen Kulturreferentin, Magda Adam, gemeinsam das Kunstmuseum zu besuchen. Im Foyer, in dem vor der offiziellen Begrüßung Fingerfood zu Sekt oder Orangensaft gereicht wurde, bildeten sich Gesprächsgruppen.
Magda ging von einer zur anderen und kurz auch zu Joseph, der hier noch niemanden kannte und einsam und verlassen in einer Ecke stand, und fragte ihn: »Was siehst du?«
»Was soll ich sehen?« Er überblickte das Foyer. »Verschiedene Gruppen von Wirtschaftsbossen und Politikern.«
»Genauer.«
Er zuckte mit den Achseln: »Ich weiß nicht, was du meinst.«
»Sieh dort.« Sie deutete auf 5 miteinander diskutierende Gäste. »Dort reden mehrere Arbeitgeber mit einem Politiker. Dort ist es genauso. Aber dort …«, sie blickte Joseph prüfend an, »fällt jetzt der Groschen?«
»Ach so«, er lachte auf, »dort steht der berühmte Superbanker Müller im Mittelpunkt, und mehrere Politiker scharen sich um ihn.«
»Genau! Du weißt, was das bedeutet?«
»Klar. Habe ich ja schon vorher gewusst.«
»Na gut, dann komm, ich stell dich dem Banker vor.«
Nach der Begrüßung führte der Museumschef seine Gäste sofort zu Andy Warhols Werken. Banker Müller trat nahe an das Bild »Green Disaster ten times« heran, also folgten ihm alle.
»Aus der Nähe kann man ein einziges Bild detailliert studieren«, erläuterte der Direktor, »Sie erkennen das schwer beschädigte Autowrack, den darin eingeklemmten Körper, dessen linker Arm das Gesicht verdeckt, das Opfer also anonymisiert. Aber lassen Sie uns wenige Schritte zurücktreten. Jetzt können Sie sich nur noch mit bewusster Anstrengung auf ein einziges Bild konzentrieren. Der Gesamtaufbau, je 5 Bilder in 2 Reihen, erinnert uns an einen Filmstreifen. Wir assoziieren deshalb automatisch auf minimale Veränderungen von Bild zu Bild. Aber die gibt es nur im Kontrast, es ist immer das gleiche Bild. Die brutale Situation wirkt aussichtslos für das Opfer.«
»Wollte Warhol damit die Lust am Grauen befriedigen?«, fragte Joseph Adam.
»Er hatte plötzlich erkannt, dass grausame Bilder für uns alltäglich geworden sind und deshalb im Grunde keine Wirkung mehr erzielen. Deshalb begann er seine Serie zu Katastrophen, zu der dieses Bild gehört.«
»Ein weites Feld«, meinte der Banker.
»Sie sagen es. Aber ich denke …«
Während der Direktor weiter über die Gründe dieser Schaffensperiode mutmaßte, zerfiel der zuvor geschlossene Zuhörerkreis wieder in Gruppen, und bei den nächsten Bildern gab er nur noch kurze Erläuterungen.
Auch Joseph fand jetzt einen Gesprächspartner. Neumann, der Verbandsreferent, dessen Erwartungen, dass Joseph Adam in den Bundestag einziehen würde, sich erfüllt hatten, war verspätet eingetroffen.
»So einsam?«, fragte er lächelnd und gab sich selbst die Antwort, »die hiesigen Topmanager wissen mit einem Bundestagsabgeordneten Ihrer Partei noch nichts anzufangen, obwohl Sie ja im Wirtschaftsausschuss tätig sind«
»Blieb mir nichts weiter übrig. Mein Kollege Haberecht drängte darauf, selbst in den Umweltausschuss zu gehen.«
»Ich weiß. Aber ich denke, dass Sie es besser getroffen haben als er. Der Kanzler wird Sie zu seiner Indienreise mitnehmen, bei der ihn wieder viele Topmanager begleiten werden.«
»Mich? Bisher hat er mich noch nicht eingeladen.«
Neumann lachte amüsiert: »Unter uns, im Vertrauen, aber Ihnen kann ich das ja sagen. Sie wissen, wie der Hase läuft. Das hat der auch erst jetzt erfahren.«
Joseph blickte einen Moment verblüfft, aber dann verzog er sein Gesicht.
Magda beobachtete ihn gerade und wirkte kurz irritiert.
»Worüber habt ihr gesprochen?«, fragte sie ihn später.
»Warum fragst du?«
»Du hast gegrinst, so, so, ich konnte es nicht richtig deuten, so triumphierend, ja, triumphierend! Ihr wirktet wie zwei Verschwörer.«
»Ach«, wehrte Joseph ab, »das war eher Unsicherheit.«
Und damit gab er sich selbst das Stichwort, um Magda abzulenken.
»Du weißt ja, wie unsicher ich in den ersten Monaten in Bonn war. Alle neuen Abgeordneten brauchen Zeit, um sich einzuleben. Und viele versinken dann schnell im Alltag. Diverse Sitzungen, nicht nur im Plenum, sondern auch mit Mitarbeitern, in der Fraktion, in der Landesgruppe oder in Arbeitsgruppen und Ausschüssen. Kontakt halten zu dem Wahlkreisbüro, noch abends diverse Treffen mit Gremien des Bundestages oder Wirtschaftsvertretern und mit vielen anderen.«
»Lobbyisten?«
»Auch mit denen, oft verbunden mit einem Essen. Nicht selten geht es bis weit nach Mitternacht. Manche stöhnen, dass ein 24-Stunden-Tag nicht reichen würde.«
»Und du bist ja auch noch Parteivorsitzender.«
»Eben!«
»Aber du hast kein leichenblasses, ständig übernächtigt wirkendes Gesicht wie zum Beispiel dein Kollege Haberecht. Was machst du anders als der?«
»Ich kann Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden. Ich muss nicht zu jedem Scheiß gehen. Und es macht mir nichts aus, wenn mir Wähler empörte Briefe schreiben, weil sie mich nicht im Plenum gesehen haben. Da habe ich anderes zu tun, als mir dort den Hintern breit zu sitzen.«
»Und was ist das?«
Joseph lächelte: »Du weißt doch, dass ich nicht ewig als Hinterbänkler gelten will.«
»Frau Adam, wenn ich bitten dürfte!«
Der Direktor ersparte Joseph eine bohrende Nachfrage.
Außerhalb der Sitzungsperioden war Joseph meist in seinem Wahlkreis, also auch bei Magda. Aber auch in Frankfurt hatten sie nur wenig Zeit füreinander, denn Magda war schnell zur rechten Hand des Kulturbürgermeisters geworden, der viele Abendtermine auf sie ablud. Dafür durfte sie sich ab und zu wenige Tage frei nehmen, um Joseph in Bonn zu besuchen. So oft es möglich war, begleitete sie ihn dort zu Abendveranstaltungen. Deren Anzahl stieg, seitdem Joseph den Kanzler zu Auslandsterminen begleitete, und deren Teilnehmerkreis veränderte sich stark. Nicht nur die Lobbyisten der Industrie hatten den vielversprechenden Abgeordneten Adam entdeckt, auch Vorstandsvorsitzende hielten es nicht mehr für vergeudete Zeit, mit ihm zu sprechen.
Seinem Kollegen Haberecht schien das in die Karten zu spielen. Der kultivierte schon äußerlich die Unterschiede zu Joseph Adam. Wenn der immer wohlfrisiert und gepflegt in seinen vornehmen Kombinationen auftrat, erschien Haberecht mit seinem Rauschebart und schulterlangen Haaren in Jeans und Pullover. Während Joseph es für zweckmäßig hielt, als Bundestagsabgeordneter Probleme mit der Energiewirtschaft zu diskutieren, fühlte sich Haberecht weiter als Angehöriger der außerparlamentarischen Opposition. Auf den Bildschirmen war er meist bei Blockaden vor Atomkraftwerken zu sehen. Wenn er auch bei der Parteigründung neben Joseph Adam wie ein grüner Junge gewirkt hatte, gelang es ihm nun doch, einige von dessen Anhängern auf seine Seite zu ziehen.
»Der schadet dir«, stellte Magda fest, »ewig kann das nicht so weitergehen.«
»Kommt Zeit, kommt Rat«, meinte Joseph gelassen, »so Gott will, wird sich entscheiden, wer die Partei besser führt.«
Bereits kurz vor dem 26. April hatte Joseph Magda eine Wanderung von Bonn zum Kloster Heiterbach vorgeschlagen.
»Etwa hin und zurück?«
»Warum nicht? Das Wetter soll ja schön werden.«
»Eine Strecke sind 13,9 Kilometer.«
»Notfalls können wir zurück ja ein Taxi nehmen.«
Das Wetter hielt, was die Meteorologen versprochen hatten, strahlender Sonnenschein, kaum eine Wolke am tiefblauen Himmel und eine gute Sicht, die einen Blick über den Rhein bis zum Ahrgebirge ermöglichte. Doch an diesem Tag hatten beide kein Auge dafür.
»Verdammt heiß für eine so lange Wanderung«, stöhnte Joseph schon vor Ramersdorf, »die ersten warmen Tage sind sowieso immer belastend.«
»Vielleicht kann uns das wenigstens ablenken.«
»Ablenken? Heute? Ich denke immerzu daran.«
»Hier ist nicht viel runtergekommen«, meinte Magda zuversichtlich, »die Bayern hat es viel schlimmer erwischt. Dort hatte es ja stark geregnet, also den Staub aus der Atmosphäre gewaschen.«
»Aber auch bei uns tickt der Geigerzähler. Würdest du etwa Salat von hier essen?«
»Nein, das nicht. Die neuen Grenzwerte für Gemüse, die sie heute herausgegeben haben, sind doch insbesondere aus ökonomischen Gründen festgelegt worden.«
»Du sagst es.«
Joseph holte einen Zettel aus seiner Jackentasche, auf dem die Empfehlungen der Behörden standen. »Milch und andere Lebensmittel bevorraten, Kinder nicht rauslassen, nach einem Regen gründlich duschen …«
»Es reicht«, unterbrach ihn Magda. Sie blickte sich suchend um. Der Rheinpark war auch an diesem Samstag gut besucht, aber hinter ihm lagerte kaum jemand in der Rheinaue. Sie deutete auf eine Baumgruppe: »Komm, wir suchen uns dort ein Plätzchen, scheiß auf die geplante Wanderung.«
Minutenlang lagen sie schweigend in der Sonne.
»Es tickt«, sagte Joseph plötzlich.
»Ein komisches Gefühl ist das«, bestätigte Magda, »man will die ersten warmen Tage genießen, denkt aber nur an Tschernobyl. Wer weiß, was wir gerade einatmen oder auf uns runterfällt.«
»Ich hatte die gleichen Gedanken. Vor drei Tagen hat dieser dümmliche Innenminister noch herausposaunt, dass für uns eine Gefährdung absolut auszuschließen wäre. Und genau an diesem Tag drehte sich der Wind und blies alles zu uns. Die Schweden hatten ja schon die Radioaktivität gemessen, als die Sowjets noch alles verheimlichten, auch die Evakuierung von Prypjat.«
Er holte einen anderen Zettel heraus und las Magda die wichtigsten Ereignisse nach dem Supergau vor.
»Wozu hast du den mit?«
»Um es zu verinnerlichen.«
»Wofür?«
»Für die Interviews und Diskussionen im Fernsehen, die es geben wird«, sagte er leichthin.
Aber Magda kannte ihn zu gut: »Worauf zielst du ab?«
»Auf nichts Besonderes. Es ist doch klar, dass jetzt auch unsere Meinung gefragt ist.«
»Ja, das ist klar, aber du denkst noch an etwas anderes bzw. an einen anderen.«
»So?«
»Ja. Und ich ahne schon an wen, an Haberecht.«
»Mag sein. Da spitzt sich einiges zu. Einmal muss ja eine Entscheidung fallen. Und ich glaube, dass Haberecht sie jetzt sucht. Eine bessere Chance kann er nicht bekommen.«
Sie wandte sich erregt ab: »Das kotzt mich an.«
»Was?«
»Der Supergau fordert jetzt schon viele Opfer. Künftig werden Zehntausende oder wer weiß wie viele deshalb vorzeitig sterben. Und Politiker wollen daraus Kapital schlagen.«
»Ich muss das nüchtern und sachlich sehen. Was immer ich mache, an den Tatsachen kann das überhaupt nichts ändern. Aber Haberecht und ich können nicht ewig als gleichberechtigte Parteivorsitzende zusammenarbeiten. Unsere Vorstellungen über die Entwicklung der Partei sind zu unterschiedlich. Einer muss sich durchsetzen. Ich werde erst einmal abwarten, was er jetzt macht. Im Moment triumphiert er und stolziert wie ein Gockel durch den Bundestag. Er und seine Gruppe hätten ja schon seit Jahren vor einer solchen Katastrophe gewarnt.«
»Die spielt ihm ja tatsächlich in seine Karten«, meinte Magda nach kurzem Schweigen, »wenn jetzt eine Entscheidung fallen würde, dann für ihn. Würdest du dich jetzt gegen ihn wenden, würde er dich unangespitzt in den Boden rammen.«
»So weit bin ich auch schon.«
»Aber?«
»Ich muss jetzt langfristig denken, sehr langfristig.«
»Was meinst du?«
»An die weitere Entwicklung. Gestern wurde gemeldet, dass in bestimmten Regionen die Feldfrüchte untergepflügt werden müssten. Nicht etwa nur in der Sowjetunion, nein, auch bei uns in Deutschland. Im Moment sind die Menschen in Schockstarre, aber das wird sie aufschrecken. Die Diskussionen darüber und über die Atomkraftwerke werden sich lange hinziehen. Aber«, er lächelte zuversichtlich, »aber nicht ewig andauern. Heute schwingt das Pendel zu Haberecht, aber eines Tages muss es seine Richtung ändern.«
»Und wieder zu dir schwingen?«
»Ich denke schon.« Josephs Stimme wirkte wieder zuversichtlich. »Eine Zeitlang muss ich aber kleine Brötchen backen. Doch die werde ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.«
So realistisch Joseph Adam die neue Situation bewertete, so falsch schätzte er deren Dauer ein. Was er eine Zeitlang genannt hatte, sollte Jahre erfordern. Erst ein neues, historisch zu nennendes Ereignis sollte sie wieder verändern.
Aber so weit war es jetzt noch nicht. »Die Anderen« bestätigten zwar ihre beiden Vorsitzenden, aber praktisch führte sie Haberecht alleine. Und er trieb die so genannten Altparteien vor sich her. Wenn deren Spitzenpolitiker nun auch über die Verringerung des Anteils an Atomstrom diskutierten oder sogar zögerlich das Wort Ausstieg in den Mund nahmen, wurde das als sein Erfolg gewertet.
Nach den nächsten Wahlen mussten für »Die Anderen« neue Bänke ins Plenum gestellt werden. Hinter den beiden Fraktionsvorsitzenden saß Joseph weiter neben Haberecht in der zweiten Reihe, aber sein Platz blieb oft leer. Manchmal sonderte er sich mit anderen Fraktionsmitgliedern in die hinteren Bänke ab, um irgendein Thema zu diskutieren, und dort redete er sogar mit Regierungsmitgliedern.
Erst als es keine Abkehr von den Atomkraftwerken gab und sogar Neubauten genehmigt wurden, wurde die Gruppe um Joseph wieder größer. Weil vorher der scheinbare Erfolg Haberecht zugeschrieben wurde, passierte das jetzt auch mit den Misserfolgen.
»Das Pendel ist umgekehrt«, sagte Joseph zu Magda.
»Dann bist du bald wieder obenauf.«
»Nein, nicht automatisch. Ich denke oft darüber nach, was ich machen muss, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Und ich glaube, dass ich dafür ein völlig neues Thema brauche. Ein Thema, das für unsere Partei noch überhaupt keine Rolle spielt, das ich als erster in unsere Agenda bringe, am besten gegen Haberechts erbitterten Widerstand.«
»Welches?«
»Ja, das ist eben die Frage.«
Auch mit Tante Sarah, die nach wie vor seine wichtigste Beraterin war, diskutierte er darüber. Sie fand die Antwort nicht sofort, lud ihn dann aber überraschend nach Westberlin ein.
»Komm am Wochenende zu mir. Welche Termine du auch hast, lass sie platzen.«
»Aber ich …«
»Kein Aber, komm her und frage am Telefon nicht warum. Nur so viel, wir werden noch einen anderen Gast haben, einen ganz besonderen.«
Bundestagsabgeordnete nutzten die Transitstrecke über die Autobahn eher nicht. Aber Joseph wollte sich darauf einlassen, um wenigstens seine Vormittagstermine nicht absagen zu müssen. Die lange Wartezeit und die gründliche Prüfung seiner Papiere und des Kofferraums am Grenzübergang hielt er für normal. Hinter Eisenach blickte er alle paar Sekunden auf den Tacho, um die erlaubte Geschwindigkeit von 100 oder 80 Sachen auf den Holperstrecken ja nicht zu überschreiten.
Nur von dem freien Blick auf den Inselsberg ließ er sich kurz ablenken. Ein ehemaliger DDR-Bürger hatte ihm erzählt, dass manche Rennsteigläufer diesen steilen Hang rückwärts runterliefen, weil ihre überlastete Beinmuskulatur unerträglich schmerzte.
Danach konzentrierte sich Joseph wieder auf den Tacho, und in der Baustelle am Hermsdorfer Kreuz wurde ihm das zum Verhängnis. Er verpasste die Abfahrt nach Westberlin. Das ging ihm wohl nicht alleine so, denn ein Mercedes mit Westberliner Kennzeichen folgte ihm. Und das war scheinbar kein Problem, denn die Abfahrt nach Rüdersdorf war auch als Wendestelle für Transitreisende nach Westberlin gekennzeichnet.
Der andere Fahrer folgte ihm weiter und hielt sich ebenfalls streng an die vorgeschriebene Geschwindigkeit. Erst einige Kilometer vor der Berliner Kontrollstelle überholte er ihn, und dort wurde Joseph sofort auf einen Sonderparkplatz geleitet. Ein Offizier nahm ihm seine Papiere ab und wies ihn an, im Auto sitzen zu bleiben. Als Wächter stellte er einen bewaffneten Soldaten daneben. Eine Zeitlang beobachtete Joseph interessiert die Grenzkontrolle, die völlig unterschiedlich gehandhabt wurde. Bei manchen Insassen wurden nur die Papiere kontrolliert, andere mussten aussteigen und den Kofferraum öffnen, Dritte wurden auch zu Sonderparkplätzen dirigiert.
»Das System ist die Systemlosigkeit«, hatte ihm der Rennsteigläufer erklärt, »keiner kann vorher abschätzen, was mit ihm passiert.«
Das einmal selbst zu beobachten, war spannend, ermüdete aber auch. Joseph stieg kurz entschlossen aus.
Der Soldat griff zu seiner Waffe. »Steigen Sie sofort wieder ein!«
»Entschuldigung, ich müsste mal dringend zur Toilette.«
»Steigen Sie sofort wieder ein!«
»Verstehen Sie mich nicht? Ich habe ein dringendes …«
»Maul halten!«, brüllte der Soldat, »Einsteigen!«
Erst als die mit Tante Sarah vereinbarte Zeit bereits verstrichen war, kam ein höherer Offizier zum Auto, der freundlich lächelte: »Tut mir leid, dass Sie Unannehmlichkeiten hatten, aber Sie wissen weshalb.«
»Ja, ich weiß. Leider habe ich in der Baustelle die Ausfahrt übersehen.«
»Hat sich bereits erledigt. Sie dürfen ausreisen.« Der Offizier zögerte kurz. »Ihre Partei bemüht sich um ein gutes Verhältnis zur DDR. Das erkennen wir an.« Er ging persönlich vor Josephs Auto und entfernte das Hüttchen. »Gute Weiterreise.«
Joseph hob grüßend eine Hand.
Er kam erst bei seiner Tante an, als sie mit ihrem Gast nach dem Abendbrot bereits beim Kaffee und Kognak saß. Joseph hatte längst gelernt, vor Fremden keine Gefühle zu zeigen, aber als er Sarahs Besucher erkannte, blieb er kurz verblüfft stehen und riss seine Augen weit auf. Der Gast lächelte amüsiert, er blickte aber bereits auf seine Uhr.
»Darf ich kurz vorstellen? Joseph Adam, mein Neffe, Herr von Lenthe, den du ja in Bonn schon oft gesehen hast.«
»Sehr erfreut.«
»Angenehm.«
Die Herren reichten sich die Hand, und Tante Sarah tadelte: »Warum kommst du erst jetzt?«
Joseph berichtete kurz sein Missgeschick, und Sarah meinte dazu: »Da hattest du großes Glück. Westberliner haben mir darüber schon ganz andere Sachen erzählt.«
»Na gut«, sie wandte sich wieder an Herrn von Lenthe, »oder schlecht. Ich weiß, dass deine Zeit begrenzt ist.«
»Einige Minuten habe ich noch. Die reichen noch für ein Schlückchen.«
Sie goss ihm einen Kognak ein, und in Josephs Kopf überschlugen sich inzwischen die Gedanken. Herr von Lenthe war der wichtigste deutsche Manager, der seit Jahrzehnten in alle Himmelsrichtungen enge Kontakte besaß, der mit den Politikern in Moskau genauso vertrauliche Gespräche führte wie mit denen in Washington. Bei allen wichtigen Empfängen in Bonn war er wie selbstverständlich anwesend, aber Joseph hatte sich ihm bisher nicht nähern können. Und nun saß der ihm direkt gegenüber und taxierte ihn völlig ungeniert.
»Joseph Adam, der alles anders machen will. Sarahs Neffe! Das hätte ich nicht für möglich gehalten.«






