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»Liebe Freunde, diese Wahlschlappe wirft uns nicht um, sondern sie macht uns stark. Was wir soeben erlebt haben, bedeutet eine Zäsur in der Entwicklung unserer Partei. Eine Gruppe spaltet sich ab, eine kleine Randgruppe, der wir nicht nachtrauern müssen.«
Gelächter und zustimmender Applaus erklangen. Obwohl er schon in Wien gelernt hatte, dass die Massen Ironie nicht mögen und ein seriöser Politiker lieber darauf verzichten sollte, fühlte sich Joseph zu einer kurzen Bemerkung angestachelt. »Ich will jetzt kein Wortspiel mit einem Namen machen.«
Wieder unterbrach ihn Gelächter.
»Gut, das ist ja sowieso vorbei. Wir stehen heute nicht am Ende, sondern vor einem neuen Anfang. Wir befreien uns von dem ideologischen Müll, ohne dabei unsere Visionen aus den Augen zu verlieren. Wir nennen uns ›Die Anderen‹. Aber was bedeutet denn dieser Name? Wollen wir nur anders sein als die Altparteien? Würde uns das genügen? Würde mir das genügen? Natürlich nicht! Das Land muss anders werden. Wir wollen unser Land verändern, das ist unsere historische Aufgabe, das ist unsere Vision.«
Zustimmender Beifall brandete auf.
»Und dieser Aufgabe stellen wir uns jetzt. Wir verlassen die Nische, in die uns Ideologen getrieben haben. Wir stellen uns neu auf und machen uns regierungsfähig.«
Ein ungläubiges Raunen ging durch den Saal. Dieses Wort hatte noch kein Politiker der Partei in den Mund genommen. Und ausgerechnet nach dieser schweren Niederlage, die sie alle in die außerparlamentarische Opposition trieb, wagte Joseph das.
»Ja, das sage ich ganz bewusst, und ich wiederhole es: Wir müssen regierungsfähig werden. Unser Ziel kann nicht nur sein, bei der nächsten Wahl wieder ins Parlament einzuziehen, sondern wir müssen so viele Stimmen erhalten, dass wir als Koalitionspartner an die Macht kommen.«
Auch das Wort Macht hatte bisher nur Einer ausgesprochen – Joseph selbst auf dem Gründungsparteitag, aber daran erinnerten sich nur noch wenige. Vielen Zuhörern blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Aber sekundenschnell machte sie Josephs Ziel zu ihrem eigenen und tobten vor Begeisterung. Adam redete noch weiter, aber viel mehr hätte er nicht sagen müssen.
Joseph Adam hatte seine Bude in Bonn aufgegeben und wohnte wieder mit Magda zusammen in Frankfurt. Zum Neuaufbau der Partei reiste er kreuz und quer durch das Land.
Noch nie hatte sich Magda in seine Terminplanung eingemischt, aber plötzlich sagte sie: »Wann musst du nach München? Am 15.? Das geht nicht.«
»Was ist denn jetzt los?«
Sie holte einen Monatskalender aus ihrem Nachttisch. Ein Tag am Monatsanfang und einer am Ende war rot gekennzeichnet, einer in der Mitte dunkelgrün und jeweils zwei Tage davor und danach hellgrün.
»Was ist denn das?«
»Musst du doch erkennen.«
»Nein, keine Ahnung.«
»Das ist mein Zyklus. Am dunkelgrünen Tag, also an dem Tag, an dem du verreisen willst, habe ich den Eisprung. Die anderen vier Tage sind auch noch fruchtbar.«
»Du willst?«
»Ja, ich will.«
»Schon seitdem wir Lena getroffen haben, nehme ich an.«
»Ich kann dir auf die Sekunde genau sagen seit wann. Als wir mit ihr holla hupp gespielt haben.«
»Ach so. Und ich habe mich in der letzten Zeit gewundert, warum du so oft wolltest. Also bist du nicht sexsüchtig geworden.«
Sie lachte auf: »Aber es hat bisher nichts gebracht. Also müssen wir uns jetzt ganz genau an meine fruchtbaren Tage halten.«
»Aber die Reise am 15. muss ich noch machen. Die kann ich nicht mehr absagen.«
Magda atmete tief ein und lächelte. Und weil sie ihm das nicht erklären wollte und musste, sagte sie schnell: »Gut, wenn es sein muss, aber danach musst du deinen Terminplan mit mir abstimmen.«
»Wie du sagst, wenn es sein muss.«
Joseph lachte amüsiert. Noch! Er war ja nun fast vierzig und hielt es schon aus, mal einen ganzen Tag lang nicht an Sex zu denken. Andererseits glaubte er aber noch, allzeit bereit zu sein. Doch Sex nach Plan, sozusagen mit der Stoppuhr in der Hand, gefiel ihm nicht lange. Sex nicht aus Liebe, nicht zum beiderseitigen Vergnügen, sondern als Pflicht mit einem konkreten Ziel, befriedigte ihn nicht so wie vorher.
Die Lehre seiner ersten, reifen Geliebten, nicht nur an sich selbst zu denken, hatten sie immer beide beherzigt. Aber als es nach vielen Versuchen nicht klappte, einfach nicht klappen wollte, vielleicht nie mehr klappen würde, dachte Magda nicht mehr an ihn, auch nicht mehr an sich selbst. Nach Monaten ging es nicht mehr nur um ihre fruchtbaren Tage, nun musste es an jedem Tag sein. Kündigte er eine Dienstreise außerhalb ihrer Periode an, kamen ihr sofort die Tränen: »Du denkst ja nur noch an deine Karriere, ich bin dir doch scheißegal.«
»Bitte Magda, jetzt bist du aber ungerecht.«
Sie schluchzte auf: »D...d... du interessierst d...d...dich nicht mehr für m...m...mich.«
Sie warf sich auf die Couch. Ihr Oberkörper zuckte. Sprachlos stand er wie erstarrt neben ihr. Dann setzte er sich zu ihr und versuchte, sie zart zu streicheln. Sie schlug seine Hand weg: »B...b...bleibst d...d...du?«
»Bitte, Magda, ich muss doch meine Arbeit machen.«
»D...d...dann liebst d...d...du m...m...mich nicht mehr.«
Völlig ratlos, wie er sie beruhigen sollte, versucht er es anders: »Jetzt ist aber Schluss, Magda so können wir doch nicht miteinander umgehen.«
Sie sprang auf und stürzte hinaus.
Und dann kamen die mitleidigen, oft spöttischen Blicke ihrer Kolleginnen, Bekannten und Freundinnen. Joseph fragte einen Freund direkt: »Spricht Magda denn mit jeder darüber?«
»Mit jeder! Sie kennt nur noch dieses Thema. Du solltest, entschuldige, wenn ich das so unverblümt sage, dich mal untersuchen lassen.«
Joseph rührte fast der Schlag. Ohne nachzudenken, was er damit verriet, platzte er raus: »Aber ich habe den Fruchtbarkeitstest doch schon bestanden.«
»So, meinst du? Die Mutter ist immer sicher.«
Joseph schluckte auch das noch runter und entschied sich für die Offensive: »Wenn es einfach nicht klappt, obwohl wir zusammen schon ein Kind gezeugt haben, sollten wir uns testen lassen. Wir beide.«
Magda erwies sich als kerngesund, und zu Joseph sagte der mit ihm befreundete Arzt anerkennend: »Wenn du mal einen anderen Job brauchen würdest, könntest du als Zuchtbulle arbeiten. Du schaffst 6 Milliliter mit weit über 100 Millionen Spermien, von denen mehr als 80 Prozent leben. Das ist das beste Testergebnis in meiner Laufbahn.«
Also war alles in bester Ordnung, nur eins nicht, Magda wurde nicht schwanger.
Gold! Goldene Wände, goldene Decke, goldene, wuchtige Ledersessel mit goldfarbenen Kissen, goldener Tisch, für die 10 Gäste gedeckt mit goldenem Service und Besteck, goldfarbener Teppich. Acht Gäste, die einzeln die breite Esskabine des privaten Jumbojets von Berkel Zorbas betraten und dabei nicht ahnten, dass sie gefilmt wurden, blieben wie der Ehrengast, Superbanker Müller, dem Joseph Adam ja schon vorgestellt worden war, überrascht und tief beeindruckt in der Eingangstür stehen. Nur der letzte, Joseph, dessen Teilnahme an dieser hochrangigen Wirtschaftdelegation alle anderen überraschte, blickte für einen Moment angewidert. Als er saß, irrte sein Blick unruhig hin und her und fand endlich in den drei grünen Lampenschalen über dem Tisch und in den hellen Wolken hinter den Flugzeugfenstern einen Halt.
»Die Farben gelb, goldgelb waren in Asien alleine dem Kaiser vorbehalten«, erläuterte sein Sitznachbar, Herr von Söben, den Joseph schon von der Inbetriebnahme des ersten Windrades kannte, »sie stehen ja auch heute noch für Wärme, Sympathie, Ewigkeit, ja sogar für die Sonne, der Quelle allen Lebens.«
»In Asien schon, aber bei uns bezeichnet sie kaum einer als seine Lieblingsfarbe, uns erinnert sie auch an Gier, Neid, Ruhmsucht oder Verrat.«
»Aber wir fliegen ja nach Asien. Und dort ist gelb auch die Farbe der Männlichkeit, für deren Schöpferkraft und Weisheit.«
Joseph fiel auch noch ein, dass die Nazis den schwarz umrandeten Judenstern aus zwei gelben Dreiecken gebildet hatten, aber er lenkte ein: »Auch in unserer Kultur ist gelb mit positiven Assoziationen verbunden. Helios ist im gelben Gewand über den Himmel gefahren.«
»Eben! Aber ich verstehe Ihre Vorurteile durchaus, dieser Speiseraum überrascht mich auch. Ehrlich gesagt, die Privatsphäre unserer Großaktionäre blieb mir bisher verschlossen. Ich hätte nicht erwartet, dass sie so offen mit ihrem Reichtum protzen würden.«
Der Konzernchef dachte kurz nach: »Ich habe versucht, mich über unseren Gastgeber zu informieren. Der hat sich zwar dieses riesige Schloss gebaut und nutzt es nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten als Amtssitz, aber er soll darin eine Jurte bewohnen, sicherlich eine luxuriöse. Dieser Raum hier passt vielleicht gar nicht zu ihm. Vielleicht will er damit nur seinen Gästen imponieren.«
»Und das gelingt ihm auch.« Joseph deutet zu den anderen, die immer noch die Einrichtung bewunderten, ohne zu bemerken, dass der livrierte Kellner den Aperitif einschenken wollte.
»Kennen Sie eigentlich dessen Werdegang?«
»Ja«, antwortete Joseph, »sehr interessant!«
»Stimmt, diese Oligarchen konnten sich selbst hochkatapultieren.«
Früher hatte es Berkel Zorbas als Generaldirektor eines riesigen Kombinates für wichtig gehalten, die Meinung der Partei über den faulenden, absterbenden Kapitalismus zu verbreiten.
»Die Einführung des Privateigentums vor zehntausend Jahren war der Anfang vom Ende der Menschheit«, pflegte er zu sagen, »der Erste, der sich vor einen Acker stellte und behauptete, der wäre sein eigener, hätte gleich erschlagen werden müssen. Die Menschheit kann nur überleben, wenn wir wieder eine klassenlose Gesellschaft einführen.«
Aber dann kam die so genannte Wende auch in sein Land und mit ihr die Privatisierungswelle. Als Generaldirektor konnte er unbemerkt Geld des Kombinates auf ein Privatkonto überweisen und damit die meisten Vouchers seiner Betriebe kaufen. Als der Neustart dieser Firmen alles andere als vielversprechend verlief, waren die Arbeiter und Angestellten bald froh, wenn sie ihre Vouchers gegen geringe Erlöse versilbern konnten, und quasi über Nacht erwarb sich Zorbas mit Millionen ein Milliardenvermögen. Aber nur für kurze Zeit befriedigte ihn das, er kaufte sich Banken dazu, eine 110-Meter Yacht, diesen Jumbo Jet, und einen westeuropäischen Fußballclub, der die Champions League gewinnen sollte. Während sich Superreiche in anderen Ländern Politiker kauften, an die Macht brachten und völlig unsichtbar aus dem Hintergrund die Strippen zogen, wollte er schließlich selbst regieren. Also ließ er sich zum Präsidenten von Abestan wählen und verschaffte sich durch Reformen eine nahezu unbegrenzte Machtfülle.
Obwohl er deren Wirtschaftssystem übernommen hatte, verfolgten viele westeuropäische Politiker diesen rasanten Aufstieg nicht besonders wohlwollend, und deren Medien ließen meist kein gutes Haar an ihm. Deshalb hatte er sich durchaus interessiert gezeigt, als ihn sein alter Ego, der georgische Fürst, auf diesen jungen, aufsteigenden deutschen Politiker aufmerksam gemacht hatte. Das Video von dessen Auftritt nach der Wahlschlappe überzeugte ihn bereits, um so mehr aber das große Medieninteresse an der eigentlich nun unbedeutenden Partei in der außerparlamentarischen Opposition, deren Umbau Adam abgeschlossen hatte und die in Umfragen bereits wieder weit über der Fünf-Prozent-Hürde lag.
»Der steigt auf, keine Frage«, prophezeite ihm der Fürst, »denn der will aufsteigen, vielleicht um jeden Preis. Wer ihn jetzt protegiert, sichert sich für immer seine Dienste. Wenn er nach der nächsten Wahl Minister werden würde, hättest du mit ihm ein wichtiges Standbein in Deutschland und damit auch in der EU.«
»Na, nun aber langsam mit den jungen Pferden. Wenn ich dich richtig verstanden habe, müsste sich seine Partei noch sehr verändern, bevor der Minister werden könnte.«
»Kein Problem für den, das kriegt der hin. Lade ihn doch mal ein, dann kannst du ihn persönlich kennenlernen.«
Zorbas zögerte kurz und wechselte plötzlich das Thema: »Dessen Partei ist doch auch von Atomkraftgegnern gegründet worden. Interessiert die sich eigentlich für den Klimawandel?«
Der Fürst wunderte sich über diese unerwartete Frage. Aber er hakte nicht nach, sondern antwortete:
»Die redet davon, wie andere auch.«
»Und er persönlich?«
»Ich habe gehört, dass er ihn ernster nehmen würde. Manche sollen ihn deshalb sogar schon ausgelacht haben.«
»So! Interessant. Ich kann es ja mal mit ihm versuchen.«
»Lade ihn aber nicht direkt ein, das würde seine Partei noch überfordern. Wenn er im Rahmen einer deutschen Delegation kommen könnte, würde das nicht so auffallen.«
»Der hätte den Kanzler doch schon früher mit Wirtschaftsbossen begleitet, sagtest du, dann lade ich ihn eben mit denen ein. Ich will mit den Deutschen sowieso ins Geschäft kommen.«
»Mach das, das wäre besser.«
Die Delegierten wurden direkt am Flugzeug mit schneeweißen, fast 10 Meter langen Lincoln Town Cars abgeholt und in diesen von bildhübschen Bediensteten empfangen, die perfekt deutsch sprachen und nach dem anstrengenden langen Flug Fingerfood und Champagner anboten. Durch die dunkel getönten Fensterscheiben konnte von außen kein Einheimischer einen Blick auf die illustren Gäste werfen. Innen lief auf Bildschirmen ein Film über den geplanten Neuaufbau des Landes. Eine neue Hauptstadt, in der einmal 100 Millionen Abestaner wohnen würden, sollte errichtet werden, riesige Dämme die Flüsse anstauen, um das karge Land mit Wasser und Energie zu versorgen, und mit gewaltigen Industrieanlagen sollte danach der Agrarstaat und Rohstofflieferant in eine Supermacht verwandelt werden. Blickte Joseph Adam nach außen, war davon noch nichts zu erahnen. Die jetzige Hauptstadt wirkte halb zerfallen, öde die kleinen Dörfer und weiten Ebenen, auf denen Schafe weideten und noch keine Baukräne standen. Aber nur ihm fiel dieser krasse Gegensatz zum Film auf. Alle anderen waren von den angekündigten Milliardeninvestitionen noch faszinierter als von dem goldenen Speiseraum. Der Präsident wollte sein Land in die Neuzeit katapultieren! Aufträge winkten, Aufträge in Dimensionen, die sogar für den Superbanker Müller neu und noch nicht vorstellbar waren.
Die holprige Straße wurde plötzlich asphaltiert und eben, sie ging in eine Allee mit jungen Bäumen über, an deren Ende die Türme und Kuppeln des Palastes zu erkennen waren. Jeder Gast, auch Joseph, wusste, dass der 366 Zimmer besaß, für jeden Tag des Jahres eins, denn Zorbas war an einem 29. Februar geboren worden. In dem weitläufigen Park vor dem Palast zeugten eingefriedete Gehege von der skurrilen Leidenschaft des Besitzers, er wollte vom Aussterben bedrohte Arten retten, insbesondere die in der Natur selten gewordenen Amurtiger und -leoparden. Die Tiger wurden gerade gefüttert und jagten hinter Kadavern her, die an Seilen mit hoher Geschwindigkeit durch das Gehege gezogen wurden.
Die Creme der deutschen Wirtschaft war es gewohnt, dass ihr der Hausherr bereits am Eingang entgegenkam. Doch Zorbas ließ sie erst einmal in der riesigen Audienzhalle warten, in der ihm schon Hunderte Anhänger gehuldigt hatten. Bögen, die aus vergoldeten und bemalten Marmorpfeilern emporstiegen, teilten die Halle in kleinere Bereiche und erinnerten den Kenner sofort an einen weltberühmten indischen Empfangssaal. Und wie in diesem war die Decke mit Gold und Silber eingelegt und auf einem Marmorpodium stand ein mit Edelsteinintarsien verzierter Thron für den Herrscher, dessen Arbeitsbereich durch ein goldenes Geländer vor den Untertanen geschützt wurde.
Den Gästen blieb nicht genügend Zeit, alle Details der prunkvollen Halle zu betrachten, denn nun ließ sich der Präsident wegen dringender Staatsangelegenheiten entschuldigen. Als sein Beauftragter begrüßte sie der Wirtschaftsminister, ohne anscheinend ihre Verärgerung wahrzunehmen. Ohne Umschweife sprach er über das riesige Investitionsprogramm Abestans, das auch den deutschen Unternehmen und Banken große Chancen bieten würde, und da leuchteten die Augen der Gäste wieder auf.
Alle nahmen verständnisvoll zur Kenntnis, dass der Superbanker aus dem Saal gebeten wurde, aber dass ihm wenig später Joseph Adam folgen musste, verwunderte sie schon. Nicht zu den bekannten Palastsuiten, über deren luxuriöse Ausstattung auch in deutschen Zeitungen orakelt wurde, ohne dass je ein Foto von denen gezeigt werden konnte, wurde Joseph geführt, sondern geradewegs zu dem Tigergelände, in dessen Mitte ein großer Teich mit einer überdachten Insel zu erkennen war. Kurz vor der Einfriedung ging der Fußweg durch einen mit Marmor verkleideten Torbogen hinunter in einen Tunnel zur Insel. Die weißen Wände waren mit Bildern von riesigen Welsen, Amurkarpfen und Zandern bemalt.
Joseph schritt ein Welsbild ab und sagte: »Etwa drei Meter.«
»Exakt 2,82 Meter«, präzisierte der Bedienstete.
»Toll!«, betonte Joseph spöttisch.
Aber dann begann an einer Wandseite unterhalb des Wasserspiegels eine hohe Glasfront, die sich entlang einer breiten, mit Pflanzen bewachsenen Bucht bis zur Insel erstreckte. Neben auf dem Grund befestigten Baumstämmen, unter denen sich Raubfische verstecken konnten, schwammen Schwärme von Friedfischen. Und auf die lauerte der Wels, so riesig groß, als wäre er gerade aus dem Bild gekommen. Joseph riss seine Augen weit auf.
»2,82 Meter lang, 130 Kilogramm schwer«, bekräftigte der Führer, »bei der letzten Messung.«
Die Maße für den folgenden Zander: »1,30 Meter, 20 Kilogramm«, und Karpfen: »1,40 Meter, 60 Kilogramm«, bezweifelte Joseph bereits nicht mehr.
Aber er fragte: »Ihr Land zieht ja viele Anglertouristen an. Ist Ihr Präsident auch ein großer Angler, etwa wie Hemingway einer war?«
»Nein, er taucht gerne.« Die Stimme des Dieners signalisierte, dass er nicht über seinen Herrn sprechen wollte, und Joseph stellte ihm keine weitere Frage.
Die von außen massiv wirkende Inselüberdachung war von innen durchsichtig. In der Inselmitte stand eine Luxusjurte, an den Rändern mehrere kleinere. Ein breites Fenster der großen Jurte gab den Blick frei auf den Teich und auf die jagenden Tiger. Dahinter standen zwei Männer, die sich, als sich Joseph Adam näherte, zum Eingang begaben.
Der Hausherr empfing Joseph an der Tür seiner Privatsphäre, und der Superbanker musste sich also auch dahin bemühen. Was diese Geste bedeutete, hatte Joseph bereits in Wien gelehrt bekommen, und jetzt überraschte sie ihn so sehr, dass er nicht einmal Genugtuung empfinden konnte. Lächelnd ging ihm Berkel Zorbas noch zwei Schritte entgegen. Er war nicht groß gewachsen, Napoleon hätte er nur um die Höhe seiner lockigen, schwarzen, vielleicht getönten Haare überragt. Aber er besaß nicht wie dieser einen unübersehbaren Bauchansatz, sondern hatte auch noch mit 55 eine drahtige, sportliche Figur. Seine kräftigen Bizeps und sein muskulöser Brustkorb füllten die meist körperbetonte Oberbekleidung prall aus. Dies alles kannte Joseph Adam bereits von Fotos und Fernsehsendungen, aber jetzt blickte er Berkel Zorbas erstmals direkt in die Augen, und diese wirkten wach und lebendig, konnten bestimmt auch unangenehm stechend werden, öffneten sich jetzt jedoch für Adam. Noch bevor sie sich die Hand gaben, fand Joseph ihn schon tief beeindruckend und sympathisch. Als sie sich die Hände schüttelten, verbanden sich deren Energiefelder zu einem gemeinsamen, einheitlichen, was beiden, wie jeder an den Blicken des anderen erkannte, sofort bewusst wurde.
Auch der Händedruck des Superbankers war kräftig, doch dessen Energiefeld lehnte Adams ab, wenn auch sein Lächeln plötzlich den Willen zur Zusammenarbeit signalisierte.
In der Jurte fiel Joseph zuerst das von einem Baldachin und weißen Vorhängen geschützte Bett auf. Es war sehr schmal und diente dem Hausherrn, dem die deutschen Medien den Ruf eines guten Hengstes verpasst hatten, wohl nur zum Schlafen. Gemessen an dem Speiseraum des Jumbo Jets oder an der Ausstattung der Straßenkreuzer wirkte die Einrichtung der Jurte bescheiden, ja sogar nüchtern. Sie war mit edlen Hölzern ausgelegt, aber nicht mit kostbaren Teppichen. In der Mitte standen zwei breite dunkle Couches mit einem gleichfarbenen Tisch, an einer Seite ein ähnliche, aber kleinere Sitzgruppe, an der anderen ein Esstisch mit zwei wuchtigen Stühlen. Die Wände waren reinweiß, wurde von keinem Bild oder anderes verschönt. Und, was Joseph besonders überraschte, hinter einem kleinen Schrank stand ein Waschtisch mit einem Wasserkrug und einer Porzellanschüssel wie zu Großmutters Zeiten.
Doch Joseph Adam war nur ein kurzer Blick in die Jurte vergönnt, noch bevor sie sich setzen konnten, wurden sie von einem Diener herausgebeten. Auf einer Wiese außerhalb der Überdachung loderte ein Holzfeuer, neben dem drei Felle ausgelegt waren, eines vom weißen Tiger für den Hausherrn, zwei von Maralen für die Gäste.
Joseph zögerte kurz, und der Hausherr sah ihn erstaunt an.
»Marale kenne ich von Aitmatows Erzählung ›Der weiße Dampfer‹, die ich als Jugendlicher gelesen habe.«
»Ja?«
»Wie viele, die dieses Buch kennen, habe ich damals so etwas wie Ehrfurcht vor diesen Hirschen bekommen.«
Berkel Zorbas lächelte verständnisvoll: »Sie bedeuten auch uns sehr viel, aber nehmen Sie trotzdem Platz.«
Der Diener servierte Blinis, Piroggen und andere Snacks, aber er brachte dazu keinen Samowar, wie Joseph erwartet hatte, sondern zerstampfte einen Teeziegel in feines Pulver und schüttelte dies in einen verrußten Kessel, in dem bereits Wasser kochte. Er strahlte tiefe Ruhe und Gelassenheit aus und ließ sich bei jedem Arbeitsgang viel Zeit.
Auch der Präsident nahm sich diese, aber schließlich wandte er sich an den Banker: »Wie ich vorhin schon feststellte, Herr Müller, nicht nur bei uns hat sich viel verändert, sondern auch bei Ihnen. Nicht so rasant wie bei uns, aber die Wege in die Zukunft werden uns zusammenführen. Was uns heute noch trennt, ist eigentlich bereits nebensächlich geworden, aber es wird von vielen Politikern noch total überbewertet. Wir dürfen denen nicht gestatten, dass sie unsere Zusammenarbeit behindern. Wären die nicht in der Lage, die weltpolitischen Entwicklungen zu erkennen, müssten Sie die austauschen.«
Ruhig, ohne eine sofortigen Antwort zu erwarten, blickte er ins Feuer. Der Diener gab Butter und Salz in eine Holzschale, goss den Teesud darauf, verrührte alles und schüttete es wieder in den Kessel.
Wie Berkel Zorbas ließ sich Müller nicht von Adams Anwesenheit stören: »Wenn Sie damit auch auf Spitzenpolitiker unserer wichtigsten Parteien zielen würden, wären Sie nicht im Recht. Die ebnen uns die Wege, keine Frage. Aber ob uns alle unterstützen werden, auch manche Neue, bezweifele ich schon eher, trotzdem Sie mir vorhin anderes andeutet haben.«
Der nun fertige Tee wurde in kostbaren grünen Jadeschalen serviert. Berkel Zorbas tauchte eine Fingerkuppe hinein und schnipste den Tee nach alle Himmelsrichtungen.
Müller nahm wie der Gastgeber nun kleine Schlückchen: »Vorzüglich, ganz vorzüglich. Eine Teequalität, die man nur selten genießen kann, ein außergewöhnlicher Geschmack.«
Nur der letzten Bemerkung hätte Joseph ehrlich zustimmen können, denn er hatte den Geschmack einer Maggibrühe auf der Zunge. Aber auch er wandte sich direkt an den Hausherrn: »Exzellent, absolut exzellent. Ein Genuss.«
Als ihre Schalen geleert waren, goss der Gastgeber persönlich nach.
»In neuen Parteien gibt es immer Ideologen«, sagte er dann zu Müller, »aber die rennen sich ihre Köpfe an der Realität ein.«
Nun wandte er sich direkt an Adam. »Sie haben die gesamtdeutsche Realität vor den meisten anderen Politikern erkannt und deshalb die Niederlage Ihrer Partei zu Ihrem persönlichen Erfolg gemacht. Was, denken Sie heute, werden Sie bei der nächsten Wahl erreichen?«
»In den Prognosen liegen wir jetzt bei 10 Prozent, aber wir werden die deutlich überbieten und über dem Ergebnis des jetzigen Koalitionspartners liegen.«
»Sie denken bereits konkret über Ihren Eintritt in die Regierung nach?«, fragte der Banker erstaunt.
»Wer nicht regieren will, sollte nicht in die Politik gehen.«
Berkel Zorbas lächelte: »Ich bin durch einen guten Freund besser über Herrn Adam informiert als Sie, Herr Müller. Ich sagte Ihnen doch, unterschätzen Sie ihn nicht.« Er trank seine Schale aus und beendete die Teezeremonie.






