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Thriller
Von Rolf D. Sabel

Rolf D. Sabel
Die Agenten-Affäre
Krimi
Cover: Unter Verwendung von 123RF Stokkete 34317114
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„Denn nichts begeistert menschliche Kühnheit so sehr wie der Glaube, man sei das ausgewählte Werkzeug göttlicher Weisheit. Rachsucht und Patriotismus, vereint in einem geistreichen und ehrgeizigen Manne, sind die Hebel des Archimedes, die in dem Fanatismus den Punkt außerhalb der Welt finden, um die Welt zu bewegen. Der kluge Mann kann einen Staat lenken, aber der Enthusiast ist es, der ihn verjüngt – oder zu Grund richtet.“
Edward George Bulwer-Lytton, Der Letzte der Tribunen.
Für Bernd,
einen wunderbaren Menschen und
begnadeten Arzt,
der uns viel zu früh verlassen hat!!
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Historischer Anhang
Kapitel I
Nachwort
Prolog
Der interessierte Leser mag sich mitunter fragen, woher ein Schriftsteller die Ideen für seine Romane nimmt. Sitzt er stundenlang am Schreibtisch und zermartert sein Hirn? Oder gibt ihm eine bereitwillige Muse Gedanken und Worte ein, sodass er sie nur noch niederschreiben muss?
Ich weiß nicht, wie es die geschätzten Kollegen halten, aber meine Ideen schöpfe ich häufig aus Spaziergängen, Spaziergängen – zum Beispiel auf dem … Friedhof. Nicht auf irgendeinem Friedhof, sondern dem ältesten und schönsten Friedhof Kölns – Melaten.
Diese eindrucksvolle Anlage, von der Majestät des Todes und dem Respekt der Lebenden geprägt, verdient es, einige Worte über sie zu verlieren.
Melaten war nicht immer ein Friedhof, aber schon lange vorher ein Ort des Todes, im Mittelalter sogar ein Ort des gewalttätigen Todes, nämlich die öffentliche Hinrichtungsstätte der Stadt. 1529 wurden hier zwei Protestanten, Peter Fliesteden und Adolf Clarenbach, wegen ihres Glaubens verbrannt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden dem Wahn der Hexenverfolgungen über dreißig Frauen und Mädchen geopfert. Dann, 1797, wurde mit dem Kirchenräuber Peter Eick der letzte Mensch auf Melaten unter dem Beifall vieler Menschen hingerichtet.
Der Name Melaten basiert auf dem französischen Begriff für krank, malade, denn ab dem 12. Jahrhundert befand sich auf dem Gelände vor den Stadttoren ein Heim für Leprakranke, zu dem auch der Hof Melaten gehörte. Wer als leprakrank war, galt ein Aussätziger, er wurde ausgesetzt, gemieden, aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Er durfte das Gelände nur an bestimmten Feiertagen zum Betteln verlassen.
An diesen Tagen wurden die Bürger vom Schellenknecht, der den Kranken voranging, vor ihnen und der drohenden Ansteckung gewarnt. Die Kranken hatten dabei eine Kleiderordnung einzuhalten, damit deutlich erkennbar war, wer da des Weges kam: ein grauer oder schwarzer Mantel, der bis ans Knie ging, lange Hose, ein Hut mit breiter Krempe, Schuhe und Handschuhe. Dabei hatten sie mit einer dreiteiligen Klapper laut zu klappern, und an der Spitze des Zuges ging der Schellenknecht, von den Einheimischen Clais genannt. Der war zwar gesund, hatte aber auch einen Schlapphut, Kniehose und einen Siechenmantel zu tragen. Dazu kamen eine Büchse, ein Bettelsack und eben eine Schelle, um Lärm zu machen. Er war so etwas wie der Leiter des Zuges, bekam aber selbst kein Honorar, sondern nur einen geringen Teil der Sachspenden, und setzte sich ständig der Gefahr der Ansteckung aus, was zum Beispiel im Jahre 1567 geschah, als ein armer Teufel namens Clais sich am Aussatz ansteckte. Die Stadt Köln hat ihm, weil er seine Arbeit ordentlich und gut gemacht hat, eine Rente von 26 Mark gezahlt und zur Leprosenstation in Rodenkirchen geschickt, wo er seine letzten Jahre verbrachte.
Als die Lepra in Europa endlich weitgehend besiegt war, schloss auch das Asyl im Jahre 1767 seine Pforten. Die Gebäude wurden dann bis 1801 als „Zucht- und Arbeitshaus“ genutzt.
Und dann?
Dann beschloss Napoleon, Europa zu erobern, und die Franzosen kamen nach Köln.
Köln wurde von französischen Truppen ohne Widerstand besetzt. Soldaten und Gardisten hoben schnell ihre Hände und sicherten sich damit ein späteres Überleben als Funken, die auch heute noch das karnevalistische Brauchtum bereichern.
Mit der französischen Besatzung 1794 änderte sich für die Kölner allerdings neben vielem anderen auch das Begräbniswesen. Denn 1804 erließ Napoleon das „Décret sur les sépultures“, welches zum Entsetzen der Kölner die Beerdigung in Städten, Dörfern und geschlossenen Gebäuden verbot. So hatten es zweitausend Jahre zuvor auch die römischen Besatzer gehalten, hatte doch bereits das Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert vor Christus die Bestattung innerhalb von Städten verboten.
Vorbei also nun die Zeit der Bestattung in Kirchen und auf dem Kirchhof. Die Nähe zum Altar bedeutete Nähe zu Gott, aber auch eine hohe Position in der sozialen Hierarchie, was von den neuen Herren nicht mehr gewünscht war. Diese Tradition fand also zu Gunsten pragmatischer, vor allem aber auch hygienischer Erwägungen ein Ende – ein großer Schritt im Säkularisierungsprozess.
Von nun an beherrschte der Freiheitsbaum als Zeichen der französischen Revolution die Stadt.
Die Stadtverwaltung sah sich auf Geheiß der neuen Herren genötigt, ein Grundstück auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenasyls zu kaufen und ließ die alten Gebäude abreißen. Nach langen Verzögerungen, die wohl nicht nur religiösen Ursprungs waren, wurde 1810 der Melatenfriedhof durch den Dompfarrer Michael Joseph Dumont eingeweiht. Die anderen Friedhöfe innerhalb der Stadt wurden geschlossen, denn Köln hatte nun einen zentralen Friedhof. Dieser war zunächst allerdings noch nicht für alle Bürger geöffnet: Bis 1829 durften nur Katholiken dort bestattet werden. Die Protestanten wurden bis dahin auf dem alten Geusenfriedhof im Weyertal vor den Stadtmauern begraben. Auch den jüdischen Mitbürgern blieb eine Bestattung auf Melaten lange verwehrt. Sie wurden bis zur Anlage des jüdischen Friedhofs 1899 in Ehrenfeld, ebenfalls vor den Stadtmauern im Vorort Deutz, bestattet.
Von da an entwickelte sich der Friedhof zu einer Stätte prachtvoller Grabdenkmäler, in denen vor allem die Reichen und Prominenten ihre letzte Ruhestätte fanden.
Heute misst der Melaten-Friedhof stolze 435.000 Quadratmeter und umfasst mehr als fünfzigtausend Gräber. Der Eingang von der Aachener Straße führt zum wohl bekanntesten Bereich des Friedhofs, der sogenannten Millionenallee. Wie der Name schon erahnen lässt, sind hier die pompösesten, monumentalsten und teuersten Gräber zu finden. Hier haben bekannte Kölner wie Willi Ostermann, die Familie Millowitsch oder die Familie Farina mit dem Schöpfer des Eau de Cologne ihre letzte Ruhe gefunden und deshalb tummeln sich hier deutlich mehr Neugierige oder Erholung suchende Spaziergänger als trauernde Angehörige.
Sogar Führungen unter sachkundiger Anleitung finden hier für Zahlungswillige statt und sind gut besucht.
Und unter den Ruhe und Eingebung suchenden Spaziergängern bin eben häufig auch ich zu finden. So wie an jenem nebligen Oktobernachmittag, als ich wieder einmal an der Allee prunkvoller Grabmäler vorbeischlenderte und über den Sinn alles Vergänglichen sinnierte.
Es war kühl und vereinzelt fielen kleine Regentropfen, die sich wie ein Netz von Perlen auf Mantel und Schal absetzten. Auf einem der schmalen Nebenwege sah ich einen Mann stehen, der regungslos und in stiller Andacht versunken vor einem Grab stand. Seine Kleidung wies ihn als katholischen Geistlichen aus. Nun gehört Neugierde quasi zu meinen beruflichen Eigenschaften und so trat ich behutsam näher. Das Grab, vor dem der Priester stand, gehörte einer Frau, die im Alter von Mitte fünfzig verstorben war: Doris Bassler.
Das nun weckte meine Neugier erst recht. Katholischer Priester, Zölibat? Mithin konnte es sich wohl kaum um die Ehefrau des Trauernden handeln.
„Ihre Schwester?“, wagte ich einen ersten Vorstoß, ohne mich um die respektlose Unverschämtheit meines Eingreifens zu kümmern. Der Mann schaute mich aus tränenfeuchten Augen an.
„Die Frau meines besten Freundes“, sagte er tonlos. Interessiert sah ich mir den Mann näher an. Ein stattlicher Mann, wohl gut in den Sechzigern, von hohem, schlankem Wuchs, kurzem, eisgrauem Haar, markanten Gesichtszügen mit buschigen, grauen Augenbrauen und einer ausgeprägten Hakennase. Ein interessanter Mann! Meine Neugierde war endgültig geweckt.
Er schien mein Interesse zu bemerken und hielt mir spontan die Hand hin. (Vor Corona waren solche Gesten eben noch selbstverständlich!)
„Diefenstein, Peter Diefenstein.“
„Sie sind ein … Geistlicher, oder?“
Diefenstein nickte. „Ich bin der Pfarrer von St. Pantaleon hier in Köln.“
Erfreut ergriff ich die dargebotene Hand und stellte mich vor. „Ein Schriftsteller also“, meinte er mit einem leichten Lächeln, „und was macht ein Schriftsteller hier auf Melaten?“
„Er sucht nach neuen Ideen.“
„Auf einem Friedhof?“
Ich nickte. „Die Ruhe hier, diese etwas morbide Atmosphäre, sie fördert Inspirationen.“
„Verstehe“, sagte Diefenstein. Wir gingen ein Stück Weg zusammen. Abrupt blieb Diefenstein stehen.
„Vielleicht“, meinte er nachdenklich, „vielleicht hätte ich da etwas für Sie.“
Ich blickte ihn fragend an.
„Mir ist da neulich eine merkwürdige Geschichte geschehen.“ Er nahm ein Taschentuch heraus, putzte sorgfältig eine Bank trocken und wir setzten uns. Der Regen hatte aufgehört und stattdessen wagte sich die Sonne mit leicht wärmenden Strahlen hervor.
„Merkwürdig?“ Ich wollte ihn zum weiteren Erzählen bewegen.
„Ja, merkwürdig in der Tat. Ich habe alles dazu aufgeschrieben.“
„Aha.“
„Ja, mehr noch“, meinte er mit einem entschuldigenden Lächeln, „ich habe es in Form eines … Romans aufgeschrieben.“ „Ein Roman? Das klingt interessant.“
„Ja, mit meinen bescheidenen Mitteln. Ich habe es mit Episoden ausgeschmückt, die man mir erzählt hat, und das Ganze in eine Welt von Verrat und Agenten gesetzt, damit es etwas äh … Spannung hat.“
„Verrat? Agenten?“
Diefenstein lächelte verlegen. „Ja, Sie als Schriftsteller würden über meine unbeholfenen Versuche wahrscheinlich lachen, aber …“
„Käme auf einen Versuch an“, entgegnete ich, „warum zeigen Sie mir Ihre … äh … Aufzeichnungen nicht einmal?“
Nachdenklich blickte mich der Geistliche an. Dann schien er einen Entschluss gefasst zu haben.
„Nun denn. Wie wäre es, wenn Sie mich auf ein Glas Wein besuchen und ich Ihnen meine, wie haben Sie es genannt … Aufzeichnungen, zeige?“
Ich stimmte gerne zu, ein Termin wurde vereinbart, und wenige Tage später fand ich mich im Pfarrhaus von St. Pantaleon wieder. Das Pfarrhaus lag direkt gegenüber der Kirche und seine Wohnung befand sich im ersten Stock des Hauses. Er führte mich in sein kleines, aber gemütliches Arbeitszimmer und bot mir einen Platz auf der etwas verschlissenen Couch an.
Ich sah mich um. Vor dem Fenster stand ein alter Schreibtisch, der mit Zeitschriften und Büchern überladen war,; eine Couch, zwei Sessel und ein alter, mit Dekorelementen verzierter Bücherschrank bildeten die sparsame Einrichtung. An der Wand hing ein Bild, auf dem ich unschwer das Portrait des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. erkannte.
Diefenstein füllte zwei Gläser mit Rotwein und schaute mich aufmerksam an.
„Und Sie wollen sich wirklich mein Geschreibsel anschauen?“ Ich nickte. „Sehr gerne. Ich bin schon sehr gespannt.“
„Selber schuld“, meinte er lapidar und griff nach einem Stapel Papier auf dem Schreibtisch.
Ich warf einen ersten Blick auf die Blätter – und war einigermaßen entsetzt: Tippfehler, durchgestrichene Zeilen, Tipp-Ex-Orgien, handschriftliche Einfügungen, das Manuskript war ein einziges Chaos.
Diefenstein schien meine Reaktion zu bemerken und sein markantes Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen.
„So schlimm?“
„Ich … äh, sagen wir mal so, das Manuskript ist in seiner äußeren Form etwas gewöhnungsbedürftig und bedarf wohl etwas der … äh … Überarbeitung.“
Diefenstein lachte schallend auf. „Das ist die Untertreibung des Jahres. Aber es kommt doch eher auf den Inhalt als auf die Form an, oder?“
Ich stimmte mit einem gequälten Lächeln zu.
„Nehmen Sie es mit, schauen Sie, ob sich damit etwas anfangen lässt, und wenn nicht, geben Sie es mir einfach ohne bösen Kommentar zurück.“
„Und das haben Sie alles genau so erlebt?“
„Ja, und was ich nicht persönlich erlebt habe, habe ich … äh … ergänzt, wie man es in einem Roman wohl macht.“
„Ergänzt. Wie in einem Roman.“ Ich musste mein Lachen zurückhalten. Was für ein famoser Laie saß mir da gegenüber. „Gut. Ich werde es mir ansehen und dann sprechen wir drüber. Okay?“
Der Pfarrer nickte wortlos.
Darauf konnten wir uns verständigen. Wir tranken in Ruhe den ausgezeichneten Rotwein aus und sprachen für den Rest des Abends über Gott und die Welt – aber nicht über dieses Manuskript.
Als ich mich nach einigen Stunden verabschiedete, hatte ich keine Ahnung, was ich mir da aufgebürdet hatte.
Aus den Aufzeichnungen von Monsignore
Dr. Peter Diefenstein,
Pfarrer der Basilica St. Pantaleon
1. Kapitel
Köln im Spiegel der Geschichte
Da die Stadt Köln im weiteren Verlauf eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt, sei es erlaubt, einige Worte über ihren historischen Werdegang zu verlieren.
Köln war in römischer Zeit unter dem Namen Oppidum Ubiorum als Keltendorf gegründet und vor fast zweitausend Jahren als Colonia Claudia Ara Agrippinensium (kurz CCAA) auf Betreiben Agrippinas, der Gattin von Kaiser Nero, zur Stadt erhoben worden. Später als Hansestadt durchlebte die Stadt mit wechselvoller Geschichte ein buntes, erlebnisreiches Mittelalter, eine Zeit, die der Stadt einen Dom, zwölf prachtvolle romanische Basiliken, unzählige weitere Kirchen und die Bezeichnung Heiliges Köln eintrug.
Karl der Große hatte noch in seinem Testament Köln die „eleganteste Braut Christi nach Rom“ genannt und der italienische Dichter und Gelehrte Petrarca, der die Stadt im Jahre 1333 besuchte, hatte ausgerufen: „Ich bewundere, wie groß im Barbarenland die Gesittung, wie schön der Anblick der Stadt, wie gesetzt die Haltung der Männer, wie schmuck das Gebaren der Frauen, wie überherrlich, obschon unvollendet der Dom sind.“
So weit, so gut, das hörte sich sehr gut an.
Aber mit dem Zerfall der Hanse und dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) begannen Niedergang und Verfall und die Stadt muss doch wohl arg an Charme eingebüßt haben.
„Dickes, bitteres Bier, schmutzige Gasthäuser, schmutzige, dicke Frauen und viel Speck.“ So aus dem Kölnbericht eines unbekannten englischen Reisenden aus dem 17. Jahrhundert. „Köln ist die hässlichste und schmutzigste Stadt, die ich gesehen habe“, notierte auch der englische Methodistenprediger John Wesley im Jahre 1738, und der schottische Philosoph David Hume kam bei einem Kölnbesuch zu dem Urteil, dass die Stadt „äußerst verfallen“ aussah, als wäre sie „von einer Pest oder Hungersnot heimgesucht worden“. Und auch der Schriftsteller Johann Kaspar Riesbeck kam fast 50 Jahre später zu einem ähnlich despektierlichen Urteil: „Die Straßen und Einwohner sind gleich schmutzig und finster. Köln ist in jeder Beziehung die abscheulichste Stadt von Deutschland.“
Wenig einnehmend auch die Beschreibung des englischen Dichters Samuel Coleridge, der Köln im Jahre 1789 eine „Stadt der Mönche und Knochen“ nannte, „voller Hexen und Huren“.
So kann es nicht verwundern, dass auch die englische Schriftstellerin Ann Radcliffe, die als Meisterin des Schauerromans galt und Köln zu Beginn des 19. Jahrhunderts besuchte, geradezu schockiert von ihren Eindrücken berichtete: „Die finsteren Häuser, erbärmlichen Gossen und kläglich aussehenden Menschen in Köln erinnern uns sofort an die Schrecken von Neuss. (Wo es ihr auch nicht gefallen hatte.) Eine enge Straße folgte der anderen. Die Häuser: ekelerregend mit ihren dreckigen Fenstern und Türen …“
Und an anderer Stelle liest man, dass die Stadt „rückständig, hässlich und voller Bettler und Pfaffen sei“. Die Urteile der Reiseschriftsteller des 18. Jahrhunderts über die Reichsstadt Köln waren vernichtend.
Etwa zur gleichen Zeit meinte die Schriftstellerin und Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, Johanna Schopenhauer, Köln mit Paris vergleichen zu müssen, und zwar „hinsichtlich des Straßenkots und des großen Miefs“.
Puh! Armes Köln!
Dann, im furchtbaren Krieg schwer getroffen, obwohl ohne Schuld, und vieler seiner Kostbarkeiten auf immer beraubt, erholte die Stadt sich wieder und wurde letztlich zu einer multikulturellen Metropole des organisierten Frohsinns, in der sich Menschen aus vielen Ländern, mit allerlei Sprachen und verschiedenen Religionen wohl gefühlt haben. Jedenfalls bis zu jener unsäglichen Silvesternacht 2015, die so vieles verändert hat.
Aber auch vorher hatte Köln schon durchaus seine dunklen Seiten, und zwar nicht erst in den 60er Jahren, als Rotlichtgrößen wie der Dumm’se Tünn oder Schäfers Nas die Szenerie beherrschten.
Und manchmal kann die Stadt auch heute noch zu einem tödlichen Pflaster werden, einem Pflaster voller Verrat und Intrige, und damit soll meine Erzählung beginnen:
Köln/Neuzeit
Es begann alles in einer Nacht, einer Nacht, deren Beginn nichts von den Ereignissen künden sollte, die dann folgen würden. Hätte ich das damals gewusst … Aber hören Sie selbst:
Alles begann mit einem entsetzlichen Geräusch!
Nervend und nicht enden wollend!
Eine grausame Kakophonie – mitten in der Nacht!
Schlaftrunken tasteten sich meine Finger vor, griffen nach der Ursache des störenden Geräusches, hoben den Hörer ab. „Ja?“, murmelte meine müde Stimme, müde und leicht verärgert ob der unwillkommenen Störung. In meinem Alter braucht man eigentlich seinen Schlaf. Einen Augenblick hörte man nichts, nur ein leichtes Stöhnen, ein stockender Atem. Dann ein Flüstern, krächzend und von Schmerz verzerrt, kaum verständlich.
„Pfarrer Diefenstein?“
Ich war plötzlich völlig wach, knipste die Nachttischlampe an und setzte mich aufrecht hin. Der Wecker zeigte kurz vor drei Uhr.
„Ja, hier Diefenstein. Wer spricht denn da? Was ist zum Himmel …?“
Wieder mühsames Atmen. „Hier … hier ist Sendermann … August Sendermann. Können … können Sie zu mir kommen? Jetzt, sofort?!“
„Mein Gott, Herr Sendermann. Was ist denn so dringend? Geht es Ihnen nicht gut?“
Im gleichen Augenblick wusste ich, wie dumm meine Frage war, und biss auf meine Lippen.
Ein Gesicht tauchte vor meinen Augen auf, ein hageres Gespenst, eingefallen und von langer Krankheit gezeichnet. Den Mann kannte ich gut. Schon als Kind hatten sich unsere Wege gekreuzt. Und man hatte sich immer wieder mal gesehen, beim Pfarrfest, im Gasthaus, im Viertel halt. Und später war August Sendermann Mitglied meines Gemeinderates, hatte die Gemeinde mit gutem Rat und einigem Geld unterstützt, bis er sich vor einigen Jahren ganz zurückgezogen hatte.
Wie ich wusste, litt der alte Mann an einer Krankheit, die sehr bald schon zum Tod führen musste, Lungenkrebs im Endstadium.
„Brauchen Sie einen Arzt, Herr Sendermann?“
Ein Husten, ein feines gefühltes Lächeln.
„Einen Arzt? Was soll ich mit dem? Der kann mir nicht mehr helfen. Sie brauche ich, Herr Pfarrer. Ich will beichten, mein Gewissen erleichtern, bevor … bevor ich …“, er stöhnte plötzlich auf und sein rasselnder Atem drang qualvoll durch den Hörer, „bevor ich vor unseren Schöpfer trete. Aber ich habe nicht mehr viel Zeit. Und … und es wird Ihr Schaden nicht sein.“
Ich verzog unwillig das Gesicht, ich mochte solche Bemerkungen nicht. Als wenn Seelenruhe käuflich wäre!




