Maritime Erzählungen - Wahrheit und Dichtung (Band 2)

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Es waren inzwischen weitere Kinder in seine Klasse gekommen. Einige davon waren zugezogene Flüchtlingskinder. In einem Schulraum wurden jetzt zwei Klassen unterrichtet. Für die Schüler und Lehrer trat eine Verbesserung der Unterrichtsbedingungen ein. Hans brauchte eine neue Tafel. Die Linien auf der Papptafel waren zerkratzt und so waren die geschriebenen Buchstaben nicht mehr zu lesen. Frau Solltau tauschte eine richtige Schiefertafel bei einer Bäuerin gegen Haarwickler ein, darüber freute Hans sich sehr. Jeden Tag wurden die geschriebenen Zahlen und Buchstaben mit einem nassen Lappen abgewischt. Das Geschriebene sah immer sauber aus. Es wurde aber nicht mehr nur auf der Schiefertafel geschrieben. Hans schrieb in der dritten Klasse schon in Heften mit Linien und Kästchen. Er benutze einen Bleistift, den die Mutter immer abends mit einem scharfen Messer anspitzte. Falsch geschriebene Wörter und Zahlen wurden ausradiert.
Eine Woche vor den Sommerferien erhielten Frau Solltau und Hans vom Pastor den Lohn für die geleisteten Dienste des vergangenen Jahres. Das Geld reichte aus, um die Fahrkarten für die Hin- und Rückfahrt nach Mecklenburg zu bezahlen.
Am Tag vor den Ferien verteilte der Lehrer die Zeugnisse. In den Kopfnoten hatte Hans eine Eins, im Lesen und Schreiben und Rechnen auch eine Eins. Hans und die Mutter waren sehr zufrieden. Für das sehr gute Zeugnis schenkte Frau Solltau ihrem Sohn eine neue selbst geschneiderte kurze Hose und einen Bleistiftanspitzer, den sie für ein Ei eingetauscht hatte. Am darauffolgenden Tag fuhr die kleine Familie wieder nach Mecklenburg.
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Spät abends holte sie der Opa mit dem Pferdewagen ab. Rudi wieherte, als er die kleine Familie wiedersah. Alle freuten sich auf das ersehnte Wiedersehen. Die Wirtschafterin hatte den Ankömmlingen ein warmes Essen, Kartoffelsuppe mit Speck, zubereitet. Opa spannte die Pferde aus und brachte sie in den Stall. Hans war mit dabei. Er schaute Rudi in die großen Augen und streichelte ihm die Mähne.
„Morgen sind wir wieder zusammen“, sagte er leise zu dem Pferd.
Nach dem Essen gingen alle müde zu Bett. Frau Solltau schlief mit Robert, Hans und Opa im selben Bett. Der Raum war sehr klein. Ein weiteres Bett ließ sich nicht aufstellen.
Am folgenden Morgen stand Hans früh auf und lief eilig in den Stall zu Rudi und Liese. Opa hatte beide schon gefüttert. Er streichelte beide Tiere und half Opa beim Ausmisten. Nach dem Frühstück fuhr die kleine Familie aufs Feld. Der Opa und der Bauer mähten mit der Sense den Winterweizen wie im letzten Jahr. Die Mutter band aus dem gemähten Getreide die Garben und stellte diese zur Hocke auf. Hans spielte mit Robert im Schatten einer solchen. Er öffnete mit einer kleinen Hacke die Mäusegänge zwischen den Stoppeln. In diesem Jahr gab es viele Mäuse, die schon auf dem Felde einen großen Schaden anrichteten. Ab und zu gelang es Hans eine Maus zu fangen und zu töten. Dabei hatte eine Maus Hans in ihrem Überlebenskampf in die Hand gebissen. Opa hatte ihm Jod, das er ständig bei sich trug, auf die Wunde gegossen. Bald waren die Schmerzen vorbei und die Mäusejagd begann von neuem.
Die Ernte war im vollen Gange. Die Bauern im Dorf ernteten vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf den Feldern. Unterstützt wurden sie durch Vertriebene und Flüchtlinge des Dorfes. Hans brachte, wie im vergangenen Jahr, die vollen Getreidewagen zum Abstaken in die Scheune. Zu den Mahlzeiten bekam er deshalb kräftige mecklenburgische Kost. Mittags gab es Kartoffeln, frisches Gemüse und immer etwas Fleisch. Zum Frühstück selbst gebackenes Weißbrot und Butter, zum Abendbrot Suppe und Bratkartoffeln mit Speck. Er war sehr, sehr zufrieden.
Langeweile gab es nicht. Frische warme Sommerluft, das Reiten der Pferde, schmackhafte und nahrhafte Speisen, mehr wünschte er sich nicht. Sein Körper war von der Sonne gebräunt. Unbekümmert verbrachte er seine Ferien. Der Bauer war freundlich und mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Sein Opa war stolz, ein „Söhnchen“, wie er es war, zu haben.
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So verging Woche für Woche der schönen Sommerferien, bis sich etwas Unvorstellbares ereignete. Der Opa bekam hohes Fieber. Der herangeholte Arzt stellte Typhus fest. Opa wurde in das Krankenhaus nach Grevesmühlen gebracht. Dort verstarb er. Der Tod von Opa machte Hans kopflos. Alle seine Träume waren nicht mehr erfüllbar. Den Weg nach Ostpreußen gab es nicht mehr. Er blieb immer in der Nähe der Mutter und half dort, wo er gebraucht wurde. Er war in dieser schweren Zeit eine Stütze für sie. Zusammen mit dem Pastor bereitete sie die Trauerfeierlichkeiten vor. Der Opa wurde in einem schlichten Sarg auf dem Kirchfriedhof beerdigt.
In der folgenden Woche erledigte Frau Solltau die Haushaltsauflösung. Der Bauer fuhr mit dem kleinen Pferdewagen die Haushaltsgegenstände der Großeltern zum Bahnhof. Dort vereinbarte die Mutter den Weitertransport nach Gutshof. Die Pferde und den Leiterwagen verkaufte sie an einen Neubauern im Ort. Er brachte die drei später zum Bahnhof.
Am Tag der Abreise verabschiedete sich die kleine Familie ein letztes Mal von Opa und Oma auf dem Kirchfriedhof. Der Personenzug fuhr pünktlich ab. Nach einer langen Bahnfahrt, mehrmaligem Umsteigen und zweistündigem Fußmarsch kamen sie wieder völlig erschöpft in Gutshof an.
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Die Lebensbedingungen der kleinen Familie verbesserten sich in der Folgezeit nicht wesentlich. Frau Solltau arbeitete Tag aus, Tag ein bei den Bauern, wie sie gebraucht wurde. Hans besuchte weiter mit Erfolg die Grundschule und Robert wurde eingeschult. Kein Weg führte mehr nach Ostpreußen zurück.
Die Grundschulzeit ging für Hans zu Ende. Er wollte einen Beruf erlernen.
Bernd, der Sohn des Melkers, erlernte den Beruf des Hochseefischers in einer Reederei in Rostock. Die Geschwister seines Opas hatten am Frischen Haff einen Familienbetrieb. Der gefangene Fisch wurde selbst bearbeitet und in Königsberg auf dem Wochenmarkt verkauft. Fische fangen, dass interessierte Hans auch.
„Hier im Dorf und in der Gegend möchte ich nicht bleiben“, sagte Hans zu Bernd.
„Du musst dich rechtzeitig bewerben. Du bist nicht der Einzige“, sagte Bernd und schrieb Hans die Anschrift der Reederei mit einem Bleistiftstummel auf einen kleinen Zettel.
*
„Ich möchte Fischer werden, wie Bernd, der Sohn vom Melker. Er fährt auf einem Logger“, sagte Hans nach dem Kirchgang zu seiner Mutter.
Die Mutter war sprachlos. Über die Berufswahl hatte sie mit ihm noch nicht gesprochen.
„Deine Berufswahl gefällt mir nicht. Dann bin ich mit Robert alleine. Seeleute sind monatelang weg. Unser Pastor möchte, dass du weiter zur Schule gehst und auch Pastor wirst“, bekam Hans zur Antwort.
„Kinder taufen, Verstorbene beerdigen, Mann und Frau vermählen, Krankenbesuche durchführen, Kinder auf die Konfirmation vorbereiten, Jugendliche konfirmieren und sonntags predigen, dafür interessiere ich mich nicht“, antwortete Hans wütend.
„Landwirt ist auch ein schöner Beruf. Pflügen, eggen, sähen und Tiere füttern. Keiner der Bauern hat bis jetzt gehungert“, meinte die Mutter.
„Die Bauern haben nicht gehungert, aber die Knechte. Ein Landwirt braucht eigenes Land. Unser Land ist in Ostpreußen“, antwortete Hans. „Oder möchtest du, dass ich als Knecht bei unserem Bauern arbeite?“
„Lothar, der Sohn von der Frau Meißner lernt Maurer“, war ein weiterer Vorschlag der Mutter. „Die Maurer haben Beschäftigung. Die Städte sind zerstört und müssen aufgebaut werden. Später kannst du dir selbst ein Haus bauen“, argumentierte die Mutter.
„In Gutshof gefällt es mir nicht. Ich habe mit Bernd gesprochen. Er ist sehr zufrieden mit seinem Beruf. Viele Fischer vom Frischen Haff fahren auf Kuttern, Loggern und Trawlern in Saßnitz, Rostock, Kiel, Hamburg, Cuxhaven, Bremerhaven und Emden in die Ost- und Nordsee. In der Hochseefischerei verdienen die Leute sehr viel Geld. Keiner hungert“, versicherte Hans seiner Mutter.
„Junge! Du bist vierzehn Jahre alt. Dort musst du schwer arbeiten. Hochseefischer ist kein Beruf fürs Leben. Die Fischer im Frischen Haff waren Familienunternehmen, die früh mit den Kuttern auf See rausfuhren und abends wiederkamen“, bekam Hans zur Antwort.
„Ich werde mich bewerben. Bernd hilft mir beim Aufsetzen des Bewerbungsschreibens“, sagte Hans zur Mutter. Abends setzte er sich an den kleinen Tisch. Er formulierte die Bewerbung, wie sie Bernd vorgeschlagen hatte, und legte das Schreiben in einen Briefumschlag mit der Anschrift der Reederei. Am anderen Tag klebte er eine Briefmarke auf den Umschlag und brachte den Brief mit der Zustimmung der Mutter zur Post. Nach geraumer Zeit kam die Antwort. Abends sagte die Mutter zu Hans: „Heute ist die Antwort von der Reederei gekommen. Man hat dich abgelehnt, weil du zu klein bist.“
„Zeige mir bitte den Brief“, erwiderte Hans wütend.
„Ohne meine Zustimmung darfst du den Beruf nicht erlernen“, antwortete die Mutter schroff.
Hans verstand seine Mutter nicht mehr. Er sprach kein Wort mehr mit ihr, nahm das Lehrbuch für Erdkunde aus der Schultasche und begann leise zu lesen. Auf die Fragen der Mutter antwortete er nicht mehr. Später ging er still zu Bett.
Am anderen Tag zeigte die Mutter Hans das Antwortschreiben der Reederei. Sie waren grundsätzlich bereit, Hans als Auszubildenden einzustellen. Nachreichen musste er das Zeugnis des letzten Jahres und die amtlich bestätigte Seetauglichkeit. Hierfür hatte die Reederei einen Vordruck mitgeschickt. Des Weiteren einen Lebenslauf und die Einverständniserklärung der Mutter. Sie hatte sich ihre Entscheidung noch einmal überlegt und war mit Hans’ Bewerbung einverstanden. Die noch fehlendenden Einstellungspapiere der Reederei übersandte er fast zeitgleich. Das amtliche Gesundheitszeugnis bestätigte seine Seetauglichkeit, die Abschrift des Jahreszeugnisses wurde durch den Direktor der Schule bestätigt. Den Lebenslauf hatte Hans kurzgefasst und sein Interesse an einen seemännischen Beruf besonders betont. Die Mutter hatte in einem kleinen Schreiben ihr Einverständnis für die Berufswahl bestätigt.
Nach einigen Wochen kamen zwei Exemplare des Ausbildungsvertrages per Post. Hans und die Mutter unterschrieben den Vertrag und ein Exemplar wurde an die Reederei zurückgesandt. Hans war sehr zufrieden. Er selbst konnte erstmalig über seinen weiteren Lebensabschnitt entscheiden.
Anfang September begann Hans mit der Ausbildung in der Reederei. Er war nicht der Einzige, über dreißig männliche Jugendliche hatte die Reederei eingestellt. Viele der Eingestellten waren älter. Wöchentlich wechselte die theoretische Ausbildung in der Berufsschule mit der berufspraktischen Ausbildung auf dem Lehrnetzboden, einer Werkstatt für die Herstellung von Fangnetzen. Die Werkstatt befand sich über den Fischhallen im Fischereihafen. Hier lernte Hans die Fertigung von Knoten, das Stricken von Netzteilen, die Reparatur von Netzen und das Spleißen von Tauwerk. Ein älterer Kapitän, der noch auf Segelschiffen gefahren war, vermittelte die seemännischen Handarbeiten. Ein Ausbilder aus Cuxhaven zeigte Hans das Stricken von Netzmaschen, die Herstellung und die Reparatur von Netzen. Unter der Anleitung erfahrener Praktiker lernten die Auszubildenden rudern und segeln. Im ersten Ausbildungsjahr wohnten die Auszubildenden im Internat. Hier nahmen sie die Mahlzeiten ein und wurden durch Erzieher betreut.
Vor seiner ersten Fahrt erhielt Hans den Jahresurlaub. Er besuchte seine Mutter. Sie hatte einen Mann ihres Alters kennengelernt, geheiratet und plante einen Arbeits- und Wohnungswechsel nach Westdeutschland.
„Dann bist du wieder Flüchtling“, sagte Hans zu seiner Mutter.
„Wir versprechen uns in Westdeutschland ein besseres Leben. Auch für dich wird sich etwas finden“, meinte die Mutter zuversichtlich.
„Ich bleibe hier. In Rostock habe ich eine neue Heimat gefunden. Die Bedingungen dort und mein zukünftiger Beruf entsprechen meinen persönlichen Vorstellungen“, erklärte Hans beharrlich.
Hans sprach mehrere Stunden mit der Mutter über ihr Vorhaben.
„Für mich ist die Flucht, die in Ostpreußen begann, zu Ende. Ich möchte hier bleiben. Das ist meine Entscheidung. Vielleicht geht es dir in Westdeutschland besser …“, sagte Hans etwas ungläubig.
„Wir sind zuversichtlich. Solltest du deine Meinung ändern, erwarten wir dich in Hessen“, sagte die Mutter hoffnungsvoll.
Nach seinem Urlaub musterte Hans auf einem Trawler als Auszubildender an. Hans freute sich auf seine erste Reise. Das Schiff fuhr in die Nordsee zum Heringsfang. Jetzt begann der zweite Teil seiner Ausbildungszeit. Hans bewohnte mit einem anderen Auszubildenden die erste Backbordkammer im Vorschiff. Die Kammer hatte eine Doppelstockkoje, eine kleine fest eingebaute lederbezogene Sitzbank, einen kleinen Tisch und zwei eingebaute Kleiderspinte. Unter der Doppelstockkoje befanden sich zwei integrierte Backskisten.
Am Abend lief das Schiff aus. Er war für den Decksdienst vorgesehen. Hans war froh und glücklich. Nichts konnte ihn mehr aufhalten.
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