Traumzeit für Millionäre

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Krupp ist auch in Österreich ein klingender Name. Die österreichischen Krupp waren zwar nicht so reich wie ihre deutschen Verwandten. Bertha Krupp hatte 1910 das höchste Einkommen Deutschlands. Arthur Krupp lag in der österreichischen Einkommensskala nur an dreißigster Stelle. Sein Einkommen von 906.012 Kronen war nur ein Zwanzigstel der Einkünfte von Bertha Krupp. Hermann Krupp, der Sohn von Friedrich Krupp und jüngere Bruder von Alfred Krupp, war 1843 nach Österreich gekommen, um hier seine neue Technik des Walzens von Besteck zu etablieren. Er tat sich mit Alexander Schoeller zusammen. Krupp brachte die Technik, Schoeller das Kapital. Die beiden waren zu je 50 Prozent am neuen Unternehmen beteiligt. Zu den Kunden des gewalzten, silberähnlichen und relativ billigen Bestecks zählten Hotels, Eisenbahnverwaltungen und Schifffahrtslinien. Der Ruhm des Unternehmens stammte aber weniger von den billigen Massenwaren als von den hochwertigen und hochpreisigen Essbestecken, wie sie zum Beispiel Kaiserin Elisabeth für ihr Korfuer Achilleon bestellt hatte. Arthur Krupp war von seiner Mitwelt für einen Geldverdiener von nahezu amerikanischem Zuschnitt gehalten worden. Er trieb in seiner Blütezeit den Aufwand eines Nabobs. Sein Geltungsbedürfnis war groß, wenn auch altruistisch. Seine Bautätigkeit, seine überbordenden Feste und Einladungen und seine Jagdleidenschaft lagen in „einer großzügig angelegten Natur“ seines Charakters begründet.170 Schon in der Wirtschaftskrise des Jahres 1900 geriet die Berndorfer Fabrik trotz ihres äußeren Glanzes in eine schwere Zahlungskrise, in der Friedrich Alfred Krupp, der seine Beteiligung erhöhte, dem österreichischen Vetter noch einmal aushalf.171 Nach 1901 steckten bereits namhafte Summen aus Essen im Berndorfer Unternehmen. 1915 musste das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden: Arthur Krupp verfügte über 17 Prozent, die Essener Krupp über 20 Prozent; 47 Prozent war der Anteil der Credit-Anstalt, der Rest entfiel auf die übrigen Familienangehörigen.
Arthur Krupp verstand sich wie seine deutschen Verwandten als patriarchalischer und sozial engagierter Unternehmer. Wie in Essen sollte auch in Berndorf eine Musterstadt entstehen. Mit Blick auf das Unternehmen und die Stadt ließ er seine repräsentative Villa errichten. Für die Arbeiter und Angestellten gab es werkseigene Wohnhäuser und ein neobarockes, von den renommierten Theaterarchitekten Helmer und Fellner errichtetes Arbeitertheater, für die Schüler 1909 zwei Schulen mit den Klassenzimmern in den wichtigsten Kunststilen vom alten Ägypten bis zum napoleonischen Empire – mit etwa 3 Millionen Kronen die teuerste Schulausstattung der Welt –, für den Gottesdienst eine neugotische evangelische und eine neubarocke katholische Kirche, für die Verköstigung eine Ausspeisungshalle für mehr als 1.000 Personen, für die Versorgung eine Konsumanstalt mit Fabriksökonomie, Bäckerei, Schweinemastanstalt und Meierei mit mehr als 250 Kühen sowie Schlachthaus und Wurstfabrik. Haus- und Firmenarchitekt war der dem Späthistorismus verpflichtete Ludwig Baumann. Krupp hielt nichts von modernen Architekten wie Adolf Loos oder Otto Wagner und auch nichts von moderner Demokratie. Sein Führungsstil war autoritär. An der Spitze des Unternehmens müsse einer stehen, der „rücksichtslos den Leuten die Schädel an einander schlägt“.172 Nach dem Zerfall der Monarchie und der Umstellung auf Friedensproduktion kamen immer mehr wirtschaftliche Schwierigkeiten. So zog sich Krupp langsam aus seinem Imperium nach Wien und in die Natur in seinem Jagdgebiet in der Walster zurück. Erst 1936 kehrte er nach Berndorf zurück, wo er 1938, wie auf seiner Todesanzeige zu lesen stand, „reich an Erfolgen und reich an Kummer und Sorgen“ verstarb.
Hugo Noot wurde in Löhnen bei Wesel (Nordrhein-Westfalen) geboren, kam als Handlungsreisender 1863 nach Wien und trat in die Dienste des Steyrer Gewehrfabrikanten Josef Werndl, in dessen Auftrag er Geschäftsabschlüsse in Konstantinopel tätigte und sich für Studien über die Waffenherstellung in den USA aufhielt. Gemeinsam mit Friedrich Vogel gründete er 1872 in Wartberg im Mürztal und im benachbarten Mitterdorf ein eigenes Eisen- und Stahlwerk zur Herstellung von Heeresausrüstungen. Von 1891 bis 1919 war Noot Präsident der Krainischen Eisen-Industriegesellschaft in Laibach, die nicht nur Stahlwerke in Assling (Jesenice) und Feistritz besaß, sondern in Servola bei Triest eine am Meer gelegene, moderne Hochofenanlage errichtete. Auch ein weiterer Großaktionär und Verwaltungsrat der Krainischen Eisenindustriegesellschaft, der Financier Karl von Born, war aus Berlin nach Wien gekommen.
Erst mit Blick auf die Liste der Wiener Millionäre wird deutlich, dass in Österreich mit seiner traditionsreichen Eisenindustrie der überwiegende Teil der finanziell wirklich erfolgreichen Eisen- und Metallindustriellen aus Deutschland kam, Böhler, Krupp, Noot, Born, Bleckmann, Haardt, Brevillier und Urban. Auch die Gesellschafter der Rudolf Schmidt & Co Oesterreichische Schmidtstahlwerke AG, die Feilen- und Werkzeugstahlfabrikanten Rudolf Schmidt und Hugo Rosenthal, stammten aus rheinländischen Schmiedefamilien. Anton Knips kam aus Sachsen. Zusammen mit der Altwiener Familie Krassl und der Eisenhandelsfirma C. T. Petzolt & Co führte er die Eisenwerke AG Rothau-Neudeck mit ca. 3.000 Beschäftigten. Und auch die Famile Schoeller, die ja mit ihrem Stahlwerk in Ternitz und ihrer anfänglichen Beteiligung in Berndorf mit der Eisen- und Metallindustrie eng verbunden war, stammte aus dem Rheinland. Wenn man die deutschen Wurzeln von Rothschild und Wittgenstein ebenfalls dazunimmt, kommt man zu dem überraschenden Ergebnis, dass die Spitzen der österreichischen Eisenindustrie weitgehend von Deutschland geprägt waren, und das in einem so alten Eisenland wie Österreich.
Rüsten für den Krieg
Das Wettrüsten, das im beginnenden 20. Jahrhundert einsetzte, wenn auch in Österreich in geringerem Umfang als bei den übrigen europäischen Mächten, bescherte den Industriellen naturgemäß fette Gewinne, nicht nur den Waffenerzeugern und Munitionsfabrikanten, sondern auch den sonstigen Heeresausrüstern.173 Karl Škoda lenkte den von seinem Vater Emil aufgebauten Konzern immer mehr ins Rüstungsgeschäft. Er war nach Wien übersiedelt, um die Kooperation zwischen Pilsen und Wiener Neustadt zu einem umfassenden Rüstungskonzern voranzutreiben. Er baute die Škoda-Werke zur Waffenfabrik aus, fädelte eine enge Zusammenarbeit mit Austro-Daimler ein und zählt auch zu den Gründern der Oesterreichischen Flugzeugfabrik AG in Wiener Neustadt. Das spektakulärste Produkt waren die 30,5 cm großen Mörser mit den mit Radnabenmotoren angetriebenen Zugmaschinen. Nach Ende des Krieges wurde das Unternehmen in tschechisch-französischen Besitz übergeführt (Schneider-Creusot). Škoda übersiedelte ganz nach Österreich und widmete sich seinem Großgrundbesitz.174 Wie Škoda in Pilsen mit Geschützen wurde Werndl in Steyr mit Gewehren reich. Die beiden Werndl-Töchter konnten aus den Erträgen der Gewehrfabrik, die ihr Vater aufgebaut hatte, mit ihren adeligen Ehepartnern ein unbesorgtes, arbeitsfreies Einkommen genießen.
Zwischen Wien und Wiener Neustadt entwickelten sich die Zentren der österreichischen Munitionserzeugung. Viktor Alder erzeugte Granatenzünder und gilt als Erfinder der Leuchtspurmunition. Begonnen hatte sein Vater mit der Herstellung von Fliegenpapier (des sogenannten Fliegenfängers oder Insektenstreifens). Späteres Herzstück der Erzeugung von Alder waren aber die Schießbaumwolle und die Zündkapsel-Herstellung für die Hinterlader.175 Die Brüder Roth (im Wiener Slang die „Kapselroth“) waren Munitionsfabrikanten, ähnlich wie Mandl und Keller in Hirtenberg und Enzesfeld. Die Roth AG leitete für das von Hans Ritter v. Dahmen auf der Basis von Ammoniumnitrat und Aluminium erfundene Ammonal ab 1909 im Pulverwerk Felixdorf die Großproduktion in die Wege und entwickelte daraus im Ersten Weltkrieg das Toluol-Ammonal.
Aber nicht nur die Waffenproduzenten, sondern auch jene, die für die sonstige Ausrüstung verantwortlich waren, konnten sich großer Aufträge erfreuen, die Erzeuger von Uniformen, Schuhen, Menageschalen, Feldschmieden und Feldküchen, Riemen und Pferdegeschirr. Karl Franz Schaller war Blasbalg-, Feldschmiede- und Werkzeugfabrikant. 1857 hatte Josef Schaller ein Fabriksprivileg für eine von ihm erfundene transportable Feldschmiede erhalten. 1907 lieferte die Firma die Packsättel für MG-Tragtiere. Diese Schmieden und Sättel wurden von 27 Auslandsstaaten übernommen. Budischowsky lieferte die Schuhe. Wilhelm Beck war mit Uniformen reich geworden. Die farbenfrohen Uniformen prägten nicht nur das Militär. Auch jeder Beamte musste seine Beamtenuniform haben, ebenso wie jeder Briefträger, Schaffner oder Lakai. Auch die Kutscher, Chauffeure, Portiere und Hausknechte wurden in Uniformen gesteckt. Wilhelm Beck, der 1849 in der Langen Gasse im 8. Wiener Bezirk mit dem Verkauf von Herren- und Knabenkleidung aus eigener Erzeugung begonnen hatte, hatte mit dem Einstieg ins Uniformgeschäft die richtige Entscheidung getroffen. Mit der Uniformpflicht für Staatsbeamte war plötzlich ein hoher Bedarf entstanden. Am Stephansplatz im neuerbauten Palais Equitable hatte man einen entsprechend noblen Standort gefunden. Das Geschäft war für seine repräsentative Eleganz und Ausstattung bekannt und zählte bald zu den Sehenswürdigkeiten Wiens. Die Firma war eine der bedeutendsten ihrer Branche in ganz Österreich-Ungarn. Um 1900 beschäftigte sie circa 60 Beamte und 5.000 - 6.000 Mitarbeiter und fing an, Geschäftsbeziehungen ins Ausland aufzubauen. Vertretungen gab es in Belgrad, Sofia und Konstantinopel, eigene Filialen in Lemberg, Czernowitz, Pressburg, Josefstadt und Innsbruck. Mit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch der Monarchie kamen schwere Zeiten für das Unternehmen. Die Abschaffung der Uniformpflicht für einen großen Teil der Beamten brachte das endgültige Ende.

Qualitätsnachweis als öffentliches Spektakel: Ein Safe von Franz Wertheim besteht 1857 in Istanbul die Feuerprobe. Gemälde von unbekannter Hand.
Das Zeitalter der Maschinen
Österreichs Maschinenindustrie rangierte am Vorabend des Krieges unter den führenden Erzeugern der Welt, hinter den USA, Großbritannien und Deutschland. Die Zentren waren in Niederösterreich und im benachbarten Böhmen und Mähren: Die Nachfrage kam von den großen Treibern des wirtschaftlichen Wachstums, den Eisenbahnen, mechanischen Webereien, Hüttenwerken, Zuckerfabriken, Bierbrauereien, Dampfmühlen und Papierfabriken und nicht zuletzt vom wachsenden Bedarf an landwirtschaftlichen Maschinen für den großen Agrarsektor der Monarchie.
Böhmen und Niederösterreich beherbergten jeweils etwa ein Drittel des österreichischen Maschinenbaus. Die Maschinenindustrie ihrerseits beanspruchte etwa ein Drittel des österreichischen Stahlverbrauchs. Ihr Produktionswert lag 1912 in 21 Aktiengesellschaften und 259 Fabriken mit 34.000 Arbeitern bei etwa 640 Mio. Kronen. Es waren nicht nur die großen Maschinenfabriken, die Brünner Maschinenfabrik, Waagner-Biro in Wien oder die Andritzer Maschinenfabrik, sondern eine ganze Reihe von Nischenbetrieben, wo Wiener Produzenten Weltruf erlangt hatten.
Maximilian und Louis Friedmann besetzten mit der Dampfstrahlpumpe und mit ihrer Armaturenfabrik solch eine Nische, ebenso der Techniker Alfred Collmann, der 1876 die erste zwangsläufige Steuerung für Kolbendampfmaschinen entwickelt hatte, die sogenannte Collmann-Steuerung. Die Maschinenfabrik der Brüder Josef und William Hardy profitierte von der Erfindung ihrers Vaters, der sogenannten Hardyschen Vacuumbremse. Anton Freissler war der erste Hersteller elektrischer Personen- und Lastenaufzüge in Österreich. Aber auch Franz Wertheim, der als Werkzeugproduzent und Erzeuger von feuerfesten Kassen Weltruf erlangt hatte, schuf sich im Aufzugbau ein weiteres Standbein. Karl Schember war der größte Waagenproduzent. Sein Vater, der 1836 als Lokomotivführer in den Dienst der Kaiser Ferdinands-Nordbahn eingetreten war, hatte sich 1852 selbständig gemacht und begonnen, eine Werkstätte zur Erzeugung von Brückenwaagen zu errichten.176 Schember & Söhne stellte 1888 erstmals auch Münzwaagen auf. Das Zeitalter der Münzautomaten war angebrochen: für Schokolade, Zigaretten und eben auch zum Abwägen der eigenen Körperfülle. Ein besonderes Geschäft waren feuerfeste Tresore, die Wertheim mit geschicktem Marketing anbot, oder die Soldkassen für das kaiserliche Heer, die Theodor Braun erzeugte. Später weitete er seine Fabrik für Briefkästen und Metallwaren auf Münzautomaten aus. In den 1980er Jahren wurde die inzwischen recht klein gewordene Firma von dem damaligen Automatenkönig Ferry Ebert übernommen, der von ihr seine Kondomautomaten bezogen hatte. 1993 wurde das Unternehmen liquidiert. Nicht immer waren es technische Wunderdinge: Auch so kleine Dinge wie der Priemsche Druckknopf-Verschluss oder mechanische Feuerzeuge konnten reich machen.
Einige Unternehmen haben ihre Erfolgsgeschichte bis heute fortgesetzt. Aus den Patenterlösen für seinen Reflexions-Flüssigkeitsstandzeiger errichtete Richard Klinger 1893 die „Gumpoldskirchner Maschinen- und Metallwarenfabrik“, wo er ein neues, druck- und temperaturbeständigeres Dichtungsmaterial entwickelte, das später „Klingerit“ genannt wurde und noch heute hergestellt wird. Die Gumpoldskirchener Maschinen- und Metallwarenfabrik Richard Klinger, in der später auch Azetylen-Beleuchtungsanlagen, Stopfbüchsenpackungen sowie verschiedene Arten von Pumpen (Rundlauf-, Feuerlösch-, Öl- und Fettschmierpumpen) erzeugt wurden, wurde 1912 in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt und hatte bei Klingers Tod 600 Beschäftigte. Heute arbeiten für die Klinger-Gruppe, deren Sitz inzwischen in der Schweiz ist, mehr als 1.800 Beschäftigte, davon etwa 400 in Gumpoldskirchen. Auch die Krauseco Werkzeugmaschinen GmbH, 1905 von Ernst Krause, Gesellschafter der Fa. Schuchardt & Schütte, gegründet, blickt inzwischen auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurück. Ihr Gründer, der aus Solingen gebürtige Ernst Krause, versteuerte 1910 bereits die Riesensumme von 304.000 Kronen.
Der aufgehende Stern der Autoindustrie
Die Königin der Maschinen des 19. Jahrhunderts war die Dampfmaschine. Doch ihr Stern war bereits im Sinken. Ein neuer Stern tauchte am Industriehimmel auf: die Fahrrad- und Automobilindustrie. Die ersten inländischen Fahrräder stammten von der Wiener Firma K. Greger, die 1884 die Erzeugung von Hochrädern und 1886 auch von Niederrädern aufgenommen hatte. Greger wurde Millionär. Um 1900 zählte man mehr als 20 Fahrraderzeuger im Land. Doch eine Weltmacht im Fahrradbau wurde Österreich nie. Die österreichische Jahresproduktion wurde 1900 mit etwa 175.000 Stück angegeben. Das waren nur etwa 3 Prozent der damaligen Welterzeugung.177 In Wien war der Kutschen- und Pferdewagenbau, der auf dem Land ein einfaches Gewerbe darstellte, zu einer auf einen überregionalen Markt orientierten Industrie geworden. Jacob Lohner & Comp. war die größte Fuhrwerksfabrik Wiens und das Aushängeschild des österreichischen Kutschenbaus. Es wundert nicht, dass Jakob Lohners Sohn Ludwig die Chancen des Automobilbaus ganz frühzeitig erkannten. Nach einem Technikstudium übernahm er 1887 die Unternehmensleitung und begann nach dem Tod des Vaters mit der Umgestaltung der damals größten Pferdewagenfabrik Österreich-Ungarns auf Automobile und später Flugzeuge. Er setzte auf Elektroautos, denen er wie viele damalige Experten eine wesentlich größere Zukunftschance einräumte als den Verbrennungsmotoren. Elektromobile vermieden zweifellos manche Anfangsschwächen der Benzinkutschen: das Starterproblem, die Lärm- und Geruchsbelästigung und die große Störungsanfälligkeit der Motoren. Sie waren Mobile für kurze Distanzen und gemütliche Fortbewegung. Daher wurden sie auch als „Frauenautos“ beworben.
Der junge Ferdinand Porsche, dem der Maffersdorfer Industrielle Wilhelm Ginzkey 1893 eine Stelle beim Wiener Elektropionier Béla Egger vermittelt hatte, begann für Lohner Elektrofahrzeuge mit Radnabenmotoren zu bauen. 1900 wurde der Lohner-Porsche mit Elektroantrieb auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt. Als Lohner-Porsche „Mixte“ und ab 1906 als „Mercedes Electrique“ brachte Ferdinand Porsche sein Konzept des Hybridantriebs zur Serienreife. Der Geschäftserfolg der Elektromobile blieb aber aus. In den Jahren 1900 bis 1904 verkaufte Lohner nur 33 Elektromobile. Damit erreichten sie etwa 15 Prozent des Lohnerschen Jahresumsatzes. Der durchschnittliche Jahresumsatz bei Lohner in den Jahren 1900 bis 1904 betrug 547.000 Kronen. 1906 entschied sich Lohner für den Rückzug aus der Automobilproduktion und verkaufte seine Patente an Emil Jellinek und die Oesterreichische Daimler-Motoren-Gesellschaft in Wiener Neustadt. Ferdinand Porsche wurde deren Direktor und setzte nunmehr auf schnelle Rennautos und Militärfahrzeuge. Lohner selbst widmete sich nur mehr dem Karosseriebau und den elektrischen Oberleitungsbussen. 1909 stieg er mit einem Doppeldecker, der mit einem 40-PS-Anzani-Motor ausgestattet war, in den Flugzeugbau ein. Die k. u. k. Heeresleitung bestellte bei ihm 36 Flugzeuge des Typs Etrich Taube. Dann folgte der Lohner Pfeilflieger, der sowohl als Land- als auch als Wasserflugzeug eingesetzt werden konnte. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde das Werk in Floridsdorf wesentlich erweitert. Im Jahr 1916 wurde das 500. Lohner-Flugzeug gefertigt. Bis zum Ende Krieges kamen noch 185 weitere dazu.178 Bis 1910 konnte Lohner den Umsatz von etwa 500.000 auf 800.000 Kronen heben, ein Niveau, das die Firma schon Mitte der 1890er Jahre am Höhepunkt des Kutschenbaus erzielt hatte. Mit Einsetzen des Flugzeugbaus verdoppelte sich Lohners Umsatz bis 1913 auf etwa 2 Mio. Kronen.
Die galizischen Ölmillionäre
Österreichs Texas oder Arabien lag im Osten. Die galizischen Erdölbarone waren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Begriff geworden. Die Habsburgermonarchie belegte Rang fünf in der weltweiten Erdölförderung. Allerdings darf das nicht überschätzt werden. Es waren höchstens fünf Prozent der damaligen Weltproduktion. Und diese war verglichen zu heute lächerlich niedrig. Die Hindernisse der Pionierzeit waren groß. Es war nicht nur schwierig, erfahrene Bohrtechniker zu rekrutieren und den Abtransport und die Verarbeitung des Öls zu organisieren, sondern auch die nötige Nachfrage für das Produkt zu haben. Denn vorerst waren die Petroleumlampen die größten Verbraucher. Und das Petroleumlicht erhielt immer mehr Konkurrenz durch Leuchtgas und Elektrizität. Und am Land brannten immer noch die Kerzen und Kienspäne. Doch im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte sich für den Mineralöl- und Petroleumsektor eine ganz neue Perspektive eröffnet: Mit dem Automobil entstand ein neuer Energieverbraucher, der eine völlig neue Nachfrage schuf, aber auch eine ganz andere Vertriebsorganisation benötigte.
Die galizische Mineralölindustrie hatte vor dem Ersten Weltkrieg bereits eine äußerst turbulente Entwicklung hinter sich. Der Ölboom, der im galizischen Borysław in den späten 1850er Jahren ausgebrochen war, brachte für die gesamte Region einen Industrialisierungsschub. Die Pioniere wurden reich, darunter die legendären Brüder Lazar und Moses Gartenberg und der Kanadier William Henry McGarvey. Dieser brachte 1883 das kanadische Bohrsystem nach Österreich. Er blieb im Land und gründete die Galizische Karpathen-Petroleum AG, vormals Bergheim & McGarvey. Durch seine Erfindung, den Exzentrik-Bohrmeißel, waren erstmals größere Bohrtiefen erreichbar.179 1911 gab es 329 Erdölbaue mit 7.000 Arbeitern und 82 Raffinerien mit 8.000 Beschäftigten. Die Rohölförderung war mit 1,4 Millionen t aus heutiger Sicht eine Quantité negligeable. Die Raffinerien produzierten 800.000 t, davon drei Viertel Petroleum, ein Viertel Schmieröl. 1907 zerbrach das Rohöl- und Raffineriekartell. 1911 gab es wieder ein Kartell. Inzwischen hatte sich die Situation grundlegend geändert.
Im Erdölgeschäft brauchte es hemdsärmelige Typen. David Fanto hatte als Lehrling bei einem Wiener Petroleumhändler begonnen, begründete die erste Österreichische Raffinerie, brachte es zu Ölfeldern in Galizien, Rumänien und Polen und war an Bohrungen im Orient beteiligt. 1889/90 errichtete er eine Raffinierie in Pardubitz. Das verarbeitete Öl stammte zuerst aus der Kaukasusregion, dann aus Galizien. Um 1900 beschäftigte Fanto etwa 500 Leute mit einem Vertriebsnetz über ganz Europa. 1907 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Wien umgewandelt. 1916 kaufte er das Schloss Pottenbrunn, 1917 ließ er sich von Ernst von Gotthilf-Miskolczy und Alexander Neumann ein imposantes Palais am Schwarzenbergplatz 6 errichten.180

Erster Schallplattenstar: Selma Kurz-Halban. Foto: Nathaniel Rothschild
Insgesamt war das Ölgeschäft noch eine sehr kleine Sparte. Erdöl war noch kein konstituierender Bestandteil der chemischen Industrie. Diese war in Österreich zwar nicht unbedeutend, aber sehr zersplittert, so dass kein dominierender Konzern mit wirklich innovativen Entwicklungen entstehen konnte, weder in der Schwerchemie oder im Düngemittelbereich noch in der Farbenchemie. Aber die Gewinne, die gemacht wurden, waren auch in Österreich sehr respektabel. Alfred Kraus machte sein Vermögen im Handel mit Ultrama- rin und leitete die Vereinigten Papier- und Ultramarin-Fabriken Jacob Kraus. Sein Bruder Karl Kraus kritisierte den Rückstand der Chemiewissenschaft an der Wiener Technischen Hochschule, deren Professoren die Farbchemie für einen „reichsdeutschen Schwindel“ halten würden.181 Johann Medinger sen. errichtete 1850 in Gumpoldskirchen eine Mühle zum Zermahlen von Farbholzgattungen, aus der eine wichtige Farbenfabrik entstand. Wilhelm Neuber wandelte eine Farbwarenhandlung in einen Handels- und Produktionsbetrieb um und begann mit der Extraktion des gerbstoffreichen und färbenden Kernholzes der Catechu-Akazie. Die Mainzer Lackfabrik von Carl Ludwig Marx war vor dem Ersten Weltkrieg unter dem Enkel des Firmengründers zur bedeutendsten Lackfabrik in Europa herangewachsen. Das Zweigwerk in Gaaden bei Wien war 1873 begründet worden. Den Anstoß gaben die Harz liefernden Föhrenwälder im südlichen Wienerwald. Daraus entstand ein rechtlich selbständiges Unternehmen, das seinerseits Zweigwerke in Milkendorf (Moravskoslezsky Kraj), Domzale (Slowenien) und Budapest eröffnete. Mit dem Bedarf für den neuen Sektor Schallplatte entstand für die Lackindustrie ein völlig neues Produktsegment, das sich schon deutlich in den Einkommen nicht nur der Materialerzeuger, sondern auch der Sänger, etwa von Selma Kurz-Halban oder Leo Slezak, niederschlug.182

Mit Reifen zu Reichtum: 1910 stellen die zwei Linien der Firma Reithoffer bereits eine Reihe von Millionären.
Egal, ob man die Zündholzbranche nun der Holzindustrie oder der chemischen Industrie zuordnet, für Österreich im 19. Jahrhundert war sie eine wichtige Branche. Eine chemieindustrielle Wachstumsbranche, die gar nicht so neu war, war die Kautschukverarbeitung. Der Aufstieg der Familie Reithoffer war dem aus Feldsberg gebürtigen Schneider Johann Nepomuk Reithoffer zu verdanken, der 1824 ein Privileg auf wasserdichte Stoffe und später auch für elastische Bänder erhalten hatte und die Kautschukfabrik in Wimpassing begründete. 1832 begann auch sein Cousin Josef Reithoffer mit einem Unternehmen zur Herstellung von Gummiwaren, dessen Hauptsitz sich im späten 19. Jahrhundert nach Steyr verlagerte. Die zwei Linien der Familie Reithoffer sind 1910 mit einer Reihe von Millionären vertreten. Mit der Reifenerzeugung eröffnete sich für sie ein ganz neues Feld. Der Konzentrationsprozess führte dazu, dass in der Zwischenkriegszeit alle Reithoffer-Betriebe im Semperit-Konzern vereint wurden. Neue Produkte entwickelte auch Emanuel Grab v. Hermannswörth mit seiner Ledertuch-, Wachstuch-, Fußtapeten und Gummistoff-Fabrik in Prag-Lieben und Györ. Auch Heilpern & Haas war von Beginn an ein sehr innovatives Unternehmen und wusste den Aufschwung des beginnenden 20. Jahrhunderts mit Gummi- und Asbestwaren, Linoleum, Kautschuk, Zelluloid, Kunstharz und Kunstharzwaren mit etwa 50 Zweigstellen im In- und Ausland zu nutzen. Auf den hinteren Millionärsrängen findet man auch Johann Zacherl, der ein Naturprodukt, die Chrysantheme, zu seinem Insektenpulver verarbeitete, aber in den 1920er Jahren den Anschluss an die neue Pestizidchemie verpasste und ebenfalls der Wirtschaftskrise zum Opfer fiel.



