Traumzeit für Millionäre

- -
- 100%
- +
Baron Anselm Rothschild hatte das Image eines Asketen: Sein Hauptlaster soll Schnupftabak gewesen sein. Er führte das Leben eines Einsiedlers und Sparmeisters, sprach, um sich von den Angestellten abzuheben, nur Französisch, und sein Begräbnis sei so anspruchslos gewesen wie das eines armen Juden.18 Bei seinem Tod im Jahr 1874 hinterließ er ein Vermögen von ca. 94 Millionen Gulden, die Hälfte davon als Privatvermögen.19 Die nächstgrößten Vermögen in diesem Jahrzehnt lagen bei 19, 18 und 14 Millionen Gulden, das fünftgrößte Vermögen bereits bei unter fünf Millionen.
Albert als jüngster übernahm die Wiener Geschäfte, Ferdinand ging nach England und Nathaniel, der den größten Teil der Kunstschätze erbte, lebte in Wien, betätigte sich als Kunstsammler und Philanthrop und führte das sorglose Leben eines Rentiers. Zwischen 1871 und 1878 hatte er sich in der Theresianumstraße ein Palais errichten lassen, das zu den prachtvollsten Neubauten des Wiener Historismus zählte. Ab 1884 begann er in Reichenau an der Rax mit dem Bau einer Sommervilla im Stil der Loire-Schlösser. Die Bezeichnung Villa war leicht untertrieben, bei 200 Zimmern und Baukosten von 2 Mio. Gulden, dem Zehnfachen der benachbarten Villa Wartholz für den Kaiserbruder Erzherzog Carl Ludwig und dem Hundertfachen der nahe gelegenen, auch nicht gerade kleinen Villa Hebra. Das Projekt blieb halbfertig. Nicht weil Nathaniel das Geld ausgegangen wäre, sondern weil er 1889 plötzlich das Interesse verloren hatte und das Gebäude zum Ärger der Fremdenverkehrsgemeinde und des benachbarten Erzherzogs in eine Stiftung für Tuberkulosekranke umwandeln wollte. Weil ihm das wegen des Widerstands der Anrainer und des Kaiserbruders nicht gelang, machte er ein Militärinvalidenhaus daraus.
Nathaniel wird meist als schrulliger Hypochonder beschrieben, der in seinem Schloss Enzesfeld nur eine einzige Nacht verbrachte, weil er gehört hatte, dass es für Epidemien anfällig sei, und der sich eine Jacht um vier Millionen Gulden zulegte, mit der er sich aus Angst vor dem Ertrinken nicht von der Küste wegwagte.20 Wenn Nathaniel reiste, dann mit eigenem Salonwagen, eigenem Leibarzt, Sekretär und Kammerdiener. Wie sein englischer Cousin Alfred, der sein eigenes Orchester dirigierte und sich einen privaten Zirkus hielt, in dem er als Direktor auftrat, hatte auch Nathaniel sein Privatorchester, das ihn überallhin begleitete und das er selber leitete, er hatte seine Gewächshäuser und seinen Fußballclub, den „First Vienna Football Club“ auf der Hohen Warte, der noch immer die blau-gelben Farben der Rothschilds trägt.21
Die wirtschaftliche Leitung des Hauses hatte Albert Salomon, genannt „Salbert“. Seine Geschäfte liefen wie geschmiert: Seine Einkünfte kamen aus der Privatbank und aus der Creditanstalt und ihrem Industriekonzern, von den Anteilen an der Nordbahn, vom Stahlwerk Witkowitz und von den großen Grundbesitzungen. Wie stark sich Albert im operativen Geschäft engagierte, ist kaum erforscht. Der Generaldirektor der Credit-Anstalt Alexander Spitzmüller charakterisierte ihn als „eigentümliche Mischung aus Gentleman und brutalem Machthaber“, der sich über seine Mittelsleute und Vertrauten im Hintergrund hielt, ohne den aber keine Entscheidung ablief. Paul Kupelwieser, sein Generaldirektor in Witkowitz, beschuldigte ihn, nicht das geringste Interesse am Industriegeschäft gehabt zu haben. Statt in neue Produktionsfelder zu investieren, habe er lieber Grundbesitz angehäuft.22 Seinen größten Coup hatte Albert 1881 mit der Konvertierung von 592 Mio. Gulden ungarischer Goldrente von bisher sechs auf vier Prozent gemacht und dabei angeblich 150 bis 160 Mio. Gulden verdient.
Der Eintritt der Rothschilds in die Adelsgesellschaft verlief langsam, schwierig und unvollkommen. Auch die Rothschilds der vierten Generation, die sich ihren vergoldeten Palästen und gepflegten Gärten widmeten, waren immer noch stolz auf ihre jüdische Identität. Auch ihre formale Aufnahme in den Adelsstand und die ihnen schließlich gewährte Hoffähigkeit, für einen Baron jüdischer Konfession ein singuläres Ereignis, bedeuteten keinen uneingeschränkten Zutritt in diese Gesellschaft.23 Fürstin Pauline Metternich soll Nora Fugger zufolge zu Rothschild gesagt haben: „Warum lassen sie sich denn nicht endlich einmal taufen?“ Der Baron gab ihr zur Antwort: „Aber Fürstin, was würde das an der Sache ändern? Ich wäre dann doch nur ein getaufter Jude.“24
Albert ließ sich in der Heugasse, heute Prinz-Eugen-Straße, ein riesiges Palais im Louis-Seize-Stil errichten, mit silbernem Speisesaal und goldenem Ballsaal. Rothschild-Schlösser gab es unter anderem in Langau, Enzesfeld, Schillersdorf und Beneschau, riesigen Grundbesitz im Erlauf- und Ybbstal.25 Das Waidhofener Schloss wurde großzügig regotisiert und ausgestaltet. Selbstverständlich waren nicht nur eigene Jagdreviere und Reitställe, sondern auch eine eigene Radfahrhalle, ein Tennisplatz, ein Eislaufplatz, eine riesige, aber antiquierte Kunstsammlung und ein botanischer Garten. Albert war Pferdezüchter und Rennstallbesitzer und neben dem Pferdenarren Baron Springer, dem viertreichsten Wiener, das einzige jüdische Mitglied des exklusiven Jockeyclubs.26

Eine „eigentümliche Mischung aus Gentleman und brutalem Machthaber“: Albert Salomon Freiherr von Rothschild mit seiner Frau Bettina Caroline, um 1880.
„Er hat Liebhabereien wie ein Schnorrer“, meinte der Berliner Bankier Carl Fürstenberg in einer auf den ersten Blick recht unpassenden Art über Albert Rothschild: Schlittschuhlaufen, Radfahren und schwierige Bergtouren bildeten sein Hauptvergnügen.27 Er war ein hervorragender Fotograf und anerkannter Schachspieler, er besaß eines der ersten elektrischen Automobile in Wien, bevorzugte aber den Fiaker, war ein begeisterter Alpinist, der als siebenter am Matterhorn war, und ein Hobbyastronom von Rang. Die meiste Zeit seines Lebensabends verbrachte er in seinem Photoatelier, wohin er sich auch die Finanz- und Börsenachrichten bringen ließ. Angesichts seiner riesigen Einkommen mussten seine vielen Schlösser und Sammlungen, ja selbst die kolportierte Summe von etwa 35 Millionen Kronen oder vielleicht sogar Gulden oder etwa 3,5 bis 7 Prozent seines Lebensverdiensts für Sozial- und Kulturförderungen dennoch wie Schnorrerei erscheinen. Albert Rothschilds Sparsamkeit war stadtbekannt. Die folgende Anekdote mag gut erfunden sein: Im Pariser Ritz habe er sich nach dem billigsten Zimmer erkundigt. Auf den Hinweis des Portiers, sein Sohn nehme immer die Fürstensuite, erwiderte er trocken: Der hat ja auch einen reichen Vater. Den Großteil seiner Einkommen jedenfalls hat Rotschild nicht konsumiert, sondern für Wertpapiere und sonstige Veranlagungen ausgegeben, um sein Einkommen weiter zu vermehren.
Es ist keine Eigenart der österreichischen Rothschilds, dass sie mehr quantitativ als qualitativ bauten und recht antiquiert Kunst sammelten, mit wenig Blick für das Neue: Louis Quinze und Louis Seize. Der „goût Rothschild“ war sprichwörtlich. Anselm Rothschild war von seinen Kindern als Sammler von Schnupftabaksdosen verspottet worden. Aber diese seine Kinder Nathaniel und Albert sammelten zwar Tizian, Tintoretto, Tiepolo und die Niederländer, aber keine Impressionisten, keine Sezessionisten und auch keinen Klimt oder Schiele.
Das Vermögen des 1905 kinderlos verstorbenen Nathaniel erbte sein Neffe, Alberts ältester Sohn Adolphe. Dieser versteuerte 1910 ein Jahreseinkommen von 1,001.101 Kronen. Damit lag er an 24. Stelle des Rankings. Für die Geschäfte eignete er sich wenig. Er hatte zwar Jura studiert, interessierte sich aber für Kunstgeschichte, Philologie und Philatelie. Er besaß eine philatelistische Sammlung von Weltruf und die hervorragende Kunstsammlung, die er von seinem Onkel Nathaniel Rothschild geerbt hatte, dazu die berühmten Gärten auf der Hohen Warte.
Die letzten Jahre Albert Rothschilds waren unglücklich verlaufen. Nachdem er 1892 so früh seine Frau verloren hatte, versetzte ihm der Freitod seines jüngsten Sohns im Jahr 1909 den letzten Schlag. Die Leitung der Geschäfte ging nach seinem Tod 1911 an seinen zweiten Sohn Louis über, der noch keine 30 Jahre alt war.28 Dieser, stoisch und unnahbar, war ein Grandseigneur, aber kein Arbeitstier. Er verkörperte den ledigen Playboy, der erst in seinen Sechzigern heiratete, war ein phänomenaler Reiter, Jäger und Polospieler und interessierte sich für Anatomie, Botanik und Kunst. Während die englischen Rothschilds nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr außergewöhnlich reich waren, blieb Louis Rothschild, der letzte Chef der österreichischen Linie, auch nach 1918 der weitaus reichste Österreicher.29 Aber auch sein Vermögen war schon stark geschmolzen und bewegte sich nach dem Zusammenbruch der Credit-Anstalt im Jahr 1931 in steilem Fall. Die Nationalsozialisten raubten den immer noch riesigen Rest. Die Rückstellungen nach 1945 wickelte er in der Art eines Grandseigneurs ab, zugunsten seiner ehemaligen Beschäftigten und zugunsten des österreichischen Staates. Für einen Rothschild im sowjetisch besetzten Teil Österreichs standen die Perspektiven nicht gut. Von Witkowitz, dem größten Stahlwerk der Tschechoslowakei, erhielt er immerhin eine Ablöse von einer Million Dollar. Als Louis am 15. Jänner 1955 in Montego Bay auf Jamaika ertrank, war sein Tod den Zeitungen keine großen Nachrufe mehr wert. Mit dem Tod von Eugène Rothschild im Jahr 1976 waren die österreichischen Rothschilds in männlicher Linie endgültig ausgestorben.
Die Branchenstruktur der Millionäre

Anmerkung: Die Zuordnungen sind wegen der Mischerwerbe der meisten Einkommensbezieher unscharf. Zur Frage und Definition des jüdischen Anteils vgl. den entsprechenden Abschnitt.
VOM BANKIER ZUM BANKER
Von den 929 Wiener „Millionären“ des Jahres 1910 bezeichneten sich 82 als Bankiers oder Bankinhaber. Nicht alle, die man aus heutiger Sicht dem Bankgeschäft zuordnen würde, sahen sich in ihrem damaligen Selbstverständnis als solche: Die Schoeller bezeichneten sich als „Großindustrielle“, die Miller-Aichholz und die Gutmann als „Händler“. Die Ephrussi hingegen, die im Großhandel ihr Vermögen gemacht hatten, verstanden sich 1910 bereits als „Bankgeschäftsinhaber“. Manche Bankiers und Kreditvermittler nannten sich bloß „Büroinhaber“ oder „Hypothekenvermittler“. Das Wiener Adressbuch, der Lehmann, unterschied bei den Bankiers zwischen Bankhäusern, Geldwechslern und Kommissionshändlern mit Börseeffekten.
Bei den Bankhäusern gab es Aktienbanken und Privatbankiers. Während die Aktienbanken als publikationspflichtige Institute gut dokumentiert sind, ist von den Privatbankiers oft nicht viel mehr als eine Adresse bekannt. Man meint fast, 1910 sei ihre Zeit bereits vorbei gewesen. In Wahrheit war es ihre letzte große Blüte. In Wien zählte das Bankiersbuch um 1910 etwa 230 Banken und Bankiers, davon 21 Aktienbanken und 192 Privatbankiers.30 Die Wirtschaftsgeschichte hat bislang ihr Augenmerk viel zu sehr auf die Aktienbanken gelegt, deren Jahresergebnisse und Beteiligungen in den Zeitungen viele Seiten füllten, während die Privatbankiers im Hintergrund diskret ihr Geld verdienten und verwalteten.
Die letzte Blüte der Privatbankiers
Was die Einkommen betrifft, sind die Privatbankiers den Spitzenmanagern der Aktienbanken mehr als ebenbürtig. Rothschild nahm sowieso eine Ausnahmestellung ein. Das Bankhaus S. M. v. Rothschild war auch Hauptaktionär der größten österreichischen Aktienbank, der „Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe“. Für zahlreiche Privatbankiers war solch eine Doppelstellung charakteristisch. Diese großen Privatbankiers kamen auf extrem hohe Einkünfte: die Reitzes, die Gomperz, die Lieben, die Thorsch.
Richard v. Lieben, der 1910 ein Einkommen von 644.975 Kronen versteuerte, war zwar Vizepräsident der Credit-Anstalt. Sein Hauptinteresse aber galt der Bildung und Wissenschaft. Der ausgebildete Mathematiker war Präsident der Wiener Handelsakademie und betrieb nationalökonomische Forschungen. Zusammen mit seinem Cousin, Schwager und Compagnon Rudolf Auspitz hatte er ein Werk zur Preistheorie verfasst, das mit seiner mathematischen Ausrichtung dem Stand der damaligen volkswirtschaftlichen Theorie weit vorausgeeilt war. Gemeinsam mit seinem Bruder Leopold hatte er 1862 das Bankhaus „Lieben & Co.“ gegründet, das sich bis zum Börsenkrach von 1873 sehr erfolgreich an großen Bank- und Finanzgeschäften beteiligt hatte, aber rechtzeitig auf Vermögensverwaltung und Geldanlage in Industrieunternehmen umgestiegen war. Leopold, der lange Zeit Präsident der Wiener Börsenkammer war, war mit Anna Todesco verheiratet, deren Mutter Sophie den berühmten Salon im Palais Todesco führte. Die Lieben, die sich im Lieben-Haus, in Sichtweite der Neuen Universität, die einzelnen Stockwerke teilten, ganz oben im Dachgeschoß der berühmte Chemiker Adolf Lieben und seine Gattin Mathilde, geborene Schey von Koromla, prägten durch ihre Salons und Gesprächsrunden die geistige Kultur der ganzen Epoche.31
Auch Viktor Ephrussi in seinem fast benachbarten Palais interessierte sich mehr für Wissenschaft und Kunst als für Geld und Geschäft. Er war nicht für die Arbeit geschaffen. Er las die Zeitung, ging ins Kaffeehaus und in den Club, beschäftigte sich mit seinen Inkunabeln und widmete sich dem Nichtstun, schreibt Edmund de Waal in seinem einfühlsamen Ephrussi-Roman über seinen Urgroßvater.32
Die aus Odessa stammenden Ephrussi waren nach dem Krimkrieg nach Wien und Paris übersiedelt. Innerhalb weniger Jahre hatten sie einen sagenhaften Reichtum erwirtschaftet. Die sogenannte „Wunderernte“ des Jahres 1867, als das Getreide in der Ukraine hervorragend und in Westeuropa sehr schlecht gediehen war, muss ihnen ganz fantastische Gewinne gebracht haben. Ignaz Ephrussi heiratete in die Familie Porges, wurde 1871 zum Ritter ernannt, ließ sich im selben Jahr von Theophil Hansen ein riesiges Palais an der Ringstraße erbauen und verheiratete seinen Sohn Viktor mit einer Freifrau von Schey-Koromla. Nachdem Ignaz 1899 gestorben war und sein älterer Bruder sich mit dem Vater zerkracht hatte, übernahm Viktor eher widerwillig das Unternehmen. Seit 1900 betrieb die Firma ausschließlich Bankgeschäfte. Viktor Ephrussi selbst soll 1921 bekannt haben, er werde „finanziell allgemein überschätzt“. Auch de Waal überschätzt ihn. Er war keineswegs mehr der zweitreichste Bankier der Stadt, sondern rangierte 1910 an 258. Stelle der Einkommensskala. Vor dem Kriegsausbruch hatte Viktor zwar ein erhebliches Vermögen in Effekten besessen, dazu das Palais, etliche weitere Häuser und nicht zuletzt eine großen Kunstsammlung mit über hundert alten Bildern. Aber er sammelte anders als seine französischen Verwandten keine Moderne. Im Krieg und durch die Hyperinflation war vieles verloren gegangen: Er habe, so behauptete Viktor Ephrussi 1921, nicht wie viele andere sein Vermögen rechtzeitig in fremde Valuta transferiert. Vor dem Krieg habe er zwar ein Vermögen von zehn bis zwölf Millionen Kronen und ein Einkommen von mehreren Hunderttausend Kronen gehabt, doch dieses Vermögen habe sich reduziert. Es bestand, so gab er 1921 an, aus zwei großen und unbelasteten – allerdings nicht mehr gewinnbringenden – Mietshäusern, aus Effekten im Wert von 50.000 britischen Pfund und Forderungen im Wert von weiteren 40.000 britischen Pfund.33
Auch der Ruhm der Gomperz liegt in der Kultur: Ein Großteil des Einkommens von Max Gomperz kam wohl aus dem Vermögen und nicht aus der laufenden Geschäftstätigkeit in der Bank und den Funktionen in der Leitung der Credit-Anstalt. 1913 schrieb die Neue Freie Presse, früher habe das Bankhaus Gomperz auch an großen Bankgeschäften teilgenommen, seit geraumer Zeit widme es sich aber vorwiegend der Vermögensverwaltung. Anfang 1922 löste Philipp Gomperz das Bankgeschäft ganz auf.34
Reitzes war ein Reizwort für Antisemiten: Das Bankhaus Sigmund & Max Reitzes war 1870 ins Wiener Handelsregister eingetragen worden. Sigmund Reitzes, in Lemberg geboren, hatte sich als geschäftsführender Gesellschafter zunächst mit Kommissionsgeschäften durchgeschlagen. In der Wirtschaftskrise von 1873 hatte er mit Baissespekulationen sein Vermögen verdient. Er erwarb große Beteiligungen an zahlreichen Eisenbahngesellschaften und vor allem an der Wiener Pferde-Tramway. Als Hauptaktionär soll er nicht nur lange deren Elektrifizierung verhindert haben, sondern wurde auch von Kritikern – sowohl von Victor Adler, dem Begründer der Sozialdemokratie, wie auch von Karl von Vogelsang, dem Wegbegleiter der Christlichsozialen – für die schlechten Arbeitsbedingungen in dem Unternehmen verantwortlich gemacht, die zu dem großen Streik der Wiener Tramwaykutscher von 1889 führten. Sigmund Reitzes hinterließ bei seinem Tod im Jahre 1906 ein Vermögen von 33,6 Mio. Kronen und zahlreiche in- und ausländische Beteiligungen. Etwa 24 Mio. Kronen waren in Wertpapieren angelegt. Da er kinderlos geblieben war, wurde sein Neffe Hans Reitzes sein Universalerbe und Nachfolger. Dieser versteuerte 1910 die riesenhafte Summe von 1,6 Millionen Konen Jahreseinkommen.35
Auch das Privatbankhaus Thalberg hat seinen Platz in der Wiener Kulturgeschichte: Im Salon von Risa Thalberg verkehrten nicht nur die großen Künstler der Zeit, die Komponisten Richard Strauss und Gustav Mahler, die Pianisten Moritz Rosenthal und Alfred Grünfeld, die Dichter Schnitzler und Hofmansthal, die Maler Makart und Klimt, sondern auch die jeweiligen Großen der Politik. Graf Stuergkh war fast täglich zu Gast, in einer Wohnung, die an Ausdehnung und Luxus nichts zu wünschen übrig ließ.36 Ihr Mann Sigmund Thalberg war Inhaber von „Joseph Kohn & Comp. Bankgeschäft“. Sein Vater, 1838 in Wien als Joseph Kohn geboren, hatte 1884 seinen Familiennamen auf Thalberg geändert. Sigmund Thalberg war als Einziger der drei Söhne in das Bankgeschäft eingetreten, während August, der Chemie studiert hatte, jung starb und der Jurist Oscar sich als Privatgelehrter der Musik und dem Studium der Kirchengeschichte zuwandte. Sigmund Thalbergs Einkommen stammte aus einer Doppelfunktion im Privatbankhaus und als Vizepräsident des Direktionsrats der Disconto- und Effektenbank in Budapest. Als Herausgeber der Zeitschrift Der Capitalist war er einer der Lieblingsgegner von Karl Kraus.37
Josef Redlich, der berühmte Jurist, Politiker und Historiker, der eine etwa ein Jahr dauernde Affäre mit Risa Thalberg hatte, pendelte zwischen Himmel und Hölle: „Am Samstag, den 12. (Februar 1910), abends bei R(isa) T(halberg): ex amore lux! Diese ganzen Tage unter dem erwärmenden Strahle reiner inniger Liebe!“ Am 5. April 1910 schmachtet er an der Riviera: „Und dazwischen die rührend guten liebeerfüllten Briefe von Risa! O feminae, o mores! Stärker als alle – la politique!“ Am 8. Mai hingegen: „Gestern ein fürchterlicher Abend mit R(isa) T(halberg). Es muss der letzte sein.“ Und am 14. Mai: „Freitag höchst peinliche Unterredung mit R(isa) T(halberg). Die Sache ist innerlich für mich von Anfang an gezwungen, muss zu Ende kommen. Ich schrieb heute einen entscheidenden Brief. Fahre heute Abend nach Dresden, dann Leipzig.“ Im Dezember 1910 ging die Affäre mit der schönen Bankiersgattin zu Ende: Am 6. 12. 1910 schrieb er: „Mit R(isa) T(halberg) unnütze Liebesausbrüche erlebt! Welche Torheit, diese ganzen Beziehungen!“ Und am 18. 12. 1910, mit deutlich antisemitischem Unterton: „Heute Nachmittag beim Jour bei R(isa) T(halberg): Welcher Unsinn, diese jüdischen Jours … Die Affäre mit R(isa) T(halberg) – ganz sinnlos geworden.“38
Sigmund Rosenfeld, der Begründer das Bankhauses Rosenfeld, war als Sohn eines reichen Kaufmanns aus Sillein (Žilina, Slowakei) in den 1860er Jahren nach Wien gekommen. 1882 war er Direktor der neugegründeten Länderbank, wo er wesentlichen Anteil daran hatte, dass die Bank ihre Anfangskrise überstand. 1890 trat er aus der Länderbank aus und gründete seine eigene Bank. Sein Zielpublikum war exklusiv. Bekannt war ein geflügeltes Bankerwort: „Wovon leben die Rosenfelds eigentlich? Antwort: Von den Gesellschaften, die sie ablehnen.“39 Grundsatz war: Der Bankier geht nicht zum Kunden. Der Kunde muss zum Bankier kommen. Alles andere war unter der Würde, unstandesgemäß. Als Sigmund Rosenfeld 1900 im 52. Lebensjahr verstarb, genossen das Bankhaus und er selbst hohes Ansehen, nicht nur im eigenen Umfeld, sondern auch in notorisch kapitalismuskritischen Kreisen wie der Arbeiterzeitung.

Die Todesanzeige für Sigmund Rosenfeld, den Begründer des Bankhauses Rosenfeld, lässt auf das Imperium schließen, das sich die Familie aufgebaut hat.
Sigmund Rosenfelds Töchter waren mit Sigmund Popper und Julius Neustadt verheiratet, die er beide zu Compagnons seines Bankhauses gemacht hatte. Das Bankhaus befand sich in der Rathausstraße 20. Die Familie Popper wohnte im Parterre, die Familie Neustadt im ersten Stock, im zweiten Stock und in einer Hälfte des dritten befand sich die Bank, in der anderen Hälfte des dritten wohnte ein Vetter der Familie, nämlich Wilhelm Kux, damals Generaldirektor der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft. Kux zählte zu den schillerndsten Bankiers seiner Zeit. Zusammen mit Dr. Paul Hammerschlag war er 1910 Gründer des Verbands österreichischer Banken und Bankiers. Er war Präsident der Wiener Musikgesellschaft und Förderer junger Talente. Als Freund der Sozialdemokratie war er unter den Bankiers vielleicht gar keine so große Ausnahme. Das gesamte Bankhaus Rosenfeld galt als linksliberal bis links. Sigmund Rosenfelds Sohn Alfred war der Ehemann von Rosa Hochmann, die in erster Ehe mit dem Bankier Felix Stransky verheiratet gewesen war. Sie war eine begnadete Geigerin. Die Quartett-Abende bei Rosenfeld und Kux galten als gesellschaftliche Ereignisse ersten Ranges, zusammen mit dem Buffet aus der Küche von Frau Bertha Popper.40
Die Thorsch zählten zu den führenden Privatbankiers in Wien. Zu Eduard Thorschs Tod im Juli 1883 schrieb die Neue Freie Presse: „Heute repräsentiert die Firma, zumindest was die Höhe der Umsätze betrifft, das größte Bankhaus Österreich-Ungarns.“41 Allerdings beschränkte sich das Bankgeschäft schließlich mehr und mehr auf die Vermögensverwaltung der eigenen Familie. Der Reichtum der Familie galt als sagenhaft. 300 Millionen Gulden (!) habe das Vermögen des Bankhauses vor Kriegsausbruch betragen, meint Hubertus Czernin in seiner kleinen Geschichte dieser Familie, eine sehr zweifelhafte Angabe, nicht nur, weil es damals gar keine Gulden mehr gab, sondern weil es auch dann viel zu hoch ist, wenn nur Kronen gemeint wären. Um eine Zehnerstelle niedriger wäre es auch noch ein Riesenbesitz.42 Das Bankhaus befand sich in der Hohenstaufengasse 17, die Familie wohnte im Palais in der Metternichgasse, das kurz vor der Jahrhundertwende erbaut worden war, ein Haus mit 60 Zimmern, bewohnt von Alphonse und Marie Thorsch, geborene Spitzer, und den fünf Töchtern Clarisse, Henriette, Gabriele, Eva und Dorothea, dem Portiersehepaar, der Haushälterin, dem Diener, dem Hilfsdiener, der Köchin, dem Küchenmädchen, der Gouvernante, der Kinderschwester, der Kammerfrau, zwei Stubenmädchen, einem Hilfsstubenmädchen, der Wäscherin und dem Gärtner. Die Diener trugen Livrees mit Silberknöpfen und dem eingravierten T für Thorsch.43
Saly Jakob Schloss war vom vermögenslosen Bankbuchhalter zum Millionär und Mitinhaber der Bankgesellschaft Ellissen & Schloss aufgestiegen. Diese Bank war Nachfolgerin der wenig erfolgreichen Firma „Ludwig Ladenburg“, die einem Onkel von Rudolf Ellissen gehört und in der Saly Schloss als kleiner Buchhalter gearbeitet hatte. 1875 gründete er zusammen mit Rudolf Ellissen eine neue Bankgesellschaft. 1906, bei seinem Tod, hinterließ er ein Vermögen von 3,4 Mio. Kronen, davon 2,9 Mio. in Wertpapieren.44
Die Liste der Privatbankiers ist lang: Von Auspitz über Bellak, Biedermann, Blitz und Brunner bis zu Julius Schwarz, Schwarz & Strisower und Zirner. Viel Stoff noch für künftige Wirtschaftshistoriker. Es gab kaum nichtjüdische Privatbankiers. Unter den Millionären ist Franz Haunzwickl, Sohn des Baumeisters Ignaz Haunzwickl, einer der wenigen. Nach einer Bankausbildung war er zuerst im Bankhaus Löwenthal, dann im Bankhaus Gerstbauer tätig gewesen. Wie er zu seinem Spitzeneinkommen kam, liest sich wie ein Märchen. Er hatte das Glück, bei türkischen Anleihen, die mit einem Lotteriegewinn verbunden waren, den Haupttreffer zu ziehen. Er kaufte sich in das Bank- und Wechselhaus M. Gerstbauer ein. Michael Gerstbauer überließ ihm nach seinem Tod im Jahr 1903 die Leitung des Bankhauses. Gerstbauers Sohn Karl, offensichtlich schon schwer krank, verstarb 1905 zwei Jahre nach seinem Vater, ohne Kinder zu hinterlassen. 1910 machte Haunzwickl, der Glückliche, einen zweiten Lottohaupttreffer, der sein Einkommen nochmals sprunghaft erhöhte, von 29.000 Kronen im Jahr 1909 auf mehr als 300.000 Kronen im Jahr 1910. Die primäre Geschäftstätigkeit des Bankhauses war die Industriefinanzierung, aber auch die Vermögensverwaltung für das Kaiserhaus. 1919, nach dem Tode Haunzwickls, wurden Frieda Nowotny und ihr Bruder Ernst Haunzwickl Eigentümer der Bank, beratend war auch Dr. Otto Nowotny tätig, zuletzt Leiter der Staatsschulden-Hauptkasse. Nach schweren Verlusten in der Weltwirtschaftskrise musste das Bankhaus liquidiert werden. Der Familie blieben Teile des Beteiligungsvermögens. Auf diese Weise ist der gegenwärtige Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny ein Erbe des Bankhauses Haunzwickl.45



