Traumzeit für Millionäre

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Nirgends allerdings waren die Vermögen so flüchtig wie in der Bankbranche: Zahlreiche der berühmten Bankhäuser aus dem ersten und zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts waren 1910 nur mehr Geschichte: Arnstein & Eskeles, Stametz & Mayer, Hofmannsthal, Epstein, natürlich Fries und Geymüller, die beide als Vorbilder für Ferdinand Raimunds Verschwender gelten.46 Der Reichtum der Epstein war schon in der Krise von 1873 zerronnen, der von Heinrich Mayer, dem Chef des Bankhauses J. H. Stametz, schon vorher. Auch die Familie Hofmannsthal gehörte 1910 nicht mehr zu den Millionären. Rudolf Friedrich Frh. v. Geymüller war 1910 nur mehr Gutsherr und Rentier. Vom Vermögen der Sina zehrten ihre hochadeligen Schwiegersöhne. Auch Robert Biedermann Freiherr von Turony gab 1910 bei der Steuerbehörde nur mehr Grundbesitz als zentrale Erwerbsgrundlage an. Die 1921 neu gegründete Biedermann-Bank, mit der der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter als Generaldirektor sein Geld und das anderer Leute verlor und seinen Ruf als Wirtschaftsfachmann aufs Spiel setzte, hatte mit dem alten Bankhaus der Biedermann nicht mehr viel zu tun. Der traditionelle Name sollte der Bankgründung in der Hyperinflation nur einen soliden Anstrich verleihen.47
Julius Bachrach, 1910 noch Privatbankier und Millionär, mit einem Jahreseinkommen von 104.579 Kronen und 1909 von 82.307 Kronen, endete 1912 mit Selbstmord. Arthur Schnitzler lässt uns in seinem Tagebuch die Dramatik der letzten Lebenstage miterleben: Am 14. Oktober 1912: „O. kam mit Steffi von Bachrachs. Der Alte hat in diesen zwei Tagen 6 Millionen verloren. Steffi, die reiche Erbin ein armes Mädel! Über sein Wesen. Spielernatur. Geiz. Wenn’s schlecht geht, isst er Käs und Fleisch von demselben Teller. Für versetzte Ohrringe muss seine Frau Jahre Zinsen zahlen, weil er die kleine Summe zum Auslösen nicht gibt … “ Am 25. November notierte Schnitzler die telefonische Mitteilung von Steffi Bachrach: „Nachricht Vater ‚plötzlich gestorben‘, telephonisch mit ihr gesprochen, natürlich Selbstmord.“ Am 2. Dezember meint Schnitzler: „Zu Bachrachs. Die Verhältnisse scheinen desolat, Haltung gut. Sie werden wahrscheinlich von einer Rente leben, die die Banken an sie auszahlen werden, wo der Vater beschäftigt war.“ Am 9. Dezember 1912 erfährt die Familie die volle Tragweite, auch wenn aus der Sicht eines Industriearbeiters oder Stubenmädchens ihre Situation immer noch eine goldene war: „Man hat ihnen (Bankdirektor P.) in verletzender Weise eine Jahresrente von 6000 Kr. zur Verfügung gestellt. ‚Die Mädeln sollen verdienen.‘ Steffi weint bittre Tränen.“ Am 5. Jänner 1913 fasst Schnitzler zusammen: „Nach dem Nachtmahl Steffi. Bilanzen des Vaters. Vor 10 Jahren hatten sie auch 4 Millionen, im Jahr darauf eine (heuer im Sommer ca. 6).“ Und am 13. 2. 1916 reflektiert Schnitzler die Ereignisse noch einmal: „Dass der alte Bachrach, ihr Vater, im Juni 6 Millionen hatte – und sich ein paar Monate später umbringen musste.“48 Die Tochter Steffi Bachrach arbeitete im Krieg als Krankenschwester. Am 15. Mai 1917 beging sie mit einer Überdosis Veronal und Morphium Selbstmord. Schnitzler schreibt: „Erschütterung – und doch nicht. Wir sahn es zu sehr voraus.“49
Die Macht der Bankdirektoren
An erster Stelle der Einkommensliste von 1910 steht Rothschild. An zweiter Stelle, wenn auch weit abgeschlagen, liegt – durchaus vergleichbar mit heute – mit Theodor Taussig bereits ein Bankmanager. Während die Privatbankiers eine führende Rolle im Wiener Geistes- und Kulturleben einnahmen, auch Zeit und Interesse für Wissenschaft und Kunst fanden, in ihren Palais große Gesellschaften geben konnten und über ihre Frauen eine berühmte Salonkultur pflegten, war die Welt der Manager zwar nicht viel weniger exklusiv, aber viel nüchterner. Die Bankdirektoren besetzten die Spitze der Einkommenshierarchie. Gefürchtet war ihre Macht. Ihr Arm war lang. In ihren Banken waren sie Gott. Sie herrschten als Autokraten. Der Führungsstil glich dem von Privatbankiers. Sie waren voller Pläne, die sie in der Regel im Alleingang durchzogen, ohne Vorstandskollegen zu informieren oder mit ihnen zu beraten. Nahezu die gesamte Wirtschaft war von ihnen abhängig. Sie waren nicht nur Bankleute. Sie saßen in unzähligen Verwaltungsräten der Industrie und regierten die größten Konzerne und Kartelle des Landes, Taussig in der Bodencredit oder Morawitz in der Anglobank. Auch das Kaiserhaus, der hohe Adel und die christlichsozialen, antisemitischen Politiker waren auf ihre Hilfe angewiesen. Das Lob der Bankiers steht in den Nachrufen und Festschriften. In der öffentlichen Meinung waren sie Feindbilder: jüdisch, unermesslich reich, menschenverachtend. Hinsichtlich des Einkommens machte es kaum einen Unterschied, ob es sich um Selbständige oder um Angestellte handelte, um Manager von Aktienbanken oder Privatbankiers. Von der Machtfülle, der Zahl der Mandate in Verwaltungsräten, auch der Bekanntheit in der Öffentlichkeit lagen die Direktoren der großen Wiener Aktienbanken an der Spitze. Für die Privatbankiers hingegen hatte Diskretion Vorrang.
Von den 68 Aktienbanken der österreichischen Reichshälfte im Jahr 1911 hatten 21 ihren Sitz in Wien. Auf diese 21 Banken entfielen mehr als zwei Drittel des gesamten Bankaktienkapitals der österreichischen Reichshälfte. Wien zählte vor dem Ersten Weltkrieg acht große Aktienbanken, man würde heute sagen, systemrelevante Banken. Die weitaus größte davon, die 1855 nach dem Vorbild der Crédit Mobilier gegründete Credit-Anstalt, stand immer noch im Einflussbereich der Rothschilds. Die 1863 unter maßgeblicher Beteiligung der Crédit Foncier de France entstandene Boden-Credit-Anstalt galt als Bank des Kaiserhauses und des Hochadels und betrachtete sich als die vornehmste Bank der Stadt. Dazu kamen noch die ebenfalls 1863 gegründete Anglo-Bank, ferner die Union-Bank, die Verkehrsbank, die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft und der 1869 gegründete Bankverein, der in der Gründerzeit eine recht dubiose Rolle gespielt hatte, nach der Jahrhundertwende aber eine sehr erfolgreiche Entwicklung startete, und als letzte der großen Bankgründungen 1880 die Länderbank, die als christlich-konservative Gegengründung zu den jüdisch dominierten Banken intendiert war, aber nichtsdestotrotz fast ausschließlich von jüdischen Managern geleitet war. Dazu kam eine Reihe mittlerer Aktienbanken, von der Merkurbank bis zur Depositenbank, deren spektakulärste Zeit erst in der Hyperinflation unter ihrem Präsidenten Josef Kranz beginnen sollte. Im Schatten Wiens stand der Provinzbankensektor, der in sehr rascher Bewegung war, mit zahlreichen Neugründungen, aber mit ebenso vielen Krisenfällen. Unbedeutend hingegen waren der Sparkassen- und der Genossenschaftssektor, sowohl nach System Schulze-Delitzsch wie Raiffeisen. Die Mitwirkung als Sparkassenrat oder in Genossenschaften brachte über die damit vertretenen sozialen Anliegen vielleicht symbolische Reputation. Wirkliche Finanzmacht oder große Marktanteile waren damit noch nicht verbunden.
Woher kamen die Bankmillionäre? Nicht alle aus begütertem Milieu. Einige schafften den Aufstieg von ganz unten. Nur vier waren nicht jüdisch. Der Geburtsadel war nur auf Ehrenposten zu finden, Montecuccoli als Präsident und Aushängeschild der Länderbank und Kasimir Freiherr von Pfaffenhofen, der die Repräsentationsfunktion eines Präsidenten der Anglobank innehatte. Anders als vor 1850 kam der typische Wiener Bankier nicht mehr aus dem Deutschen Reich, sondern, wenn er nicht ohnehin bereits in Wien geboren war, aus den Sudetenländern. Max Feilchenfeld war in seiner Verbindung von norddeutscher Präzision und Wiener Melange fast schon eine Ausnahme. Auslandserfahrung war nahezu Bedingung, mehrere Sprachen waren Pflicht. Obligatorisch war auch, wissenschaftlich oder publizistisch tätig zu sein, in der Neuen Freien Presse zu schreiben oder als Buchautor hervorzutreten.
Völlig an der Realität vorbei gehen die Angaben und Schätzungen, die bislang über die Einkommen der Wiener Bankiers und Bankdirektoren der Jahrhundertwende angeführt wurden.50 Als Neurath 1906 von der Credit-Anstalt engagiert wurde, seien ihm 15.000 Kronen angeboten und Gesamteinkünfte von mindestens 45.000 Kronen garantiert worden. Auch Taussig, so heißt es, habe bis 1905 die 24.000 erreicht, dann 40.000 Kronen, Sieghart, sein Nachfolger, 50.000, Spitzmüller 56.000.51 Die Wahrheit sieht anders aus. Theodor Ritter von Taussig versteuerte 1910 mit über vier Millionen das zweithöchste Einkommen der Habsburgermonarchie, Morawitz 1,4 Millionen, Feilchenfeld mehr als 500.000 Kronen, Lohnstein mehr als 200.000, Mikosch 141.000 Kronen. Josef Redlich, immer gut informiert, rechnete, dass sein Intimfeind Sieghart 1911 als neu bestellter Gouverneur der Boden-Credit-Anstalt die fantastische Summe von 200.000 Kronen tangieren würde, und da dürfte er weit unter der Wahrheit geblieben sein.52 Morawitz hinterließ ein Vermögen von 30 Mio. Kronen. Auch Taussig, obwohl von recht armer Herkunft, brachte es mit 10 Mio. Kronen im Laufe seiner Karriere zu einem sehr bedeutenden Vermögen.
Man muss bei den Einkommen der Bankmanager neben dem Grundgehalt in der Bank auf zwei weitere Einkommensquellen Bedacht nehmen, die Tantiemen aus den Verwaltungsratssitzen und die Erträge von Börsenspekulationen. Die meisten Direktoren spekulierten an der Börse.53 Die Grundgehälter lagen zwar unter der 100.000er-Schwelle. Aber den größten Teil des Einkommens machten die gewinnabhängigen Boni und die Einkünfte aus Verwaltungsratssitzen aus. Damit und mit spekulativen Börsegeschäften erreichten die Spitzenverdiener unter den Bankdirektoren ein Einkommen von mehreren 100.000 Kronen jährlich. Mitunter ging das schief. Maximilian Krassny hat an der Börse in Paris das Vermögen seiner Frau, einer Ehrenzweig, verloren und lag daher einkommensmäßig recht niedrig, aber immer noch bei 138.150 Kronen.54 Taussig hingegen muss in seinem letzten Lebensjahr mit Spekulationen mehrere Millionen extra verdient haben. Denn 1910 versteuerte er ein Einkommen von 4,8 Millionen Kronen. 1909 hatte er nur 748.000 Kronen deklariert.
Dieser Theodor Ritter von Taussig, der Lieblingsfeind von Karl Kraus, der Gouverneur der Österreichischen Boden-Credit-Anstalt, galt als der „hervorragendste Bankier des Landes“, wie Ludwig von Mises in seiner „Geldtheorie“ vermerkte.55 Spitzmüller lobte ihn als die stärkste Persönlichkeit der damaligen Bankenwelt: „Seine Konzeption auf dem Gebiet der Industriefinanzierung war eine ganz ungewöhnliche, oft auch überraschende und wohl auch bei der Wahl der Mittel zur Ausschaltung der Konkurrenz eine rücksichtslose.“56 In den Worten des Bankiers Richard Kola war er „der allmächtige Direktor“.57 Josef Redlich charakterisierte ihn als „frostig wie immer“.58 Er schrieb ihm in seinem Tagebuch einen privaten Nachruf, der, weil nicht zur Publikation gedacht, wohl ehrlich war: „Mit Theodor Taussig ist einer der stärksten und bedeutendsten Männer gestorben, die ich je gekannt habe. In den letzten Jahren standen wir uns näher: soweit das bei dem der Freundschaft wenig fähigen Naturell Taussigs möglich war. Er war aus einem königlichen Stoffe von der Natur geschnitzt: einer der wenigen Beweise dafür, dass das Echte, Große und Starke in der jüdischen Rasse, das zur Herrschaft befähigt, nicht ganz ausgestorben ist …. Im Abgeordnetenhaus aufrichtiges Bedauern bei den Klugen und Starken über Taussigs Tod, so bei Lueger und Liechtenstein!“59 Auch von Sieghart wird Taussig als „stärkste Persönlichkeit der Wiener Finanzwelt“ charakterisiert, die damals „an gescheiten und erfahrenen Bankleuten nicht arm gewesen“ sei.60 Er sei nicht sehr beliebt gewesen, habe sein Judentum sehr hervorgekehrt, was ihn nicht hinderte, Lueger Kredite zur Verfügung zu stellen, als die Liberalen noch hoffen konnten, die Herrschaft der Christlichsozialen durch eine Kreditsperre zu brechen, wie Sieghart meinte. Ähnlich habe er sich angesichts der Pogrome in Russland verhalten. „Die Wiener Börse fürchtet Gott, Taussig, Wittgenstein und sonst nichts“, meinte Karl Kraus61, und schrieb von den „eisenfressenden Bestien Taussig und Wittgenstein“.62 Ging es Taussig um persönlichen Reichtum, ging es ihm um das Ansehen seines Instituts, ging es ihm um die Macht? Er kam von sehr niedriger Herkunft: Der Vater, ein Industriearbeiter mit wechselnder Beschäftigung, arbeitete sich langsam empor, vom Gelegenheitsarbeiter über den Handlungskommis zum Kohlenhändler. Taussig war vergleichsweise wenig assimiliert. Er wurde als gläubiger Jude beschrieben, der, genährt von der Bibel, im Erfolg seiner Bank die Erneuerung des biblischen Mysteriums erblickte.63 Von 1901 bis 1906 war er Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Die Erbschaftssachen im Hause Taussig, der zehn bis 20 Millionen Kronen hinterlassen hatte, merkt Redlich noch an, seien „nicht sehr freundschaftlich verlaufen!“.64

Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs der Monarchie: Max Ritter von Gomperz.
Julius Herz stand in der Boden-Credit-Anstalt im Schatten Taussigs, des allmächtigen Gouverneurs. Nach dessen Tod wurde er Vizegouverneur, als Gouverneur wurde ihm Rudolf Sieghart vorgezogen. Sein internationales Standing hatte sich Herz in Paris und London erworben. Er glänzte mit brillanten Sprachkenntnissen, ökonomischem Sachverstand und herausragenden Fähigkeiten zur Repräsentation. Als Übersetzer der Werke des britischen Ökonomen G. J. Goschens genoss er auch wissenschaftliches Ansehen. Sein großer Rivale Sieghart, der ihn bei der Nachfolgefrage ausgetrickst hatte, sagte zu seinem Ableben: ein Bankier und Finanzmann in allen Fasern seines Lebens, ein Bankier der guten alten Schule … ein außerordentlicher Kenner der Tradition … ein lebendes Buch … ein reicher Tresor an Erfahrungen …65 Ob er es ehrlich meinte, ist zu bezweifeln, obwohl er zweifellos recht hatte.
Mehr als ein halbes Jahrhundert war Max von Gomperz eng mit der Credit-Anstalt verbunden, zunächst als Mitglied des Verwaltungsrats, zuletzt als Präsident. Als er 1913 im Alter von 91 Jahren starb, galt er als deren verkörperte Tradition und als Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs Österreichs im letzten Jahrhundert.66 Der Sektionschef Richard Schüller bezeichnete ihn nicht nur als den erfahrensten, sondern auch als den besterzogenen der Wiener Bankiers. Von ihm wie von Taussig und Sándor Hatvan habe er manches gelernt.67 Seine vorsichtig abwägende Klugheit war sprichwörtlich: „Als die Regierung und die Direktoren der Credit-Anstalt sich an einer chinesischen Anleihe beteiligen wollten, sagten sie: Österreich muss auch einen Platz an der Sonne haben. Gomperz dazu: Mir genügt ein guter Platz im Schatten.“68 Er wohnte im Palais Todesco, wo seine Schwester Sophie, verheiratet mit dem Bankier und Baron Eduard Todesco, den berühmten Salon führte, in welchem die bekanntesten Wirtschaftsführer, Politiker und Künstler verkehrten. Sein Vermögen wurde bei seinem Ableben im Jahr 1913 auf 11,2 Millionen Kronen geschätzt.69 1857 hatte ihm Philipp Gomperz ein Vermögen von 309.265 fl CM vererbt, nur 7 Prozent dessen, was Max 1913 hinterließ.
Gleich zwei Brüder Blum besetzten Leitungspositionen bei der Credit-Anstalt und bei der Rothschild-Bank. Julius Blum, auch „Blum-Pascha“ genannt, war im Jahr 1910 Vizepräsident der Anstalt. Mit einem Einkommen von 312.747 Kronen hatte der konfessionslose Weltmann eine bewegte Karriere hinter sich: Nach Lehrjahren in der Triester Filiale der Creditanstalt, dann als Direktor der neugegründeten Austro-Egyptian Bank, wechselte er von 1879 bis 1890 in den ägyptischen Staatsdienst als Unterstaatssekretär für Finanzen, von wo sein Pascha-Titel herrührte. 1890 kehrte er in die Direktion der CA zurück. 1913, nach dem Tode von Gomperz, übernahm er die Funktion des Anstaltspräsidenten.70 James Joyce führt ihn im Ulysses als Cousin seiner gleichnamigen Hauptfigur, des Zahnarztes Dr. Bloom, ein. Dieser benutzt den berühmten Namen, um sich Zutritt in die elitären Geldkreise zu verschaffen, und trägt dabei ordentlich dick auf: „Dr. Bloom, Leopold, dental surgeon. You have heard of von Blum Pasha. Umpteen millions. Donnerwetter! Owns half Austria. Egypt. Cousin.“71 Blum auf gleiche Ebene mit Rothschild, Guggenheim, Hirsch, Montefiore, Morgan oder Rockefeller zu stellen, die Vermögen in sechsstelliger Höhe besaßen, ist natürlich nur im Roman möglich, belegt aber seine Bekanntheit im angelsächsischen Raum. Blums Bruder Moriz (Maurice) war ebenfalls im Ägyptischen Finanzministerium tätig gewesen, arbeitete lang am Pariser Bankplatz, bereiste den Fernen Osten, war 1891 vom Haus Rothschild mit der Liquidation seiner Triestiner Interessen beauftragt worden und war seit 1907 Prokurist des Wiener Hauses Rothschild.
Julius Nossal, ein weiterer CA-Manager, hatte ebenfalls eine spektakuläre Karriere durchlaufen, die durch seinen frühen Tod im Alter von 47 Jahren jäh beendet wurde. Er entstammte einer aus Moldauthein (Týn na Vltavou/Böhmen) nach Linz zugewanderten jüdischen Kaufmannsfamilie. Sein Vater, der Kaufmann Simon Nossal, seine Mutter Marie, eine geborene Koschierer, und mehrere Geschwister und Verwandte liegen auf dem Linzer jüdischen Friedhof begraben. Nossal versteuerte zuletzt ein Jahreseinkommen von 198.496 Kronen. Neunzehn Jahre war er im Dienst der CA gestanden, nachdem er im Dienst des Bankhauses Thorsch und der Anglo-Österreichischen Bank seine Lehrerfahrungen gesammelt hatte. Von der Leitung der Triester Filiale der Anglo-Bank wechselte er in die Wiener Zentrale der Credit-Anstalt, war 1893 Direktorstellvertreter und 1902, nach dem Tod von Gustav v. Mauthner, Direktor. Seine spektakuläre Karriere und seinen Einstieg in den Geldadel Wiens verdankte er neben seiner fraglosen Tüchtigkeit auch seiner 1892 erfolgten Heirat mit Lori Koritschoner, der Tochter des ehemaligen Direktors der Österreichischen Länderbank Moritz Koritschoner. Diese Verbindung katapultierte ihn nicht nur in die höchsten Bankenkreise Wiens, sondern verschaffte ihm auch Zutritt in die Wiener Kulturelite. Koritschoners drei Töchter Stefanie, Lili und Lori verkehrten mit den künstlerischen Eliten des Landes. Stefanie, verheiratet mit dem Chefadministrator und Redakteur der Neuen Freien Presse Dr. Heinrich Glogau, war eine bekannte Kochbuchautorin. Lili, verheiratet mit dem Sohn des berühmten Schauspielers Sonnenthal, war ihrerseits die Schwiegermutter des Komponisten Erich Wolfgang Korngold und mit Arthur Schnitzler eng verbunden. Nossal hinterließ bei seinem frühen Tod neben der jungen Witwe zwei minderjährige Söhne, die 1939 nach Australien emigrieren konnten. Lori Nossal-Koritschoner hingegen wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 5. Dezember 1942.72

Der umstrittene Gouverneur der Boden-Credit-Anstalt: Rudolf Sieghart. Foto von Ferdinand Schmutzer, 1918.
Der Präsident der Anglobank Karl Morawitz gehörte ebenfalls zu den prägendsten Persönlichkeiten des österreichischen Bankwesens: Als Kettenraucher (sein 1904 von Philipp de Lászlo gemaltes Porträt zeigt ihn mit Zigarette), Workaholic und scharfzüngiger Kritiker gefürchtet, hatte auch er eine bemerkenswerte internationale Karriere hinter sich, bevor er an die Spitze der Anglobank aufrückte. Nach der Handelsschule war er nach Dresden gegangen, dann weiter nach Paris, zur Banque Imperiale Ottomane, war Sekretär bei Maurice Hirsch, dem „Türkenhirsch“, und später dessen Direktor der Orientbahnen. 1885 übersiedelte er endgültig nach Wien, wurde 1893 Generalrat und 1906 Präsident der Anglobank. 1913 folgte die Nobilitierung. Er hatte Wohnsitze in Wien, London, Paris und Brüssel und unterhielt enge Beziehungen zu englischen und französischen Banken und zu den Mächtigen des Osmanischen Reichs.73
Wilhelm Kux war Präsident, Max Feilchenfeld Vizepräsident und Felix Stransky Direktor der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft. Kux, dem Freundeskreis von Karl Wittgenstein zurechenbar, hat seinen Namen aufs Innigste mit dem Aufstieg des von ihm geleiteten Instituts von der gediegenen Mittelbank zur Großbank verknüpft. Noch stärker mit Wittgenstein verbunden war Feilchenfeld. Aus Frankfurt an der Oder gebürtig, war er zum typischen Österreicher geworden und zum Katholizismus übergetreten. Carl Fürstenberg stellte ihn in seinen Erinnerungen als das Musterbeispiel der Verschmelzung norddeutscher Schärfe und Gründlichkeit mit dem weicheren und phantasievolleren Wiener Temperament zu einer Melange ganz besonderer Art hin. „Er trug einen Spitzbart, war klein von Figur und wurde mit dem Alter noch etwas kleiner. Er und sein Busenfreund, der Hüne Kestranek, bildeten ein merkwürdiges Paar … Don Quichotte und Sancho Pansa konnten keine würdigere Verkörperung finden.“74 Seine zwischen 1906 und 1909 in St. Gilgen errichtete Villa Feilchenfeld, aus Haupthaus, Pförtnerhaus, Glashaus, Boots- und Badehaus, Gartenpavillon, Kegelbahn, Eiskelleranlage und Tennisplatz bestehend, beeindruckt noch heute als Hotel Billroth durch die riesigen Dimensionen. Die im nahen Brunnwinkel seit mehreren Jahrzehnten in schlichten Bauernhäusern urlaubenden, der Wissenschaft verbundenen Familien Exner und Frisch, der auch der Nobelpreisträger Karl von Frisch zugehörte, waren entsetzt über solch neureiches Protzertum. Auch Feilchenfeld galt wie alle diese Manager als rastlos tätig, bis zum abrupten Ende. Im Juni 1922 stürzte er als Siebzigjähriger auf dem Heimweg von der Bank in einen nicht ordnungsgemäß abgesicherten Schacht zu Tode.
Maximilian Krassny Edler von Krassien, Direktor der Niederösterreichischen Escomptegesellschaft, begann seine Karriere beim Bankhaus Finali & Co in Florenz, später in Paris bei Horace Landau, bis er zum stellvertretenden Generaldirektor der Escomptegesellschaft aufrückte. 1911 in den erblichen Adelsstand erhoben, war er einer der großen Gegenspieler des Hauses Rothschild. Von seinem Branchenkollegen Richard Kola wird er als „persönlich von ausgesuchter Eleganz und großer Liebenswürdigkeit“ beschrieben, „geschäftlich aber von rücksichtsloser Energie und jedem Kompromiss abhold … “75 Laut Compass 1911 hatte er insgesamt 23 Verwaltungsratsposten.
Die Länderbank, die als Exponent katholisch-konservativer Interessen galt und mit den Christlichsozialen eng vernetzt war, war 1898 von Bürgermeister Karl Lueger zur Hausbank der Gemeinde Wien gemacht geworden und finanzierte deren Kommunalprogramm. Nichtsdestotrotz hatte sie nahezu ausschließlich jüdische Direktoren: Der in Ungarisch Ostrau in ärmlichsten Verhältnissen geborene Samuel Hahn war um die Jahrhundertmitte in die Haupt- und Residenzstadt Wien gekommen, wo er zuerst in der Leopoldstadt wohnte und es mit Zähigkeit und Fleiß zum Oberinspektor der Südbahn brachte. Dort lernte er Paul-Eugène Bontoux kennen. Bei der Gründung der Länderbank machte ihn dieser zum Generaldirektor, ein Amt, das er siebzehn Jahre bis zu seiner Demissionierung im Jahre 1897 innehaben sollte.76 Hahn zog – dies verdeutlicht seinen sozialen Aufstieg – von der Leopoldstadt in die Innere Stadt, wo er zunächst in der Elisabethstraße, später in der Walfischgasse wohnte. Seine von Otto Wagner 1885 in Baden errichtete Villa beeindruckt bis heute durch ihre überbordende Monumentalität. Hahn, der 1881 gleich nach seiner Konversion in den Ritterstand erhoben worden war, galt in der Öffentlichkeit als rücksichtsloser Geldverdiener: Die Menschen hätten ihm nach Kolas Meinung nicht verziehen, dass er aus kleinen Anfängen heraus eine so hervorragende Position erlangt habe. „Hahn war sehr reich und hatte sein Vermögen in den mannigfaltigsten Papieren angelegt, hauptsächlich in englischen, französischen und amerikanischen … “77 Das brachte ihm auch noch 1910, mehr als ein Jahrzehnt nach seiner unfreiwilligen Pensionierung, ein Jahreseinkommen von mehr als einer halben Million. Kraus schrieb über ihn in Abwandlung eines auf den Stahlmanager Vilmos Kestranek gemünzten Bonmots: „Er war aus Stein und stahl.“78
Eduard Palmer, ab 1898 als Nachfolger Hahns Generaldirektor der Österreichischen Länderbank, war der Finanzratgeber des Kaisers und regelte auch dessen Finanzangelegenheiten mit Katharina Schratt. Die Fürstin Nora Fugger erzählt: „Bei Frau Schratt lernte ich auch den Generaldirektor der Länderbank Eduard Palmer kennen, einen selten lieben, alten Herrn. Er war der beste Freund und bewährte Ratgeber der Frau Schratt. Auch der Kaiser schätzte ihn sehr und empfing ihn oft in Ischl und in Schönbrunn in Privataudienz … “79 Er war wohl mehr lieb als tüchtig. Sein Standardsatz, Kola zufolge: „Hm, hm, die Situation ist nicht so einfach … “80 1907 musste er wegen großer Verluste in England als Generaldirektor zurücktreten. Sein Abschied wurde ihm mehr als versüßt. Die Ernennung zum zweiten Vizepräsidenten (neben Otto Seybel), die Beibehaltung aller Verwaltungsratsstellen (mit einer Garantie auf jährliche Tantiemen von zumindest einer Viertelmillion Kronen) und eine Palmer vorbehaltene Präsidentenstelle in der Trifailer Kohlenwerks-Gesellschaft erleichterten ihm die Demission. Kola zufolge erhielt Palmer bei seiner Demission als Länderbank-Generaldirektor aus verschiedenen Positionen ein jährliches Mindesteinkommen von einer Viertelmillion Kronen zugesichert.81 Damit lag er nicht falsch: 1910 versteuerte er 169.826 Kronen. Palmer gab öfters kleine, elegante Feste in seiner schönen, am Ring gelegenen Wohnung. Er besaß besonders schöne, sehr wertvolle Bilder und überhaupt viele Kunstschätze.



