Traumzeit für Millionäre

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Als Generaldirektor folgte ihm von 1908 bis 1916 Ludwig Lohnstein. Er galt als ein enger Freund Karl Luegers und war dessen Finanzberater in Gemeindeangelegenheiten. Lohnstein lobte Lueger trotz dessen antisemitischer Ausfälle als „einen immer außerordentlich wohlmeinenden Freund und Beschützer, der, solange er lebe, in warmem, dankbarem Gedächtnis bleiben werde.82 Lohnstein war 1908 in fünfzehn Industrieaktiengesellschaften vertreten, in fünf als Präsident. Er galt als einer der großen big linker der Vorkriegszeit.
Auch Bernhard Popper, der Direktor des Wiener Bankvereines und 1915 als „von Artberg“ geadelt, entsprach dem Typus des Multifunktionärs. In seiner Machtfülle, was leitende Positionen betraf, war Popper mit 21 Verwaltungsratssitzen unerreicht: In neun Industrieaktiengesellschaften stand er an der Spitze des Verwaltungsrats, in fünf Papierindustrieunternehmen, in sechs Berg- und Hüttenwerken.83 Später wechselte er vom Direktor zum Präsidenten des Bankvereins, zuletzt zu dessen Ehrenpräsidenten. Durch viele Jahrzehnte war er auch Präsident der Wiener Börsekammer.
Karl Stögermayer, einer der ganz wenigen Nichtjuden unter den Spitzenbankern, verzeichnete eine spektakuläre Karriere beim Bankverein. Als Sohn eines Gerichtsaktuars in Enns geboren, war er nach der Realschule als 17-Jähriger in die Boden-Credit-Anstalt eingetreten und 1875 als Disponent und Prokurist in den Wiener Bankverein gewechselt. Nach Jahren als Direktorstellvertreter und Direktor des Bankvereins, dann Vizepräsident, beendete er seine Karriere 1924 bis 1929 als Präsident und dann noch ein Jahr bis zu seinem Tod als Ehrenpräsident. Sein Aufstieg war mit dem des Bankvereins eng verbunden, war doch der Bankverein eine der ganz wenigen Wiener Banken, die die Bankenkrise der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts einigermaßen unbehelligt überstehen sollten. Stögermayer gehörte auch dem Verwaltungsrat zahlreicher Konzernunternehmungen dieses Instituts an. Er war Präsident des Wiener Frauenvereins Settlement, der sich um Straßenkinder und alleinstehende Mütter kümmerte, und er war Vorstandsmitglied der Wiener Geographischen Gesellschaft.84
Auch nüchterne Bankdirektoren konnten sich literarisch ambitioniert geben. Adolf Dessauer, der stellvertretende Präsident des Verwaltungsrats der Depositenbank, brachte es mit seinen Romanen „Großstadtjuden“ und „Götzendienst“ nicht nur zu zeitgenössischer Bekanntheit. Sie werden von Germanisten auch noch heute erforscht und wieder aufgelegt, wahrscheinlich aber mehr wegen des zeithistorischen Kolorits als wegen der künstlerischen Qualität. Auch Guido Elbogen, der als Direktor und Generalrat der Anglo-Österreichischen Bank zu großem Vermögen gekommen war, betätigte sich dichterisch, ist aber offensichtlich ganz vergessen.
Ob man jene Angehörigen des Hochadels, die an der Spitze des Verwaltungsrats einer Großbank standen, den Bankiers zurechnen kann, sei dahingestellt: Kasimir Freiherr von Pfaffenhofen, verheiratet mit Elisabeth, geborene Kinsky von Wchinitz und Tettau, war Präsident, hernach Generalrat der Anglobank. Reichsgraf Maximilian Montecuccoli-Laderchi, der langjährige Gouverneur der Österreichischen Länderbank und Präsident der Alpine Montangesellschaft, stand politisch der christlichsozialen Partei nahe. Er war kaiserlicher Kämmerer, wirklicher geheimer Rat des Kaisers und eine „in Kreisen der Diplomatie, des Adels und der Finanz hochangesehene Persönlichkeit“, obwohl er von Finanzangelegenheiten recht wenig verstanden habe.85 Diese und andere hohe Adelige, die in den Verwaltungsräten der Banken vertreten waren, waren in Wahrheit nur dazu da, das Prestige der Banken nach außen abzusichern.
Die leitenden Bankiers und Manager standen in erbitterter Konkurrenz. Man begegnete sich in unterkühlter Freundschaft, sprich Feindschaft. Der Berliner Bankier Carl Fürstenberg, dem Eugen Minkus, der Direktor der Unionbank, den Wechsel der Geschäftsbeziehungen zur Niederösterreichischen Escompte Gesellschaft verübelte, wollte sich mit diesem bei einem Besuch versöhnen. Der Portier begrüßte ihn freundlich. Fürstenberg fuhr nach oben und erzählte Minkus, wie herzlich ihn der Portier in Empfang genommen habe. Minkus erwiderte trocken: „Da sehen Sie wieder, was man heutzutage für ein unzuverlässiges Personal hat. Der Mann ist nicht à jour.“86

Zeichnet ein kritisches Bild der Wiener Gesellschaft: das Umschlagbild des Romans des Bankiers Adolf Dessauer „Götzendienst“, Wien 1899.
Sie sind Urgesteine des Kapitalismus. Sie arbeiten sprichwörtlich bis zum Umfallen. Sie sterben in der Arbeit. Das unterschied sie zwar nicht von ihren vielen kleinen Bediensteten, Arbeitern und Gehilfen, für die eine Altersruhe ebenso undenkbar war. Eugen Minkus war 1923 nach 63-jähriger Tätigkeit in der Unionbank, wenige Tage nach seinem mit großen Ehrungen vollzogenen Rücktritt, verstorben. Die Zeitungen kritisierten die „hartnäckige Herrschsucht eines an Verdiensten sicherlich reichen, aber der dahinrasenden Zeit fremd gewordenen Mannes“.87 Feilchenfeld stürzte als Siebzigjähriger auf dem Heimweg von der Bank in einen ungesicherten Schacht zu Tode. Stögermayer trat 1929 im Alter von 81 Jahren nach mehr als 35 Jahren an der Spitze des Bankvereins zurück. Ein Jahr darauf starb er. Der Direktor der Deutschen Bank Hugo Mankiewitz, vielleicht besser bekannt als Großvater von Marcel Prawy, starb an nervlicher Erschöpfung. Sein Bankierskollege Fürstenberg kommentierte das trocken: „Der arme Mankiewitz, Direktor der Deutschen Bank, hat sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gearbeitet … er arbeitete bis tief in die Nacht … Die Folge war ein völliger Nervenzusammenbruch … so dass der einige Zeit darauf eintretende Tod eher als eine Erlösung empfunden werden musste.“88
Der völlige Verzicht auf Freizeit wird in den Biographien gerne betont, weil das diese Kapitalisten von der Leisure-Class so sehr unterschied: Bernhard Popper hat nie Urlaub gemacht, besaß auch keinen Landsitz. Im Sommer logierte er im Wiener 17. Bezirk, im Winter im 1. Bezirk. Auch Julius Herz, Vizegouverneur der Boden-Credit-Anstalt, habe in den letzten Jahren seiner Tätigkeit nicht mehr als zwei Wochen Urlaub genommen. Für Morawitz existierte nichts neben der Bank: Von Jugend auf gewöhnt, mit wenigen Stunden Schlaf auszulangen, sei er schon bei Morgengrauen am Schreibtisch zu finden gewesen, schon vor acht Uhr morgens, gewöhnlich als Erster, vor allen übrigen Beamten und Direktoren. Bis in die späten Abendstunden habe er gearbeitet und an allen Werktagen als Mittagessen wenn halbwegs möglich das nämliche Menu genommen.89 Ein Rhythmus wie ein Uhrwerk. Für den Austausch von Floskeln und Höflichkeiten war keine Zeit. In verschiedenen Wiener Bankdirektionen sei die Tafel angebracht gewesen: „Zeit ist Geld!“ „Die Besuche wollen kurz sein.“90 Selbst die Aufforderung, noch zu bleiben, darf nicht ernst genommen werden! Man stilisierte sich als Geldmaschine: Karl Morawitz hatte in seinem Büro die Inschrift: „Ich habe die heutigen Zeitungen gelesen, ich weiß, was für Wetter wir haben; mir und meiner Familie geht es gut. Ich befasse mich nur mit Geschäften.“91
Die Bankiers des Fin de Siècle besetzten die oberste Spitze der Einkommenshierarchie. Aber sie besetzten bei weitem nicht die Spitze der sozialen Skala, die weiter sehr viel mehr auf den traditionellen aristokratischen Werten basierte als auf den Werten des Geldes. Robert Musil brachte den geringen sozialen Rang des Bankiers im Mann ohne Eigenschaften auf den Punkt: Der Bankdirektor Léon Fischel beeindruckt den Professor Schwung kaum. Auch Morawitz sah das so: Der Respekt gelte nicht den jüngst erworbenen Reichtümern, sondern den ererbten Vermögen und staatlichen und adeligen Titeln.
Taussig hatte sich 1894 von dem bekannten Architekten Karl König eine riesige, schlossartige Sommervilla in Hietzing mit allen technischen Raffinessen der Zeit errichten lassen, mit eigener Elektrizitäts- und Wasserversorgung, Gärtner- und Portiershaus, Kutscher- und Stallgebäude, Manege und Wettersäule. Die künstlerische Ausgestaltung des Speisesaals stammte von Josef Engelhart. Die Villa wurde 1931 abgerissen. Auch Krassny führte einen sehr aufwendigen Lebensstil, Max Feilchenfeld lebte angeblich eher bescheiden, obwohl sein Landsitz in St. Gilgen zu den „großartigsten Anlagen zählt, die nach der Jahrhundertwende im Salzkammergut errichtet wurden“.92 Doch anders als die Privatbankiers sind die Manager durch keine Salons, durch kein großartiges kulturelles Engagement und durch kein die Breite der Gesellschaft überspannendes Netzwerk bekannt geworden.
Weniger als 10 Prozent der Bankiers auf der Liste waren nichtjüdischer Herkunft: Damit nimmt Wien zweifellos eine Sonderstellung ein. Jüdische Bankiers spielten in vielen Ländern eine substanzielle Rolle, aber nirgendwo so total wie in Wien.93 In London, wo bereits eine Gruppe von Quäker-Bankern existierte, in Amsterdam mit seinem starken Anteil von Mennoniten oder in Hamburg, wo traditionell protestantische Händler stärker im Bankgeschäft engagiert waren, war der Anteil jüdischer Banker viel geringer.94 Auf der obersten Ebene der Bankenhierarchie gab es demnach auch keine Front christlich gegen jüdisch oder katholisch gegen jüdisch, sondern zwischen Juden und Juden, zwischen Sieghart und Rothschild, zwischen Taussig und Blum, zwischen Minkus und Fürstenberg, zwischen Morawitz und Lohnstein.
Wenn der Katholik Spitzmüller, der 1910 zum Direktor der Credit-Anstalt bestellt wurde, in seiner Autobiographie behauptete, es habe in seinen Kreisen keine rassisch-religiösen Vorurteile gegeben, mag das schon zutreffen. „Daraus, dass meine drei beziehungsweise vier Kollegen Juden waren, ergab sich nicht die geringste Reibungsfläche.“95 Man muss allerdings berücksichtigen, dass diese Passage 1955 geschrieben wurde. Aus seinem Tagebuch zitierte Spitzmüller hingegen eine 1911 verfasste Notiz, die ganz anders klingt: „Die Boden-Credit-Anstalt als Werk Taussigs bildet den Gegenstand einer Götzenanbetung seitens der Juden, auch der besten wie Hammerschlag. Wie soll ich, der einzige Christ, noch dazu geschäftlich ohne Routine, obtenieren?“96 Es seien die Direktoren der anderen Wiener Großbanken, schreibt er im Tagebuch weiter, fast ausschließlich Juden: „So paradox es klingt, so ist es doch eine Tatsache, dass auch unter den eigentlichen sogenannten Erwerbsmenschen ethisch hochqualifizierte Persönlichkeiten zu finden waren.“97 Daraus kann man durchaus antisemitische Ressentiments herauslesen.
Für die antisemitische Propaganda eigneten sich die großen Banken und ihre alles übergreifende Macht natürlich bestens. Im Tagesgeschäft hingegen war man auf sie und ihre Kompetenz angewiesen. Der Kaiser verlieh den Bankiers Adelstitel, höchste Auszeichnungen und Nominierungen ins Herrenhaus. Im privaten Kreis kritisierte er sie eher abfällig, was zum Beispiel die Beziehungen seines Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, zu Moriz Hirsch betraf („Er ist sicher wieder bei seinem Juden“), und er hätte ihnen wohl sicher nie die Hand gegeben. Der Großteil der reicheren Juden war monarchistisch gesinnt. Es gab eine schweigende Koalition zwischen Kaisertum und Judentum, die allerdings auch bei Kaiserhaus und Adel antisemitische Haltungen und Bemerkungen nicht ausschloss. Dieser schweigende, unterschwellige Antisemitismus der Oberschicht war vielmehr Teil des Systems. Auch Lueger schwang antisemitische Hasstiraden und arbeitete gleichzeitig mit Juden auch zusammen, denn diese konnten in der Konkurrenz um die Macht im Staat mit der Keule des Antisemitismus immerzu in Schach gehalten und im geeigneten Augenblick ausgegrenzt werden. Gleichzeitig wurde damit von eigenen Privilegien abgelenkt.
HANDEL MACHT REICH
Nirgendwo machte man sein Vermögen so rasch wie im Handel. Riesige Vermögen wurden innerhalb kurzer Zeit aufgehäuft. 150 der 929 Millionäre oder 16,1 Prozent waren dem Bereich Handel und Verkehr zuzuordnen. Ihr Durchschnittseinkommen lag leicht über dem der Industriellen und der Rentiers, aber deutlich unter dem der Bankiers und der Großgrundbesitzer. Aber ihr Vermögen war sehr häufig sehr rasch errungen, oft innerhalb weniger Jahre. Die Liste der großen Vermögen, die in der österreichischen Geschichte durch Handel geschaffen wurden, ist lang: von den Großhändlern des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts Fries und Sina über die Getreide- und Wollhändler Ephrussi und Figdor und die Kohlenhändler Gutmann und Berl bis zu den Lebensmitteldetaillisten Meinl und Mayer und den Warenhauskönigen Herzmansky, Gerngroß, Esders oder Rothberger oder nach dem Ersten Weltkrieg dem Inflationsgewinnler Siegmund Bosel, der in seiner Handelsgesellschaft „Omnia“ mit buchstäblich allem handelte und in den wenigen Jahren der Kriegs- und Inflationswirtschaft bis 1924 den Aufstieg vom völlig mittellosen Schusterlehrling zum angeblich kurzfristig reichsten Mann Österreichs machen konnte.
Millionäre im Handel 1910
Kohlenhandel 17 17 100,0 18,034.601 1,060.859 6,9 Holzhandel 16 15 93,8 3,074.480 192.155 1,2 Eisen/Metallhandel 12 7 58,3 1,976.710 162.226 0,7 Agrar/Lebesmittel 17 12 70,6 3,001.863 176.580 1,1 Textil/Warenhäuser 29 25 86,2 5,960.325 205.528 2,3 Handel, sonstiger 59 39 66,1 11,239.603 190.502 4,3 Handel insgesamt 150 115 76,7 43,257.582 288.384 16,4Eigene Auszählung
Zwischen Bankhäusern und Handelshäusern ist schwer eine Grenze zu ziehen. Zahlreiche der berühmten Privatbankiers hatten ihr Vermögen im Handel gemacht. Auch die Grenze zwischen Handel und Industrie ist fließend. Handelshäuser gliederten sich Produktionsbetriebe an. Umgekehrt versuchten Produzenten sich mit eigenen Vertriebsstrukturen aus beengenden Umklammerungen zu lösen. Nirgendwo war auch die Spanne zwischen ganz reich und ganz arm so groß wie im Handel. Ganz unten waren die zahllosen Hausierer, Tandler, Greißler, ganz oben die Holz- und Kohlenhändler, die Getreidehändler, die Eisen- und Metallhändler und die Besitzer der großen Warenhäuser.98
Die Holz- und Kohlenhändler
„Hast du je einen armen Holzhändler gesehen?“, fragt Josephine in Johann Nepomuk Nestroys spätem Lustspiel Frühere Verhältnisse. Nestroys Holzhändler von Scheitermann ist der Vertreter eines Berufszweiges, dem bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zentrale Bedeutung zukam. Im Holz- und Kohlenhandel waren die Einkommensmöglichkeiten am spektakulärsten. Es waren riesige Summen, die umgesetzt wurden. Die Holzversorgung einer Stadt von der Größe Wiens war ein gewaltiges logistisches Problem. Um das Brenn- und Nutzholz von den naturgemäß dezentralen und abgelegenen Standorten in den Wäldern zu den stark zentralisierten Verbrauchsorten zu bringen, waren ein enormer technischer Aufwand und ein entsprechend hoher Kapitaleinsatz erforderlich: einerseits für die Errichtung und Erhaltung der Transportwege, der Riesen, Triften, Klausen, Schwemmkanäle und Flößereianlagen, andererseits zur Finanzierung der langen Umschlagzeiten. Da konnten sich leicht oligopolistische und monopolistische Strukturen etablieren.99
Die Holzhändler waren die Kolonialherren des Habsburgerreiches. Ihre Forste und Einflussgebiete zogen sich von den Wäldern Bosniens über Transsylvanien bis in die Bukowina hin, auf die Höhen der Karpaten oder des Tatragebirges. Drach, Engel v. Janosi, Groedel, Munk, Ortlieb, Eissler waren bekannte Namen. Die aus Bisenz (Bzenec) in Mähren stammende Familie Eissler betrieb den Holzhandel in drei verschiedenen Firmen: J. Eissler & Brüder, Josias Eissler & Söhne und die Bosnische Forstindustrie Eissler & Ortlieb. Von den mehreren hunderttausend Hektaren wurden jährlich mehrere tausend geschlagen. Auf Privatbahnen mit mehr als hundertfünfzig Kilometern Schienennetz und mit an die zwanzig Lokomotiven wurde das Holz gefördert. Arbeiter rodeten, fällten, schlichteten, verluden. In Kroatien besaßen die Eissler ein Gut, in Österreich hatten „J. Eißler und Brüder“ und ihre Gründung, die Holzbank, das Land ihren Einfluss spüren lassen, in Ungarn herrschte die Firma nach dem Zerfall der Monarchie als „Eissler es testvere“, als „Eissler i fratti“ in Rumänien und „J. Eissler bratri“ in der Tschechoslowakei. Heimito von Doderer hat dem Handelshaus und seiner „Holzbank“ in den Dämonen ein literarisches Denkmal gesetzt, Franz Theodor Csokor mit dem Schuss ins Geschäft die Tragödie der Ermordung des Firmenchefs durch seinen Cousin beschrieben.100
Mit dem Ende der Brennholzwirtschaft hatte der Holzhandel seine Struktur grundsätzlich umorientieren müssen. Nutzholz wurde zu einem Exportprodukt, das in großen Dampfsägewerken geschnitten und verarbeitungsbereit gemacht wurde. Die Holzhändler legten sich Parquettenfabriken und Fournierwerke zu. Die Papier- und Zellulosefabriken stiegen als neue Großverbraucher ein. Auch wenn diese bestrebt waren, sich eine eigene Versorgungsbasis aufzubauen, waren sie doch auf den Handel als Vermittler angewiesen.

Rangierte unter den reichsten Berlinern und Wienern zugleich: das Ehrengrab für den Kohlenhändler und Philanthropen Eduard Arnhold in Berlin-Wannsee.
Neben die Holzhändler traten die Kohlenhändler. Das Durchschnittseinkommen der 17 reichsten Kohlenhändler war mit über einer Million Kronen unter allen Branchen am höchsten. Der Aufstieg des Kohlenhandels begann in den 1850er Jahren mit der Fertigstellung der ersten Bahnverbindungen. 1831 waren in Wien nur 3.000 t Mineralkohle verbraucht worden, 1850 schon etwa 50.000 t und 1890 bereits 727.000 t. Der Wiener Kohlenverbrauch hatte sich nach 1850 in jedem Jahrzehnt etwa verdoppelt.101 Die großen Kohlenhändler zementierten ihre Machtbasis in einer Verbindung von Kohlenförderung, Transportwirtschaft und Großverbrauchern ein. Die größten unter ihnen, die Gutmann, kontrollierten ein weit verzweigtes Geschäftsfeld. Im Einkommensranking standen sie gleich hinter den Rothschild. Wilhelm Isaak Ritter von Gutmann hatte sich zu Beginn der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts im damals aufstrebenden Kohlengeschäft zu etablieren begonnen und in weiterer Folge zusammen mit seinem jüngeren Bruder David die Firma „Gebrüder Gutmann“ gegründet. Mit Anselm von Rothschild, der die wichtigste Kohlenbahn, die Nordbahn, dominierte, übten sie monopolistischen Einfluss auf die Wiener Kohlenversorgung aus und beherrschten ab 1872 mit Witkowitz, zur Hälfte geteilt mit Rothschild, auch die größte Eisenhütte der Monarchie. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts bildeten die Gutmann eines der größten Wirtschaftsvermögen Österreichs und rückten zur zweitreichsten Familie der Stadt auf. Als David Ritter von Gutmann, der 1910 ein jährliches Einkommen von 3,541.097 Kronen versteuerte, 1912 verstarb, hinterließ er ein Nettovermögen von 19,368.192 Kronen. Zu den ganz großen Kohlenhändlern zählte auch die Familie Berl. Oskar v. Berl versteuerte 1910 ein Einkommen von 1,216.964 Kronen. Schon sein Vater war einer der größten Kohlenhändler Wiens gewesen und einer der Lieblinsgegner von Karl Kraus („der Kohlenwucherer Berl“ Fackel 59/19, 1900). Karl Königer, Inhaber der Karl Königer & Sohn, versteuerte ein Einkommen von 908.332 Kronen. Josef Kaufmann war ebenfalls Gesellschafter der Firma Karl Königer & Sohn. Adolf Schramek, aus Lipnik in Mähren stammend, machte einen steilen Aufstieg im Wiener Kohlenhandel. In der Wiener jüdischen Gemeinde war er bekannt, weil er als Präsident des Tempelvereins „Am Volkert“ die große Synagoge in der Leopoldstadt, den vom Architekten Ignaz Reiser geplanten Pazmanitentempel (Pazmanitengasse 6), finanzierte. Julius Muhr, der 1910 mit einem Einkommen von 281.649 Kronen fast schon ein „armer“ Kohlenhändler war, starb am 9. April 1942 bei der Deportation nach Izbica. Der Macht des Kohlenhandels versuchte Karl Lueger nicht nur mit der Forderung nach Verstaatlichung der Nordbahn zu begegnen, sondern auch mit der Etablierung gemeindeeigener Kohlenhandelsfirmen.
Die Wiener Kohlenhändler teilten sich den Markt mit den preußischen Kohlenmagnaten. Der Berliner Unternehmer, Kunstmäzen und Philanthrop Eduard Arnhold, der fast den gesamten Handel mit schlesischer Steinkohle am Berliner Markt in seine Hand gebracht hatte, machte auch in Wien glänzende Geschäfte und versteuerte 1910 in Österreich ein Jahreseinkommen von 1,284.189 Kronen. Er zählte zu den fünf reichsten Berlinern und rangierte auch in Wien unter den zehn größten Einkommenssteuerzahlern. Eduard Arnhold gehörte zweifellos zu den bemerkenswertesten Figuren, nicht nur als Kohlenhändler, sondern auch als Kunstsammler und Mäzen. Sein Aufstieg vom mittellosen Lehrling des Kohlenhändlers Caesar Wollheim über die Prokura zum Teilhaber und schließlich zum unumstrittenen Chef einer eigenen Kohlenhandelsfirma, die er seinerseits an die Spitze der Branche katapultierte, war bemerkenswert.102 Karoline Wollheim, die Witwe des Berliner Kohlenhandelsmagnaten Caesar Wollheim, versteuerte in Wien 1910 ein Jahreseinkommen von 424.853 Kronen. Auch der preußische Kommerzienrat Fritz Friedländer-Fuld, Inhaber der gleichnamigen Kohlengroßhandlung in Gleiwitz, und Käthe Hegenscheidt, die Witwe von Rudolf Hegenscheidt, des Inhabers der Kohlenfirma Emanuel Friedländer und Compagnie in Berlin, waren unter den Wiener Spitzenverdienern zu finden.
Alles ist Handel
Eine Handvoll Wiener Großhändler waren die Speerspitze des Kapitalismus in der Habsburgermonarchie: Sie waren Bankiers, Industrielle, Großgrundbesitzer und Großhändler in einem. Auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich gab es im Jahr 1902 im Warenhandel ungefähr 80.000 Hauptbetriebe mit insgesamt etwa 180.000 Beschäftigten. Diese Zahl entsprach 4 Prozent aller Berufstätigen. Über 80 Prozent von ihnen waren hauptberuflich im Handel tätig, der Rest hatte im Handel nur eine Nebenbeschäftigung. 45 Prozent der Berufstätigen im Handel waren selbständig. Dies und die große Zahl von Betrieben bedeutet, dass der durchschnittliche Handelsbetrieb klein war: In gut 40 Prozent der Betriebe arbeitete nur eine (in der Regel selbständige) Person. Unter den ohnehin nicht sonderlich zahlreichen Großbetrieben des Landes mit tausend Beschäftigten oder mehr gehörten kaum welche zum Handel. Im Unterschied dazu findet man unter den Speditionen auch große Unternehmen wie Schenker & Co. mit etwa 1.300 Mitarbeitern im Jahr 1913.103
Die Struktur des Handels erklärt sich aus der Struktur der Wirtschaft. Nahezu zwei Drittel der Bevölkerung der Habsburgermonarchie waren noch in der Landwirtschaft und verstanden sich überwiegend als Selbstversorger, die nur beim Verkauf ihrer Produkte, von Getreide und Vieh, mit dem Handel in Kontakt kamen und alle heiligen Zeiten auf den Jahrmärkten sich einige städtische Konsumgüter nachschafften. 1902 gab es im Gebiet der späteren Republik Österreich ungefähr 3.500 Viehhändler, die fast ausschließlich als Betriebe mit ein bis zwei Personen wirtschafteten. Dazu kamen über 3.000 Betriebe, die mit anderen Rohprodukten, überwiegend Getreide und Futtermitteln, handelten. Auch diese Unternehmen waren zum größten Teil Kleinbetriebe und hatten insgesamt an die 6.000 Beschäftigte.104



