Traumzeit für Millionäre

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Dass im Agrarstaat Österreich dem Lebensmittel- und Landesproduktehandel besondere Bedeutung zukam, braucht nicht zu verwundern. Eduard Bondy handelte mit Getreide, die Boschan mit Landesprodukten und Samen, Glatz mit Mehl und Kleie, Klein mit Gerste, die Strasser waren das führende Getreidehandelsunternehmen Ungarns, auch ein Pferdehändler ist unter den Millionären, mehrere Weinhändler, ein Bierhändler, ein Milchhändler, ein Futterwarenhändler. Gabriel Bader handelte mit Spiritus und Melasse, die Familie Bauer mit Leder, die Schütz mit Pelzen. Sie waren allesamt jüdisch. Dennoch ist die Vorstellung, der Getreidehandel befinde „sich ausschließlich in den Händen der Juden“, wie es Karl Lueger im Reichsrat 1890 formulierte, als Klischeebild anzusehen, in dem sich alte Ängste vor Kornwucher und Hunger mit dem Antisemitismus jener Zeit mischten.
Im Einklang mit der österreichischen Industriestruktur haben sich einheimische, international tätige Rohstoffhändler vor allem auf den Bereich des Metallhandels konzentriert, wenngleich sich die Aktivitäten teilweise auch mit dem Agrar-, Chemikalien-, Baustoff- und Brennstoffhandel überschnitten. Die Bergmann handelten mit Buntmetallen (Zinnoxyd-Comptoir), die Brukner und die Frankl mit Eisen, die Kraus mit Ultramarin. Gustav Benda, Inhaber der Firma Waldek, Wagner & Benda (auch Waldeck, Wagner und Benda geschrieben) vertrieb ein großes Sortiment an Maschinen, Gummiwaren, Armaturen und Fittings, aber auch Chemikalien wie Schwefel und Borax, Farben und Brennstoffe. Willibald Petzolt, Inhaber in dritter Generation einer aus den kleinen Anfängen einer Gemischtwarenhandlung im 7. Bezirk herausgewachsenen Werkzeug- und Metallwarenhandlung, beherrschte 1910 den Metallmarkt der k. u. k. Monarchie. Heute wird das traditionsreiche Unternehmen in sechster Generation von Frau Christine Del Monte-Petzolt geführt. Alte, bis heute bestehende Traditionen repräsentiert auch die Fa. Neuber. Wilhelm Neuber, der als Praktikant in einer Wiener „Material-, Spezerei- und Farbwarenhandlung“ das Drogistengeschäft von Grund auf gelernt hatte, erwarb 1865 eine „Bürgerliche Gemischtwarenhandlung“ und baute aus einer kleinen Farbwarenhandlung einen Handels- und Produktionsbetrieb für Farben und Farbstoffe auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Industriebetrieb als Neuber AG von der Großdrogerie getrennt, die in Familienbesitz verblieb.105

Verwaltung, Erzeugungsbetriebe und Lagerräume unter einem Dach: das neu erbaute Hauptquartier von Julius Meinl in der Nauseagasse in Ottakring, um 1913.
Die bekannteste Handelsmarke des alten Österreichs schuf Julius Meinl. Der Name Meinl verkörperte über mehr als ein Jahrhundert das perfekte Beispiel für patriarchalisches Unternehmertum: Der stets gleich bleibende, wie bei Herrschern oder Päpsten nur durch die römische Zahl unterschiedene Vorname „Julius“, von I bis inzwischen V, signalisiert eine Kontinuität, die es im Geschäftsleben nur in Ausnahmefällen gibt. Im Jahr 1862 hatte dieser erste Julius Meinl auf dem Wiener Fleischmarkt ein Geschäft für „täglich frisch gebrannten Kaffee“ eröffnet. Vierzehn Jahre später war er in der Großen Depression bankrott gegangen. Er gab aber nicht auf. 1877 startete er neu. Ende der 1890er Jahre war die Firma in ein neues Haus am Fleischmarkt übersiedelt, das mit seiner Marmorfassade bereits als typisches Meinl-Geschäft erkenntbar war. Zielpublikum war die wohlhabende Gesellschaft. Bei Kriegsausbruch 1914 hatte das Unternehmen 115 Filialen, davon 44 in Wien, zehn in Budapest, fünf in Prag, je drei in Lemberg, Brünn und Graz sowie zwei in Triest. Insgesamt beschäftigte der Konzern mehr als 1.100 Personen. In seinem Geschäftsbereich war Meinl unumstritten die Nummer eins. Als Julius Meinl II. 1913 den Betrieb übernahm, war Meinl nicht mehr nur eine Handelskette für Kaffee und Tee, sondern ein breit gefächerter Lebensmittelkonzern. Mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie war kein Einschnitt verbunden. Zwischen 1919 und 1933 wurden durchschnittlich elf bis zwölf neue Geschäfte pro Jahr eingerichtet. Das Unternehmen wurde um ein Margarinewerk, eine Likörfabrik, eine Ölproduktion und eine Konservenfabrik erweitert, ein Sparverein wurde gegründet und eine Bank übernommen, ebenso die Geschäfte der „Brüder Kunz“, des größten Konkurrenten im Lebensmittelsektor. 1937 war das Unternehmen in acht Staaten tätig, verfügte über 493 Filialen und beschäftigte etwa 3.000 Leute, ca. die Hälfte davon in Österreich. Überall, in Wien, Berlin, Prag, Triest, Budapest, Warschau, Kattowitz und Zagreb warb Meinl mit demselben Schriftzug und dem Meinl-Mohr als Logo, mit einheitlich dekorierten Schaufenstern und einer einheitlichen Fassadengestaltung. Auch die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg konnten die Erfolgsgeschichte des Unternehmens nicht stoppen. Erst Julius Meinl V. beendete die Handelstradition des Hauses und verlegte sich mit durchaus zweifelhaftem Erfolg ganz auf das Bankgeschäft.106

Beginnt 1890 mit der Sekterzeugung: die Weinkellerei von Johann Kattus in Döbling, der 1898 zum „k. u. k. Hoflieferanten“ ernannt wird.
Wien war ein guter Platz für Luxuswaren aus aller Welt: Johann Kattus war zwischen 1880 und 1914 der bedeutendste Kaviarhändler der Welt, mit Umsätzen pro Jahr von bis zu 200.000 kg. Er hatte als Reisender für verschiedene Weinhändler begonnen und um 1857 eine Spezereiwarenhandlung für Wein, Kaffee, Tee, Südfrüchte, Spirituosen, Champagner und Kaviar gegründet. In Astrachan am Kaspischen Meer eröffnete er eine Kaviarfaktorei, von der aus die Kaiserhöfe in Wien und Sankt Petersburg, deutsche Fürstenhöfe und amerikanische Hotels beliefert wurden. 1890 wurde die eigene Sekterzeugung aufgenommen. Kattus kreierte die Marke „Hochriegl“, benannt nach seinem besten Weingarten. 1898 wurde er zum k. u. k. Hoflieferanten ernannt. Auch Wilhelm Pollak zählte mit der von seinem Vater gegründeten k. u. k. Hof-Weinhandlung Emanuel Pollak & Sohn und der Fa. Joh. Stifft & Söhne zu den größten Weinhändlern der Habsburgermonarchie. Robert Schlumberger, der Sohn eines schwäbischen Brücken- und Straßenbaudirektors, hatte in Reims die Schaumweinproduktion gelernt und begann in Wien, wohin er wegen seiner Heirat übersiedelt war, mit Versuchen, diese in Österreich zu etablieren. Er mietete dazu den Vöslauer Maitalkeller des Grafen Moritz Fries. Er schaffte es, sein Unternehmen mit seiner Marke „Vöslauer Goldeck“ zum Lieferanten der wichtigsten Höfe Europas zu machen. Im Jahr seines Todes als „Edler von Goldeck“ für seine Verdienste noch mit einem Adelstitel geehrt, hinterließ er seinen drei Söhnen Robert (II.), Otto und Gustav Schlumberger von Goldeck ein florierendes Unternehmen.107
Franz X. Mayer war der Chef des Großhandlungshauses Fa. Gebrüder Mayer, Präsident des Großhändler-Gremiums und Verwaltungsrat der Kathreiner Malzkaffee Fabriken AG. Auch der k. u. k. Hoflieferant Franz Josef Stiebitz, Chef der Firma Alois Stiebitz et Comp., war eine bekannte Persönlichkeit im Wiener Gourmetbereich. Der aus Mähren stammende Joseph Stiebitz hatte 1818 das „Schwarze Cameel“ übernommen, eine schon seit dem 17. Jahrhundert unter diesem Namen bestehende Gewürzkrämerei. Stiebitz expandierte in den Feinkosthandel und richtete eine Weinstube samt Schwemme ein. 1901 wurde das Haus Bognergasse 5 komplett neu gestaltet und dem Lokal von Portois & Fix sein heutiges Aussehen im Wiener Jugendstil verpasst.108 Stiebitz machte das Schwarze Kameel zu einer Mischung aus Feinkosthandlung, Buffet und Restaurant, gerade recht für die Bedürfnisse seiner noblen Kundschaft.
Man vermisst unter den Millionären sicher manche der traditionsreichen Hoflieferanten, von den Käsehändlern Gebrüder Wild oder dem Hoffleischhauer Ludwig Weisshappel bis zu den Wiener Schmuck- und Juwelierhäusern Köchert und Rozet & Fischmeister. Sie besetzten zweifellos eine führende Position im Altwiener Bürgertum. Für ein Millioneneinkommen waren sie dennoch zu klein. Der Juwelen- und Edelsteinhändler Bernhard Hirsch durchstieß diese Schranke. Er war um 1876 nach Wien gekommen und etablierte hier das von seinem Vater in Pest gegründete Geschäft Leopold Hirsch & Sohn. Ob Julius Bellak mehr Uhren- und Schmuckhändler oder mehr Bankier war, ist schwer zu sagen. Dasselbe gilt für die Zirner, die als Juweliere begannen, ein Bankhaus führten und in das feine Modehaus Ludwig Zwieback auf der Kärntner Straße einheirateten.
Für den Buchdruck und den Buchhandel war die Habsburgermonarchie lange Zeit kein guter Boden. Im Vormärz behinderte die Zensur eine freie Entwicklung. Weil die Habsburgermonarchie bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts an den Abkommen gegen Nachdruck nicht teilnahm, gaben erfolgreiche Autoren häufig Verlegern an deutschen Standorten den Vorzug. Im 19. Jahrhundert wurde die Wertschöpfungskette in der Buchproduktion durch die Weiterentwicklung der Papiererzeugung, der Schnell- und Rotationspressen und mechanischen Setzmaschinen vervollkommnet, was eine entsprechende Entwicklung des Verlagswesens und Buchhandels ermöglichte und einer Reihe berühmt gewordener Verleger und Buchhändler eine Chance gab, zum Beispiel Georg Freytag, Alfred Hölder oder Franz Pichler.
Textilhändler und Warenhäuser
Shopkeepers waren nicht salonfähig, schreibt Heinrich Treichl über die Gesellschaft des Fin de Siècle.109 Besitzer von Warenhäusern, Handelsketten oder auch einfachen Ladengeschäften hatten gegen sehr große gesellschaftliche Widerstände anzukämpfen und genossen bei weitem nicht jenes Ansehen, das sich andere Wirtschaftstreibende, Bankiers, Industrielle, geschweige denn Beamte oder Künstler verschaffen konnten.
Die klassische Domäne des Handels war und ist der Textilhandel: Stoffe, Kleider, Kurzwaren, Teppiche. In Wien traf man auf eine bunte Palette von Textilgeschäften: Leinwandhändler, Pfaidler, Tuchschneider, Currentwarenhändler, Galanteriewarenhändler, Kurz- und Weißwarenhändler, Händler mit roher und gefärbter Seide, Händler mit reichem und schwerem Seidenzeug, Spezereiwarenhändler sowie die „gemischten Warenhändler vor der Stadt“. Vermögende Kunden in Wien, vereinzelt auch in der Provinz, bezogen ihre Kleidung im späten 19. Jahrhundert immer noch direkt aus Paris, London oder Brüssel. Der Handelsvertreter kam mit einem Berg von Schachteln ins Palais oder die Villa. Da wurde anprobiert, ausgesucht, gekauft. Kam der Vertreter nicht direkt ins Haus, so legte man im Geschäft Wert auf diskrete Bedienung und Zustellung der erworbenen Ware durch das Personal. Man kaufte feine Stoffe bei Jungmann & Neffe, exquisite Herren- und Damenkleidung bei Heinrich Grünbaum und Reformmode bei den durch Gustav Klimt bis heute bekannt gebliebenen Schwestern Flöge. Zu einem Millioneneinkommen brachte es zum Beispiel Grünbaum, dessen Witwe 1910 ein Jahreseinkommen von 162.180 Kronen deklarierte.

Palastarchitektur für ein Warenhaus: die Fassade des 1897/98 nach Plänen von Maximilian Katscher errichteten Stammhauses von August Herzmansky in der Mariahilfer Straße, 1899.
Die neuen Tempel der Kauflust waren die Warenhäuser. „Kathedralen des Massenkonsums“ und „Museen des kleinen Mannes“ lauteten die Schlagwörter. Emile Zola hatte mit seinem Kaufhausroman die Vorstellung vom „Paradies der Damen“ geprägt, auch wenn es vor allem die Herren waren, für die vorerst die dort angebotenen Waren gedacht waren: Reise-, Jagd- und Stadtkleidung, Herrenpelze, Fräcke und Gehröcke, Livreen, Schlafröcke, Turnanzüge, Knabenkleidung und Priesterröcke umfasste das Sortiment bei Rothberger. Nach 1900 kam auch Automobilkleidung dazu. Das Angebot wurde immer breiter, bis zuletzt die ganze Warenfülle der beginnenden Massenkonsumgesellschaft in einem pompösen Ambiente für jedermann zu bestaunen war. Denn die Unterschichten konnten bestenfalls staunen. Zum Kaufen fehlte das Geld. Aber man musste ja nicht kaufen. Und der Zutritt war gratis.110
Die Warenhäuser waren die Leuchttürme der neuen Zeit. In religiöser Feierlichkeit wurden sie inszeniert. Die Palastarchitektur schuf Gefühle des höchsten Luxus. Verkauft wurden die Massenwaren des Fabrikszeitalters. Im Erdgeschoß gab es die Schwemme, in den oberen Stockwerken waren die Verkaufssalons und ganz oben die Werkstätten. Orientalische Basare waren sie in den Augen ihrer antisemitischen Kritiker, die Vorhut des Massenkonsums für die Stadtflaneure. Rothberger platzierte sein Warenhaus direkt gegenüber dem Haupttor des Stephansdoms, Neumanns hochtrabender Metropolitan Clothing Palace in der Kärntner Straße mutierte im Mund der Wiener bald zum „Steffl“. Die Mariahilfer Straße, der tägliche Weg des Kaisers von Schönbrunn in die Hofburg, war der rechte Ort für die Zurschaustellung dieser neuen Stadtwahrzeichen. So konnte der Kaiser tagtäglich die Paläste der neuen Zeit vor Augen haben. Von den 24 im Jahr 1907 als Warenhäuser erfassten Wiener Unternehmen befanden sich zwölf im 1. Bezirk und zehn in der Mariahilfer Straße. Hier waren auch die drei weitaus größten nahezu benachbart: Gerngroß, Herzmansky und Esders „Große Fabrik“. Während bei den übrigen die Umsatzhöhe zwei Millionen nicht überschritt, gaben Esders 7,5 Millionen, Herzmansky acht bis zwölf Millionen und Gerngroß über 10 Millionen an. Die Beschäftigtenzahl bei Gerngroß überstieg die 1000er-Grenze. Gerngroß war auch bereits in den Möbel-, Haushalts- und Lebensmittelbereich eingestiegen. Rechnet man alle fünf Gerngroß-Brüder zusammen, so versteuern sie mehr als 700.000 Kronen Einkommen im Jahr, Vater und Sohn Esders zusammen fast 800.000 Kronen. Herzmansky lag da schon weit abgeschlagen zurück.111 Die 29 Millionäre unter den Warenhausbesitzern brachten es auf Durchschnittseinkommen von etwa 200.000 Kronen.
Als Pionier der österreichischen Kleiderhäuser gilt Mayer Mandl. 1843 hatte der Sohn des Prossnitzer Altkleiderhändlers Moses Mandl um die Kleinhandelsbefugnis für alte Kleider eingereicht. 1849 kam jene für neue Kleider dazu. Bald beschäftigte Mayer Mandl mehrere 100 Schneider, die aus billigen Stoffen Konfektionsstücke für den Vertrieb in Ungarn und am Balkan fertigten. Im Krimkrieg war er als Lieferant der osmanischen Armee zu derartigem Ansehen gelangt, dass ihm die osmanische Regierung für einige Zeit die Ausstattung ihrer gesamten Armee übertrug. 1858 suchte er um die Fabriksbefugnis für die Erzeugung von Männerkleidung an. Es war die erste Kleiderfabrik Österreichs. In den 1860er Jahren etablierte sich Mandl direkt in Wien. 1910 stellte die Mandl-Familie eine Reihe von Millionären: Julie Mandl, die Witwe des 1888 verstorbenen Mayer Mandl, ihren Sohn Arnold Mandl, Inhaber des Bank- und Großhandlungshauses J. & M. Mandl und M. Mandls Söhne und 1881 zusammen mit Salomon Kohnberger Gründer der Österreichisch-Amerikanischen Gummiwarenfabrik in Breitensee bei Wien, ferner Max Mandl, Ritter von Maldenau, Gesellschafter der Fa. M. & J. Mandl und der Fa. M. Mandls Söhne, und Sigmund Mandl, Direktor dieser beiden Unternehmen.112
In den fünfzig Jahren vor dem Ersten Weltkrieg etablierten sich in Wien etwa 40 Betriebe in der Art von Mandl. Der aus dem ungarischen Alberti Irsa stammende Schneidergeselle Jakob Rothberger eröffnete 1855 sein „Kleidermagazin“ nach einem System, das er in Paris kennen gelernt hatte. Seine Idee war die „Kleiderschwemme“. Gebrauchte Kleider wurden gegen neue getauscht. Die alten Kleider reparierte er und verkaufte sie weiter. Die Schneiderarbeiten wurden nicht von Angestellten, sondern von selbständigen Stückmeistern erledigt. Mit zwei Standbeinen, der Kleiderschwemme und der gehobenen Herrenkleidung, verfügte er über eine so breite Basis, dass er 1861 sein Geschäft auf den zentralsten Platz Wiens, den Stephansplatz übersiedeln konnte. 1868 wurde er zum Hoflieferanten ernannt und 1886 ein spektakulärer, von den Theaterarchitekten Fellner & Helmer geplanter Neubau eröffnet. Die zwei Stockwerke hohe Verkaufshalle wurde von 380 elektrischen Glühbirnen taghell erleuchtet. Es gab eine Dampf-Zentralheizung und einen hydraulischen, ab 1897 elektrischen Aufzug. Im Souterrain fand man die Schwemme, darüber in zwei Etagen die Verkaufsräume. Es wurde auch eine Kleiderleihanstalt geführt. Das Geschäft wurde angeblich mehr wegen seiner billigen als seiner eleganten Ware bekannt. Eingemietet war auch das Süßwarengeschäft Victor Schmidt & Söhne. Geöffnet war von 7 Uhr morgens bis Mitternacht.
Als Jacob Rothberger 1899 verstarb, wurde sein Nachlass mit 2,149.244,07 fl eingeantwortet, davon ein Viertel Firmenvermögen. Die restlichen drei Viertel bestanden in Wertpapieren und Realitäten. Neben den Hälfteanteilen an den beiden Häusern Stephansplatz 9 und 11, einem Haus am Salzgries und einem in Budapest gehörte Rothberger ein Sommerhaus in Neuwaldegg. Drei der vier Söhne übernahmen die Geschäftsleitung. Es waren über 300 Personen angestellt, weitere 600 arbeiteten als selbständige Stückmeister. In Budapest hatte man eine Filiale. 1908 wurden auch Filialen in Paris und London eröffnet. Die Erfolgssträhne brach in der Zwischenkriegszeit. Die Filialen im Ausland waren verloren, der Kontakt zu den Zulieferern riss ab. Die Geschäftsfläche im Stammhaus wurde reduziert und verpachtet. 1938 wurde das Warenhaus „arisiert“ und 1945 im Zuge der letzten Kriegshandlungen zerstört.113

Rühmte sich für seinen aristokratischen Kundenkreis: das Damenmodehaus Zwieback an der Ecke Kärntner Straße/Weihburggasse. Foto: Madame d’Ora, 1913.
Rothbergers Idee wurde rasch von anderen nachgeahmt oder ebenfalls entdeckt. Der aus einer schlesischen Weberfamilie gebürtige August Herzmansky kam 1848 nach Wien und eröffnete in der Kirchengasse, 7. Bezirk, ein Geschäft für Textilien. Die Produktpalette wurde ständig vergrößert. Das „Spezialkaufhaus für Textilien“ hatte sich bis 1896/97 in einem Neubau zum Warenhaus gewandelt. August Herzmansky erlebte die Eröffnung jedoch nicht mehr. Nach dem Tod des Firmengründers übernahmen seine Neffen Johann und Eduard die Unternehmensführung, waren darin aber nicht besonders erfolgreich. Herzmanskys Hauptkonkurrent in der Mariahilfer Straße wurde sein ehemaliger Mitarbeiter Alfred Gerngross. Er eröffnete 1879 ein eigenes Stoffgeschäft, das rasch zum größten Warenhaus Wiens wurde. Beide Unternehmen operierten erfolgreich mit dem in Europas Großstädten im Vordringen begriffenen Konzept: Fixpreis und großer Umsatz durch mäßigen Aufschlag. Gerngross war auf den Handel mit Seiden-, Woll- und Waschstoffen, Samt- und Modewaren spezialisiert. Es gab eigene Abteilungen für Wäsche, Damen-, Herren- und Kinderkonfektion, Wirk- und Strickwaren, Schuhe, Handschuhe, Teppiche, Vorhänge, Haus- und Küchengeräte sowie Galanteriewaren. Die Textilprodukte wurden nicht nur verkauft, sondern zum Teil in den drei Industrieabteilungen für Herren- und Damenbekleidung und Wäsche auch selbst produziert. In der Kärntner Straße eröffnete die Fa. M. Neumann ein Herrenkonfektionshaus. Der von Otto Wagner 1895/1896 errichtete Neubau trug am Parapet des vierten Obergeschoßes die schlicht gehaltene, aber unmissverständliche Aufschrift Metropolitan Clothing Palace. Im Erdgeschoß und in zwei Obergeschoßen befanden sich die Verkaufssäle, im 3. und 4. Stock Wohnungen; 1.000 Glühlampen sorgten für die Beleuchtung.
Das 1895 nach Plänen von Friedrich Schön an der Ecke Kärntner Straße/Weihburggasse errichtete Damenmodehaus Zwieback galt als das „pariserischste“ aller Wiener Warenhäuser. Um 1900 beschäftigte es 187 Beamte und 150 Arbeiter und rühmte sich vor allem für seinen aristokratischen Kundenkreis; Souterrain, Erdgeschoß und die ersten beiden Obergeschoße des achtgeschoßigen Gebäudes waren für den Kundenverkehr bestimmt, darüber lagen die Büros und Werkstätten, im Keller die Depots und das Maschinenhaus; Personenlifte und elektrische Beleuchtung waren selbstverständlich. Das Unternehmen war 1877 in der Mariahilfer Straße/Ecke Webgasse von den drei aus Bonyhad gebürtigen Brüdern Ludwig, Emanuel und Samuel Zwieback gegründet worden. Nach dem frühen Tod der beiden Brüder Emanuel und Ludwig erbte Ella Zirner-Zwieback die wesentlichen Teile des Unternehmens.114
Als das erste Warenhaus Wiens wird meist das Haus angeführt, das der Teppich- und Möbelstofffabrikant Eduard Haas 1865 am Stock-im-Eisen-Platz, gegenüber dem Stephansdom, eröffnet hatte. Aber eigentlich war es „nur“ ein exklusiv ausgestattetes Verkaufshaus für Teppiche und Möbelstoffe. 1886 kaufte sein Sohn Philipp Haas auch den 1883/84 nach Plänen von Karl König errichteten Philipp-Hof (ursprünglich Ziererhof). Später erwarb der leidenschaftliche Jäger auch große Waldherrschaften, u. a. das „Herrschaftsgut Teichen“ in Kalwang, und wurde 1898 mit dem Prädikat „von der Teichen“ in den Freiherrnstand erhoben.
Auf Wäsche und Kinderbekleidung spezialisierte sich Ignaz Bittmann, der im Jahre 1879 mit einem bescheidenen Laden seine geschäftliche Tätigkeit begonnen hatte. Um 1900 waren Blusen, sogenannte „Trikottaillen“, und Anzüge der Firma Bittmann bereits beliebte und gerne gekaufte Artikel. Große Sorgfalt verwendete die Firma auf die Konfektion der Kindergarderobe. Ihr „Kindermodenpalais“ in der Kärntner Straße war in der ganzen Monarchie berühmt.
Das 1892/93 von Emanuel Braun und seinem Bruder Josef als stillem Teilhaber gegründete Kleiderhaus E. Braun & Co. wurde ursprünglich als Brautausstattungsunternehmen geführt. 1912 wurde eine Filiale in Karlsbad eröffnet, eine weitere in Prag und 1914 die größte in Berlin. Vertreten war das Unternehmen auch in Baden-Baden, Southampton und Palm Beach. Auf Straßenebene befand sich das Verkaufslokal, im ersten und zweiten Stock gab es die Wohnungen der beiden Brüder, im obersten Geschoß die Schneiderwerkstätte. Die berühmte Jugendstileinrichtung dient heute einem H&M-Store als stilvolle Kulisse für Massenware.
Ein Kennzeichen, das diese Warenhäuser einte, war, dass sie als jüdisch galten und einer entsprechend von Hass erfüllten antisemitischen Agitation ausgesetzt waren. 86,2 Prozent der Millionäre dieser Branche waren jüdisch. Das nutzten Stefan Esders und sein Bruder Henri, die sich, ausgehend vom deutschen Emsland, mit Filialen in Brüssel, Berlin, Paris, St. Petersburg, Rotterdam und 1895 auch in Wien ganz bewusst als katholische Unternehmer zu positionieren versuchten. In ihrem nach den modernsten Pariser Vorbildern errichteten fünfgeschossigen Etablissement „Zur großen Fabrik“ in der Mariahilfer Straße mit 39 großen, bereits elektrisch beleuchteten Auslagen in Parterre und Mezzanin, mit einem von Glas überdachten Innenhof und Verkaufsräumen auf zwei Etagen im Ausmaß von 12.000 m2 standen 120 Verkäufer bereit. Mit den von Esders neu eingesetzten Schaufensterpuppen konnte die Konfektion entsprechend attraktiv präsentiert werden. Neben Herren- und Knabenbekleidung sowie Herrenwäsche wurden auch Herrenhüte, Schuhe, Handschuhe und Schirme angeboten. Erst später kam auch Damenmode dazu. Im dritten und vierten Stockwerk war die Kleiderfabrik untergebracht, im fünften die Wohnung des Eigentümers. Stefan Esders präsentierte sich bewusst katholisch: Er stiftete die Wiener Kaasgrabenkirche, in deren Gruft er auch beigesetzt wurde. Seine Villa (Stefan-Esders-Platz 1) wurde nach seinem Tod dem Orden der Schwestern vom Armen Kinde Jesu übergeben. Auch in ihrem Geburtsort, in Haren im Emsland, hatten die beiden Brüder für die Errichtung der neuromanischen Pfarrkirche St. Martinus, auch Emsland-Dom genannt, insgesamt 110.000 Mark, knapp die Hälfte der gesamten Baukosten, beigetragen. Religiös bewusste bzw. antisemitisch geprägte Kunden gingen selbstverständlich zu Esders, etwa die oberösterreichischen Landadeligen Coreth: Am Tag seiner Einschreibung ins Jesuitenkolleg Kalksburg erhielt der junge Coreth eine komplette Ausstattung von der berühmten Firma Esders.115 Weil im Falle Esders die antisemitisch-antikapitalistische Propaganda kleingewerblicher Gruppierungen, nur bei „Christen“ einzukaufen, ins Leere ging, kehrte man die Argumentation um und kritisierte das internationale Kapital, das diesmal im christlichen Gewand eine „besonders schlaue Form gewählt“ habe. Die christlichsoziale Reichspost vom 6. April 1895 meinte, es sei zu bedauern, dass man „in einem Geschäftszweige, der in Österreich bisher ausschließlich ein Ausbeuteobject in Judenhänden war, nunmehr auch einem Christen begegnen müsse“. Das neue Etablissement werde hunderte kleingewerbliche selbständige Existenzen vernichten.116



