Traumzeit für Millionäre

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Die Warenhäuser gingen auch in die Vorstadt und in die Provinz. Das 1890 gegründete Vorstadtwarenhaus Dichter im 16. Wiener Gemeindebezirk war in den 1930er Jahren das größte Kleiderhaus außerhalb des Wiener Gürtels.117 Große Kleiderhäuser entstanden auch in den Provinzhauptstädten Graz, Innsbruck, Linz und Salzburg. Das Grazer Warenhaus Kastner & Öhler geht auf einen 1873 von Carl Kastner und Hermann Öhler in Troppau (Opava, Tschechien) gegründeten Kurzwarenhandel zurück. Das Kapital für die Firmengründung, 30.000 fl, stammt aus einer Erbschaft, die Carl Kastner von seiner Großmutter gemacht hatte. Die Anteilsverteilung an dem Unternehmen war von Anfang an zwei Drittel Kastner, ein Drittel Öhler. Die Wiener Niederlassung wurde 1877 eröffnet. 1883 folgte der Schritt nach Graz, das man zum Hauptsitz wählte. 1887 wurde mit dem Postversand begonnen und ein Katalog aufgelegt. 1912 waren bereits 60.000 Versandkunden erreicht. 1897 wurde eine Niederlassung in Agram begründet, die sich rasch zum größten Warenhaus der ungarischen Reichshälfte entwickelte. 1912 bis 1914 wurde der Grazer Standort durch die Wiener Architekten des Büros Fellner & Helmer um etwa 1,5 Mio. Kronen in eines der damals modernsten Warenhäuser ausgebaut. Es wurden zwei Kundenlifte, ein Stromaggregat und eine Rohrpostanlage installiert. Zur bestehenden Damenkonfektion kamen auch Herrenkonfektion, Schuhabteilung, Damen und Herrenhüte, Parfümerie, Lederwaren und Papierwaren, ab 1915 auch Spielwaren und eine Haushalts- und Ofenabteilung.118

Österreichische Präsenz am türkischen Markt: Im Istanbuler Stadtteil Galata befand sich ein großes Textilkaufhaus der Brüder Victor und Konrad Tiring. Foto, um 1920.
In Linz begann der aus Königswart/Lázn Kynžvart in Westböhmen zugewanderte Franz Hofmann 1853 im prominent am Hauptplatz gelegenen Palais Weißenwolff mit einer Tuchhandlung und Greißlerei. Im selben Haus befand sich auch das Handelshaus und Posamentierwarengeschäft Karl Schober und Eduard Kraus. Der ebenfalls aus Königswart gebürtige Wilhelm Hirsch, der eine Tochter Hofmanns heiratete, kaufte Kraus & Schober, vereinigte es mit der Fa. Franz Hofmann und eröffnete 1910 das erste Linzer Warenhaus. Ein Firmenbericht aus dem Jahr 1913 sprach von einer „für die Warenhäuser typischen nur kleinen Stammkundschaft, aber einer großen Laufkundschaft”, die von „Zeit zu Zeit, aber doch sehr regelmäßig das Etablissement aufsuche und nicht immer kaufe, aber das müsse man nicht“.119 Man durfte lustwandeln, Lift fahren und sich an den Waren erfreuen. Wilhelm Hirsch, der 1898 nach Wien übersiedelt war, starb 1916. Seine Tochter Hilda Greiff, die mit dem Gesangspädagogen Paul Greiff/alias Paul Goldschmidt verheiratet war, schaffte die erfolgreiche Weiterführung nicht. 1930 wurde über das Unternehmen der Ausgleich eröffnet. Die Mehrheitsbeteiligung wurde von der Salzburger Unternehmensgruppe Walter, Paul und Max Schwarz übernommen, die das Warenhaus Schwarz in Salzburg, den gleichnamigen Betrieb in Graz, das Kaufhaus Bauer & Schwarz in Innsbruck und das Warenhaus Falnbigl in Wien führte.
Abenteurer und Imperialisten
Es war das Zeitalter des Imperialismus. Österreichs Möglichkeiten waren hier sehr beschränkt. Doch österreichische Unternehmer konnten mit ihren Warenhäusern auch auf dem ägyptischen und türkischen Markt Fuß fassen. Von ihren Stammhäusern in Wien aus dirigierten Albert Mayer, Doro Stein und die Brüder Victor und Konrad Tiring die berühmtesten Kaufhausketten im Osmanischen Reich, von Kairo und Alexandria bis Istanbul und Thessaloniki. Nur der vierte unter den aus der Habsburgermonarchie kommenden Orient-Konfektionären, Orosdi-Back, 1856 von Adolf Orosdi und Hermann Back gegründet, scheint 1910 nicht auf der Wiener Millionärsliste auf. Dieses Unternehmen hatte seine Zentrale schon nach Frankreich verlagert.120
Seinem aus Pressburg gebürtigen Großonkel Albert Mayer, der ab 1874 von Wien aus mit seinem Bruder Sigmund im gesamten Osmanischen Reich zahlreiche Warenhäuser gegründet hatte, verdankte es der bekannte Historiker Eric Hobsbawm, dass er in Alexandria geboren wurde. Mayer hatte Hobsbawms Mutter zur Maturareise nach Ägypten eingeladen. Sie verliebte sich dort und blieb. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Hobsbawm wie auch die Mayer nach Wien zurück.121 Mayer war einer der ersten gewesen, der mit Konfektions-Textilien den ägyptischen Markt bedient hatte, nachdem er die französische Konkurrenz ausgeschaltet hatte. Der Hauptsitz befand sich in Alexandria; eine Niederlassung wurde 1882 in Istanbul eröffnet; weitere Standorte gab es in Izmir und Aleppo.122 Nach dem Ausscheiden Sigmund Mayers im Jahr 1909 wurde Albert Mayer Alleingesellschafter.
Eine ähnliche Karriere machten Salomon und Doro Stein. Mit einem Geschäft für Konfektionsware in Kairo schuf Salomon Stein die Grundlage für die dominierende Stellung seiner Firma auf dem ägyptischen Bekleidungssektor. 1875 eröffnete er eine Niederlassung in Alexandria. Salomon Stein starb 1898 in Wien. Sein Sohn Doro ließ 1904 durch den Architekten Friedrich Schön das großzügige Verwaltungsgebäude in Wien 9, Althanplatz 6 (heute Julius-Tandler-Platz 6), errichten, mit einem imposanten, 4,5 Meter breiten Doppeladler und der bis heute erkennbaren Inschrift „S. Stein“, und ungefähr gleichzeitig am Ataba-El-Khadra-Platz in Kairo eines der größten Kaufhäuser Ägyptens, ebenfalls nach Plänen von Friedrich Schön und ebenfalls mit einem Doppeladler am Gesims der über 50 Meter langen Schaufensterfront. 180 Verkäufer bemühten sich um die Kunden in der Herren-, Damen- und Kinderabteilung. Es gab auch Abteilungen für Hüte und Schuhe. Ein elektrischer Aufzug führte in den ersten Stock. Zwei Generatoren sorgten für die elektrische Beleuchtung. Im 2. Stock befanden sich die Werkstätten für Änderungen und Maßanfertigungen. Es gab Gratiszustellungen in jeden Teil Ägyptens und des Sudans, im Maximalfall über mehr als 4.000 Kilometer. 1908 ließ Doro Stein auch in Saloniki durch den Architekten Ernst Löwy ein imposantes Warenhausgebäude mit hervorstechender Kuppel errichten. Um 1910 hatte er auch für Alexandria Neubaupläne. Er beauftragte Adolf Loos mit der Planung. Der Entwurf hat als Aquarell im Wien Museum überlebt. 1914 verfügte Stein über die größte Warenhauskette Ägyptens (La Grande Fabrique S. Stein und Stein’s Oriental Stores Limited). Neben Kairo und Alexandria unterhielt er noch Geschäfte in Assiut und Al-Minya in Mittelägypten und in Mansura und Tanta im Nildelta. Aber er war auch in Saloniki und sogar Johannesburg tätig und hatte drei Filialen in Istanbul, zeitgleich mit oder sogar schon vor seinem großen Konkurrenten Mayer. Nahezu sprichwörtlich im ganzen Orient war der jiddische Reim: „Stein – billig und fein, Mayer – schlecht und teier“. Die Bedienung wurde als kompetent und freundlich gelobt. Die Preise, so empfahl das Reisehandbuch des Österreichischen Lloyd 1902 allen Orient-Reisenden, „welche Kleider benötigen und das lästige, zeitraubende Probieren vermeiden wollen“, seien trotz der guten Qualität der Stoffe und der eleganten Machart sehr mäßig. Im Krieg bzw. im Friedensvertrag von St. Germain gingen die ägyptischen Niederlassungen und die Londoner Firma verloren. 1925 wurde der österreichische Rest in S. Steins Söhne OHG umgewandelt und 1929 die S. Stein Export GmbH aus dem Handelsregister gestrichen. Doro Stein starb am 11. Dezember 1940 im Israelitischen Krankenhaus am Wiener Währinger Gürtel.123

Die Dritten in der Reihe der österreichischen Warenhäuser im Orient waren Victor und Konrad Tiring. Victor Tiring war als „türkischer Schneider“ nach Wien gekommen. 1882 gründete er hier mit seinen Brüdern das Unternehmen „Victor Tiring & Brüder, Schneider und Exporteure“. Bald wurde eine Filiale in Istanbul eröffnet. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ging der Konzern auch nach Ägypten. Direkt gegenüber dem Gebäude des größten Konkurrenten S. Stein am Ataba-el-Khadra-Platz ließ Tiring 1913/14 von dem österreichischen Architekten Oscar Horowitz den Tiring Department Store erbauen. Heute noch immer vorhanden sind die vier Herkulesstatuen, auf deren Schultern die Glaskuppel des Kaufhauses ruhte, dazwischen in etwas verblassten lateinischen Buchstaben die Aufschrift „TIRING“. Victor Tiring, der sein Handelsimperium von der Wiener Praterstraße aus dirigierte, unterhielt neben Kairo zahlreiche weitere Niederlassungen im Orient und am Balkan. Auch hier bedeutete der Weltkrieg das Ende. Victor Tiring starb 1923 in Wien, sein Bruder Konrad mit seiner Gattin irgendwann zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Theresienstadt.124
Auch der ferne Osten lag nicht ganz außerhalb des Blickfelds der österreichischen Kaufleute. Erwin Müller war schon 1873 nach Thailand ausgewandert und lebte dort bis nach der Jahrhundertwende. Er war Teilhaber, dann alleiniger Inhaber und Seniorchef der Importfirma „B. Grimm & Co“, die Produkte aus Deutschland, Böhmen und Wien importierte und zu deren Kunden auch der königl. Thailändische Hof gehörte. Die um 1888/89 entstandene Siam Canals Land & Irrigation, deren Mehrheitseigentümer Erwin Müller 1893 geworden war, machte Kanalisierungs- und Bewässerungsprojekte und war in der Elektrifizierung und Verkehrserschließung des Landes aktiv. Müller blieb bis 1917 acting general manager. Er kam als reicher Mann nach Österreich zurück und versteuerte 1910 in Wien ein Jahreseinkommen von 116.873 Kronen. Das Vermögen, das er sich „ohne auch nur einen Heller“ Unterstützung aus seiner Heimat erworben hatte, stammte „ganz und gar aus fremdländischen Quellen und ohne jede Belastung der österreichischen Volkswirtschaft“, wie Müller 1920 gegenüber dem österreichischen Ministerium für Finanzen betonte, das ihn 1919 wie alle Österreicher mit einer hohen Vermögensabgabe belastete. Er konnte auch nach Kriegsende nicht mehr nach Thailand zurückkehren, obwohl er sich verzweifelt bemühte, eine Genehmigung zur Einreise zu erhalten. Sein thailändisches Vermögen war 1917 beschlagnahmt worden. Er starb 1922 wahrscheinlich nur mehr recht wenig begütert in Bad Gastein.125
Der Kreis der österreichischen Abenteurer, die im Ausland ihr Vermögen machten, reicht bis China. Hermann Johann Mandl Edler von Manden kam 1877 nach China, wo er 30 Jahre lebte. Angeblich sei er nach dem Wiener Börsenkrach gezwungen gewesen, seine Heimat zu verlassen. Der deutsche Botschafter bezeichnete ihn als Börsenspekulanten und Schwindler. Jedenfalls galt er als eine der schillerndsten Persönlichkeiten im China-Geschäft. Der Krupp-Repräsentant Georg Baur, der von 1896 bis 1906 als Teilhaber bei Mandl & Co. fungierte, beschreibt den Wiener Geschäftsmann jüdischer Herkunft in seinen Aufzeichnungen als einen Junggesellen mit Faible für ausgefallene Krawatten, „der sich durch eine absonderliche Bartfrisur, ein Kostüm à la Wiener Gigerl mit hellblau dessiniertem Oberhemd, Schnabelschuhen und ganz maliziös farbigem Rock“ auszeichnete. Georg Baur lernte ihn trotz seiner Eigenheiten bald schätzen: „Herr Mandl hat zwar – namentlich in Beziehung auf das Weibliche – das Urteil eines Wiener Gigerls, das sonst ein sehr gesundes ist, wie er denn überhaupt ein Mensch von jedenfalls vielem natürlichem Verstand und Menschenkenntnis zu sein scheint, wenn ich auch glaube, dass er vielleicht aus Opportunitätsrücksichten manchmal etwas nach jesuitischen Grundsätzen handeln dürfte“, was immer auch „jesuitischen Grundsätze“ für einen norddeutschen Protestanten bedeuten mögen.126 „Ein gescheiter und gewandter Mensch ist er, das muss man jedes Mal wieder denken, wenn man mit ihm etwas zu tun hat“, schreibt Baur.127 Bestechung war wohl ein wesentliches Element seines Geschäftserfolgs. Mandl, der hervorragend Chinesisch sprach, begann seine Karriere bei Telge & Co. Dann leitete er das China-Büro der großen englischen Handelsfirma Jardine, Matheson & Co. 1886 erhielt er die Vertretung für Krupp-Produkte in China und gründete ein Jahr später seine eigene Firma H. Mandl & Co. Nach 1888 war Mandl de facto Alleinvertreter für Kruppsche Produkte in China, sowohl für Kriegsmaterial und Geschütze wie auch für Friedensmaterial, vor allem Eisenbahngerät. Mandl hatte auch die Generalvertretung für Steyr-Mannlicher-Gewehre in China und übernahm die China-Vertretung für Siemens & Halske; auch an mexikanischen Minen war er beteiligt. Er agierte als Lobbyist, mit Bestechungsgeldern, Wiener Charme und dicht behängter Ordensbrust. Immer wieder geriet er zwischen die Fronten der Gegner, so im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg und im Russisch-Japanischen Krieg. Nach 1894 ließ sich Mandl formal in Paris und Hamburg nieder. 1907 kehrte er nach Wien zurück, mit einem Berg von Kunstwerken und Kunsthandwerk im Gepäck, mit dem er die Wiener Museen reichlich bedachte. 1909 wurde er dafür mit der Nobilitierung bedankt.
Angesichts der Vermögen, die einzelne unternehmungslustige Österreicher im Nahen und Fernen Osten zu schaffen vermochten, wird deutlich, wie negativ sich Österreichs geringe Repräsentanz auf internationalen Märkten für seine Exportwirtschaft auswirkte, verglichen mit der hohen Dichte englischer oder französischer oder selbst auch deutscher Unternehmen auf diesen Märkten.
INDUSTRIELLE UND INNOVATOREN
„Sie kennen ihn ja!“, sagt Genia über ihren Mann, den Fabrikanten Hofreiter in Schnitzlers Weitem Land: „Seine neuen Glühlichter müssen die Welt erobern, sonst macht ihm die ganze Sache keinen Spaß.“ Schnitzler porträtierte in der Gestalt des Friedrich Hofreiter das allgemeine Prinzip des Kapitalismus und im Speziellen den Industriellen Louis Friedmann, Gesellschafter der Fa. Alexander Friedmann. Diese erzeugte jedoch keine Glühlampen, sondern Armaturen, Ventile und Pumpen für Dampflokomotiven. Mit rastlosem Einsatz hatte Alexander Friedmann sen. das Unternehmen aufgebaut. Dieselbe Rastlosigkeit prägte auch die beiden Söhne, als Unternehmer, Innovatoren, Bergsteiger, Sportler, Kunstförderer, Parlamentarier und Interessenvertreter.128
Während der zu Ende gehende Habsburgerstaat und seine Hauptstadt für ihre Beiträge zur Geburt der Moderne in Architektur, Literatur, Malerei, Musik und Design oder auch in Medizin und Natur- sowie Geisteswissenschaften gefeiert werden, wird der Beitrag zur technischen und industriellen Entwicklung meist negiert. Doch diese Beiträge stellen sich sehr vielfältig dar: in der Schwerindustrie und Waffentechnik ebenso wie in der Nachrichtenübermittlung, Lebensmittelindustrie, Kleiderkonfektion, Erdölraffinerie oder Papiererzeugung. Multinationale Unternehmen waren im Aufbau. Erfindungen wurden gemacht, Patente wurden angemeldet, Auslandsniederlassungen aufgebaut.
Die Übergänge von den Banken zum Handel ebenso wie vom Handel zur Industrie waren fließend. Es gibt keine Industrie ohne Handel. Die österreichische Großindustrie stach dadurch hervor, dass sie von den Banken dominiert war. Die Schoeller, die bis in die jüngere Vergangenheit als Privatbank agierten, bezeichneten sich 1910 als Großindustrielle. Die Miller-Aichholz verwalteten ihr Industrieimperium über ein Großhandelshaus. Ein beträchtlicher Teil der Textilindustriellen, aber nicht nur dieser, war über den Handel zur Industrie gekommen.
Die Industrie ist das Kernstück der Ringstraßengesellschaft. Sie stellte mehr als ein Drittel der Millionäre. Diese produzierten jene Güter, die den Reichtum des Wiener Fin de Siècle möglich machten und seine Modernität begründeten: von Rübenzucker und Lagerbier über Textilien, Seifen und Chemikalien bis zu Tafelgeschirr, Essbesteck, Fahrrädern, Automobilen, Aufzügen und Elektrogeräten. 351 Millionäre sind der Industrie zuzuordnen. Es sind bis heute bekannte Namen darunter: Böhler, Krupp, Wittgenstein, Heller, Manner und Mautner-Markhof, aber auch Namen, die längst vergessen sind oder die von der Geschichtsforschung völlig übersehen wurden. Millionär konnte man in nahezu jeder Branche werden, ob als Sargfabrikant (Otomar Maschner als Inhaber der Nobelmarken Beschorner und Maschner & Söhne), als Erfinder der öffentlichen Bedürfnisanstalten (Wilhelm Beetz), als Zündholzerzeuger (Bernhard Fürth, mit dessen Familie Bruno Kreisky mütterlicherseits verwandt war) oder als Insektenpulverfabrikant (Johann Zacherl). Weltgeltung konnte man in Nischen wie der Schreibfedernerzeugung erreichen, aber auch im neuen Feld der Gas- und Elektrizitätswirtschaft. Österreicher standen um 1900 an vorderster Linie in der Automobiltechnik, aber auch der Lochkartentechnik oder Telefonautomatisierung, in der Hefe-, Malz- und Bierindustrie und in der Zuckererzeugung. Man musste nur eine gewinnbringende Idee haben. Und man musste immer wieder neue Ideen haben. Wo sie ausblieben, war das oft mit dem Ende des Unternehmens verbunden. Untergegangen sind die Huterzeuger, die Kutschenbauer, die Sättel- und Zaumzeughersteller, die Sensenherren, die alle 1910 noch große Herren waren. Es gibt kaum noch Familien aus der Millionärsliste von 1910, die sich bis heute als Industrielle erfolgreich behaupten konnten: Häufig glänzen noch die Namen, der Reichtum hingegen ist längst verblasst oder ganz untergegangen.
Zwischen 1870 und 1910 wuchs Österreichs Wirtschaft stärker als die der westeuropäischen Industriestaaten, vornehmlich in den beiden letzten Dekaden.129 Der Abstand zu Großbritannien, Frankreich und Belgien verringerte sich. De Industrie war das Herz der wirtschaftlichen Dynamik der späten Habsburgermonarchie. Die innovatorische Dynamik war groß. Man begann auf die Weltmärkte vorzustoßen, mit neuen Produkten und Niederlassungen, von England bis Russland. Um die Jahrhundertwende bot sich für die Habsburgermonarchie die letzte Chance, auf wirtschaftlichem Gebiet aufzuholen. Ab 1896 begann ein langer wirtschaftlicher Aufschwung, der häufig auch als „Zweite Gründerzeit“ bezeichnet wird. Neue Produktionszweige, die Großchemie, der Fahrzeugbau und die Elektroindustrie gaben Impulse. Die letzten großen Eisenbahnen wurden gebaut, die ersten Strecken elektrifiziert, das Wiener Straßenbahnnetz seit 1898/99 von Pferdebetrieb auf elektrischen Antrieb umgestellt. Man diskutierte über ein großes Kanalnetz, das Rhein und Donau, Donau und Oder und Donau und Weichsel verbinden sollte. 1909 erhielt Österreich die erste Seilbahn. Erstmals schienen um die Jahrhundertwende auch die Massen etwas von den Früchten der industriellen Revolution ernten zu können. Zucker und Schokolade begannen zu Massenprodukten zu werden. Man konnte sich ein Fahrrad leisten, Inbegriff individueller Fortbewegung und weiblicher Emanzipation.130
Die Liste der Industriemillionäre gibt einen erstaunlich guten Aufschluss über Stand und Struktur der österreichischen Industrie vor dem Kriege. Die Industriellen stellten zwar die größte Gruppe unter den Millionären des Jahres 1910. Doch verglichen zu Deutschland waren sie viel weniger reich. Das Ansehen der österreichischen Industriellen war geringer als das der Händler oder Bankiers oder gar der Großgrundbesitzer. Die Bankiers und Handelsleute besetzten hier die Spitze der Einkommenspyramide. In Deutschland waren es die Schwerindustriellen: Krupp, Henckel-Donnersmarck, Henschel, Thyssen, Haniel … Die Spitzenverdiener unter den österreichischen Industriellen finden sich in der Lebensmittelindustrie: die Bierbrauer und Zuckerindustriellen, Spirituserzeuger und Hefeproduzenten. Während in Österreich der Bankier Rothschild die Liste der Spitzeneinkommen anführt, ist das in Deutschland die Industriellenfamilie Krupp.
Millionäre in der Industrie 1910

Eigene Auszählung
Das letzte Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg war die Zeit der großen Börsengänge und Industrieaktiengesellschaften. Es war auch die große Zeit der Kartelle. Ihre Zahl wuchs rasch an. 225 Industriekartelle zählt man im Jahr 1912, die meisten in der Textilindustrie, die mächtigsten in der Eisenindustrie und die stabilsten im Nahrungs- und Genussmittelsektor: das Zuckerkartell, das Bierkartell und das Spirituskartell.131 Die Zahl der Kartelle sagt allerdings noch nicht viel aus. Entscheidend waren Zutrittsbarrieren, Organisationsmacht und von der Politik bereitgestellte Rahmenbedingungen. Das industrielle Rentseeking war dort am erfolgreichsten, wo es vom Staat mit einer entsprechenden Schutzpolitik unterstützt wurde. Instabil hingegen waren die Kartelle im Maschinenbau. Nicht erfolgreich waren sie im Erdölbereich. Mit hohen Schutzzöllen und institutionellen Auflagen wurden Eintrittsbarrieren geschaffen. Hohe Exportsubventionen, die aus der Zuckersteuer finanziert wurden, begünstigten die Zuckerindustrie ebenso wie das Saccharinverbot, das nicht nur den Markt der Zuckerindustriellen schützte, sondern auch die Etablierung von Chemieunternehmen behinderte, wie sie zum Beispiel in Basel aus der Saccharinherstellung sich herausentwickelt hatten. Die Öffentlichkeit war sich durchaus bewusst, dass hier Extraprofite geschaffen und der allgemeine Wohlstand durch die Mengenbeschränkungen zugunsten einiger weniger reduziert wurde.132
Obwohl die Aktiengesellschaften so stark im Vormarsch waren, dominierten immer noch die großen Familiengesellschaften. Sieben Eissler sind unter den Millionären, drei Mautner Markhof, sechs Pollack von Parnau bzw. Parnegg, vier Eisler von Terramare, zwei Popper-Podhrágy. Zahlreiche Brüderpaare und Familienclans bestimmten das industrielle Geschehen: Böhler, Duschnitz, Friedmann, Habig, Hardy, Heller, Kupelwieser, Lieser, Medinger, Mendl, Salcher, Schrantz, Seybel, Thonet, Trebitsch, Wagenmann, Weinberger, Wittgenstein. Eine der letzten großen Familienkonstellationen in der österreichischen Industrie bildeten zwischen den beiden Kriegen die sechs Brüder Bunzl, in den 1930er Jahren Österreichs dominierende Industriellenfamilie und heute noch erfolgreich am internationalen Parkett, wenn auch nicht mehr in Österreich.133

Die Berndorfer Metallwarenfabrik war Teil des gewaltigen Firmenimperiums, das Alexander Ritter von Schoeller innerhalb weniger Jahrzehnte aufbauen konnte.
Riesige Mischkonzerne hatten die Schoeller und die Miller-Aichholz aufgebaut: eigentlich Industrieverwaltungen. Sechs Mitglieder der Familie Miller-Aichholz befanden sich 1910 unter den Superreichen, fünf Mitglieder der Familie Schoeller. Beide Familien gehören zu den bekanntesten der Ringstraßenepoche. 1910 zählte der Familienverband Miller-Aichholz zu den größten Industrieaktionären der Habsburgermonarchie. Der Compass nennt für August II., Vinzenz und Heinrich Miller-Aichholz insgesamt 28 Stellen als Verwaltungsrat, Präsident oder Direktor diverser Unternehmen recht verschiedener Branchen. Der österreichische Volkswirt stellte 1911 fest, dass die Familie Miller-Aichholz, obwohl sie zu den größten Industriefirmen des Reiches gehöre, schon seit langem mehr als Großaktionär denn als Privatfirma und Unternehmer handle.134 Sie hatte Einfluss bei den Perlmooser Zementwerken, der Neusiedler Papierfabrik, der Fabrikation vegetabilischer Öle in Triest, der Galizischen Naphta Produktion, der Brünner Kammgarnspinnerei, der Liesinger Brauerei, der Neugedeiner Schafwollwarenfabrik und den Baumwollspinnereien und Webereien in Trumau und Marienthal. Ihnen gehörte auch die Bossi Hutstumpenfabrik in Unter-Sankt Veit und das Antimonbergwerk in Schlaining, das zum Ausgangspunkt ihres wirtschaftlichen Absturzes wurde. Sie betätigten sich als Großhändler für Kolonialwaren und Chemikalien und als Privatbankiers. Das Kronjuwel aber war die Sodafabrik in Hruschau. 1911 wurde diese an den größten Konkurrenten, den Aussiger Verein für chemische und metallurgische Produktion, verkauft. Die autokratisch dirigierte Familie war in sich bereits tief gespalten. Das Vermögen verteilte sich auf immer mehr Familienmitglieder. Gleichzeitig wurde der Kapitalbedarf immer größer. Das Familienunternehmen Miller & Co war schon vor dem Krieg in seiner Bedeutung zutiefst in Frage gestellt. 1927 war es bankrott.135
Alexander Schoeller gelang es innerhalb weniger Jahrzehnte, einen breit gestreuten Industriekonzern aufzustellen, der Tuchfabriken in Brünn, die Metallwarenfabrik in Berndorf, die Messingfabrik Triestinghof, Mühlenbetriebe, die Ternitzer Stahlwerke, die Hütteldorfer Brauerei, eine Reihe von Zuckerfabriken, eine Vielzahl weiterer Industriebeteiligungen und die riesige, vormals Esterházysche Herrschaft Léva in der Slowakei umfasste. Alexander Schoeller hinterließ bei seinem Tod ein Vermögen von über 40 Mio. Gulden.136 Seine beiden Ehen blieben kinderlos. Die Erbfolge ging an die Brünner Linie mit Gustav Schoeller über. „Einigkeit in der Familie – dies ist mein Wille“, war der Schlusssatz des Testaments von Philipp Wilhelm Schoeller im Jahr 1875. Paul Schoeller war bekannt als großer Kunstsammler. Er blieb wie sein Bruder Philipp unverheiratet. Sein vor seinem Tod überlieferter Ausspruch: „Was mit mir altem Mann geschehen mag, ist einerlei, wenn nur das Haus bestehen bleibt“, drückt die Sorgen des alten, kinderlosen Mannes nach dem Zerfall des großen Wirtschaftsraums der Monarchie aus, den er nur kurz überlebte.137 Die Schoeller waren und sind eine der traditionsreichsten Industriellen-, Bankiers- und Großhändlerfamilien des Landes. Sie gehörten zu den führenden Privatbankiers und Großindustriellen im alten Österreich. In der Ersten Republik und im Nationalsozialismus kam ihnen eine mehrdeutige Rolle zu. In der Zweiten Republik wurde Ternitz verstaatlicht, gingen wesentliche Beteiligungen verloren, wurde das Privatbankhaus verkauft. Aber immer noch spielt Schoeller im Großhandel in der ersten Liga.138



