Traumzeit für Millionäre

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Die Königin der alten Industrie
Die frühe Industrie war vor allem Textil- und Bekleidungsindustrie. Mehr als ein Drittel der Spitzenverdiener in der Industrie, insgesamt 121, waren Textilindustrielle. Was allerdings auffällt: Keine einzige der Unternehmerfamilien aus der Textilindustrie, die 1910 führend waren, ist heute noch nennenswert vertreten. Das hängt einerseits mit dem dramatischen Bedeutungsverlust zusammen, den die Textilindustrie in der Zwischenzeit erfahren hat, andererseits mit dem Kahlschlag, den die nationalsozialistische Verfolgung gerade in dieser Branche hinterlassen hat. 95 der 121 Textilmillionäre waren jüdisch.
Die Textilindustrie war mit dem Textilhandel eng verschränkt. Gerade in dieser Branche war es möglich, die Produktion nicht nur in großen Fabriken, sondern auch in dezentraler Heimarbeit durchführen zu lassen. Heimindustrielle Spinner, Weber, Sticker, Schuster und Schneider wären aber nicht in der Lage gewesen, ihre Erzeugnisse selbst zu vermarkten. Diesen Teil und auch die Versorgung mit den Rohstoffen (Wolle oder Baumwolle) übernahmen Unternehmer. Viele dieser Verleger waren eigentlich zunächst überhaupt nur Händler, die ihr Geschäft durch ein Verlagsunternehmen ausweiteten und so von Handelsleuten zu Industriellen wurden, die sich eine Spinnerei, eine Weberei oder eine Konfektion angliederten.
Die Baumwollindustrie ist der traditionsreichste Zweig der Industrie, wo die Industrielle Revolution begonnen hatte, mit den großen Spinnereien und mechanischen Webereien. Um 1910 gab es in Österreich etwa 130 Baumwollspinnereiunternehmen und etwa 550 Webfabriken. Über die ganze Monarchie verteilten sich die Standorte der Spinnereien und Webereien: Vom traditionsreichen Unternehmen der Leitenberger, das 1904 nach dem tragischen Verkehrsunfall des letzten Leitenberger in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war und von deren Erträgen seine Witwe 1910 noch eine Millionärsrente lukrierte, bis zu Isidor Mautner, der 1910 dabei war, den größten Textilkonzern der Habsburgermonarchie zu formen, der 1929 spektakulär zusammenbrach.
Es sind berühmte Namen, die hinter der Textilindustrie stehen. Der Aufstieg der Dumba, von aromunisch-griechischer Herkunft, begann mit Sterpios Doumbas, der mit Baumwolle nach Österreich und mit Zucker in das Osmanische Reich handelte. Seine Söhne Nikolaus, Theodor und der kinderlose Michael St. Dumba ergänzten den Rohstoffhandel mit Spinnereien im Wiener Becken. Nikolaus Dumba galt als ein wichtiger Kunstmäzen und -sammler sowie Förderer des Wiener Musiklebens. Sein hinterlassenes Vermögen wurde auf 9 bis 10 Mio. fl geschätzt. Dabei unterschätzte der Verlassenschaftsakt den Wert seines Vermögens wahrscheinlich ganz gewaltig, vor allem was die riesigen Kunst- und Autographensammlungen betraf, aber auch die Immobilien.139

Heute ein Industriedenkmal und eine Industrieruine: das Hauptgebäude der 1906 von Josef Broch übernommenen Baumwollspinnerei Teesdorf mit Wasserturm, errichtet 1908 – 1910.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später, und von ganz anderer Herkunft, aber auch aus dem Handel kommend, begann die Karriere des Josef Broch, des Vaters des Dichters Hermann Broch. Die Brochs waren Zeugen und Akteure eines ungeheuren sozialen Aufstiegs und Absturzes. Josef Broch war es innerhalb eines Jahrzehnts gelungen, vom Laufburschen zum Tex- tilmillionär aufzusteigen. Die Situation seiner elterlichen Familie in Prossnitz muss sehr schlecht gewesen sein. 1864 verließ er als Zwölfjähriger das elterliche Haus und ging nach Wien. Der Traum von der Weltstadt erfüllte sich für ihn. Anfang der 1880er Jahre galt er bereits als einer der gewiegtesten Textilhändler der Stadt. 1885 heiratete er Johanna Schnabel aus einer reichen Lederhändler- und Fabrikantenfamilie. 1907 war er in der Lage, eine ganze Etage im 2. Stock eines Hauses im Wiener Textil- und Börseviertel zu kaufen. Die Wohnung umfasste mehr als 20 Zimmer. Im selben Jahr wagte er auch den Sprung in die Industrie. Im Jahr 1906, nach einem Streik in der Spinnerei Teesdorf, den der Wiener Fabrikant Abraham M. Elias mit Militäreinsatz zu brechen versuchte und der zum Konkurs des 1803 gegründeten Unternehmens führte, griff Broch, einer der Hauptgläubiger, zu. In der Fabrik herrschten noch Zustände wie im englischen Frühkapitalismus: Kinderarbeit, desolate Fabrikswohnungen, völlig veralteter Maschinenpark. Broch investierte kräftig. Den Sohn Hermann hatte er in Wien und Mülhausen Technik und Textilmaschinenbau studieren lassen. 1907 trat dieser in die neu erworbene Fabrik ein, obwohl er wohl schon damals mehr an den schönen Künsten als an den Geschäften und Maschinen interessiert war. 1908 wurde er Direktor und führte etliche Neuerungsmaßnahmen durch: Er ließ das Spinnereigebäude in hochmoderner Betontechnik aufführen und mit Wasserturm und Sprinkleranlage ausstatten. Bis 1914 wurde das Aktienkapital des Unternehmens von 600.000 Kronen auf 1,900.000 Kronen aufgestockt. Die Aufrüstung und der Krieg steigerten den Bedarf nach Uniformstoffen. 1910 hatte Broch es zu einem Jahreseinkommen von fast 400.000 Kronen gebracht. 1915 erreichte der geschäftliche Erfolg des Unternehmens den Höhepunkt.140 Doch schon in den 1920er Jahren kam das Ende. Josef Broch musste zusehen, wie das Unternehmen von seinem Sohn Hermann verkauft wurde. Vom Verkaufserlös blieb nach der Börsenkrise nicht viel. 1937 konnte sich Hermann Broch nur mehr mühselig von den kargen Erträgen des Schriftstellerberufes durchbringen.141

„Elegantester Wiener“: Der Hutfabrikant Peter Habig jr. mit seinen Töchtern Lucy und Maria.
Am Tiefen Graben, mitten im boomenden Textil- und Börsenviertel des ersten Bezirks, begann 1867, gerade im rechten Augenblick, der atemberaubende Aufstieg des Isidor Mautner. Er trat in das von seinem Vater gegründete Webereiunternehmen ein, das seit 1874 als „Isaac Mautner u. Sohn“ firmierte. 1875 heiratete er die Wiener Industriellentochter Jenny Neumann, deren Eltern Mitbesitzer einer Seidenfabrik waren. Mit ihr hatte Mautner die Söhne Stephan und Konrad sowie die Töchter Katharina Breuer-Mautner und Marie Mautner-Kalbeck. 1905 wandelte Isidor Mautner seine Betriebe mit Hilfe der Boden-Credit-Anstalt in die „Österreichischen Textilwerke AG“ um und fasste sie 1912 in einer Holding zusammen: Isidor Mautner war damit Generaldirektor eines Konzerns mit 42 Fabriken und etwa 23.000 Beschäftigten, 650.000 Spindeln und mehreren tausend Webstühlen. Seine beiden Söhne Stephan und Konrad als Stellvertreter nahmen mehr dekorative Positionen ein. Konrad interessierte sich für Ausseer Volkskultur und steirische Trachten, Stephan für Malerei und Schriftstellerei. 1929 zerbrach das Mautnersche Textilimperium vor den Augen des Gründers. Sein Sohn Stephan hatte mit dem Konkurs der „Neuen Wiener Bankgesellschaft“, deren Präsident er war, wesentlich zum Kollaps des ganzen Konzerns beigetragen. Isidor Mautner starb 1930 im Trubel der Wirtschaftskrise, Stephan Mautner 1944 irgendwo im Wahnsinn des Holocaust.142
Wiener Chic! Das war eine Erfolgsschiene. Es gab so viel Luxus zu befriedigen: Handschuhe, Strümpfe, Hemden, Spitzenunterwäsche, Hüte, Pelze, Taschenuhren und vielerlei Accessoirs. Soll man Arnold Bachwitz zu den Industriellen oder zu den Journalisten rechnen? Er gründete 1883 einen Damenmäntel-Verschleiß und ein Modeunternehmen. In seiner Bachwitz AG verlegte und produzierte er eine Reihe von Modezeitschriften und Magazinen, etwa Die Wienerin und Chic Parisien. Als erstes Blatt kam 1898 Der Modezeichner heraus, gefolgt von einer Reihe weiterer Journale und Alben, etwa der Großen Mode (1900 – 1922), der Eleganten Frau (1900 – 1929) und The Coming Season (1920 – 1929). Insgesamt wurden etwa 50 Zeitschriften herausgebracht, viele davon dreisprachig. Arnold Bachwitz war auch Direktor der Wiener Modeausstellung, die um die Jahrhundertwende mehrmals in den Sälen der Österreichischen Gartenbaugesellschaft abgehalten wurde. Sein Hauptquartier war das imposante, 1908/09 erbaute Palais des Beaux Arts in der Löwengasse 47 mit den großen Weltkugeln auf dem Dach, zwischen denen in großen Lettern der Name des Besitzers die Internationalität des Unternehmens symbolisieren sollte.143
Hüte waren Modeartikel im besten Sinne des Wortes. „Hier konnte sich“, schreibt Peter Habig, der bedeutendste Hutfabrikant des Reiches, „der Wiener Geschmack am freiesten betätigen.“144 Sein Sohn Peter jr. galt als der „eleganteste Jüngling“ im Wien des frühen 20. Jahrhunderts. Er heiratete in den Gutmann-Clan ein. Peter Habig sen. war 1853 als Hutmachergeselle nach Wien gekommen. 1867 eröffnete er eine kleine Werkstätte. 1882 startete er die Hutfabrik an der Wiedner Hauptstraße. Verkauft wurde direkt neben der Fabrik im riesigen Habig-Hof und an der Kärntner Straße im noblen Palais Todesco, ab 1888 auch in der Berliner Friedrichstraße. Als k. u. k. Kammer- und Hof-Hutfabrikanten wurden Peter & Carl Habig auch Hoflieferanten der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria und des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen. Beliefert wurden auch König Eduard VII. von Großbritannien, Georg I. von Griechenland und Peter I. von Serbien sowie Großherzog Wilhelm IV. von Luxemburg. Der von den Architekten Carl Holzmann und Heinrich Adam erbaute Habig-Hof war ein Gesamtkunstwerk aus Wohnungen und Verkaufsflächen, die fast einen gesamten Stadtblock einnahmen. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die noble Kundschaft ab, nach dem Zweiten Weltkrieg und dem wechselnden Modegeschmack verschwand die Bedeutung des Hutes immer mehr. Ein Nischengeschäft ist geblieben.145
Der in Bukarest geborene Carl Moritz Frank gründete 1838 einen Schneiderbetrieb. 1860 übernahm sein Sohn Carl Frank junior das Unternehmen. 1874 wurde er zum k. u. k. Hoflieferanten ernannt. Frank gehörte bald zu den angesehensten Schneidereien in Europa. Er fertigte die Zivilanzüge für den Kaiser. Zu seinen Kunden zählten Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn, die Brüder von Kaiser Franz Joseph I., Erzherzog Karl Ludwig und Erzherzog Ludwig Viktor, und der hohe Adel. Frank war auch Hoflieferant des Prinzen von Wales, des Königs von Italien, Kaiser Napoleons III. von Frankreich, König Milans von Serbien und der Königshöfe von Schweden, Spanien, Bayern, Preußen, Russland, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Serbien, und Montenegro. König Eduard VII., die angeblich bestangezogene Persönlichkeit seiner Zeit, zählte zu den Stammkunden. Insgesamt waren es nicht weniger als 55 Hof- und Kammertitel, die C. M. Frank im Laufe seiner Existenz ansammelte. Der kinderlose Carl Frank junior konnte 1914 mit seinem Geld drei Millionen Goldkronen für die Errichtung eines Kinderspitals stiften. Dafür erhielt er den Adelstitel. Geschäft und Familie endeten mit seinem Tod, der fast zeitgleich mit dem Tod des alten Kaisers im Jahr 1916 kam.
In der Schmuckbranche verdienten einerseits eine Reihe von Juwelieren und Uhrmachern, von Bellak über Hirsch bis Zirner, andererseits die Erzeuger von Imitaten. Mit den Glasschmucksteinen begann eine Erfolgsgeschichte, die für zwei Gablonzer Unternehmer nicht unterschiedlicher hätte verlaufen können: Robert Richter und Daniel Swarovski. Auf dem Gebiet der Similisteine hatte sich durch den Einsatz von Maschinen ein gewaltiger Umbruch vollzogen. Derart bearbeitete Steine hatten den Vorteil, regelmäßiger und auch viel billiger als die handerzeugten zu sein. „Leider“, schreibt ein Berichterstatter im Jahr 1908, „hat eine Firma den Artikel von hier (gemeint Gablonz) nach Tirol verschleppt“. Das zielte auf Daniel Swarovski. „Ihr ist ein zweiter Fabrikant dieser Steine namens Robert Richter gefolgt, der seine Fabrikation nach Niederösterreich verlegt hat.“146 Robert Richter, aus der Familie der Eigentümer einer 1882 gegründeten Gablonzer Bijouteriewarenfabrik stammend, spezialisierte sich auf künstliche Edelsteine, die er mit einer von ihm entwickelten Schleifmaschine bearbeitete. 1900 gründete er in Gablonz eine mechanische Glasschleiferei, die er 1907 auf der Suche nach genug Wasserkraft und wohl auch wegen der Nähe des Wiener Marktes ins niederösterreichische Münchendorf verlegte. Er erwarb das Areal einer abgebrannten Mühle. 1907 ging die Fabrik in Betrieb, die 1910 zwar nur etwa 150 Arbeiter beschäftigte, aber sehr komplexe Maschinen einsetzte, die im Fabriksbetrieb Steine mit besonderem Schliff und elegantem Aussehen ermöglichten. 1910 zählte er zu den Spitzenverdienern. 1917 wurde das Unternehmen kriegsbedingt stillgelegt. 1918 entschloss sich Richter, sein Unternehmen zurück in die Tschechoslowakei ins heimatliche Reichenberg zu transferieren.147 Langfristig war das keine gute Entscheidung. Auch Daniel Swarovski kam aus der Nähe von Gablonz und Reichenberg, aus Georgenthal. Auch er hatte 1891 einen Schleifapparat zum industriellen Schleifen von Schmucksteinen entwickelt. Auch er ging aus der Gegend weg und transferierte den Betrieb, in seinem Fall nach Wattens in Tirol, wo er genug Wasserkraft für seine Maschinen hatte. Um 1910 beschäftigte er bereits an die 1.000 Leute. Auch sein Unternehmen wurde durch den Kriegsausbruch nahe an den Ruin gebracht. Es gelang ihm aber, sich mit Schleifmitteln und Ferngläsern ein rüstungswirtschaftliches Standbein zu schaffen, das ihm neben den Schmucksteinen den Weg für den Aufstieg zur Weltfirma ebnete.148 Sein langfristiges Glück: Sein in Österreich verbliebener Betrieb konnte nach 1945 kräftig expandieren und zum größten Familienunternehmen des Landes aufsteigen, während Robert Richters 1918 nach Reichenberg zurückverlagertes Geschäft in der Vertreibung nach 1945 zugrunde ging.
Brauherren und Zuckerbarone
Wirklich reich wurden die Wiener Industriellen mit Bier, Schnaps, Zucker, Malzkaffee und anderen Bereichen der Lebensmittelindustrie. Etwa 60 Millionäre lassen sich diesem Sektor zuordnen. Ganz vorn im Einkommensranking standen die Brauherren. Namen wie Dreher, Mautner-Markhof, Meichl oder Kufner haben bis heute einen guten Klang. Rings um die Millionenstadt, die an sich eine Weinstadt war, wuchsen in den Vororten die Bräuhäuser: in Nussdorf, Ottakring, Hütteldorf, Liesing, Simmering, Schwechat, Jedlesee. Die Bierbrauer galten als Herren. Ihr Vertretungsorgan war der Brauherrenverband. Vier Kronen pro Hektoliter betrug die Biersteuer. Die Länder und Städte machten weitere Aufschläge. Ein mächtiges Kartell hielt die Preise hoch. 1882 wurde der „Österreichische Brauerbund“ gegründet. Eines der Hauptanliegen war der sogenannte Kundenschutz, was im Jargon der Brauindustriellen nicht Schutz der Kunden, sondern Schutz vor Abwerbung von Kunden durch ein Kartell bedeutete.
Der Reichtum einzelner Bierbrauer darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Branche ein ruinöser Verdrängungswettbewerb in Gange war, der 1910 noch keineswegs zum Abschluss gelangt war. 1841 gab es im heutigen Österreich etwa 1.200 Brauereien, 1913 nur mehr 289. Der Erste Weltkrieg kostete noch einmal fast die Hälfte der Brauereien die Existenz. Nach dem Ersten Weltkrieg ging der Konzentrationsprozess ungebremst weiter. Die Habsburgermonarchie war zwar einer der größten Weinproduzenten der Welt. Aber der Weinverbrauch war kontinuierlich zurückgegangen, einerseits als Folge verheerender Rebenkrankheiten und Reblausschäden, andererseits als Folge der gesellschaftlichen und technischen Umstrukturierungen in der Produktion anderer Alkoholika. Bier war hinsichtlich Qualität und Gestehungskosten durch die Fortschritte der Brautechnik in eine allmählich so viel bessere Position gelangt, dass es zum wichtigsten alkoholischen Massengetränk und gleichzeitig zum Modegetränk der Intelligenz des 19. Jahrhunderts werden konnte. Wien, die Weinstadt, wurde zu einem Bierzentrum. Selbst in den klassischen Heurigenorten, in Nußdorf und Grinzing, Hernals und Ottakring nisteten sich die Brauereien ein. Dem zur Weltstadt sich entwickelnden Wien entsprachen mondäne Bierhallen, die einander mit neuen, qualitativ hochwertigen Biersorten überboten.149

Bier wurde zum Massengetränk: die Brauereien und Bierhallen Anton Drehers.
Die Bierbrauerei war einer der ersten Produktionszweige mit hoher Kapitalintensität: Dampfmaschinen und Kältemaschinen erforderten viel Geld. Die Erkenntnisse der modernen Biologie gaben Einblick in die Kausalität eines altbekannten Produktionsprozesses und ermöglichten damit neue Möglichkeiten der Steuerung und Kontrolle der Erzeugung und damit eine höhere Qualität und Haltbarkeit der Produkte. Gleichzeitig veränderte die Eisenbahn die Standortbedingungen und trieb zusammen mit dem rasch steigenden Kapitalbedarf den Konzentrationsprozess voran. Während der Bierverbrauch zu Beginn des 19. Jahrhunderts pro Kopf der Gesamtbevölkerung Cisleithaniens im Jahr nur etwa 20 bis 30 Liter betragen haben dürfte, lag er zu Ende des 19. Jahrhunderts bereits bei etwa 90 Litern. Um 1910 betrug der Bierkonsum im heutigen Österreich etwa 100 Liter pro Kopf, fast genauso viel wie heute. Der Weinverbrauch hingegen war in Wien von etwa 120 Litern pro Kopf um 1800 auf 25,9 Liter im Jahr 1913 abgesunken.150

Begründer einer Unternehmerdynastie: Adolf Ignaz Mautner Ritter von Markhof
Der Großgrund- und Brauereibesitzer Anton Dreher jun. galt als Inbegriff des Brauherrnreichtums. Als siebtreichster Wiener versteuerte er 1910 ein Jahreseinkommen von 2,6 Millionen Kronen. Es war seinem Vater Anton Dreher senior zu verdanken, dass Wien zum Standort der größten Brauerei auf dem Kontinent geworden war. Der Großvater war um 1760 als einfacher Kellner vom Bodensee nach Wien gekommen und hatte sich vom Schankburschen zum Brauereipächter emporgearbeitet. 1796 kaufte er das Brauhaus Klein-Schwechat. Anton Dreher senior holte sich seine Ideen in England. Gemeinsam mit Gabriel Sedlmayer aus der Münchener Spaten-Bräu-Dynastie hatte er zwei Besichtigungsreisen nach England unternommen, um die bereits industriell fertigenden Brauereien dieses Landes zu studieren. Ob die wilde Spionagegeschichte vom ausgehöhlten Spazierstock Drehers, der ihm dazu diente, beim Gang durch die Bräuhäuser insgeheim Proben von verschiedenen Stadien des Brauprozesses zu ziehen, nun stimmt oder nicht, die beiden kamen jedenfalls mit vielen Anregungen zurück: Gebinde aus Eisen, Steinkohle als Brennmaterial, maschinelle Hebe- und Transportvorrichtungen sowie mechanische Rührwerke brachten deutlich niedrigere Kosten, bessere Qualität und höheren Ausstoß. Anton Dreher setzte die gewonnenen Erkenntnisse konsequent um und entwickelte sie erfolgreich weiter. In seiner Brauerei in Klein-Schwechat produzierte er nach modernsten industriellen Methoden. Er verband die englische Mälzereitechnik mit dem bayerischen Brauverfahren und stellte 1836 von obergärigem auf untergäriges Brauen um. Das so erzeugte Bier war haltbarer – das Lagerbier war erfunden, ein Begriff, der um die Welt ging. 1836/37 erzeugte Dreher in Schwechat 16.000 hl pro Jahr, sein Sohn Anton Dreher jun. zum Ende des Jahrhunderts fast 800.000 hl. Er dehnte den Wirkungskreis der Dreherschen Brauereien auf die ganze Habsburgermonarchie aus, im böhmischen Micholup, in Steinbruch bei Budapest und in Triest gab es Dreher-Brauereien. Um die Jahrhundertwende bildeten die Dreherschen Brauereien das größte Brauunternehmen der Welt. Der Gesamtausstoß betrug 1,25 Mio. hl Bier. 1905 wurde das Unternehmen in eine AG umgewandelt und 1913 mit der Simmeringer Brauerei Meichl und der St. Marxer Brauerei Mautner-Markhofs zur „Vereinigte Brauereien Schwechat, St. Marx, Simmering AG“ fusioniert. 1926 starb die Braudynastie Dreher mit dem frühen Tod von Anton Drehers erst zwölfjährigem Enkel Oskar Anton aus.151 Ein Schicksal wie die Buddenbrooks. Ihre Stelle nahmen die Mautner Markhof ein.
Adolf Ignaz Mautner, später geadelt als Ritter von Markhof, hatte 1840 die St. Marxer Brauerei des Wiener Bürgerspitals in Pacht genommen. Obwohl vor ihm rasch nacheinander drei Pächter gescheitert waren und ihm im nahe gelegenen Klein-Schwechat mit Anton Dreher ein mächtiger Konkurrent gegenüberstand, wirtschaftete er mit solchem Erfolg, dass er den Betrieb bereits 1857 um 275.000 fl. kaufen konnte. Er verbesserte die Produktion und Lagerung durch effiziente Kühlung mit Rohrsystemen und neuen Lagerraumtypen, dem „Normal-Bierlagerkeller System Mautner“ derart, dass er das ganze Jahr über untergäriges Bier herstellen konnte. Auch die Hefeproduktion konnte er revolutionieren. Mit Hilfe seines Schwiegersohnes, des aus Westfalen gebürtigen Chemikers Julius Reininghaus, gelang es, unabhängig vom Brauereivorgang nach dem sogenannten „Wiener Verfahren“ hochwertige Backhefe herzustellen. 1858 trat Mautner Markhofs ältester Sohn Karl Ferdinand als Kompagnon in das Unternehmen ein und übernahm 1876 die Leitung der Betriebe in St. Marx und Simmering. Der jüngere Sohn Georg Heinrich Mautner Markhof gründete 1864 die Presshefe- und Spiritusfabrik in Floridsdorf. 1913 erfolgte die Fusion mit den Dreherschen und Meichl’schen Unternehmungen. Dass auch die Nussdorfer, Ottakringer, Hütteldorfer, Liesinger, Jedleseer und Wiener Neudorfer Brauherren sich zu den führenden Familien rechnen konnten, muss erwähnt werden. Gustav Springer machte seine riesigen Gewinne – er war der viertreichste Wiener – mit Spiritus und Hefe. Er verpflanzte das Mautnersche Verfahren auch nach Frankreich. August Lederer (Jungbunzlauer Spiritusraffinerie), der in den 1920er Jahren hinter Rothschild als reichster Mann in Österreich galt und die größte private Klimt-Sammlung besaß, findet man 1910 an 734. Stelle mit 114.405 Kronen.152
Die zweite Lebensmittelbranche, wo in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Vermögen geschaffen wurden, war die Zuckerindustrie. Diese befand sich vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Josef Redlichs Vater, der seine Gewinne aus der Bauwirtschaft auch in eine Zuckerfabrik investiert hatte, sagte zu seinem als Jurist, Historiker und Politiker berühmt gewordenen Sohn: „Du weißt doch, die Zuckerfabrikanten in Böhmen und Mähren kommen sich als sehr große Herren vor.“153 Der Zuckerkonsum der Habsburgermonarchie hatte sich im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts pro Kopf der Bevölkerung verzehnfacht, von weniger als 2 kg pro Kopf auf etwa 20 kg. Gleichzeitig war die Habsburgermonarchie im Zeichen der Zuckerrübe vom Zuckerimporteur zu einem der größten Exporteure geworden. Auch hier sind es große Namen, die in der österreichischen Kulturgeschichte eine bedeutsame Rolle spielen. Die Zuckerbarone galten als Creme de la Creme der Industrie: die Benies, Bloch-Bauer, Hatvany-Deutsch, Redlich, Schoeller, Skene, Strakosch, Stummer. Die Bloch waren einer der größten Zuckerfabrikanten Böhmens. David Blochs Sohn Ferdinand Bloch-Bauer war in der Zwischenkriegszeit einer der wichtigsten Industriellen Österreichs (Chropiner Zuckerfabriks AG und Österreichische Zuckerindustrie AG, dazu die böhmischen Zuckerfabriken Libau, Elbekosteletz und Auschitz, ferner umfangreicher Großgrund- und Hausbesitz und Kunstsammlungen). Mit den Klimt-Bildnissen der Adele Bloch-Bauer sind sie bis heute weltberühmt. Auch die Hatvany-Deutsch hat der Zucker reich gemacht. Ihr Vermögen und ihre Kunstschätze sind in alle Winde zerstreut. Nicht anders erging es den Benies. Auch die Schoeller sind längst aus der Zuckererzeugung ausgestiegen. Am Höhepunkt ihres Zuckerengagements erzeugten sie ein Prozent der Weltzuckerproduktion. Nur mehr die Strakosch sind mit einem bescheidenen Anteil am österreichischen Zuckergeschäft beteiligt.
Zuckerwerk und Schokolade waren die Verlockungen der Hochindustrialisierung. Niemand durfte damals auf diese kleinen Mitbringsel vergessen, mit denen man nicht nur bei Kindern viel Freude bereiten konnte. Um 1900 konnte man mit Schokolade und Zuckerwerk schnell reich werden: Schmidt, Heller, Manner, Brünauer sind große Marken und bekannte Namen geblieben. Josef Manner erfand die berühmte Schnitte mit der klassischen Haselnussfülle. Mehr als ein Jahrhundert unverändert, im unverkennbaren Zuckerlrosa und mit dem Stephansturm als Markenzeichen, sind sie und das Unternehmen – bis heute im Besitz der Gründerfamilien – zu einem österreichischen Symbol geworden. Josef Manner, der Sohn eines Wiener Fleischhauergesellen, der in Hernals eine kleine Gastwirtschaft betrieb, hatte 1889 im Alter von 24 Jahren nach einer Kaufmannslehre im oberösterreichischen Perg ein Schokoladen- und Kaffeegeschäft am Wiener Stephansplatz eröffnet. Ein Jahr später beschloss er, weil er die von ihm verkaufte Schokolade „nicht zum Essen“ fand, selbst in die Produktion einzusteigen und gründete die „Chocoladenfabrik Josef Manner“, die er in seinem Elternhaus im 17. Wiener Gemeindebezirk unterbrachte. 1893 nahm er seinen Mitarbeiter Alfred Teller mit 50 Prozent in das Unternehmen auf. Teller verkaufte seinen Anteil 1900 an seinen Schwager Johann Riedl. Die Entstehungsgeschichte der Firma „Chocolade Manner Wien“ lässt sich in drei prägnante Abschnitte gliedern. Von 1890 bis 1896 wurde rein handwerksmäßig produziert, mit wenigen und nur von Hand betriebenen Maschinen. Zwischen 1896 und 1904 wandelte sich der handwerkliche Betrieb zur Fabrik, von 1904 bis 1913 in mehreren Bauphasen zum Großbetrieb. Aus der in einem Wohnhaus in Hernals mit reiner Handarbeit begonnenen Fabrikation war innerhalb von 20 Jahren ein riesiger Baukomplex geworden, an dessen Dimensionen die majestätischen Fensterfronten mit ihren mehr als 2.000 Fensteröffnungen keinen Zweifel ließen. Der Umsatz war von 98.000 Kronen im Jahr 1892 auf etwa 16 Mio. Kronen im Jahr 1913 angewachsen, der Personalstand auf mehr als 3.000. 1913 wurde das Unternehmen in eine AG umgewandelt. Die Anteile hielten je zu einem Drittel Josef Manner, Johann Riedl und die Anglobank. Diese wurde aber nach und nach von den beiden Familien ausgekauft. Die AG blieb bis heute im Besitz der beiden Familien.



