Traumzeit für Millionäre

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Der Erfinder der „Manner-Schnitten“: Josef Manner.
Die Brüder Gustav und Wilhelm Heller, heute vor allem durch ihren Enkel André Heller bekannt, begannen 1891 in einem gemieteten Lokal im Souterrain des Wiener Beatrixbades mit der Produktion von Seidenbonbons. 1899 brachte Heller die sogenannten „Wiener Zuckerl“ auf den Markt, gewickelte Karamellen mit Fruchtgeschmack, sehr bald darauf auch die Likörbonbons mit flüssiger Füllung, die in Stanniol verpackt waren. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sollen im Unternehmen 1400 Personen beschäftigt gewesen sein.
Die älteste und größte Schokoladenfabrik Österreichs war allerdings von Victor Anton Schmidt begründet worden: 1826 in Stegersbach im heutigen Burgenland als Sohn eines Zöllners an der damaligen Zwischenzolllinie zwischen Ungarn und Österreich geboren, erlernte er in Pressburg den Konditorberuf, machte sich mit zwanzig Jahren selbständig und begann mit einer eigenen Erzeugung von Konditorwaren. Von Pressburg ging er nach Budapest und Ende der 1850er Jahre nach Wien. 1858 meldete er das Gewerbe der Schokoladenfabrikation an. In der Wirtschaftskrise der frühen 1860er Jahre kam das rasch gewachsene Unternehmen zwar in schwere Turbulenzen und ein Konkurs konnte nur knapp abgewendet werden. Doch dann kamen die Gründerjahre und das Unternehmen war bald eine internationale Größe. Erzeugt wurden nicht nur Tafelschokolade und Bonbons, sondern auch Feigenkaffee, Marmeladen und Teigwaren. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Victor Schmidt & Söhne zur führenden Schokolade-, Zuckerwaren- und Backwarenfabrik in Österreich-Ungarn aufgestiegen.
Die Industrialisierung erfasste auch das Bäckergewerbe. 1891 gründeten die Brüder Heinrich und Fritz Mendl auf dem Laaer Berg im Wiener Stadtteil Favoriten eine Brot- und Gebäckfabrik. Beide hatten sie keinerlei Erfahrung in der Bäckereibranche. Heinrich Mendl hatte vorher mit Spirituosen, Tee und anderen Getränken gehandelt. Er galt als guter Rechner. Fritz Mendl war Reserveoffizier. Er war die eigentlich treibende Kraft, ein Energiebündel. Die Brüder konzentrierten sich auf eine einzige Brotsorte, die fabriksmäßig in Fließarbeit hergestellt wurde. Der zweite Erfolgsfaktor war das Vertriebssystem von einem sogenannten „Brotbahnhof“ aus. Der Standort oben auf dem Laaer Berg war gut gewählt, um den mit Brot schwer beladenen Pferdefuhrwerken die Auslieferung leichter zu machen. Zum Markenzeichen wurde der Anker als Zeichen für Sicherheit und Vertrauen. Bis 1914 wuchs das Unternehmen auf eine Größe von 1.300 Mitarbeitern. Mit etwa 250 Pferdegespannen wurden täglich an die 150 Tonnen Backwaren ausgeliefert.154 Das System wurde rasch kopiert, z. B. von Moriz Hafner, der um 1895 die Wiener Kronenbrot-Werke als kleine Schwarz- und Weißbäckerei gegründet hatte und 1910 ebenfalls bereits Millionär war. Diesem Druck der „Brotkapitalisten“ vermochten die Konsumgenossenschaften mit „Hammerbrot“ ein nur kurzfristig erfolgreiches Gegenkonzept entgegenzusetzen.
Die Industrialisierung brachte auch die Ersatz- und Convenienceprodukte: Malzkaffee, Margarine, künstliche Süßstoffe, Suppenwürfel und Konserven. Jakob Hauser gründete 1884 zusammen mit Moritz Sobotka in Wien-Stadlau eine Malzfabrik, die 1885 in Erste Wiener Export Malzfabrik Hauser & Sobotka umbenannt wurde. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde daraus eine der größten Malzfabriken Europas. 1892 wurde mit der Erzeugung von Malzkaffee begonnen, 1901 mit Backmalzextrakt. Das Unternehmen expandierte noch vor 1914 in viele Staaten, nach Deutschland, England, USA, Italien und Frankreich. 1903 wurde die Firma Hoff erworben, die mit Hoffs Malzextrakt in die Weltliteratur eingegangen ist.155 1916 wurde mit einer 50%igen Beteiligung die Firma Dr. Wander GmbH Wien gegründet und die inzwischen weltweit bekannt gewordene Marke „Ovomaltine“ geschaffen. Die Beteiligungen umfassten bald auch die Schokoladefabrik J. Brünauer & Co., deren Erben sich den schönen Künsten zuwendeten.156
Margarine war ein neues Produkt, das den Fettbedarf abdecken helfen sollte. Der aus Wels gebürtige Karl Blaimschein begann seine Tätigkeit als Wiener Repräsentant seines Stiefvaters Ludwig Hinterschweiger, der 1876 als einer der Ersten in Österreich in leer stehenden Räumen der Welser Burg mit der Produktion von Margarine begonnen hatte, die er aus Butterlieferungen nach Holland kennen gelernt hatte. Blaimschein machte sich in Wien selbständig, kaufte 1889 die Fettschmelze des Julius Granichstädten und eröffnete 1891 auf diesem Gelände die Carl Blaimschein‘sche Butter- und Speisefettwarenfabrik. 1900 entstanden daraus die Vereinigten Margarine- und Butterfabriken Blaimschein, Khuner, Moll & Julius Granichstädten, die nach dem Ersten Weltkrieg in der Unilever aufgingen.
Was auch neu war, waren Konservenfabriken. Hugo Anbelang war der Alleinbesitzer der berühmten Fischkonservenfabrik, die von seinem Onkel Carl Warhanek aufgebaut worden war. 1910 umfasste das Unternehmen 17 Fabriken an der Adria und in den wichtigsten Ländern der Monarchie. Zu Warhaneks Entwicklungen gehörten die Gabelroller in böhmischer, süßsaurer Marinade und die „Russen“, eingelegte Sardinen, die in großen Buchenfässern in den Handel kamen. Das Unternehmen war vor 1914 in der Habsburgermonarchie faktisch konkurrenzlos. Der Erste Weltkrieg, der den österreichischen Meeresfischfang fast ganz zum Erliegen brachte, traf das Unternehmen schwer. In der Zwischenkriegszeit brach der österreichische Fischverbrauch völlig ein.
Ignaz Eisler war der Gründer der k. u. k. Militär-Conservenfabrik in Inzersdorf. Es wurden Fleisch-, Gemüse- und Suppenkonserven hergestellt. Für den Mobilisierungsfall standen Einrichtungen für die tägliche Verarbeitung von 500 Mastochsen zu Fleisch-Konserven in Blechbüchsen bereit. Für den geringfügigen Friedensbedarf stand die Fabrik nur wenige Wochen im Jahr im Betrieb. Es wurde Reise-, Jagd-, Touristen- und Schiffsproviant erzeugt. Für den alltäglichen Haushaltsbedarf war das noch nicht gedacht. Als Militärkonservenfabrikant, in diesem Fall in Bruck an der Leitha, war auch Karl Littmann reich geworden. Interessant ist er, weil er auch der Besitzer des Hauses Berggasse 19 und damit Eigentümer der Wohnung von Sigmund Freud war.
Produzieren im Jugendstil
Die Jahrhundertwende brachte einen großen Schub an industriell gefertigten Haushaltsgeräten und Wohnungseinrichtungen: Möbel, Lampen, Küchengeschirr, Keramik, Glas, Essbestecke und vieles mehr. Das Wien des Fin de Siècle wurde für seine Möbelfabriken berühmt. 15 Millionäre sind der Möbelindustrie zuzuordnen. Die Brüder Thonet traten als Pioniere der Bugholztechnik hervor. Mit standardisierter Massenproduktion, detaillierten Katalogen und dem Versand zerlegter, kostengünstiger Möbel in flachen Paketen können sie gleichsam als frühe Vorgänger von IKEA gelten. Ihre Stühle, die heute nahezu Kultrang beanspruchen, gehörten zur Massenausstattung von Kaffeehäusern, Veranstaltungsräumen und Wohnungen. Nahezu zeitgleich mit Thonet gründete 1849 Jacob Kohn mit seinem Sohn Josef in Vsetín, Mähren, eine Fabrik zur Herstellung hölzerner Bauteile. Er erhielt 1867 ein Privileg zur Verbesserung der Methode zum Biegen von Langholz. Bereits ein Jahr später, 1868, nahm die in Vsetín errichtete Manufaktur die Produktion von Bugholz auf. Weitere Standorte folgten in Jičín, in Krakau und Teschen, in Holešov und im russischen Nowo-Radomsk. Im Jahr 1900 beschäftigte die Firma 6.300 Arbeiter. Während anfangs zwar für einen gehobenen Bedarf, aber nach anonymen Entwürfen gearbeitet wurde, gestalteten nach 1900 neben Josef Hoffmann auch Otto Wagner, Adolf Loos, Koloman Moser oder Otto Prutscher die Firmenprodukte für einen exklusiven Geschmack. 1901 erfolgte die Umwandlung in die Erste Österreichische Aktiengesellschaft zur Erzeugung von Möbeln aus gebogenem Holze Jacob & Josef Kohn. 1917 fusionierte J. & J. Kohn mit der von Leopold Pilzer gegründeten Mundus AG (Kohn-Mundus), in welche 1922/25 auch die Firma Gebrüder Thonet eingegliedert wurde (Thonet-Kohn-Mundus).
Zu den Millionären zählte auch Anton Fix. Er hatte 1872 die Betriebsführung der 1842 von seinem Vater begründeten Tapeziererei übernommen. Er strebte nach Höherem. Schon 1873 beteiligte er sich erfolgreich mit einem Zimmer im egyptischen Styl auf der Wiener Weltausstellung. 1878 war er bei der Weltausstellung in Paris vertreten. Zusammen mit August Portois, der in den 90er Jahren wieder ausschied, gründete er 1881 das Unternehmen Portois & Fix. 1907 wurde es in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Anton Fix wurde Präsident des Verwaltungsrates, sein Sohn Robert Generaldirektor. Das Unternehmen hatte zu seiner erfolgreichsten Zeit im Jahr 1911 über 1.000 Arbeiter und war eine der größten Möbelfabriken in Wien, die eine Reihe berühmter Ausstattungsaufträge ausführte. Der Rechnungsabschluss des Geschäftsjahres 1909 ergab einen Gewinnsaldo von 411.643 Kronen.157 Anton Fix versteuerte ein Jahreseinkommen von 224.033 Kronen.
Das große Geld wurde allerdings weniger mit exquisitem Geschmack als mit trivialem Massenbedarf verdient. Ferdinand Fleischmann verdanken wir die „Fleischmannkanne“, einen verzinnten Blechbehälter zum Transport von Milch. Fleischmann erzeugte Blechgeschirr, vom Melkeimer bis zur Tortenform. Bis zu 800 Arbeiter waren in seiner Mödlinger Fabrik angestellt. Auch einen Eieröffner mit Zähnen und Scherenmechanismus ließ er sich 1907 patentieren. Im Ersten Weltkrieg lieferte er für das Militär Menageschalen, Feldflaschen und Gulaschkanonen. Der Porzellanfabrikant Hans Czjzek Edl. von Smidaich, der als Sohn eines Geologen nach einem Chemiestudium in die Porzellanfabrik seines Onkels August Haas in Schlaggenwald eingetreten war, führte die Firma Haas & Czjzek zu europaweiter Bedeutung. Hergestellt wurden vielerlei Gebrauchsgüter aus Porzellan und Keramik. Der aus Prenzlau bei Stettin stammende Spenglergehilfe Karl Rudolf Ditmar gründete 1841 mit seinem Bruder Friedrich die Wiener Lampenfabrik „Gebrüder Ditmar“. Sein großer Erfolg war eine sehr funktionstüchtige und preisgünstige Petroleum-Lampe, der sogenannte „Wiener Brenner“. Ditmar baute ein vertikal und horizontal vernetztes Firmengeflecht auf, mit Produktionsstätten und Niederlassungen von Warschau über Mailand bis Bombay. 1907 kam es zur Fusion mit der Konkurrenzfirma „Gebrüder Brünner“ und zur Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, kurz Ditmar-Brünner genannt. Gerhard Ditmar fungierte als Präsident, Alexander Brünner als Generaldirektor. Im Ersten Weltkrieg gingen die Exportmärkte verloren.158
Wichtiger und massenhafter als die Petroleumbrenner waren um 1900 immer noch die Kerzen und Laternen, vor allem im ländlichen Raum. Felix und Max Fischer übernahmen 1882 die Leitung der Apollo-Kerzenfabrik, die sich inzwischen zu einem der größten Kerzen, Seifen- und Speisefettproduzenten der Monarchie entwickelt hatte. Es gab mehrere große Kerzenfabrikanten unter den Millionäre: die Stearin, Kerzen und Seifenfabrik Himmelbauer & Co, die Petroleumraffinerie, Stearinkerzen-, Ceresin- und Fettwaren-Fabriken Gustav Wagenmann in Wien und Triest oder den aus Frankfurt/Main gebürtigen F. A. Sarg, der 1858 die k. k. ausschließlich privilegierte Milly-Kerzen-Fabriksgesellschafts G. de Milly erworben hatte. Zusammen mit seinem Sohn Carl Sarg machte er die in Konkurs gegangene Kerzen-Fabrik zu einem führenden Unternehmen im Bereich der Seifen und Toiletteartikel. Seine wichtigste Entwicklung war die Zahnpasta Marke „Kalodont“, die das Unternehmen ab 1887 in Tubenform auf den Markt brachte.
Innovation Elektrizität
Die österreichische Elektroindustrie steht im Schatten der deutschen. Werner von Siemens oder Emil Rathenau überstrahlen Johann Kremenezky oder Béla Egger. Dabei waren die Errungenschaften der österreichischen Elektropioniere kaum geringer als die ihrer deutschen Konkurrenten, in der Wechselstromtechnik, bei Glühbirnen, in der Röhren- und Telefontechnik. Acht Millionäre sind zur Elektroindustrie zu zählen, davon sieben jüdische. Gerade die Elektroindustrie war in besonderem Maße von öffentlichen Aufträgen abhängig. Die Bevorzugung nichtjüdischer Anbieter im öffentlichen Sektor mag eine Rolle gespielt haben, dass die Siemens-Gesellschaften in Österreich so große Bedeutung erlangten. Georg von Siemens und die Deutsche Bank finanzierten die Kommunalisierung des Wiener Gasnetzes. Siemens erhielt dafür die Elektrifizierung des Wiener Straßenbahnnetzes übertragen.
Johann Kremenezky hatte in Wien (wie Emil Rathenau in Berlin) die elektrische Beleuchtung eingeführt. 1884 gründete er die Gesellschaft Kremenezky, Mayer & Co. Sie übernahm eine bereits bestehende Glühlampenfabrik der Londoner Brush Electrical Engineering Company. 1896 wurde das inzwischen auf 800 Beschäftigte angewachsene Werk an die Nürnberger Schuckert-Werke verkauft. Kremenezky blieb technischer Direktor, schied aber drei Jahre später aus, wobei er die Glühlampenfabrikation herauskaufte und sie bis zum Ersten Weltkrieg auf rund 1.500 Beschäftigte ausbaute. Seine Fabrik (später Tungsram) war damals die größte ihrer Art in Europa. 1930 zog sich der inzwischen 80-jährige Kremenezky zurück und verkaufte sein Unternehmen an die Watt AG bzw. deren Muttergesellschaft, die Vereinigte Glühlampenfabriks AG in Neupest, die ihren Namen auf Vereinigte Glühlampenfabriken Johann Kremenezky AG änderte.159
Béla Egger, Gründer und Verwaltungsrat der Vereinigten Elektrizitätsgesellschaft, hatte als Mechaniker und Telegraphentechniker begonnen. Zusammen mit Johann Kremenezky wurden verschiedene Fabriken gegründet, die 1897 in die Vereinigte Elektrizitäts AG umgewandelt wurden. Seine Söhne Ernest, Friedrich und Adolf setzten das Werk fort. Vielleicht fehlte die nötige Konsequenz. Nach 1918 fehlte der große Markt. Und weil sie jüdisch waren, versank zuletzt alles in der nationalsozialistischen Vernichtungswut.
Der vielseitigste österreichische Erfinder um 1900 war zweifellos Carl Auer von Welsbach. Er brachte Österreich zweimal an die Spitze des technologischen Fortschritts in der Beleuchtungstechnik, einmal mit dem Gasglühlicht, das zweite Mal mit der Metallfadenlampe. Auer von Welsbach war für den Reichtum der Brüder Gallia verantwortlich. Adolf Gallia war Auers Patentanwalt. Moriz Gallia, dessen Gattin durch Gustav Klimt berühmt geworden ist, war sein Direktor für Österreich, Wilhelm für Ungarn.
Auch das Telefon wurde immer wichtiger: Der k. k. Oberbaurat Hubert Gottlieb Dietl, ein nahezu vergessener österreichischer Erfinder, erzielte sein hohes Einkommen von 119.915 Kronen aus der Entwicklung des automatischen Telefonwählsystems, mit dem 1905 erste Versuche in Wien für zunächst 200 Teilnehmer gestartet wurden und das ab 1914 im Wiener Telefonnetz systematisch eingesetzt wurde. Robert von Lieben machte kein Studium und keine Universitätskarriere. Man muss ihn aber als den wichtigsten und bis heute einflussreichsten Erfinder unter den Wiener Millionären des Jahres 1910 anführen. Geld hatte er nicht nötig. Die mütterliche Wohnung war das prachtvolle Palais Todesco gegenüber der Staatsoper, die väterliche Wohnung das Palais Lieben an der Ringstrasse gegenüber der Universität, sein Labor das Sommerhaus in der Hinterbrühl samt nahe gelegener Mühle, wo er eine Dynamomaschine aufstellte. Er installierte die elektrische Beleuchtung und konstruierte ein Haustelephon. Seine große Erfindung waren die Lieben-Röhren, die Grundlage der Verstärkerentwicklung und der Radio- und Fernsehtechnik. 1912 wurde das Lieben-Consortium gegründet, bestehend aus den Firmen Siemens und Halske, AEG, Telefunken und Felten & Guillaume, um die Rechte an den Lieben-Patenten zu vermarkten. Für die Patentrechte erhielt Lieben die riesige Summe von 100.000 Mark und verdiente noch an zusätzlichen Lizenzgebühren für jede einzelne Röhre und jedes Gerät. Er starb bald darauf am 20. Februar 1913 nach schwerer Krankheit im Alter von 34 Jahren. Hugo v. Hofmannsthal schrieb ihm einen wunderschönen Nachruf in der Neuen Freien Presse.160
Papier und Schreibwaren
Die Papiermaschine und der Holzschliff machten die Papierindustrie zu einer der leistungsfähigsten Exportbranchen der Habsburgermonarchie. Daran hing nicht nur die Buch- und Zeitungskultur. Die geistige Emanzipation führte zu einer Explosion der Schriftkultur. Doch ohne billiges Papier wäre dies nicht möglich gewesen. Nach 1860 wuchs die Papierindustrie zur Großindustrie. Von den ca. 160 Papierfabriken der Monarchie waren nach 1918 ca. 30 Prozent und von den 331 Holzschleifereien ca. 37 Prozent in Deutschösterreich situiert. Wir finden unter den Millionären die großen Namen der österreichischen Papierindustrie und so gegensätzliche Lebensläufe vereint wie die der Bunzl und der Hamburger, der Tennenbaum und der Musil von Mollenbruck.
Auch wenn es das Telephon schon gab, zahllose Telegramme aufgegeben wurden, Funk und Radio schon in den Kinderschuhen steckten und Sascha Kolowrat, der Sohn von Leopold Filip Graf Kolowrat-Krakowský, die ersten Filme drehte, so war das Fin de Siècle doch die große Zeit der Briefe. Theodor Theyer war der Briefkönig Wiens: Er lieferte Papier für die verschiedensten Arten von Korrespondenz, vom kaufmännischen Geschäftsbrief im nüchternen Quart und schmucklosen Kuvert bis zum duftigen Billet-doux. Sein Programm umfasste Korrespondenzkarten und Briefpapier in verschiedensten Ausführungen und Farben, für den Jagd- und den Jockeyclub, mit Firmenbildern, Künstlerköpfen, Musikzeilen, Jagdtrophäen und Wappen, auf Oxforder Leinen, Vieux Saxe oder Japan-Papier, in Altwiener Art und Art Deco, Bildpostkarten, Kondolenz- und Glückwunschpapiere. Theyer produzierte um 1910 nahezu 10.000 Motive.161
Die Stahlfedern zum Schreiben der Briefe und der unzähligen Akten lieferte Karl Brandauer. Sein Unternehmen hatte Standorte in Wien und in Birmingham. Das englische Monopol für Stahlschreibfedern mit Mittelloch und Schlitzen wurde von dem aus Ulm nach Wien zugewanderten Carl Kuhn und dessen Schwiegersohn, dem aus Württemberg stammenden Carl Brandauer, nicht nur erfolgreich durchbrochen. Brandauer gelang es sogar, ins Zentrum der englischen Metallindustrie nach Birmingham vorzustoßen. 1862 gründete er dort seine eigene Federnfabrik. Die Federn wurden in Birmingham erzeugt, die Federhalter in Wien. Mit ansprechenden Modellen aus Metall, Elfenbein, Perlmutter, Glas oder Holz wurde den Produkten aus England eine exquisite und wienerische Note verpasst. Exportiert wurde vor allem nach Deutschland, England, Russland und in die Balkanländer. Wegen des 1. Weltkriegs musste die gesamte Produktion wieder in Wien zusammengefasst werden. Das englische Werk war verloren. Doch erst unter dem Nationalsozialismus wurde 1938 die „Carl Kuhn AG. Erste Österreichische Schreibfedern- und Federhalterfabrik“ aufgelöst.162 Die englische Firma besteht unter anderen Eigentümern weiter und pflegt das Brandauer-Erbe liebevoll.
Kreise um Wittgenstein
Die Konsumgüterindustrien beanspruchten vor 1914 etwa 50 Prozent der Wertschöpfung der österreichischen Industrie. Aber die Beschleunigung kam zuletzt immer mehr vom Produktionsgüterbereich. Die „schwersten“ Industriellen waren naturgemäß die Schwerindustriellen. An 37. Stelle des Einkommensrankings findet man den Eisenindustriellen Karl Wittgenstein. Doch würde man alle Mitglieder der Familie Wittgenstein zusammenzählen, würden sie ziemlich gleichauf mit den Gutmann an die dritte oder vierte Stelle vorrücken. Karl Wittgenstein und seine Geschwister konnten auf dem riesigen Vermögen aufbauen, das der aus Deutschland zugewanderte Hermann Wittgenstein in weniger als 20 Jahren geschaffen hatte. Alle seine Kinder, mit Ausnahme der etwas behinderten Clothilde, die als einsame Morphinistin in Paris endete, darunter die drei Söhne Paul, Louis und Karl, gehörten 1910 zu den tausend größten Steuerzahlern der Habsburgermonarchie. Hermann Wittgenstein hatte ihnen als Immobilienhändler, Generalpächter der Esterházyschen Güter und Partner der Figdorschen Handels- und Bank-Firma ein riesiges Vermögen hinterlassen. Paul und Ludwig führten die väterlichen Unternehmen im Immobilienhandel und der Güterverwaltung weiter, Karl baute sich in der Eisenindustrie ein neues Betätigungsfeld auf. Die Töchter waren ausgezeichnete Partien.163 Die Enkel ragten durch ihre musischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten heraus. Von den Urenkeln kennt man nur noch „Wittgensteins Neffen“, dem Thomas Bernhard ein literarisch-skurriles Denkmal gesetzt hat.164
Hermann Wittgensteins jüngster Sohn Karl war als Achtzehnjähriger 1865 aus dem Elternhaus ausgerissen und mit einem gefälschten Pass und ohne Geld nach Amerika gegangen, wo er sich zwei Jahre in verschiedensten Stellungen, als Nachhilfelehrer, Kellner oder Schiffssteuermann, durchschlug. Nach der Rückkehr absolvierte er in Wien ein paar Semester Technikstudium und arbeitete als Konstrukteur, bis ihn Paul Kupelwieser, der Schwager seiner Schwester Berta, 1872 in das Walzwerk Teplitz/Teplice holte. 1877 war er dort bereits Generaldirektor, 1884 hatte er die Aktienmehrheit der Böhmischen Montan-Gesellschaft, 1885/86 übernahm er auch die Prager Eisenindustriegesellschaft und 1897 war er nach der Erringung der Kontrolle über die Alpine Montangesellschaft Herr des größten Eisenkonzerns der Habsburgermonarchie. Doch schon ein Jahr später legte er nach einer dreimonatigen Weltreise alle seine operativen Funktionen nieder und zog sich völlig in das Privatleben zurück. Seit 1906 an Krebs erkrankt, starb er am 20. Jänner 1913.

„Eisenfressende Bestie“ oder liebender Familienmensch? Karl Wittgenstein und seine Frau Leopoldine, geborene Kallmus. Foto: K. u. k. Hofatelier Adèle, um 1900.
Karl Wittgenstein war sicher nicht jener Selfmademan, als der er gerne hingestellt wurde oder sich auch selbst stilisierte. Das Riesenvermögen, das schon sein Vater Hermann den Kindern hinterlassen hatte, vergaß er gerne zu erwähnen. Alle seine Geschwister waren bereits Millionäre. Der Amerikaaufenthalt hat ihn tief geprägt, wohl auch wegen der harten Arbeit, mit der er sich durchschlagen musste, viel stärker aber durch den Sozialdarwinismus und Räuber-Kapitalismus, den er dort kennen gelernt hatte. Gut aussehend, sportlich, ein blendender Fechter und Reiter, musikalisch, witzig, ein entschlussfreudiger Techniker und brillanter Geschäftsmann, hätte er es doch ohne das ererbte Geld und das noch wichtigere Netzwerk nicht schaffen können. Neben ihm blieb wenig Luft zum Leben. Seine Entschlusskraft war gewaltig. Wie er dem Fürsten Fürstenberg zuvorkam, um sich die Rechte am Thomasverfahren, dem Schlüssel zur modernen Verwertung der böhmischen Eisenerze, zu sichern, ist ein Beispiel seines enormen Verhandlungsgeschicks und Durchhaltevermögens. In einer feuchten Tafelrunde, Punkt Mitternacht, in der Minute, als die Sperrfrist abgelaufen war, schlug er zu.165 Man hat ihm oft Rücksichtslosigkeit vorgeworfen, wie er sich Mehrheiten sicherte, die Börse manipulierte, Unternehmen sanierte und wegrationalisierte, das Eisenkartell einsetzte und den vielen kleinen Eisenerzeugern und Eisenverarbeitern das Leben immer schwerer machte.166 Wittgenstein war ein Meister des Umgangs mit den Instrumenten des organisierten Kapitalismus. Er hatte es verstanden, einen Kreis verlässlicher Weggefährten um sich zu scharen, Max Feilchenfeld in der Escomptegesellschaft, Anton Kerpely als Generaldirektor der Alpine, Georg Günther in der Böhmischen Montangesellschaft, Wilhelm Kestranek bei der Prager Eisenindustrie. Wittgenstein hat sie alle reich gemacht. Es war ein Weg über viele Leichen. Die Alpine Montan Gesellschaft war, als er sich 1896 die Aktienmehrheit erkämpfte, ein kriselndes Unternehmen. Er betrieb ein scharfes Rationalisierungsprogramm und verzehnfachte den Börsenwert. Die Feilenhauer, Nagelschmiede und Sensenwerke zerbrachen unter seinem Druck.167 Karl Kraus, nie um eine sarkastische Pointe verlegen, schrieb über seinen engsten Weggefährten, den Stahlmanager Kestranek, der von hünenhafter Gestalt war, unter Ausnutzung der feinen Unterschiede der deutschen Rechtschreibung: „Er ist aus Eisen und stahl.“168
Die aus einer alten Frankfurter Handelsfamilie stammenden Brüder Albert und Emil Böhler hatten 1870 mit der k. k. privilegierten Gussstahlfabrik des Freiherrn Mayr-Melnhof in Kapfenberg einen Alleinvertretungsvertrag für deren Stahlprodukte ausgehandelt. 1872 erwarben sie das Puddlings- und Walzwerk Bruckbacherhütte bei Waidhofen/Ybbs und 1894 das Gussstahlwerk in Kapfenberg. Bis 1875 waren auch die jüngeren Brüder Otto und Friedrich als zusätzliche Gesellschafter eingetreten. 1899 wurde das Unternehmen, inzwischen weltberühmt für seine Edelstahle und Schmiedeprodukte, in eine AG umgewandelt. Mit Friedrich Böhlers Tod im Jahre 1914 endete die eigentliche Geschichte von Böhler als Familienunternehmen. In der Hyperinflation nach 1918 geriet das Unternehmen immer mehr in den Einflussbereich des Deutschen Stahlvereins. Der starke Mann im Unternehmen war bis 1938 der von Friedrich Böhler eingesetzte Otto Friedländer, dem dieser mehr vertraute als seinen Neffen, der aber wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten sofort entfernt wurde. Gleichzeitig war dies das Ende der Familiengesellschaft. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs, vor der endgültigen Verstaatlichung, war die Familie Böhler nur mehr mit etwa 8 Prozent beteiligt.169



