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Sophie kam dieser Aufforderung nur zu gerne nach. Sie zog das Tuch beiseite, und gemeinsam mit Mia betrachtete sie gespannt, was darunter zum Vorschein kam. Eine kleine Gruppe Wichtel saß in einem bunt bemalten Häuschen, welches oben kein Dach hatte. Auf diese Weise konnte man ohne Probleme ins Innere schauen. Eben noch hatten die kleinen Wichtel die Augen zu gehabt und sich nicht gerührt. Doch kaum drang Tageslicht in ihre Wohnstatt, kam Leben in die kleinen Kerlchen. Jeder von ihnen griff zu einem Musikinstrument. Einer der Wichtel gab ein Zeichen, woraufhin alle gleichzeitig begannen, eine flotte Melodie zu spielen. Nur einer von ihnen spielte kein Instrument, sondern sang stattdessen aus voller Kehle. Er hatte eine erstaunlich laute Stimme für ein so kleines Kerlchen!
Mia und Sophie waren entzückt. Die Wichtel waren nicht nur unheimlich niedlich, sondern die Musik, die sie machten, klang auch richtig gut!
„Macht es ihnen denn nichts aus, immer nur in diesem Häuschen zu sitzen?“, wollte Mia besorgt von dem Mann wissen. Dieser winkte beruhigend ab. „Ganz und gar nicht! Wichtel leben nicht gerne in freier Wildbahn und haben meinen Onkel damals sogar gebeten, ihn aufzunehmen. Für sie ist ihr Häuschen ein sicherer Hafen in einer äußersten stürmischen See. Damit meine ich die Welt um uns herum“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.
Nun war Mia beschwichtigt. Zumal die Wichtel in der Tat einen zufriedenen Eindruck machten.
„Wow!“, sagte Sophie schließlich. „Das nehmen wir meiner Mutter mit! Sie wird bestimmt begeistert sein!“
Sie deckte das Tuch wieder über das Häuschen und augenblicklich herrschte Ruhe darunter. Nur, um sich zu vergewissern, zog sie es noch einmal weg. Wieder begannen die Wichtel sofort zu musizieren. Es war einfach genial! Tante Anna würde sich riesig freuen!
Die Cousinen konnten nun der Versuchung, in den geheimnisvoll aussehenden Truhen des Verkäufers zu stöbern, erst recht nicht widerstehen. Vielleicht gab es darin ja noch mehr solcher wundersamen Dinge!
Die Mädchen förderten viel für sie unbrauchbares Zeug zutage: alte Hüte, Geschirr, Bücher, die uninteressant klangen, und sogar gebrauchte Socken. Die Kinder wollten sich schon enttäuscht abwenden, als Sophie plötzlich einen golden glitzernden Stift hervorzog.
„Ich frage mich, ob es das ist, wonach es aussieht!“, sagte sie zu Mia. „Selbst schreibende Stifte haben meistens den gleichen goldenen Überzug.“
Sie kramte in ihrer Hosentasche und zog schließlich ein Stückchen Papier hervor. Dieses legte sie vor sich auf den Boden. Dann schraubte sie die Kappe von dem Stift ab und legte diesen auf das Papier. Mit deutlicher Stimme sagte sie nun: „Test, Test, Test.“
Und tatsächlich – der Stift richtete sich auf und begann, die drei Wörter in gut lesbarer Schönschrift auf das Papier zu schreiben.
Entzückt schraubte Sophie die Kappe wieder auf den Stift und hielt ihn fest.
„Den nehmen wir auf jeden Fall! Selbst schreibende Stifte sind normalerweise extrem teuer“, sagte sie.
Angespornt von diesem Fund, kramten die Mädchen nun doch noch tiefer in den Truhen.
Mia fiel kurz darauf ein kleiner Tiegel in die Hände. Er war aus schimmerndem Metall gefertigt und mit wunderschönen Schnörkeln verziert. Schon allein wegen seines schönen Aussehens hätte sie ihn gerne gekauft.
Da das Döschen aber recht schwer war, schraubte sie es auf, um sich seinen Inhalt anzusehen. Der Tiegel war bis oben hin mit einer unspektakulär aussehenden Substanz gefüllt. Sie war größtenteils durchsichtig und hatte die Konsistenz einer fettigen Creme.
Mia schnupperte daran, konnte aber keinen Geruch feststellen. Wozu sollte die Creme gut sein? Vielleicht war sie als Körperlotion bestimmt? Mia tauchte einen Finger in die Substanz und holte ein wenig davon heraus. Dann verteilte sie die Creme auf ihrem Handrücken, um festzustellen, ob sie sich gut anfühlte. Erschrocken riss sie die Augen auf: Die Stelle ihrer Hand, die sie eben eingecremt hatte, war verschwunden! Mia frage sich besorgt, was wohl damit passiert sei. Spürte sie nur vor lauter Schreck keinen Schmerz, obwohl sie eine schwerwiegende Verletzung hatte? Sie hatte gehört, so etwas sollte vorkommen. Vorsichtig tastete sie mit der zweiten Hand die betroffene Stelle ab. Zu ihrer unendlichen Erleichterung fühlte sich alles ganz normal an! Da war kein Loch oder dergleichen zu fühlen. Der Handrücken schien zum Glück vollständig und intakt zu sein.
Beruhigt, aber auch sehr verwirrt, tippte Mia Sophie auf die Schulter und zeigte ihr ihre Entdeckung.
Sophies Wangen röteten sich vor Aufregung. „Das hört sich ja so an, als hättest du unsichtbar machende Salbe gefunden!“, wisperte sie. „Lass mal sehen!“
Sie begutachtete mit leuchtenden Augen sowohl Mias Hand als auch den Tiegel.
„Wahnsinn!“, stieß sie dann hervor. „Das ist ein wahrer Schatz! Gib das Gefäß bloß nicht mehr aus den Händen!“
Mia hielt den Tiegel mit einer Hand fest umschlossen. Mit der anderen half sie ihrer Cousine, die letzte Kiste zu durchsuchen. Darin gab es nichts mehr, was die Mädchen kaufen wollten. Aber die drei Sachen, die sie bereits gefunden hatten, waren weit mehr, als sie zu träumen gewagt hätten.
Sie hielten die Gegenstände hoch und fragten den Verkäufer: „Sind Sie sich sicher, dass Sie nur drei Silbertrubbel dafür haben wollen?“
„Ja – jeweils einen, so wie ich es sagte. Ich bin froh, wenn ich den Ramsch los bin!“, antwortete dieser.
Sophie zog mit vor Aufregung leicht zitternden Fingern drei der silbernen Münzen hervor und reichte sie dem Verkäufer. Die beiden Mädchen konnten ihr Glück kaum fassen!
Beschwingt liefen sie mit ihren Errungenschaften zurück zu der Stelle, an der Tante Anna ihren Stand aufgebaut hatte.
Unterwegs einigten sie sich darauf, vorerst niemandem von der Salbe zu erzählen. Man konnte schließlich nie wissen, wozu so ein kleines Geheimnis noch gut sein würde!
In Hochstimmung erreichten sie Tante Annas Stand. Diese war schon damit beschäftigt, die Holzbretter wieder auf die Kutsche zu laden. Mia und Sophie eilten ihr sofort zu Hilfe. Dabei achtete Mia sorgfältig darauf, die unsichtbare Stelle an ihrer Hand stets gut verborgen zu halten.
„Na ihr beiden Hübschen, wie war euer Tag?“, wollte die Hexe wissen. Sie selbst war bester Laune, weil sie sämtliche ihrer Umhänge zu dem gewünschten Preis verkauft hatte.
Die Mädchen strahlten über das ganze Gesicht und versprachen, alles zu erzählen, sobald sie gemütlich in der Kutsche säßen.
Bei dem Wort alles zwinkerten sie sich allerdings verschwörerisch zu.
Die Bretter waren schnell eingeladen. Tante Anna weckte Windipuss, der die ganze Zeit zusammengerollt auf dem Kutschbock geschlafen hatte. Als alle auf ihren Plätzen saßen, fing der sonderliche Wicht zu pusten an und schon rollte die Kutsche heimwärts.
Mia und Sophie berichteten Tante Anna während der Fahrt, was sie den ganzen Tag über gemacht hatten. Auch die Hexe musste schmunzeln, als sie hörte, wie die Hüpfpastete gegen Mias Mund geplatscht war und welch seltsame Flüche der alte Magier hatte heilen müssen.
Sie bewunderte die Halsketten der Mädchen und war ganz aus dem Häuschen, als diese ihr die Musikwichtelbox zeigten, die sie für sie erstanden hatten.
„Das ist ja wunderbar!“, rief sie und klatschte dabei in die Hände. Sofort zog sie das Tuch von dem Häuschen und ließ die Wichtel musizieren.
Während die drei der Musik lauschten, genossen sie die Schokodreher, die Mia und Sophie gekauft hatten. Wie sie schon vermutet hatten, waren die kleinen Kugeln keine normalen Süßigkeiten. Nahm man sie in den Mund, begannen sie sich augenblicklich im Kreis zu drehen und spritzten dabei flüssige Schokolade um sich, bis der ganze Mund voll davon war. Anschließend verpufften sie mit einem schmatzenden Geräusch und gaben dabei einen köstlichen Sahneklecks frei.
Sogar Tante Anna konnte kaum genug davon bekommen!
Die Zeit verflog nur so und als die Kutsche vor dem kleinen Holzhaus hielt, waren alle überrascht.
Tante Anna bot an, noch etwas zum Abendessen zu machen, aber niemand hatte Hunger. Die Schokodreher hatten ihre Bäuche bis zum Rand gefüllt.
Stattdessen konnten die Mädchen es kaum erwarten, hoch in ihr Zimmer zu gehen und die unsichtbar machende Salbe auszuprobieren.
Kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, zog Mia den metallenen Tiegel aus ihrer Tasche. Fast ehrfürchtig betrachteten sie und Sophie das Gefäß. Dann entschlossen sie sich, auszuprobieren, wie lange die Salbe wirkte.
Mias Handrücken war inzwischen wieder vollständig sichtbar geworden, doch keine der beiden hatte während der Kutschfahrt darauf geachtet, wann die Veränderung eingetreten war.
Dabei war es wichtig zu wissen, wie lange die Wirkung der Salbe anhielt. Denn wer konnte schon ahnen, welchen Zweck sie einmal erfüllen sollte?
Also nahm jedes der Mädchen eine Fingerspitze voll Creme aus dem Tiegel. Mia bestrich ihre linke kleine Fußzehe damit, Sophie ein Stückchen von ihrem Bauch.
Beide lachten, als sie sich so anschauten und einfach ein Teil von ihnen zu fehlen schien.
Nachdem Mias Zehe und Sophies Fleck am Bauch unsichtbar geworden waren, schauten die Kinder auf die Uhr.
Eigentlich waren die beiden Cousinen müde, aber jetzt durften sie auf keinen Fall einschlafen. Ansonsten würden sie wieder nicht wissen, wie lange die Salbe wirkte!
Also kuschelten sie sich zwar nebeneinander ins Bett, hielten sich aber gegenseitig wach, indem sie sich abwechselnd selbst ausgedachte Geschichten erzählten.
Zwischendurch überprüften sie immer wieder, ob ihre Körperteile noch unsichtbar waren.
Als Mia nach zwei Stunden ganz herzzerreißend gähnte und auch Sophie ihre Augen kaum mehr offenhalten konnte, ließ die Wirkung der Salbe nach. Es geschah nicht abrupt, sondern fing gerade in dem Moment an, in dem die Mädchen mit halb geschlossenen Augen ihre eingeschmierte Zehe, beziehungsweise ihren Bauch, kontrollierten.
Die betroffenen Körperstellen begannen zunächst leicht zu flimmern. Dann wurde das Flimmern rasch stärker, bis schließlich alles wieder wie gewohnt zu sehen war.
Nun wussten Mia und Sophie, dass die Salbe ungefähr zwei Stunden lang wirkte, und konnten endlich in den lang ersehnten Schlaf sinken.
Ein Tag am Nymphsee
Es versprach ein fantastischer Tag zu werden. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel herab und schon am frühen Morgen war die Temperatur angenehm warm.
Sophie öffnete das Fenster weit und rief: „Mia, heute müssen wir unbedingt baden gehen!“
Mia hatte überhaupt nichts dagegen. Sie liebte Wasser, und was gab es Herrlicheres, als sich an einem heißen Sommertag in die kühlenden Fluten zu stürzen?
Mia überlegte sich, ob es hier im Magischen Wald wohl ein Schwimmbad gäbe, und fragte Sophie danach.
Ihre Cousine antwortete: „Nein, ein Schwimmbad gibt es hier nicht. Viel besser – wir haben einen wunderbaren See, der nur ungefähr eine halbe Stunde von hier entfernt ist! Er wird dir mit Sicherheit gefallen!“
Die Mädchen zogen sich schnell an und gingen ins Badezimmer.
Mia grüßte das Klo mit einem schüchternen Nicken. Mittlerweile kam es ihr schon fast normal vor, dass Toiletten sprechen konnten.
Durch Mias Freundlichkeit war das Klo milde gestimmt und wesentlich höflicher als bei ihrer ersten Begegnung. Es bedankte sich sogar, nachdem Mia und Sophie seinen Durst gelöscht hatten!
Als die Cousinen in die Küche kamen, war Tante Anna wie üblich schon dort am Werkeln.
Sophie gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange.
„Guten Morgen, Mama. Mia und ich möchten heute gerne baden gehen. Du hast doch bestimmt nichts dagegen, oder?“
Tante Anna seufzte: „Ich hatte schon etwas in der Art befürchtet. Kein Wunder, dass ihr das tolle Wetter ausnutzen wollt. Aber heute Nacht ist Vollmond und am liebsten würde ich euch den ganzen Tag zu Hause behalten, um sicherzugehen, dass ihr bei Einbruch der Dunkelheit ganz sicher hier seid.“
Sophie holte tief Luft, um empört und lautstark zu demonstrieren, doch ihre Mutter hob beschwichtigend die Hand und sagte: „Ich weiß doch, dass ich das nicht machen kann. Und ich weiß auch, dass ich mich darauf verlassen kann, dass ihr pünktlich zu Hause seid. Aber ich mache mir eben einfach schreckliche Sorgen!“
Mia und Sophie guckten Tante Anna verständnislos an. Das sah ihr doch gar nicht ähnlich – warum wollte sie die Mädchen plötzlich nicht durch den Wald ziehen lassen?“
Die Hexe seufzte erneut und sah dabei wirklich sehr ernst aus. „Ihr fragt euch, was auf einmal in mich gefahren ist, nicht wahr? Ich beunruhige euch nur ungern, aber nun komme ich nicht länger darum herum, es euch zu erzählen. Sophie, lass mich Mia kurz etwas erklären, damit sie alles Weitere auch versteht.“
Besorgt lauschten die Mädchen Tante Anna, als diese, an Mia gewandt, fortfuhr: „Unter dem Magischen Wald existiert noch ein anderes Land – das Reich der Unterirdischen. Es gibt ein Tor zwischen den beiden Ebenen, welches normalerweise gut verschlossen ist, sodass die Unterirdischen nicht zu uns gelangen können. Das ist auch gut so, denn die Kreaturen, die dort leben, sind abgrundtief böse. Der Herrscher dieses Reiches heißt Taragonn und seine Untertanen sind die Schattenwölfe.“
Nun richtete sie ihre Worte wieder an beide Mädchen: „In letzter Zeit hat das Tor zwischen den beiden Ebenen eine Schwachstelle bekommen, die es den Schattenwölfen erlaubt, den Magischen Wald in Vollmondnächten zu betreten. Schon zweimal konnten diese üblen Kreaturen inzwischen hierherkommen. Sie schnappten sich alle Waldbewohner, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, und nahmen sie als Sklaven mit ins Reich der Unterirdischen. Das ist ein schreckliches Schicksal!“
Mia fuhr es eiskalt durch die Glieder. Wie furchterregend sich das alles anhörte! Wenn sie nur daran dachte, als Sklavin in ein unterirdisches Reich verschleppt zu werden, stocke ihr vor Angst schier der Atem. Allein der Name „Schattenwolf“ ließ Mia schaudern. Er klang ungemein bedrohlich.
Auch Sophie war bei den Ausführungen ihrer Mutter bleich geworden. Nun fragte sie mit zitternder Stimme: „Und was meinst du mit ‚in Sicherheit bringen‘? Wohin gehen wir in der Nacht?“
Tante Anna legte den beiden Kindern beruhigend jeweils eine Hand auf die Schulter und antwortete: „Wir bleiben hier im Haus und ich werde Schutzzauber rundherum errichten. Diese werden die Schattenwölfe fernhalten. Ihr braucht keine Angst zu haben – wir sind hier in Sicherheit. Es ist nur sehr, sehr wichtig, dass ihr rechtzeitig zu Hause seid. Das Tor zum Reich der Unterirdischen beginnt sich bei Anbruch der Dämmerung zu öffnen. Wenn ihr am frühen Abend zurückkommt, haben wir noch ausreichend Zeit, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und ich werde beruhigt sein.“
Zuerst überlegten Mia und Sophie, ob sie nicht tatsächlich den ganzen Tag lang zu Hause bleiben sollten. Aber dann kamen sie zu dem Entschluss, dass niemandem geholfen wäre, wenn sie hier herumsitzen und bang auf den Abend warten würden. Da war es doch definitiv besser, den Tag zu nutzen und ein bisschen Spaß zu haben!
Also verdrängten sie die Gedanken an die kommende Nacht und packten ihre Badesachen. Tante Anna bereitete ihnen einen großen Picknickkorb zum Mitnehmen vor. Er war voll beladen mit leckeren Sachen und demnach recht schwer. Daher wechselten die beiden Mädchen sich mit dem Tragen ab.
Lindaras Baumhaus lag auf dem Weg zum See, was äußerst praktisch war. Mia und Sophie wollten die Elfe nämlich ohnehin fragen, ob sie nicht ebenfalls Lust zum Baden habe.
Als sie in Richtung Lindara aufbrachen, war ihnen zunächst nicht zum Reden zumute. Jedes der Mädchen grübelte für sich über die kommende Nacht nach.
Doch das Vogelgezwitscher und der helle Sonnenschein vertrieben nach und nach alle trüben Gedanken, sodass Mia und Sophie schon wieder fröhlich plauderten, als sie an dem Haus der Elfe ankamen.
Sie zogen an der Schnur neben der Tür im Baumstamm und wieder erklang das feine Glöckchenläuten. Kurze Zeit später beugte Lindara sich über die Brüstung der Laube und rief erfreut hinunter: „Oh! Ihr seid es! Ich hatte gehofft, dass ihr heute vorbeischauen würdet!“
Sophie rief zurück: „Wir hatten es doch schließlich versprochen! Hast du Lust, mit zum See zu kommen? Es wird heute sehr heiß! Und wir haben einen großen Picknickkorb dabei, von dem wir locker zu dritt satt werden!“
Die Elfe strahlte sie vom Baum herab an. „Das ist eine hervorragende Idee! Wartet, ich packe schnell meine Sachen und komme zu euch hinunter!“
Die Mädchen mussten nicht lange warten. Innerhalb kürzester Zeit war Lindara fertig und öffnete die Tür des Baumes.
„Ich habe uns zwei Flaschen Rosenlimonade eingepackt“, verkündete sie fröhlich.
Und schon machten die drei Freundinnen sich auf den Weg zum See.
Von dem Haus der Elfe aus schlugen sie einen kleinen verschlungenen Pfad ein, der richtig verwunschen aussah. Mia fühlte sich wie in dem Märchen von Dornröschen. Fast erwartete sie, hinter der nächsten Biegung ein rosenumranktes Schloss zu sehen.

Stattdessen entdeckte Mia kurze Zeit später am Wegesrand einen riesigen Pilz, in dessen Stamm sich eine Tür und mehrere Fenster befanden. Der Hut des Pilzes bildete das Dach des ungewöhnlichen Hauses.
„Hier wohnt der Zwerg Gurzel“, informierte Lindara Mia.
Vor dem niedlichen Pilzhäuschen stand eine Bank und auf dieser wiederum saß ein kleiner Mann. Er hatte einen langen grauen, verzottelten Bart und ebenfalls langes graues Haupthaar, welches ihm lose über den Rücken fiel. Zwar war der Zwerg keinesfalls größer als einen halben Meter, aber dafür war er sehr kräftig gebaut. Richtig stämmig sah er aus! In seinem Mundwinkel steckte eine Pfeife, aus der sich Rauch emporschlängelte. Gerade zog der Zwerg genüsslich daran. Dann bemerkte er die Mädchen und die Elfe und ein Lächeln stahl sich auf sein faltiges Gesicht.
„Welch hübscher Anblick für meine altersschwachen Augen!“, rief er jovial. „Kommt doch ein Stückchen näher heran, damit ich nicht so schreien muss!“
Mia, Sophie und Lindara traten näher und grüßten den alten Zwerg.
„Seid ihr unterwegs zum Nymphsee?“, erkundigte er sich nun.
Sophie nickte.
„Dann seht aber zu, dass ihr vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause seid, hört ihr? Es wird eine gefährliche Nacht!“
Augenblicklich wurde die Stimmung düsterer.
„Ach herrje! Ich wollte euch hübschen Täubchen die Laune nicht verderben!“, rief Gurzel aus. „Kann ich euch vielleicht mit einem Becher Tannenbier wieder aufmuntern?“
Die Mädchen und die Elfe lehnten dankend ab. Tante Anna würde es bestimmt nicht gerne sehen, wenn ihre Tochter und Nichte Bier tränken, dachte Mia. Außerdem hatten sie es eilig, zum See zu kommen und den Tag dort zu genießen, ohne ständig an die kommende Nacht erinnert zu werden.
Also verabschiedeten sie sich höflich von dem Zwerg und zogen dann weiter.
Nun war es nicht mehr weit. Nach drei weiteren Wegbiegungen sah Mia ein verheißungsvolles Glitzern zwischen den Bäumen.
Die drei Freundinnen traten auf eine große Lichtung. In ihrer Mitte erstreckte sich ein herrlich klarer, blauer See, der zum Teil umsäumt war von einer saftig grünen Wiese. An den übrigen Stellen türmten sich an seinem Rand große Steinblöcke auf. An der rechten Seite ging es eine steile Felswand hinauf und genau von dieser ergoss sich ein kleiner Wasserfall in den See. Es war wunderschön – viel besser als jedes Freibad, das Mia kannte!
Sie folgte Sophie und Lindara, die bereits dabei waren, auf der saftigen Wiese ihre Handtücher auszubreiten.
Alle drei ließen sich darauf nieder, um sich erst einmal von dem Marsch zu erholen. Lindara holte die Rosenlimonade aus ihrer Tasche hervor und bot den Mädchen davon an.
Mia nahm einen tiefen Schluck und schloss genießerisch die Augen. Das Getränk schmeckte erfrischend und ungemein lecker. Es prickelte angenehm auf der Zunge und löschte ihren Durst innerhalb kürzester Zeit.
Erfrischt ließ Mia die hier herrschende Atmosphäre auf sich wirken.
Die Vögel zwitscherten und trillerten rings um den See, der Wasserfall rauschte monoton vor sich hin, und ab und zu hörte man einen Kuckuck rufen. Die Stimmung war so friedlich und beruhigend, dass Mia, Sophie und Lindara rasch wieder guter Laune waren.
Sie erzählten sich gegenseitig, was sie am gestrigen Tag erlebt hatten, tranken Rosenlimonade und räkelten sich währenddessen wohlig in der Sonne.
Bald war ihnen so heiß geworden, dass sie beschlossen, sich im See abzukühlen. Sie zogen ihre Badeanzüge an und machten einen Wettlauf ins Wasser.
Dann planschten sie ausgelassen und ließen sich vom Wasserfall den Rücken massieren.
Lindara hatte als Erste genug von dem festen Wasserstrahl und rief den Mädchen fröhlich zu: „Wer zuerst auf der anderen Seite ist!“
Mia und Sophie ließen sich nicht zweimal bitten und nahmen das Wettschwimmen an. Doch natürlich erreichte die Elfe, die einen beachtlichen Vorsprung hatte, als Erste die große Felsformation an der gegenüberliegenden Seeseite. Das konnten die beiden Mädchen natürlich nicht auf sich sitzen lassen! Und so folgten dem ersten noch etliche weitere Wettschwimmen, bis die drei vollkommen außer Puste waren. Vergnügt, aber zugleich völlig erschöpft, verließen sie das Wasser und streckten sich auf ihren Handtüchern aus. Während sie sich von den warmen Sonnenstrahlen trocknen ließen, aßen sie belegte Brote aus Tante Annas Picknickkorb.
Der volle Bauch und die Hitze machten Mia sehr schläfrig. Sie linste zu den anderen hinüber und stellte fest, dass auch deren Augen geschlossen waren und sie sich kaum mehr rührten. Beruhigt, nichts zu verpassen, machte Mia ebenfalls die Augen zu und war kurz darauf eingedöst.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie plötzlich jäh aus den Träumen gerissen wurde. Irgendetwas oder irgendjemand riss heftig und schmerzhaft an ihren Haaren.
„Aua!“, rief Mia und fuhr in die Höhe.
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass auch Sophie und Lindara aufgesprungen waren und sich an die Köpfe fassten.
Rings um die drei Freundinnen herum hatten sich seltsame Wesen aufgebaut. Sie reichten Mia nur etwa bis zur Mitte ihrer Oberschenkel, hatten aber einen unheimlich breiten und massigen Körperbau. Graues, recht zotteliges Fell bedeckte sie fast vollständig und sie bewegten sich auf zwei Beinen vorwärts. Ihre Gesichter hatten menschenähnliche Züge, wenngleich ihnen etwas äußerst Animalisches anhaftete.
In ihren klauenartigen Händen hielten die Wesen lange, spitze Gegenstände, die wie eine Mischung aus Messer und Schere aussahen. An einem dieser Gegenstände entdeckte Mia eine lange Strähne von Lindaras gelocktem Haar. War es das, worauf die furchteinflößenden Kreaturen aus waren? Haare?
Entsetzt fasste Mia sich an den Kopf. Zum Glück spürte sie ihren scheinbar noch vollständigen Zopf zwischen den Fingern. Wahrscheinlich hatten diese Biester erst einzelne Strähnen erwischt.
Trotzdem hielt sich Mias Erleichterung in Grenzen, denn die Fellwesen rückten bedrohlich grummelnd immer näher an die Mädchen und die Elfe heran. Dabei funkelten ihre gelben Augen gierig.
„Bleibt dicht beieinander! Das sind Fellgnome, die es auf unsere Haare abgesehen haben!“, rief Lindara.
Die drei Freundinnen stellten sich Rücken an Rücken auf und beobachteten ängstlich die Gnome, die immer näher kamen. Sie klapperten drohend mit ihren Messern oder Scheren, oder was auch immer sie da in den Klauen hielten, und schielten nach den Köpfen der drei Gefährtinnen.
Verzweifelt blickte Mia sich um. Gab es denn nichts, womit sie sich gegen diese fiesen Geschöpfe wehren konnten?
Sie hörte, dass auch der Atem der beiden anderen schneller ging, und verlor den Mut. Wenn schon sie, die hier in dem Wald heimisch waren, nicht wussten, wie man sich die Gnome vom Leib halten konnte, dann gab es wohl kein wirkungsvolles Mittel gegen die Biester. Mia war kurz davor zu verzweifeln. Doch da hörte sie auf einmal ein wildes Gebrüll, welches sich rasch näherte.




