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Ein Junge, etwa in ihrem Alter, rannte auf die Gruppe aus Gnomen, Menschen und der Elfe zu. Dabei schwang er etwas, das an eine biegsame Holzpeitsche erinnerte, und brüllte aus voller Kehle.
„Tristan!“, schrie Sophie hoffnungsvoll.
Die Fellgnome quiekten erschrocken auf und stoben in alle Richtungen davon. Einer von ihnen war allerdings nicht schnell genug und wurde von der Holzpeitsche des Jungen getroffen. Er warf sich auf den Boden und wälzte sich unter noch lauterem Quieken hin und her.
„Schert euch davon, ihr widerwärtigen Biester!“, rief der Junge und verfolgte die fliehenden Gnome ein paar Schritte weit.
Als sich auch der, der von der Peitsche getroffen worden war, aufgerappelt hatte und davongelaufen war, gab der Junge die Verfolgung auf und kam zu Mia, Sophie und Lindara herüber.
„Puh – da habt ihr aber Glück gehabt, dass ich in der Nähe war! Das war ganz schön knapp!“, sagte er, noch etwas außer Atem.
„Tristan!“, seufzte Sophie erleichtert. Ihre Stimme war zittrig und sie hatte feuchte Augen. Der Schreck saß ihr, genau wie Mia und Lindara, tief in den Gliedern.
„Es waren einfach viel zu viele! Wir sind wohl eingedöst und als wir aufwachten, waren wir schon von ihnen umzingelt. Es war schrecklich! Danke, dass du uns gerettet hast!“
Der Junge, der offensichtlich Tristan hieß, grinste schelmisch. Er machte eine übertrieben tiefe Verbeugung vor den Mädchen und der Elfe und sagte mit näselnder Stimme: „Stets zu Diensten, die Damen.“
Mia musste schmunzeln. Langsam hatte sie sich von ihrem Schrecken erholt und betrachtete den Jungen genauer. Er war etwa einen halben Kopf größer als sie, schlank gebaut, hatte braunes Haar und ebenfalls braune Augen. Um seine Nase herum waren ein paar kleine Sommersprossen zu sehen, welche ihm ein kesses Aussehen verliehen.
Er schien nicht so hochnäsig oder albern zu sein wie viele Jungs aus Mias Klasse, sondern redete mit ihnen, als sei es gar nichts Peinliches, mit Mädchen zu sprechen. Das machte ihn Mia auf Anhieb sympathisch.
„Hi, ich bin Tristan“, sagte er nun zu Mia.
Sophie ergänzte: „Wir haben dir schon von ihm erzählt. Er ist der Sohn des Erfinders, der letztens das Gartenhaus in die Luft gesprengt hat.“
Tristan nickte halb belustigt und halb ernst. „Ja, das war eine aufregende Geschichte“, sagte er. „Und wenn mich nicht alles täuscht, bist du Sophies Cousine. Sophie hat schon viel von dir erzählt. Du heißt Mia, oder?“
Mia nickte bestätigend.
„Findet ihr nicht auch, wir hätten uns nach dem ganzen Schrecken einen Imbiss verdient?“, klinkte Lindara sich in das Gespräch ein.
Jetzt merkten auch die Mädchen, dass sie einen Bärenhunger hatten, und Tristan schien einem leckeren Happen ebenfalls nicht abgeneigt zu sein.
Die Kinder und die Elfe ließen sich auf ihren Handtüchern nieder und packten die Reste aus dem Picknickkorb aus. Hungrig machten sie sich über die noch übrigen Brote her. Danach aßen sie den kleinen Schokoladenkuchen, den Tante Anna ihnen ebenfalls mitgegeben hatte.
Währenddessen erzählte Tristan, warum er in der Nähe gewesen war: „Mein Vater hatte mich gebeten, nach einem bestimmten Pilz zu suchen, den er für eines seiner Experimente braucht. Also bin ich durch den Wald gestreift und war gerade hier in der Nähe, als ich einen Schrei gehört habe. Ich bin schnell in die Richtung gelaufen, aus der er kam, und habe gesehen, wie die Fellgnome euch umzingelt haben. Zum Glück ist mir eingefallen, dass Gnome riesige Angst vor Birkenzweigen haben. Wenn sie damit in Berührung kommen, brennt es auf ihrer Haut wie Brennnesseln bei uns – nur noch hundertmal schlimmer. Ich habe mir also schnell eine Birke gesucht, habe einen langen Ast von ihr abgebrochen und bin zu euch gerannt. Den Rest kennt ihr ja selbst.“
Tristan erzählte seine Geschichte mit einer Bescheidenheit, die Mia imponierte. Jeder andere Junge, den sie kannte, hätte sich unglaublich aufgespielt und sich als Superhelden dargestellt. Tristan dagegen machte gar keine große Sache aus seiner Rettungsaktion. Er wurde Mia immer sympathischer.
„Aber was wollten diese Gnome eigentlich mit unseren Haaren?“, fragte sie in die Runde.
Lindara antwortete ihr: „Der Häuptling der Fellgnome hasst seine eigenen grauen Haare. Deshalb hat er seine Untertanen damit beauftragt, ihm Perücken und Umhänge aus Menschen- und Elfenhaar anzufertigen. Am liebsten würde er jede Woche neue tragen. Mal aus blondem, mal aus rotem, mal aus braunem oder schwarzem Haar. Daher wollten die Biester auf uns losgehen – sie wollten uns die Haare abschneiden. Fellgnome sind abscheuliche, feige Wesen – alleine würden sie sich niemals an eine von uns heranwagen. Aber wenn sie sich zusammengerottet haben und ihre Opfer für wehrlos halten, können sie zu einer echten Bedrohung werden. Beim nächsten Mal passen wir einfach etwas besser auf. Schließlich können wir nicht darauf vertrauen, dass uns jedes Mal ein Retter zu Hilfe eilt!“
Beim letzten Satz zwinkerte sie Tristan lächelnd zu.
Da fiel Mia etwas ein und sie fragte den Jungen: „Hast du eigentlich diesen Pilz, den du für deinen Vater besorgen solltest, schon gefunden?“
Tristan schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde wohl gleich noch mal auf die Suche gehen müssen.“
„Dann lass uns dir doch helfen!“, schlug Mia vor. Sie fand, ein kleines Dankeschön wäre angebracht.
Sophie und die Elfe stimmten sofort zu. Auch sie wollten sich für Tristans Hilfe erkenntlich zeigen.
Sophie schlug vor, jeder der vier solle in eine andere Richtung gehen und nach dem Pilz suchen. Mia war das zunächst gar nicht recht, weil sie Angst hatte, die Fellgnome könnten erneut über sie herfallen.
Aber Sophie beruhigte sie: „Du brauchst keine Angst zu haben – es sind wirklich feige Wesen. Und solange du nicht schlafend auf dem Boden liegst oder etwas in der Art, werden sie sich nicht noch einmal an dich herantrauen. Aber wenn du dich besser fühlst, kannst du einfach den Birkenzweig mitnehmen.“
Das war ein guter Vorschlag, fand Mia. Mit dem Zweig in der Hand fühlte sie sich einfach sicherer.
Nun blieb nur noch zu klären, wonach sie überhaupt suchen mussten.
Tristan beschrieb ihnen den Pilz: „Es muss ein etwa handgroßes, rosafarbenes Gewächs mit lila Punkten darauf sein.“
„Ah! Du meinst den Schwibbelpilz!“, sagte Lindara. „Den kenne ich! Er wächst bevorzugt unter Tannenbäumen. Schaut also vor allem dort nach! Wer als Erster einen findet, kehrt zum See zurück und ruft die anderen.“
Die drei Kinder und die Elfe gingen nun in unterschiedliche Richtungen davon.
Mia war anfangs etwas mulmig zumute und ängstlich hielt sie eher nach Fellgnomen als nach Pilzen Ausschau. Mit der Zeit aber entspannte sie sich und wurde offener für ihre Umgebung. Der Wald war einfach wunderschön. Es gab so viele für Mia unbekannte Blumen und andere Gewächse zu bestaunen, und sie genoss die geheimnisvolle Atmosphäre um sich herum in vollen Zügen. Trotzdem achtete sie darauf, sich nicht allzu weit von dem See zu entfernen, um sich nicht zu verirren.
Es dauerte gar nicht lange, da hörte Mia einen Ruf. Er schien der Stimme nach von Lindara und aus der Richtung zu kommen, in der der See lag. Mia nahm an, die Elfe habe einen Schwibbelpilz gefunden, und machte sich auf den Rückweg.
Als sie am Nymphsee ankam, winkte Lindara ihr zu. Sie hielt nicht nur einen, sondern gleich vier Exemplare des Gewächses in der Hand.
Mia wunderte es nicht, dass Lindara diejenige gewesen war, die die Pilze gefunden hatte. Schließlich schien sie sich im Wald auszukennen wie in ihrer eigenen Westentasche.
Kurz nach Mia kehrten auch zuerst Sophie und dann Tristan zu ihrem Treffpunkt zurück. Der Junge freute sich sehr über Lindaras Fund.
„Da wird mein Vater aber begeistert sein!“, sagte er.
Die Elfe überreichte ihm die Gewächse lächelnd, schaute dann zum Himmel und sagte: „Ich denke, es wird langsam Zeit, dass wir alle nach Hause zurückkehren. Bis zur Dämmerung dauert es zwar noch etwas, aber sicher ist sicher. Außerdem werde ich die Nacht bei meinen Verwandten verbringen. Und bis dorthin ist es ist ein gutes Stück weiter als zu meinem eigenen Haus.“
Die Kinder stimmten ihr zu. Niemand wollte riskieren, nicht rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit in Sicherheit zu sein.
Da zunächst alle in die gleiche Richtung gehen mussten, machten sie sich gemeinsam auf den Weg.
Während sie den verschlungenen Pfad entlangliefen, stellten die vier fest, dass der Wald ungewohnt still geworden war.
Lindara kommentierte diesen Umstand mit den Worten: „Die meisten Waldgeschöpfe suchen heute Nacht, genau wie ich, Sicherheit bei Verwandten oder Freunden, die Schutzzauber wirken können. Ich denke, dass viele von ihnen sich schon auf den Weg gemacht haben.“
Mia überkam plötzlich ein Frösteln. Den ganzen Tag lang war es fast unerträglich heiß gewesen, aber nun meinte sie, einen kalten Windhauch zu spüren. Zuerst dachte Mia, sie bilde sich das nur ein, aber dann entdeckte sie auch bei den anderen eine Gänsehaut. Es wurde wirklich höchste Zeit, nach Hause zu kommen!
Die vier beschleunigten ihre Schritte. Jeder von ihnen spürte, dass Unheil in der Luft lag, und wollte nun nicht länger trödeln.
Tristan verabschiedete sich als Erster von der Gruppe.
„Komm gut nach Hause!“, rief Sophie ihm hinterher.
Nach ein paar Minuten trennte sich auch die Elfe von den Mädchen. Lindara musste den Pfad nach links einschlagen, Sophie und Mias Heimweg dagegen führte weiter geradeaus.
Eiligen Schrittes legten die Cousinen den restlichen Weg nach Hause zurück. Als sie vor der Tür standen, schnüffelte diese erst in ihre Richtung und sprach dann: „Fräulein Sophie und Fräulein Mia! Die Hausherrin wird froh sein, dass ihr zurück seid! Tretet ein!“
Das ließen die beiden sich nicht zweimal sagen, denn das gemütliche Holzhäuschen versprach eine sichere Zuflucht vor der unheimlichen Atmosphäre des Waldes zu sein.
Die Nacht der Schattenwölfe
Tante Anna begrüßte die Mädchen sichtlich erleichtert. Zugleich zeigte ihr Gesicht aber auch deutliche Spuren der Anspannung.
„Gut, dass ihr so zeitig zu Hause seid! Jetzt können wir alles in Ruhe vorbereiten! Packt erst einmal aus und dann werden wir gemeinsam den Rest erledigen.“
Mia und Sophie hängten ihre nassen Schwimmsachen und Handtücher auf die Wäscheleine, spülten das benutzte Geschirr ab und räumten alles ordentlich an seinen Platz zurück.
Anschließend trugen sie gemeinsam mit Tante Anna ihre Matratzen, das Bettzeug und ihre Nachthemden ins Wohnzimmer hinunter. Zusätzlich sollte jede von ihnen noch die Sachen holen, die sie darüber hinaus für den kommenden Abend und die Nacht brauchen würde.
Zuletzt verschwand Tante Anna im Keller und kam kurze Zeit später mit einem uralt aussehenden Nachttopf in der Hand zurück. Diesen stellte sie in dem entlegensten Winkel des Wohnzimmers auf.
„Wir können später nicht mehr hoch auf die Toilette gehen“, erklärte sie auf die verblüfften Blicke der Mädchen hin. „Der Schutzzauber wird sich auf das Wohnzimmer beschränken. Daher werden wir uns ausschließlich hier aufhalten.“
Dann schaute sie prüfend aus dem Fenster und sagte: „Ein bisschen Zeit bleibt uns noch. Sophie, mein Schatz, möchtest du vielleicht noch die Brettspiele vom Dachboden holen? Heute wäre doch eine gute Gelegenheit, sich mit ihnen die Zeit zu vertreiben.“
Sophie gefiel die Idee und so stieg sie bereitwillig auf den Dachboden. Kurz darauf kam sie mit einem ganzen Stapel Spiele zurück.
„Von mir aus können wir direkt loslegen“, sagte sie und begann, den Stapel nach ihrem Lieblingsspiel zu durchsuchen.
Tante Anna antwortete: „Ich werde zuerst noch das Wohnzimmer sichern. Dann bin ich bereit.“
Mit diesen Worten schritt sie zur ersten Wand, stellte sich tief durchatmend davor auf, hob die Hände so, dass die Handflächen in Richtung Fenster zeigten, und begann, seltsame Worte zu murmeln. Mia lauschte angestrengt und verstand so etwas wie Ventura protectis nocto!
Kaum hatte die Hexe den Satz zu Ende gesprochen, begann die Luft im Bereich des Fensters bläulich zu flimmern. Dieses Flimmern blieb auch dann noch bestehen, als Tante Anna die Hände langsam wieder sinken ließ.
Die gleiche Prozedur wiederholte die Hexe nun bei dem zweiten Fenster, bei der Terrassen- und schließlich auch bei der Wohnzimmertür.
Erst als das seltsame blaue Flimmern vor jeder einzelnen Öffnung zu sehen war, nickte sie beruhigt.
„Nun kann uns nichts passieren. Die Schattenwölfe können diesen Schutzwall keinesfalls durchbrechen“, stellte sie zufrieden fest.
Mia fühlte sich in der Tat sehr geborgen, und als sie sich mit ihrer Cousine und Tante Anna zum Spielen an den Esstisch setzte, kam es ihr fast so vor, als wäre heute ein ganz normaler Abend.
Eine ganze Zeit lang waren alle drei komplett ins Spiel vertieft und es herrschte eine beinahe ausgelassene Stimmung.
Erst nach einer geraumen Weile fielen den Mädchen und Tante Anna auf, dass der Wind sich mittlerweile verstärkt hatte. Er heulte laut ums Haus, und es war inzwischen auch im Wohnzimmer so kalt geworden, dass alle drei fröstelten.
„Ich mache uns ein Feuer“, verkündete Tante Anna und stand auf. „Außerdem habe ich uns Zooteig vorbereitet. Was sagt ihr dazu?“
Sophie rief erfreut: „Zooteig? Den hatten wir ja schon ewig nicht mehr!“
An Mia gewandt, erklärte sie: „Meine Mutter macht ihn nur selten, weil es eine Heidenarbeit ist, ihn herzustellen.“
„Und was ist daran so besonders?“, wollte Mia wissen.
Ihre Cousine antwortete: „Du nimmst ein Stück davon, spießt es auf einen Stock und hältst ihn übers Feuer. Wenn er gar ist, verformt er sich zu irgendeinem Tier. Wenn du dieses dann in den Mund steckst – na ja, du wirst schon sehen! Auf jeden Fall wirst du begeistert sein!“
Mia wartete gespannt, bis Tante Anna das Feuer im Kamin entfacht und eine Schüssel mit einem eigentlich ganz normal aussehenden Teig herbeigeholt hatte.
Zu dritt setzten sie sich nun vor das Feuer. Jede bekam einen langen Stock in die Hand. Dann fragte Tante Anna ihre Nichte: „Möchtest du beginnen?“
Doch Mia war es lieber, erst einmal zuzuschauen. Also machte stattdessen Sophie den Anfang. Sie nahm sich einen Klumpen des Teiges aus der Schüssel und spießte ihn auf das Ende ihres Stocks. Dann hielt sie ihn über das Feuer.
Nach kurzer Zeit gab der Teig ein leises Plopp von sich und puffte auf. Er nahm unverkennbar die Form eines Schafes an und sah nun lecker und knusprig aus.
Sophie schwenkte das Stockende herum, pustete zunächst ein bisschen und nahm dann das Teigschaf herunter. Sie steckte es in den Mund, kaute kurz und schluckte anschließend. Kaum war der Happen in ihrem Magen gelandet, begann sich Sophies Aussehen zu verändern. Dichtes, weißes Ringelfell bedeckte im Handumdrehen ihr Gesicht und die Ohren wurden groß und schlapp. Zu guter Letzt schob sich Sophies Mundpartie auf kecke Weise nach vorne und wurde zu einer langen Schafsschnauze.
Da saß nun ein zum Schreien komisch aussehendes Sophie-Schaf und blickte frech in die Runde.
Gerade als Mia sich fragte, wie lange ihre Cousine den Schafskopf behalten würde, begann sich Sophie auch schon wieder zurück zu verwandeln. Wenige Augenblicke später hatte sie ihr übliches Gesicht wieder und kringelte sich vor Lachen. Mia fiel sofort in das Gelächter ein und auch Tante Anna musste breit schmunzeln.
„Jetzt du!“, sagte Sophie zu Mia und reichte ihr die Schüssel.
Mia machte nun das nach, was sie bei ihrer Cousine beobachtet hatte.
Puff – verformte sich ihr Teigstück zu einem Elefanten. Fast hätte sie sich die Finger verbrannt, als sie ihn vom Stock nehmen wollte.
Das Gebäcktier schmeckte in der Tat lecker. Ein bisschen so wie Pizzabrötchen. Doch Mia war viel zu gespannt, wie es sein würde, sich in einen Elefanten zu verwandelt. Daher kostete sie den Geschmack nicht lange aus, sondern schluckte den Bissen rasch hinunter.
Unmittelbar darauf machte sich ein seltsames Gefühl in ihr breit. Sie spürte, wie ihre Ohren immer größer und größer wurden, bis sie sich schließlich selbst damit Luft zufächeln konnte. Gleichzeitig begann ihre Nase gigantische Ausmaße anzunehmen und sich in Form und Farbe so zu verändern, dass schließlich ein gewaltiger Rüssel mitten in ihrem Gesicht prangte. Neugierig versuchte Mia, den ungewohnten Körperteil zu bewegen, und tastete sich vorsichtig damit in Sophies Richtung.
„Komm, du kleiner Elefant, ich habe hier eine leckere Erdnuss für dich!“, kicherte ihre Cousine.
Doch noch während Mia sich bemühte, mit dem Rüsselende Sophies Handfläche zu berühren – was ein überaus schwieriges Unterfangen war – schrumpfte er schon wieder und Mia hatte ihre kleine Stupsnase und ihre zierlichen Ohren zurück.
Mia konnte nicht sagen, was sie lustiger fand: Sich selbst in ein Tier zu verwandeln oder den zwei anderen dabei zuzusehen, wie sie es taten.
Sie gab die Schüssel an Tante Anna weiter, ohne sich sicher zu sein, ob diese überhaupt mitmachen würde. Vielleicht fand sie als Erwachsene es ja auch zu albern?
Aber das war keineswegs der Fall! Ihre Tante nahm die Schüssel entgegen und spießte sich ein Teigstück auf, ohne mit der Wimper zu zucken.
Mit einem Plopp formte sich auf dem Stockende der Hexe ein Löwe. Als sie ihn gegessen hatte, wurden ihre ordentlich frisierten Haare zu einer gigantischen, wilden Mähne. Die Schnurrhaare wirkten recht harmlos. Die gewaltigen Zähne dagegen, die Tante Anna beim Öffnen ihres Mauls preisgab, waren extrem furchteinflößend.
Nach dem ersten Schreck konnten die Kinder sich vor Lachen kaum mehr halten. Tante Anna sah einfach zu komisch aus, wie sie das Maul weit aufriss und dabei laut brüllte!
Die Schüssel ging immer wieder reihum. Nacheinander wurde der Teig zu einer Ziege, einem Esel, einer Katze, einem Krokodil, einem Affen und sogar zu einem Nilpferd.
Die drei hatten auf diese Weise jede Menge Spaß.
Doch als Sophies Teigstück sich plötzlich zu einem Wolf verformte, kippte die Stimmung schlagartig. Plötzlich hatte keine von ihnen mehr Lust auf das Zooteigspiel und so legten alle ihre Stöcke beiseite. Die gute Stimmung war von einem auf den anderen Moment hinüber.
Tante Anna zog das Tuch von der Musikwichtelbox, weil sie hoffte, die Musik würde sie ablenken. Aber keine der drei konnte sich unter den gegebenen Umständen daran erfreuen. Daher deckte die Hexe das Häuschen nach einer Weile wieder zu und brachte die Wichtel somit zum Verstummen.
Schließlich begann Sophie, von dem Thema zu reden, über das sowieso alle nachgrübelten. „Sag mal, Mama, warum unternimmt der Magische Rat eigentlich nichts gegen dieses Loch im Tor zwischen den Ebenen und gegen die Schattenwölfe?“
Die Hexe seufzte und erwiderte: „Wir haben schon alles versucht! Doch nichts hat geholfen! Aber lass mich Mia kurz beschreiben, was der Magische Rat überhaupt ist, damit sie unser Gespräch auch versteht. Danach erzähle ich dir alles Weitere, ja?“
Sie wandte sich ihrer Nichte zu und erklärte: „Der Magische Rat, den Sophie eben erwähnt hat, setzt sich aus den zwölf mächtigsten Zauberern und Hexen des Magischen Waldes zusammen. Auch ich bin Mitglied des Rates. Wir halten regelmäßig einmal pro Woche eine Versammlung ab und besprechen wichtige Angelegenheiten des Waldes. Wenn Probleme auftreten, versuchen wir, Lösungen zu finden, die für die Gemeinschaft am besten sind. Wir schlichten Streitigkeiten unter den Waldbewohnern, treffen anliegende Entscheidungen und so weiter. Insgesamt sind wir also, so gesehen, für die Einigkeit und Sicherheit im Magischen Wald zuständig. Daher wäre es auch unsere Angelegenheit, das Loch im Tor zwischen den Ebenen wieder zu verschließen.
In der Vergangenheit mussten die Schutzzauber in diesem Tor schon ungewöhnlich häufig erneuert werden und jedes Mal hat uns der Weise Fels Ratschläge gegeben, wie das zu bewerkstelligen war.
Der Weise Fels ist uralt. Niemand weiß, wie lange er schon existiert. Er ist seit Menschengedenken hier in diesem Wald und steht dessen Bewohnern beratend zur Seite. Er scheint fast alles zu wissen und hat uns bisher immer unterstützt.“
Nun richtete Tante Anna ihre Worte wieder an beide Mädchen: „Dieses Mal ist es anders. Wir sind bereits unzählige Male zum Weisen Fels gegangen und haben ihn befragt. Aber er schweigt einfach. Kein einziges Wort konnten wir ihm entlocken. Wir wissen nicht, ob eventuell kein Leben mehr in ihm ist oder ob wir ihn vielleicht auf irgendeine Weise verärgert haben. Jedenfalls zeigt er keinerlei Regung, wenn wir ihn anrufen. Es ist zum Verzweifeln!
Wir haben auch sonst alles Mögliche ausprobiert: Alle erdenklichen Zauberbücher gewälzt, jeden Zauberspruch angewandt, der infrage käme, und diverse Tränke gebraut. Aber nichts hat geholfen. Wir wissen bald nicht mehr weiter.“
Tante Anna hielt erschrocken in ihrer Rede inne. „Oh nein! So viel wollte ich eigentlich gar nicht sagen! Schließlich wollte ich euch nicht beunruhigen, indem ich euch erzähle, dass wir momentan ratlos sind. Es tut mir leid!“
Mia und Sophie waren tatsächlich beunruhigt. Gleichzeitig machte es sie aber auch stolz, dass die ältere Hexe ihnen all das anvertraute.
„Ich kann euch trotz allem versichern, dass wir heute Nacht hier sicher sind. Euch wird nichts zustoßen! Ihr könnt wirklich ganz beruhigt sein. Das Loch im Tor zwischen den Ebenen konnten wir zwar nicht vollständig verschließen, aber meine Schutzzauber sind mächtig genug, um die Schattenwölfe aus unserem Wohnzimmer fernzuhalten“, fügte Tante Anna hinzu.
Dann schaute sie auf die Uhr und meinte: „Es ist nun auch schon sehr spät. Ihr beiden legt euch jetzt am besten hin und schlaft.“
Mia und Sophie waren in der Tat ziemlich müde und so protestierten sie nicht. Sie zogen ihre Nachthemden an, benutzten den Nachttopf, den Tante Anna bereitgestellt hatte, und legten sich in ihre Betten. Ausnahmsweise hexte Sophies Mutter den Mädchen die Zähne mit einem kurzen Zauberspruch sauber.
Das Feuer knisterte gemütlich und Tante Anna summte ein beruhigendes Liedchen vor sich hin, während sie am Tisch saß und strickte. So fühlten die beiden Cousinen sich geborgen und schliefen trotz des Gedankens an die umherschleichenden Schattenwölfe rasch ein.
Mia wusste nicht, wie lange sie schon geschlafen hatte, als sie plötzlich aufschreckte. Ein unheimliches Heulen hatte sie aus ihrem Traum gerissen. Noch während sie überlegte, ob sie sich alles nur eingebildet haben könnte, ertönte der Laut erneut. Dieses Mal klang er sogar noch näher als zuvor. Ein eiskalter Schauer lief Mia den Rücken herunter.
Auch Sophie, die neben ihr auf der Matratze lag, fuhr hoch. Die Mädchen schauten sich erschrocken an und keine von beiden brachte einen Ton heraus.
Dann erklang das gruselige Heulen ein drittes Mal. Mia zuckte zusammen. Der Laut ging ihr durch Mark und Bein. Er hatte so nah geklungen!

Mia konnte sich vor Schreck nicht rühren. Regungslos starrte sie zum Fenster.
Plötzlich tauchte ein unheimlicher Schatten davor auf. Er hatte die Form eines riesigen Wolfes mit einem gigantischen Maul und einem langen buschigen Schwanz. Doch ging er wie ein Mensch auf zwei Beinen.
Der Schatten vor dem Fenster wurde immer kleiner und schärfer, woraus Mia schloss, dass das Wesen sich stetig näherte.
Mias Kehle wurde schlagartig trocken und sie war starr vor Schreck.
Als die unheimliche Kreatur scheinbar direkt vor dem Fenster stand, tauchte Tante Anna plötzlich ebenfalls in Mias Sichtfeld auf. Sie trat entschlossen einen Schritt auf die Scheibe zu, hob konzentriert die Hände und murmelte mit geschlossenen Augen eindringlich Wörter vor sich hin. Dabei traten ihr Schweißperlen auf die Stirn und ihre Hände begannen leicht zu zittern. Anscheinend kostete sie das, was sie tat, eine enorme Kraft.
Mia schaute angstvoll zu und hörte auch Sophie neben sich schnell und flach atmen.
Die Worte der Hexe wurden immer beschwörender und schließlich sah man deutlich, wie das blaue Flimmern vor dem Fenster dichter wurde und heller zu leuchten begann. Daraufhin drehte der Schattenwolf offensichtlich widerwillig ab und bewegte sich in eine andere Richtung davon.




