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Erleichtert atmeten Mia und Sophie auf.
Tante Anna ließ erschöpft ihre Hände sinken und hörte mit dem Gemurmel auf. „So schwer war es noch nie, die Schattenwölfe fern zu halten. Sie scheinen an Macht zu gewinnen“, stellte sie stirnrunzelnd fest. Im nächsten Moment lächelte sie die Mädchen entschlossen und beruhigend an und fügte hinzu: „Aber an mir kommen sie nicht vorbei! Dazu bedarf es einiges mehr! Kommt, schlaft weiter, ihr Süßen. Ihr seid hier in Sicherheit!“
Sie selbst trug nach wie vor ihre normale Kleidung, schien also bisher noch nicht ins Bett gegangen zu sein. So wie es aussah, hatte sie stattdessen die ganze Zeit lang über die beiden Mädchen gewacht.
Mia und Sophie legten sich wieder hin. Doch Mias Herz schlug noch immer heftig und sie fühlte sich furchtbar zittrig. Vorsichtig tastete sie nach der Hand ihrer Cousine und hielt sie anschließend fest umschlossen. Sophie erwiderte ihren Druck. Und obwohl ihre Hand dabei ebenfalls deutlich zitterte, beruhigte die Berührung Mia, und so fiel sie nach einer Weile in einen unruhigen Schlaf.
Sie träumte zwar schlecht, wachte aber erst wieder auf, als es im Zimmer hell wurde.
Ihre Tante saß immer noch vollständig angekleidet neben dem inzwischen erloschenen Kamin und sah recht müde, aber auch unverkennbar erleichtert aus.
„Die Nacht ist vorüber“, begrüßte sie ihre Nichte lächelnd.
Auch Mia war sehr erleichtert. Was sie in der Nacht erlebt hatte, war überaus unheimlich gewesen. Sie war heilfroh darüber, dass der nächste Vollmond noch eine ganze Weile auf sich warten lassen würde.
Sophie war scheinbar bereits vor Mia aufgewacht und schon im Badezimmer gewesen. Sie war fix und fertig angezogen und gerade dabei, den Frühstückstisch zu decken.
Nachdem sich auch Mia fertig gemacht hatte, aßen die drei gemeinsam ihre Morgenmahlzeit. Sie ließen die Wichtel musizieren und dieses Mal konnten sich wieder alle an der Musik erfreuen.
Als sie fast mit dem Essen fertig waren, kam Kosko, der Botenvogel, durch das offene Fenster hereingeflogen. Er setzte sich mitten auf den Tisch und machte sich über einige umherliegende Krümel her.
„Nun rede schon!“, forderte Tante Anna ihn ungeduldig auf.
Kosko betrachtete eingehend seine Krallen und sagte: „Diese Roggenbrötchen scheinen wirklich köstlich zu sein. Ich könnte es allerdings wesentlich besser beurteilen, wenn ich mehr als nur so ein paar armselige Krümelchen davon abbekäme!“
Tante Anna schlug aufgebracht mit der Faust auf den Tisch und fuhr den Vogel an: „Wenn du nicht sofort berichtest, was mit Oma Käthe ist, bekommst du nie mehr auch nur die kleinsten Krümel von mir!“
Mia blickte ihre Tante erstaunt an. So aufbrausend kannte sie sie gar nicht! Aber die Übermüdung und die offensichtliche Sorge um die Frau, die sie Oma Käthe nannte, machten sie anscheinend sehr reizbar.
Auch Kosko merkte wohl, dass Tante Anna heute in der Lage wäre, ihre Drohung wahr zu machen, und antwortete rasch: „Es geht ihr gut. Sie hat die Nacht unbeschadet überstanden und lässt grüßen. Sie sagte, sie freue sich schon auf den nächsten Besuch und lädt Sie, Ihre Tochter und Ihre Nichte für den kommenden Samstag zu sich nach Hause ein.“
„Gut“, erwiderte Tante Anna und entließ den Botenvogel mit einem knappen Nicken. Dieses Mal traute er sich nicht, mehr von dem Brötchen zu fordern, und flog mit pikierter Miene davon.
„Schön, dass es Oma Käthe gut geht“, atmete die Hexe auf. Dann gähnte sie herzhaft und sagte zu den beiden Mädchen: „Ich werde mich ein wenig schlafen legen. Die Nacht war sehr anstrengend für mich. Was möchtet ihr zwei denn unternehmen?“
Mia und Sophie schauten sich an und hatten sofort den gleichen Gedanken. „Wir werden zu Lindara gehen.“
Tante Anna nickte. „Tut das. Ich wünsche euch viel Spaß! Würdet ihr vorher bitte noch den Tisch abräumen?“
Mit diesen Worten stand sie auf, gähnte erneut und wankte schlaftrunken aus dem Zimmer.
Die Cousinen taten, um was sie gebeten worden waren, und machten sich anschließend unverzüglich auf den Weg zu der Elfe.
Eine geheimnisvolle Stimme
Mia und Sophie nahmen den üblichen Weg zum Haus ihrer Freundin. Alles um sie herum schien wieder ganz normal zu sein – die Vögel sangen, ab und zu grüßte ein Baum am Wegesrand, und im Unterholz hörte man so manches Tier rascheln. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel herab und verbreitete eine angenehme Wärme. Absolut nichts deutete auf die Schrecken der vergangenen Nacht hin.
Doch als die Mädchen an Lindaras Baumhaus geklingelt hatten und die Elfe ihnen öffnete, bemerkten sie, dass ihre Freundin nicht so fröhlich wie sonst wirkte. Ihr normalerweise so heiteres Gesicht hatte heute einen unübersehbar sorgenvollen Ausdruck. Als Lindara die beiden Kinder hereinbat, wirkte sie ungewohnt ernst und in sich gekehrt.
Mia und Sophie ließen sich von ihrer Freundin in die Laube führen und nahmen am Holztischchen Platz. Die Elfe holte drei Gläser und eine Karaffe, in der sich Quellwasser befand.
„Ich bin heute nicht in der Stimmung, mich an Köstlichkeiten zu laben“, erklärte sie den Kindern das schlichte Getränk.
Mia und Sophie warfen sich gegenseitig verwunderte Blicke zu. Die schreckliche Nacht war doch endlich vorüber! War das nicht eigentlich Anlass zur Freude?
Lindara, die den fragenden Ausdruck in den Gesichtern der Kinder bemerkte, vergrub ihr Gesicht in den zarten Händen und stöhnte: „Die Nacht war grauenvoll! Zwar haben die meisten von uns sie unbeschadet überstanden, aber leider nicht alle. Die Schattenwölfe waren machtvoller als in den vergangenen Nächten und nicht jeder Waldbewohner konnte seinen Schutzzauber aufrechterhalten. Ich weiß von einer Gruppe Zwerge und einer kompletten Feenfamilie, die von den schrecklichen Kreaturen verschleppt wurden. Und das sind bestimmt noch nicht alle.“
Bei den letzten Sätzen traten der Elfe Tränen in die Augen. „Feen sind doch so hilflose, liebreizende Geschöpfe, die niemandem jemals etwas zuleide tun würden! Und nun sind sie Sklaven im Reich der Unterirdischen! Mir krampft sich das Herz zusammen, wenn ich nur daran denke!“
Mia und Sophie schauten Lindara bestürzt an. Das hatten sie nicht gewusst! Auch sie fühlten sich augenblicklich, als hätte ihnen jemand die Kehle zugeschnürt. Der Gedanke daran, dass die Schattenwölfe Zwerge, Feen und wer weiß wen sonst noch verschleppt hatten, war einfach zu furchtbar.
Schweigend saßen die drei Freundinnen am Tisch. Keine von ihnen hatte Lust zum Reden, da jede ihren eigenen trüben Gedanken nachhing.
Nach einer ganzen Weile, als die Traurigkeit fast nicht mehr auszuhalten war, klingelten plötzlich die Glöckchen an Lindaras Haustür. Das fröhliche Geräusch riss die drei aus ihrem Trübsinn.
„Wer könnte das wohl sein?“, fragte die Elfe stirnrunzelnd und trat an das Geländer der Laube. Sie spähte hinunter und rief: „Wer ist da?“
Auch Mia und Sophie waren aufgestanden und hatten neben Lindara Stellung bezogen.
Ein brauner Haarschopf wurde sichtbar und ein Jungengesicht guckte nach oben. Es war Tristan, wie Mia erfreut erkannte. Er rief zu ihnen hoch: „Guten Morgen! Dachte ich’s mir doch, dass ihr alle hier seid! Habt ihr Lust, mit mir zu kommen? Ihr seht aus, als könntet ihr ein wenig Ablenkung vertragen!“
Die Elfe rief zurück: „Wir fühlen uns nicht danach, durch den Wald zu streifen. Die Nacht war einfach zu schrecklich! Und wohin willst du überhaupt gehen?“
Tristan antwortete: „Die Nacht war wirklich schlimm. Aber es ist doch niemandem geholfen, wenn ihr hier herumsitzt und gemeinsam Trübsal blast, oder? In der Nähe des Sukalberges wurde ein Einhorn gesehen. Ich werde auf jeden Fall hinlaufen und schauen, ob ich es finden kann. Kommt doch mit, damit ihr endlich auf andere Gedanken kommt!“
Die Freundinnen guckten sich gegenseitig an. Eigentlich hatte Tristan recht: Mit Trübsalblaserei konnten sie die Nacht auch nicht ungeschehen machen. Es würde ihnen guttun, ein wenig abgelenkt zu werden. Außerdem waren Einhörner sehr seltene Geschöpfe, die man nur mit äußerst viel Glück zu Gesicht bekam, wie Sophie Mia rasch erklärte. Daher entschieden die Mädchen und die Elfe, sich dem Jungen tatsächlich anzuschließen.
Hurtig liefen sie die schmale Wendeltreppe nach unten und öffneten die Tür.
„Na also!“, sagte Tristan lächelnd. „Kommt, wir müssen uns beeilen, sonst ist das Einhorn längst über alle Berge, bis wir angekommen sind!“
Er drehte sich um und ging schnellen Schrittes einen der schmalen Pfade entlang, die von Lindaras Haus abgingen. Die drei Freundinnen folgten ihm aufgeregt.
In Windeseile legten die vier eine weite Strecke zurück. Es ging mal über breitere, mal über sehr schmale Waldwege. Manche von ihnen wurden sehr selten benutzt und waren daher extrem verwildert. Die kleine Gruppe musste nicht selten über umgestürzte Bäume steigen und durch dichte Hecken kriechen.
Während des beschwerlichen Weges dachte Mia darüber nach, dass also auch Einhörner wirklich existierten. Woher die Autoren von den Geschichten, in denen Zwerge, Feen, Einhörner und dergleichen vorkamen, wohl gewusst hatten, wie diese Wesen aussahen? Ob sie den Magischen Wald auch einmal besucht hatten?
Jäh wurde Mia aus ihren Gedanken gerissen, als Tristan plötzlich seine Schritte verlangsamte. Sie waren an einer großen Lichtung angekommen, in deren Hintergrund ein felsiger Berg in die Luft ragte.
„Der Sukalberg!“, sagte Tristan. „Hier irgendwo in der Nähe ist das Einhorn gesichtet worden! Lasst uns über die Lichtung gehen und am Berg danach Ausschau halten!“
Gesagt, getan. Während ihres Marsches über die Wiese stöberte die Gruppe allerlei Tiere wie Rehe, Füchse, Hasen und sogar Wildschweine auf. Ein Einhorn war aber nicht darunter.
Allerdings hatten die Kinder und die Elfe sich auch wenig Hoffnung gemacht, das seltene Wesen mitten auf einer Lichtung zu sehen. Sie vermuteten es eher im Schutz der Bäume oder Büsche am Fuß des Berges.
Hinter der großen Wiese gelangte die kleine Gruppe in eine schmale Schlucht. Rechts und links ragten hohe Felsen empor. Diese waren von unzähligen Kletterpflanzen überwuchert. Vielleicht würden sie das Einhorn hier entdecken?
So lautlos wie möglich schlichen sie die Schlucht entlang. Bevor sie abbogen, spähten sie zuvor jedes Mal vorsichtig um die Ecken. Außerdem unterhielten sie sich höchstens leise flüsternd.
Doch es verstrich eine längere Zeit, ohne dass auch nur die geringste Spur eines Einhorns zu sehen war.
„Sollen wir weitersuchen oder aufgeben?“, fragte Sophie schließlich, nachdem sie erfolglos fast den ganzen Berg umrundet hatten.
„Psst!“, machte Mia. Gerade hatte sie eine fremde Stimme vernommen. Sie war tief und klang gutmütig, aber auch wie aus weiter Ferne. Mia meinte die Worte „Kommt! Kommt her zu mir!“, verstanden zu haben.
Sie fragte die anderen: „Wer war das?“
Sophie, Lindara und Tristan schauten sie verständnislos an.
„Was meinst du?“, fragte die Elfe.
Verwirrt antwortete Mia: „Na, die Stimme, die nach uns ruft! Sie war recht leise, vielleicht konntet ihr sie deshalb nicht hören!“
Kaum hatte sie den Satz beendet, vernahm sie den Ruf erneut. „Kommt! Kommt her zu mir!“
Sie schaute ihre Freunde an, sah aber an deren Gesichtern, dass sie immer noch nichts bemerkt hatten.
Mia war zwar verwundert darüber, die Einzige zu sein, die die Stimme hörte, konnte aber nicht anders, als ihr zu gehorchen. Ihre Füße liefen fast ohne ihr Zutun in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war.
Tristan versuchte, sie am Arm festzuhalten. „Bleib besser hier!“, sagte er. „Wer weiß, wen oder was du da gehört hast!“
Auch Sophie und Lindara schauten beunruhigt drein.
Aber Mia war sich in ihrem Inneren sicher, dass von dem Besitzer dieser Stimme keine Gefahr ausging. Und genau das teilte sie auch ihren Freunden mit.
Diese waren zwar nicht wirklich überzeugt, aber weil Mia sich nicht davon abbringen ließ, dem Ruf zu folgen, sahen sie sich trotzdem gezwungen mitzukommen. Schließlich konnten sie Mia nicht alleine gehen lassen!
Mia lief am Fuß des Sukalberges entlang, bis ein kleiner, unscheinbarer Pfad nach links abzweigte. Die Stimme, die immer eindringlicher und lauter wurde, schien vom Ende dieses kleinen Weges zu kommen.
Die Kinder und die Elfe folgten dem Pfad, bis sie auf eine hohe Felswand stießen. Hier ging es nicht mehr weiter.
Mia dachte schon, sie sei an der falschen Stelle abgebogen, und wollte bereits umkehren, als sie plötzlich sah, wie sich aus der Felswand auf wundersame Weise ein riesiges Gesicht zu formen begann. In diesem Moment war sie sich sicher, den Besitzer der geheimnisvollen Stimme gefunden zu haben.
Der Weise Fels
Das Gesicht in der Felswand begann zu sprechen und nun endlich konnten auch Sophie, Lindara und Tristan die tiefe, sonore Stimme hören.
„Seid gegrüßt, ihr Menschenkinder, und du, Tochter des Elfenvolkes! Ich bin froh, dass ihr meinem Ruf gefolgt seid!“
Als das Felsgesicht eine kurze Pause machte, wisperte Sophie ehrfürchtig: „Das muss der Weise Fels sein, der den Magischen Rat immer unterstützt hat!“
Das Gesicht aus Stein, das Sophies Bemerkung gehört hatte, nickte bestätigend. „So nennt man mich wohl, ja. Und ich habe euch etwas zu sagen.“
Die Kinder und die Elfe konnten kaum glauben, dass der Weise Fels tatsächlich sein Wort an sie richtete, und lauschten gespannt auf das, was nun kommen würde.
Mit seiner tiefen Stimme verkündete das Gesicht: „Unheil hängt über dem Magischen Wald! Der dunkle Meister Taragonn und seine Schattenwölfe haben an Macht gewonnen. Seit einigen Wochen bedrohen sie die arglosen Waldbewohner und versetzen sie in Angst und Schrecken. Es gibt einen Weg, diese Bedrohung zu bannen, doch er ist äußerst schwierig und gefahrvoll, vor allem für so junge Geschöpfe, wie ihr es seid!
Gerne würde ich den Magischen Rat mit jener Aufgabe betrauen, aber das ist in diesem Fall nicht möglich. Taragonn hat eine Methode gefunden, die Gedanken der Mitglieder des Magischen Rates zu lesen. Würde ich ihnen also sagen, wie das Loch in dem Tor zwischen den Ebenen zu verschließen ist, würde Taragonn ebenfalls Kenntnis davon erlangen. Und natürlich würde er alles dafür tun, den Magischen Rat aufzuhalten. Darum habe ich geschwiegen, als die Zauberer und Hexen mich befragten. So denken sie und dadurch auch Taragonn, ich sei verstummt oder wüsste in diesem Fall keinen Rat.
Aber auf die Idee, eure Gedanken zu lesen, kommt der dunkle Meister erst gar nicht. Ihr erscheint ihm zu unbedeutend, um seine Pläne zu durchkreuzen.
Ich dagegen setze große Hoffnung in euch. Ihr seid eine Gruppe mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten. Vielleicht könnt ihr es gemeinsam schaffen, das Loch im Tor zwischen den Ebenen zu verschließen.“
Sophie, Mia, Lindara und Tristan hielten den Atem an. Meinte der Weise Fels das wirklich ernst? Sie – drei Kinder und eine junge Elfe – sollten den Magischen Wald vor dem mächtigen Taragonn und seinen Schattenwölfen retten?
Lindara fasste sich als Erste und fragte: „Wie soll das möglich sein? Was müssen wir tun?“
Der Weise Fels nickte zufrieden. „Also seid ihr gewillt, das Wagnis einzugehen?“
Nacheinander bejahten die vier seine Frage.
Daraufhin fuhr das Gesicht fort: „Nun denn. Wie ich bereits sagte, wird es äußerst schwierig werden. Wir müssen einen ganz besonderen Zaubertrank brauen. Dazu werde ich euch jetzt die nötigen Zutaten nennen.“
Tristan hatte stets eine Gürteltasche um die Hüften gebunden und kramte nun schnell einen Zettel daraus hervor. Sophie, die seit dem Marktbesuch den selbst schreibenden Stift immer bei sich trug, zog ihn schnell aus der Hosentasche. Die beiden Kinder legten die Gegenstände zusammen auf den Boden, damit der Stift die Zutaten für den Zaubertrank notieren konnte.
Als alles bereitlag, begann der Weise Fels zu diktieren:
„Wir brauchen:
100 ml Wolkenwasser,
die Schuppe eines Chindregons,
die Träne eines Einhorns
und
das Blatt einer Zitteralge.
Kommt wieder zu mir, sobald ihr diese Zutaten beschafft habt. Gemeinsam werden wir dann einen Zaubertrank daraus brauen und die Gefahr bannen.“
Alle außer Mia, der die meisten der genannten Dinge nichts sagten, stöhnten fassungslos auf.
„Das ist schier unmöglich!“, ächzte Lindara.
Das Felsgesicht antwortete milde: „Ich sagte ja bereits, dass es schwierig werden wird. Leider gibt es keine andere Möglichkeit. Ihr müsst euer Bestes geben, um die Bewohner des Magischen Waldes zu retten! Ich glaube fest an euch!“
Nach einer kurzen Pause erkundigte es sich: „Habt ihr noch Fragen?“
Alle schüttelten die Köpfe.
Daraufhin sagte der Weise Fels sehr eindringlich: „Gut, dann denkt unbedingt daran, niemandem von unserem Gespräch und dem Zaubertrank zu erzählen. Wenn ein Mitglied des Magischen Rates von dem Vorhaben erfährt, wird Taragonn seine Gedanken lesen und dann ist alle Hoffnung auf das Gelingen des Plans zunichtegemacht. Bewahrt also unter allen Bedingungen Stillschweigen! Und versucht, die Zutaten noch vor dem nächsten Vollmond zu besorgen. Dann ist es uns vielleicht möglich, das Loch im Tor rechtzeitig zu verschließen und den Schattenwölfen schon beim nächsten Mal den Zugang zu versperren, bevor sie noch mehr Bewohner des Magischen Waldes entführen.“
Während der letzten Worte begann der Fels, sich langsam zu verformen, sodass das Gesicht verschwand und die kleine Gruppe schließlich wieder auf eine ganz normale Felswand starrte.
„Boah!“, entfuhr es Tristan. „Das ist einfach nur krass!“
Die anderen waren genauso perplex. Keiner von ihnen konnte glauben, was gerade passiert war. Hatte der Weise Fels tatsächlich gerade eben ihnen eine so verantwortungsvolle Aufgabe übertragen?
Die Möglichkeit, das Loch im Tor zwischen den Ebenen verschließen zu können, war sehr verheißungsvoll. Aber alle außer Mia wussten, wie schwer die Zutaten für den dafür nötigen Zaubertrank zu beschaffen waren. Daher waren sie sich nicht sicher, ob sie das jemals schaffen würden. Sie waren hin und her gerissen zwischen der Freude über die Aussicht, etwas gegen die Schattenwölfe unternehmen zu können, und der Angst vor dem, was bei der Beschaffung der Zutaten passieren könnte. Vor allem die große Verantwortung, die ihnen auferlegt worden war, lastete schwer auf ihnen.
Schließlich siegte die Hoffnung, den Bewohnern des Magischen Waldes helfen zu können. Außerdem konnte sich keiner der vier dagegen wehren, bei dem Gedanken an die kommenden Abenteuer allmählich auch von einer freudigen Erregung erfasst zu werden. Alle waren sich einig, dass es definitiv besser wäre, sich in eine Aufgabe zu stürzen – so schwierig sie auch sein mochte – als untätig auf die nächste Vollmondnacht und die damit verbundenen Schrecken zu warten.
Die vier Freunde schauten sich gegenseitig an und allen war dabei die Aufregung ins Gesicht geschrieben. Am liebsten hätten sie sofort angefangen, Pläne zu schmieden, wie sie ihr Vorhaben angehen wollten. Aber der Tag neigte sich inzwischen schon langsam seinem Ende zu und sowohl Mia und Sophie als auch Tristan wurden zu Hause erwartet.
Daher machte die kleine Gruppe sich auf den Heimweg.
Während sie die gleiche Strecke zurückliefen, die sie gekommen waren, redeten sie aufgeregt durcheinander.
Sophie wollte gerade anfangen, ihrer Cousine zu erklären, um was genau es sich bei den einzelnen Zutaten für den Zaubertrank handelte, als sie plötzlich erschrocken innehielt. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und hauchte: „Oh nein! Wir müssen aufpassen! Der Weise Fels hat doch gesagt, niemand dürfe von dem Vorhaben erfahren! Wenn wir weiter so laut reden, bekommt es noch der halbe Wald mit!“
Die anderen nickten zustimmend. Sophie hatte recht – sie mussten in Zukunft besser aufpassen, wo sie über ihr Geheimnis sprachen. Schließlich war es extrem wichtig, dass es gewahrt blieb.
Also einigten sie sich darauf, sich am nächsten Tag in Lindaras Baumhaus zu treffen. Dort würden sie Mia alles Nötige erklären und darüber nachdenken, wie sie an die Zutaten kommen könnten.
Mit dieser Abmachung trennten sie sich an einer Weggabelung, an der Tristan und Lindara eine andere Richtung einschlagen mussten als Mia und Sophie.
Die Mädchen legten den Rest des Weges schweigend zurück, weil im Moment keine von ihnen über etwas anderes als über ihre bevorstehenden Abenteuer reden wollte.
Die Haustür beschnüffelte die beiden bei ihrer Ankunft und ließ sie mit einer freundlichen Begrüßung ein.
Tante Anna, die während der Abwesenheit der Kinder noch etwas geschlafen hatte, wirkte erholt und wesentlich besser gelaunt als noch am Morgen. Zwar sah man ihr bei genauerer Betrachtung an, dass auch sie von den verschleppten Bewohnern gehört hatte, aber sie mied das Thema und bemühte sich, Mia und Sophie nicht weiter zu ängstigen. Sie konnte ja schließlich nicht ahnen, dass die Mädchen wesentlich mehr wussten als sie selbst!
Als Tante Anna die Kinder kurze Zeit später aufforderte, zum Abendessen zu kommen, war Mia in Gedanken immer noch beim Weisen Fels und dem, was er ihnen anvertraut hatte. So passierte ihr etwas, das seit ihrer Ankunft im Magischen Wald nicht mehr vorgekommen war: Sie achtete nicht genau darauf, auf welchen Stuhl sie sich setzte, sondern zog einfach gedankenverloren einen beliebigen von ihnen zu sich heran. Schon im nächsten Moment bekam sie jäh die Quittung für ihre Unachtsamkeit. Ihre Kniekehlen fanden zwar den gewohnten Halt auf der Sitzfläche, ihr Po dagegen nicht. Er sackte einfach nach unten, bis er fast den Fußboden berührte und Mias Oberarme gegen die seitliche Sitzumrandung stießen. Verblüfft und hilflos zappelte sie nun mit den Beinen in der Luft und versuchte, sich irgendwie aus der Stuhlöffnung herauszuziehen. Doch leider steckte sie so fest, dass ihr das trotz aller Mühe nicht gelingen wollte. Glücklicherweise war Tante Anna sofort zur Stelle und eilte ihrer Nichte zu Hilfe. Energisch packte sie sie an den Armen, zog sie nach oben und befreite sie auf diese Weise aus ihrer misslichen Lage.
Als Mia wieder sicher auf zwei Beinen stand und sich noch ganz perplex zu dem Stuhl umdrehte, wurde ihr schlagartig klar, was genau passiert war: Der Stuhl, auf den sie sich hatte setzen wollen, war ausgerechnet Charlie gewesen. Ungezogen, wie er war, hatte er Mias Unaufmerksamkeit ausgenutzt und seine Sitzfläche einfach nach unten weggeklappt.
Während Mia sich noch über ihre eigene Gedankenlosigkeit ärgerte, wandte Tante Anna sich Charlie zu. Streng tadelte sie ihn: „Wie kannst du nur!? Hast du deine Lektion immer noch nicht gelernt? Offensichtlich brauchst du eine andere Strafe als nur eine Nacht auf dem Dachboden! Dieses Mal bleibst du eine halbe Woche dort oben! Und jetzt will ich dich hier nicht mehr sehen – verschwinde und komm erst in dreieinhalb Tagen wieder runter!“
Charlie setzte sich in Bewegung und trippelte durch die Tür. Anschließend hörte Mia, wie er die knarrende Treppe hinaufstakste.
Tante Anna streichelte ihrer Nichte über den Kopf und sagte: „Es tut mir so leid, mein Schätzchen, dass es immer wieder dich trifft! Hast du dir wehgetan?“
Mia versicherte, dass mit ihr alles in Ordnung sei, und ließ sich, immer noch ein wenig zittrig, auf einem der anderen Stühle nieder.
Während des Essens bemühten die beiden Cousinen sich angestrengt, möglichst unauffällig zu wirken. Es war enorm schwierig, Tante Anna gegenüber nichts von ihrem Geheimnis zu erwähnen. Mia und Sophie berichteten zwar, wie sie heute nach dem Einhorn gesucht hatten und dass ihre Suche leider erfolglos geblieben war. Was sie allerdings darüber hinaus erlebt hatten, verschwiegen sie wohlweislich.
Mia hatte ständig Angst, sich zu verplappern und aus Versehen doch etwas von dem Gespräch mit dem Weisen Fels auszuplaudern. Daher war sie froh, als Tante Anna sie und Sophie schließlich mit einem Gute-Nacht-Kuss ins Bett schickte. Ihrer Cousine schien es ähnlich zu gehen.
Die Mädchen huschten erleichtert nach oben, machten sich schnell im Bad fertig und schlüpften anschließend in ihr gemeinsames Bett. Dann endlich konnten sie sich wieder über das Thema unterhalten, das ihnen beiden auf der Seele brannte.




