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Doch fragt sich, ob dieser dann eher als eine verfremdete Version von Kunst am Bau begriffen würde, respektvoll bestaunt statt abserviert.
Die Nationalrätin der Grünen sieht sich um: Wo der Bau fehlt, einfach Kunst, nichts als Kunst? Sie lacht sich ins Fäustchen, diese Helen, bevor sie auch diese Idee verwirft. Und mit zwei ledernen Ungetümen in der Hand zur nächsten Tramstation trottet.
Um sie anderntags beim Brunnen vor dem von Kastanien gesäumten Park ihres Wohnviertels zu postieren. Hier könnten sie einen Abnehmer finden. Aber nein, am nächsten Tag steht das Paar noch immer beim Brünnlein, das sorglos drauflos plätschert, als wüsste es nichts von der Not, Militärschuhe loszuwerden, und diese Not wird zur Plage, die Schuhe wiegen schwer und schwerer, sie sind ein moralisches Schwergewicht geworden.
Helen kramt wieder in den Fotoalben, da liegt alles kunterbunt in einem Karton, was hätte geordnet und eingeklebt werden sollen. Die Sicht auf die rege politische Vergangenheit hat ihre Vaterstadt dann bald verklärt und an Tischrunden popularisiert. Schliesslich verteidigte der Pater familias in den verabscheuten Schuhen das Vaterland. Ihr eigener war am Gegenufer des Rheins, im Hügelzug des Kohlfirst als Soldat der Fliegerabwehr postiert worden, wo er auch Pläne von der Abwehrstellung gegen die feindliche Luftflotte anzufertigen hatte. Militärschuhe dienten also grundsätzlich und ganz persönlich einem edlen Zweck, wenn man darin gegen die Hitlerbarbarei aufstand, in diesem Sinne lautete die Erzählung, wenn je die Rede darauf kam, freilich wurde sie niemals ausgedeutscht, während an den eidgenössischen Stammtischrunden die Saga vom Heldentum des tapferen Eidgenossen schon fast bilderbuchmässig kolportiert wurde, heruntergebetet. Nie bestätigt, nur gemunkelt wurde ferner über ein tragisches Ereignis, das dem Vater im Aktivdienst widerfahren sei. Dass er einen Flüchtling, der bei Diessenhofen über den Rhein geschwommen war, hatte an Land ziehen wollen, und dem schon fast Ertrinkenden, nach Atem Ringenden am Ufer seinen Karabiner als Rettungsstange hinhielt, doch der junge Mann sei vor seinen Augen erschossen worden. Legenden, Geschichten, Vermutungen, sie waren das Erinnerungsfutter der Nachgeborenen, die im nur langsam ausgeatmeten, stetig glimmenden Deutschenhass aufwuchsen. Denn eines war klar und konnte an den Stammtischen nicht genug betont werden: D’Schwobe: Die gesamtdeutschen Sauschwaben hatten diesen schrecklichen Krieg verschuldet, aus welchem das Tagebuch der Anne Frank als ein sprechendes Dokument aufgetaucht und in der Schule weitergereicht worden war, unter der Bank, denn man wusste, dass kein Lehrer darauf eingehen würde und die Antwort ein verschwommenes Das-versteht-ihr-noch-nicht sein würde, sollte jemand den Finger aufstrecken.
Für Anne hatte Helen beinahe schwesterliche Gefühle empfunden, und sie machte sich Gedanken darüber, was denn dieses Bergen-Belsen bedeutete, ein Ortsname, der ihrer wiederholten Lektüre des Tagebuchs ein abruptes Ende setzte. Das Fotoalbum mit dem Trümmerhaufen und den Häftlingen, die Kohle schaufelten, war wohl etwas ganz anderes, das nichts zu schaffen hatte mit dem lebendigen Alltag der Familie Frank im Versteck des holländischen Hinterhauses.
Oder doch? Die Mutter hätte sie gewiss fragen können, doch seltsamerweise hatte sich Helens Unerschrockenheit inzwischen aus dem Staub gemacht. Verzogen, verabschiedet, auf einmal war es peinlich, eine Sache anzugehen, von der man Ungeheures witterte. Sie war inzwischen zwölf geworden und genierte sich für die Damenbinden, die sie auf Geheiss der Mutter tragen sollte, weil das Blut den Oberschenkeln entlang rann, anlässlich der ersten Mens. Gleichzeitig fühlte sie etwas wie Stolz, dass sie nun eine Frau war, das hatte Mutter jedenfalls beteuert. Mit der Pubertät war die Scham eingekehrt, und wie man weiss, Scham macht verschwiegen. Vielleicht auch duckmäuserisch oder gar verlogen. Dachte sie jetzt.
Das Brockenhaus nahm die Schuhe nicht. Damit könnten wir Säle füllen, wissen Sie. Also wieder eingepackt, ins Velokörbchen und erneut ins Schuhgestell. Sie hatte Uwe nicht nach der Herkunft gefragt. Sie scheute eine Auseinandersetzung über die Verantwortung deutscher Nachgeborener. Sie war nicht befugt, über ein Thema zu reden, gar zu urteilen, das in keinster Weise auf dem Stück Folklore beruhte, die der Aktivdienst für helvetische Kriegskinder gewesen war. Schweizer Militärschuhe stammten aus einer Vergangenheit, die sich nur schleppend daran machte, in Geschichtsschreibung umgewandelt zu werden. Eine heftige Aufgabe, die Rolle dieser fragwürdigen Friedensinsel im Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten! Die mutigen unter den Journalisten und Historikern wurden mundtot gemacht, man verweigerte ihnen den Zugang zu den Dokumenten im Bundesarchiv, sie wurden der Kollaboration mit dem Bolschewismus verdächtigt, als Stalinisten verschrien, das war zur Zeit des Kalten Kriegs das übelste Vorurteil, das einer engagierten Nachwelt, die es genauer wissen wollte, entgegengebracht wurde. Der Bergier-Bericht, von der Linken und der Gewerkschaftsbewegung begrüsst, bald an höherer Warte schubladisiert, das heisst kaltgestellt. Die Analyse und Beurteilung der Verantwortung der Schweizer Behörden, die sich der Judenvernichtung mitschuldig gemacht hatten, wurde auf die lange Bank geschoben, Experten, die das Thema unverblümt anpackten, als Nestbeschmutzer denunziert. Jean-François Bergier, Zeithistoriker von Rang, Professor mit ausserordentlichen Meriten, der zum Leiter des Forschungsteams berufen worden war, starb wenige Jahre nach der Veröffentlichung des umfassenden und infolgedessen wenig schmeichelhaften Befundes, wohl auch aus Gram, dass die immense Arbeit ohne jede politische Konsequenz bleiben würde.
Es war am ersten schönen Frühlingstag acht Uhr morgens, Uwe hatte es eilig, Helen hatte frei.
Uwe, heute Abend gibt’s Kino, als Pflichtstoff, du als Filmlover musst dabei sein.
Was wird denn gegeben?
Die «Shoa» von Lanzmann, du weisst, der jüdische Franzose.
Uwe hielt ein, dann blähten sich seine Nüstern.
Sie wusste, was das hiess.
Das kannst du nicht im Ernst von mir verlangen.
Warum nicht?
Weil ich es satthabe, den Musterknaben der deutschen Vergangenheitsbewältigung zu spielen. Die Schweizer scheinen scharf auf so einen zu sein.
Hast du den Film denn gesehen?
Ist das ein Verhör? Ich wiederhole, ohne mich. Ich muss jetzt gehen.
Sie klingt flehend, was ihn noch madiger macht.
Uwe, es ist wichtig, wichtig für uns beide. Für unsere Beziehung.
Ach du liebe Unschuld, kleine behütete Schweizerinnen haben keine Ahnung.
Und er nahm Mantel und Mappe und verliess wortlos die Wohnung.
Der Gefährte kam nicht nach Hause. Er rief auch nicht an. An diesem Abend trank sie eine halbe Flasche Bordeaux und lallte, als ein fremder Mann namens Uwe um zwei Uhr nachts zu ihr in die Federn stieg.
Der Film war schwere Kost. Es stellte sich heraus: Sie war genau das, was Uwe ihr vorwarf, eine brave ahnungslose Schweizerin.
Lanzmann, der Autor, war der Mann, der Simone de Beauvoir verehrt, ja geliebt hatte, er begab sich auf fremdes Terrain, nach Ostdeutschland, nach Polen, nach Tschechien, ja, er schaffte es sogar, einen lange gesuchten ehemaligen Zeugen in den USA ausfindig zu machen. Es war ihm keine Reise zu mühselig, kein Gang zu unbequem, um den Ablauf der Vernichtungsmaschinerie in allen Details zu erforschen, die offenbar international ihre Schaltstellen hatte. Zu einer Zeit, als die Bundesrepublik sich kaum an das heranwagte, was diffus die deutsche Schuld hiess.
Sie hört Uwe fragen, sie führt einen stummen Dialog mit ihm.
Was gibt’s denn da zu sehen, Jahrzehnte danach?
Wär man neunmalgescheit, würde man es Ecce homo nennen. Folgendes, Uwe: Ein rundlicher unauffälliger Zeitgenosse unbestimmten Alters steht da auf den Leerflächen der Geschichte, auf den Stumpengeleisen der Abtransporte, an den Schaltstellen der Tilgung, auf denen kein Gras wachsen wollte, keins gewachsen war: Es sah nur so aus. Er steht da auf den Spuren des Namenlosen und sucht das Gespräch mit allen, die sich ihm stellen, den Ehemaligen, jetzt geduckte und gezeichnete Schergen, Kommandanten, Verräter, Mitwisser, lauter sogenannte kleine Leute, die die Befehle von oben ausführten, und im Hintergrund schliessen die Dörfler die Fenster, wenn wieder so ein rätselhafter Lastwagen, der von Uniformierten auf dem Dorfplatz deponiert worden ist, nach Sonnenuntergang ins Rütteln und Schütteln kommt. Wenn die Uniformierten dann eine Beige von vergasten Juden aus dem Laster karren, um sie an einem Abhang neben der Müllhalde zu verscharren, treten die Zaungäste, polnische Bauern, aus den Häusern, um das Spektakel mit dumpfer, ja stoischer Miene zu betrachten. Das ist das Schlimmste, dieses Glotzen aus dem Hintergrund, da kommen Helen die Tränen, und das Warum ist wieder da.
Der Bau der geplanten Konzentrationslager hatte sich offenbar verzögert, und so erhielt Helen auf unerbittliche Weise Anschauungsunterricht über jene verschwiegenen, unter den Tisch gekehrten Vorgänge hinter dem Horizont der deutschen Trümmerfelder: Sie fand keinen Schlaf nach der Visionierung von Lanzmanns «Shoa» und erkannte darin die hohe Wirksamkeit seiner Leistung.
Die Schuhe, das Anathema. Wohin damit? Vielleicht lassen sie sich auf dem Mäuerchen der gut frequentierten Kneipe bei der Bushaltestelle postieren? Asylbewerber und Sans Papiers tauchen neuerdings in der Gegend auf. Vor allem sind es buntbetuchte Eritreerinnen, die in Gruppen erscheinen und sich mit lautem Geplauder an der Strassenkreuzung einfinden. Am Samstag strömen bäuerliche Marktfahrer herbei, sodass sich das vom Quartierverein zaghaft verschönerte Zentrum mit Kundschaft füllt. Immerhin beschicken dann Gemüse- und Obstauslagen eine schräg abfallende städtebauliche Nullstelle, die einst voll guten Willens zum Platz erklärt worden ist.
Gelegentlich hält man auch hier so etwas wie einen Flohmarkt ab, die nächste Gelegenheit, die Helen abwartet. An diesem Samstag geht sie stracks zum ersten Stand, in jeder Hand einen Militärschuh. Die Eritreerinnen haben sich bereits eingefunden, die farbenprächtige Schar macht sich ans Prüfen der handfesten Artikel: solide Topflappen, gleissende Toaster, polierte Stabmixer und Ständerlampen aus den Fünfzigerjahren. Und siehe da, sogar ein intakter Felltornister hängt an einem Garderobenständer. Das passende Umfeld für Armeetaugliches, also stellt sie ihre Last zu Füssen des Hausrats, steckt einen Zettel mit der Aufforderung «Zum Mitnehmen» hinein. Dann macht sie sich dünn, denn sie fürchtet, eine Bekannte zu treffen, die zu laut «Hello, long not seen» rufen könnte, und sie wäre ertappt, beim illegalen Deponieren, das kann sie sich nicht leisten als Abgeordnete der Grünen. Also nichts wie weg.
Dann fällt ihr Blick auf den dunkelhäutigen Jungen, der dicht bei den Eritreerinnen steht und sich hinter der Grossgewachsenen unter ihnen duckt. Helen bleibt stehen und betrachtet ihn aus Distanz von der Weinlaube des nahen Restaurants. Ein Mischling, oje, verpöntes Wort, doch ihn ein afrikanisches Halbblut zu nennen, geht noch weniger. Seine Züge sind edel wie jene der Niloten, der Nilquellenanwohner, und sein sinnlicher Mund schürzt sich, als wolle er die versammelten Habseligkeiten küssen, die vor ihm ausgebreitet sind. Ein Junge im vorgerückten Schulalter, er dürfte elf oder zwölf Jahre alt sein, schwer zu schätzen bei einem Afrikanerkind, das in der Linie der Königin von Saba erschaffen scheint, sodass man ihn gern und gut zum Coverboy für Sammelaktionen küren könnte. Er ist heller als die anwesenden Eritreerinnen, hat aber pechschwarzes Haar. Schön wie der Morgentau ist der junge Fant, dessen mutmasslich weisser Vater sich wahrscheinlich aus dem Staub gemacht hat. Ach was, Helen, hör auf zu spintisieren. Sieh zu, dass der Pinkel deine Schuhe nimmt. Jetzt taucht er aus dem Schatten der Mutter, dieser hochgewachsenen Frau, einer Herrin ähnlich. Er steckt in einer modisch sportlichen Aufmachung, ein atmungsaktiver grellfarbiger Trainer schlottert um seinen schmalen Körper, wahrscheinlich eine mildtätige Spende der Caritas. Nun entdeckt er die Militärschuhe, kratzt sich den runden Schädel unterm Kraushaar, nimmt das linke Exemplar in die Hand, begutachtet es intensiv, während er den Zettel in die Tasche seines Trainers steckt.
Helen, in Deckung, applaudiert im Stillen und begibt sich auf den Heimweg. Als sie erneut nach dem Jungen späht, ist er nicht mehr in Sicht, während zwei der Eritreerinnen sich fröhlich schnatternd nach Hause aufgemacht haben, in ihrer Richtung. Die souveräne Hünin, die aus der Gruppe herausstach, schleppt die Ständerlampe mit sich.
Sie schlurfen, die meisten Migrantinnen schlurfen, sie tappen schwerfällig in ihren glitzernden Slippers einher, doch wirken sie unabhängiger als ihre Leidensgenossinnen. Vielleicht leiden sie gar nicht? Helen auf der anderen Strassenseite drosselt das Schritttempo. Denn die beiden gewandeten Frauen bleiben ständig stehen, um das erworbene Gut zu examinieren. Dabei müssten sie das Schlurfen, diese Gangart der Frustration, welche die Demut, ja, Unterordnung innerhalb des kategorischen Patriarchats ausdrückt, doch hinter sich gelassen haben. Manche Eritreerinnen sind emanzipiert, haben sich selbständig gemacht, vermutet Helen, und beschliesst, diese beiden näher kennenzulernen.
So, das wäre erledigt, sagt sie fast triumphierend zu Uwe, der sich in der Küche zu schaffen macht. Was denn?, fragt er arglos und streckt eine halb geschälte Karotte in die Luft. Helen fällt ihm um den Hals, wobei die Karotte auf den Boden rollt. Ich mag deine Zerstreutheit, sie hat uns schon oft gerettet. Sein Blick ist belustigt, als er sie sanft von sich streift, um sich zu bücken. Auf dem Herd brodelt Tomatensauce. Und ich mag deine Kapriolen, die uns die Langeweile vom Leibe halten.
Kapriolen? Ach wo, ich bin lediglich pragmatisch und setze meine Worte in die Tat um.
Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, ich weiss bloss, dass es um halb acht zu essen gibt, die liebe alte Leier aus meinem Ein-Menü-Repertoire.
Der Horizont hat sich gelichtet. Helen geht ihrer Wege, froh, ein Stück des fatalen zwanzigsten Jahrhunderts losgeworden zu sein. Uwe ist zwar nicht begeistert von seinen neuen Waldläufern, zu smart für ihn, nichts für robuste Unternehmungen, wendet er ein, doch hat er sich gefügt in die schäumende Aktivität seiner Frau, die jene Entscheide trifft, die ihm nicht wirklich wichtig sind. Er hütet sich, das auszusprechen, dankt ihr mit einem freundschaftlichen Tätscheln, das sie leicht irritiert abschüttelt, worauf das Tagwerk eines berufstätigen Paars ohne Kinder den gewohnten Fortgang nimmt. Morgenkuss, hastiges Frühstück, Abendkuss, ausgedehntes Nachtmahl mit folgendem Küchen-Cleaning, das sich in der neuen Küche sozusagen von selber erledigt, obschon der Mann sich sogar schwertut, einen Geschirrspüler zu füllen, was die Frau zu einem stoischen Seufzer verleitet. Sie dreht sich im Hamsterrad der Resignation, was das häusliche Job-sharing angeht. Zu viel Energie verpufft in diesem ewigen Abnützungskampf, den ihre Generation nicht lösen konnte.
Die Frau kocht meistens, nicht weil sie besonders gerne kocht, sondern weil sie früher zu Hause ist. Dann folgt die «Tagesschau», dann Lektüre, während Helen irgendwas zu erledigen hat, oft korrigiert sie noch Schulhefte, sie unterrichtet an zweieinhalb Tagen Französisch an einem Gymnasium. Er kann kein Französisch, und eigentlich interessiert ihn französische Politik kaum, was Helen immer wieder von neuem anmahnt, wir sind doch Europäer, Uwe. Aber Uwe hat keine Ohren für das Französische, diese Sprache liege ihm nicht. Ausserdem habe er keine Zeit für etwas anderes, jetzt, da sein Projekt endlich ankomme und gut aufgestellt sei. Uwe ist Biochemiker und entwickelt eine Getreidesorte für aride Zonen, sie soll sogar im Sahel spriessen, da der Wasserhaushalt sich selbst reguliere, sagt er, durch eine Kombination stabiler Aminosäuren, deren Zellstruktur innerosmotisch wirke.
Aha, innerosmotisch, meinte Helen letzthin, etwas mehr Innerosmose könnten wir zu Hause auch brauchen, sie erwartet, dass er über ihre Anspielung lacht, aber nein, nach einer Weile taucht er mit verständnislosem Blick aus seinem inneren Laborwinkel auf und fragt wie üblich: Ist was los?
Er fährt halt mega ab auf sein Projekt, sagt seine blutjunge Assistentin, wenn sich Helen ausnahmsweise am Telefon nach ihm erkundigt. Also brütet er nach Feierabend weiter über den Bedingungen einer erfolgreichen Zellteilung seiner Protozoenzucht. Er brütet wo auch immer, auf dem Lokus, in der Garage, beim Zähneputzen, sogar im Kino, sodass Helen unterlässt, mit ihm den Film zu diskutieren, was sie dann doch verdriesst. Es scheint, dass das Imago seiner Saat bereits aufgeht und über die Netzhaut seines inneren Auges flimmert. Es macht ihn happy, wenn der Grossbildschirm im Livingroom der Wissenschaft die Zukunft signalisiert. Triumphal! Dort steht nämlich in fluoreszierender Leuchtschrift: «Biochemiker der ETH löst das Welthungerproblem».
Dabei ist er doch genügsam, und eigentlich bescheiden. Ein bescheidener Egozentriker. Helen hat es aufgegeben, im Detail nachzufragen, obschon sie sein Projekt grundsätzlich interessiert. Zur Zeit gewährt der Gespons keinen Einblick in das Verlies seiner Laborbesessenheit.
Er murmelt im Schlaf, die Protozoen tuckern durch seine Träume, oder sind das etwa Frauenschenkel? Oder die Möse seiner Labormaus? Und wenn sie ihre Phantasien dann ins Eigenleben lotsen will und im Bett mehr möchte als den obligaten Gutenachtkuss, erfüllt der Mann an ihrer Seite die quasi eheliche Pflicht, der er etwas träge und ohne Begeisterung nachkommt. Nun ja, das innere Seufzen weiss ja gut genug, dass die Zeiten des wilden Begehrens over sind, over, sagen die Jungen, auch die junge Assistentin, als sie einmal eine Liste mit Helens Fragen erstellt hat. Over, die Fragen werden ihm morgen unterbreitet, dem Chef. Nie mehr wird Helen im Verlies der Labormaus anrufen, nie mehr, schwört sie im Stillen. Und sie hält sich dran. Over, and easy, ja, wenn’s doch so wäre, wie die Jungen sungen. So wenig Zeit für sie und ihre Anliegen hat er noch nie gehabt, da muss ausser seiner Labormaus, die sie nicht ernsthaft bedroht, eine weitere Frau im Spiel sein. Könnte, denn sie glaubt nicht im Ernst, dass Uwe fremdgeht, ohne mindestens eine Andeutung zu machen. Und wenn es wichtig ist, wird er sie ins Bild setzen. Dieses eine nämlich haben sie sich gelobt, Transparenz in der Beziehung. Damals, als sie fanden, Ringe würden nicht getauscht, Ringe seien Fesseln. Seither lautet die Devise des geprüften Paars: kein Spitzeltum, keine Handykontrolle, Privatsphäre gestattet, sonst hältst du es zu zweit allein nicht aus.
Höchste Zeit, ihn in ihre Pläne einzuweihen. Ihre Reise könnte doch auch seine Chance sein. Er hätte als Strohwitwer die volle Konzentration auf seine Forschung. Und wenn sie nicht gestorben ist, in Mossul oder Afrin, dem neuesten syrischen Schlachtplatz, dann könnten sie sich irgendwo in der Mitte des Planeten Hoffnung treffen. Zu einem Badeplausch in Oman, nicht wahr, Helen, das sind die Widersprüche einer grünen Nationalrätin. Obszöne Gedanken schleichen sich ein, wenn der Nichtangetraute nicht kooperiert mit Tisch und Bett. Sie klopft sich auf die Schulter. Bis dann wirst du nicht mehr im Rat sein. Doch kann sie nicht verhehlen, dass sie in letzter Zeit von Destinationen der euphorischen Plakatromantik träumt. Träumen wird wohl noch erlaubt sein.
Die Ansteckung ihrer Schülerinnen? Das wäre Grund zur Besorgnis. Denn Gymnasiastinnen von heute wollen zwar studieren, aber gleich darauf, oft schon vorher heiraten und Kinder kriegen. Von wegen Berufsleben, Frauen in die Politik, Quotenfrauen oder keine, da bricht ein einziges Oh Gott / oh Gähn / oh du Scheisse aus, und die grosse Freche fängt an, sich die Fingernägel zu lackieren. Man kann so lausig daherkommen, wie man will, doch Fingernägel müssen hip und vorneweg sein, knallroter Lack ist obligatorisch.
Der Hochzeitstag sei das Grösste, der wichtigste Tag im Leben der zeitgemäss denkenden Frau. Verkündet anschliessend die grosse Freche und gibt sich lasziv. Man müsse klar die Entjungferung vorher absolvieren und fleissig üben. Damit es in der Hochzeitsnacht dann megageil klappe. Dafür sei jeder Geld- und Zeitaufwand gerechtfertigt, inklusive das umfassend professionell durchgeführte Fotoshooting, das die Gesamtinszenierung von der Kirche bis zum Bankett begleite. Die Kosten habe klar der Pa des Bräutigams zu übernehmen, denn der sei stinkereich, darum geht’s ja, dass der stinkereich ist, damit sich die Chose lohnt; ist doch logisch. Sind da noch Fragen?
Helen hat es aufgegeben, mit ihren Schülerinnen zu diskutieren. Sie hat ein paar Begabten des Romanistik-moduls ein inoffizielles Seminar angeboten. Da sind vier Girls und drei Jungs, die hell im Kopf sind und arbeiten wollen. Sie fand es schade, die wirklich interessierten Kids aussen vor zu lassen. Doch die Eltern haben dagegen opponiert.
Der Sex, das strapazierte Thema in den Medien. Von wegen der Mann will immer, nein, will er nicht, wenn er den Kopf voll Forschung hat. In dieser problematischen Phase der Zweisamkeit würde ihr der gegenseitige Besuch der ehemaligen Feuchtgebiete genügen, die nun ziemlich spröde sind, aber immer noch ansehnlich. Eine zwar mürbe gewordene, aber noch nicht erschlaffte Fleischlichkeit aus Mulden, Hügeln, Abschussrampen, lässt sich manuell behandeln, das mag sie, das hat er früher auch gemocht. Ist die Tätigkeit genannt Streicheln definitiv ausser Betrieb? Bloss weil man seit achtundzwanzig Jahren zusammen ist? Das kann nicht sein. Was will die Frau? Statt einen schnellen Akt und das Schnarchen kurz darauf die ausführliche Beziehungspflege, ja gewiss, körperlich mit Haut und Haar. Wichtiger als der Koitus wird dann das Spiel, und nach dem Spiel einschlafen in der Löffelstellung. Das panische Geschlechtswerkzeug des Mannes im Zenit seiner Manneskraft darf auch mal ruhen, dann findet sich stattdessen ein lustiger Trabant von einem Penis in der gemeinsamen Mitte, ein Familienmitglied, mit dem frau tändeln und herumflottieren möchte. Das wäre dann der Flow, der in der Kreativproduktion erwünscht ist. Sie legt sich auf die Seite und hört Uwes näselnden Atemzügen zu.
Das Spiel hat einen Namen zwar, doch der ist von den Therapeuten und Beraterinnen ausgelutscht und abgenutzt, er weiss nicht mehr, was die wahren Körperfreuden sind: Er lautet Kuschelsex. Dass Uwe nie von Kuschelsex spricht, ist Helens Hoffnung. Und ja, hat dieser nun vorwiegend fremde Mann im Bett nicht letzthin freiwillig und spontan gekocht? Das muss wohl eine Liebeserklärung gewesen sein.
Sie wird die Erinnerung nicht los. Die Inspektion, eine freundeidgenössische Zeremonie. Zu diesem Zweck stieg der Vater in die tannengrüne Lodenuniform – daher wohl Helens Abneigung gegen Tannen –, gegürtet mit ledernen Patronenhaltern, den Felltornister mit dem gerollten Caput auf dem Rücken. Jeder Schweizer Staatsbürger hatte seine militärische Ausstattung, die wie eine camouflierte Rüstung im Mottenschrank auf dem Estrich ruhte, einmal im Jahr seiner Feldkompagnie vorzuführen. Dazu war der Karabiner aus dem Dachschrank zu schultern, ein bedrohliches Gerät. Die ganze Aktion schien dem Teenager fehlgeleitet, ihr Vater gab sich so der Lächerlichkeit preis. Denn eine solche Aufmachung entsprach einem Pausenclown, der sich HD Läppli nannte und das Boulevardtheater bediente. Auch im Radio riss er faule Spässe und heizte die radiophone Heiterkeit an. Das hatte nichts mit dem aufgeklärten Zeitgenossen, der ihr Vater war, am Hut, besser gesagt am Helm, die Krone der militärischen Einkleidung. Helen verstand diese künstliche Maskerade nicht, ihr Vater war kein billiger Sprücheklopfer, sondern ein ernsthafter Debattierer über das Weltgeschehen, und nicht nur, wenn Besuch kam.
Helen wartet die nächste Gelegenheit ab, mit den Eritreerinnen ins Gespräch zu kommen. Sie begegnet ihnen fast täglich auf dem Gang zum Grossisten. An diesem Tag sieht sie, dass der schwarze Junge in seiner grossen Tasche unförmige Gegenstände mitschleppt. Nun fasst sie sich ein Herz, überquert die Strasse und spricht die beiden Frauen an.
Hallo, Ladies, ich glaube, wir haben denselben Heimweg. Ich würde Sie gerne kennenlernen. Ihr Junge ist reizend, wie heisst er?
Dann beisst sie sich auf die Zunge. Was ist in sie gefahren, so kann sie doch nicht mit der Tür ins Haus fallen.




