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Die Eritreerinnen sind stehen geblieben. Sie blicken Helen misstrauisch an. Sind Sie vom Migrationsamt?, fragt die grosse Eindrückliche.
Ach woher, ich bin Ihre Nachbarin, ich wohne Ihnen schräg gegenüber.
Aha, sagt nun die Kleinere und verzieht ihre feingesponnenen Züge.
Wissen Sie, eigentlich interessiert sich niemand für uns ohne Grund.
Der Junge sperrt die Augen auf und schmiegt sich an die grosse Eindrückliche. Sie tastet nach ihm, als wolle sie ihn abweisen, dann fährt sie fast schnippisch fort: Wir sind sonst nur interessant für das Steueramt und die Fremdenpolizei.
Oh du meine Güte, verzeihen Sie meine Zudringlichkeit.
Nun drängt sich der Junge vor und schaut Helen herausfordernd an. Die grosse Tasche hat er im Rinnstein deponiert.
Schön, dass du deiner Mutter hilfst, sagt Helen etwas tapsig.
Das ist nicht unser Kind, wir wüssten selber gern, wer er ist. Er spricht kein Wort, er hat sich bei uns eingenistet. Er haust in unserm Keller.
Also, wirklich, das ist ja, also eine Überraschung.
Falls, falls ich Ihnen behilflich sein kann. Helen stutzt, sie fühlt sich dermassen ohnmächtig, dass sie zu stottern beginnt.
Wir sind bereits daran, herauszufinden, wer er ist. Bevor Helen antworten kann, gehen die Eritreerinnen weiter. Ihre Geste ist eindeutig, sie heisst Ablehnung. Der Junge schleppt die Tasche, in dem Helen die Militärschuhe vermutet, knapp hinter ihnen her.
Die folgenden Wochen verfliegen im Nu, am Feierabend sinniert Helen über den Dokumenten und Formularen, die sie von der Geschäftsstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes angefordert hat. Einen Universitätsabschluss kann sie vorweisen, ein Lizentiat in Romanistik, aber genügen ihre Sprachkenntnisse?
Das Spanische, das Englische werden vorausgesetzt, Arabisch erwünscht. Also heisst es Spanisch büffeln und Englisch lesen. Arabisch wird sie ohnehin nur radebrechen können.
Uwe fällt nicht auf, dass sich seine Gefährtin jeden Abend in ihrem Zimmer verbaut. Erst als sie eines Abends ruft, mach dir ein Spiegelei, Mann, ich bin beschäftigt bis mindestens um zehn Uhr, bemüht er sich herbei, klopft an ihre Zimmertüre und poltert frohgemut, als sie einen Spalt öffnet, komm, gehen wir zum Italiener, ich hab keine Lust auf Spiegeleier.
Der Italiener, die beste Erfindung der deutschen Nachkriegsgeneration! Eine protokulinarische Schöpfung, die sich im südlichen Ausläufer der vereinten Bundesländer ausführlicher präsentiert, den Italiener gab es im Land der Eidgenossen um jede Ecke, er hatte einen klangvolleren Namen und die besseren Weine.
Helen stochert in den Ravioli alla panna und bringt ihr Anliegen nicht heraus. Wieder vertröstet sie sich selber mit der reiflichen Vorbereitung und beschliesst, Uwe erst dann zu informieren, wenn sie das Aufgebot in der Tasche hat. Wobei sie im Grunde weiss, dass sie sich das Aufgebot vormacht, sehr wahrscheinlich wird sie ihm nicht genügen, ihr Jahrgang spricht dagegen, also wozu Uwe informieren, wenn die Sache sowieso im Sand verläuft?
Uwe räuspert sich und legt die Dessertkarte, die der Kellner bringt, auf die Seite. Weisst du, deine Phobie gegen meine Bergschuhe, die will mir nicht in den Kopf. Als ob Schuhe Kriege anzetteln könnten. Dieser Gedanke stand in seiner halb amüsierten, halb besorgten Miene, als er sie beim Stochern inspizierte, bevor er sich seinem prall gefüllten Teller zuwandte.
Uwe, du musst verstehen, dass diese Schuhe meine Kindheit tyrannisierten. Es geht um die traumatischen Bilder, die sie in mir auslösen. Es sind die Bilder, die ich weghaben möchte, ausradieren.
Ihr Ton war eindringlich, und sie sah, dass er ein Stück weit verstand.
Dann sieht sie die Schuhe wieder auf dem Flohmarkt im Quartier. Inmitten des versilberten Nippes. Gegen diesen geschwätzigen Kleinkram wirken sie wie stumme Tölpel aus dem Bilderbuch des ewigen Gestern. Sie nähert sich, sie untersucht die Schuhe, sie muss wissen, wo der Junge ist, nein, es sind nicht ihre Schuhe, das heisst Uwes Schuhe, das heisst Vaters Schuhe. In der Lederferse dieses zum Verwechseln ähnlichen Verwandten findet sie eine winzige Etikette, die den Namen des ehemaligen Trägers enthält. Wanzenried Robert, Korporal, Wiesendangen, Abteilung 56B II / Kompanie B5, drittes Corps 1941.
Wo ist der Junge, diese Frage wird dringend. Sie will sicher sein, dass der Junge ihre Schuhe hat. So sucht sie den Kontakt mit den Eritreerinnen diesmal gezielt. Tatsächlich tauchen sie bald auf dem lokalen Marktplatz auf, und Helen spricht sie an: Verzeihen Sie, ich bin besorgt um Ihren Schützling, wie geht es ihm? Haben Sie seine Identität feststellen können?
Die Frauen zucken die Achseln. Ach, Sie sind’s? Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Bursche getürmt ist. Ausgerissen mit seinem kleinen Habundgut, das er in der grossen Migrostasche herumschleppt. Er hütet es wie einen Schatz. Wir hoffen, dass er wiederauftaucht, wenn er Hunger hat. Helen verkneift sich die Frage, ob sich unter dem kleinen Habundgut Militärschuhe befänden. Sie tritt von einem Fuss auf den anderen.
Würden Sie mir, also könnten Sie …
Was wollen Sie eigentlich von uns?
Ihnen Hilfe anbieten.
Es entsteht eine Pause, in der die Jüngere verlegen auf ihre mit Henna verzierten Zehenspitzen blinzelt.
Wissen Sie, sagt schliesslich die grosse Eindrückliche, wir brauchen Ihre Hilfe nicht, wir sind beide ordnungsgemäss registriert, wir haben den Ausweis A, seit drei Jahren arbeite ich bei der Asylbehörde als Übersetzerin und unterrichte in der autonomen Schule. Und Armeida, meine kleine Schwester, sie legt der Jüngeren die Hand auf den Unterarm, hilft mir im Haushalt und lernt Deutsch. Sie ist diplomierte Ingenieurin und möchte später in ihrem Fach arbeiten.
Helen tritt ein paar Schritte zurück.
Dann, also, möchte ich Sie nicht weiter stören.
Die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie durch die Wohnungstür tritt. Uwe kommt auf sie zu, nimmt sie ordentlich partnerschaftlich in Empfang. Es ist lange her, dass er jene Frage stellte, die man nicht beantworten kann: Wie geht es dir?
Da kann Helen nicht an sich halten und bricht in Tränen aus. Das ausgiebige Gespräch, das folgt, wirkt zwar wie ein reinigendes Gewitter nach der geballten Sommerhitze, doch hätte man nicht behaupten können, seither sei der gewohnte Alltag dieses Paars eingekehrt und damit das gute Leben nach Seneca, das die beiden pflegen. Aus der Distanz hätte man zwar feststellen können, alles sei paletti mit diesen beiden, wie man sagt, wenn man im Trend liegt. Von nahem jedoch wirken die zwei Leute zwar verbunden, das schon, aber nicht verbündet. Denn wir wissen nicht, inwieweit Uwe nun auf dem Laufenden ist, ob Helen ihn endlich über ihre Pläne orientiert hat. Zwar hat sie die Erfahrung mit den Eritreerinnen direkt und ohne Umschweife berichtet. Hat diese Erfahrung aus der Mördergrube, zu der sich ihre Seele zusammenkrampft, geborgen, vor ihm entfaltet, ausgebreitet, um nicht zu sagen brühwarm aufgetischt. Auch über den Jungen ist Uwe informiert, doch das Eigentliche ist Schweigen, und das ist – frei nach Shakespeare – kein Rest.
Die Zeit geht dahin, und mittlerweile sind die zwei weiter voneinander entfernt als je. Das hat seine Gründe, die wir nun kennen, und es soll ja, wie am Anfang der christlichen Zeitrechnung feststeht, gemäss den biblischen Predigern eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen geben, eine Zeit zum Warten und eine Zeit zum Handeln. Doch zerrt das Warten mit dem Geständnis, das Helen vor sich herschiebt, allmählich am Grundeinvernehmen dieses Paars. Er schweigt länger als sonst, und sie ist nervös. Er scheint keinen Dunst von ihrem inneren Aufruhr zu haben. Ja, sie ist für ihn gar nicht mehr vorhanden, er sieht sie nicht mehr, oder bildet sie sich das bloss ein?
Menschen enttäuschen einander, das ist die Lektion. Menschen tun nie das, was man von ihnen gerne hätte, jedenfalls nicht von selber. Helen ist daran, sich mit dieser Lebenslehre abzufinden. Und dann kommt der Tag, da Uwe sie überrascht mit dem Vorschlag, endlich die gesprochenen Forschungsgelder zu feiern. Er wolle kochen, halt das Übliche, ja, den ewigen Sugo, halt nichts Neues, aber das Bewährte umso besser. Dazu würde er endlich diesen grossen Bordeaux entkorken, diesen Château Grand Cru de soundso, in diesem Punkt mangelt es Helen an Detailkenntnissen, nun, sie stimmt erfreut zu und erwägt, ob der Anlass zu ihrem IKRK-Geständnis tauge oder nicht. Sie bietet sich an, den Tisch zu decken, kauft sogar wieder mal Blumenschmuck, diese ökologisch einwandfreien Carolröschen, die sie mag. Und dann geht Uwe in den Keller, um diesen sagenhaften Bordeaux, diese Inbrunst von einem edlen Tropfen, von dem Uwe endlos schwärmen kann, heraufzuholen. Nach seinen beherzten Schritten ins Dunkel passiert jedoch nichts. Warten, ein Knistern und wieder nichts.
Es kann doch nicht so lange dauern, einen Wein aus dem Keller zu holen. Sie blickt auf die Uhr, nun steckt Uwe schon volle zehn Minuten dort unten, in seiner Effektenkammer, die Helen seit Monaten nicht mehr betreten hat.
Sie fühlt den bekannten Ärger in sich aufsteigen, und bevor der Abend im Eimer ist, bevor die Zweisamkeit in einem Fiasko landet, beschliesst sie, den Mann aus dem Keller zu holen, dieser Terra incognita für sie.
Sie kommt ihm auf der Treppe entgegen, und als Uwe sie sieht, flüstert er, dann spitzt er die Lippen zu einem «Pscht», er ist auf Zehenspitzen die Treppe hochgeschlichen, die doch sonst in der Kurve ein Knarren von sich gibt. Komm, sagt er leise, leiser geht’s nimmer, komm, ich muss dir etwas zeigen.
Hinter den Regalen mit den Klasseweinen liegt der Junge auf einem Lager aus Holzscheiten. Er schlummert selig auf der Tasche, die er mit einer alten Wolldecke gefüllt hat, um sich eine Bettstatt herzurichten. Seine Fundstücke hat er um sich herum gruppiert. Uwes Schuhe, Vaters Schuhe, diese Chimären der Vergangenheit presst er an sich wie den heiligen Gral, dessen Energie er spürt. Er lächelt im Schlaf.
Wir lassen ihn, haucht Uwe, und sie nickt.
Die beiden schleichen aus dem Abteil, als seien sie zwei Strauchdiebe, die sich ohne Skrupel in reichen Häusern bedienen. Oben nimmt der Abend dann einen gebührenden Verlauf, mit Dauerprost und verschworenen Blicken über der schmackhaften Pasta, auch der Salat und erst der Nachtisch sind nicht zu verachten. Dann stellt Uwe unvermittelt eine Frage: Wie siehst du das? Ist der Junge nun unser Kuckuckskind, oder würdest du ihn für den von den orthodoxen Juden lange erwarteten Messias halten?
Helen ist perplex. Sie hat den Mund geöffnet und haucht, also du, ich bin verblüfft, ich möchte. Bevor sie weiterfahren kann, sagt Uwe ohne irgendeine Betonung: Ich denke, da wartet eine Aufgabe auf uns, und weisst du was, er nimmt einen Schluck, holt aus mit seinem Vorzugsprädikat «göttlich», das ausschliesslich für Weine reserviert ist, bevor er fortfährt: Ich denke, diese Aufgabe ist dringender und ausserdem bekömmlicher als ein Einsatz mit dem IKRK. Sie pausiert mit offenem Mund: Woher weisst du, was weisst du, und er setzt das Glas prompt und mit ungewohntem Nachdruck auf den Untersatz.
Liebe Helen, ich bin doch nicht blind. Was du vorhast, hast du schlecht verhehlt.
Warum hast du nie etwas gesagt?
Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.
Du bist doch einer, also einer … Sie kann sich kaum erholen, dann prustet sie los. Also deinen Wittgenstein – ist doch Wittgenstein? Den kannst du dir sparen. Ich bin nämlich froh, dass es endlich heraus ist.
Es ist, als sei eine Zentnerlast von ihr gefallen, sie hat vergessen, wie klug und bedacht der Mann an ihrer Seite ist. Und wie gern sie mit ihm zusammen ist. Das ist ein Glücksmoment. Der Moment, der sagt: jetzt. Jetzt und nichts anderes. Und endlich fühlt Helen den verschütteten Humor in sich aufsteigen.
Ich denke, sagt sie entwaffnend, ein vorhandenes Kuckuckskind lässt sich wohl einfacher adoptieren als ein kommender Gottessohn.
Der Mann gegenüber räuspert sich:
Helen, von Adoption zu reden, ist viel zu früh.
Das ist Uwe, der Alte. Der, der er eben ist.
Ich weiss, lächelt sie über den Tisch. Schenk mir noch ein Glas von deinem Supergigaweissnichtwas Bordeaux ein.
Göttlich, ich kann mich nur wiederholen.
Sie kosten und schweigen. Bis Uwe sagt: Du, ich bin so froh, dass Syrien nun in die Nähe rückt, es liegt jetzt sagen wir mal in der Distanz von Schlieren oder Affoltern am Albis. Dann hält er ein, ist ja im Grunde ein zynischer Gedanke, gebe ich zu. Du wirst mir vergeben müssen.
Die Nacht ist sternenklar, als sich die beiden Arm in Arm zum Fenster hinauslehnen. Eine frische Brise fächelt sie an. Von der nahen Turmuhr schlägt es Mitternacht. Als der Klang verhallt ist, schwirrt ein Zitronenfalter herein.
Lass ihn, sagt sie zu Uwe, der findet seinen Weg. Wie der Junge. Und ich hoffe, wir finden ihn auch.
Uwe murmelt – Wittgenstein wäre wieder fällig, aber den magst du ja nicht.
Das hab ich nicht gesagt, ich meinte, ich … Uwe legt ihr zwei Finger auf den mit Lippenstift und einem Rest Dessert versalbten Mund. Dann sagt er trocken, es gibt da einiges nachzuholen, denke ich. Die Fortsetzung ist klassisch, geradezu klassisch. Mit viel Basic Instinct. Und noch mehr Zustrom aus einem verantwortungsvollen Muskel, der Herz genannt wird.
Um sechs Uhr morgens zwitschern die Vögel wie verrückt. Sie wissen, was los ist. Helen erhebt sich schlaftrunken und steigt über den königlich schlummernden Uwe hinweg. Sie greift nach dem Seidenhemd, das auf dem Stuhl übernachtet hat, sie will nach dem Jungen sehen. Das Kellerfenster steht offen, und sie erschrickt. Aber die Tasche und der Krimskrams liegen noch da, die Schuhe stehen säuberlich gepaart vor der Holzbeige. Helen atmet auf. Sie muss an sich halten, um nicht in Jubel auszubrechen und dann in Gelächter, denn der Anblick der verhassten Schuhe ist die reine Lieblichkeit. Nun sind sie ein Pfand für ein grösseres Abenteuer geworden, das ihr bevorsteht. Und sie hofft, dass auch Uwe mit von der Partie sein wird, wenn es darum geht, ein stummes kluges fremdes Menschenkind kennenzulernen. Tagtäglich.
War es tatsächlich so? Natürlich war es nicht so. Wishful thinking war’s, der Tag- und Nachttraum einer sozial Engagierten, die wider Willen bei den Grünen politisiert. Und dass sich der bestens dotierte Weinkeller eines gut situierten Paares in Bethlehems Stall verwandelt, ist des Guten zu viel. Das mit den Körpern und Seelen traf hingegen zu. Und es hatte nichts, aber auch gar nichts zu schaffen mit dem, was sich derzeit erotisch auf der Benutzeroberfläche des Digitalkosmos kräuselt. Selfies und Emojis und Blümchen und Herzchen und Softporno und Hardporno und beide mit einem Strauss Bildchen, die Minderjährige und Überfällige bloss mit der Netzhaut wahrnehmen können, falls sie darauf stossen. Dieses Paar findet sich rasch in der Tiefe darunter, dort wo sich die letzte archaische Kraft regt, die alles wegschwemmt, was sich an Ratgeberliteratur für sogenannten guten Sex sowie an therapeutischem Beigemüse auf der Haut des mitmenschlichen Umgangs ansammelt.
Doch es war der Zitronenfalter in lauer Nachtluft, den der durchgepeitschte Wissenschafter nicht ertrug. Weshalb das Vorspiel zur anstehenden Liebesnacht besonders rigoros ausfiel. Und weil das die Gefährtin kommen sah, nahm sie dem Gefährten den Wind aus den Segeln und holte zu einem Präventivschlag aus. Damit du dir nicht zu viel einbildest auf deine Verführerqualitäten, Sex ist nur das Mittel zum Zweck der Erkenntnis, wo du anfängst und ich aufhöre. Diesen heftigen Satz prustete sie ins Lavabo, mit einem Wattebausch voller Abschminke in der Hand, während ihr Uwe über den Rücken fuhr und sie, was sie mag, kräftig unter den Schulterblättern massierte.
Gut zu hören aus dem Mund einer Komforthumanistin, gab Uwe schlagfertig zurück. So eine Bezeichnung kann eine Helen Grossniklaus hingegen nicht auf sich sitzenlassen. Warte, die Antwort kommt noch und nicht zu knapp, sagte sie erregt und wütend zugleich. Und das grosse Aber, das hier folgen möchte, muss passen.
Die Antwort zeigte Wirkung. Wochen später finden wir Helen nicht im IKRK auf einer Mission in Syrien, sondern als Freiwillige in einem Durchgangsheim im Kreis 5. Neben ihrem Pensum am Gymi jobbt sie dort zwei Nachmittage in der Woche als Dolmetscherin und Coach für minderjährige westafrikanische Flüchtlinge. Der dunkle Götterliebling hat nämlich, seit er bei den Eritreerinnen wiederaufgetaucht ist, ein paar Wörter von sich gegeben. Faim, nuschelte er, dann sagte er: boire, vous-plait, und dann: il fait froid. Die Eritreerinnen freilich hegten keinerlei humanitäre Absichten, weshalb sie den Jungen in jenes Durchgangsheim einlieferten, obschon Helen ihn liebend gern zu sich genommen hätte. Das kommt nicht in Frage, sagte die grosse Eindrückliche, dieser Junge muss erst einmal unter die Leute, unter seinesgleichen, er muss erzogen werden. Dass jemand in der Nachbarschaft tuschelte, der Wunderknabe tauge nicht als Accessoire für ein Hipsterpaar, hat Helen mit wundem Herzen weggesteckt. Wie sie so vieles im neuen Job wegstecken muss. Aber das Wegzusteckende liegt hier näher bei der Condition humaine als das willfährig Falsche, die kalkulierte Heuchelei im Wandelgang der Politik.
Und die Schuhe? Sie sind, und das ist Helens winziger Triumph, nach den fruchtlosen Aktionen mit dem Jungen ins Durchgangsheim gegangen. Als Helen ihn nämlich darauf ansprach, äusserte er sogar einen ganzen französischen Satz. Er sagte: Les souliers, vous savez, c’est génial avec.
Zwischenhalt:
Der ökologische Fussabdruck
Beni: Hört, hört, du fliegst also noch? Predigst uns zwar die 1000- Watt-Gesellschaft, bist aber ein Umweltsünder der übelsten Sorte?
Mike: Sachte, mein Freund. Ich hab zwar meine Prinzipien, doch ein Missionar war ich nie. Und wenn einer wie ich alle zwei Jahre mal den Flieger nimmt, brauchst du nicht gleich Schaum vor dem Mund zu kriegen.
Beni: Klar, jeder hat da doch seine kleine Ausweichstelle, alle haben ihre Ausrede, und so ändert sich nichts. Weisst du, dass du beinahe ein Jahr lang täglich nach Paris pendeln kannst, um einen einzigen Langstreckenflug zu kompensieren?
Mike: Was soll diese doofe Aufrechnung, ich will nun mal nicht nach Paris, ich will, ach was. Und ist dir eigentlich klar, dass es mittlerweile ein Ammenmärchen ist, dass der Flieger der Luftverpester Nummer eins ist?
Der andere schüttelt den Kopf: Es geht nicht um den Sprit, es geht um die Erhitzung der Atmosphäre, die der Flieger mit seinen Kondensstreifen anfacht, die sind das Problem.
Der Freund gluckst: Dir kann man doch alles weismachen, du glaubst ja auch an den Weihnachtsmann, Beni. Weisst du was? Ich denke, WIR sind das Problem. Wir selber. Und das lösen wir nicht mit Google Wissen, oder hast du’s von Wikipedia?
Beni: Du willst einfach nichts dazulernen, nicht wahr.
Mike: Mach mal halblang, Beni. Wenn du’s genau wissen willst, ich hab mein Auto verschenkt. So eine Grosstat würde ich kaum von dir verlangen, aber ein wenig Eindruck schinden, mein Freund, das sollte sie schon.
Beni: Mmmhhh.
Mike: Bist doch kein Fundi, Beni, hey. Früher warst du doch ein Verfechter der Widersprüche. Dialektik, Mann, das ist nach wie vor angesagt.
Beni: Das ist doch reiner Alt-Achtundsechziger-Kack, einer wie du sollte doch endlich erwachsen werden und den Tatsachen ins Auge blicken.
Mike: Von wegen Tatsachen, mein Freund, die nächste, die mir einfällt, ist deine Zweitwohnung im Engadin. Das möchte ich einfach feststellen, ohne den Zeigefinger zu erheben.
Der Freund sagt missmutig: Die war Karins Wunsch, nicht meiner. Ausserdem planen wir, sie abzustossen, weil wir zu selten dort sind. Du siehst, ein Ansatz zur Besserung, Mike. Ich weise ausserdem darauf hin, dass die Wohnung im Vextal liegt, wo ausschliesslich gewandert wird.
Der andere, ärgerlich: Das Wandern ist des Müllers Lust. Klingt beschissen. Das Wandern ist die Alibiübung der Happy Few.
Beni: Hörst du mir eigentlich zu?
Mike: Ich höre, aber dein Ton gefällt mir nicht.
Von wegen Wandern. Nach dem Vextal und dem Piemont folgt dann der Himalaya-Trek, die Müllhalde der europäischen Naturliebe, da sind wir dann ganz unter uns.
Beni: Du fährst die billige Tour, wenn du den Spiess einfach umdrehst. Und ich nehm sie dir nicht ab, Mike. Dein Gehabe klingt nach Neid. Seit deiner Scheidung bist du ein Sauertopf. Erhebst dich über alles, was nicht aus der linken Retorte stammt.
Mike: Asche auf mein Haupt. Ich werde Abbitte leisten, indem ich zu Hause bleibe und mich nicht mehr rühre, bis der Sensenmann kommt.
Beni: Schluss jetzt mit dem Selbstmitleid. Such dir doch endlich eine Freundin, Mike. Die wird dich auf bessere Gedanken bringen.
Mike: Nun sind wir genau an dem Punkt, den ich vermeiden wollte. Wenn auch du mit den Wölfen heulst.
Beni: Ich heule nicht, ich rate dir als Freund.
Mike: Siehst du mich etwa in Thailand, bei den Eurogreisen im Mangrovenbordell? Ganzkörpermassage als Demenzprävention, alles inklusive. Sorry, aber dafür bin ich noch nicht alt genug.
Beni: Mit dem Flieger hab ich nicht den Bumsbomber gemeint, vorhin.
Mike: Dein Wohlwollen ist schwer erträglich, weisst du. Wie hiess noch der Spruch der Achtzigeraktivisten? Du hast keine Chance, also nutze sie. Sehr konstruktiv.
Beni: Komm schon, du weisst genau, was ich meine. Auch die Jungen gehen auf Parship.
Eine Pause entsteht. Dann sagt Beni: Überhaupt. Warum kommst du eigentlich nicht mehr zu uns? Karin sorgt sich um dich.
Mike: Das glaube ich kaum. Sie ist ja noch fanatischer als du. Das letzte Mal hat sie mir ordentlich den Kopf gewaschen.
Beni: Komm jetzt, gehen wir einen heben, das bessert deine Stimmung.
Mike: Nur unter einer Bedingung.
Beni: Und die wäre?
Mike: Themawechsel. Ich habe nämlich schon gebucht.
Beni: So sag schon, wo geht’s hin?
Mike: Ich gestehe, es geht zum Kite-Surfen nach Costa Rica.
Beni: Du wirst es kaum glauben, das finde ich klasse. Ich meine, für dich.
Mike: Nun wird’s Tag, Beni. Übrigens kommt Noah, dein grüner Gewährsmann, auch mit.
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