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Meine Schulkarriere in Künzelsau war, wie gesagt, durchaus ungewöhnlich. Nach ein paar Monaten in Klasse eins war ich etwa ein halbes Jahr später in Klasse zwei gekommen und, ebenfalls nach nur einem halben Jahr, in Klasse drei. Dann wurde wegen Kriegsende und Systemwechsel jedweder Schulunterricht eingestellt. Auch Klasse drei dauerte daher nur knappe sechs Monate und Klasse vier, die begann, nachdem sich das Leben in dem total geschlagenen Deutschland wieder einigermaßen normalisiert hatte, auch nur wenig länger. In Klasse drei kam ich mir vor wie ein armseliges Aschenputtel. Ich war die „Neue“ in der Klasse, meine Rechtschreibung war so miserabel, dass in meinem Diktatheft, das ich vergeblich vor meiner Mutter zu verstecken suchte, mehr rote als blaue Tinte zu sehen war. Außerdem wurde Klasse drei von der Tochter des Ortsgruppenleiters der NSDAP unterrichtet, einer blonden Nazischönheit, die von den Mädchen der Klasse wie eine Bienenkönigin von ihren Bienen umschwärmt wurde. Irgendwie konnte ich da nicht mithalten. Und dann passierte das Unglaubliche!! Zu Weihnachten sollte die Klasse den Eltern ein Stück vorspielen, und da ein Krippenspiel aus politischen Gründen nicht infrage kam, entschied sich die Lehrerin für „Schneewittchen“. Ich dachte gar nicht daran, mitspielen zu dürfen. Ich war die letzte Hinterbänklerin der Klasse, die Außenseiterin, der eindeutige underdog. Und außerdem war ich blond und Schneewittchens Haar war bekanntermaßen schwarz wie Ebenholz. Doch dann – ich verstand die Welt nicht mehr – wurde die blonde Bärbel Schweizer von der Nazilehrerin als Schneewittchen aufgestellt! Erst sehr viel später fand ich eine Erklärung für dieses absurde Casting: ich war das einzige Mädchen in der Klasse, das Hochdeutsch sprechen konnte!
Nach der langen Zwangspause zum Kriegsende ging die Schule für mich in der vierten Klasse weiter.
Klasse 4, mit Herrn Faude als Klassenlehrer, wurde das highlight meiner gesamten Schulzeit. Herr Faude war eigentlich gar kein richtiger Lehrer. An richtigen Lehrern fehlte es gewaltig nach dem Krieg. Daher musste man auf noch jüngere Männer zurückgreifen. Sofern sie alt genug waren und Interesse an Kindern hatten, wurden sie vor oder während ihrer Ausbildung als hauptamtliche Lehrer eingestellt. Herr Faude war jung, sah nett aus und hatte rote Haare. Und er war der beste Lehrer, den ich je erlebt habe. Wenn Herr Faude uns etwas beibringen wollte, sprach er so spannend – während er dabei durch die Bankreihen marschierte –, dass wir Schüler fasziniert an seinen Lippen hingen und ihm auf Schritt und Tritt folgten. Wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln liefen wir ihm durchs ganze Klassenzimmer nach. Ab und an drehte sich Herr Faude um, sah die Schülerschlange hinter seinem Rücken, klatschte in die Hände und forderte uns fröhlich aber entschieden auf, doch wieder unsere Plätze einzunehmen. Sein Unterricht war immer interessant und abwechslungsreich; vor allem aber überließ er uns Kindern einen beachtlichen Part darin. Wir sollten/ mussten/durften in Heimatkunde Vorträge halten, unsere eigenen Geschichten vor der Klasse erzählen oder vorlesen, und bei Mathematik oder Geometrieaufgaben ließ er uns die Lösungen an der Tafel selber finden. Herr Faude praktizierte Methoden, die zu seiner Zeit völlig ungewöhnlich waren, die jedoch später in die Didaktik und Unterrichtslehren eingingen. Und wir liebten ihn dafür. Er wohnte in einer Wohnung im Stadttor am Ende der Schnurgasse. Vor allem wir Mädchen brachten ihm dort immer wieder mal ein Ständchen dar.
Nach einem knappen Jahr in der vierten Klasse bei Herrn Faude wurde ich 1946 nach bestandener Aufnahmeprüfung in die erste Klasse der Oberschule aufgenommen. Diese Aufnahmeprüfung wurde ein richtungsweisendes Erlebnis für mich. In der schriftlichen Deutschprüfung hatte ich einen Aufsatz abgeliefert, dessen Inhalt alle Mitglieder der Prüfungskommission so beeindruckte, dass sie trotz der über 30 Schreibfehler, die ich auf vier Seiten Geschriebenem untergebracht hatte, davon absahen, mich durchfallen zu lassen. Sie bestellten mich zur mündlichen Prüfung ein. Diese mündliche Prüfung würde darüber entscheiden, ob ich zur Oberschule zugelassen würde oder nicht. Und dann geschah in dieser Prüfung etwas auch für mich völlig Unerklärliches. Obwohl ich noch niemals Grammatikunterricht gehabt hatte, wusste ich auf alle Fragen der Kommission eine Antwort. Zwar wusste ich nichts von Haupt- und Nebensätzen, Subjekt, Objekt, Satzgegenstand und Satzaussage, aber Herr Faude hatte mir im Rechenunterricht sehr gründlich selbstständiges Denken und Kombinieren beigebracht. »Warum stehen diese Teile des Satzes zwischen Kommata?« – an diese Frage und an meine Antwort kann ich mich noch heute, als 83- jährige, erinnern. Ich brachte eine perfekte Definition des „Relativsatzes“ zustande und weil ich mich wohl auch sonst bewährte, bestand ich die Prüfung. Die positive Erfahrung mit meiner ersten Prüfung wirkte sich auf alle weiteren Prüfungen aus, die ich in meinem Leben ablegen musste. In Prüfungen schien ich immer mehr zu wissen als ich vorher gewusst hatte; ich hatte nie Angst und habe Prüfungen immer glänzend bestanden.
Die Oberschule in Künzelsau war besonders. Sie war in sehr vieler Hinsicht besonders; für mich schon dadurch, dass meine Mutter an der Oberschule unterrichtete und daher auch meine Lehrerin war. In den unteren Klassen unterrichtete sie Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Englisch und Französisch. Es war ihr also nicht zu entkommen.
In welchem Fach und in welcher Klasse der folgende Vorfall passierte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass es im Musikzimmer im oberen Stock war und dass ich in der ersten Bank in der Fensterreihe saß und danach vor dem Musikzimmer im Flur stand und vor Wut und Empörung kochte. Meine Mutter hatte mich aus der Klasse getrieben. Meine eigene Mutter hatte mich an den Haaren durch das gesamte Klassenzimmer geschleift, von jeder Bank losgezerrt, an der ich versuchte, mich festzuhalten, und bis zur Tür geschleppt. Sie hatte mich auf den Flur gestoßen und mit einem »da bleibst du jetzt!« die Türe mit einem Knall zugezogen. Ich hatte nichts getan! Ich hatte still auf meinem Platz gesessen und hatte der Mutter zugehört, als sich diese plötzlich zu mir umdrehte und mich zur Rede stellte.
Voller Wut über die Ungerechtigkeit meiner Mutter blickte ich auf den auch jetzt vergleichsweise ruhigen Platz und dachte an das Geheimnis, das mir diesen Platz für immer lieb und wert machte. Aber auch das konnte nicht helfen gegen die Wut. Ich hasste meine Mutter. Wie konnte sie mir das antun! Das war ungerecht! Mutter hatte gar nicht hören wollen, was ich zu meiner Verteidigung vorbringen wollte. Und doch war meine Mutter, das wusste ich, unter anderem deswegen bei den Schülern beliebt, weil sie zwar streng, aber meistens sehr gerecht war. Die Schüler hatten ihr den Spitznamen „Sächle“ gegeben, weil sie im Unterschied zu den männlichen Lehrern vergleichsweise „sachlich“ blieb. Die männlichen Lehrer hatten nämlich alle einen Knall. Sie rasteten beim geringsten Anlass aus, und waren oft in hohem Maße ungerecht.
Wie zum Beispiel Herr Dürr, der Musiklehrer, der beim kleinsten Misston, den wir beim Chorsingen produzierten, wie eine Rakete in die Luft ging, sich lauthals über seine Schüler beschwerte – »das ist ja zum Kotzen mit euch!« – und das Fenster an der Schmalseite des Musikraums aufriss. Bis eines Tages unsere kleine, schüchterne Klassenbeste, Trudel Weigert, die niemals frech wurde, die eingetretene Todesstille mit »Jetzt kotzt er!« durchbrach, die ganze Klasse losprustete und in der letzten Stunde nachsitzen musste.
Oder Fräulein Raidt, die wir die „alte Jungfer“ nannten - ihr Verlobter wurde, wie es hieß, gleich in den ersten Kriegstagen getötet - und die außer meiner Mutter die einzige Lehrerin an der Schule war. Fräulein Raidt strafte mit Ironie und Sarkasmus und fixierte ertappte Sünder mit starrem Blick, während sie dabei die linke Augenbraue hochzog. Nur die linke. Alle wussten, dass dies ein Warnzeichen war. Ich brauchte lange, bis es mir durch tägliches Üben vor dem Spiegel gelang, die linke Braue anzuheben ohne die rechte zu bewegen – eine Fähigkeit, die ich noch heute beherrsche – und Fräulein Raidt bei ihrer nächsten visuellen Attacke gleiches mit gleichem vergelten konnte.
Aber die Lehrer waren schlimmer. Alle meine Lehrer waren gesund aus dem Krieg zurückgekommen. Alle hatten noch zwei Arme und zwei Beine und an jeder Hand fünf Finger. Der Krieg hatte sie auf andere Weise verletzt. Auf eine Weise, die nicht zu sehen war. Ich hatte keine Ahnung, wie das passiert sein konnte, aber ich spürte, dass diese Männer, meine Lehrer, abgesehen davon, dass sie Lehrer waren, was allein schon bedenklich schien, auf unerklärliche Weise beschädigt waren. Herr Faude war auch Lehrer. Aber der war ja nicht im Krieg gewesen.
Am schlimmsten war zweifellos der Biologielehrer, Herr Wieser, der auch Biologie und Chemie unterrichtete. Herr Wiesner war dick wie eine Trommel. Wenn er im Schulhaus die Treppe herunterkam, mussten sich entgegenkommende Schüler mit eingezogenem Bauch an die Wand drücken, damit er passieren konnte. Seine beiden Kinder jedoch, die auch in die Oberschule gingen, waren klein und schmächtig und erzielten bei den Untersuchungen für die Zuteilung der Schulspeisung – einer Spende des amerikanischen Expräsidenten Hoover – regelmäßig den höchsten Unterernährungsgrad. Sie waren immer unter denen, die in der großen Pause freie Mahlzeiten bekamen; einen zähflüssigen Schokoladenbrei, oder Maissuppe, oder dicke Bohnen. Als Lehrer war Herr Wiesner unerbittlich. Er unterrichtete nur im Chemiesaal, hatte also den erhöhten Experimentiertisch, der die ganze Breite des Raumes einnahm, zwischen sich und den Schülern, die ihm in sechs ansteigenden, ebenso langen Bänken gegenübersaßen. Herr Wieser saß wie ein Buddha nahezu unbeweglich auf seinem ausladenden Podest. Breit und gewichtig, die Arme abgewinkelt vor sich abgelegt, saß er in der Mitte seines langen Tisches und dozierte. Während der Schulstunde stand er niemals auf. Nie schrieb er etwas an die Tafel. Und Lehrmittel gab es keine. Kein Buch, keine kopierten Seiten, keine Materialien, kein nichts. Aber der dicke Wieser erwartete, dass sich die Schüler jedes seiner Worte merkten. Oder seine Ausführungen in rasendem Tempo mitschrieben. Er verhielt sich wie ein Professor (vielleicht war er das ja gewesen und war degradiert worden) und nahm keinerlei Rücksicht darauf, dass er nicht Studenten, sondern zwölfjährige Schüler und Schülerinnen vor sich hatte. Es war unvermeidlich, dass ich eines Tages mit ihm zusammenstoßen würde.
Wieser hatte als Hausaufgabe von jedem Schüler 50 gepresste Pflanzen mit deutschem und lateinischem Namen, Fundort und Blütezeiten verlangt. Das war viel Arbeit gewesen, aber jeder meiner 30 Mitschüler und alle Mitschülerinnen hatten am Ende der gesetzten Frist 50 Pflanzen abgegeben. Und dann kam die Klassenarbeit. Wieser saß auf seinem Hochsitz und wählte aus den 1500 Blättern, die er vor sich auf dem Tisch gestapelt hatte 30 Blätter aus, die er nacheinander hochhielt. Die Schüler sollten die Pflanze erkennen und benennen. Aufschreiben! Und bitte absolute Ruhe im Raum!
Die Klassenarbeit fiel katastrophal aus. Außer Hildegard Sues, die eine schlechte Schülerin, aber eine begeisterte Gärtnerin war, kassierten meine Mitschüler und Mitschülerinnen wie auch ich nur Vieren, Fünfen und Sechsen. Wie sollten wir auch die Pflanzen kennen, die wir nicht selber gesammelt, getrocknet und identifiziert hatten. Als Herr Wieser in der nächsten Stunde die Klasse zum Sitzen aufforderte, blieb ich stehen. Ich bat Herrn Wieser darum, diese Arbeit nicht fürs Zeugnis gelten zu lassen. Die Schüler hätten keine Chance gehabt. Keiner könne die Pflanzen der anderen kennen. Nur die eigenen. Und das wären fünfzig und nicht mehrere hundert verschiedene Gewächse. Die Klassenarbeit wäre ungerecht und dürfe daher nicht zählen, brachte ich mit ziemlich entschlossener Stimme vor. Aber Herrn Wieser wies mich barsch zurück. Es ginge ja nicht darum, nur die Pflanzen zu kennen, die man zufälligerweise getrocknet und gepresst habe. An Sonntagen, auf Spaziergängen mit den Eltern, bei jeder Gelegenheit müsse jeder Schüler nach unbekannten Pflanzen Ausschau halten und die Eltern fragen, wie sie hießen.
Ich war empört:
»Und wenn die Mutter die Pflanze selber nicht kennt! Was soll man dann machen?«
Die ganze Klasse lachte und Herr Wieser wusste keine Antwort. Er schlug mit seinen fetten Händen auf den Tisch und begann seine nächste Vorlesung.
Der absonderlichste von allen Lehrern war aber Dr. Wagner. Der „Wagges“, wie ihn die Schüler nannten. Herr Wagner war mein Lehrer für Latein und Geschichte. Wenn ich mich für Geschichte zu interessieren begann und das Fach später studierte, so verdankte ich das dem völlig unkonventionellen Unterricht von Herrn Wagner. Der „Wagges“ unterrichtete mit Leidenschaft, mit Fantasie, mit Sinn für Dramatik und mit schier endlosem Wissen. Er hielt sich an keinerlei Lehrpläne. Wenn er von einem Thema ergriffen wurde, dann erzählte er wie besessen und so, als ob er einen ganzen Saal voller Menschen begeistern müsste – mitreißend, spannend und mit vielen interessanten Einzelheiten und Anekdoten. Sein Geschichtsunterricht war wie eine Theatervorstellung. Und man konnte ihn wunderbar ablenken. Leonore Dilgers Eltern hatten eine Anzahl alter Stiche und Kopien von griechischen Statuen aus ihrem zerbombten Antiquitätenladen in Heilbronn gerettet. Als Leonore einmal ein solches Exemplar, eine kleine Kopie des Apolls von Praxitels, in die Schule mitbrachte, geriet der „Wagges“ in Verzückung. Eine ganze Stunde lang erzählte er von Griechenland – obwohl wir gerade bei der römischen Geschichte waren -, von seinen Reisen nach Athen und auf den Peloponnes, wie er den Olymp bestiegen hatte und in Santorin die weißen Stufen zur Kirche, und wie er in Mykene das Grab des Agamemnon und in Kreta den Palast von Knossos und die Zeushöhle im weißen Gebirge besucht hatte. „Wagges“ erzählte ohne Pause, bis die Schulglocke ihn rüde unterbrach.
Ich und meine Klassenkameraden nutzten seine Begeisterungsfähigkeit schamlos aus. Alle Schüler suchten zuhause nach irgendwelchen antiken Erinnerungsstücken, Scherben oder anderen Artefakten. Man brauchte solch ein kleines historisches Asservat nur gut sichtbar zu drapieren, möglichst auf die erste Bank, und der „Wagges“ geriet ins Schwärmen. Und unmerklich wechselte er manchmal die Zeiten. Dann waren es plötzlich nicht mehr römische Söldner, die in Italien kämpften, sondern deutsche Soldaten und Amerikaner und abtrünnige Italiener. Und dabei vergaß der „Wagges“, dass für diesen Tag eine lateinische Vokabelarbeit vorgesehen war.
Herr Wagner war, wie alle meine Lehrer, hochgradig jähzornig. Wenn er einen Schüler oder eine Schülerin beim Abschreiben erwischte, oder wenn er glaubte, ein Schüler lache über ihn – was ja oft vorkam, aber meist gut kaschiert wurde – brüllte er los und verhängte die schlimmsten Strafarbeiten. Mich erwischte es, als ich in einer Schulstunde über die Gracchen in meinem Notizheft kritzelte und mit unbeholfenen Strichen versuchte, den Hinterkopf meines Vordermannes aufs Papier zu bannen. Ich konnte nicht zeichnen. Neben Weitwurf war Zeichnen die Disziplin, für die ich keinerlei Begabung hatte. Der Kopf meines Vordermannes war also kaum erkenntlich, als der „Wagges“ mich ertappte und in dem Gekritzel auf dem Papier eine Karikatur seiner selbst zu entdecken glaubte. Ich konnte noch so heftig versichern, dass das, was ich da zeichnete, nicht der Lehrer, sondern unser Mitschüler Wolfgang, der „Schlauch von hinten“ sei. Herr Wagner war nicht zu erweichen und verordnete Nachsitzen. Und zwar am kommenden Dienstag. Nachmittags.
»Dienstag geht nicht« erwiderte ich, »am Dienstag ist schulfrei; da mache ich eine Radtour mit meiner Freundin«.
Das sei ihm völlig egal, erklärte Herr Wagner und bestand auf Dienstag. Der Einwand, dass ich dann ja nicht nur eine Stunde Nachsitzen, sondern eine viel härtere Strafe bekäme, ließ ihn ungerührt. Auch als ich am nächsten Tag vor dem Lehrerzimmer auf ihn wartete und ihn nochmals inständig um einen anderen Termin für das Nachsitzen bat. Dr. Wagner blieb eisern. Keine Chance.
Das war am Samstag nach der dritten Stunde. Am darauffolgenden Montag stand ich, mit Schulheft, Lateinbuch und Schreibstiften ausgestattet, um 16:00 Uhr nachmittags vor der Haustüre meines Lehrers. Als auf mein Klingeln hin glücklicherweise Herr Wagner persönlich die Türe öffnete, sagt ich mit ruhiger Stimme:
»Melde mich gehorsamst zum Nachsitzen!«
Ob Herr Wagner nur verblüfft war, oder verärgert, oder ob er sich amüsierte, – der Lehrer ließ sich nichts anmerken. Ich meinte nur ein leichtes, nicht unbedingt bedrohliches Zucken seiner Mundwinkel zu bemerken. Er wies mir einen Platz in seiner Laube an, bezeichnete einen Absatz im Buch zur Übersetzung und Bestimmung der Verbformen, und zog sich ins Haus zurück.
Noch immer stand ich am Fenster und dachte daran, wie ich meine Mutter damals in Schutz genommen hatte. Wie ich Herrn Wieser vor dem Lehrerzimmer abgepasst und zur Rede gestellt hatte. Dass er meine Mutter in Ruhe lassen sollte. Dass er, wenn er sich über mich ärgerte, sich bitteschön an mich wenden und nicht meine Mutter vor den Kollegen im Lehrerzimmer beschimpfen solle. Meine Mutter habe nichts damit zu tun.
Warum musste meine Mutter ausgerechnet Lehrerin an dieser Schule sein. Nichts als Ärger hatte man davon! Jeder im Ort kannte einen und wenn man einmal etwas ausgefressen hatte, erfuhr es die Mutter sofort. Andererseits hatten die Leute auch einen gewissen Respekt vor einem. Meine Mutter war ja „Jemand“ in der Stadt. Und die meisten Leute hatten Kinder oder Enkel in der Oberschule und wollten es nicht mit meiner Mutter verderben. Aber manchmal war das nur einfach peinlich. Die Sache mit der „Hexe“ zum Beispiel, unserem Hund. Als der Großvater gestorben war und nur noch die kranke Oma und mein Vater in der Stitzenburgstraße 15 in Stuttgart wohnten, war Hexe, Opas schwarzbrauner Langhaardackel, zu uns nach Künzelsau gebracht worden. Hexe, eine nicht mehr allerjüngste Dackeldame, war nicht nur bei mir und meinen Brüdern, sondern auch bei allen Hundeherren der Umgebung außerordentlich beliebt. Weshalb sie, wenn sie ihre „Tage“ hatte, nicht zuhause im Garten bleiben durfte, während die Familie in der Schule war und nur Rosel zuhause blieb. Rosel war als Hundewächterin nicht geeignet und außerdem viel zu beschäftigt mit Putzen und Kochen und allen anderen Haushaltsdingen. Daher hatte unsere Mutter für diese Notzeiten im Lehrerzimmer ein Körbchen deponiert. Hexe konnte dort, von wechselnden Lehrern bewacht, den Schulvormittag verbringen. Morgens band Mutter die läufige Hündin mit einer langen Leine an ihrem Fahrrad fest und fuhr mit ihr zur Schule. An diesen Tagen waren ich und meine Brüder heilfroh, dass wir den Schulweg nicht mehr gemeinsam mit der Mutter absolvieren mussten. Denn diese Mutter fuhr nun auf ihrem Fahrrad die ganze lange Amrichshäuser Straße hinunter, am Fluss entlang, über die Brücke, und durch die gesamte Altstadt hindurch bis zur Schule – mit Hexe an der Leine und gefolgt von einem langen Zug liebestoller Rüden.
Ich stand immer noch auf dem Flur vor dem Fenster. Ich solle bis zum Ende der Stunde vor der Türe stehen bleiben, hatte Mutter gesagt. Das wäre fast eine dreiviertel Stunde. Und eine halbe Stunde war schon vergangen, seit ich hier draußen stand. Ich hatte keine Uhr, aber die Turmuhr schlug jede viertel Stunde und zweimal hatte sie schon geschlagen. Ich hatte keine Lust mehr, hier Strafe zu stehen. Und außerdem war es ungerecht. Meine Mutter hätte mich zumindest anhören müssen, ehe sie sich von ihrem Sitz in der mittleren Bankreihe auf mich stürzte.
Meine Mutter hatte die Angewohnheit, ihr erhöhtes Lehrerpult zu verlassen und sich mit dem Rücken zur Tafel in der mittleren der drei Bankreihen auf die vorderste Schulbank zu setzen. Die mittlere Bankreihe war die kürzeste, da sie Platz für die Kipptafel lassen musste. Die Schüler, die auf der ersten Bank der Fenster- oder der Wandreihe saßen, befanden sich daher immer hinter dem Rücken und damit außerhalb des Blickfeldes der Lehrerin. So auch ich. Meine Mutter konnte also gar nicht gesehen haben, ob ich geredet, oder einen Papierflieger gefaltet, oder einem Mitschüler Fratzen gezogen hatte. War es nicht schlimm genug, die eigene Mutter als Lehrerin zu haben? Letztes Jahr hatte es einmal richtig geknallt. Wegen Christiane Wechsler, dieser Sklavenseele. Aber da hatte sich meine Mutter fair verhalten. Christiane Wechsler wohnte nur ein paar Häuser weiter in der Amrichshäuser Straße. Und sie versuchte immer, sich bei meiner Mutter beliebt zu machen, indem sie ihr die schwere Schultasche mit den Korrekturheften nachhause trug. Aber das hatten wir dieser Schleimerin dann ein für alle Mal abgewöhnt. Meine Freundin Ruth und ich hatten ihr an der Brücke aufgelauert, hatten ihr Mutters Tasche aus der Hand gerissen und ihr nebenbei einige kräftige Fausthiebe versetzt. Danach musste ich Mutters Tasche zwar selber nachhause tragen, was ganz schön lästig war. Aber der Schleimerin hatten wir es gezeigt.
Und dann, nur wenige Tage später, hüpften ich und meine Banknachbarin zwischen zwei Schulstunden in Vorfreude auf die großen Ferien auf unseren Sitzen auf und ab. Wobei der hinter uns sitzenden Christiane ein Stift aus der im Pulttisch eingekerbten Federrille rollte und zu Boden ging. Christiane hob den Stift auf und rammte ihn mit Wucht in meinen Rücken. Die sich anschließende Rauferei fand unter den anfeuernden Rufen der ganzen Klasse statt, sodass niemand bemerkte, als die Lehrerin das Klassenzimmer betrat. Meine Mutter schob die jauchzenden und grölenden Schüler beiseite, schnappte sich mein linkes und Christianes rechtes Ohrläppchen, befahl die Schüler auf ihre Bänke und zog uns beide vor die Klasse, wobei sie unsere nach unten gedrückten Köpfe fest an den Ohren hielt. Was denn hier los sei, fragte Mutter streng. Christiane heulte mit weinerlicher Stimme los: »Bärbel hat meinen Füller auf den Boden geschmissen!«. Diese Lüge konnte ich keinesfalls auf mir sitzen lassen. Ich holte mit der rechten Hand aus und verpasste der sich noch immer im festen Griff der Mutter befindenden Gegnerin eine kräftige Ohrfeige. Die Klasse johlte und klatschte und die Mutter war so perplex, dass sie uns beide losließ, auf unsere Plätze zurückschickte und uns nicht einmal eine Strafarbeit gab.
Vielleicht war es ja das. Vielleicht hatte Christiane, diese hinterhältige Kuh, ihre Mutter auf meine Mutter gehetzt. Christiane Wechslers Mutter war Juristin und arbeitete auf dem Amt. Sicher hatte Christiane den Vorfall so dargestellt, als ob ich die Schuldige gewesen sei und meine Mutter mich in Schutz genommen hätte. Und sicher hatte sich ihre Mutter daraufhin bei meiner beschwert. Und da wollte diese jetzt ein Exempel statuieren und beweisen, dass sie ihre eigene Tochter nicht schone. Aber auch ein solches Motiv entschuldigte meine Mutter in meinen Augen keineswegs. Im Gegenteil!
Noch immer in Strafacht vor dem Klassenzimmer wartend öffnete ich das Fenster und blickte auf den Kirchplatz. Ich mochte den Kirchplatz. Ich mochte auch meine alte Schule. Und die Kirche, die rechtwinklig zur Schule stand und mit ihrem reich verzierten Portal die Breitseite des Platzes einnahm. Gegenüber der Kirche war der Kindergarten, aber dazwischen war der Platz offen, stieg leicht an und verschwand in einem schmalen Gässchen, das sich entlang der alten Stadtmauer hinzog und zeitweise unter den mittelalterlichen Häusern hindurchführte.
Der Kirchplatz, auf den ich jetzt mit wütenden Blicken schaute, war für mich ein ganz besonderer Ort. Er war zwar auch der Schulhof, auf dem ich in den Pausen mit meinen Mitschülern tobte und im Winter manchmal von Fritz, meiner Schülerliebe, mit Schnee eingeseift wurde. Aber der Kirchplatz war auch ein geheimer Ort, den nur ich allein kannte. Vor zwei Jahren etwa, ich war damals gerade in die Oberschule gekommen, war ich eines Nachmittags im Sommer, ich weiß nicht mehr warum, alleine auf dem Platz gestanden. Ganz alleine. Kein Mensch war zu sehen. Ich hatte mich mit dem Rücken an die Mauer des Schulhauses gelehnt und schaute über den Platz, auf dem die Hitze über dem geteerten Pflaster zitterte. Ich hatte noch nie solche Stille gehört. An einem Ort, der sonst immer von Schülerlärm und Kindergekreisch erdröhnte. Auch die Kindergartenkinder waren heute zuhause geblieben. Und die Vögel schwiegen. Ich sog die Stille in mich hinein. Und die Hitze. Und das tiefklare Blau des Himmels. So einzigartig, so überirdisch waren die Stille, die Hitze, und der unbegrenzte Himmel - und der Platz vor meinen Augen -, dass ich kaum zu atmen wagte. Ich bewegte mich nicht. Ich wollte mich nie mehr bewegen. Nur meine Augen tasteten jede Einzelheit ab. Den leicht vermoderten Holzzaun um den Kindergarten, die Fratzen der Wasserspeier, die den Bogen über der Kirchentüre zierten, die alten, windschiefen Häuser am Ende des Platzes und rechts daneben, gerade noch zu sehen, inmitten eines prall blühenden Gartens das Pfarrhaus. So stand ich mit dem Rücken an das alte Schulhaus gelehnt und schaute und wollte ein Leben lang nur immer dort stehen und schauen. Doch auch dieser Moment würde ja vergehen. Die Sonne würde untergehen, Leute würden zur Abendandacht kommen und ich wurde zuhause erwartet. Irgendwie musste ich diesem Moment aber Dauer verleihen. Meine Augen suchten das Pflaster vor der Kirche ab und fanden, was sie suchten. Ich legte den kleinen spitzen Stein in die Mitte des Platzes, setzte meine rechte Sandale darauf, drückte sie so stark nach unten, dass die Spitze des Steins meine Fußsohle piekte, und drehte mich mehrmals um mich selbst. Als ob ich das Steinchen in meinen Fuß einschrauben wollte. Ein leichter Schmerz nur – aber der würde diese blaue, glitzernde Sonnenstille versiegeln. Eine Ewigkeit lang. Für mein ganzes Leben.




