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Mit einem Ruck wandte ich mich um und schloss das Fenster. Auf dem Flur war niemand zu sehen. Nur aus den Klassenzimmern tönten die unterschiedlichsten Geräusche. Lautstarke Lehrerstimmen, Gegröle und Gelächter von Schülern – da wurde wohl gerade eine Klassenarbeit zurückgegeben –, mehr oder weniger wohltönendes Singen, und konzentrierte, nur vom Scharren der Füße und von gelegentlichen Seufzern unterbrochene Ruhe. Das Schulhaus in Künzelsau hatte nur sieben Klassenräume für sechs Klassen. Wobei der Chemie- und der Physiksaal sowie der Musikraum mit dem Klavier für die jeweiligen Fachstunden reserviert werden mussten. Das verlangte vom Rektor, Herrn Schmidt, der den Stundenplan erstellte, ein Höchstmaß an logistischem Können und von den Schülern, dass sie praktisch nach jeder Schulstunde das Klassenzimmer wechseln mussten. Was immer ein großer Spaß, aber auch nicht ganz ungefährlich war. Knapp 200 Schüler bewegten sich mindestens fünfmal an jedem Vormittag vom oberen in den unteren Stock, oder vom unteren in den oberen, die schmale Treppe hinunter oder herauf. Und wenn dann noch Dr. Wieser vom Chemiesaal ins Lehrerzimmer musste und die Treppe blockierte war Feierabend. Ein Gestoße und Geschiebe war das, ein Lachen und Schimpfen, und manchmal genoss man es auch, dicht an einen Schüler oder eine Schülerin heran geschoben zu werden, die man mochte.
Ich achtete genau auf die Geräusche aus den Klassenräumen, als ich von meinem Platz am Fenster leise die Treppe ansteuerte und vorsichtig, Schritt für Schritt, um Knarren zu vermeiden, die Treppe hinunter und am Lehrerzimmer vorbei ins Freie schlich. Ich hatte mich entschieden. Weder meiner Mutter noch der dummen Christiane Wechsler gönnte ich den Triumph, dass ich am Ende der Stunde als gedemütigte Sünderin wieder gnädig in die Klasse aufgenommen würde.
7. Glaube
Als ich gegen Ende des Krieges in Angst um meine Mutter in den Keller gerannt war und dort betete, wusste ich eigentlich nicht, was ich tat. Ich war noch nie in einer Kirche gewesen, und außer meinem Gute-Nacht-Gebet, in dem der Name Jesu vorkam, kannte ich nichts, was mit Glauben oder Religion zu tun hatte. Der Osterhase, der die Geschenke versteckte, hatte keinerlei religiöse Bedeutung und auch das Christkind nicht. Außer vielleicht das Staunen darüber, dass es das Weihnachtszimmer auf so geheimnisvolle Weise verließ, ehe wir Kinder hineindurften. Und man es daher nie zu sehen bekam. Als die Kirchen nach dem Ende des Krieges schnell damit begannen, vor allem Kinder und Jugendliche für sich zu gewinnen, begann für mich eine ganz neue Zeit. In Künzelsau waren die meisten Menschen evangelisch, wie auch die Kirche evangelisch war, die in der Mitte des Städtchens stand und deren Glocken Tag und Nacht die Zeit verkündeten. Und jetzt wieder allabendlich und am Sonntagmorgen zum Gottesdienst riefen. Bald gab es einen Mädchenkreis für die kleinen und eine Jungschar für die älteren Mädchen und ich war eine der ersten, die die neuen Angebote wahrnahmen. Einmal in der Woche traf man sich im Gemeindehaus, spielte und sang, strickte und las im Neuen Testament – und am Sonntag ging man gemeinsam in die Kinderkirche. Ich war immer in Begleitung meiner Freundin Ruth. Bis Ruths Mutter, die katholisch war und in einer sogenannten Misch-Ehe lebte, ihrer Tochter den Besuch der evangelischen Veranstaltungen verbot.
Immer mehr Zeit verbrachte ich in Kirche und Gemeindehaus, aber erst als Schwester Paula in Künzelsau auftauchte, wurde ich wirklich fromm. Schwester Paula war eine Frau im mittleren Alter, mit dunklen Augen und graubraunem Haar, das im Nacken in einen festen Knoten gepresst war. Schwester Paula trug immer dunkle Kleidung. Als ob sie in Trauer wäre oder wie eine Büßerin, die die Sünden der Welt abzutragen hätte. Auf dem Kopf trug Schwester Paula eine kleine schwarze Haube mit schmalem weißem Rand. Offenbar das Abzeichen eines Ordens, dem sie angehörte, oder dem sie einmal angehört hatte. Schwester Paula war während des Krieges in der christlichen Mission in Afrika tätig gewesen und konnte stundenlang von armen, verhungerten Negerkindern erzählen, deren Augen strahlten, wenn sie ihnen von Jesus und seiner Liebe zu den Menschen sprach, und die sie aus den Fängen eines barbarischen Irrglaubens hatte retten können. Schwester Paula war die zuständige Gemeindeschwester, bei der ich zu Jungschar und Bibelstunde ging, und die immer größeren Einfluss auf mein Leben gewann. Sie hatte mich zu einer gläubigen Christin gemacht, und hieß mich zum Beispiel für das Seelenheil meines Onkels beten, der aus der Kirche ausgetreten war. Und später Danksagungen gen Himmel schicken, als meine Gebete erhört wurden und der Onkel wieder in die Kirche eintrat. Erst sehr viel später fiel bei mir der Groschen und ich erkannte, dass der Onkel sowohl den Austritt als auch den Wiedereintritt in die Kirche dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend und seiner Karriere zuliebe vorgenommen hatte.
Schwester Paula lehrte mich beten und an Wunder glauben. Als ich ein verlorenes Silberarmbändchen nach intensiven Stoßgebeten zum lieben Heiland in einem der Nachbarsgärten zwischen den Kieselsteinen wiederfand, war das ein Wunder, das mir Gott hatte zuteilwerden lassen. Regelmäßig spendete ich die Hälfte meines Taschengeldes für die Mission in Afrika und übergab Schwester Paula den gesamten Geldbetrag, den ich am Samstag vor dem Muttertag als dreizehnjährige durch den Verkauf von selbst gepflückten Blumen erwirtschaftet hatte. Nach meiner Konfirmation begann ich als Kinderkirchenlehrerin die kleineren Jungen in biblischer Geschichte zu unterrichten.
Später kamen abendliche Treffen mit Schwester Paula hinzu. Sie waren irgendwie gruselig, aber doch so voller traumseliger Nähe und überirdischer Ahnung, dass ich wie süchtig auf die wöchentlichen Sitzungen wartete. Eine kleine Gruppe ausgewählter junger Mädchen versammelte sich im hoch über der Stadt gelegenen Kirchturmzimmer. Wenn es dämmerig wurde lasen wir bei Kerzenschein, denn es gab im Turmstübchen kein elektrisches Licht. Meiner Erinnerung nach lasen wir hauptsächlich in der Offenbarung des Johannes. Ich erzitterte vor den Visionen des Jüngsten Gerichts, widersetzte mich mit den anderen Mädchen dem Antichristen und war fest davon überzeugt, dass das Ende der Welt nahe bevorstand. Schwester Paula betete und sang mit uns, erklärte uns die Gesichter des prophetischen Apostels, und wenn wir uns dann an den Händen hielten und gemeinsam das Vaterunser gebetet hatten, sagte sie uns die Formel vor, mit der wir vereint dem Satan abschworen. Wie im Rausch ging ich nachhause. Lobte Gott ewige Treue und verspürte beißende Reue darüber, dass ich den Segensspruch, der meinem Freund Fritz bei der Konfirmation zugeteilt worden war, schneller auswendig kannte als meinen eigenen.
Bis die Sache mit dem Stadtpfarrer passierte.
Es war in der fünften Oberschulklasse. Ich war ein Jahr vorher konfirmiert worden und unterrichtete seither Sonntag für Sonntag in der Kinderkirche. Ein vorübergehend nach Künzelsau abgeordneter Vikar hatte unsere Klasse fast ein ganzes Jahr in Religion unterrichtet. Mit seinen spannenden Erzählungen aus der biblischen Geschichte hatte er alle Schüler in Bann gezogen, musste dann aber Künzelsau verlassen. Seit dem neuen Schuljahr war daher der Stadtpfarrer Hartmann unser Religionslehrer. Eine mittlere Katastrophe. Der Unterricht des Herrn Pfarrer war totlangweilig. Meist war ich die einzige in der Klasse, die seinem Unterricht folgte und seine Fragen beantwortete. Bis dem Stadtpfarrer eines Tages die Geduld riss über diese unaufmerksame und ständig schwatzende Schülerbande, die er nicht in den Griff bekam und einem Schüler eine schallende Ohrfeige verpasste. Einem Schüler, der einer der stillsten und schwächsten der Klasse war, der von den anderen häufig gehänselt und geschubst wurde und der gewiss keinen Ton von sich gegeben hatte.
Die Schüler waren empört. Da der Klassensprecher katholisch war, gab es niemanden, der dem Herrn Pfarrer den Protest hätte überbringen können. Auch war den meisten Schülern meiner Klasse der Religionsunterricht ohnehin egal. Nur mir nicht. Es konnte nicht sein, dass ein Pfarrer einen Schüler schlug – und das noch ohne sich vergewissert zu haben, ob dieser Schüler den Unterricht wirklich gestört hatte. Ich forderte meine Mitschüler zum Boykott auf. Keiner dürfe in die nächste Religionsstunde das Gesangbuch mitbringen oder das Neue Testament. In der nächsten Religionsstunde müsse mit dem Stadtpfarrer über diesen Vorfall gesprochen werden.
Als der Stadtpfarrer in der nächsten Religionsstunde die Klasse aufforderte, Matthäus II aufzuschlagen, begann die ganze Klasse zu kichern. Kein Schüler und keine Schülerin hatte die Bibel dabei. Aber es meldete sich auch niemand, um dem Pfarrer zu erklären, was da vor sich ging! Ich war wütend. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Da keiner meiner Mitschüler Anstalten machte, das Wort zu ergreifen, stand ich schließlich selber auf und sagte dem Herrn Pfarrer, dass wir die Bücher absichtlich zuhause gelassen hätten, und dass alle in der Klasse der Meinung seien, im Religionsunterricht dürfe nicht geschlagen werden. Der Pfarrer begann sich zu rechtfertigen und wies auf den Lärmpegel in der Klasse hin. Und dass die Schüler anders nicht zu disziplinieren seien.
»Aber beim Herr Vikar waren alle still. Sein Religionsunterricht war immer interessant. Da haben alle Schüler mitgemacht. Der Herr Vikar musste nicht schlagen! «
Ob der Pfarrer die Stunde zu Ende führte oder das Klassenzimmer gleich nach dem Wortwechsel mit mir verließ, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass es Pfarrer Hartmann nach diesem Vorfall ablehnte, nochmals in unserer Klasse zu unterrichten. Und dass er mir ein Schuldtrauma hinterließ. Ich hatte den Pfarrer angegriffen! Ihn, der doch auch für mich hohe, wenn nicht höchste Autorität besaß. Wie hatte ich das nur tun können! Wie konnte ich das je wiedergutmachen? Tagelang schlich ich nach der Schule um das Pfarrhaus herum - bis ich mir schließlich ein Herz fasste und bei dem Pfarrer klingelte. Und mich schuldbewusst und tränenreich entschuldigte.
Der Stadtpfarrer schätzte meinen Einsatz als „Hilfspastorin“ in der Kinderkirche. Er nahm meine Entschuldigung an. Aber für mich selbst war dieser Vorfall der Beginn eines Erosionsprozesses, der dazu führte, dass ich Jahrzehnte später aus der Kirche austrat.
8. Erste Liebe
Unser Haus in der Amrichshäuser Straße stand etwa 300m oberhalb des Flusses, auf dessen jenseitiger Seite das Sportfeld lag. Die Entfernung zu dem Platz war per Luftlinien also nicht besonders weit. Der Fluss teilte sich unten bei der Badeanstalt, kurz vor dem Sportplatz. In den Kanal, der den Großteil des Wassers geradeaus zur Stadt führte und die Lohmühle speiste, und den Restfluss, der bei der Badestelle, am Anfang des Kanals, rechts über ein Wehr ablief, dann einen großen Bogen um den Sportplatz machte, um am Ende des Ortes hinter der Brücke das Kanalwasser wiederaufzunehmen. Der Alt Fluss, der meine Uferseite vom Sportplatz trennte, war flach und breit und voller Steine und führte im Sommer fast kein Wasser. Nur jetzt, im Frühjahr, war er etwas angeschwollen.
Mit dem Fernglas, das ich trotz des Verbotes der Mutter aus dem Bücherschrank genommen hatte, konnte ich nach einiger Übung und wenn ich den Arm auf das Fensterbrett legte und ihn ganz ruhig hielt von unserer Wohnung aus ziemlich genau erkennen, wer sich da auf dem Sportplatz herumtrieb. Die beiden letzten Schulstunden waren heute ausgefallen und da hatten wir, ich selbst, mein Freund Fritz, dessen Freund Klaus und meine Freundin Hanne, vor dem Schulhaus mit den Fahrschülern, die auf ihren Zug warten mussten, verhandelt, ob man noch etwas unternehmen wolle. Das war üblich, wenn Randstunden ausfielen. Für mich waren die freien Randstunden das Schönste an der Schule. Eine ganze Stunde mit Fritz reden, spielen, raufen, oder sich im Winter eine Schneeballschlacht liefern!
Zwar sah ich Fritz täglich in der Schule. Und manchmal sogar beim Sonntagsspaziergang, wenn seine Eltern zufällig den gleichen Spazierweg genommen hatten und uns auf ihrem Rückweg entgegenkamen. Dann hatten wir uns immer schon von weitem erspäht. Während wir uns näherkamen, hefteten sich unsere Augen aneinander, und wenn Fritz mit seinen Eltern an mir vorbeiging, klopfte mein Herz wie wild. Dass ich Fritz täglich in der Schule sah, verlieh der Schule einen beglückenden Reiz. Wenn wir nach den Schulstunden die Klassenräume wechseln mussten, konnte Fritz mir in dem lärmenden Gedrängel oft so nahekommen, dass ich sein liebevolles Anrempeln wie eine Umarmung empfand. Dabei steckte er mir manchmal kleine Geschenke zu. Wie zum Beispiel die Geo- Dreiecke aus braunem Plastik, deren Einzelteile ich noch als Studentin in meinem Federmäppchen mit mir führte, und die damals, so kurz nach dem Krieg, eine Kostbarkeit waren. Geo- Dreiecke waren, wenn man überhaupt welche bekommen konnte, aus Pappe oder aus Holz. Aber Fritzens Tante hatte einen Schreibwarenladen, und so war er an die beiden Prachtstücke gekommen, die er mir unter dem Schutz des Schülerhaufens in der Pause in die Hand schmuggelte. Oder aber er steckte mir eine Zeichnung zu. Für den Kunstunterricht oder auch eine Erdkundezeichnung. Fritz war kein guter Schüler, war aber Klassenbester in Kunst und Sport.
Dass ich mein Abitur mit dem großen Latinum abschloss, was für meinen späteren beruflichen Werdegang nicht ganz unwichtig war, verdanke ich meiner Schülerliebe. Nach der zweiten Oberschulklasse musste ich entscheiden, ob ich Französisch oder Latein als zweite Fremdsprache nehmen wollte. Fritz hatte für Latein optiert und so stand für mich fest, dass auch ich Latein lernen würde. Und ich blieb dabei. Trotz aller Bemühungen meiner Mutter, mir klarzumachen, dass Französisch eine viel schönere Sprache sei, die mir außerdem im späteren Leben von viel größerem Nutzen sein würde, und die auch viel besser zu einem Mädchen passe. Beeindruckt von meiner Standhaftigkeit und weil mein Vater erste Anzeichen von wissenschaftlichem Ehrgeiz in seiner Tochter zu erkennen glaubte, gab die Mutter schließlich nach. Ich wurde der kleinen Gruppe der „Lateiner“ zugeordnet. Zusammen mit Fritz, der allerdings nach zwei Monaten zu den „Franzosen“ überwechseln musste, weil Latein angeblich zu schwierig für ihn war.
An diesem speziellen Tag war ich nach der Schule unschlüssig neben Fritz bei der kleinen Schar von Schülern gestanden, die den Weg nachhause nicht angetreten hatten, bzw. ihn noch nicht antreten konnten, und überlegte mit ihnen, was man bis zur Abfahrt der Fahrschüler noch unternehmen könne. Sollte man eine Runde Fangerles spielen oder Verstecken, was in den verwinkelten Gässchen immer sehr spannend war, oder sollte man nachsehen, ob es beim Konditor Österlin schon Eis gab. Immerhin war es April und erste heiße Tage hatte es schon gegeben. Das Wetter war durchwachsen, der Himmel bewölkt. Vielleicht würde es bald regnen. Irgendwie hatte dann aber doch niemand so recht Lust auf Eis oder auf Spielen und auch ein Stadtbummel reizte nicht wirklich. Das Grüppchen beschloss, nachhause zu gehen. Die Fahrschüler würden in einem leerstehenden Klassenzimmer ihre Hausaufgaben erledigen.
Und jetzt, etwa eine viertel Stunde später, stand ich mit dem Fernglas am Fenster unseres Wohnzimmers und versuchte herauszufinden, wer sich da auf dem Sportplatz tummelte. Mehrere Figuren waren das, vier oder fünf, die da hinter einander herrannten, jetzt auf dem Holzbalken saßen, der das Fußballfeld umgrenzte, und dann wieder zu rennen begannen. Und jetzt wieder nebeneinander auf dem Balken saßen. War es wirklich möglich, dass Fritz und Klaus ohne mich, ja sogar entgegen unserer gemeinsamen Abrede, mit den Fahrschülerinnen auf den Sportplatz gegangen waren? Und jetzt dort mit ihnen spielten?
Meine Augen hatten sich inzwischen an das Fernglas gewöhnt. Ich konnte jetzt alles genau erkennen: Fritz war zusammen mit den beiden Ursulas auf dem Sportplatz! Ich wollte es nicht glauben. Wie konnte er nur? Ursula Veigel und Ursula Weiß hatten einen schlechten Ruf in der Klasse. Ich wusste eigentlich nicht warum. Vielleicht „gingen“ sie ja schon mit Jungen, oder hatten einen Freund aus dem Lehrerseminar, das nach dem Krieg im Schloss eingezogen war. Jedenfalls waren sie die ältesten Mädchen in der Klasse, mehr als ein Jahr älter als ich, und sie kannten sicher schon Sachen, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich war die jüngste in der Klasse und brannte jetzt vor Eifersucht.
Fritz gehörte zu mir! Er hatte immer zu mir gehört und jeder in der Klasse wusste das! Fritz liebt Babsi! oder Babsi liebt Fritz! stand mindestens einmal in der Woche auf der großen Kipptafel, wenn ein Lehrer sie umdrehte, um die Hausaufgaben für die Klasse aufzuschreiben. Und die ganze Klasse kicherte. Ich konnte mich nicht erinnern, ob Fritz auch schon mit mir in der Klasse von Herrn Faude gewesen war. Aber ich wusste, dass ich ihn kannte und mochte, sehr mochte, seit ich in der Oberschule war. Und Fritz mochte mich auch. Dessen war ich mir sicher. Warum sonst die Geo-Dreiecke und die Zeichnungen und das – ich wurde rot, wenn ich daran dachte –, das verbotene Zusammentreffen unserer Füße unter der Schulbank. Wenn ich mich an die Stunden erinnerte, in denen ich direkt vor Fritz saß, in einer der langen Bänke, mit denen nur der Chemie- und der Physiksaal ausgestattet waren, dann erschauerte ich. Normalerweise saß ich weder im Chemie- noch im Physiksaal direkt vor Fritz, der seinen Platz in der dritten Jungenreihe hatte, während ich in der zweiten Mädchenreihe saß. Nur im evangelischen Religionsunterricht, den die katholischen Schüler nicht besuchten, hatte es sich ergeben, dass ich in der letzten Mädchenbank saß und Fritz in der ersten Jungensbank direkt hinter mir. Und dann spürte ich eines Tages diese unsäglich wohlige Wärme in mir aufsteigen, als meine Füße versehentlich mit Fritzens Füßen zusammenstießen. Und dann immer wieder. Nicht mehr aus Zufall, sondern weil wir beide, kaum hatte der Religionsunterricht begonnen, wie Süchtige den Kontakt unter der Bank suchten. Fast die ganze Religionsstunde über brannte sich das Sündenfeuer von meinen Füßen aufwärts in die Seele. Und ich wusste, dass das, was ich da fühlte – ausgerechnet im Religionsunterricht – eine besonders schwere Sünde war.
Sollte das alles jetzt nicht mehr gelten? Wollte Fritz mich für eine dieser zickigen Puten aus Ingelfingen aufgeben! Konnten seine Blicke so lügen! Noch heute Morgen hatte er mich mit seinen dunklen Augen so angesehen, dass ich, wie immer, wenn sein Blick mich traf, vor Wohlgefühl zu zerschmelzen meinte. Und dass er mich als einziger Mensch in ganz Künzelsau mit meinem richtigen Namen ansprach: Barbara! Nicht Bärbel, oder Babsi, oder Babs wie alle anderen! All das sollte jetzt keine Bedeutung mehr haben! Wenn Fritz mich Barbara nannte, war das wie eine Liebkosung.
Ich stand am Fenster und starrte hinaus. Auf dem Sportplatz bewegten sich vier kleine Pünktchen, entfernten sich voneinander, liefen auf einander zu, um dann so nahe zusammen zu stehen, dass sie in einem großen Punkt verschmolzen. Ich war alleine zuhause. Meine Mutter und die Brüder waren in der Schule und Rosel war offenbar zum Einkaufen gegangen. Ich dachte an die heimlichen Ausflüge, die ich im letzten Sommer und auch schon im Jahr davor mit Fritz gemacht hatte. Ich und meine Freundin Hanne hatten sich für eine Tagestour mit dem Fahrrad zuhause abgemeldet und das gleiche hatten Fritz und sein Freund Klaus gemacht. Vor der Stadt, da wo die Straße nach Kupferzell steil ansteigt und die katholische Kirche etwas verlassen am Berg steht, trafen wir uns, um die gemeinsame Tour zu beginnen. Fritz und ich fuhren immer nebeneinander, eskortiert vom besten Freund und von der besten Freundin, die selbst kein Pärchen waren, aber selbstverständlich gerne mitfuhren.
Schon seit meinem zwölften Lebensjahr hatte ich Fahrradtouren unternommen. Natürlich nur mit der Freundin, aber da die Mutter in dieser Hinsicht großzügig war, durfte ich schon als Zwölfjährige mit der nur um ein Jahr älteren Hanne mehrere Tage unterwegs sein und in Jugendherbergen übernachten. So hatte ich in fast allen Ferien Radtouren in die nähere und weitere Umgebung unternommen und kannte alle Kirchen und Schlösser, alle berühmten Kunstschätze, Madonnenbilder und geschnitzten Altäre, alle von Fachwerkhäusern umstellten Marktplätze, die in zwei bis drei Tagesreisen Entfernung von Künzelsau zu besichtigen waren.
Aber die Tagesausflüge mit Fritz, von denen weder seine noch meine Eltern noch auch die Eltern unserer Freunde etwas wussten, waren besonders. Natürlich waren Fritz und ich nie allein. Davon hätte ich nicht einmal geträumt. Die Innigkeit, die daraus entstand, dass wir in so großer Nähe beieinander waren, dass wir einen ganzen Tag lang alles gemeinsam machten, die Räder gemeinsam die Scherersteige hinaufschoben, um auf der anderen Seite freihändig und jubelnd nebeneinander hinunter zu sausen, das gemeinsame Picknick im Wald, die Gespräche über die Schule, die Schulkameraden und vor allem über die verrückten Lehrer, – all das war so voll betörenden Glücks, dass ich mir nichts weiter vom Leben wünschte, als dass diese Tage nie vergehen würden.
Und jetzt spielte Fritz da unten mit den „Ursulinen“! Noch immer stand ich unbeweglich am Fenster. Aber in mir kochte es. Etwas Unbändiges, etwas, von dem ich nicht wusste, ob es Wut, Sehnsucht, Liebe, Empörung oder Hass war, etwas, das ich noch nie zuvor gefühlt hatte, überfiel mich wie ein Sturzbach. Keine Sekunde länger konnte ich das ertragen.
Wie ich zum Fluss gekommen war, wusste ich später nicht. Mit der Starrheit einer Traumwandlerin verließ ich das Haus, bog am Ende der Straße nach rechts in den Feldweg ein, an dessen Anfang noch einige Häuser standen, der aber weiter unten in eine große Wiese mündete, an deren Ende der kanalisierte Fluss entlanglief. Und an deren rechten, dem Sportplatz zugewandten Seite das alte Flussbett verlief. Manchmal, nach starkem Regen, gab es etwas Wasser im Alt Fluss, aber trotzdem konnte man, die Schuhe in der Hand, mitsamt Kleidern und Badesachen das breite Flussbett leicht durchqueren. Jetzt war April. Im April konnte man nicht baden und ich hatte den Fluss noch niemals im April durchquert. Jetzt führte er Wasser. Ziemlich viel und ziemlich schnell fließendes Wasser. So dass auch die größeren Steine von Wasser bedeckt waren. Aber ich kannte ja die Furt, kannte jeden Stein. Von so vielen Badetagen in vielen Badesommern her kannte ich den besten Übergang. Ich zögerte keinen Moment. Ich musste auf die andere Seite. Auf der anderen Seite war der Sportplatz. Und auf dem Sportplatz waren Fritz und die Mädchen! Ich musste hinüber. Auch wenn mir das Wasser bald bis zum Knie stand und dann weiter anstieg, mein Kleid und dann meine Unterhose erreichte, und ich der stärker werdenden Strömung des Flusses kaum standhalten konnte. Ich musste hinüber. Diesen Verrat konnte ich Fritz nicht durchgehen lassen. Und den beiden Ziegen aus Ingelfingen würde ich es zeigen! Ich stolperte. Die Steine waren glitschig und das schmutzig braune Wasser machte es unmöglich, sich einen flachen Stein als Tritt auszusuchen. Mit Händen und Füßen tastete ich nach Halt, versuchte verzweifelt, der Strömung zu widerstehen und mich über Wasser zu halten. Doch ich stürzte, fiel der Länge nach in den Fluss und konnte mich, klitschnass von Kopf bis Fuß, nur mit Mühe zurück an mein eigenes Ufer retten.
Als ich mit nassen Haaren und triefendem Kleid den Wiesenweg entlang und dann das kleine Straßenstück bis zu unserem Haus zurückging, war mir, als würde ich Spießruten laufen, obwohl kein Mensch auf der Straße war. Zornestränen liefen mir übers Gesicht. Zornestränen über mich selbst! Ich glaubte, jeder Mensch müsse mir ansehen, welch ungeheuerliche Dummheit ich da vorgehabt hatte. Auf den Sportplatz rennen, Fritz zur Rede stellen, die beiden Mitschülerinnen beschimpfen! Wie konnte ich nur! Wie schrecklich hätte ich mich blamiert, wenn der Fluss mich nicht aufgehalten hätte! Die Scham drang mir bis ins Mark.
Zuhause angekommen wechselte ich die Kleider und schloss mich im Kinderzimmer ein. Noch waren die anderen nicht von der Schule zurück. Ich holte ein sauberes Heft aus meinem Ranzen und schrieb mit meinem lecken Füllfederhalter, der nach jedem Gebrauch Tintenflecken auf Zeige- und Mittelfinger zurückließ, mit möglichst sauberen Buchstaben folgendes Gelöbnis in mein Heft:
»Nie mehr werde ich Fritz ansehen. Ich werde mich zur Seite drehen, wenn er mich anschaut. Nie mehr werde ich im Religionsunterricht vor ihm sitzen und ich werde niemals mehr eine Radtour mit ihm machen. Ich werde nicht mehr mit ihm spielen. Ich werde so tun, als gäbe es Fritz Weidler nicht«.




