Sag niemals, das ist dein letzter Weg

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In diesem Augenblick stürzte der Motorradfahrer und war auf der Stelle tot. Ich ging schneller und schaute mich nicht um – ich hatte Angst, dass man mich einholen und beschuldigen würde, an seinem Unfall schuld zu sein.
Der Weg war lang und anstrengend. Als ich morgens in der Stadt ankam, ging ich sofort zur Wohnung meiner Eltern. Sie wohnten damals in der Ignatova-Straße. In der Wohnung fand ich nur meine Mutter und Frau Bak, die Mutter des Ehemannes meiner Schwester. Beide Frauen sahen um zwanzig Jahre gealtert aus. Meine erste Frage war: »Wo sind die Männer?« Sie antworteten, dass die Männer nicht weit von Ponar arbeiteten. Da konnte ich nicht mehr, ich fing an zu weinen. Und ich erzählte, was in Ponar vor sich ging. Wenn die Männer wirklich noch einmal von Ponar zurückkämen, so sollten sie sich schnell verstecken. Als sie das gehört hatten, fingen sie bitterlich an zu weinen. Damals wusste ich noch nicht, dass beide Männer zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben waren.
Meine Mutter umarmte mich und sagte: »Beruhige Dich, mein Kind, es wird alles gut!« Sie wollte nicht zulassen, dass ich zu meiner Schwester ging. Sie wies mich an, nach Hause zu gehen und mich um meinen Mann und mein Kind zu kümmern. Und so bin ich nach Ponar zurückgekehrt.
Täglich hörte man Schüsse auf den Straßen. Juden wurden erbarmungslos zusammengeschossen. Täglich ergingen neue Befehle, die Juden zu verfolgen. Ein deutscher Polizist kam in unsere Wohnung und sah zufällig unser Radiogerät auf dem Tisch stehen. Wütend schrie er uns an. Ich nahm sofort das Gerät und legte es in den Puppenwagen meiner Tochter. Ich sagte: »Das Ding ist schon lange kaputt, das Kind spielt nur damit.«
Jeder Tag, der vorbeiging, brachte uns Angst und Schrecken. Mein Rücken schmerzte vom täglichen Beugen über die Kartoffelkiste und beim Neuordnen der Kartoffeln darum herum.
Nani, unsere Kinderfrau, nahm aus unserem Proviant täglich mit, was ihr gefiel, als ob es schon ihr gehörte. Wie kann sich ein Mensch so ändern? Immer war sie die Liebe in Person gewesen – und jetzt? Eines Morgens sagte unsere Vermieterin, dass die Deutschen auch die Angestellten von Juden verfolgten, sie müsste sich auf das Schlimmste gefasst machen. Am gleichen Tag noch war Nani ohne Wiederkehr verschwunden.
Die Tage wurden immer schrecklicher. Man erzählte, dass alle Juden ins Ghetto getrieben werden sollten. Wir hofften, dass das Schießen nun einmal aufhören würde, aber es wurde mehr und mehr. Unsere Rollläden waren schon lange fest geschlossen, aber die Schreie von Frauen und Kindern wurden stärker und stärker, sie drangen uns durch Mark und Bein. Es kam uns vor, als ob es in Wilna gar keine Juden mehr geben könnte. Die Leute erzählten, dass man Jung und Alt zum Tode führte, dass die Kinder bei lebendigem Leibe mit den Alten begraben würden, dass auch Nichtjuden und sogar Geistliche brutal ermordet würden.
Es war bitter und finster in unseren Herzen. Unsere Tränen waren schon ausgetrocknet, wir schauten uns gegenseitig an und konnten es nicht fassen. Lebten wir denn in einem Schlachthaus? Und trotz allem, was uns Tag für Tag begegnete, verließ uns die Hoffnung nicht. Eines Tages – bald – würde das alles vorbei sein und wie ein böser Traum enden.
Die Geschichte von Tante Jannina
Wer ist Tante Jannina? Von ihr muss jetzt erzählt werden.
Jannina war die Schwester meines Vaters. Unser Opa – der Vater meines Vaters – lebte in einem Dorf, wo er einen Hof gepachtet hatte. Alle seine Söhne schickte er nach Wilna, damit sie dort studieren konnten. Die älteste Tochter wanderte in die USA aus. Die kleinste, Chanale, blieb zu Hause, ihr Vater sorgte für sie, lehrte sie die jüdischen Gebete zu lesen und jüdisch zu beten. Ihre Freunde und Freundinnen waren allerdings Christenkinder. Mit ihnen spielte sie in Wald und Feld. Gott hatte ihr ein schönes Gesicht und eine schöne Stimme beschert, sie sang und tanzte wunderschön. Der reichste Mann im Dorf, der die größten Äcker gepachtet hatte, fand Gefallen an ihr und lockte sie oft mit Süßigkeiten und Geschenken in sein Haus. Eines Tages war Chanale verschwunden. Man suchte sie überall und glaubte schließlich, sie sei im Teich ertrunken oder im Wald verschwunden.
In Wahrheit aber hatte der Pächter sie entführt und in das Benediktinerinnen-Kloster von Wilna gebracht. Dort wurde sie getauft und bekam den Namen Jannina. Neun Jahre vergingen, da begegnete mein Vater einer Schar junger Mädchen, einer Schulklasse in langen schwarzen Kleidern, die von Nonnen vorbeigeführt wurde. Er dachte: »Solche hübschen Mädchen sollen Nonnen werden?« Er schaute sie aufmerksam an und merkte, dass auf einmal ein Mädchen aus der Gruppe ins Kloster zurücklief. In diesem Augenblick erkannte er seine Schwester und schrie: »Chanale, Chanale!« Aber sie verschwand im Kloster. Damals war sie schon in der achten Klasse des Gymnasiums und besuchte gleichzeitig das Konservatorium.
Diese Begegnung beunruhigte meinen Vater sehr. Er fuhr zu Opa ins Dorf und erzählte ihm, was er erlebt hatte. Danach fuhr Opa ins Kloster, aber dort stritt man alles ab. Er ging sogar mit der Polizei hin, aber das war auch umsonst. In den Listen, die man ihm zeigte, wurde sie unter einem anderen – adligen – Namen geführt. Man berichtete uns, dass sie an dem Tag, als mein Vater sie erkannte, zu einer reichen adeligen Familie in Kafkas verbracht worden war. Es war die Familie des Gutsbesitzers aus unserem Dorf. Sie heiratete dort einen Ingenieur aus dieser Familie, der bei Ölbohrungen arbeitete. Er war viel älter als sie und ein edler, anständiger Mann.
Auch sie hatte ein trauriges Schicksal. Während der russischen Revolution, als sie schon Mutter von drei Söhnen war, sperrte man alle Aristokraten ein, dabei auch ihren Mann. Sie blieb mit den Kindern allein zurück. Doch sie war eine unerschrockene Frau und es gelang ihr schließlich, ihren Mann zu befreien. Sie kaufte ihn mit ihrem wertvollen Schmuck frei. Mit der Eisenbahn flüchteten sie von Ort zu Ort. Eine Typhus-Epidemie nahm ihnen ihre drei Söhne. Nach vielen Irrwegen erreichten sie schließlich Kowna in Litauen. Dort konnten sie sich niederlassen; ihr Mann bekam eine gute Stellung, sie konnten eine Zeit lang ein normales Leben führen und sie bewohnten ein schönes Haus.
Die Sehnsucht, ihre Familie wiederzufinden war groß, aber Kowna und Wilna waren durch eine »eiserne« Grenze getrennt.
Auf einer Reise nach Paris lernte sie einen Priester kennen, der ein Freund der Juden war. Sie zeigte ihm Fotos aus ihrer Kindheit. Auf einem dieser Bilder war mein Vater in einer Werkstatt für Textilmaschinen abgebildet. Zu ihm kam eines Tages der Priester in die Werkstatt. Er befragte ihn über seine Familie und er erzählte ihm von seiner verschollenen Schwester Chanale, die jetzt in Kowna wohne und versuchte, etwas über ihre Familie zu erfahren. Damals war sie wieder Mutter eines Sohnes, den sie in Kowno geboren hatte. Mein Vater war voller Freude, auf diese Weise wieder eine Spur von seiner Schwester erhalten zu haben. Er erzählte dem Priester alles über seine Familie. Wir Kinder erfuhren nichts von diesen Tatsachen, aber unsere Mutter war genau informiert.
Damals waren wir in unserer Sommerwohnung, nicht weit von Wilna entfernt. Unser Opa wohnte bei uns, alle seine Kinder außer meinem Vater waren nach Amerika ausgewandert. Vater erzählte uns, dass eine Jugendfreundin zu uns auf Besuch gekommen sei. Freitags um fünf Uhr erschienen meine Eltern in Begleitung einer eleganten Frau. Ihren Sohn hatte sie bei dem befreundeten Priester zurückgelassen. Alles war für den Sabbath vorbereitet. Auf dem Tisch lag eine weiße Sabbathdecke, die Sabbathkerzen brannten, die Chalot (zwei geflochtene Hefeweißbrote) waren mit einem weißen Tuch bedeckt, und, nicht zu vergessen, da stand der Wein zum Kiddusch2, dem Sabbathsegen. Alles wartete auf Opa. Endlich kam er aus der Synagoge.
Alles saß um den Tisch herum, Jannina zwischen uns, sie war wie versteinert. Sie beobachtete ihren Vater und konnte sich kaum zurückhalten. Opa war mit dem Ritual beschäftigt und schaute gar nicht in ihre Richtung. Auf einmal hörten wir, wie unser Gast bitterlich weinte. Opa wandte sich ihr zu und fragte: »Warum weinen Sie denn?«
Da stand sie plötzlich auf, kniete vor ihm nieder und sagte auf polnisch immer wieder: »Vater, verzeihe mir!« Ihre Muttersprache Jiddisch hat sie inzwischen vergessen.
Opa war wie versteinert. Er hatte Tränen in den Augen, legte seine Hände auf ihren Kopf und sagte: »Mein Kind, ich verzeihe Dir! Alles das, was geschehen ist, war nicht deine Schuld. Gott wird Dir verzeihen, ich habe es schon getan. Das war Schicksal. Dich trifft keine Schuld. Böse Menschen haben das auf ihrem Gewissen. Du warst damals noch ein Kind.«
Jetzt hatten wir alles begriffen, und von diesem Moment an war die Verbindung zwischen uns und Jannina wieder hergestellt. Sie besuchte uns dann noch dreimal; beim dritten Mal war unser Opa nicht mehr am Leben, er starb im Alter von 90 Jahren. Sein Tod hat uns sehr mitgenommen. Jannina beteiligte sich an der Errichtung seines Grabsteins.
1939 brach der Krieg aus, und1940 übergaben die Russen Wilna den Litauern. Damals verkaufte Jannina ihr Haus in Kowna und übersiedelte nach Wilna. Dort wohnte sie mit ihrer Familie in der Schwurzinaistraße. Ihr einziger Wunsch war nun, in der Nähe ihrer Familie zu sein.
Eines Tages kam sie nach Ponar und besuchte uns. Sie bat uns, unsere Tochter Tamar in ihre Obhut zu geben. Sie meinte, dass wir es ohne das kleine Mädchen leichter haben würden davonzukommen.
Um es uns leichter zu machen, erzählte sie von ihren eigenen Schicksalsschlägen, vor allem, wie sie ihre drei Söhne verloren hatte. Es fiel uns sehr schwer, eine Entscheidung zu treffen; wir glaubten, dass wir uns nicht von unserem Kind trennen könnten, aber der Verstand sagte uns, dass Tante Jannina recht hatte. Sie nahm Tamar mit. Am nächsten Tag schickte sie eine Kutsche, um Tamars restliche Sachen abzuholen. Wir versuchten unserer Tochter einzuprägen, dass sie jetzt den Namen Teresa hatte und dass ihre Mutter jetzt Jadwiga und ihr Vater Joseph Scharwinski hießen.
Fluchtversuche
Nach ein paar Tagen kam unsere Nachbarin zu uns. Sie erzählte, dass wir noch in dieser Nacht abgeholt werden sollten; sie hatte es aus einer zuverlässigen Quelle. Auch die Juden aus Landarowa sollten abgeholt und wir sollten alle hingerichtet werden, da angeblich im Ghetto kein Platz mehr für uns sei.
Die Familie Panis war bei uns. Wir bedankten uns bei den Nachbarn und baten sie, auch die Familie Mandelbaum zu benachrichtigen. Wohin sollten wir gehen? Wir waren verzweifelt. Unsere Vermieterin richtete für uns zwei Rucksäcke mit Proviant und warmen Decken her; auch Panis‘ sollten das gleiche tun. Sie erklärte uns, dass hinter dem »Hinrichtungswald« ein weiteres Waldgebiet läge, in dem ein Förster wohne, den sie kenne. Zu ihm könnten wir gehen. Wenn wir ihn mit Wertsachen bestechen könnten, würde er uns behilflich sein. Sie war bereit, uns den Weg zu zeigen. Einzeln gingen wir hintereinander her. Die Männer trugen die Rucksäcke. Es nieselte und die Straße war finster, wir konnten nur eben das Kopftuch der Nachbarin erkennen. Wir mussten den Bahnhof von Ponar überqueren, schlichen am Haus des Todeskommandos vorbei und auch am Haus des deutschen Befehlshabers. Es war ein großes Risiko, aber der Wille zu überleben besiegte die Angst. Der Regen wurde stärker. Es waren keine Leute auf der Straße. Seit zwei Stunden waren wir unterwegs – es kam uns vor wie eine Ewigkeit.
Am Eingang zum Wald verließ uns Frau Kaschiozowa. Es sollten noch etwa fünf Kilometer bis zum Haus des Försters sein. Ohne einen Laut verabschiedeten wir uns und gingen weiter. Es ging sehr langsam voran, und wir beschlossen, uns einen Rastplatz zu suchen und bis zum Morgen zu warten. Wir fanden einen einigermaßen trockenen Platz und legten uns dicht aneinander, zugedeckt mit Decken warteten wir bis zum Morgengrauen. Endlich wurde es hell. Wir hörten Stimmen und es wurde uns klar, dass wir immer noch ganz in der Nähe unseres Wohnortes waren. Wir mussten einsehen, dass wir uns verlaufen hatten. Wir versuchten nun, tiefer in den Wald hineinzugehen – kein Haus war weit und breit zu sehen. Wir hatten schließlich Durst und fanden in unseren Rucksäcken sogar Wasser. Auch eine Schaufel hatte uns Frau Kaschiozowa in den Rucksack gelegt. Vor einem Hügel fingen die Männer an zu graben, damit wir Schutz vor Regen und Sturm fänden. Danach konnten wir uns etwas vor dem Wetter schützen. Proviant hatten wir noch für drei Tage.
Am dritten Tag sahen wir ein, dass wir so nicht weiter existieren konnten. Meinem Mann fiel ein, dass neben unserem Haus ein Rohbau stand, dessen Tür- und Fensteröffnungen mit Brettern vernagelt waren. Dort wären wir, so sagte er, besser vor dem Wetter geschützt und könnten uns nachts in unser Haus schleichen und uns mit Essen versorgen. Auch hofften wir auf Hilfe von Frau Kaschiozowa.
Es dauerte 24 Stunden, bis wir wieder in Ponar ankamen, da wir uns nur nachts bewegen konnten. Wir hatten die Idee, ich sollte zu Tante Jannina gehen, die würde für meinen Mann ein besseres Versteck finden. In der Nacht könnte ich ihn aus dem Haus schaffen. Die anderen hatten auch einen Plan: für Geld und Schmuck sollten die Nachbarn ein Versteck für sie finden.
Allmählich war uns alles gleichgültig. Die Nacht war sehr klar, aber wir gingen trotzdem – wir hatten keine Wahl. Endlich kamen wir an, wir zogen ein paar Bretter zur Seite und waren endlich in dem leeren Haus, wo wir bis zum Morgen blieben. Früh am Morgen gegen 6 Uhr ging ich zur Nachbarin. Sie erschrak sehr, als sie mich sah.
»Lauft weg, nach euch wird gefahndet! Heute Nacht sind welche gekommen und haben nach euch gefragt. Unser Haus haben sie auch beschlagnahmt und sie beschuldigen uns, euch versteckt zu halten.«
Ich erzählte ihr, dass wir im Haus nebenan seien, und dass ich nach Wilna zu meiner Tante gehen wollte, um sie zu bitten, uns ein Versteck zu verschaffen. Ich bat sie, bis zu meiner Rückkehr auf das Haus zu achten. Sie hatte Mitleid mit mir; sie gab mir ein Glas Milch und versprach, nach Kräften zu helfen. Es dürfte nur nicht zu lange dauern, damit ihre Familie nicht in Gefahr käme.
Im Kloster ist kein Platz für Männer
Ich zog ein Kopftuch an und machte mich auf den Weg nach Wilna. Der Weg zog sich in die Länge. Ich hatte Angst vor jedem, der mir begegnete, Angst, dass man mich als Jüdin erkannte. Ich ging zur Wohnung der Tante und hatte wieder Angst, dass ich meiner Tochter begegnen würde und, dass wir uns bei der Begegnung nicht beherrschen könnten.
Zu meinem großen Glück kam die Tante gerade aus dem Haus. Sie erschrak, als sie mich sah, und bat mich, draußen zu warten. Sie ging ins Haus zurück und brachte zuerst meine Tochter zur Nachbarin, damit wir uns auf keinen Fall begegneten.
Im Haus erzählte ich Jannina zuerst, was wir alles durchgemacht hatten. Sie berichtete dagegen, dass sie meine Schwester Mizia und ihren Sohn Samek im Kloster untergebracht hatte. Sie hatte die beiden aus dem Ghetto in Wilna herausholen können. Auch mich wollte sie ins Kloster bringen; allerdings hatte sie für meinen Mann und Jonas, den Mann meiner Schwester, noch keine sichere Bleibe gefunden.
Zunächst bereitete Jannina mir eine warme Mahlzeit und half mir, mich etwas hinzulegen und zu entspannen. Aber das war mir unmöglich. Ich bedachte den Plan, den mein Mann sich ausgedacht hatte. Er wollte mich im Kloster in Sicherheit bringen – aber das bedeutete Trennung – und ich wollte lieber mit meinem Mann zugrunde gehen als ihn allein zu lassen. Ich lag da und weinte, und Jannina sprach mir gut zu. Sie wollte versuchen, die Klosterfrauen zu überreden, dass Jascha bei mir bleiben dürfe. Auch Mizias Ehemann hatte darum gebeten, mit ins Kloster kommen zu dürfen. Aber im Kloster gab es keinen Platz für Männer. Trotzdem hoffte Jannina, dass die gutherzigen Nonnen ihr helfen würden, für die Männer auch eine Bleibe zu schaffen. Am Abend mietete Jannina eine Kutsche und wir fuhren zum Kloster, das sich in der Wilnaer Straße befand. Wir betraten zuerst die Kirche. Meine Tante wies mich an, niederzuknien. Sie selbst verschwand in den dunklen Gängen. Ich blieb allein zurück. Schon schmerzten meine Knie vom langen knien, da berührte mich Jannina an der Schulter. Mühsam erhob ich mich und trat aus der Kirche in die Ignazgastraße. Vor einem schweren Eisentor läutete Jannina an einem Eisenkreuz, das neben dem Tor hing. Eine Glocke ertönte im Inneren, das Tor öffnete sich und eine Nonne stand uns gegenüber, ganz schwarz gekleidet, nur mit einem weißen Schal über dem Kopf. Sie nahm meine Hand und führte mich, während Jannina zurückblieb. Wir durchquerten viele Gänge: ein Gang, ein zweiter, dritter und vierter; Gänge ohne Ende, lang und dunkel. Mir kam es vor, als ob ich nie wieder aus diesem Labyrinth herausfinden würde. Dann standen wir vor einer Tür, sie öffnete sich und da stand Mizia vor mir. Wir umfassten uns und weinten zusammen; ich merkte nicht einmal, dass wir nicht allein bei-einander waren. Mizias Sohn schlief gerade. Das war im September 1941.
Meine Schwester erzählte mir, dass sie sich im Ghetto von unserer Mutter getrennt hatte. Sie hatte die Mutter gedrängt und angefleht, mit ihr zu kommen, aber die Mutter hatte geantwortet: »Ihr Kinder seid noch jung und müsst auch für eure Kinder sorgen und jeden Weg zur Rettung versuchen. Ich selbst will nicht weg, ich will mit eurem Vater zusammenbleiben.«
Nun verstand ich, was das bedeutete: unser guter, lieber Vater war nicht mehr am Leben. Nur wenige Zeit danach ist auch unsere Mutter gestorben.
Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, erhebt sich wieder vor mir die Gestalt meiner lieben, barmherzigen und klugen Mutter, deren Seele aus den Vernichtungswäldern Ponars zu der unseres Vaters aufstieg. So zu sterben hatte sie sich in den guten Jahren vorher nicht vorstellen können.
Wir weinten die ganze Nacht. Schließlich versiegten unsere Tränen. Am Morgen kamen zwei Nonnen zu uns herein. Die ältere war die Oberin oder Klostermutter, die andere ihre jüngere Schwester, sie war sehr hübsch. Ihr Name war Schwester Lisa. Sie brachten uns Frühstück und wollten von den Ereignissen in Ponar hören. Wie sie uns berichteten, wurden neuerdings auch viele christliche Geistliche nach Ponar zur Zwangsarbeit herangezogen. Sie wiesen uns an, dass wir uns, außer dem Gang zur Toilette, möglichst nur in unserem Versteck aufhalten und dass wir auch die Nähe der Fenster meiden sollten. Nur vier Schwestern wussten von unserer Existenz. Das waren die Oberin Matuschka, Schwester Lucia, Schwester Benedikta und Schwester Malvina, die vom Juden- zum Christentum übergetreten war und nun schon seit vierzig Jahren im Kloster lebte. Ich erzählte ihnen von meinem Mann, der sich immer noch in dem leeren Haus in Ponar inmitten von Mördern verstecken musste. Die Schwestern hörten mit Tränen in den Augen zu und verließen leise das Zimmer.
Mittag- und Abendessen brachte uns Schwester Benedikta. Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte ich Schwester Benedikta, dass ich leider nicht bleiben könne. Ich bedankte mich für die herzliche Aufnahme im Kloster. Da mein Mann in so großer Gefahr sei, müsste ich zu ihm zurück. Ich hatte meine Schwester und ihren Sohn gesehen, vom Tode meines Vaters erfahren und jetzt müsste ich zurück. Ich konnte nicht dort schlafen und essen, während mein Mann Hunger litt und sich verstecken musste. Wenn wir sterben müssten, dann wollten wir zusammen sein.
In der Mittagszeit kamen Matuschka und Schwester Lucia und überbrachten eine frohe Nachricht. Es war beschlossen worden, dass unsere Männer auch ins Kloster gebracht werden sollten. Voller Freude küssten wir den Schwestern die Hände.
Nun war zu überlegen, wie das zu bewerkstelligen war. Da wusste meine Schwester Rat. Sie hatte einen Nachbarn, einen frommen Christen, der uns behilflich sein konnte. Er wollte mit Tante Jannina nach Ponar fahren. Sein Name war Wladek.
Jannina brachte ihn zu uns, und wir machten gemeinsam Pläne, wie man die Männer ins Kloster bringen könnte. Herr Wladek sollte am Abend mit dem Fahrrad nach Ponar fahren und bei Frau Kaschiozowa übernachten. Früh am Morgen sollten sie meinen Mann als Bahnarbeiter verkleiden und mit dem Fahrrad ins Kloster bringen. Nachts, während der Sperrstunde, durfte man nicht fahren.
Alles hatte sehr gut geklappt – am nächsten Morgen um 11 Uhr war mein Mann bei mir im Kloster. Unsere Begegnung war für alle so rührend, dass sogar die Schwestern weinten.
Die nächste, viel schwierigere Aufgabe war es, den Mann meiner Schwester herzubringen. Das war eine große Herausforderung. Er arbeitete in einem Werk unter Aufsicht der deutschen Polizei. Dort wurden Verbrennungsstoffe hergestellt.
Er bekam einen Brief von Wladek, darin stand, er solle sich nach der Arbeit im Feld verstecken und nachts versuchen, einen bestimmten Ort im Wald zu erreichen, wo Wladek auf ihn warten wollte. Am nächsten Morgen in der Frühe wollten sie gemeinsam versuchen, das Kloster zu erreichen. Das alles war ein sehr risikoreiches Unternehmen, aber zum Glück ging alles gut. Für einen Mann mit schwarzem Vollbart war es nicht einfach, ins Kloster zu gelangen. Die Stunden, die wir wartend verbrachten, zogen sich sehr schwer hin – jede Minute kam uns wie eine Ewigkeit vor. Damals dachten wir, dass es nicht schlimmer werden könnte, aber es kamen Tage über uns, wo wir an diese Klosterzeit wehmütig zurückdachten.
Wir wohnten zu fünf Personen in einem Zimmer mit zwei Fenstern, die mit Vorhängen verhüllt waren. Zwei eiserne Betten standen darin. Es war ein bisschen wie eine Kaserne, aber für uns war es ein Paradies des Friedens. In der Diele befand sich eine Toilette mit Duschgelegenheit, noch aus der Zeit der Benediktinerschule. Der Winter 1941/42 war sehr kalt, und die Toilette fror häufig zu. Ich hatte das Amt des Installateurs, kochte täglich Wasser auf und goss es in die Toilette, so dass man sie immer benutzen konnte. Überhaupt hatten wir alle unsere Beschäftigungen. Mein Mann und mein Schwager waren mit der Pflege der Bibliothek beschäftigt. Die Bibliothek des Klosters war sehr umfangreich, und viele Bücher waren beschädigt. Diese Arbeit leisteten sie gern, betrachteten sie als Unterhaltung und als Entgelt für den Aufenthalt im Kloster. Meine Schwester beschäftigte sich mit Nähen und flickte die ganze Unterwäsche der Schwestern. Ich strickte sämtliche Jacken und Pullover der Nonnen. Diese Arbeit war angenehm, und wir verbrachten täglich wohl zehn Stunden damit. An den einsamen Abenden saßen wir zusammen und erzählten uns aus unseren Erinnerungen.



