Sag niemals, das ist dein letzter Weg

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Ich erinnere mich, wie mein Mann von der Zeit erzählte, die er allein in dem verlassenen Haus verbracht hatte. Gegen Abend ging er stets zu Frau Kaschiozowa. Sie gab ihm Essen und berichtete, was alles geschehen war. In unserer Zeit in Ponar hatten wir einen Hund gehabt. Beim Verlassen unseres Hauses hatten wir ihn weggegeben. Eines Tages sah mein Mann einen Hund, der ihm jaulend entgegenkam. Es war unser alter Hund. Im Finsteren saßen sie beide zusammen und beide weinten sie. Der Hund ging ihm nach bis zum Haus von Frau Kaschiozowa und wollte nicht von seiner Seite weichen. Die Frau erschrak und sagte, es sei zu gefährlich. Durch den Hund könnte die Gestapo auf seine Spur kommen und auch sie sei dann gefährdet. So musste sie den Hund an einen anderen Ort bringen.
Samek, mein Neffe, lebte in seiner eigenen Welt. Er malte und zeichnete. Die Nonnen waren begeistert, sie verschafften ihm Papier und Farben. Eines der Bilder ist mir in Erinnerung geblieben: es zeigt Jesus nicht als wehmütigen, sondern als zornigen Gott, voller Zorn wegen allem, was auf der Welt geschieht. Die Nonnen hängten dieses Bild im Kloster auf. Es wirkte nicht wie das Werk eines kleinen Jungen, sondern wie das eines fertigen Malers. Die Ruhe im Kloster und die Orgelmusik hatte eine eigenartige Atmosphäre um uns geschaffen, und das kam in seinen Bildern zum Ausdruck. Auch das, was sich draußen, hinter der Kulisse des Klosterfriedens ereignete, hinterließ tiefe Spuren in seinem Herzen.
So lebten wir ein halbes Jahr. Täglich kamen Horror-Nachrichten aus dem Ghetto. Am Jom Kippur ist, wie wir hörten, unsere Mutter und auch die Mutter von Janusch umgekommen. Wir waren ganz verzweifelt, aber wir wagten kein lautes Wort zu sagen.
Eines Tages kam die Oberin Matuschka zu uns und erzählte, dass sie noch vier junge Mädchen aufgenommen habe, die aus dem Ghetto entkommen konnten. Eine davon war Lolka Feldstein, die Tochter eines bekannten Zahnarztes. Die Oberin war sehr ängstlich, sie erzählte, dass die Deutschen neuerdings auch sämtliche Klöster durchsuchten. So kamen wir zu dem Entschluss, uns eine andere Bleibe zu suchen. Jonas und Jascha gingen mit der Oberin, etwas Geeignetes für uns zu finden. Außer den vier erwähnten Nonnen wusste niemand von unserem Verbleib. Was sie alles für uns geleistet haben, können wir nicht genug anerkennen. Sie setzten ihr Leben für uns aufs Spiel und wir konnten ihnen nichts dafür zurückgeben. Die Nahrung war knapp und sie musste für neun Personen reichen. Dreimal am Tag bekamen wir unser Essen, viermal in der Woche sogar mit Fleisch, sonst mit Milch. So waren wir alle satt, wir konnten uns sauber halten, waren warm und geschützt. Auch Aufmerksamkeit und Liebe wurde uns zuteil; jeden Abend kam die Oberin zu uns herein, und wir konnten ihr viel über unser Leben erzählen, von der Zeit vor dem Krieg, unseren Verwandten und allem anderen. An allem war sie sehr interessiert. Außer ihr kam auch manchmal Schwester Lucia. Sie war in ihren mittleren Jahren und sehr schön. Daher fragten wir sie, warum sie ins Kloster gegangen war, und sie erzählte uns, dass dies seit ihrer Kindheit ihr innigster Wunsch gewesen war. Ihre Familie war ganz dagegen und sie musste kämpfen, um ihr Ziel zu erreichen. Ihre ältere Schwester war bereits im Kloster, sie war ihrer Schwester und ihr selbst ein Vorbild. Es war nicht leicht, dieses Ziel zu erreichen, es gehörte eine gewisse Bildung dazu und vor allem eine große Liebe zu Jesus. Drei Jahre musste sie eine strenge Probezeit in einem fremden Kloster durchmachen. Aber sie bestand alle Prüfungen mit Bravour, und der glücklichste Tag in ihrem Leben war der, an dem sie zu ihrer Schwester ins Kloster gehen durfte. Jetzt waren es bereits zehn Jahre, dass sie in diesem Kloster lebte. Wir haben sie bewundert und geliebt, und jeder ihrer Besuche war für uns wie ein Feiertag.
Wir hatten wenig Kontakt nach außen. Außer Wladek sahen wir nur Lolka Feldstein, die jeden Abend zu uns kam. Sie hatte einen Bruder im Ghetto, aber sie durfte es nicht wagen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Durch sie waren wir von der äußeren Welt nicht ganz abgeschnitten und wussten, was um uns herum passierte. Am wichtigsten war uns natürlich die Lage im Ghetto.
In der Familie war Tante Jannina unser einziger Trost. Durch sie hörten wir alles über meine kleine Tamar, ihre Appetitlosigkeit, ihre Schlagfertigkeit und überhaupt über ihre Entwicklung. Außer für sie sorgte Tante Jannina noch für ein jüdisches Mädchen, dem sie arische Papiere besorgt hatte, und deren Schwester, die in einem Dorf lebte.
Diese beiden Mädchen waren eigentlich unsere Tanten. Das kam so: Unser Opa war sein ganzes Leben lang ein Bauer und führte ein arbeitsreiches, schweres Leben. Als seine Frau starb war er schon 74 Jahre alt. Seinen Weizen ließ er immer im Nachbarort mahlen, der Bauer dort war ein frommer Jude. Dieser hatte eine viel jüngere Frau. So jung und schön sie war, hatte sie doch einen schlechten Ruf und man sagte, ihre Kinder hätten viele Väter. Mein Opa mied sie und spuckte bei ihrem Anblick verächtlich auf den Boden. Als nun aber ihr Mann gestorben und sie eine Witwe war, fing mein Opa an, sie zu besuchen und er brachte Gemüse und Obst von ihr mit. Eines Tages erhielten wir von ihm durch Bauern aus dem Dorf eine Fuhre Kartoffeln für den ganzen Winter, Gemüse und Obst. Durch sie erfuhr mein Vater, dass der Opa in seinem Alter diese Frau geheiratet hatte. Das brachte meinen Vater in Rage und er wollte von Opa gar nichts mehr annehmen. Es stellte sich aber heraus, dass die Witwe all ihre Kinder gut untergebracht hatte. Mit 45 Jahren heiratete sie unseren Opa und bekam noch zwei Kinder mit ihm, zwei Mädchen. Das eine hieß Sara Guta, das andere Meitke Guta. Das Verhältnis zum Opa wurde wieder besser. Er bat auch meine Mutter, sich der Mädchen etwas anzunehmen, damit sie keine Gojim würden und damit sie etwas lernten. Zumindest Lesen und Schreiben sollte man ihnen beibringen. Er bat sie so lange, die Kinder zu sich zu nehmen, bis sie einwilligte. Meinem Vater war das gar nicht recht, da er immer noch über den Opa verärgert war. Aber eines Tages kam ein Bauer und brachte uns die beiden blonden Mädchen. Mutter sagte: »Kinder, seid doch nett zu ihnen, es sind doch eigentlich eure Tanten.«
Sie hatten sogar eine gewissen Ähnlichkeit mit uns. Doch sie standen in der Ecke und waren ziemlich verstört. Meine Schwester Mizia umarmte sie gleich und gab ihnen auch von unseren Spielsachen ab. Sie waren beide sehr schüchtern und sprachen nur untereinander. Vor uns hatten sie Angst und blieben am liebsten in der Küche. Dort unterhielten sie sich mit den Dienstboten. Mutter bestellte für sie Privatlehrer, um sie für die Schule vorzubereiten, aber sie wollten gar nichts lernen, wir fanden sie richtig »vernagelt«. Wir Kinder versuchten ihnen beizubringen, dass sie lernen sollten und wollten mit ihnen diskutieren. Doch es half alles nichts. Mutter gab sie dann zu einer kinderlosen Familie, die sie betreute – gegen Zahlung natürlich. Als sie 12 und 13 Jahre alt waren und immer noch nicht lernen wollten, beschloss meine Mutter, dass sie einen Beruf erlernen sollten. Wir Kinder sahen sie jetzt nur noch gelegentlich am Sonntag und hatten keinen vertraulichen Ton mehr mit ihnen, schließlich waren wir ja auch erwachsener geworden.
Als mein Opa 84 Jahre alt geworden war, erkrankte er – zum ersten Mal in seinem Leben. Der Arzt sagte, das Leben im Dorf sei zu schwer für ihn geworden. Also kam er zu uns. Vater hat ihm verziehen und er blieb bei uns wohnen. Zwischen ihm und dem Personal kam es wegen der jüdischen Speisegesetze öfter zu Unstimmigkeiten. Von meiner Mutter bekam er jede Woche Geld, aber das trug er immer sofort auf die Bank, als Aussteuer für seine Töchter. Sie besuchten ihn regelmäßig an jedem Schabbat3. Da sie ja Tante Janninas Stiefschwestern waren, besorgte diese ihnen arische Papiere. Eine von ihnen beschäftigte sie als Dienstmädchen bei sich, die andere wurde im Dorf auf ihre Kosten untergebracht.
Das Dienstmädchen hieß Helene (Halinka), sie war immer sehr gut zu unserer Tochter in der Zeit, als diese bei Tante Jannina untergebracht war. Sie hat den Krieg überlebt und lebt jetzt in Schaulen und wir sind noch immer mit ihr in brieflicher Verbindung. Die andere Schwester haben wir nach dem Krieg nicht mehr gesehen.
Unser Opa ist mit 90 Jahren gestorben. Bis zu seinem Tod brauchte er keine Brille und hat auch nie einen Stock benutzt. Bis zuletzt hatte er seine eigenen Zähne. Er trug allerdings eine Brille, jedoch ohne Gläser. Wenn man ihn fragte warum, so antwortete er: »Um meine Augen zu schützen.« Wenn die Leute herausbekämen, dass er noch sein gutes Sehvermögen habe, so dachte er, würden sie ihm Böses wünschen und das könnte schlecht für ihn ausgehen. Er vergötterte unsere Mutter und ist mit ihrem Namen auf den Lippen gestorben.
Nun wende ich mich wieder unserem Leben im Kloster zu. Jeden Tag erreichten uns neue schlechte Nachrichten. Es hieß, die Klöster würden durchsucht. Die Bauern wurden daran gehindert, ihre Lebensmittel ins Kloster zu bringen, sie wurden durchsucht und ihre Waren wurden ihnen abgenommen. Trotzdem mussten wir nicht Hunger leiden, denn die Schwestern teilten mit uns jeden Bissen. Schwester Lucia pflegte immer optimistisch zu sagen: »Kinder, nur die Hoffnung nicht verlieren, wir werden Hitler noch überleben!«
Das Versteck im Klosterdach
Jonas und Jascha hatten inzwischen ein Versteck für uns gefunden. Es befand sich unter dem Dach des Klosters. Mit Holzlatten verbauten sie die Dachkante, so dass ein Hohlraum entstand, in dem wir uns wohl verstecken konnten. Tag und Nacht arbeiteten sie daran und trugen auch schon einen Teil unserer Sachen hinauf. Von außen war nichts zu erkennen und vor den inneren Eingang hatten sie ein Fass Wein gestellt, über das man hinwegklettern musste. Der Eingang war eine versteckte Klappe in der Decke, die den Fußboden unseres Verstecks bildete. Von unten konnte man diese Klappe nicht sehen; sie wurde von unten geöffnet und von oben verschlossen. Zwei Wochen haben sie daran gearbeitet. Außer uns und den vier Nonnen wusste niemand davon.
Es war schon Ende März, eine Woche vor dem Passah-Fest3. Plötzlich hörten wir Bomben explodieren – Wilna wurde bombardiert. Größere Putzteile flogen von den Wänden, die Gefahr war groß. Wir durften nicht mit den Nonnen in den Bunker flüchten, damit sie unsere Gegenwart nicht bemerkten. Die Oberin und Schwester Lucia waren noch bei uns. Wir wollten sie überreden, in den Bunker hinabzugehen, aber sie wollten uns nicht verlassen.
»Es ist Gottes Wille«, sagten sie. »Was mit Euch passiert, passiert auch mit uns.« Die Bomben fielen auf die Stadt, und wir hatten das Gefühl, dass unser Ende nahe sei und ganz Wilna in Schutt und Asche läge. Die Fenster splitterten und fielen ein, der Geschirrschrank stürzte um und sein ganzer Inhalt fiel zu Boden und zerschellte. Wir gingen in die Diele, die Oberin sagte: »Betet zum lieben Gott, er wird uns helfen.«
Plötzlich war Stille, die Bombardierung hörte auf. Wir gingen ins Zimmer zurück und vor lauter Müdigkeit schliefen wir sofort ein. Wir wussten nicht, wie lange wir geschlafen hatten, als uns Schwester Benedikta aufrüttelte. Sie zitterte am ganzen Leib. Die Gestapo war ins Kloster eingedrungen und wollte es durchsuchen. Die Oberin verlangte einen Durchsuchungsbefehl zu sehen, um etwas Zeit zu gewinnen. Uns ließ sie sagen, wir sollten Schwester Benedikta folgen. So nahmen wir unser bisschen Hab und Gut und gingen ihr nach. Sie half uns, durch die Klappe zu klettern, Jonas war schon oben. Sie verschloss hinter uns die Öffnung, und wir versuchten uns zu fassen und Haltung zu bewahren. Jascha und Jonas waren stolz auf ihr Werk. Wir versuchten uns einzurichten und hofften, dass die Untersuchung bald beendet sein würde und wir in unser Zimmer zurückkehren könnten. Durch die Dachsparren konnten wir die brennenden Kasernen und die Löscharbeiten sehen. Es war ein Wunder, dass das Kloster nicht getroffen worden war, obwohl wir so nahe lagen.
Es wurde dunkel und wir warteten, ob jemand zu uns kommen würde. Die Durchsuchung konnte doch unmöglich so lange dauern. Was war passiert? Wir versuchten zu schlafen, aber Schrecken und Spannung ließen uns nicht zur Ruhe kommen. Auch am anderen Morgen warteten wir vergeblich, dass jemand zu uns kommen würde. Wir hatten kein Wasser und litten großen Durst. Dadurch, dass wir uns so beeilten, hatten wir nichts zu Trinken mitgenommen.
Es war abgesprochen worden, dass fünfmal Klopfen das Zeichen war, dass alles vorüber sei. Aber kein Zeichen ertönte, und unsere Spannung wurde immer größer. Wir mussten annehmen, dass mit den Schwestern etwas passiert war, und es kam uns zu Bewusstsein, dass wir uns selbst umtun mussten, um aus unserem Versteck herauszukommen. Jascha, die Oberin und die Schwestern hatten vorausgesehen, dass diese Situation eintreten könnte und hatten deshalb eine Säge mit ins Versteck genommen. Mit ihrer Hilfe konnte man eine Öffnung in die Dachwand sägen, auf diese Weise entkommen und über den Dachspeicher zu den Dächern des Klostergymnasiums gelangen. Von dort war der Weg zur Straße frei. Wir verbrachten noch eine zweite Nacht in unserem Versteck. Dann erklärte ich, dass ich bereit sei, hinunterzugehen, um festzustellen, was eigentlich passiert sei. Dabei wollte ich auch versuchen, Wasser zu besorgen. Ich hatte Hausschuhe an, so war mein Gang sehr leise, außerdem hatte ich mich in ein schwarzes Tuch gehüllt. Ich wollte mich, wenn die Gestapo mich aufspüren sollte, als Nonne ausgeben.
Ich ging hinunter und zählte auf dem Flur die Türen, an denen ich vorbeikam, um meinen Rückweg wieder finden zu können. Auf einmal sah ich in einem der Zimmer Licht und hörte auch Stimmen. Als ich vorsichtig hineinschaute, sah ich etwa zwanzig Männer vergnügt dasitzen, sie aßen und tranken, von den Schwestern war keine Spur mehr zu erkennen.
Ich rannte zurück zu unserem Versteck, meine Beine waren wie Watte vor Angst und Schrecken. Ich gab das verabredete Zeichen – fünfmal Klopfen – und die Klappe ging auf. Ich berichtete alles, was ich erspäht hatte, und uns allen war schlimm zumute. Uns war klar, dass wir hier herauskommen mussten, und wir überlegten hin und her, was wir tun konnten. Die dritte Nacht brachten wir in Kälte und ohne Wasser zu; zum Glück hatten wir wenigstens warme Decken. Vor lauter Angst vergaßen wir unseren Durst.
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