Kartoffelschaukochen, illegale Kämpferinnen und Krieg

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Die Fahrkartenkontrolleurin – ein beliebter Frauenberuf zur Zeit des Ersten Weltkrieges.
Nach dem Krieg waren nun aber nicht mehr alle Frauen dazu bereit, die Arbeitsplätze, die sie sich erobert hatten, für die heimgekehrten Männer aufzugeben. Ein großer Teil war in der Notsituation nach dem Krieg auch gar nicht dazu in der Lage – allen voran die auf ein Einkommen besonders angewiesenen Kriegswitwen. Aus dem entfachten Kampf um die Arbeitsplätze gingen die Frauen großenteils als Verliererinnen hervor. Frauenerwerbsarbeit wurde abgebaut, zurückgedrängt und gesetzlich stark eingeschränkt. Diese Entwicklung führte letzten Endes etwa dazu, dass die sogenannte Doppelverdiener-Verordnung ab Dezember 1933 die sofortige Entlassung verheirateter Frauen aus dem Bundesdienst und die Kündigung im Falle der Eheschließung vorsah. Der auf mehreren Ebenen vorangetriebene Prozess der Arbeitsmarktregulierung richtete sich ganz klar gegen die Frauenarbeit.17 Dennoch trugen die Leistungen der Frauen an der „Heimatfront“ und der „Soldatinnen des Hinterlandes“ zu einer Schwächung der konservativen Rollenbilder bei, und mit der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 setzten durchaus gesellschaftliche Umwälzungen ein. Diskussionen um Sexualität, Verhütung, Abtreibung sowie Ehe- und Familienrecht brachten die patriarchale Ordnung ins Wanken und stellten sowohl Männer als auch Frauen vor das Problem neuer Rollendefinitionen.
Die gesellschaftliche und politische Verunsicherung, der massive Rückgang der Geburten, die Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt und die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise zogen eine Polarisierung und Radikalisierung der Bevölkerung nach sich, nicht zuletzt auch im Land und in der Stadt Salzburg. An das allgegenwärtige Krisengefühl konnten die Nationalsozialist*innen der ersten Stunde leicht anknüpfen. Sie versprachen Lösungen für die schier hoffnungslose Situation: So würden sie die demütigenden Folgen des Ersten Weltkrieges bereinigen, das „deutsche Volk“ aus der Wirtschaftskrise herausführen und die traditionellen Rollenbilder wiederherstellen. Mit Ankündigungen dieser Art konnten sie eine breite Anhänger*innenschaft, besonders innerhalb der bürgerlichen Schichten, für sich gewinnen. Ähnliche Konzeptionen der Christlichsozialen Partei (CSP) und des christlichen Lagers galten vielen aus dem bürgerlichen Lager als zu klerikal. Charakteristisch für den Aufstieg der NSDAP war aber, dass sie Ideen und Anhänger*innen aus nahezu allen Bereichen vereinnahmen konnte.
Seit der zuvor erwähnten Einführung des Frauenwahlrechts 1918 gingen die österreichischen Parteien, egal ob sie nun katholisch, sozialistisch oder nationalistisch orientiert waren, auf Stimmenfang in der weiblichen Wählerschaft. Trotz des offensiv männerbündischen Charakters fanden sich rasch zahlreiche Anhängerinnen für die erstarkende NS-Bewegung. Vor allem viele Österreicherinnen empfanden den Nationalsozialismus nach der vorhergehenden Entrechtung im austrofaschistischen Ständestaat (1934–1938) als modern und befreiend. Die frauendiskriminierenden Gesetze der Zwischenkriegszeit spielten dem Nationalsozialismus geradezu in die Hände – wobei im Zuge der Machtergreifung Hitlers im „Dritten Reich“ ebensolche diskriminierenden Gesetze erlassen wurden.

In der Zwischenkriegszeit illustriert die sozialdemokratische Monatsschrift Die Frau die „Verdrängung der Frauenarbeit“ mit Zeichnungen wie diesen.
Zahlreiche „weibliche Verbündete“ kamen aus dem großdeutschen beziehungsweise völkischen Lager. Als gedankliche Brücke diente die Vorstellung eines „deutschen Volkes“, einer verbindenden und zunehmend als „Blutsgemeinschaft“ verstandenen „Volksgemeinschaft“. Diese totalitäre Idee einte Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die frühen Nationalsozialist*innen bedienten sich für ihre konkreten Versprechungen bei vorhandenen Versatzstücken – man denke an die Aufwertung der Mutterschaft, die bereits ein zentrales Element der bürgerlichen Frauenbewegung war – und fügten sie in ihre rassistische Weltanschauung ein. Diese wiederum war von Ambivalenzen geprägt. So war etwa die von den Frauenbewegungen angestrebte Aufwertung der „Mütterlichkeit“ nur bedingt mit nationalsozialistischen Vorstellungen vereinbar, wurde doch weibliche „Gefühlsduselei“ und mütterliche Fürsorge, die jeglichem (auch „unwertem“) Leben galt, abgelehnt. Auf jeden Fall aber vereinfachte diese bunte Vermischung verschiedenster Aspekte den Übergang in die nationalsozialistische Frauenwelt. So konnten selbst Frauen, die zunächst nicht direkt mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen, jedoch ähnliche Ziele, Wertvorstellungen oder Vorurteile teilten, in der NS-Bewegung aufgehen. Die Vorstellung, Frauenrechtlerinnen seien ausschließlich Gegnerinnen des Nationalsozialismus gewesen, ist in diesem Zusammenhang übrigens verzerrt: Frauen, die mit feministischen Ideen sympathisierten und die Forderungen der Frauenbewegungen teilten, konnten sich aus Gründen wie Antisemitismus, Nationalismus, völkischem Mystizismus oder der Abneigung gegen den Bolschewismus der nationalsozialistischen Bewegung anschließen. Daraus erklärt sich auch die Tatsache, dass die Nationalsozialistinnen selbst die NS-Ideologie zuweilen grundlegend unterschiedlich interpretierten. Da sich die Männer zudem anfänglich nicht für ihre Mitstreiterinnen interessierten, konnten die Frauen ganz eigene Konzepte des Nationalsozialismus entwerfen.
Obwohl die NS-Ideologie insgesamt eine betont männliche und antifeministische war und blieb, fanden sich also von Beginn an begeisterte Anhängerinnen, die auch eigene NS-Frauenorganisationen gründeten.18 Der erste dokumentierte Versuch in Österreich Frauen nationalsozialistisch zu organisieren, war der Deutsche nationalsoziale Frauenverein für Österreich, dessen Gründung 1918 angedacht war, aber aus unbekannten Gründen ausblieb. Die früheste nachweisbare nationalsozialistisch orientierte Frauengruppe war die Völkische Frauen- und Mädchengruppe, die erstmals 1925 in Linz auftrat. Der Name zeigt die Absicht, Mitglieder aus dem weiteren völkischen Milieu zu rekrutieren. Ab 1927 hieß die Vereinigung Völkische Frauen- und Mädchengruppe der NSDAP (Hitlerbewegung). Als Obfrau agierte Maria Werbik, die seit 1923 Mitglied der nationalsozialistischen Partei war und später offizielle österreichische NS-Frauenschaftsleiterin wurde. Als NS-Frauenverein trat seit 1926 der Bund nationalsozialistischer (deutscher) Frauen Wiens auf. Ebenfalls in Wien wurde im selben Jahr die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Frauenklub gegründet, in deren Satzungen als Zweck „der Dienst am Wohle der arischen Mitmenschen“ festgehalten wurde.19 Der Frauenklub blieb im austrofaschistischen Ständestaat auch nach dem Verbot aller NS-Aktivitäten 1933 bestehen (allerdings nur bis Ende des Jahres), da er aufgrund seines unverfänglichen Namens harmlos erschien. Auch der Bund nationalsozialistischer deutscher Frauen durfte fortbestehen, da er als Dollfuß-loyal galt. Zwar strich man 1934 die Beifügung „nationalsozialistisch“ aus dem Namen, doch blieb der Verein bis 1938 für die illegale NS-Bewegung aktiv.
Die frühen nationalsozialistischen Frauengruppen in Österreich blieben weitgehend lokal beschränkt. Jene Frauen, die sich in dieser Phase engagierten, taten dies, obwohl sich in der Partei niemand besonders um sie bemühte. Das änderte sich in Österreich erst mit dem Aufstieg der NSDAP in Deutschland. Schon in der Entstehungsphase der NSDAP gab es verschiedenste nationalsozialistisch und völkisch orientierte Frauengruppen, die regional sehr unterschiedlich verteilt waren, außerdem kaum zusammenarbeiteten, sondern miteinander konkurrierten. Eine dieser NS-Frauengruppen war die unmittelbare Vorläuferin der späteren und auch für die Belange der Frauen in der Stadt und im Land Salzburg relevanten NS-Frauenschaft: der Deutsche Frauenorden (DFO). Diesen gründete Elsbeth Zander 1923 in Berlin. Zander selbst trat erst 1926 der NSDAP bei, engagierte sich aber schon vor dem Hitlerputsch für die NS-Bewegung und rekrutierte als überzeugende Rednerin zahlreiche Frauen. Obwohl Adolf Hitler den Frauenorden offiziell als Organisation der NSDAP anerkannte, führte der DFO in der Riege der NS-Organisationen ein Schattendasein. Mit der Zusatzbezeichnung Rotes Hakenkreuz brachte man die politische Zugehörigkeit des DFO zum Ausdruck. Die Mitglieder wurden dazu verpflichtet, der Partei beizutreten. Im Vordergrund stand die vaterländische, „rassenbewusste“ Erziehung der Frauen. Nicht politisches Engagement, sondern Mutterschaft und Pflege der deutschen Kultur wurden als weibliche Aufgaben definiert. Der Leitspruch des Frauenordens war „Glaube, Hoffnung, Liebe“.20 Ende der 1920er-Jahre soll der DFO rund 13 000 Anhängerinnen gezählt haben.

Weichenstellung in der Ersten Republik, breite Umsetzung nach dem „Anschluss“: Öffentlichkeitswirksame Darstellung von „Mütterlichkeit“ im Salzburger Wochenblatt der Landesbauernschaft Alpenland: „Mütter und Kinder aus Großarl, dem kinderreichsten Dorf Großdeutschlands; 299 Bergbäuerinnen des Dorfes tragen das Ehrenkreuz der deutschen Mutter.“
Neben dem Frauenorden gab es viele weitere lokale Splittergruppen von nationalsozialistisch gesinnten Frauen, die keineswegs dazu bereit waren, sich diesem unterzuordnen. Als die NSDAP zu Beginn der 1930er-Jahre einen zunehmenden Aufschwung erlebte, trat die Notwendigkeit eines geschlossenen Auftretens nach außen und einer einheitlichen Frauenorganisation verstärkt zutage. Die lokal agierenden und konkurrierenden Gruppierungen waren den Aufgaben und Ansprüchen der Partei nicht gewachsen. Der spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schrieb 1928 in seinem Tagebuch: „Die Frauen muß ich organisieren. Da liegt viel Kraft brach.“21 Da er eine schlechte Meinung von Elsbeth Zander hatte, die er als „zu waschfrauenmäßig“ bezeichnete, gründete Goebbels 1929 selbst eine Frauenorganisation, die Frauenarbeitsgemeinschaft des Gaues Groß-Berlin. Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser – seine Position entsprach der eines Generalsekretärs – favorisierte dagegen den Frauenorden und Zander, da diese „als eine Jeanne d’Arc“ bei „einfachen Frauen“ gut ankam. Daraus resultierte eine Pattsituation, im Rahmen derer die Frauenorganisationen untereinander konkurrierten und sich sogar gegenseitig diffamierten.22 Die Lösung dieser Umstände sollte eine Fusion bringen. Das führte zur Gründung der Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSF).
Gründung und Struktur der Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSF)
Am 1. Oktober 1931 gab Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser die Neuorganisation aller nationalsozialistischen Frauen in der NS-Frauenschaft (NSF) bekannt. In Ehrerweisung des Deutschen Frauenordens (DFO) lautete der vollständige Name der neuen Frauenorganisation zunächst Nationalsozialistische Frauenschaft (Deutscher Frauenorden), und auch das Motto „Glaube, Hoffnung, Liebe“ wurde beibehalten. Sämtliche weiblichen Parteimitglieder gehörten automatisch der Frauenschaft an. Jene, die nicht Teil der NSDAP waren, konnten sich als freiwillige Helferinnen engagieren – wobei auch sie Mitgliedsbeiträge bezahlen mussten. Als die drei grundlegenden Aufgabenbereiche der Frauenschaft galten: wirtschaftliche und sanitäre Hilfstätigkeiten (dazu zählten etwa Arbeiten in SA-Küchen, Nähstuben oder Schulungskurse im Sanitätswesen), geistig-kulturelle Erziehungsaufgaben sowie die Schulung der deutschen Hausfrauen. In der Praxis bestand ein Hauptteil der Frauenarbeit in den frühen 1930er-Jahren in der Hilfstätigkeit und Unterstützung der Sturmabteilung (SA) sowie bedürftiger Parteigenoss*innen und in der Verbreitung von Propagandamaterial.

Der spätere Reichsinnenminister und Schirmherr des Deutschen Frauenwerks, Wilhelm Frick (links), daneben Gregor Strasser, Begründer der NS-Frauenschaft, vor dem Berliner Reichstag um 1930.
Die Führung der Frauenschaft übernahm zunächst Elsbeth Zander, die – als sich Strasser 1932 aufgrund von Differenzen mit Hitler aus der NSDAP zurückzog – bald keinen Fürsprecher mehr hatte. Im April 1933 übernahm die radikale Nationalsozialistin Lydia Gottschewsky diese Führungsposition. Da sie gleichzeitig Bundesführerin des Bundes Deutscher Mädel (BDM) war, strebte sie – in Zusammenarbeit mit Reichsjugendführer Baldur von Schirach – einen Ausgleich im Streit um die Kontrolle der Jugend an, denn sowohl die NSF als auch die Hitlerjugend (HJ) versuchten, die Jugendlichen für sich zu beanspruchen.
Auf Reichsebene erschwerten Konflikte mit und zwischen den männlichen Parteiführern, die ihre Machtansprüche auf die Frauen geltend machen wollten, die Lage. Es herrschte eine geradezu chaotische Situation – die ja eigentlich mit der Gründung der NSF gelöst sein wollte.23 Im Mai 1933 gründete der neue Reichsorganisationsleiter Robert Ley, mit Lydia Gottschewsky an der Spitze, die Deutsche Frauenfront (DFF) – in Anlehnung an die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Daraufhin baute Innenminister Wilhelm Frick eine Konkurrenzorganisation auf – die Reichsarbeitsgemeinschaft Deutscher Frauenverbände (RAG) –, in der ebenfalls alle Frauenverbände zusammengeführt werden sollten. Paula Sieber, die Vorsitzende, versuchte eher Frauen der Mittelschicht anzusprechen und Kontakte zu katholischen und protestantischen Frauenverbänden herzustellen. Zwischen Gottschewsky und Sieber entbrannte ein Konkurrenzkampf. Schließlich erteilte Rudolf Heß, Reichminister ohne Geschäftsbereich, im September 1933 den Auftrag, die Deutsche Frauenfront und die Reichsarbeitsgemeinschaft Deutscher Frauenverbände im neu gegründeten Deutschen Frauenwerk (DFW) zusammenzuführen. Die NS-Frauenschaft blieb bestehen, das Frauenwerk war eine Zusatzeinrichtung und eine Kompromisslösung, auf die sich Heß, Frick und Ley einigten. Schirmherr des Frauenwerks wurde Frick, die Leitung übernahm Landrat Gottfried Adolf Krummacher, und Paula Sieber war stellvertretende Leiterin. Gegen die Ernennung Krummachers zum Leiter regte sich jedoch Widerstand, da sich die nationalsozialistischen Führerinnen in einer Frauenorganisation nicht von einem Mann bevormunden lassen wollten. In den offiziellen Parteiorganen durfte über diesen Unmut natürlich nichts verlautbart werden, doch in der Zeitschrift der NSF, der NS-Frauenwarte, und internen Schriften forderten die Frauen eine weibliche Führung.
Die männliche Parteiführung betrachtete jene Frauen, die aktiv für mehr Mitspracherecht kämpften, sehr kritisch und war darum bemüht, fügsame Leiterinnen einzusetzen. So musste Paula Sieber 1934 ihr Amt aufgeben – offiziell wegen Veruntreuung.24 Als die Anschuldigungen gegen sie fallengelassen wurden, hatte sich bereits die neue Frauenführerin Gertrud Scholtz-Klink [Biografie S. 38] etabliert. Ein auch auf persönlicher Ebene ausgefochtener Machtkampf um Positionen unter Frauen wie Männern zeigt sich hier ganz deutlich. Mit Scholtz-Klinks zunehmendem Erfolg als Frauenschaftsleiterin war den Streitereien unter den Frauengruppen aber zunächst ein Ende gesetzt.
Im Zuge der sogenannten Gleichschaltung wurden alle Frauen beziehungsweise alle Frauenverbände und -gruppierungen in den großen, der Partei zugehörigen NS-Organisationen vereint. Ende 1935 war der Prozess weitgehend abgeschlossen und unter der Führung Scholtz-Klinks setzte eine Stabilisierung der Verhältnisse ein. Die strebsame Nationalsozialistin war zwar darum bemüht, eine starke Frauenorganisation aufzubauen, doch wollte sie keineswegs eine Konkurrenz zu den NS-Männerbünden schaffen. So gingen nach der Machtübernahme der NSDAP ab 1933 viele Arbeiten der NS-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks, die diese zuvor geleistet und in Anspruch genommen hatten, an andere Einrichtungen über. Für die jungen Mädchen schien der jugendhafte und moderne Bund Deutscher Mädel (BDM) in diesem Zusammenhang viel verlockender als die altbackene NS-Frauenschaft: In der NSF sollten sie zum Ideal der dienenden, der männlichen Führung unterworfenen Frau und Mutter erzogen werden, wohingegen sie im BDM neben den Jungen gleichwertig bestehen konnten und für sich Aufstiegsmöglichkeiten sahen. An dieser Situation zeigt sich auch ein Paradoxon des Nationalsozialismus. Er vereindeutigte die Rollenstereotype von Frauen und Männern „bei gleichzeitiger faktischer Rollenüberschreitung“25. Gerade darin lag eine spezielle Wirksamkeit des Nationalsozialismus: Dass er neue Möglichkeiten eröffnete und von vielen als modern empfunden wurde, gleichzeitig aber die damit einhergehenden traditionellen, rigiden Ordnungen das Gefühl von Beständigkeit und Sicherheit vermittelten.26

Gemeinsamer Aufmarsch der Jugendlichen des BDM und der HJ bei Wettkämpfen der Deutschen Arbeitsfront zugunsten des Winterhilfswerks in Salzburg, Oktober 1938.
Noch einschneidender für die Frauenschaft war die Gründung und Etablierung des großen Konkurrenten, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), die nun wesentliche karitative Aufgabenbereiche übernahm.27 Die NS-Frauenschaft hatte von Beginn an Kindergärten, Kindergruppen, Mütterheime und Pflegestationen betrieben und versuchte weiterhin, sich als „die“ wohlfahrtspflegerische Organisation zu präsentieren – ohne Erfolg: Die Fürsorgeaktivitäten der Frauenschaft und des Frauenwerks wurden, mit Ausnahme der Mütterschulungen28 und Kindergruppen, zwangsweise auf ein Minimum reduziert. Erst 1939 konnte die NSF noch einmal einen „Zugewinn“ für sich verbuchen: Im April des Jahres übergab ihr die NS-Volkswohlfahrt die Nähstuben samt Inventar. Auch die Kindergruppen der Frauenschaft konnten ausgebaut werden. Durch den steigenden Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder appellierte die NSV sogar an die NSF, die Angebote diesbezüglich auszubauen. So sehr die NS-Frauenschaft Konkurrentin war, so sehr war man doch auch auf Kooperation angewiesen. Die NSV-Führung schaltete die NSF zwar als Akteurin auf dem Gebiet der Fürsorge aus, doch die Mitglieder der Frauenschaft sollten für die Volkswohlfahrt durchaus mobilisiert werden. In Salzburg betraf das zum Beispiel die Betreuung von Bedürftigen, das Sammeln und Sortieren von Kleidungsstücken, die Ausgaben von Lebensmitteln oder Gutscheinen, den Bahnhofsdienst, die Lazarettbetreuung, Hilfeleistungen im Rahmen der Rachitisbekämpfung, Schulausspeisungen oder den Einsatz für die Wehrmacht.29

Werbung für den Beitritt zur Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, hier vor dem Schloss Mirabell 1938.
Wenngleich also die NS-Frauenschaft und das Deutsche Frauenwerk in einigen Bereichen beschnitten und die Tätigkeitsfelder der Frauen eingeschränkt wurden, so konnte Reichsfrauenführerin Scholtz-Klink die Institutionen doch festigen und als große Frauenorganisationen etablieren. Die NS-Frauenschaft war ab 1931 die einzige parteiamtliche Frauenorganisation und wurde durch die „Verordnung der Durchführung des Gesetzes zur Einheit von Partei und Staat“ am 29. März 1934 eine Gliederung der Partei. Das Deutsche Frauenwerk blieb neben der NSF als Ergänzung bestehen, war aber ein eingetragener Verein mit eigener vereinsrechtlicher Vermögensverwaltung, der an die Partei angegliedert war. Das heißt, die Frauenschaft (NSF) und das Frauenwerk (DFW) waren zwar eigentlich zwei getrennte Einrichtungen, doch realiter so eng miteinander verbunden, dass sie häufig als eine Einheit beschrieben wurden – als NSF/DFW. Die NSF war allerdings die Eliteorganisation, in der die „Führerinnen“ tätig waren und ausgebildet wurden; das DFW hingegen fungierte als das Sammelbecken für alle Frauen, die entweder aus den vorhergehenden Vereinen aufgenommen wurden oder als Einzelmitglieder eintraten. Die Leiterinnen in der NS-Frauenschaft hatten automatisch auch Führungspositionen im Deutschen Frauenwerk inne – dies galt von der Reichsfrauenführung bis zu den untersten Ebenen.
Die NS-Frauenschaft sollte vor allem für die politische Schulung ihres „Nachwuchses“ verantwortlich sein. Im Organisationsbuch der NSDAP von 1937 heißt es: „Die NS-Frauenschaft hat die Aufgabe, dem Führer politisch und weltanschaulich zuverlässige Führerinnen zu erziehen […].“30
„Wir wollen eine Weckung, Erziehung und Erneuerung der Frau zu ihrer Aufgabe als Hüterinnen des Quellgebietes der Nation: des nationalen Liebeslebens, der Ehe, Mutterschaft und Familie, des Blutes und der Rasse, der Jugend und des Volkstums. Von der leiblichen und geistigen Mutteraufgabe der Frau im Volksganzen aus ist ihre gesamte Erziehung, Bildung, Berufsausübung und Stellung in Volk und Staat zu regeln.“31
Grundsatz der NS-Frauenschaft
Die NSF strebte eine „Frauen-Erneuerungsbewegung“ an, die sich gegen die „Zerstörung der Frauenehre“ wandte. Dagegen wollte man einen „neuen deutschen Frauenwillen“ errichten und sich beim Kampf zur Errichtung des „Dritten Reiches“ engagieren. Die alte „demokratisch-liberalistisch-internationale“ Frauenbewegung sei abzulehnen, da diese nur einen Konkurrenzkampf mit dem Manne hervorgerufen und nicht auf die „in Gott und ihrem Volkstum verwurzelte Frauenseele“ geachtet habe.32 Bereits der Deutsche Frauenorden hatte seine christliche Gesinnung durch das Motto „Glaube, Hoffnung, Liebe“ zum Ausdruck gebracht – die Schlagworte aus Paulus’ ersten Brief an die Korinther. Auch die NS-Frauenschaft sah eine wichtige Aufgabe darin, die christlich-weibliche Bevölkerung anzuwerben. Der Eindruck der Kirchenfeindlichkeit der NSDAP sollte widerlegt und dagegen die Übereinstimmung zwischen den Auffassungen des Nationalsozialismus und der Kirchen auf sittlich-moralischer Ebene betont werden. Während die NS-Propaganda bei den strenggläubigen Katholikinnen nur schwer Anklang fand, gewannen die NSDAP und damit auch die NSF unter den evangelischen Frauen schneller an Terrain.33 In Österreich sollte durch die beschönigende Werbung hinsichtlich der Kirchen- und Religionspolitik in erster Linie freilich die Wählerinnenschaft der Christlichsozialen Partei abgeworben werden.
Um den Elitecharakter der Organisation nicht zu gefährden, wurden genaue Richtlinien festgesetzt, welche Frauen in die NS-Frauenschaft aufgenommen werden konnten. Um Aufnahme konnten jene ansuchen, die über eineinhalb Jahre eine führende Position in anderen NS-Organisationen ausgeübt hatten. Dazu zählten beispielsweise Leiterinnen des Deutschen Frauenwerks, des Bundes Deutscher Mädel, des Reichsarbeitsdienstes (RAD) oder der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt). Nachdem zu wenig junge Frauen der NSF beitraten und auch Generationenkonflikte zwischen den älteren Frauen und den jungen Mädchen keine Seltenheit waren, wurden NSF-Jugendgruppen eingerichtet, in welche die jungen Frauen nach ihrer Zeit beim BDM eintraten.

Bernhard Rust, Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, besucht im Mai 1940 das Mozarteum, wo Studentinnen Kostproben ihres Könnens geben.
Die Reichsfrauenführung beziehungsweise die Frauenschaft und das Frauenwerk pflegten eine rege Zusammenarbeit mit anderen NS-Einrichtungen. So kooperierte man mit dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) zu Fragen der Mädchenerziehung, mit dem Reichsnährstand (RNSt) in der Landfrauenschulung, mit der NS-Volkswohlfahrt im Reichsmütterdienst sowie bei der Schulung von Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen, darüber hinaus teilweise mit der Reichsjugendführung bei Fragen über die Erziehung der Mädchen im BDM und mit den Studentinnen der ANSt zu Fragen über die weibliche Schulung im Studium. In der Stadt Salzburg betraf das etwa die Studentinnen des Mozarteums. Die Einrichtung wurde im Juni 1939 vom Konservatorium zur Hochschule erhoben und machte damit die ehemaligen Schülerinnen geradezu über Nacht zu Studentinnen, was eine Organisation in der ANSt erforderte.



