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Es klingelte wieder. Timo Tripke schämte sich für das schlechteste Drehbuch der Welt. Leise schlich er durch den Flur und linste durch den Türspion.
Draußen stand keine geschminkte Christiane-Christine im Bademantel und ohne Tasse für das Mehl. Da stand ein schlaksiger junger Mann mit einem großen Rucksack auf dem Rücken. Die blonde Gel-Frisur wirkte wie etwas, das man in einer Konditorei kaufen konnte. Sein T-Shirt zierten seltsame Applikationen und viele Farben, die nicht zusammenpassten.
Eine sportive Vogelscheuche wollte ihn sprechen. Tripke hatte sie noch nie gesehen. Es klingelte wieder. Und noch mal. Timo Tripke wusste nicht, wieso. Aber er öffnete.
»Herr Tripke!« Vogelscheuche klang ganz begeistert. »Ich bin Mick! Mick Breuer von HS-TV!«
»Von was?«
»HS-TV! Ihr Sender für Heiligenstedt. Sie kennen doch sicher unseren Slogan: ›Das F in HS-TV steht für Fun!‹.«
»Was wollen Sie?«
»Ich hatte bereits das Vergnügen, mit dem lieben Herrn Steiner zu reden, wir würden gern …«
»Sie haben was?«
»Herr Steiner. Direktor Ihrer Schule. Richtig? Er sagte, Sie wären leider krank. Aber ich dachte, ich schaue trotzdem mal bei Ihnen rein. Hoffe, es ist nichts Schlimmes?«
»Was wollen Sie?«
Timo Tripke verstand immer noch nicht, worauf das hier hinauslaufen würde.
»Ich betreue das Format ›HS-Helden‹. Heiligenstedter Helden. Und da würde ich wahnsinnig gerne was zu ihrem tollen Erfolg im Netz machen. Ihr Kreis, verstehen Sie? Da haben Sie doch sicher lange für geübt, was? Gerne würde ich Sie bei uns im Studio begrü…«
Timo Tripke holte aus, im Begriff, dem Rasenden Mick die Tür vor der Nase zuzuknallen. Doch der war gestählt aus dem Lokalreporter-Bootcamp hervorgegangen. Vogelscheuche kriegte rechtzeitig den Tennisschuh zwischen Tür und Rahmen. Ein Stück Papier segelte durch den kleinen Spalt, bevor Timo es endlich mit aller Kraft schaffte, die Tür ins Schloss zu drücken.
»Herr Tripke, nun haben Sie sich doch nicht so!«, beschwor Mick dumpf durch das Eichenholz. »Das sicher wird lustig. Flamingo Bianco war neulich auch bei uns! Rufen Sie mich bitte, bitte an, wenn Sie es sich anders überlegen.«
Bald hörte Timo Tripke, wie sich eine Vespa entfernte. Eine wunderbare Stille bemächtigte sich wieder des Hauses.
Gerne hätte Tripke jetzt mit Ben gesprochen. Ben hatte die Welt immer schärfer gesehen als er, analytischer. Als Kind war er schüchtern und verletzlich gewesen. Doch längst hatte sein Bruder ihn überflügelt. Ben hatte ausprobiert. Grenzen erprobt, gelebt. Er hatte die menschlichen Erfahrungen gesammelt, die Tripke fehlten. Wo Timo Tripke Probleme sah, sah Benjamin Dettmering Lösungen. Kein Wunder, dass die private Situation des einen sich eigentlich nie veränderte und die von Ben gefühlt ständig. Ben hatte gelernt, wie das ging, ohne dass man sich verlor. Hier eine neue Freundin, da ein neuer Job. So war es immer gegangen. Zumindest, als sie sich noch regelmäßiger gesehen hatten.
Ob er versuchen sollte, Ben zu erreichen? So ganz spontan? Vielleicht funktionierte seine alte Handynummer noch, die musste Tripke doch damals zu Opas 90. Geburtstag irgendwo aufgeschrieben haben.
Ein paar Minuten stand er noch mit dem Rücken an die Haustür gelehnt und stützte sich auf den Leergutkästen ab, die den leeren Garderobenbereich von Bernadette mittlerweile mit Leben füllten.
Bens Nummer suchte er nicht.
Stattdessen schloss Timo Tripke, wie er es eben schon vorgehabt hatte, die Rollläden im Wohnzimmer. Das Erdgeschoss von Akazienweg 9 war nun endgültig versiegelt.
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