Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Sämtliche Maschinen fielen gleich mit durch und sanken in die Tiefe. Und die Wurmgeister fielen aus den Maschinen und Wagen raus nach oben, da das Eisen schwerer ist als der Geist; einzelne Maschinen ließen allerdings ihre Geister nicht los.
Und in diese große Katastrophe blendete eine zweite Brillantensonne hinein, die noch größer war als die erste.
Und abermals sahen die Geister unzählige glitzernde Spinngewebefäden, die nun alle nach oben zu den fortziehenden Kugelsternen hinaufführten.
Die Wurmgeister fielen immer tiefer – immer tiefer – hinab.
»Aha!« sagte Knipo, »unsre Sterne lassen uns nicht los!«
Und die unzähligen Spinngewebefäden glitzerten in unzähligen Farben.
EIER!
Inhaltsverzeichnis
Das wogte hin und her und schien los zu wollen und schien nicht los zu können.
»Das ist das alte Lied des Lebens – es kann sich alles nich loslösen von dem anderen – und es paßt alles nicht zusammen.«
So sprachen die Geister, während sie immer tiefer in den Nebeln der Welt versanken – in den Nebeln, die hin und her wogten und nicht fortkonnten.
Und während die Geister glaubten, wieder im Unergründlichen zu sein, zog alle Freude von ihnen fort.
Und es bildete sich eine harte Kruste um ihr ganze Wesen.
Und diese Kruste ward den Geistern sichtbar – aber sie konnten durch die Kruste durchsehen wie durch Glas.
Und es berührte die Geister nichts mehr; das ganz Durcheinander der Weltnebel ward ihnen zum Bilderspiel; die Glaskruste ließ nichts näher an die Geiste ran.
Mittlerweile wölbte sich eine jede Glaskruste und erhielt die Form von großen Eiern.
Als das die Geister bemerkten, sagten sie seufzend: »Na ja, nun dachten wir schon, bald mal Götter zu werden – und nun sind wir wieder bloß die reinen Eier. Aller Anfang ist schwer. Aber daß der Anfang immer wiederkehrt, ist noch schwerer zu ertragen.«
Müde bewegten sich die Nebelschleier.
Die Geister in ihrer Verkapselung sanken tiefer und stürzten in ein großes Meer. Es staken grade zehntausend Geister in den Glaseiern nicht mehr. –
Jetzt wirbeln die Wassermassen durcheinander – wie Viehherden, in die der Blitz schlug.
Und die zehntausend gehen unter in den aufgeregten Wassermassen und glauben, daß jetzt bald alles vorbei sein wird – das ganze lange Leben.
Aber die eiförmigen Glaskrusten halten auch das Wasser von den Geistern ab, daß sie ruhig weiterleben können, obschon sie sich nicht bewegen können – wie Gelähmte.
Die zehntausend bleiben leben, doch sie haben keine Freude am Lebenbleiben.
Die Glaseier sinken in ein helleres Wasserreich, in dem bandwurmlange dickköpfige Schlammschlangen umherschwimmen; die Schlangenkörper sind stellenweise von topasartig leuchtenden Gewändern umgeben, die sich zierlich aufbauschen und sich anschmiegen in gewundenen knittrigen Faltengebilden an die Schlangenhaut.
Die Faltengebilde, die knotenartig an vielen Stellen des Schlangenleibes haften, leuchten wie Topase, hinter denen Licht ist.
Die zehntausend wissen nicht mehr, ob sie steigen oder sinken.
Knipo, jener Geist, der nie recht weiß, ob er sich ärgert oder sich freut, befindet sich ebenfalls in einem Glasei.
Die Geister bemerken es schmerzlich, daß sie sich nicht bewegen können – die Glaskruste ist so fest – und schließt jetzt auch den Mund.
Verworrene dumpfe Töne dringen durchs Wasser – als kämen sie aus weiter Ferne.
Die Glaseier schwimmen so ruhig wie hohle Steine – die Schlammschlangen bleiben ziemlich weit ab – zu denen gesellen sich glatte Seestiere mit dicken gelben Augen und dicken gelben Entenfüßen; die Seestiere werden aber scheu und gehen auf die Schlangen wütend los und zerreißen mit ihren hakigen Hörnern die leuchtenden Topasgewänder, daß die Fetzen nur so rumwirbeln. –
Und Flundermänner bliesen dazu auf großen Panzerschnecken einen Parademarsch, der den Geistern sehr gedämpft und klimprig klang. Die Flundermänner hatten ganz lange steife Hälse und braune Würfelköpfe und Flunderleiber, die so schlapp wackelten wie faule Fische; die Würfelköpfe sahen dagegen so fieberhaft erregt aus, daß sie Angst einflößten.
Und umgestülpte graue Töpfe schwammen herzu; in den Töpfen staken am Schwanz festgebundene Aale; die Aale verursachten gleichsam als Klöppel einen dumpfen Glockenlärm, der die Nervosität ins Bestialische steigern konnte; mancher Topf ging durch einen Aalkopf entzwei, und die geborstenen Topftöne machten den gedämpften Glockenlärm so unheimlich wie blutbefleckte Leichen.
Und alte Priester fielen samt jungen Soldaten zwischen die kämpfenden Stiere und Schlangen, die gleich Platz machten; viele Töpfe wurden dadurch heftig zur Seite gegen die Flundermänner geschleudert, daß vielen von diesen der steife Hals durchbrach; viele braune Würfelköpfe sanken mit ihren Panzerschnecken am Munde rasch in die Tiefe.
Und stille Seesterne kreisten um die Soldaten und die Priester rum. Und die Seesterne machten einen so friedlichen Eindruck.
Knipo sagte: »Die Seesterne sind gut!«
Doch seine Stimme war nicht zu hören; die Glaskruste ließ die Geisterstimme nicht mehr durch, obwohl der greuliche Topflärm und das klimprige Trompeten der Flundermänner noch als dumpfe Radaumusik von den Geisterohren empfunden wurde.
»Was soll das?« fragten sich die Geister fortwährend – sie wurden ganz wirr im Kopf; es hob sich die Feierlichkeit der Priester so merkwürdig von dem trivialen Getue der Soldaten ab, und die stillen Seesterne bewahrten eine so unnatürliche Ruhe vor den grauen Töpfen.
Die Flundermänner bliesen unauflhörlich ihre zimperliche Marschmelodie, nach deren Takt die Schlangen und Stiere kämpften – so pausenlos, daß es einfach blödsinnig wirkte; daß die Töne nur gedämpft von den Geisterohren aufgenommen wurden, machte ihnen das wirre Lebensbild nicht sanfter.
Und die Fetzen der Topasgewänder leuchteten dazu, daß auf dem wüsten Gedränge ein durchdringender Glanz bebte, der so angriff – wie der Glanz gestorbener Träume, wenn er sich vermischt mit dem Glanz wahnsinniger Rauschgebilde, die so alt sind.
Die Glaseier warfen den Glanz heftig zurück, daß von den Geistern ein Licht ausging – wie von trunknen Todeswonnen.
Und dieser Glanz und dieses Licht krallte sich in diesen großen Wirrwarr mit Gespensterfingern so schmerzhaft tief hinein.
Bildschöne Kinder mit widerlichen gelben Weibermasken im Arme sanken auch in die glänzenden Wassermassen; jedes Kind sah so lustig aus wie ein Reiterleben.
Und ganz feine lange Säulen, die ziseliert und durchbrochene Arbeit waren, schwammen oben wie ein großer Heringsschwarm vorüber; fette Kröten krochen auf den Säulen auf und ab im gleichmäßigen langsamen Kriecherschritt.
Jede Säule war anders als die nächste und oft so köstlich wie ein flinkes Pferd.
»Was soll das?« fragten sich die Geister, während sie mit den Achseln zucken wollten.
Und große langsam sich bewegende Strudel entstanden die alles umeinander wirbelten und auch die lichtsprühenden Glaseier ergriffen und hineinzerrten in den seltsam glänzenden Wirrwarr, den keiner verstand.
Doch trotz allem Regelhohn bewegte sich alles so, daß die Geister weltferne Rhythmen zu fühlen glaubten.
Und Nixen sprangen plötzlich in das glanzumwirbelte Strudelreich.
Und die Nixen bewegten sich wie schlanke Tänzerinnen – und es zuckte so viel Spott durch ihre Bewegungen, die nur so leise an Tänze erinnerten.
Ihre Finger ahmten den Takt nach, in dem die Schlangen mit den Stieren kämpften, und die langen flossigen Fischbeine der Nixen bewegten sich, wie sich die Aale in den Töpfen bewegten. Und die anderen Bewegungsspiele in den Strudeln versuchten die Nixen ebenfalls nachzuahmen.
Und die Geister verstanden das Getue der Nixen nicht im mindesten.
Und die Geister konnten nicht fragen; das Eiglas verschloß ihnen den Mund.
Indessen – nun senkte sich in die Geister eine neue Neigung: sie wollten unwillkürlich tun, was die Nixen taten – – auch wie diese die Bewegungen, die sich in den gemächlich kreisenden Glanzstrudeln entfalteten, nachahmen.
Das ging nun zwar nicht – des Eiglases wegen – dafür ging jedoch was andres: sie konnten das Strudelreich, das jetzt nur noch ganz langsam kreiste, allmählich ein bißchen verstehen; es bewegte sich der ganze Krempel so wundervoll.
Und die Nixen lachten und sprachen, daß es dumpf hallte – wie in fernen Kellergewölben: »Ihr lacht Euch scheckig, wenn Ihr den ganzen verworrenen Hexensabbat des Lebens nur als Bewegungsspiel nehmt. Es macht irrsinnig, wenn man alles für tiefsinnig halten möchte. Das Tiefsinnige muß sich doch immer, um als solches zu gelten, aus einer Fülle von Flachsinnigem herausheben können. Darum laßt das Tiefsinnige seitwärts stehen und nehmt zunächst mal alles bloß als Bewegungsspiel, so werdet Ihr die Welt besser begreifen als bisher.«
Knipo wurde sehr ärgerlich.
» Hier baumelt ein Rettungsanker für die Flachköpfe!«
Also wollte er rufen, leider vermochte er nicht, sich hörbar zu machen.
Die Worte der Nixen, die sich jetzt ins dunkle Wasser zurückzogen, wirkten aber nach, und viele Geister gaben zu, daß das Reich der sinnverwaltenden Vernünftigkeit immer nur klein sein dürfte, denn wenn's überall zu sehen und zu haben wäre, so wär's doch gleich was Gewöhnliches.
»Das Gewöhnliche muß aber grundsätzlich vermieden werden!« sagten sie eifrig.
Und die Wassermassen wurden ruhig.
Und nun zog der Glanz fort aus dem ruhigen Wasserreich – und der Wirrwarr darinnen wurde grau und farblos – und die Gestalten schrumpften zusammen und sahen elend und ärmlich aus, obgleich sie sich im ganzen genommen lebhafter bewegten als bisher.
Und abermals erschienen die Nixen.
Und abermals ahmten die Nixen das Bewegungsspiel der Schlangen, Stiere, Soldaten, Aale und Priester – Töpfe, Seesterne, Flundermänner, Kinder, Säulen und Kröten nach.
Und die Geister verstanden das Nixenspiel; sie empfanden als richtig, daß auch der Reichtum an Glanz und Farbe nicht als solcher fühlbar werden könnte, wenn er überall zu sehen und zu haben wäre – und daß das Bewegungsspiel farbloser Massen nicht weniger reizend wirke – wie das der farbenreichen und glanzvollen.
»Im Farblosen«, wollte Knipo sagen, »wirken die Bewegungen als solche noch viel mehr.«
Und die Geister bedauerten, daß sie sich nicht so bewegen konnten wie die Nixen.
Die Geister hatten sich aber allmählich an den durchgerührten Lebenspunsch mit seinem Wirrsal gewöhnt und schwammen ganz munter drinnen herum.
»Man muß sich an die Welt nur gewöhnen – nur gewöhnen – und nicht immer höhnen.«
Diese Worte hätten sie gerne laut ausgesprochen.
Sie merkten aber währenddem, daß allmählich alles so recht schmutzig wurde – so recht unanständig – gemein und ekelhaft.
Trotzdem blieb das Bewegungsspiel so reizvoll wie bisher. Die Nixen riefen – in gedämpften Baßtönen: »Ja – ja – das Anständige muß auch seinen Hintergrund haben, sonst wird es gewöhnlich.«
Knipo fand, daß die Verworrenheit einen ganz neuen Reiz durch die schmutzigen Elemente erhielt; er hätte so gerne gesagt:
»Glaubt doch den Nixen nicht ein einziges Wort! Die Geschichte wird tatsächlich immer köstlicher, obgleich sie schmutziger wird. Der Schmutz macht ja das Bewegungsspiel so schrecklich reich, er braucht wirklich nicht entschuldigt zu werden.«
Die Nixen wurden nun leider so scheußlich schmutzig – so voll Schlamm und Unrat –, daß sie – scheinbar aus Scham – wieder im dunklen Wasser verschwanden.
Und die Geister bemerkten über sich ein helles weißes Licht.
Und sie kamen an die Oberfläche des Meeres – obgleich sie geglaubt hatten, daß sie immer tiefer runterkämen.
Das Meer war so weiß, als wäre weiße Kreide drin aufge löst.
Und der alte Himmel war gelb wie frische Butter.
Und die Geister stiegen in den Himmel empor wie Luftballons.
Und die Glaseier lösten sich oben auf und fielen tropfend in das Kreidemeer hinein – das Kreidemeer zischte. Und die zehntausend konnten sich wieder bewegen und atmeten auf.
LUST!
Inhaltsverzeichnis
Geister, die sich lange nicht bewegen konnten, bewegen sich wieder.
Und jetzt wollen sie wieder selbständig werden, um noch anders die Welt genießen zu können; nicht hoffen sie mehr, Götter zu werden – doch sie hoffen immer noch, was andres zu werden.
Und wenn sie was andres geworden sind, dann wollen sie erst mal wieder genießen – anders genießen – anders – eine andre Welt.
Alles Göttliche wird im fernen Hintergrunde auch immer wieder anders – bald größer und bald kleiner.
Und während sich die Geister recken und drehen und den Kopf nach allen Seiten biegen, sehen sie, wie im weiten gelben Himmel unzählige blutrote Sterne aufleuchten. Doch die blutroten Sterne stehen nicht still; sie fliegen herum, wie Fliegen im Sonnenschein hin und her zucken – und nur zuweilen fest bleiben in der Luft, um noch heftiger hin und her zu zucken.
Beim Anblick der zuckenden Sterne glauben die Geister, daß sie fühlen, wie ihre Selbständigkeit langsam aufkeimt, und ihnen wird so stolz zu Mute, als wenn sie flott in die Unsterblichkeit segeln dürften.
Die Geister gruppieren sich kegelförmig, so daß sie zusammen eine runde nach unten offene Tüte bilden. Hoch oben auf der Spitze steht Knipo.
Mattgrau sind die Geister, ihre Gewänder werden steif und kriegen grade regelmäßige Falten; die Köpfe heben sich höher, so daß die Hälse länger werden. Die Hälse werden sehr beweglich, und auf den Köpfen bilden sich glänzende Opalaugen, so daß die Geister viel mehr seher als bisher.
Die Geistertüte dreht sich – ganz langsam.
Und am gelben Himmel, in dem die blutroten Sterne immerzu hin und her zucken wie Fliegen im Sonnen schein, entwickelt sich ein buntes Lampenfest, was sehr seltsam wirkt, da's ganz hell bleibt.
Zunächst entstehen weiter unten ringsum in der Runde große hellblau leuchtende Pyramiden; sie bilden einen weit abstehenden Pyramidenkranz um den runden hohlen Fuß der Geistertüte.
Und über den hellblauen Pyramiden entstehen dunkelblaue Riesenoktaeder; diese bilden einen noch weiter abstehenden Kranz, der sich noch tiefer in den gelben Welthimmel hineinschiebt.
Und aus diesen unteren hellblau und dunkelblau leuchtenden Lampenkränzen schießen hellgrüne und dunkelgrüne Raketen hoch in die gelbe Himmelshöhe und bleiben und vereinen sich in einem dicken Punkte hoch, hoch über Knipos Kopf, daß die Geister die Empfindung haben, sich inmitten einer Kranzkrone zu befinden.
Und die hellblauen Pyramiden und die dunkelblauen Oktaeder drehen sich unten, und mit ihnen drehen sich die hellgrünen und dunkelgrünen Raketen. Die Raketen bestehen aber aus lauter leuchtenden kleinen Kugeln, die sich auch drehen und wie hellgrüne und dunkelgrün Perlen schimmern und spiegeln.
Zwischen den grünen Raketen zucken noch wie anfangs auf dem gelben Himmelsgrunde die blutroten Sterne wie Fliegen im Sonnenschein hin und her.
Und dieser sich drehende Raketenkorb verwirrt die Geister, die mit ihren Opalaugen in der Mitte stehen wie eine schlanke Kirchturmspitze.
Es ist aber sehr still im weiten All.
Und Knipos Stimme erschallt und sagt laut von oben herunter: »Wohl dem, der sich niemals wundert über die Wunder der Weltbewegung. Wohl dem, der ruhig alles hinnimmt wie ein Geschenk – und nicht mehr haben will. Und ich weiß, daß es Geister gibt, die so viel haben, daß sie gar nichts damit anzufangen wissen – und dennoch immer mehr haben wollen. Ich weiß das und wundre mich auch darüber nicht.«
Knipos Stimme hallt weithin – wie die Stimme eines Predigers in der Wüste.
Die Pyramiden, die Oktaeder und die Raketen bleiben wohl an ihrer Stelle – aber sie drehen sich ohne Unterlaß vor dem gelben von roten Sternen durchzuckten Himmel um sich selbst.
Und helle weiße Sporen, die Sicheln ähneln, springen überall aus den hellgrünen und dunkelgrünen Raketen heraus.
Und die weißen Lichtsicheln machen alles so furchtbar hell, daß die gelben, roten, blauen und grünen Farben fast dunkel erscheinen – und daß wieder die Spinngewebefäden, mit denen die Geister an ihre Sterne gebunden sind, sichtbar werden.
Die Fäden glitzern im hellen Licht und gehen nach allen Seiten durcheinander; sie gehen auch nach oben und nach unten – kreuz und quer.
Und die Fäden glitzern so perlmutterbunt im hellen weißen Sichellicht.
Und die Raketen recken sich höher und höher empor, daß sie auch zusammen einen runden Kegel bilden, dessen auch schlanke Spitze eine unermeßliche Höhe erreicht.
Und nun dreht sich dieser ganze Raketenkegel wie die Geistertüte langsam um sich selbst. Und dabei drehen sich auch noch die einzelnen Raketen um sich selbst, daß die weißen Lichtsicheln nur so blitzen.
Die blauen Pyramiden und Oktaeder drehen sich mit dem Raketenkegel mit und auch noch um sich selbst – um sich selbst drehen sie sich noch schneller als bisher.
Und alles dreht sich allmählich immer schneller, daß die Geister den gelben Himmel mit den roten Sternen bald nur noch als zuckende Streifen empfinden.
Und die Geister können dieses sich drehende Lichtspiel nicht verfolgen – trotzdem sie so viele Opalaugen haben.
Und sie wollen doch das farbige Lichtspiel – dieses himmlische Lampenfest – genießen – und sie können's doch nicht fassen – es geht ihnen alles um und um.
Und trotzdem erfüllt das Lampenfest die ganze Geistertüte mit wundersprühender Lust.
Und Knipos Stimme wird nochmals oben hörbar- sie sagt jetzt etwas hastig: »Grade das Verwirrende erzeugt doch den Gipfel aller Lebenslust. Grade dort, wo wir nicht mehr folgen können, fängt der große Rausch an, der uns ganz und gar durchglüht.«
Da fragt eine kleine wispernde Stimme aus der Geistertüte: »O Knipo, sage bloß, wo hast Du alle Deine Weisheit her?«
Knipo erwidert nach einer Pause melancholisch: »Das weiß ich nicht.«
Und dabei erinnert er sich an leuchtende Nixen und an ein Bahnwagenverdeck, an rasselnde Schienen und lachende Kugelsterne – aber seine frühere Zeit erscheint ihm ganz voller Nebel.
Leise fragt er: »Was war ich, als man von der großen Wettfahrt noch nichts wußte?«
Und wieder wispert's aus der Geistertüte heraus und spricht kichernd: »O Knipo, Du wirst wohl geölt haben – die Maschinen.«
»Nein«, tönt's von oben zurück, »ein schwarzer Diener war ich nicht. Ich glaube jetzt aber zu wissen, woher wir alle unsre Weisheit her haben: von den Sternen, an die wir immer noch gefesselt sind, müssen wir unsre Weisheit her haben.
»Haben wir«, fragt da wieder unten eine kichernde Stimme,» auch unsre Dummheit von den Sternen her?«
Und Knipo entgegnet zum zweiten Male melancholisch: »Das weiß ich nicht.«
Die Raketentüte dreht sich langsamer und wird wieder durchsichtig – und goldene und silberne Schlangen ringeln sich um die grünen Raketen und lassen sich herunter und schnappen nach den dunkelblauen Oktaedern und nach den hellblauen Pyramiden.
Und die Geister der Tüte erinnern sich an lauter verworrene Geschichten, die sie früher mal erlebt zu haben glauben – und die Geschichten ringeln sich wie Schlangen um ihren Hals – und die Luft wird ihnen verwirrend.
Und sie wollen das Verwirrende abschütteln und darum wieder selbständig werden, da sie glauben, daß die Selbständigkeit alles klar und übersichtlich machen müsse.
Und die Geister verfluchen die unzähligen Spinngewebefäden, die sie nicht zerreißen können – die so dehnbar sind – und die sich jetzt teilweise um die goldenen und silbernen Schlangen wickeln; währenddem fühlen die Geister, daß ihr Hals wieder frei wird und die Luft besser.
Doch Knipo wird höhnisch und ruft hart durch die stille Luft: »Wenn ich nicht irre, sind selbständige Leute gar nicht fähig, zu genießen. Jedenfalls kann die Selbständigkeit den Genuß nicht erhöhen. Der eigentliche Genuß beginnt immer erst da, wo die Klarheit aufhört – das ist nun mal meine Meinung. Wo aber die Klarheit aufhört kann von Selbständigkeit nicht mehr viel die Rede sein. Demnach bin ich wohl im Recht, wenn ich behaupte, daß die selbständige Herrlichkeit eine wenig erbauliche Sache ist.«
Da werden die Geister so wütend wie alte Hetären und reden alle übereinander weg wie Kinder, die aus der Schule kommen.
Schließlich bringt eine rauhe Stimme den Lärm zun Schweigen und sagt zornspritzend: »Knipo, Du erlaubs Dir da oben, lauter dummes Zeug zu reden und das für Weisheit zu erklären. Deine alte Manier! Aber wenn wir diese Lichteindrücke nicht in uns aufnehmen können werden wir sie nicht genießen. Was sollen wir mit der Verworrenheit anfangen? Was nützt es uns, wenn uns die ganze Welt ewig und immer als ein großes sinnloses Lichtspektakel erscheint?«
»Hoho!« ruft da Knipo hoch oben, »nur die Gebrechlichkeit unsrer Aufnahmefähigkeit ist der Grund aller Weltverworrenheit. An unsern Sinnen liegt es, daß uns die Welt so verworren erscheint – die Welt selbst ist es gar nicht.«
»Aha!« wispert da wieder eine kleine Stimme in der Geistertüte, »also haben wir doch Ursache zu wünschen, daß sich unsre Sinne verändern. Es muß wahrhaftig alles anders werden – vergöttlichen müssen sich unsre Sinne! Ich werde schon zufrieden sein, wenn bloß meine Sinne göttlich werden – ich selbst will schon ruhig bleiben, was ich bin.«
Das Lichtfest ist so still, obgleich sich die Raketentüte mit den Schlangen, Pyramiden und Oktaedern allmählich wieder schneller dreht.
Und Knipo sagt langsam: »Vielleicht sind unsre Sinne bloß deswegen so unvollkommen, damit wir nicht alles auf einmal aufnehmen. Wir müssen uns doch was für spätere Zeiten aufbewahren. Vielleicht werden unsre Sinne immer vollkommener. Die Weltbilder sollen uns wahrscheinlich erst allmählich in ihrer ganzen Großartigkeit zugänglich werden.«
Da lachen sehr viele Geister in der Tüte laut auf und schreien: »Das ist ja grade unsre Meinung schon seit Olims Zeiten! Deshalb wollen wir doch Götter werden!«
Und alle rufen zusammen mit ihrer ganzen Lunge: »Wenn wir doch erst Götter wären!«
»Wenn wir doch erst Götter wären!«
Knipo aber spricht ärgerlich: »Ihr scheint den Wert der Gegensätze nicht zu begreifen. Die besten Sinne sind für uns so gut wie wertlos, wenn wir nicht die weniger guten kennengelernt haben. Ihr wollt, daß alles gleich vollendet da sei – während doch die langsame Entwicklung zum immer Besseren viel köstlicher ist als das Beste ohne Gegensatz und ohne Entwicklungsfähigkeit.«
Die Geistertüte steht still – und die Raketentüte steht auch still.
Und die kleine wispernde Stimme ruft so laut, daß es energisch klingt: »Wir sind auf der wilden Jagd nach dem großen Diadem der Gottheit, und Knipo soll uns nicht in die Zügel fallen.«
Die weißen Lichtsicheln werden von den silbernen und goldenen Schlangen verschlungen.
Und es wird den Geistern vor ihren Opalaugen alles sehr dunkel.
Die Fäden verschwinden in ein paar Augenblicken.
Und die Raketentüte steigt mit den Schlangen, Oktaedern und Pyramiden hoch empor und wird bald unsichtbar oben in der dunkleren Höhe.
Der Himmel wird ganz schwarz in ein paar Augenblicken.
Jetzt aber leuchten die Geister selber und erschrecken, wie sie sich so leuchten sehen.
THEATER
Inhaltsverzeichnis
Geister, die lange zusammen waren, erkennen sich plötzlich nicht wieder; sie sind ganz verändert; ihr Rumpf ist fort, und ihr Kopf besteht nur noch aus zwei kleinen Ohren und unzähligen Opalaugen.
Eine schlanke Geistertüte von regelmäßiger Kegelform ist zu einer Opalaugentüte geworden.
Die Opalaugentüte leuchtet wie faules Holz; die Ohren der Geister ähneln dunklen Perlgebilden, die aber das gleißende Opalisieren der Geisteraugen nicht stören.
Vom Fuß der gleißenden Tüte, die wie die ungeheure Glanzspitze einer verborgenen Pickelhaube hoch in den dunklen Himmel emporragt, geht jetzt nach allen Seiten flach ansteigend ein grünes Moosland trichterförmig in die Höhe und bildet eine ungeheure runde flache Schale – eine grüne Mooslandschale –, in deren Mitte die Geisterspitze steht- wie der Schirmstock in einem umgekehrten offenen Regenschirm.



