Franzis merry little Christmas

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»Ach komm´ Gitta ist nun wirklich keine seriöse Quelle. Außerdem kannst du sagen, was du willst, ich finde ihn genial. Seine Kurse sind super und er ist der Einzige, der sich auch mal einfach so für seine Studenten interessiert.«
»Besonders für seine Studentinnen!«
Franzi blieb stehen, und wollte gerade wieder zum Protest ansetzen, als Carla schon beschwichtigte: »Ja, ja schon gut, ich werde nichts mehr gegen den großen Meister sagen. Und gegen Helmer ist er allemal Gold!«
Um diese Zeit war in der Cafeteria kaum etwas los. Noch übertönte kein Stimmengewirr das Geklapper aus der Küche und ihr Lieblingstisch, in einer Nische am Fenster, war frei. Carla verteilte ihr Frühstück, dabei stieß sie gegen Franzis Milchkaffee, so dass er überschwappte und den Kaffeekeks in der Untertasse ertränkte.
»Hey!« Franzi rettete ihre Tasse. »Mach` dich nicht so breit, mit deinem Gelage!« Ihr Blick wanderte über den Muffin, das Franzbrötchen, die Quarkspeise ... »Sag´ mal, willst du das wirklich alles essen?«
Carla schob den Teller mit dem Kopenhagener in die Mitte des Tisches und steckte zwei Löffel in die Quarkspeise. »Wieso? Ich dachte, du hilfst mir.«
»Nö, ich habe eigentlich gar keinen Hunger mehr.« Gedankenverloren rührte Franzi noch einen Löffel Zucker in ihren Kaffee und schaute verzückt hinaus, auf die mit Raureif bedeckten Bäume und Büsche. »Ich liebe es, wenn alles so zart weiß gepudert ist. Sieht das nicht einfach wunderschön aus?!«
Carla folgte Franzis träumerischem Blick. Sie sah das Ganze etwas nüchterner. »Vor allem ist es schon seit Tagen schweinekalt.«
»Stimmt. Aber es will einfach nicht schneien.«, wunderte sich Franzi.
»Hier schneit es sowieso nur ziemlich selten und vor Weihnachten schon gar nicht. Wenn, dann höchstens mal im Januar oder Februar.«, sagte Carla.
»Schade. In München hat es eigentlich immer schon vor Weihnachten geschneit.«
»In Bayern kommt der Weihnachtsmann auch mit seinem Schlitten durch den Schnee gestapft.«
»In Bayern kommt das Christkind!«, sagte Franzi. »Da fällt mir ein ... Weißt du, was Felix gestern gemacht hat? Ich bin immer noch stinksauer.« Sie beschrieb anschaulich das Chaos, inklusive Dekoration und kam schließlich zum Dekorateur. »... an seiner Hose hing noch so eine aufgerollte Sternengirlande aus Draht, es sah aus, als hätte er eine Sprungfeder am Hintern. So ist er hinter mir geschlurft und hat mich ernsthaft gefragt, ob ich sauer sei.«
Carla kicherte.
»Hey! Das ist nicht witzig.« Franzi hielt einen Moment inne und erinnerte sich, wie Felix in seiner ganzen Pracht vor ihr gestanden hatte - und sie musste auch kichern. »Okay, das war doch witzig.«
Zwei Vorlesungen hatte Franzi sich angehört, war zwischendurch in die Mensa gegangen und hatte einen ziemlich üblen Gemüseauflauf gegessen. Anschließend trödelte sie ein bisschen an den diversen Schwarzen-Brettern entlang. Sie hatte einfach keine Lust, nach Hause zu gehen. Klar, im Rückblick war das alles ganz witzig, und sie war sonst alles andere als pedantisch ordentlich und mochte auch gerne feiern, aber Weihnachten wollte sie es nun mal heimelig, schön und gemütlich haben.
Als sie sich schließlich doch auf den Heimweg machte, fuhr ihr der Bus vor der Nase weg. Sie beschloss, zu Fuß zu gehen. Die Dämmerung setzte bereits ein und Franzi bewunderte auf ihrem Weg, die immer zahlreicher werdenden Lichterketten.
Schließlich kam sie zu der Tankstelle und sogar die war mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. In regelmäßigen Abständen leuchtete eine Sternschnuppe in blau, grün, rot und wieder blau ... Nicht schön und auch nicht selten, aber na ja – irgendwie weihnachtlich.
Martin war schon dabei sein Werkzeug zusammen zu räumen, doch als er Franzi kommen sah, legte er Säge und Beil achtlos beiseite und kam strahlend auf sie zu. »Hi!«
»Hi, hast du meinen Mistelzweig noch?«
»Klar.« Martin hatte ihn extra in seinen Transporter gelegt und holte ihn jetzt schnell.
Bewundernd betrachtete Franzi den riesigen Zweig erneut. »Was für ein Prachtexemplar. So filigran und märchenhaft.« Vorsichtig strich sie über die schneeweißen, kleinen Beeren. »Hoffentlich breche ich nicht die Hälfte der Beeren schon beim Transport ab.«
»Ach was, die sind noch ziemlich frisch. Na und wenn sie abfallen, bringt es Glück.«
»Wirklich?«
»Klar!«
»Und wenn sie nicht abfallen?«
»Dann hast du erst recht Glück und Beeren.«
Franzi lachte. »Das hört sich gut an. Scheinen ein echter Glücksfall zu sein, deine Mistelzweige.«
»Das sind sie auf jeden Fall.«
»Und was bekommst du jetzt für diesen Wunderzweig?«
Martin winkte ab. »Lass mal, bei uns sind die Misteln eigentlich eine Plage.«
»Ist klar! Deswegen werden sie auch überall teuer verkauft.«
»Wirklich! Mein Opa hat vor einigen Jahren mit den Mistelbeeren rumexperimentiert und jetzt ist bei uns fast jeder Obstbaum befallen.«
Franzi sah ihn ungläubig an. Sie schüttelte den Kopf und reichte ihm den Zweig zurück. »Trotzdem. Das kommt nicht in Frage. Ich kann das nicht auch noch annehmen. Dabei hätte ich den Zweig wirklich gern.«
»Okay.« Martin gab nach. »Aber dann bekommst du noch einen Punsch von mir.« Als er Franzis Blick sah, fügte er schnell hinzu: »Du weißt doch, Sonderkonditionen ...«
Franzi verdrehte die Augen, doch bevor sie etwas sagen konnte, war Martin schon in der Tankstelle verschwunden. Kurz darauf kam er mit zwei dampfenden Pappbechern zurück.
Sie wärmte ihre eiskalten Hände an dem heißen Getränk. »Danke! Du bist echt ein unglaublicher Geschäftsmann. Sag mal, hast´ du überhaupt schon einen Baum verkauft?«
Er grinste verschämt. »Nö, eigentlich habe ich letzte Woche nur ein paar Adventskränze verkauft und heute noch einen Mistelzweig. Aber das Autoüberbrückungsgeschäft läuft richtig gut. Ich habe schon dreimal Starthilfe gegeben und einmal sogar Trinkgeld bekommen.«
»Na prima. Willst du denn mit deinen Bäumen hier stehen bleiben?«
Martin zuckte mit den Schultern. »Was soll ich machen? Außerdem, es ist ja noch ein bisschen hin bis Heiligabend. Bestimmt entschließt sich der ein oder andere noch, einen Baum zu kaufen.«
Franzi war sich da nicht so sicher, aber sie wollte ihm auch nicht seine Illusion nehmen. »Also, ich kaufe auf jeden Fall einen Weihnachtsbaum. Nächste Woche such ich mir den Allerschönsten bei dir aus. – So.« Sie versuchte Zweig und Tasche, möglichst geschickt, zusammen zu greifen. »Jetzt muss ich, glaub ich, wirklich los. Vielen Dank für den Zweig, den Punsch und ...«
Er unterbrach sie: »Da nich´ für!«
Franzi lächelte, so ein Schnack.
Leise Weihnachtsmusik war im Hausflur zu hören. Ella Fitz Gerald sang vom Winterwunderland. – Wie schön. Franzi kramte nach ihrem Schlüssel und hielt einen Moment inne. Wer hier wohl Weihnachtsmusik hörte?
Plötzlich, bevor sie ihren Schlüssel im Schloss drehen konnte, ging die Tür auf und Franzi landete in Felix´ Armen.
»Hoppla!«, sagte Felix. Er wollte sie gleich an sich drücken, doch sie hielt ihn mit ihrem Mistelzweig auf Abstand und ignorierte seinen Dackelblick. Dabei stand er da wie das personifizierte schlechte Gewissen. »Verzeihst du mir, mein süßer Weihnachtsengel?«
Mühsam hielt Franzi ihre Mundwinkel unter Kontrolle und schielte um die Ecke. »Erst mal sehen, wie es hier aussieht.« Langsam zog sie ihren Mantel aus, den Felix ihr sofort abnahm und auf einen Bügel an die Garderobe hängte. »Es ist alles wieder picobello, Prinzesschen. Ich habe geschuftet wie ein Ackergaul, und jetzt habe ich ein Küsschen verdient!« Er deutete über sich. »Schau wir stehen direkt unter einem Mistelzweig.«
Franzi guckte nach oben, wo wirklich ein gewaltiger Mistelzweig an der Decke hing. Er musste der andere Kunde bei Martin gewesen sein, dachte sie und gab ihm endlich seinen ersehnten Kuss. »Mistkerl, blöder!« Sie grinste. »Und wo soll ich jetzt damit hin?« Fragend hielt sie ihm ihren Mistelzweig entgegen.
»Ach, den hängen wir nachher in den Hausflur, damit sich die Nachbarn auch ein bisschen liebhaben. Aber jetzt komm, ich will dir was zeigen.« Er war zappelig wie ein kleines Kind, das seine Bastelei hinter dem Rücken versteckt hält. Zugegebenermaßen ziemlich neugierig folgte Franzi ihm in die Küche, und die war wirklich kaum wiederzuerkennen. Alles war auf Hochglanz poliert. »Welch seltener Glanz in dieser Hütte, äh Küche«, staunte Franzi. Nichts deutete mehr auf das nächtliche Gelage hin. Lediglich die Eiszapfen hingen noch am Kronleuchter – aber das sah eigentlich richtig gut aus.
Dann sah Franzi, was er noch für sie angerichtet hatte: Im Küchenfenster hing ein Schwein, ein herrliches Schwein! Es hatte große goldene Engelsflügel, ein Grinsen im Gesicht und es schickte sich an, mit seinem wohlgeformten Hintern eine Arschbombe zu machen. Unter dem Schwein stand, auf der Fensterbank, ein flacher silberner Korb, gefüllt mit einer Wolke aus rosa Zuckerwatte.
Gerührt drückte Franzi Felix. »Das ist ja schön.«
Er grinste stolz. »Ja, nicht! Und guck mal hier, ich habe einen Platz für unseren Adventskranz gefunden.« Er deutete auf den Kühlschrank, der durch das grüne Monstrum ganz verändert aussah. »Ich habe extra meine Müsligläser weggeräumt.«
Oh ha, das war wirklich ein Opfer. Denn sein Müsli, das er jeden Morgen aufs Neue zusammenstellte, war ihm heilig.
»Das ist ein super Platz, aber wo hast du denn dein Vogelfutter untergebracht?«, fragte Franzi.
Felix öffnete einen Küchenschrank, in dem die Gläser mit den Nüssen, Kernen und getrockneten Früchten dicht gedrängt und übereinandergestapelt standen. »Ich habe ein bisschen umgeräumt – ist ja nicht für lange?!«
»Nein, nein, spätestens Anfang März, kannst du alles wieder zurück räumen.«
Als Franzi sein Gesicht sah, lachte sie. »Ich habe nur Spaß gemacht.«
Sichtlich erleichtert nahm er sie in den Arm. »Alles wieder gut?«
»Ja, du lieber Chaot.« Sie gab ihm noch einen Kuss. »Ich glaub, ich war ganz schön empfindlich und hab vielleicht auch ein bisschen übertrieben mit meiner Schmückerei.«
»Vielleicht ein klitzekleines bisschen.«, sagte Felix, fügte aber schnell hinzu: »Aber hör bloß nicht auf damit. Ich liebe es.«
»Klar.« Sie schnupperte. »Mm, was riecht denn hier so lecker? Wenn du jetzt auch noch gekocht hast, fall ich gleich hintenüber.«
Felix war Koch mit Leib, Seele und Leidenschaft. Zu Hause jedoch kochte er nur äußerst selten. Er hatte sein Hobby zum Beruf gemacht und konnte sich so in seiner Freizeit anderen schönen Dingen widmen, meinte er.
»Ich hab mit dem Gedanken gespielt«, sagte Felix.
»Nein!«
»Doch! Aber dann fiel mein Blick auf die Nummer vom Pizzaservice und ich erinnerte mich, dass du schon seit einer Ewigkeit nicht mehr deine Lieblingspizza gegessen hast.«
Er öffnete den Ofen. »Und hier ist sie – die Spezial Parmaschinken, Pfirsich, Rucola Pizza, frisch wieder aufgebacken. Ta, Ta!«
Mit dem Tusch stellte er die Pizza auf den Tisch und holte noch eine zweite aus dem Ofen. »Allein Essen ist doof. Holst du Weingläser? Ich habe uns noch einen guten Bordeaux mitgebracht.«
»Sag mal, woher wusstest du eigentlich, wann ich komme?«, fragte Franzi zwischen zwei Bissen, mit halb vollem Mund – die Pizza war einfach zu köstlich. »Du hast ja direkt hinter der Tür gelauert, als ich aufschließen wollte.«
Felix setzte sein Glas ab. »Ich habe euch schon eine ganze Weile beobachtet, dich und den netten Weihnachtsbaummenschen.« Nachdenklich fügte er hinzu: »Wäre der nicht was für dich? Der ist doch echt niedlich.«
Franzi verdrehte die Augen. »Felix, lass den Quatsch! Er ist wirklich ein netter Mensch – aber nein danke, kein Bedarf.«
»Na, wer nicht will, der hat schon.« Forschend beobachtete Felix Franzis Gesicht. »Ach nee, Franzi! Doch nicht immer noch der Prof?«
Ärgerlich, verlegen und leider ziemlich rot, wie Franzi spürte, murmelte sie: »Quatsch! Du verstehst das nicht.«
Betrübt schüttelte Felix den Kopf. »Stimmt, ich versteh das wirklich nicht.« Als er ihren Blick sah, seufzte er. »Schon gut, vergessen wir das Thema.« Er lehnte sich zurück und sagte betont munter: »Lass uns eine deiner Weihnachtsdrogen gucken.« Womit er Franzis gut sortierte Sammlung von Weihnacht-DVDs meinte. Von Klamauk bis Kitsch war alles vorhanden, was irgendwie mit Weihnachten zu tun hatte. »Mir ist heut so, nach der ganzen Schmückerei. Wir kuscheln uns aufs Sofa und glotzen bis der Bildschirm schneit.«
»Au ja!« Franzi war schon dabei sich durch ihr Sortiment zu wühlen. »Aber welche Generation bist du denn? Der Bildschirm schneit doch heut nicht mehr.«
»Na, bei dir schon. Du freche Göre! Und jetzt rück mal, der Opa bringt den Wein mit. Denn Weihnachten muss Opa auf den Wein achten! Da kennt er sich aus.«
Felix ließ sich in das große, plüschige Sofa fallen, ein Erbstück seiner Oma, das er mit einem wunderschönen, tiefblauen Samt hatte beziehen lassen. Das Sofa war das Prunkstück in dem kleinen, an die Küche angrenzendem Raum, den Franzi und Felix zu ihrem Wohnzimmer auserkoren hatten. Nachdem Franzi noch fast ein Dutzend Kerzen angezündet hatte, kuschelte sie sich in die andere Ecke des Sofas und griff nach der Fernbedienung.
»Was gibt es denn Schönes?«, fragte Felix.
»Das Wunder von Manhattan.«
Daraufhin summte Felix: »Wunder gibt es immer wieder«
»Mm ...«
»Oh Fränzchen!«
»Pst!«
Kapitel 3
»Ach Mädchen nee, das ist doch Schrott! Das hatten wir doch alles schon! Mit diesem altbackenen Mist kannst du hier nichts mehr werden.«
Ein Loch – bitte ein Loch. Franzi sackte immer mehr in sich zusammen. Sie wünschte sich sehnlichst, dass der Boden sich auftun und sie samt ihrer Werke verschlucken würde. Professor Helmer machte sie – mal wieder – vor dem versammelten Kurs fertig. Sie wusste ja, dass sie keine wahnsinnig geniale, moderne oder innovative Künstlerin war, aber diesmal gefielen Franzi ihre eigenen Bilder – eigentlich. Das Thema hatte ihr wirklich gelegen, zumindest hatte sie das bis jetzt angenommen. Ausnahmsweise war es mal nicht erschöpfend originell, wie zum Beispiel das des letzten Sommersemesters: »Explodierendes Glas vor amorphem Hintergrund – die Härte der Vergänglichkeit«. Diese Themen brachten Franzi zur Verzweiflung, und sie haderte regelmäßig mit sich und ihrem Studienfach. Diesmal hatte das Thema schlicht und ergreifend »Landschaft« gelautet. Ihre Kommilitonen hatten unisono aufgestöhnt und vermutet, Helmer war zu faul gewesen, sich etwas Anständiges auszudenken. Franzi jedoch hatte sich gefreut. Endlich ein Thema, mit dem sie wirklich etwas anfangen konnte. Außerdem liebte sie es, in der Natur zu malen. Voller Tatendrang war sie zu all ihren liebsten Orten in der Umgebung geradelt, hatte sorgfältig Ausschnitte gewählt, mit unterschiedlichen Materialien und Techniken experimentiert, versucht ihre Gefühle in die Arbeiten einfließen zu lassen und ... verdammt ihr Herzblut lag in diesen Bildern. Und dennoch stand sie wieder mal da – puterrot, mit glühenden Ohren – und wollte sich einfach nur in Luft auflösen. Was hatte sie hier zu suchen? Es war zwecklos. Sie war keine Künstlerin und würde auch nie eine sein. Wieso tu ich mir das bloß an, dachte Franzi.
»Wer hat sie bloß zum Studium zugelassen?«, polterte Professor Helmer weiter.
Die ganze Zeit schon hatte Carla ihre Freundin besorgt beobachtet. Dass Helmer ein Arsch war und sich immer wieder einzelne Studenten herauspickte, um sie runterzumachen, war hinlänglich bekannt. Doch hier ging es um Franzi, und er war eindeutig zu weit gegangen! Ihr platzte der Kragen. »Jetzt machen sie aber mal einen Punkt! Franzis Arbeiten sind großartig! Sie wird hier nur fertiggemacht, weil keiner mehr so malen kann. Jeder kleckst und kleckert doch nur, wer weiß wie spektakulär und schräg, um irgendwie aufzufallen.«
»Ho, ho!« Professor Helmer machte Geräusche, als würde er ein temperamentvolles Pferd beruhigen wollen. Langsam ging er zu Carla hinüber und legte seine Hand beschwichtigend auf ihren Arm.
Carla schnaubte und schüttelte angewidert seine Hand ab.
»Na, na, immer mit der Ruhe.« Helmer lächelte gutmütig und blätterte in Carlas Arbeiten. »Mit ihnen bin ich sehr zufrieden, Carla! Sie haben Temperament und dieser Pinselstrich ist wunderbar kraftvoll und mutig.«
Es war zu blöd und sie wollte es nicht, aber sie konnte es nicht verhindern: Sie fühlte sich geschmeichelt.
Ein großformatiges, besonders farbenprächtiges Bild stellte Professor Helmer heraus, um es genauer zu betrachten. »Das ist großartig, so lustvoll!«
Und wieder empfand Carla, gegen ihren Willen, diesen verflixten Stolz.
Professor Helmer kniff die Augen zusammen. »Diese Brüste, die hier hervorquellen.« Er formte die Rundungen mit seinen Händen nach. »Wundervoll zum Greifen nah, sehr natürlich nachempfunden.« Sein Blick wanderte vom Bild zu Carlas Dekolleté.
Der ganze Stolz war futsch. Carla trat einen Schritt zurück und warf ihre langen, schwarzen Haare ärgerlich zurück. »So ein Quatsch! Das sind Hügel in einer abstrakten Landschaft. Sie müssen aber auch in allem etwas Sexuelles sehen!«
»Kindchen, Kunst ist Lust, Genuss, Experiment und immer wieder auch sexuell.«
»Blödsinn! Sie sind einfach ein lüsternes Arschloch!«
Der ganze Kurs hielt den Atem an. Carla hatte bei Helmer ein Stein im Brett, doch wie würde er auf diesen Ausbruch reagieren?
Unglaublicherweise schien Helmer Carla nichts übel zu nehmen. Im Gegenteil, er kicherte, sodass seine ganze schwabbelige Körperhülle vibrierte. »Hui, das nenne ich Leidenschaft! Sie inspirieren mich.« Abrupt wurde sein schnaufendes Gekicher von dem Klingeln seines Handys unterbrochen. Er schaute auf das Display, runzelte die Stirn und machte dann mit seiner freien Hand eine Bewegung, die irgendwo zwischen Verscheuchen und Winken angesiedelt war. Schon das Handy am Ohr rief er ihnen zu: »Schluss für heute, Kinder! Ich muss telefonieren.« Und verschwand eilig im Nebenraum.
Etwas verwundert schauten die Studenten Professor Helmer hinterher, der Kurs hätte eigentlich noch gut eine Viertelstunde dauern sollen. Da sie von ihm jedoch Einiges gewohnt waren, packten sie ihre Mappen ein und wunderten sich nicht länger. Während einer nach dem anderen den Raum verließ, schnaubte und schimpfte Carla noch vor sich hin. »... ich könnte ihn killen, diese eklige Schwabbelbacke!«
Franzi, die ihre Mappe inzwischen verschnürt hatte, versuchte Carla zu besänftigen. »Ach komm, lass dir von dem Idioten doch nichts einreden. Und anrühren würde ich den auch nicht, das wäre echt eklig! – Obwohl? Wenn ich mir das so überlege – er liegt da, angestochen, in einer Blutlache, daneben eine weiße Leinwand ... Doch etwas mit seinem Blut Gemaltes könnte ich mir gut vorstellen.«
Carla lächelte. »Du hast echt eine morbide Fantasie.«
»Wieso? Du hast doch damit angefangen. Wahrscheinlich würde er krepierend mit seinem letzten Atemzug hauchen: Endlich Franzi! Sie inspirieren mich!«
»Wieso sollen wir ihn eigentlich immer inspirieren? Und überhaupt, du hast mehr Talent in deinem kleinen Finger als er in seinem ganzen schwabbeligen Körper!«, sagte Carla.
Franzi machte eine abwehrende Handbewegung. »Nett von dir, aber Quark.«
»Nein, ich meine das wirklich ernst! Wahrscheinlich braucht er die ganze Inspiration, um seine Unfähigkeit zu kompensieren. Apropos ...« Carla hielt einen Moment inne. »Warte ... hm ... ich glaub, jetzt hat er mich inspiriert.« Sie strahlte Franzi an. »Ich werde einen Arschlüster kreieren und ihn irgendwo gut sichtbar aufhängen.«
»Aha!? Und was soll das sein?«
»Eine Mischung aus Arsch und Kronleuchter oder eben Lüster«, sagte Carla, als wäre es die normalste Sache der Welt. Weil Franzi sie weiterhin fragend ansah, erklärte Carla: »Ich modelliere einen Hintern aus Pappmaschee oder so, den häng ich unter einen alten Kronleuchter und dann ...« Gedankenversunken starrte Carla an die Decke und murmelte vor sich hin: »Das wird gut, das wird richtig gut! Ich sehe den riesigen Arsch schon vor mir. Ich werde ...«
Franzi kannte diesen Blick, Carla war bereits dabei, ihre Idee gedanklich umzusetzen. Nichts und niemand würde sie mehr davon abhalten.
Bevor Carla ihre Pläne weiter ausführen konnte, unterbrach Franzi sie: »Das wird auf jeden Fall großartig, mein Schatz. Und ich wette, auch dafür werden sie dich lieben. Aber jetzt lass uns bitte los. Ich muss hier endlich raus.«
»Ja klar, entschuldige! Ich komm gleich.« Carla begann, ihre Kunstwerke zu verstauen. Stirnrunzelnd betrachtete sie das Hügelbild. »Busen! Wie kommt er nur auf Busen?«
»Helmer ist und bleibt ein Idiot. Und jetzt komm!« Franzi stand schon in der Tür und wartete ungeduldig. »Mann, bin ich froh, dass ich ab morgen auf dem Weihnachtsmarkt stehe und den ganzen Verein hier ne Weile nicht mehr sehen muss.«
»Du hast echt einen Weihnachtsknall!« Carla schulterte ihre voluminöse Mappe. »Na komm, lass uns die Mappen wegbringen und dann lad ich dich zu einem Glühwein auf deinem geliebten Weihnachtsmarkt ein.«
Gebannt schaute Franzi in die bläuliche Flamme über dem riesigen Zuckerhut. Dicke Zuckertropfen fielen zischend in einen großen, glänzenden Kupferkessel und die Mischung aus karamellisierendem Zucker und brennendem Rum verbreitete einen betörenden Duft.
»Mm.« Franzi atmete tief ein.
»Hey, träum nicht. Rück lieber mal ein Stück«, sagte Carla und quetschte sich neben Franzi auf die Bank. Sie pustete in ihren Becher. »Der erste Glühwein ist immer der leckerste. Sag mal, wenn du schon auf dem Weihnachtsmarkt arbeitest, warum dann nicht am Glühweinstand? Das würde doch wenigstens Sinn machen.«
»Habe ich ja anfangs, aber von den Dämpfen hier wird man schon am frühen Morgen high, und dann diese wunderbaren Kostüme ...« Franzis Blick streifte die aufwendig kostümierten Weihnachtselfen hinter dem Tresen.
»Wieso?« Carla lächelte einem männlichen Weihnachtself zu. »Die sind doch niedlich.«
»Na ja, wer´s mag.« Franzi beobachtete, wie der Elf rot wurde und verlegen grinste. »Auf jeden Fall ist man ständig unter Kontrolle, weil der Chef alle naslang schaut, ob alle Zipfelmützen richtig sitzen und dass sich ja keiner am Glühwein vergreift. Dabei kann man den schon nach einem Tag hinterm Tresen nicht mehr riechen. Nee, da ist mir meine Erbsensuppe wirklich lieber.«
»Na dann ...« Carla hob ihren Becher an. »Prost!«
»Genau!«, sagte Franzi und sie ließen ihre Becher gegeneinander scheppern.
Während Carla noch ein bisschen mit dem wirklich ganz schmucken Weihnachtself flirtete, wärmte Franzi ihre Hände am Glühweinbecher und träumte vor sich hin. Sie liebte die Atmosphäre auf dem Weihnachtsmarkt, das glitzernde Leuchten der Lichterketten in der Dämmerung, den Duft von Tannengrün, gebrannten Mandeln, Bratwurst und Kerzenwachs. In das Stimmengewirr mischten sich die etwas blechern, aber fröhlich klingenden Weihnachtslieder vom Kinderkarussell. Hier und da klingelten Glöckchen und irgendwo war ein »Ho Ho Ho!« zu hören. Ihr war so weihnachtsglitzerig wie damals auf dem Münchner Christkindlmarkt. Bilder aus längst vergangenen Tagen entführten sie für einen Moment in eine andere Zeit, an einen anderen Ort ... Franzi seufzte leise und konzentrierte sich schnell wieder auf Carla, die inzwischen von ihrem Kobold abgelassen hatte und ihr jetzt detailliert beschrieb, wie ihr Arschlüster aussehen würde.
Es blieb nicht bei einem Glühwein ... Und Lilly gesellte sich zu ihnen. Sie hatte sich durch die Traube von Menschen gedrängt, die sich mittlerweile vor dem »Feuerzangenbowlenkessel« gebildet hatte. Völlig durchgefroren hauchte sie in ihre Hände. »Hallo ihr beiden. Wieso seid ihr nicht auf irgendeinem kuscheligen Sofa? Wie kann man bei dem Wetter freiwillig rausgehen?« Sie zappelte fröstelnd. »Brr! Ist das verflixt kalt, ich brauch dringend etwas Warmes.«
Lilly hatte vor drei Jahren mit Carla und Franzi das Kunststudium begonnen, dann aber ihre Leidenschaft für das Singen entdeckt und kurzerhand das Studium an den Nagel gehängt. Der Job auf dem Weihnachtsmarkt war einer von vielen gewesen, eine Zwischenlösung bis zu ihrem großen Durchbruch. Da der aber auf sich warten ließ, hatte Lilly inzwischen ihren eigenen Weihnachtsmarktstand und spielte mit ihrer Band unverdrossen auf Hochzeiten, Jubiläen, Firmenfeiern und allen Veranstaltungen, die sich sonst noch anboten.



