Franzis merry little Christmas

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Der Weihnachtsmarkt wurde immer voller. Für die erste Woche war ganz schön was los. Franzi wunderte sich, dass Lilly keine Anstalten machte, schnell wieder an ihren Stand zurückzueilen. »Hast du eine Vertretung?«, fragte sie.
»Ja, Jürgen. Der kam grad vorbei, er hat schon Feierabend und anscheinend nichts zu tun«, sagte Lilly.
»Wenn du den nicht hättest! Du nutzt den armen Kerl ganz schön aus.«
»Wieso? Er macht das gern, sagt er. Außerdem bring ich ihm gleich ...«, Lilly trank einen Schluck. »... ich meine nachher, einen Glühwein mit.«
Carla stieß Franzi an. »Siehst du, für den Mann wird gesorgt. Wir müssen jetzt auch mal an uns denken. Wie heißt dein Chef noch mal?«
»Äh? Siegfried ...« Weiter kam Franzi nicht, denn wenn man vom Teufel spricht ... Er kam gerade zu ihnen herüber.
Chefmäßig tippte er an seine Mütze. »Hallo Franzi, Lilly und ...?«
»Carla«, sagte Carla und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. »Mach uns doch noch eine Runde Glühwein, Sigi!«
Oha, Franzi war gespannt, wie ihr Chef reagieren würde. Normalerweise konnte er solche Vertraulichkeiten gar nicht gut vertragen. Doch Carlas Lächeln zeigte mal wieder seine Wirkung. Vielleicht lag es aber auch am guten Umsatz, denn bei dieser Kälte brachte er seinen Glühwein hektoliterweise unter das frierende Volk. Er verbesserte Carla lediglich: »Feuerzangenbowle! Bei mir gibt es keinen gewöhnlichen Glühwein!«
Und dann – es geschahen noch Zeichen und Wunder – reichte er ihnen drei dampfende Becher über die Theke. »Die gehen aufs Haus!«
Franzi staunte nicht schlecht, das hatte es ja noch nie gegeben. Und es brachte sie auf eine Idee. Wenn er gerade so gut drauf war, könnte sie doch ... »Sagen sie, wieso gibt es in diesem Jahr eigentlich keinen Weihnachtsbaumverkauf? Hinter dem Zinnschmuckstand wäre doch noch genügend Platz.«
Da hatte sie ins Schwarze getroffen. Ihr Chef grummelte sofort los: »Ja, das habe ich auch gedacht, aber der Weihnachtsbaumhöker aus Westensee hat mir quasi in letzter Minute abgesagt. Hatte wohl was Besseres gefunden. Eine Sauerei ist das!« Düster schaute er in seinen Becher. Die ganze Welt hatte sich gegen ihn verschworen. »Aber zerbrich du dir mal nicht dein hübsches Köpfchen. Sieh lieber zu, dass du Erbsensuppe verkaufst! Mit Karl am Stand haben wir nur die Hälfte an Umsatz.«
»Oh Chef, soll das etwa ein Kompliment sein?«
»Bild dir mal nüscht drauf ein, hast nun mal das hübschere Näschen als der Karl. Aber immer diese Flausen mit dem Studium im Kopp!« Unwirsch schüttelte er seinen Kopf. »Jetzt ist Weihnachtsmarktzeit, da geht das Geschäft vor!«
Lilly schnappte nach Luft. »Das kann ja wohl ...«, setzte sie an, wurde aber von Franzi mit einem Fußtritt unterbrochen. »Au!« Lilly rieb sich ihr Schienbein und sah Franzi vorwurfsvoll an. »Warum? ...«
»Später!«, zischte Franzi und wandte sie sich wieder ihrem Chef zu. »Ihr Weihnachtsmarkt hat so viel Atmosphäre!«, schmeichelte sie sich bei ihm ein. »Er ist, glaube ich, einer der schönsten in ganz Norddeutschland.«
»Nicht nur in Norddeutschland!«, unterbrach sie ihr Chef.
Carla und Lilly guckten sich an und verdrehten die Augen.
»Eben, das meine ich auch«, fuhr Franzi unbeirrt fort. »Aber was fehlt, ist ein Weihnachtsbaumverkauf. Das ist ja auch immer ein Publikumsmagnet.« Sie schielte kurz zu ihm hinüber – es hatte funktioniert: Die Dollarzeichen blinkten in seinen Augen. »Ich wüsste da zufällig jemanden, der für seine wirklich schönen Bäume einen Platz sucht.«
»Nachtigall ick hör dir trabsen!« Er lächelte, blöd war er nicht. »Na, dann schick ihn mal vorbei – den jemand. Mal sehen, was sich da machen lässt.«
Franzi strahlte ihn an. »Danke Chef! Sie werden sehen, die Weihnachtsbäume werden sich großartig auf ihrem Weihnachtsmarkt machen.«
»Na, erst mal abwarten.« Er wollte sich vorerst bedeckt halten, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Und dieses Grinsen wurde von Carla sofort registriert. »Ich finde, wir trinken jetzt noch eine Runde auf den Weihnachtsbaummann«, sagte sie.
Doch da wurde er wieder geschäftig – man durfte sich schließlich nicht auf der Nase rumtanzen lassen. »Ohne mich, Mädchen, ich muss jetzt mal wieder was tun!« Und im nächsten Moment war er auch schon an das andere Ende des Standes entschwunden, um dort einen seiner Weihnachtselfen auf das Fehlen von Servierten hinzuweisen.
»Oller Geizkragen!«, schimpfte Carla. »Der will bloß nicht noch eine Runde ausgeben.«
»Egal. Hauptsache das klappt mit dem Platz«, sagte Franzi.
»Wer ist das eigentlich mit den Weihnachtsbäumen?«, fragte Lilly.
Franzi dachte nach. »Seinen Namen habe ich völlig vergessen. Aber er ist echt nett und tut mir ein bisschen leid. Er versucht bei uns gegenüber, zwischen Tanke und Schnellreinigung, seine Bäume zu verkaufen.«
»Nicht ganz so pfiffig, der Mann?«, fragte Lilly und Carla versuchte, in Franzis Augen zu lesen, was es mit diesem Weihnachtsbaumverkäufer auf sich hatte.
»Ach nee, ich weiß nicht - vielleicht ein bisschen naiv. Aber ich glaub, da hat ihn einfach jemand blöd beraten«, sagte Franzi.
Lilly guckte in ihren leeren Becher, stellte ihn mit Schwung auf die Theke und sang: »Also los dann, auf zum Weihnachtsbaummann! Schubidu und schubidann ...«
»Hast du nicht was vergessen?«, fragte Franzi.
Schulterzuckend unterbrach Lilly ihren Gesang. »Nö, wieso?«
»Was ist mit Jürgen und deinem Stand?«
»Stimmt, jetzt wo du es sagst ... Wartet ihr kurz? Ich sag Jürgen nur schnell Bescheid, dass er zumachen soll. Jetzt ist Glühweinnasenzeit, da kauft eh keiner mehr was!«
Als die drei wenig später ihre frohe Botschaft verkünden wollten, war der Weihnachtsbaumplatz verwaist. Zwar waren auf dem ganzen Platz dicht an dicht Bäume verteilt und die Zaunelemente, mit denen am Abend der Platz umzäunt wurde, standen noch an der Wand zum Waschcenter, aber nirgendwo war der Weihnachtsbaumverkäufer zu sehen.
»Komisch, so früh ist er sonst nie weg«, wunderte sich Franzi. »Der ist hier bestimmt noch irgendwo.« Der Platz war nicht groß, aber unübersichtlich, also fädelte sich Franzi durch die Tannenbäume, was eine ganz schön pieksige Angelegenheit war.
»Warte!«, rief Lilly ihr hinterher, sie war mit ihrem Schal hängen geblieben und musste sich erst mühselig wieder befreien. Carla hingegen hatte keine Lust, sich auch nur noch einen Meter zu bewegen. »Von wegen, vom Weihnachtsmarkt hierher ist es nur ein Katzensprung,« Ihre hohen Stiefel waren zwar sehr chic, aber ziemlich unbequem. Die Füße taten ihr tierisch weh. »Die Katze möchte ich sehen«, murmelte sie und setzte sich auf einen Baumstumpf. Dabei entdeckte sie ein paar Arbeitshandschuhe und eine Pudelmütze. »Hey! Ihr beiden, ich habe was gefunden!« Lilly war als Erste zurück, sie betrachtete den Fund und schloss messerscharf und ein bisschen schwankend: »Er hat sich aufgelöst.«
Franzi, die sich auch wieder eingefunden hatte, nahm Lilly die Mütze aus der Hand. »Nee, aber er friert, der Arme.« Sie guckte sich die Mütze genauer an, sie war ziemlich unförmig und in der Farbzusammenstellung recht eigenwillig. »Komisch, an die müsste ich mich doch erinnern.« Kurzerhand setzte sie die Mütze auf die Spitze eines hübschen kleinen Baumes.
»Sehr schön!«, sagte Carla. Ihr Blick fiel auf die Arbeitshandschuhe in ihrer Hand. Sie lächelte und steckte sie links und rechts über Zweige des bemützten Baumes. Lilly wollte nicht nachstehen. »Opfer müssen gebracht werden!«, sagte sie, pflückte zwei große, blaue Weihnachtskugeln von ihrem Hut und befestigte sie als Augen unterhalb der Mütze.
Die drei traten einen Schritt zurück und betrachteten ihr Werk. »Der Weihnachtsbaummann!«, murmelte Lilly andächtig.
»Nicht schlecht! Der sieht Martin richtig ähnlich«, sagte jemand hinter ihnen.
Ach genau, Martin hieß er, dachte Franzi. Sie drehte sich um. Rüdiger, der aushilfsweise in der Tankstelle arbeitete, bewunderte ihr Werk. »Schade, ich dachte schon, endlich möchte jemand einen Baum kaufen. Ich soll Martin nämlich heute Abend vertreten. Oder möchtet ihr vielleicht doch einen Baum oder einen Mistelzweig?«
Bedauernd schüttelten die drei ihre Köpfe.
»Wir wollten ihm etwas Wichtiges mitteilen.«, sagte Lilly feierlich.
»Wann ist er den wieder da?«, fragte Franzi.
»Ich fürchte, da müsst ihr bis morgen warten. Soll ich ihm etwas ausrichten?«
»Lass mal, ich komm einfach morgen früh vorbei«, sagte Franzi.
»Gut, dann ... ich glaub, ich muss mal wieder los.« Er deutete in Richtung Tankstelle, wo schon ein Kunde in der Tür stand und sich suchend umsah. »Bis Morgen!«, rief er und sprintete los.
Franzi schaute ihm nach. »Schade. Na egal, morgen ist auch noch ein Tag. Kommt! Wir gehen zu mir und machen es uns gemütlich. Vielleicht ist Felix da, der müsste heute seinen letzten freien Tag haben. Dem können wir von unseren Taten berichten.« Sie stellte sich neben den Weihnachtsbaummann und legte einen Arm um seinen stacheligen Körper. »Mach mal ein Foto!«, sagte sie zu Carla. »Als Anregung für seine nächste Schmückaktion.«
Lilly sah Franzi fragend an. »Versteh ich nicht. Seit wann schmückt Felix denn irgendwas? Ich dachte, nur du bist vom heiligen Weihnachtswahnsinn befallen.«
Carla, die schon ihr Smartphone gezückt hatte, beschrieb Lilly die nächtliche Schmückaktion von Felix.
»Oh, das hört sich gut an!«, sagte Lilly. Sie wickelte sich in ihren bestimmt drei Meter langen Schal. »Dann lasst uns endlich los! Mir ist schon wieder schweinekalt! Außerdem bin ich gespannt auf Felix´ Deko.«
Doch Franzi musste sie enttäuschen. »Alles längst behoben.«
»Schaaade!«, waren Carla und Lilly sich einig.
Kapitel 4
»Guten Morgen!«, sagte Martin zu der Zeitung, hinter der er Franzi vermutete.
Es hatte geklappt, er stand mit seinen Weihnachtsbäumen auf dem Weihnachtsmarkt und sein erster Weg am ersten Morgen hatte ihn direkt zu Franzi geführt.
Nach dem zweiten, nicht mehr ganz so zaghaften, »Guten Morgen!«, ließ Franzi endlich die Zeitung sinken. »Hallo, schön dass du da bist!« Sie strahlte ihn an. »Hat alles geklappt? Möchtest du einen Kaffee?« Ohne eine Antwort abzuwarten, goss sie ihm einen Becher ein und reichte ihn über die Theke. Dann allerdings griff sie wieder zu ihrer Zeitung. »Entschuldige! Ich will nur schnell noch den letzten Absatz lesen.« Im nächsten Moment war sie auch schon wieder hinter ihrer Zeitung verschwunden.
»Schon Okay«, murmelte Martin und nippte an seinem Kaffee. Nur ein paar Locken und ihre Hände waren noch zu sehen. Obwohl ihre Hände leicht gerötet waren, sah man die zarten Sommersprossen auf den Handrücken. - Ob ihre Hände wohl wieder so kalt waren?
Unvermittelt ließ Franzi die Zeitung sinken und lächelte in seine Beobachtungen hinein. »Hast du schon den Bericht über die neue Ausstellung in der Kunsthalle gelesen? - Sehr interessant. Einer meiner Professoren hat den Artikel geschrieben.«
Martin hob entschuldigend die Schultern. »Ich bin heute Morgen noch gar nicht dazu gekommen, mir eine Zeitung zu holen, geschweige denn sie zu lesen. Es hat eine ganze Weile gedauert, die Bäume und Zäune hierher zu transportieren und alles wieder aufzubauen.«
»Klar! Aber vielleicht kommst du nachher dazu. Ich leih sie dir gerne.«, sagte Franzi.
»Das wäre schön. Es werden ja nicht gleich heute früh Heerscharen von Kunden einen Baum haben wollen. Obwohl ich wirklich hoffe, dass es hier besser läuft als bei der Tankstelle.«
»Das wird es bestimmt.« Franzi war entschieden optimistisch. Sie reichte Martin die Zeitung über den Tresen. Im selben Moment kam Lilly an den Stand. Sie sah die Zeitung und den Artikel mit dem großformatigen Foto. »Oh, der Artikel vom Windei Kugler. Was hat dein Schwarm denn wieder Großartiges verzapft?«
Franzi wurde rot. »Er ist nicht mein Schwarm! Lies den Artikel! Er ist präzise geschrieben und voll interessanter Beobachtungen.«
»Interessante Beobachtungen? Was beobachtet er denn, der Gute?«
»Grr! Du weißt schon, was ich meine! Außerdem musst du doch zugeben, dass er wirklich Ahnung hat, und ein fantastischer Künstler ist und ...«
»Schon gut!« Lilly lachte. »Ich werde nie wieder etwas gegen Kugler den Großen sagen. Es gibt ja auch wirklich schlimmere. Und jetzt schau nicht so sauer. Gib mir lieber einen Kaffee.«
Franzi holte einen weiteren Becher aus dem Regal, füllte ihn mit Kaffee und sagte dabei zu Martin: »Darf ich vorstellen, das ist Lilly.«
»Hi Lilly!«, sagte Martin.
»Hi!«, erwiderte Lilly, sie musterte ihn nicht uninteressiert.
Franzi guckte von einem zum anderen. »Lilly hat mal mit uns zusammen studiert, deswegen meint sie, ihre ätzenden Kommentare abgeben zu können.«
»Richtig. Und ich bin heilfroh, aus diesem Kleckstempel der Eitelkeiten entkommen zu sein.«
»Jetzt versucht sie sich im Musikgewerbe, was ja völlig von Eitelkeiten befreit ist.«
Lilly streckte Franzi die Zunge raus. Die grinste nur, sagte dann aber zu Martin: »Lilly hat eine fantastische Stimme und ihre Band ist wirklich klasse! Eigentlich warten sie nur noch auf den großen Durchbruch.«
»Na ja«, Lilly wiegelte ab. »Um bei der Wahrheit zu bleiben: Wir tingeln von Hochzeit zu Hochzeit, auf der Karriereleiter knapp über dem Alleinunterhalter mit Hammond-Orgel.«
»Aber das klingt doch spannend«, sagte Martin. »Was spielt ihr denn für Musik?«
»Ach, so eine richtige Richtung haben wir eigentlich gar nicht. Ein bisschen Soul, R & B und – na ja, wenn ich ehrlich bin, sind unsere eigenen Stücke erstens rar und zweitens nicht sehr gefragt. Meistens covern wir halt. Aber wir arbeiten an neuen Songs. Und im Moment sind wir, glaube ich, auf einem ganz guten Weg. Allerdings brauchen wir alle noch unsere Brotjobs und deswegen steh ich mir hier auf dem Weihnachtsmarkt die Beine in den Bauch.«
»Sie ist unser Glitzerengel.«, warf Franzi ein. »Jedes Jahr kommt ein neues glitzerndes Produkt hinzu. Glitzerkerzen, Glitzersterne, Glitzer...«
»Glitzerkugeln«, vollendete Martin den Satz.
Verwundert schauten Franzi und Lilly ihn an. Er grinste und deutete auf Lillys Hut, auf dem sie ca. ein Dutzend glitzernde Kugeln drapiert hatte. Lachend sagte Lilly zu Franzi: »Das ist ja ein echter Blitzkneisser!« Die antwortete trocken: »Na ja, er wollte Weihnachtsbäume an der Tankstelle verkaufen, das fand ich jetzt nicht so pfiffig.«
»Ach, du bist das mit den Weihnachtsbäumen.«
»Genau, ich bin der Trottel.«
»Ach was«, sagte Lilly. »Ein bisschen naiv vielleicht. Aber sag mal, wie hat dir denn unser Weihnachtsbaummann gefallen?«
»Ihr habt Waldemar so schön geschmückt?!« Lächelnd sah er von Lilly zu Franzi – und Lilly beobachtete seinen Blick. »Er, also Waldemar hat noch eine Nase und einen Schal bekommen und passt jetzt auf den Stand auf, wenn ich nicht da bin.«, sagte Martin.
»Waldemar, wie wunderbar!«, trällerte Lilly. Schwungvoll drehte sie sich und griff nach dem Zuckerstreuer. »Upps!« Sie prallte mit einem großen, äußerst gediegen gekleideten Mann zusammen. »Jürgen! Was schleichst du dich denn so an? Ich habe einen richtigen Schreck gekriegt.« Was man ihr allerdings keineswegs anmerkte. Jürgen hingegen, sah ziemlich verschreckt aus. »Entschuldige!«, murmelte er und klopfte sich verstohlen den Zucker von seinem eleganten, anthrazitfarbenen Wollmantel. Dann erst nahm er Martin und Franzi richtig war. Er schüttelte Martin förmlich die Hand. »Guten Morgen! Jürgen Simmerlich«, stellte er sich vor.
»Äh, hallo, Martin«, sagte Martin.
»Schön, äh, nett sie, äh, dich kennenzulernen.« Verlegen wandte Jürgen Simmerlich, sich an Franzi: »Franzi, könnte ich bitte einen Kaffee bekommen?«
»Gerne! Wie immer mit Milch und Zucker?« Franzi hatte den Becher schon in der Hand, als Lilly sich einmischte. »Ach, Kaffee kannst du auch nachher noch trinken. Du wolltest mir doch mit der Vitrine helfen. Und ...« Sie sah auf eine imaginäre Uhr am Handgelenk. »Es ist schon verdammt spät!« Ungeduldig trippelte sie auf der Stelle. »Kommst du?«
»Ja klar, ich komme.« Er wollte schon hinter Lilly hereilen, drehte sich aber doch noch mal um und lächelte entschuldigend. »Es tut mir leid! Kann ich vielleicht später ...« Was er hatte sagen wollen, blieb offen. Lilly ließ ihm keine Zeit für weitere Erklärungen. Sie zog ihn einfach hinter sich her und quasselte auf ihn ein.
»Wer war das jetzt?«, fragte Martin, während er den beiden nachsah.
»Das war Jürgen, Lillys Schatten. Sie nutzt ihn von vorne bis hinten aus, und er scheint es auch noch zu genießen. In der Bank, in der er arbeitet, nennen sie ihn schon Glitzi, weil er sich andauernd etwas von Lillys Aura einfängt. Dabei ist er ein ziemlich hohes Tier und ein ganz Schlauer.« Erklärend fügte sie hinzu: »Der Freund meines Mitbewohners kennt ihn recht gut, sie haben geschäftlich oft miteinander zu tun.«
»Na ja, allzu unglücklich sah er nicht aus. Jeder wie er mag.«, sagte Martin.
»Da hast du recht.« Franzi räumte die leeren Kaffeebecher weg. »Apropos, ich mag zwar nicht, aber ich muss mich jetzt um meine Erbsensuppe kümmern. Komm doch nachher auf einen Teller vorbei.«
»Gerne!« Martin schluckte. »Ich glaube, ich sollte mal nach meinen Bäumen schauen.« Er versuchte noch, einen Blick von Franzi zu erhaschen, doch die war bereits hinter der Theke abgetaucht. Nicht gerade enthusiastisch machte Martin sich auf den Weg. Doch kaum war er um Franzis Stand herumgegangen, sah er mehrere Leute mit Tannenbäumen im Schlepptau, die sich schon ungeduldig umsahen, und er beeilte sich zu seinem Stand zu kommen.
Den ganzen restlichen Tag hatte Martin fast ununterbrochen zu tun. Er stellte Bäume auf und wieder zurück, drehte sie, passte Ständer an, beriet, verschnürte und verpackte ... Erst am Abend, als bei den ersten Weihnachtsmarktständen schon die Klappen heruntergelassen wurden, ließ der Kundenansturm nach. Fast ein bisschen ungläubig, aber sehr begeistert zählte er das Geld in seiner Kasse.
Mit einem solchen Ansturm gleich am ersten Tag hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Sein Vorrat an Bäumen war allerdings auch sichtlich geplündert. Etwas Nachschub hatte er noch auf seinem Transporter, aber wenn das so weiter ginge, würde er in wenigen Tagen neue Bäume holen müssen.
»Und? Wie ist es gelaufen?« Franzi hatte ihren Stand bereits geschlossen und wollte kurz horchen, wie es Martin ergangen war.
»Super! Wenn es weiterhin so gut läuft, wird der gute Waldemar auch noch dran glauben müssen. Ich hatte heute schon Kunden, die nach ihm geschielt haben.«
»Untersteh dich! Dann wirst du wieder zur Tanke verbannt!« Schützend stellte sich Franzi vor den stacheligen Mann. Dabei fiel ihr wieder die grellbunte, unförmige Mütze auf. Sie tippte an den großen, neongrünen Bommel. »Die ist aber schon speziell«, sagte sie.
»Ja, da hast du sicher recht.« Martin grinste. »Ich habe sie von meinen Nichten bekommen, damit ich nicht friere, wenn ich in der Kälte Weihnachtsbäume verkaufe.«
»Ach, das ist ja süß!«
»Ja, find ich auch. Aber Waldemar steht sie viel besser als mir.« Er fügte hinzu: »Sie kratzt leider ganz fürchterlich. Doch ich fürchte, ich muss sie wieder aufsetzen, wenn ich Weihnachten zu Haus bin.«
»Wie wäre es, wenn du deinen Nichten ein Foto von Waldemar schickst und ...« Ein kleiner, perfekter Schneekristall, der auf ihrem Ärmel landete, lenkte sie ab. Es landete noch einer und noch einer und dann waren es nicht mehr einzelne Kristalle, sondern kleine glitzernde Kristallhäufchen. Franzi ließ ihren Kopf in den Nacken fallen und blickte zum Himmel hinauf. Dicke weiße Flocken flogen ihr entgegen, schmolzen in ihrem Gesicht und hinterließen kleine Wassertröpfchen. »Endlich, es schneit!« Sie strahlte. »Ist das nicht schön!«
Er lachte. »Ja!« Martin fand nicht nur die winzigen, weißen Sterne in ihren Locken wunderschön.
Auf einmal war Franzi gar nicht mehr müde und verschwendete auch keinen Gedanken mehr an die Arbeit, die sie sich für diesen Abend vorgenommen hatte.
»Komm, lass uns zu Fuß gehen«, sagte sie. »So weit ist es nicht und ich habe keine Lust auf die überfüllten Busse.« Wie ein kleines Kind konnte sie vor lauter Freude nicht stillstehen und hüpfte von einem Bein auf das andere.
»Warte einen Moment, ich will nur noch meine Tasche holen.«, sagte Martin.
Franzi blieb stehen. »Sag mal, ich weiß gar nicht, wo du wohnst, musst du überhaupt in die gleiche Richtung?«
»Ja klar! - das heißt, eigentlich wohne ich ein bisschen außerhalb in dem WG-Zimmer von einem Freund.« Als er ihr fragendes Gesicht sah, fügte er schnell hinzu: »Aber es ist die gleiche Richtung und mein Transporter steht noch an der Tankstelle.«
Eine Weile liefen sie schweigend, geschafft aber glücklich und ein bisschen verlegen nebeneinanderher. Sie kamen am Opernhaus vorbei und blieben vor den Schaukästen stehen, in denen Szenenbilder und Kostüme ausgestellt wurden.
»Sie spielen Hänsel und Gretel, richtig schön klassisch weihnachtlich.« Martin hatte die unverkennbaren riesen Pappmaschee-Kekse entdeckt. »Wie ist die Oper hier eigentlich?«, fragte er. Franzi zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, ich war noch nie in der Oper.«
»Noch nie?«
»Noch nie!«
»Oh, das müssen wir ändern! Wir könnten doch vielleicht mal zusammen gehen?!«
»Ja vielleicht nach dem Weihnachtstrubel. Eigentlich würde ich furchtbar gerne mal in die Oper gehen. Meine Mutter wollte mich immer mitnehmen ...« Ihre Worte blieben in der Luft hängen. Franzi schaute zum hell erleuchteten Eingang des Opernhauses, vor dem sich die ersten Gäste sammelten. Bewundernd betrachtete sie die festlich gekleideten Menschen. »Wow! Schau dir die Kleider an. Was heißt Kleider?! Das sind ja richtige Roben! Ich dachte, so was gibt es nur im Film.«
Martins Blick streifte nur kurz, die aufwendig gekleideten Premierengäste und wanderte dann gleich wieder zu Franzi zurück. »Du gefällst mir besser!«
Franzi guckte an sich herunter. »Ist klar!« Sie drehte sich. »Der neueste Weihnachtsmarktchic!« Über ihren Jeans trug sie ein dunkelrotes Strickkleid, darüber einen grünen Parka mit Plüschrand an der Kapuze. Braune Strickstulpen ragten aus ihren robusten Lederstiefeln und um den Kopf hatte sie einen grünen Mohair Schal geschlungen, überall guckten ihre feinen, dunklen Locken hervor. Trotzdem sie so dick eingepackt war, erahnte man ihre zierliche Figur. Von der Kälte waren ihre Wangen leicht gerötet und die großen braunen Augen strahlten. - Sie sah aus wie ein Wintermärchen!
Langsam schlenderten Franzi und Martin weiter. Ihr Weg führte sie aus der geschäftigen Innenstadt in ruhigere Straßen. Einige Fenster waren hell erleuchtet und manche auch weihnachtlich geschmückt.
»Guck mal!« Franzi war vor einem Haus stehen geblieben. Durch ein Fenster sah man eine Frau, die eine mintfarbene Wand mit grell pinker Farbe überpinselte. »Krasser Farbwechsel!«
»Die haben wohl einen ganz besonderen Sinn für Farben.«, sagte Martin.
Franzi lachte. »Scheint so!« Sie deutete auf ein weiteres Fenster, in dem man einen Mann mit Schürze beim Bügeln beobachten konnte. »Und dort wohnt jemand mit viel Sinn für Ordnung.«
»Oder für Falten.«
»Stimmt, da hast du sicher Recht! Machst du das auch so gerne? In Fenster luschern und sich ausdenken, was die Leute wohl so machen? Wie sie leben ...?«
»Luschern?«
»Na ja, sagt man hier oben im Norden doch so ... oder?«, sagte Franzi ein bisschen verlegen. »Ich weiß, das ist nicht die feine englische Art, aber ...«
Martin unterbrach sie. »Ich find luschern auch super«, gab er grinsend zu.
Im nächsten Moment ratterte neben ihnen ein Rollo herunter. Vor Schreck sprang Franzi ein Stück zur Seite. »Uh! Das sind bestimmt Leute mit Sinn für dunkle Geschäfte.«, sagte sie. »Lass uns lieber schnell weiter!«
Sie liefen von Fenster zu Fenster, rätselten und dachten sich kleine Geschichten aus. Ihre Fantasie hatte Auslauf und ihre Wörter bekamen Flügel.
Dann standen sie vor Franzis Wohnung.
»Wer hier wohl wohnen mag? Hm?« Martin strich sich über seinen, nicht vorhandenen, Bart. »Auf jeden Fall jemand mit viel Sinn für Weihnachten!«



