Franzis merry little Christmas

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»Da könntest du recht haben. Magst du vielleicht noch mit raufkommen? Auf ein Glas Wein oder so?«
Kaum hatte Franzi die Haustür geöffnet, hörten sie ein lautes, markantes Lachen aus der Küche. »Gisi?« Ungläubig lauschte Franzi erneut, sie ließ Martin einfach stehen und eilte in die Küche. – Sie hatte richtig gehört. »Gisi, wie schön! Wo kommst du denn her? Du bist doch noch in Mexiko!« Sie verschwand fast vollständig in seinen Armen. Gisi war fast zwei Köpfe größer und bestimmt doppelt so breit wie Franzi. »Bah, dein Jackett kratzt! Wieso ziehst du es nicht aus? Wir sind hier doch nicht in deiner Bank.«
Gisi lachte gutmütig. »Ich freu mich auch, dich zu sehen. Aber ich glaub, wenn hier jemand dringend etwas ausziehen muss, dann bist du das.«
Sie schaute an sich herunter. »Stimmt!«, sagte sie lachend.
Inzwischen war Martin unschlüssig in der Küchentür stehen geblieben. Er hatte die Begrüßungsszene beobachtet und rang sich jetzt zu einem zögerlichen »Hallo« durch.
»Ach entschuldige!« Franzi winkte Martin zu sich heran. »Das ist Martin, ein Kollege vom Weihnachtsmarkt. Der Mann mit den besten Weihnachtsbäumen diesseits der Elbe!«
Martin schmunzelte und schüttelte Gisi und Felix die Hände. Franzi legte ihre Hand auf Felix Schulter. »Das ist Felix, mein Mitbewohner, der meinen Weihnachtsfimmel kaum noch ertragen kann, und das ...« Sie griff nach Gisis Hand. »... ist sein Liebster und mein allerliebster Freund Gisi, der eigentlich Gisbert heißt, den man aber auf gar keinen Fall so nennen darf. Und der eigentlich in Mexiko verschollen ist.« Sie wandte sich wieder zu Gisi. »Wieso bist du eigentlich schon da? Du wolltest doch erst Anfang nächster Woche kommen?« Ihr rutschte der Schal von der Schulter. »Oh warte, erzähl es mir gleich, ich muss erst schnell das Zeug loswerden. Ach, und nehmt Martin die Jacke ab. Und versorgt ihn mit einem Glas Wein.«
Franzi eilte durch den Flur zu ihrem Zimmer. Die Tasche glitt von ihrer Schulter, sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen, öffnete ihre Schnürsenkel und kickte die Stiefel von sich. Erst jetzt merkte sie, wie müde sie war. Ihr Blick wanderte zu dem Buch auf dem Schreibtisch. »Selbstsicht – die Geschichte des Selbstporträts« von Maximilian H. Kugler. Vor zwei Wochen hatte sie es sich ausgeliehen und wollte es schon längst gelesen haben. Einen Moment blätterte sie in dem Buch, dann schlug sie es entschlossen zu und machte sich auf den Weg zurück in die Küche.
Dort saßen die drei Männer einträchtig beisammen, tranken Wein und schienen sich prächtig zu unterhalten. Franzi zog einen Stuhl heran und setzte sich dazu. Felix goss ihr ein Glas Wein ein. Besorgt sah er sie an. »Du siehst geschafft aus«, sagte er.
Auch Martin nahm jetzt im Licht des Kronleuchters wahr, wie blass und müde Franzi auf einmal wirkte.
»Ach was«, sagte Franzi. »Das sind die ersten Tage auf dem Weihnachtsmarkt, das ist nur ungewohnt.« Sie trank einen Schluck Wein und richtete sich auf. »So Gisi, jetzt erzähl mal, wie war es in Mexiko?«
»Ganz wunderbar! Mexiko ist unglaublich aufregend. Auf der einen Seite faszinierend und schön, auf der anderen Seite leider auch elend, gefährlich, regelrecht furchteinflößend. Aber Geschäft ist Geschäft, und wenn man sich den Gepflogenheiten des Landes anpasst, läuft es überall ähnlich ab. Wir sind viel früher als erwartet zu einem Abschluss gekommen. So konnte ich vier Tage früher zurückfliegen.« Gisi lehnte sich zurück. »Und kaum bin ich gelandet, eile ich auf dem schnellsten Wege hierher, weil ich denke, man verzehrt sich nach mir. Und dann will mein Schatz, herzlos wie er ist, zu seinem Chor gehen. Wie findest du das?«
»Völlig in Ordnung findet sie das«, mischte Felix sich ein. »Und ich im Übrigen auch. Wenn ich mich dauernd nur nach dir richten würde, käme ich nie zu etwas. Wer düst denn ständig in der Weltgeschichte herum?«
Martin guckte etwas erschrocken. In einen männlichen Zickenkrieg zu geraten, war nicht gerade seine Vorstellung von einem gemütlichen Abend.
Franzi sah seinen Blick und lachte. »Keine Angst, das machen die beiden immer. Sie lieben sich heiß und innig, aber ohne das Frotzeln geht es nicht.« Sie wandte sich an die vermeintlichen Streithähne: »Und ihr hört jetzt auf mit dem Gezicke!«
»Määäh!«, machte Felix. »Ich hab´s! Kommt doch einfach alle mit zum Singen.«
Franzi wehrte als Erstes ab: »Glaub mir, dass ich singe, möchte wirklich niemand!«
»Ich glaub dir nicht nur, ich weiß es sogar«, sagte Felix. »Aber Singen kann jeder lernen.« Er grinste Franzi an. »Na ja, fast jeder!«
»Sag ich doch! Außerdem möchte ich mich noch für meinen Kurs bei Professor Kugler vorbereiten.«
»Gib ihm doch endlich die Kugel!«, murmelte Felix. Fragend sah er Gisi an. Doch der schüttelte den Kopf. »Beim besten Willen nicht. Geh du ruhig singen, ich muss erst wieder Nachtigall und Lerche in die richtige Reihenfolge bringen.«
»Was jettest du auch dauernd durch die Gegend, wenn du es nicht verträgst?« Liebevoll streichelte er Gisis Hand. »Ruh dich aus, mein Schatz, morgen ist auch noch ein Tag und ich sehe zu, dass ich meine Schicht tausche.« Felix wandte sich mit wenig Hoffnung an Martin: »Hast du vielleicht Lust? Wir sind ein kleiner Chor und singen einfach aus Spaß an der Freud. Männer sind übrigens immer besonders begehrt und willkommen.«
»Jetzt gleich?«, fragte Martin.
»In zehn Minuten müssten wir los.«
Martin sah, wie Franzi mühsam ein Gähnen unterdrückte.
»Ja, ich würde gerne mitkommen«, sagte er kurz entschlossen.
Die beiden Sänger waren zur Tür hinaus und Gisi und Franzi saßen allein am Küchentisch. Gisi nahm die Flasche Wein und wollte Franzi etwas nachschenken, doch die hielt schützend die Hand über ihr Glas. »Für mich nicht mehr, ich muss gleich noch ein bisschen was lesen.«
»Ach komm, du bist doch viel zu müde. Außerdem kannst du mich nicht auch noch im Stich lassen. Erzähl lieber mal von dem Martin. Scheint ein netter Kerl zu sein und total in dich verknallt.«
Franzi gab ihr Glas frei. »Quatsch! Er ist einfach so ein ganz lieber, netter Mensch und mir vielleicht ein bisschen dankbar, weil ich ihm geholfen habe, seinen Weihnachtsbaumverkauf in Schwung zu bringen.«
»Das hat er erzählt, und wie er es erzählt hat, lässt schon einiges erahnen ...«
»Hör auf, Gisi! Wer sich in mich verknallt, der hat höchstens einen Knall. Ich weiß ja manchmal selber gar nicht, warum ich so idiotisch bin. Zum Beispiel studiere ich Kunst, obwohl mir jeder meiner Profs immer wieder klarmacht, dass ich völlig unfähig bin.«
Gisi schüttelte den Kopf. »Was hat denn das damit zu tun? Und zudem glaube ich erstens nicht, dass dich alle für unfähig halten, und zweitens weiß ich, dass du es nicht bist! Du bist eine wunderbare, warmherzige, talentierte Person, die dazu noch sehr hübsch ist!« Franzi lächelte. »Du bist lieb und ich glaub dir heute einfach mal ein bisschen.«
»Kannst du ruhig, ich bin ja schließlich ein sehr seriöser Mensch.« Er schielte über seine auf die Nasenspitze gerutschte Brille.
Lachend umarmte sie ihn. »Ja, und ein ganz besonders lieber!«
»Apropos seriöser Mensch, ich habe Felix gar nicht mehr gesagt, dass ich ihm den Simmerlich in seinen Chor geschickt habe, weil er sich ja immer beklagt, dass sie zu wenig Männer wären.«
»Welchen Simmerlich meinst du? Muss ich den kennen?«, fragte Franzi.
»Na Jürgen Simmerlich, der turnt doch immer bei euch auf dem Weihnachtsmarkt herum und glitzert seitdem so schön.«
»Ach, Glitzi meinst du! Da fällt mir ein, ich habe Lilly noch gar nichts von seinem niedlichen Spitznamen erzählt.«
»Untersteh dich! Er wirkt ein bisschen unscheinbar und steif, doch er ist sehr nett und stille Wasser sind bekanntlich tief. Ich weiß nicht mehr wieso, aber neulich haben wir uns über Musik unterhalten, dabei ist er richtig aufgetaut. Irgendwie kamen wir auch auf den Chor und er war ganz angetan. Vielleicht ist er ja wirklich hingegangen.«
»Hoffentlich!«, sagte Franzi. »Dann bekommt Felix heute gleich zweifach männlichen Zuwachs, das wird ihn freuen.«
»Genau! Und dann muss er uns nicht mehr belatschern und wir können in Ruhe ein Glas Wein trinken.«
»Oder auch zwei.«
Kapitel 5
Franzi schaute auf ihre Uhr, Viertel nach elf war es erst. Sie war früher als sonst mit den Vorbereitungen für den Mittagsansturm fertig geworden. Der Weihnachtsmarkt war wie ausgestorben. Die Väter und Mütter mit ihren Kinderwagen waren nach Hause geeilt und die Geschäftsleute hatten noch keine Mittagspause. Erst gegen zwölf würde der Weihnachtsmarkt sich wieder füllen. Franzi goss sich eine Tasse Kaffee ein und beobachtete vier Mädchen, die nur wenige Meter entfernt vor dem großen Drogerieschaufenster ihre Instrumente auspackten. Zwei Geigen, eine Klarinette und eine Querflöte kamen zum Vorschein. Nachdem die Mädchen Noten, Notenständer und den obligatorischen Geigenkasten in die richtige Position gebracht hatten, begannen sie zu spielen. Zunächst waren sie etwas zögerlich, wurden aber schnell selbstbewusster. Gar nicht mal so schlecht! Schade, dass sie nur so wenige Zuhörer haben, dachte Franzi.
Lilly kam singend an Franzis Stand. »We wish you a merry Christmas...« Franzi klimperte dazu mit Löffeln gegen die Becher im Regal. Gerne hätte sie mitgesungen, doch sie traute sich nicht. Aber Martin traute sich. Er fiel in Lillys Gesang mit ein. Und dann kam auch noch Jürgen dazu, der mit seiner tiefen Stimme den Liedern eine warme Fülle gab.
Die vier Mädchen kamen, ohne ihre Instrumente abzusetzen, zu Franzis Stand herüber und Weihnachten klang über den ganzen Weihnachtsmarkt.
Da Franzi es jedoch fertigbrachte, bei »Jingle Bells« mit ihrem Geklimper wirklich alle aus dem Takt zu bringen, beendeten sie ihre »Jam Session« schließlich lachend.
»So, nu habe ich hoffentlich meine ganzen Weihnachtohrwürmer für dieses Jahr abgenudelt«, sagte Lilly und zog sich ihren Schal zurecht. »Hast du ein Glas Wasser für mich?« Franzi goss ihr ein Glas ein und fragte die Mädchen: »Möchtet ihr auch etwas? Ich gebe einen aus! Apfelschorle oder Holunderpunsch?«
Die Mädchen nahmen das Angebot dankbar an. Und auch Jürgen und Martin ließen sich gerne zu einem winterlichen Heißgetränk überreden.
Einträchtig standen Sänger und Musiker beieinander, pusteten in ihre Becher und ließen Weihnachten in sich nachklingen.
Franzi dachte an das Weihnachten ihrer Kindheit, an die Lieder, an die wundervolle Stimme ihrer Mutter ... In die Stille hinein fragte sie: »Könnt ihr auch: `Maria durch ein Dornwald ging`?«
»Klar!« Die Mädchen nickten eifrig. »Dafür brauchen wir noch nicht einmal Noten.«
Martin räusperte sich. »Aber ich! Ich bin nicht so textsicher.«
Auch das war kein Problem, die Noten waren schnell herausgesucht. Jürgen setzte seine Lesebrille auf und stellte sich dicht neben Martin. Das Mädchen mit der Querflöte improvisierte eine kleine Einleitung, die anderen drei griffen zu ihren Instrumenten und sahen sich an. Gemeinsam begannen sie zu spielen. Die beiden Männer setzten ein, Lilly schloss für einen Moment die Augen und sang dann mit ihrer wunderschönen klaren Stimme die alte Melodie.
Franzi vergaß zu klimpern; Kerstin vom Nachbarstand hatte sich weit vorgebeugt und hörte mit geschlossenen Augen zu; eine Mutter mit Kinderwagen, die heute spät dran war, blieb lächelnd stehen; ihr Kind lauschte mit offenem Mund, sogar der Taschenverkäufer und die Frau vom Fellstand unterbrachen ihren Plausch ...
»... Jesus und Maria.« Der letzte Ton klang lange nach.
»Wow!« Lilly lächelte. »Da musste ich aber ziemlich in meinen Untiefen wühlen. Ich wusste gar nicht, dass ich mich noch an das Lied erinnere.«
»Das war wunderschön.« Franzi war ganz sentimental zu Mute, ihre Stimme zitterte leicht und ihre Augen glitzerten verdächtig.
Und noch jemand war völlig begeistert. Jürgen konnte kaum an sich halten in seiner Bewunderung. »Wahnsinn! Ich wusste ja, dass du gut bist, aber dass du so wundervoll singst ... Ich meine ich habe es geahnt, aber ...«
»Ach Quatsch!«, Lilly unterbrach ihn. Sie war rot geworden vor Verlegenheit. »Das war einfach ein kitschiges Weihnachtslied, das hat nichts mit dem zu tun, was ich eigentlich mache, äh singe. Wobei ich nicht sagen will, dass ich nicht gut bin. Natürlich bin ich gut! Aber nicht so, ach ...« Sie verhaspelte sich immer mehr, doch dann fiel ihr etwas ein. »Wisst ihr was? Am 20. spielen wir im Kunkel. Das erste Mal nur wir als Band. Also ohne ein Event, das heißt, schon im Rahmen der Tanzparty, aber es ist keine Hochzeit oder so etwas. Na, auf jeden Fall seid ihr alle eingeladen.«
»Echt? Wir auch?«, fragte eines der Geigenmädchen.
»Klar!« Lilly kramte in ihrer Tasche nach den Eintrittskarten.
Eine nach der anderen bedankten sich die Mädchen artig. Während Martin sich seine Karte genauer anschaute. Er lachte. »LA, LI, La, klingt wie ein Kinderlied.«
Lilly grinste. »Stimmt! Wenn man es so ausspricht – wir haben da nicht wirklich lange drüber nachgedacht.«
»Wieso?«, mischte sich Jürgen ein. »Wenn man es richtig ausspricht, klingt es doch sehr schön. Ihr hättet allerdings auch La Lilly nehmen können.«
»Klar!« Lilly schüttelte lachend den Kopf.
Immer noch wie ein Honigkuchenpferd grinsend, fragte Jürgen unvermittelt: »Spielt ihr am 20. auch Weihnachtslieder?«
»Nee! Ich habe doch mit Weihnachten nichts am Hut«, sagte Lilly ziemlich schroff.
»Na ja!« Grinsend tippte Martin gegen die Kugeln an ihrem Hut.
Sie kicherte. »Alles Tarnung.«
Jürgen sah von Lilly zu Martin. Ihm war sein Honigkuchenpferd davongaloppiert.
In der Zwischenzeit hatten die Mädchen ihre Sachen geholt und kamen nun strahlend zurück. Stolz zeigten sie die Münzen in ihrem Geigenkasten. »Nicht schlecht!«, sagte Lilly anerkennend.
»Wir wollten euch etwas abgeben, weil ihr ja mitgesungen habt und so«, sagte das Mädchen mit der Klarinette.
»Nein, nein!«, wehrte Jürgen schnell ab. »Das ist auf jeden Fall euer Verdienst, ihr habt sehr schön gespielt! Aber sagt mal, wieso seid ihr um diese Zeit eigentlich nicht in der Schule?«
»Unsere Orchesterprobe ist ausgefallen. Und da haben wir gedacht, wir könnten ein bisschen Straßenmusik machen.«
»Das war eine sehr gute Idee!«, sagte Martin. »Das fördert die Weihnachtsstimmung auf dem Weihnachtsmarkt und das wiederum fördert den Umsatz. Deswegen bekommt ihr etwas von uns.« Er holte sein Portemonnaie aus seiner Hosentasche und auch die anderen ließen sich nicht lumpen. Artig bedankten sich die vier und das Mädchen mit der Querflöte meinte: »Das machen wir noch mal!«
»Ja, aber vielleicht besser am Nachmittag, wenn mehr los ist«, riet Lilly.
»Gute Idee, dann haben wir auch mehr Zeit. Apropos Zeit.« Der Blick der Musikerin wanderte zu der Rathausuhr. »Unser Bus kommt in fünf Minuten!« Hektisch packten sie ihre Instrumente ein, verabschiedeten sich eilig und rannten mit wehenden Schals in Richtung Bushaltestelle.
Jürgen sah ihnen nach. »Ich muss dann auch mal wieder.« Er wandte sich zum Gehen, doch Lilly hielt ihn auf. »Warte! Hast du ihnen da so viel reingelegt?«
»Na ja, ein bisschen was, ich fand, man sollte sie unterstützen. Aber es war nicht alles von mir. Ich habe auch einige Kollegen gesehen, die etwas hineingelegt haben. Aber ...« Jürgen unterbrach sich. »Vielleicht ...« Begann er, nestelte an seinem Mantel und holte aus der Innentasche eine Papierrolle. Einen Moment drehte er sie unschlüssig in seinen Händen, schließlich reichte er Lilly die Rolle. »Vielleicht kannst du ja doch etwas damit anfangen.« Er nickte den beiden anderen zu und ging schnellen Schrittes, ohne weiteren Gruß, davon.
Verdutzt schaute Lilly ihm hinterher und entrollte dann langsam das Papier. Eine ganze Weile starrte sie darauf. Nachdenklich begann sie vor sich hin zu summen, sie lächelte. »Bis später«, murmelte sie und ging leise singend zu ihrem Stand zurück.
Martin und Franzi guckten sich an. »Was war das jetzt?«, fragte Martin. Franzi zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung!«
Martin stellte den Metallzaun um seine Bäume und mühte sich, die letzten Elemente mit einem Vorhangschloss zu verbinden. Endlich schnappte das rostige, alte Schloss ein – da waren dringend ein paar Tropfen Öl nötig. Aber nicht heute Abend. Er steckte den Schlüssel in die Hosentasche, schwang seinen Rucksack über die Schulter und beeilte sich, zu Franzi zu kommen. Die war zwar noch dabei ihren Stand zu schließen, aber eigentlich war sie schon auf dem Sprung. Sie war mit Carla verabredet und die wartete schon ungeduldig. Sobald die letzte Luke geschlossen war, wünschten Franzi und Carla Martin einen schönen Abend und zogen ohne ihn los.
Enttäuscht schaute Martin ihnen nach. Sie hatten ihn kaum beachtet und nicht gefragt, ob er vielleicht Lust hätte mitzukommen. Er zog seine Mütze tiefer ins Gesicht, er hatte das Gefühl, es wurde immer kälter. Erst wollte er noch einen Abstecher in einen Supermarkt machen, um sich etwas zum Kochen zu besorgen, entschied sich dann aber dagegen. Er sprang auf dem Weg nur schnell in einen Bäcker und kaufte zwei belegte Brötchen.
Die Wohnung war kalt und verlassen. Der Freund, der Martin sein WG-Zimmer überlassen hatte, absolvierte ein Auslandssemester, sein Mitbewohner hatte das Semester abgekürzt und war bereits zu seinen Eltern irgendwo in Süddeutschland gefahren.
Martin drehte die Heizung ein bisschen weiter auf, was nicht viel brachte, denn das Kälteste in dieser Wohnung war der komplett und scheußlich gekachelte Boden. Die ganze Wohnung hatte absolut nichts Anheimelndes. Männer haben nur selten die Gabe, es sich wirklich gemütlich zu machen, und die beiden Bewohner dieser Wohnung hatten sie definitiv nicht.
Mit seinen Brötchen setzte Martin sich an den grauen Resopal Küchentisch. Aus dem einen Brötchen hing ein trauriges, schlaffes Salatblatt und aus dem anderen guckte eine an den Rändern angetrocknete Käsescheibe. Die Brötchen waren genauso trostlos wie die Wohnung, der ganze Abend und ... War echt eine super Idee gewesen, hier Weihnachtsbäume zu verkaufen, dachte Martin.
Aber mit den Brötchen im Magen (sie hatten besser geschmeckt, als sie aussahen) und nachdem er das Geld in seiner Kasse gezählt hatte, sah die Welt schon wieder ein bisschen besser aus. - Schluss mit dem Selbstmitleid. Es war doch eigentlich ganz gut gelaufen die letzten Tage. Er holte sein Handy aus der Tasche, starrte einen Moment auf das Display – seufzte und wählte.
Sein Vater war ziemlich schnell am Telefon. »Lindhöft!«
»Hallo Vaddern, du am Telefon? Ist Mama gar nicht da?«
»Nee, hörst du doch. Was wolltest du denn von Ihr?«
»Ach nichts, nur weil sie sonst immer ans Telefon geht.«
»Ja, sie ist nicht da. Soll ich ihr etwas ausrichten?«
»Nö, ich wollte eigentlich nur mal berichten, dass es jetzt ganz gut läuft mit den Weihnachtsbäumen, ich habe schon eine ganze Menge verkauft und ...«
Sein Vater unterbrach ihn. »Ja schön, ich muss jetzt Schluss machen, ich habe im Moment andere Sorgen.«
Martin hörte Gemurmel im Hintergrund und im nächsten Augenblick hatte sein Vater auch schon aufgelegt.
Verdutzt starrte Martin auf sein Handy. Was war das jetzt wieder? Okay, er verstand sich momentan nicht wirklich gut mit seinem Vater, aber so hatte er sich noch nie verhalten.
Das Verhältnis zu seinem Vater war eigentlich erst seit der ganzen Weihnachtsbaumgeschichte so mies. Vorher hatten sie ihre Meinungsverschiedenheiten gehabt, aber immer miteinander reden können. Doch seit Martin die Weihnachtsbaumschonung von seinem Großvater geerbt hatte, hatte er das Gefühl kein vernünftiges Wort mehr mit seinem Vater wechseln zu können. Wie hatte bloß diese völlig verfahrene Situation entstehen können? Martin starrte auf die geschmacklose Tapete. Wie konnten sich zwei erwachsene Männer nur mit so etwas in der Wohnung abfinden?
Mist, dachte Martin, jetzt habe ich vergessen, ihn zu fragen, ob er mir Nachschub bringen kann.
Restlos gefrustet zappte er sich durch das Fernsehprogramm, das frustrierte jedoch nur noch mehr. Nachdem er bei der fünften Quizshow gelandet war, gab er auf. Er holte sich sein Buch aus dem Rucksack, machte es sich auf der Schlafcouch bequem, stopfte sich noch ein Kissen in den Nacken und schlug das Buch auf. Doch er konnte sich nicht auf sein Buch konzentrieren, immer wieder schweiften seine Gedanken zum Weihnachtsmarkt. Franzi wie sie Erbsensuppe servierte – es schüttelte ihn, wenn er nur an den Anblick der grünen Pampe dachte. Dann dominierte jedoch glücklicherweise Franzis Gesicht seine Traumbilder. Ihr Lächeln, die zarten, kaum erkennbaren Sommersprossen auf ihrer Nase; die Art wie sie ihre feinen widerspenstigen Locken aus der Stirn pustete ... Martins Augen fielen zu.
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