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Die Verkäuferin reicht ihr den Korb und wieder schaut sie hinüber zur Bank. Sie sieht, wie der Mann die Augen aufschlägt, sich reckt und streckt und dann zusammenfährt. Mit beiden Händen hält er seinen Kopf fest, sein Gesicht ist schmerzverzerrt.
Unter einer Linde bleibt sie stehen. Sie hofft, dass er sie im Schatten des Baumes nicht bemerkt. Nachdem er die Augen geöffnet hat, ist sie sich ganz sicher, wer dieser junge Mann ist, der ihrem Sohn so sehr ähnelt.
„Gerhard Erdmann“, flüstert sie, „du bist Gerhard, Annelieses Sohn.“
Ihre Gedanken überstürzen sich. Es kann nur einen Grund geben, weshalb Gerhard Erdmann in Dresden ist und aussieht, als hätte er ein Problem. Er will raus, so wie all die anderen, die jede Nacht durch die Stadt ziehen. Und es ist etwas passiert mit ihm, es geht ihm nicht gut.
Er sieht nicht aus wie ein Tourist, der gemütlich durch die Stadt bummelt und den Zwinger besuchen will. ... Doch vielleicht irrt sie sich und es handelt sich um einen Fremden, der Herfried zufällig ähnlich sieht, so etwas gibt es ja. Aber wenn er es wirklich ist, was sagt sie zu ihm, wie soll sie ihn ansprechen nach all den Jahren? Er kennt sie ja gar nicht mehr, er war ein Kleinkind, als sie ihn das letzte Mal sah.
Kurz entschlossen geht sie zu ihm, fragt hastig, ob sie auch nicht stören würde und setzt sich lächelnd. Dabei hofft sie, dass er nicht bemerkt, wie aufgeregt sie ist.
Während sie ihren Blick über den Markt schweifen lässt und nach Worten sucht, mustert er sie verstohlen. Es scheint keine Gefahr von ihr auszugehen. Eine sympathische, gut gekleidete ältere Dame sitzt neben ihm und sicher wäre es absurd zu denken, man hätte sie geschickt, um ihn zu beobachten.
Inzwischen ist es weit nach Mittag, die Händler bauen ihre Stände ab und die Käufer haben den Platz verlassen. Seine rechte Wange pocht schmerzvoll, erneut füllt sich sein Mund mit Blut. Hastig schluckt er es hinunter.
„Geht es Ihnen nicht gut, haben Sie Schmerzen?“
Sie beugt sich zu ihm und berührt flüchtig seinen Arm.
„Ich glaube, ich habe gerade einen Backenzahn verloren“, nuschelt er verlegen.
Er schaut auf das, was vor ihm im Schmutz liegt und offensichtlich sein Zahn ist.
„Es sieht wohl so aus“, sagt sie hastig, nimmt ein Papiertaschentuch aus ihrer Jackentasche und bückt sich. Geschickt klaubt sie mit Hilfe des Tuches den vermeintlichen Zahn auf und betrachtet ihn.
„Mein Mann ist Zahnarzt, wissen Sie. Es macht mir nichts aus.“
Beide schauen sie nun auf das blutverschmierte Bröckchen.
„Die Wurzel muss noch drin sein. Sie haben sicher große Schmerzen, nicht wahr?“
Er nickt stumm. Sicher will sie wissen, wie das passiert ist, denkt er. Ich hätte lieber gleich gehen sollen, als sie kam.
„Ich bin nur auf der Durchreise“, sagt er hastig. Dabei legt er seine Hand auf die rechte Wange und fühlt eine deutliche Schwellung.
„So können Sie nicht reisen, junger Mann, vorher müssen Sie sich behandeln lassen. Kommen Sie mit mir, mein Mann ist ein guter Zahnarzt.“
Er schweigt und vermeidet es, sie anzuschauen.
„Vertrauen Sie mir“, flüstert sie, „ich bin mir sicher, Sie wollen nicht lange in Dresden bleiben, aber erst muss Ihr Zahn behandelt werden. Kommen Sie, wir wohnen nicht weit von hier. Sie sind nicht der Erste, der unsere Hilfe in Anspruch nimmt. Damit meine ich Hilfe in einer besonderen Situation. Verstehen Sie?“
Auch er steht nun auf. „Ich weiß nicht, ob ich einfach so mitkommen kann. Heute ist doch Sonnabend, haben Sie da nicht geschlossen?“
Er mustert sie verstohlen und bemerkt, dass sie ganz anders aussieht als die älteren Frauen in seiner Heimatstadt. Ihr weißes, korrekt geschnittenes Haar schmiegt sich wie ein Helm um ihr feines Gesicht, ihre Lippen sind dezent geschminkt. Sie trägt einen marineblauen Blazer, einen grauen Kostümrock und feine Wildlederpumps. Sehr elegant erscheint sie ihm.
„Aber sie sind doch ein Notfall, machen sie sich keine Gedanken! Ach, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Frau Seewaldt. ... Und Sie, junger Mann, mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Ich heiße Gerhard Erdmann.“
Sie versucht, ihre Erregung zu verbergen und beugt sich über den Apfelkorb, als würde sie die Qualität der Äpfel prüfen. Dann schaut sie ihn an, ein strahlendes Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht. Es geht ihm ins Herz und er fühlt sich wunderbar geborgen.
Er nimmt ihr den Korb ab und folgt ihr. Sie überqueren den Markt und biegen in eine schmale Seitenstraße ein. Vor einem Torweg hält sie inne. Er öffnet ihr die schwere Tür und sie gehen hinein. Eine weitere Tür führt zum Hof. Sie steht offen und lässt die Sonne in den düsteren Hausflur scheinen. Zwei kleine Jungen jagen einem Ball hinterher. Er hört das scheppernde Geräusch einer Mülltonne und schreckt nervös zusammen.
„Es ist alles in Ordnung.“ Frau Seewaldt legt ihre Hand sacht auf seinen Arm. „Das sind nur die Kinder.“
Eine steile Treppe führt hinauf in den zweiten Stock und endet vor einer weiß lackierten Wohnungstür. Sein Blick gleitet über ein kleines Bogenfenster im oberen Teil. Es zeigt ein elegantes Buntglasmotiv. Auf blauem Grund sieht man die schlanke Silhouette einer Frau. Ihr blondes, gewelltes Haar fällt herab bis zur Taille. Sie spielt auf einer Harfe und eine winzige Elfe schaut ihr dabei zu.
„Gefällt es Ihnen? Es ist original Jugendstil, mein Mann hat es aus einem Abbruchhaus gerettet.“
Er nickt wortlos, während er auf das Namensschild schaut.
So ein Zufall, sie heißen Seewaldt, denkt er. Das ist der Mädchenname meiner Mutter. Sicher ist das ein gutes Omen, ich kann jetzt jede Menge Glück gebrauchen.
Frau Seewaldt führt ihn ins Wartezimmer.
„Machen Sie es sich bequem, setzen Sie sich! Ich sage nur schnell meinem Mann Bescheid.“
Er ist allein und schaut sich um. Auf einmal ist ihm zumute, als hätte er alle Angst und Hast draußen vor der Tür gelassen. Die dunkle Holzvertäfelung, das alte Parkett und die gemütlichen Korbsessel, all das hat einen liebenswert altmodischen Charme und gibt ihm das Gefühl einer Auszeit. Nun spürt er auch keinen Schmerz mehr, entspannt schließt er seine Augen und öffnet sie erst wieder, als er Schritte nahen hört. Ein älterer Herr im weißen Kittel steht vor ihm und reicht ihm die Hand.
„Sie sind also Herr Erdmann. ... Herzlich Willkommen, junger Mann. Meine Frau sagte mir, Sie hätten da ein kleines Zahnproblem. Eigentlich ist die Praxis am Sonnabend um diese Zeit schon geschlossen, aber für Sie machen wir mal eine Ausnahme. Kommen Sie gleich hier entlang, bitte sehr.“
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen Umstände mache, aber da ich auf der Durchreise bin, wäre es besser, wenn Sie mal nachschauen. Es blutet andauernd.“
„Entspannen Sie sich erst einmal. Lehnen Sie sich einfach zurück und machen Sie den Mund auf. ... In der Tat, da haben wir noch Arbeit. Ich werde Ihnen eine Spritze geben und dann entferne ich die Wurzel. Jetzt können Sie den Mund wieder schließen, ich muss Ihnen noch einige Fragen stellen.“
Der große alte Mann im weißen Kittel setzt sich auf einen Schemel und seufzt. Ihre Blicke treffen sich. Du tust mir nichts, denkt Gerhard, nein, du nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich vertraue dir, so wie ich auch deiner Frau vertraue.
„Haben Sie eine Allergie, ein Anfallsleiden oder sind Sie vielleicht Bluter?“
Gerhard schüttelt den Kopf. „Nein. Soviel ich weiß, ist mit mir alles in Ordnung!“
„Wirklich alles? Was haben Sie da für ein Hämatom an der rechten Schläfe, junger Mann? Das sieht aber nicht gut aus.“
Herr Seewaldt reicht ihm einen Spiegel und er sieht, dass sich die kleine rote Stelle, die er heute Morgen im Spiegel der Bahnhofstoilette sah, um das Dreifache vergrößert hat.
Im Schein der hellen Lampe leuchtet sie purpurrot.
„Ach das! Das ist nichts. Ich habe mich gestoßen, wissen Sie. ... Gestern, in der Werkstatt. Ich bin Schlosser in einem Landmaschinenbetrieb.“
Herr Seewaldt schmunzelt. „Ich weiß.“
Gerhard schickt sich an, den Stuhl zu verlassen. Schon setzt er seine Beine auf den Boden, doch Herr Seewaldt greift nach seiner Hand.
„Ich sehe es an deinen Händen, du bist Handwerker. Hände können viel. Sie reparieren Traktoren oder auch Zähne. Sie bauen Mauern, dem Menschen zum Wohl und manchmal auch zum Übel. Und sie können zuschlagen, um Menschen daran zu hindern, Mauern einzureißen. ... Du bekommst jetzt eine kleine Betäubung, dann ziehe ich den Zahn. Die Schläfe behandeln wir mit einer Heparin-Salbe. Danach musst du dich allerdings eine Weile ausruhen, bevor du weiterkannst. Nebenan steht eine Liege, Decken sind auch da. Schlaf ruhig, bei uns bist du sicher wie in Abrahams Schoß.“
„In Ordnung“, murmelt Gerhard verlegen und lehnt sich zurück. Er duzt mich, denkt er, er kennt mich doch gar nicht. Aber es stört mich nicht, es ist in Ordnung. Obwohl er ein Fremder ist, vertraue ich ihm. …
Noch betäubt von der Spritze macht er es sich nach der Behandlung auf der Liege bequem und schläft sogleich ein.
Als er erwacht, ist es bereits dunkel. Tastend bewegt er sich im Raum, findet endlich den Lichtschalter und schaut auf seine Armbanduhr. Noch in dieser Nacht will er über die Grenze. Leise öffnet er die Tür zum Flur. Er wird einfach gehen, ohne sich zu verabschieden. Eigentlich ist das nicht richtig, man stiehlt sich nicht einfach so davon. Aber länger kann er nicht warten, er muss die Dunkelheit nutzen, um unauffällig aus der Stadt zu kommen. Sie sind bestimmt noch wach, ältere Leute schlafen nicht mehr viel. Wenn sie hören, dass er aufgestanden ist, werden sie ihn sicher bitten, bis zum Morgen zu bleiben. Aber das ist zu gefährlich.
Er bückt sich, um seine Schnürsenkel zu binden. Als er sich wieder aufrichtet, stößt er gegen einen kupfernen Schirmständer. Gegenüber öffnet sich eine Tür, Frau Seewaldt steht vor ihm.
„Es tut mir leid“, stammelt er, „ich wollte Sie nicht aufwecken. Aber jetzt muss ich endlich los. Vielen Dank für alles und grüßen Sie ihren Mann.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage, wir lassen Sie doch nicht mitten in der Nacht gehen. Außerdem müssen Sie etwas essen. Kommen Sie, sie sind unser Gast. Mein Mann wartet schon auf Sie.“
Gern nimmt er die Einladung an. Er hat Hunger, seit der Bratwurst am Mittag hat er nichts mehr gegessen.
„Na endlich, junger Mann“, begrüßt ihn Herr Seewaldt. „Ich dachte schon, Sie schlafen gleich durch bis Morgen. Haben Sie noch Schmerzen?“
„Nur noch ein bisschen, es geht.“
Frau Seewaldt kommt mit einem Tablett herein, stellt ihm einen Teller mit Schnitten hin und gießt Tee ein. Er bedankt sich verlegen.
Das glaubt mir keiner, denkt er. Wenn ich das jemandem erzähle. Fremde Menschen helfen mir. Einfach so, ganz uneigennützig.
Er schaut in das prasselnde Feuer des antiken Kamins und eine wohlige Wärme breitet sich in ihm aus. Es riecht würzig nach Holz. Auch das Ehepaar Seewaldt schaut still dem Spiel der Flammen zu, doch hin und wieder richten sie ihre Blicke zum Fenster und es sieht aus, als würden sie lauschend auf etwas warten. Helles Scheinwerferlicht fällt plötzlich in den Raum. Frau Seewaldt steht auf, schiebt den Vorhang beiseite und schaut hinaus. Man hört Motorengeräusch. Laute, brüllende Männerstimmen gellen durch die Nacht.
„Zieh die Vorhänge zu und setz dich um Gottes Willen hin, Eva.“
Herr Seewaldt steht auf und tut es selbst. Frau Seewaldt setzt sich wieder und Gerhard sieht, dass ihre Hände zittern.
„Sie kommen jede Nacht“, flüstert sie, „immer zur gleichen Zeit. Ich kann das nicht mehr ertragen.“
„Vielleicht sollte ich doch besser gehen.“
Auch er steht nun auf und lauscht. Man hört das Bellen einer Hundemeute, jemand brüllt etwas und das Gebell verstummt.
„Wenn du ihnen direkt in die Arme laufen willst“, sagt Herr Seewaldt, „dann musst du jetzt gehen. Aber gleich, sonst sind sie weg! Sie fahren jede Nacht durch die Neustadt, sie machen Razzia. Hier wohnen viele junge Leute und sie haben oft Gäste, die auf der Durchreise sind. ... Bleib nur ruhig, Junge, und setz dich schön wieder hin. Wir sind alt, zu uns kommt keiner. Eva, du bringst uns jetzt eine schöne Flasche Wein, nicht wahr, meine Liebe?“
Schweigend räumt Frau Seewaldt die Teetassen auf das Tablett. Gerhard steht auf, um ihr die Tür aufzuhalten und folgt ihr in die Küche.
„Du hast etwas unterschrieben, nicht wahr“, flüstert sie. „Ich habe gehört, wie du im Traum geredet hast. Mach dir keine Gedanken, ihre Zeit ist vorbei. Du gehst in die Botschaft, wir kennen da jemand in Prag, der dir helfen wird. Du wirst sehen, es ist ganz einfach.“
„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“
„Aber dafür doch nicht, das ist selbstverständlich“, antwortet sie hastig, während er zuschaut, wie sie die hauchdünnen Porzellantassen behutsam auf den Küchentisch stellt.
„Man muss sie wie rohe Eier behandeln, das Porzellan ist ganz fein und sie sind sehr alt. Sie stammen aus dem Haushalt meiner Schwiegermutter. ... Mein Mann sagt, sie sind kitschig. Aber das ist mir egal. Was zählt, ist einzig die Erinnerung.“
„Ja“, sagt er leise, „Erinnerungen sind wichtig.“
Früh erwacht er am nächsten Morgen und die Zeit zwischen Traum und Tag schenkt ihm eine Illusion. Er schlägt die Augen auf und schaut auf ein Regal. Mineralien sieht er, Steine verschiedener Art, Tannenzapfen und einen Strauß getrockneter Blumen, deren Namen er nicht kennt. Noch einmal schließt er seine Augen und sieht eine Gebirgslandschaft. Ein klarer Bach plätschert über Gestein, dunkle Tannen säumen einen Pfad. ...
Er setzt sich auf die Bettkante und seufzt. Nein, das hier ist kein Urlaub und er wird nicht gemütlich wandern, auch wenn Herr Seewaldt meint, nur so würde er unauffällig bis Prag gelangen. Schnell steigt er in seine Hose, um ins Bad zu gehen. Die fürsorgliche Frau Seewaldt hat ihn mit allem versehen, was er braucht, sogar ein elektrischer Rasierapparat liegt auf der Kommode. Kein Wunder, dass man denkt, man erwacht in einer Ferienpension.
Er kommt aus dem Bad, kämmt schnell sein Haar vor dem Schrankspiegel, doch dann hält er inne und dreht sich um. Über dem Bett hängt ein Bild. Es ist das Porträt eines jungen Mannes, eine Fotografie im Postkartenformat. Ein schwarzes Band, quer über die linke untere Ecke gespannt, gibt dem Betrachter darüber Auskunft, dass er einen Toten anschaut.
Sein Blick wandert zurück zum Spiegel und er fühlt, wie sich die Härchen auf seinen Unterarmen aufrichten, etwas Kaltes scheint durch ihn hindurchzugehen. Noch einmal geht sein Blick vom Spiegel zum Bild, der tote junge Mann sieht ihm sehr ähnlich, er könnte sein Bruder sein.
„Es wäre gut, wenn du dein Äußeres etwas verändern würdest, bevor du dich auf den Weg machst“, sagt Frau Seewaldt nach dem Frühstück zu ihm. „Deine Frisur ... Das lange Haar ist einfach zu auffällig, geradezu provozierend. Sicher verstehst du, was ich meine. Dein langes Haar reiht dich in die Kategorie derer ein, die ihnen verdächtig erscheinen und die sie argwöhnisch beobachten. Wenn du einverstanden bist, schneide ich es dir ab, meinem Mann schneide ich auch immer die Haare. Was meinst du?“
„Ich weiß nicht so recht. Sicher ist es auffällig. Wissen Sie, das lange Haar ist für mich so etwas wie ein Markenzeichen. Na ja, das klingt vielleicht blöd, schließlich bin ich ja keine siebzehn mehr. ... Aber irgendwie ist es auch ein Protest. Ich glaube, Sie verstehen das.“
„Natürlich. Du willst damit ausdrücken, dass du ein Individualist bist.“
„Ja“, sagt er hastig, „das bin ich vielleicht. Aber ich bin kein Einzelgänger.“
„Aber nein, so meine ich es nicht. Ich denke, du bist jemand, dem seine Freiheit viel wert ist und sicher hast du dich deshalb dafür entschieden, dieses Land zu verlassen.“
„Sie haben Recht, da ist was dran.“
Nein, denkt er, mehr werde ich ihr nicht sagen. Kein Wort von Susanne und dieser ganzen Geschichte mit dem Ausreiseantrag. Es ist besser, wenn sie es nicht wissen.
„Und? Was ist nun mit den Haaren?“
„Ehrlich gesagt, es fällt mir schwer. Aber Sie haben mich überzeugt, es muss wohl sein.“
Er hört das Geklapper der Schere, spürt den leichten Druck des Kammes auf seiner Kopfhaut und sieht, wie die Strähnen zu Boden fallen. Ein eigentümliches Gefühl breitet sich in ihm aus. Ihm scheint, als würde sich mit den fallenden Haaren auch sein altes Leben von ihm verabschieden. Seltsam ist ihm zumute und schuld daran sind nicht die Haare, die vor ihm auf dem Boden liegen, sondern die Erinnerung an eine Zeit, als zwischen ihm und Susanne noch nicht die Rede davon war, dieses Land zu verlassen. Sein Leben war überschaubar und er hatte es sich ganz bequem darin eingerichtet. Doch jetzt ist alles anders und kein Weg führt mehr zurück. Ihm ist nun klar, dass er mehr verliert als nur ein paar Büschel Haare.
Sein altes Leben existiert nicht mehr und ein Neues ist noch nicht in Sicht.
Frau Seewaldt hält ihm einen Spiegel vor.
„Fertig! Na, was sagst du nun? Ich finde, es steht dir gut.“
Im ersten Moment glaubt er, das Gesicht eines Fremden zu sehen. Dieser Fremde sieht aus wie der junge Mann auf dem Foto.
Älter erscheint ihm nun sein Gesicht. Ein Gesicht mit herben Konturen sieht er, ein Gesicht, in dem das Leben erste Spuren hinterlassen hat. Er nahm sie bisher nicht wahr, wenn er sich im Spiegel anschaute, sein langes Haar verlieh seinem Äußeren eine gewisse jugendliche Unbeschwertheit.
„Du musst dich erst daran gewöhnen, nicht wahr? Aber nun siehst du ganz anders aus und darum geht es ja! Wenn du jetzt noch was Anderes anziehst. ... Ich habe da eine Wetterjacke von meinem Sohn, die müsste dir passen.“
Er folgt ihr in das Zimmer, in dem er schlief und sie öffnet den Schrank. Eine kleine Weile steht sie still davor, dann nimmt sie eine Jacke heraus.
„Das ist eine gute Jacke“, sagt sie leise. „Ein englisches Fabrikat, die hält was aus. Mein Sohn hat sie in Prag gekauft.“
„Ist ihr Sohn tot?“
„Ja“, antwortet sie hastig, „das ist lange her, mehr als zwanzig Jahre. ... Aber so etwas trägt man immer, diese Jacke ist zeitlos. Es ist eine Barbourjacke. Gewachst, da geht nichts durch. Kein Regen, kein Wind, nicht einmal Feuer, wenn man dem Hersteller glauben darf.“
„Es tut mir leid, das mit ihrem Sohn“, sagt er leise. Er sieht die Trauer in ihren Augen und er denkt an seine Mutter, von der er sich nicht verabschieden konnte.
„Zieh sie an, sie müsste dir passen.“
Er schlüpft in die Jacke und sie schaut ihm lächelnd zu.
„Perfekt! Und vor allem nicht so auffällig wie der Parka. Damit meine ich, mit dem Parka ist es so wie mit den langen Haaren.“
„Ich weiß. ... Und Sie haben ja recht. Aber werden Sie die Jacke nicht vermissen? Ich meine, weil es doch die Jacke Ihres Sohnes war.“
„Ach ... Eine Jacke ist nur eine Jacke! Ich glaube, Herfried würde sich sehr darüber freuen, dass diese Jacke noch eine Verwendung findet.“
„Wenn Sie es so sehen, dann nehme ich sie gern. Sie haben recht, ich sehe mit den kurzen Haaren und dieser Jacke ganz anders aus. Ich möchte mich noch einmal für alles ganz herzlich bedanken.“
Ihre Blicke treffen sich im Spiegel. Herr Seewaldt kommt herein und bringt einen Schuhkarton mit.
„Na? Wird das hier eine Modenschau? Die Jacke sitzt ja wie angegossen. Aber mit deinen Turnschuhen wirst du nicht weit kommen! Hier, zieh die mal an, das sind Wanderschuhe und sie sind so gut wie neu. Ich denke, sie werden dir passen.“
„Ja, das ist genau meine Größe.“
„Na dann, worauf wartest du noch!“
Er schlüpft in die robusten Schuhe und schnürt die Senkel. Dann richtet er sich auf und setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
„In neuen Schuhen in ein neues Leben“, sagt Herr Seewaldt und es klingt seltsam feierlich.
„Unser Sohn würde sich freuen, wenn er wüsste, dass du in seinen Schuhen in eine bessere Zukunft gehst. Und nun setz dich und hör gut zu.“
Herr Seewaldt reicht ihm einen Zettel.
„Wo du über die Grenze gehst, haben wir ja besprochen. Du meldest dich bei dieser Adresse und fragst nach Hans Rosenbaum. Sag ihm, dass dich Eva schickt und du möchtest einen Fiaker mieten. Der Fiaker ist das Kennwort. Natürlich könntest du auch auf eigene Faust über den Zaun der Botschaft steigen. Aber wieso solltest du dich unnötig in Gefahr begeben, das ganze Viertel wimmelt nur so von Stasi-Leuten. Hans Rosenbaum kennt sich gut aus. Du bist nicht der Erste, dem er hilft. Er wird dich unbemerkt in die Botschaft bringen. Hier hast du unsere Adresse und die Telefonnummer. Melde dich, wenn du drüben bist, wir würden uns freuen!“
Herr Seewaldt kramt eine Klarsichthülle aus seiner Westentasche und schiebt einen kleinen Zettel hinein. „Unsere Telefonnummer. Die legst du in den Schuh, unter die Einlegesohle. Man weiß ja nie ...“
Gerhard steht am Torweg und schaut unschlüssig die Straße hinauf.
Frau Seewaldt drückt seine Hand. „Und grüß mir das goldene Prag“, flüstert sie. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.
An der Ecke wechselt er die Straßenseite und weicht den Menschen aus, die vor einem kleinen Geschäft in langer Schlange anstehen. Schnell hat er die kopfsteingepflasterte Straße hinter sich gelassen, passiert eine Elbbrücke und läuft den Weg hinauf in die Berge. Noch einmal schaut er hinab ins Tal, dort liegt die Stadt im warmen Licht des Spätsommertages.
„Du hast mir Glück gebracht, Elbflorenz“, flüstert er. „Es ist nur schade, dass ich keine Zeit habe, um dich richtig kennenzulernen.“
Am anderen Ufer sieht man all das, was er schon immer mal sehen wollte, den Zwinger, das Grüne Gewölbe, die Trümmer der Frauenkirche, die Semperoper. Nun war er in Dresden und hat nichts von all dem gesehen.
Während sein Blick über die Elbe schweift, denkt er daran, welche Konsequenzen diese Flucht für ihn hat. Wenn sich das Tor der Botschaft hinter ihm schließt, dann wird die Welt hinter diesem Tor für ihn in Zukunft unerreichbar sein. Für immer? Das kann nicht sein, denkt er. Es kann doch nicht sein, dass ich nie wieder zurückkommen kann. Er denkt an seine Heimatstadt, an all die Plätze, die er liebt. Hilflosigkeit paart sich mit Wut, er schließt die Augen und spürt wieder den pochenden Schmerz in der rechten Schläfe. Herrn Seewaldts Worte fallen ihm ein.
„Die Dinge sind in Fluss“, sagte er in der Nacht zu ihm. „Glaube mir, dieser Fluss wird zum reißenden Strom. Nichts kann ihn mehr aufhalten.“
Was meinte er mit seinen dunklen Andeutungen? Vom Strandgut sprach er, das der Fluss an die Ufer spülen wird und von einer neuen Zeit ohne Mauern und Stacheldraht. ...
Schnell wendet er sich ab und läuft hinauf in den Wald. Eintauchend ins dunkle Tannengrün läuft er höher und höher, bis hinauf zur Kuppe des Berges. Er orientiert sich am Stand der Sonne und sein Blick gleitet über das weite Tal. Dort drüben liegt der Berg, über dem er nach Einbruch der Dunkelheit gehen wird. Bis dahin wird er durch den Wald hinab ins Tal laufen.
„Ich habe keine Wahl“, flüstert er, „ich muss jetzt da rüber.“
Zur gleichen Zeit steht Frau Seewaldt am Fenster und lauscht. An diesem Abend ist es still in der Dresdener Neustadt. Herr Seewaldt steht auf und geht zu ihr.
„Nun komm und setz dich endlich hin, Eva. Heute passiert hier nichts mehr.“
Sie wendet sich zu ihm und er sieht die Angst in ihren Augen.
„Wenn sie nicht hier sind, dann sind sie oben im Wald. Sie werden ihn dort finden!“
„Aber nein! Setz dich hin, du machst mich ganz nervös. Sie sind heute alle am Bahnhof.“
„Woher willst du denn das wissen?“
„Ich habe meine Quellen, Liebste. Möchtest du ein Glas Wein?“
„Ja gern, es wird mich beruhigen. Dann kann ich schlafen.“
„Mach dir keine Sorgen, er schafft es. Ich weiß, das hat dich alles sehr mitgenommen. Ich bekam ja auch einen tüchtigen Schreck, als ich ihn sah. Sie sind sich ähnlich wie Brüder. Na ja, schließlich sind sie Cousins, da hat man den gleichen Stammbaum.“
„Aber warum dieses ganze Versteckspiel, Adrian? Ich finde das irgendwie unwürdig, wir haben doch nichts vor ihm zu verbergen! Warum hast du darauf bestanden? Ich habe es akzeptiert, aber ich muss schon sagen, es verwirrt mich und ich verstehe dich absolut nicht.“




