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„Eva, er befindet sich in einer akuten Stresssituation. Was er mir erzählt hat, das will ich dir ersparen. ... Ich denke, du hast Fantasie genug, um dir vorstellen zu können, wie sie mit ihm umgegangen sind. Es ist ein Wunder, dass sie ihn gehen ließen, aber sicher stehen sie spätestens Montag früh mit einem Haftbefehl vor seiner Tür. Beten wir zu Gott oder zu wem auch immer, dass er dann schon einen Fiaker gemietet hat. ... Einen Fiaker. ... Originell, nicht wahr? Typisch Hans. Nun schau doch nicht so ängstlich, Eva, entspann dich mal. Ich konnte ihn doch in seiner Situation nicht mit unseren familiären Problemen belasten!“
„Ich habe keine Ruhe. Sollten wir nicht wenigstens seine Mutter benachrichtigen? Wenn ich mir vorstelle, was sie sich für Sorgen macht! Und sein Vater. ... Ach, jetzt muss ich lachen, der wird sich vor Scham winden! Sein Sohn, ein Republikflüchtling! Da bin ich richtig schadenfroh. Ist das schlimm? Es gehört sich jedenfalls nicht.“
„Sei nur ruhig schadenfroh, Eva, das erleichtert. Und was sich gehört oder nicht gehört, das lassen wir mal hübsch beiseite. Dieses Land befindet sich zurzeit im Ausnahmezustand und wenn die Obrigkeit Jagd auf das Volk macht, dann müssen wir uns auch nicht mehr an Anstandsregeln halten!“
„Du machst mir Angst, wovon sprichst du eigentlich? Meinst du, es gibt einen Bürgerkrieg?“
„Das wollen wir doch nicht hoffen.“
Schweigend schauen sie in die Flammen, Adrian greift sacht nach ihrer Hand.
„Versprich mir, vorläufig kein Wort zu Anneliese, ja? Weder telefonisch noch brieflich. Wir würden ihm nur schaden. Wenn er sich meldet, dann kannst du sie benachrichtigen. Oder besser erst, wenn wir wissen, dass er drüben gut angekommen ist.“
„Wieso? Meinst du etwa, sie sind auch in der Botschaft?“
„Was denkst du denn! Sie sind überall, das weißt du doch. Sie wissen genau, dass ihre Zeit bald zu Ende sein wird und das macht sie noch gefährlicher.“
„Du hast recht, man kann nicht vorsichtig genug sein.“
„Außerdem hat er mir versprochen, dass er sich bei seinen Eltern meldet, wenn er drüben ist.“
„Ach! Sag bloß, ihr habt über Schwedt geredet?“
„Ja. Heute Nacht, nachdem du zu Bett gegangen warst. Nicht, dass du jetzt denkst, ich hätte ihn ausgefragt. Er erzählte von ganz allein. Er stand so unter Druck, er musste einfach reden. Sein Vater nannte ihn einen ehrlosen Vaterlandsverräter, als er erfuhr, dass er ausreisen will.“
„Das sieht ihm ähnlich, etwas anderes hätte ich auch nicht von ihm erwartet. Aber sag mal, hast du dir denn nicht die Zunge abgebissen, als er von Schwedt sprach?“
„Als er meinte, das wäre ja ein Zufall, seine Mutter sei eine geborene Seewaldt, da war ich nahe dran, es ihm zu sagen. Aber du kennst mich doch, ich spiele gern mit verdeckten Karten. Lass ihn erst einmal in Sicherheit sein, Eva. Dann werden wir ihm alles erzählen.“
„Du bist gut! Höchstwahrscheinlich sehen wir ihn nie wieder.“
„Glaubst du das wirklich Eva? Hör mir mal zu, bald ist der ganze Spuk vorbei und jeder kann reisen, wohin er will!“
„Mal sehen, vielleicht. ... Ob wir das noch erleben? Ich würde gern mal nach Italien, Adrian. Guck mich nicht so an, man muss auch ein bisschen träumen dürfen! Was hat er denn von Anneliese erzählt, hat er gar nichts über seine Mutter gesagt?“
„Nichts Persönliches. Sie lebt noch, Eva.“
„Das weiß ich ja wohl selbst, schließlich bin ich es ja, die den Kontakt hält! Sei doch nicht so herzlos, sie ist deine Schwester.“
„Er war mit sich selbst beschäftigt und mit dem, was er gerade erlebt hatte. Was hätte ich denn sagen sollen! Ich hielt es für klüger, vorerst zu schweigen.“
„Erinnerst du dich, wie wir uns damals mit Anneliese in Berlin trafen? Karl-Heinz war zu einem Lehrgang, er durfte ja nichts davon wissen. Da hatte sie Gerhard dabei. Es war das einzige Mal, dass wir ihn gesehen haben. Wir trafen uns in Friedrichsfelde und gingen in den Tierpark. Er war ja noch ein Knirps, höchstens drei Jahre alt. Aber er sprach schon sehr gut und Anneliese hatte Angst, dass er seinem Vater was erzählt. Es ist so lange her, wo ist nur die Zeit geblieben, Adrian. ... Als ich ihn auf dem Markt sah, das war so unwirklich, fast wie ein Traum. Diese Ähnlichkeit. ... Es kann kein Zufall gewesen sein, dass ich ihn dort traf. Man könnte fast glauben, eine höhere Macht hatte ihre Hände im Spiel.“
„Zufälle gibt es nicht, meine Liebe. Je älter ich werde und je öfter ich rückschauend auf mein Leben blicke, desto mehr drängt sich mir der Gedanke auf, es gibt einen großen Plan. ... Hast du eigentlich Annelieses Briefe aufbewahrt?“
„Ja, natürlich. Warte, sie sind hier im Sekretär.“
Sie reicht ihm ein Bündel vergilbter Briefe und spürt in diesem Augenblick, wie schnell ihr Herz schlägt. Alles längst Vergangene ist wieder gegenwärtig, befindet sich jetzt hier im Raum.
„Hier schrieb sie über ihn. ... Soll ich es dir vorlesen?“
„Ja, bitte.“
„Schwedt/Oder, den 12.12.1963. Meine Lieben, eure Post erhielt ich gestern auf dem üblichen Umweg. Ich habe mich sehr über die Fotos gefreut, aber schickt lieber keine mehr. Ihr wisst ja, wie er ist und wenn er sie sehen würde, dann ist hier die Hölle los. Euer Herfried ist ja tüchtig gewachsen und ich finde, dass Gerhard ihm nachkommt. Sie sehen sich ähnlich, als wären sie Brüder.“
Er lässt den Brief sinken und sucht ihren Blick. Sie hört das trockene Rascheln des Papiers, riecht den faden Staubgeruch, der dem alten Brief anhaftet und denkt an jene Zeit, als sie noch nicht ahnte, wie bald sie Herfried verlieren würde.
„Haben wir noch die alten Bilder, Eva?“
„Ja, ich hebe doch alles auf. Aber ich finde, für heute ist es genug. Lass uns schlafen gehen.“
In dieser Nacht steht sie wieder am Ufer der Moldau, der alte Traum sucht sie heim. Wenn sie ihn träumt, dann fühlt es sich an, als wäre sie selbst dabei gewesen. Doch was ihrem Sohn in Prag geschah, wurde ihr nur erzählt und sie weiß, es war heller Tag, als er tot am Ufer der Moldau lag. In ihrem Traum aber ist es Nacht und sie schaut hinüber zur Karlsbrücke.
Im Licht der alten Laternen erscheinen ihr die vertrauten, imposanten Skulpturen kalt und fremd. Bedrohlich wie mahnende Zeigefinger ragen sie in den Nachthimmel.
Ihr Blick tastet sich am Ufer entlang, sie sucht ihren Mann und erkennt ihn inmitten einer kleinen Gruppe Menschen. Auch sie schaut nun auf das, worauf alle schauen. Neben einer Trauerweide liegt ein Körper, liegt dort ganz still unter einer Wolldecke, auf deren Mitte ein rotes Kreuz leuchtet. Ja, es leuchtet in der Dunkelheit grell und schrill im Licht eines Scheinwerfers. Das laute Geheul einer Sirene fällt ein in die Stille. Sie schaut hinauf zum Himmel und dann dreht sich plötzlich die Erde unter ihr. Sie dreht sich schnell, immer schneller, bis eine mächtige Kraft sie zu Boden schleudert. ...
Als sie erwacht, ist weit nach Mitternacht. Sie steht auf und geht ins Wohnzimmer. Lauschend steht sie am Fenster. Nein, denkt sie, sie sind nicht da, heute nicht. Aber wo sind sie? Sind sie wirklich alle am Bahnhof oder durchkämmen sie mit ihren Hunden den Wald. ... Herrgott im Himmel, bitte hilf, dass sie ihn nicht finden.
Sie geht zum Sekretär. Mit fliegenden Fingern öffnet sie ihn hastig und findet das kleine Kästchen, in dem sie die Briefe aufbewahrt, deren Botschaft ihr bis zum heutigen Tag absurd erscheint. Obwohl sie weiß, dass Herfried tot ist, lässt sie es nur selten zu, dass die Wahrheit sich wie ein Dolch in ihr Herz bohrt.
„Euer Schmerz ist auch unser Schmerz. Wir haben Herfried geliebt wie unseren eigenen Sohn. Seid stolz auf ihn, er war ein wunderbarer Mensch, ein Held des Prager Frühlings und alle, die ihn kannten, liebten ihn. Hans und Martha.“
Sie lässt den Briefbogen sinken und schließt die Augen.
„Keiner wird mehr sterben, weil er ein freier Mensch sein will“, sagt sie leise, „Adrian hat recht, ihre Zeit ist abgelaufen.“
Er läuft über die Karlsbrücke und vergisst dabei den Grund seiner Reise nach Prag. Die Angst der letzten Nacht, die gefahrvolle Fahrt im überfülltem Zug, all das ist ausgelöscht in dieser Stunde, verdrängt vom staunenden Bewusstsein hier auf dieser Brücke zu sein. Er folgt dem Strom der Fußgänger, doch ab und an hält er inne, um den Straßenmalern über die Schulter zu schauen. Schnell skizzierte, elegante Porträts sieht er auf ihren Staffeleien, duftige Aquarelle und großformatige Acrylbilder, auf denen man die Prager Burg vielfarbig leuchten sieht.
Verlockend der Gedanke, selbst hier zu sitzen und zu malen. Ihm scheint, als würde es am Ufer der Moldau ewig Sommer sein und jeder Tag ein Ferientag, wenn man sich hinsetzt, malt und alles andere vergisst. Und abends geht man angeln, weiter stromaufwärts ... Und dann ein Feuerchen machen, um den Fisch zu braten.
Ich kann auch malen, denkt er, und sogar ganz gut. Wenn ich mich nur trauen würde, wie als Kind mit dem Tuschkasten. Zeichnen war mein Lieblingsfach in der Schule und Mutter hat meine Bilder einrahmen lassen, auch wenn Vater sich darüber mokierte. Weshalb war er eigentlich immer so sauer, wenn ich lieber malen oder lesen wollte, statt mit ihm auf den Sportplatz zu gehen? ... Weil ich Offizier werden sollte, so wie er.
Am Ende der Brücke setzt er sich auf eine Bank und während er die Schokolade isst, die ihm Frau Seewaldt fürsorglich eingepackt hat, betrachtet er die flanierenden Touristen. Fremde Sprachfetzen dringen an sein Ohr, er schnuppert dem Parfüm einer eleganten Frau nach und bestaunt das extravagante Aussehen zweier Männer. Sie tragen Schottenröcke, Kniestrümpfe und derbe Wanderschuhe.
Er schließt seine Augen und spürt eine übermütige Freude in sich aufsteigen. Ich werde mir die Welt anschauen, denkt er. Alles werde ich sehen und es dann malen. Ja, malen werde ich wieder, jetzt habe ich Lust drauf. Und niemand kann mir mehr verbieten, irgendwohin zu gehen, um zu leben, wie es mir passt. So wie damals, als ich nach Berlin wollte und sie mir die Zuzugsgenehmigung verweigerten.
Im Strom der Touristen lässt er sich treiben und steht schließlich vor dem Veitsdom, umringt von einer Gruppe junger ausländischer Touristen. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend, doch der Anblick eines grimmig dreinschauenden Polizisten erinnert ihn daran, warum er nach Prag gekommen ist. Der Gedanke, dass die Freiheit dieser Stadt nur eine trügerische Illusion ist und er den Ort, wo Freiheit für ihn greifbar sein wird, noch nicht erreicht hat, überfällt ihn mit kalter Nüchternheit. Seine Euphorie fliegt so schnell fort wie ein Schwarm Tauben vom Platz. Schnell verlässt er den belebten Ort und geht zu einem kleinen Geschäft, dessen Auslage verrät, dass hier außer mit Tabakwaren auch mit anderen nützlichen und weniger nützlichen Kram gehandelt wird. Im altmodisch dekorierten Schaufenster entdeckt er zwischen neongrünen Dauerlutschern, vergilbten Zeitschriften und aufgetürmten Zigarrenkisten, wonach er sucht. Landkarten und Stadtpläne liegen dort zwischen toten Fliegen und einem Sortiment nostalgisch anmutender Pfeifen.
„Trafik“ steht auf der Fensterscheibe und er erinnert sich an Herrn Seewaldts Worte: „Geh in einen Tabakladen, die Inhaber sprechen meist deutsch. Dort fragst du, wie du in die Josefstadt kommst. Du sagst einfach, dass du ein Tourist bist und zum jüdischen Friedhof willst. Aber bevor du hineingehst, schau dich genau um, du musst vorsichtig sein.“
Der Ton des Ladenglöckchens reißt ihn aus seinen Gedanken. Ein junger Mann kommt heraus, er trägt einen hellen Sommerblouson, sein fahles, blondes Haar ist akkurat gescheitelt. Beim Anblick der dezenten Farblosigkeit des Fremden steigt ein gewisses Unbehagen in ihm auf. Ihre Blicke begegnen sich. Hastig öffnet der Fremde die eben erworbene Packung Zigaretten und sucht in seinen Taschen nach dem Feuerzeug. Während er das würzige Aroma des aufsteigenden Qualms riecht, hat er auf einmal wieder große Lust, zu rauchen. Susanne zuliebe gewöhnte er es sich ab. Ich geh jetzt endlich da rein, denkt er. Ich kaufe Zigaretten, das ist ganz unauffällig. Und dann frage ich nach der Josefstadt. Mehr so beiläufig. Es nützt ja nichts, ich darf jetzt keinen Schiss haben.
Der Fremde überquert die Straße, anscheinend hat er nur auf das Signal der Ampel gewartet. Wieder läutet das Glöckchen an der Tür, ein älterer Mann kommt aus dem Hinterzimmer und nickt ihm freundlich zu.
Gerhard zeigt auf eine Packung der DDR-Marke „F6“.
„Eine Schachtel bitte und ein Feuerzeug.“
„Sehr wohl, der Herr.“
Er überlegt, ob er mit Ostgeld oder lieber mit den Kronen zahlt, die ihm Frau Seewaldt beim Abschied in die Jackentasche steckte. Schließlich legt er die Kronen auf den Tresen.
„Haben Sie vielleicht ... Ich brauche einen Stadtplan. Ich will in die Josefstadt.“
Der hellwache Blick des alten Mannes irritiert ihn, Unbehagen steigt in ihm auf. Er wendet sich ab und schaut durch die kleine Schaufensterscheibe. Draußen ist niemand, kein Mann im hellen Sommerblouson, keine Menschenseele.
„Selbstverständlich, der Herr, nehmen Sie diesen, der ist gut. ... Große Schrift und es ist alles eingezeichnet. Der hier ist zwar billiger, aber ein bisschen ungenau, wenn ich das mal so sagen darf.“
„Ich dachte, die sind alle gleich, liegt das nicht in der Natur der Sache?“
Der Alte macht eine abwägende Handbewegung.
„Oh nein, mein Herr, da gibt es schon gewisse Unterschiede. Aber bei mir haben Sie noch die Auswahl. Am Bahnhof sind sie bereits alle ausverkauft.“
Natürlich ahnt er, weshalb Stadtpläne zurzeit in Prag ausverkauft sind, doch nun will er so schnell wie möglich weg und geht nicht auf die Anspielung des alten Mannes ein.
„Nehmen sie auch Ostmark?“
Der Alte nickt, er schaut dabei aus dem Fenster. Eine Gruppe junger Leute hat sich vor seiner Schaufensterscheibe versammelt. „Deine Landsleute“, sagt er leise. Er streicht das Geld ein, gibt das Wechselgeld heraus, dann beugt er sich über den Tisch und auf seinem gemütlichen Gesicht zeigt sich ein breites Grinsen. „Sie sehen alle gleich aus.“
„Mag sein“, antwortet Gerhard, nickt ihm zu und verlässt schnell den Laden.
Während das Glöckchen hinter ihm klingelt, geht er durch die einförmig gekleidete Menge. Jeanshosen und Jacken, blau verwaschen, soweit das Auge reicht. Im Stillen dankt er Frau Seewaldt für die Verwandlung, die sie ihm angedeihen ließ. Sicher hat ihn nur das Ostgeld verraten.
An der Ecke bleibt er stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Sie schmeckt ihm nicht, ihm wird schwindelig und er wirft sie in den Rinnstein.
Er nimmt die Straßenbahn. Der alte Mann im Laden hat recht, dieser Stadtplan ist gut, da kann nichts schief gehen. Hinter dem Altstädter Ring steigt er aus und liest das Straßenschild, „Staromeski Namesti“. Er beschließt, von hier aus zu Fuß weiterzugehen.
An einem kleinen Verkaufskarren kauft er sich eine Wurst im Brötchen, die sich hier nicht Bockwurst nennt, sondern weltläufig englisch „Hot Dog“. Enttäuscht dreht er den ersten Bissen im Munde um. Die Wurst schmeckt nicht und das Brötchen ist pappig, beides nicht vergleichbar mit der Bockwurst am heimischen Bahnhofskiosk. Gegenüber auf einem kleinen Platz sieht er einen Biergarten. Ein Bier wäre jetzt nicht schlecht. Aber er kann sich hier nicht hinsetzen, auch wenn der Gedanke sehr verlockend ist. Noch weiß er nicht, was ihn erwartet.
Dennoch bleibt er eine kleine Weile im Schatten der Kastanien vor dem Lokal stehen.
Was er hört und sieht, gefällt ihm sehr. Eine kleine Kapelle spielt für die Gäste. Sicher sind es umherziehende Straßenmusikanten, denkt er. Es könnten Roma sein. Klein und gedrungen sind die drei Männer von Gestalt. Sie tragen schwarze, enge Hosen und weiße, bauschige Hemden. Schwere Goldketten sieht er aufblitzen und ihr dunkles langes Haar glänzt in der Sonne, als hätten sie es mit Gel glatt gekämmt. Der Älteste spielt auf einer Geige, er tut es mit Hingabe und Meisterschaft. An seiner Seite steht ein Akkordeonspieler, ein sehr junger Mann, fast noch ein Kind. Unentwegt schaut er den Älteren an und ab und zu huscht ein kleines Lächeln über sein Gesicht. Der Dritte gibt mit einem Tamburin den Takt an und singt dazu in einer fremden Sprache. Seine Augen sind geschlossen und er singt seltsam verhalten. Es klingt, als hielte er es mühsam zurück, dieses Große, Wuchtige, Leidenschaftliche, das wie ein Vulkanausbruch über den Platz schallen würde, wenn er es voll aus seiner Kehle ließe.
Er versucht, sich zu erinnern, wann er je in seinem Leben Roma gesehen hat. Es muss in Berlin gewesen sein und sicher ist es sehr lange her, er war wohl noch ein Kind. In Schwedt nennt man sie Zigeuner und das Musizieren auf den Straßen ist dort sicher verboten. Auch in den umliegenden Orten hat er nie Menschen dieses Volkes gesehen. Natürlich nicht, sie sind ja nicht sesshaft, das weiß er und so etwas gibt es nicht in Schwedt und auch nicht in der Kreisstadt Angermünde. Denn wie sollte man ihr Tun und Lassen kontrollieren, wenn sie durch das Land ziehen, wie es ihnen gefällt.
Ein kleines Mädchen unterbricht seine Gedanken. Sie trägt ein buntes Sommerkleid und ihre Augen blitzen fröhlich. Verlegen kramt er in seiner Tasche nach den Kronen und legt etwas in den Hut, den sie ihm hinhält. Die Kleine macht einen niedlichen Knicks und läuft schnell davon.
Er wendet sich ab, um nun endlich Hans Rosenbaums Adresse zu finden. Schon zwei Straßen weiter scheint er am Ziel zu sein. „Parizska“, liest er auf dem Straßenschild, „Pariser Straße“. Dort gegenüber, das muss die Synagoge sein, Herr Seewaldt sprach von ihr. Er sieht den Stern der Juden über dem Tor, darunter fremde Schriftzeichen. Das ist sicher Hebräisch. Ob man dort wohl hineingehen kann? Sicher nicht, es ist ein Gotteshaus für die Juden. ... In Schwedt gibt es keine Juden, so wie es auch keine Roma gibt und keine Männer, die einen Schottenrock tragen. Das passt nicht, für all diese Menschen wäre sicher kein Platz in seiner Heimatstadt, sie gehören da nicht hin. Sie sind einfach zu anders. ...
Auf einmal weiß er, warum es mit ihm soweit gekommen ist, dass er hier durch Prag läuft und in die Botschaft will. Es geht nicht nur um Susanne. Schon immer war er ein Außenseiter, war anders als seine Kollegen und Nachbarn und anders als seine Eltern. Vielleicht hat Frau Seewaldt recht, als sie sagte, er wäre ein Individualist.
Hier in Prag sieht er sein Leben aus einer neuen Perspektive. Stets fühlte er sich auf eine latente Weise schuldig, weil er nicht so war, wie sie ihn haben wollten. Sie gaben die Norm vor, die Norm für ein sozialistisches Leben. Die Lehrer, sein Vater und die Genossen im Betrieb, sie alle schienen überzeugt zu sein, dass nur richtig ist, was sie für richtig hielten.
Nie wehrte er sich gegen all diese Bevormundungen, vielmehr wandte er sich ab, blieb für sich und schlängelte sich still an ihrer Doktrin vorbei.
„Wenn man sich nicht wehrt, machen sie mit dir, was sie wollen“, murmelt er und ballt seine Fäuste in den Taschen. Doch dann schaut er hinauf in den blauen Himmel und eine erleichternde Gewissheit breitet sich in ihm aus.
„Es ist vorbei. Egal, was auf mich zukommt, ich geh keine Kompromisse mehr ein.“
Gleich neben der Synagoge findet er die Nummer fünf, er ist am Ziel. Bevor er hineingeht, schaut er sich noch einmal um, jedoch sieht er nichts Verdächtiges und steigt schnell die Treppe hinauf. Alles ist so, wie Herr Seewaldt es ihm beschrieben hat. Die Wohnungstür befindet sich hinter einem Gitter, dieser Herr Rosenbaum muss ein ängstlicher Mensch sein.
Auf sein Klingeln öffnet sich die Tür und ein alter Mann erscheint. Er trägt ein Käppchen auf seinem kahlen Kopf, sein rotblonder Bart reicht ihm bis auf die Brust. Wohlwollend lächelnd schaut er Gerhard an und schweigt.
„Guten Abend. Ich wollte zu Hans Rosenbaum. ... Frau Seewaldt schickt mich. Ich bin Gerhard Erdmann.“
„Und was willst du bei mir?“
Hans Rosenbaum reckt sein Kinn und zieht die rechte Braue hoch. Er sieht aus, als würde er sehr gespannt auf seine Antwort warten.
„Ich will einen Fiaker mieten.“
Laut dröhnt Hans Rosenbaums Lachen durch den stillen Flur.
„Aber junger Freund“, gluckst er, „woher soll ich einen Fiaker nehmen? Geschweige denn ein Pferdchen! Nun sag mir, wie soll ich das denn hier in der Wohnung halten? Und was das kostet, der ganze Hafer! Bei Hans Rosenbaum kannst du höchstens ein Fahrrad mieten. ... Ha, ha, ha! Nun komm endlich rein, ich warte schon den ganzen Nachmittag auf dich. Wo hast du dich denn herumgetrieben? Und ich sitze hier und mache mir Sorgen!“
Hans Rosenbaum drückt auf einen Knopf. Staunend schaut er zu, wie das Gitter im Fußboden verschwindet.
„Komm erst mal in die Küche, sicher hast du Hunger.“
Gerhard seufzt vor Erleichterung, nachdem er am Küchentisch Platz genommen hat.
„Sie haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
„Ja, nicht wahr?“ Der Schalk blitzt aus den Augen des alten Mannes. „Das kann ich gut, das ist eine Spezialität von mir.“
Schwerfällig steht er auf und geht zum Küchenschrank, stellt Brot, Butter und Käse auf den Tisch, holt Bier aus dem Kühlschrank und Gerhard sieht, dass er hinkt.
„Danke für das Essen. Wann soll es denn losgehen?“
„Morgen früh. Jetzt um diese Zeit sind alle Fiaker ausgebucht.“
Hans Rosenbaum schneidet mit ernster Miene das Brot, dann schaut er Gerhard an und ein kleines verschmitztes Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht.
„Und außerdem ist um diese Zeit zu viel Verkehr“, flüstert er, „wir wollen ja nicht die Pferde scheu machen, nicht wahr?“
Nach dem Abendbrot steigen sie hinauf auf den Dachboden und sein Gastgeber öffnet die Tür zu einer kleinen Mansarde.
„Es ist nicht das „Hilton“, mein Sohn. Aber ich denke, für eine Nacht geht es.“
„Aber ja, natürlich. Und vielen Dank!“
Der alte Mann öffnet ein kleines Fenster. „Komm und schau dir das an.“
Der Blick über die Dächer der goldenen Stadt erscheint ihm märchenhaft schön und raubt ihm für Sekunden den Atem, so dass er hörbar die Luft ausstößt.
„Einfach fantastisch. Das ist ja traumhaft.“
„Bist du zum ersten Mal in Prag?“
„Ja. Ich verreise eigentlich selten, ich mag es lieber ruhig. Meist gehe ich am Wochenende angeln. Aber ich habe schon viel über Prag gelesen, ich interessiere mich für Architektur. Na ja, wo ich herkomme, da gibt es nur Plattenbauten. Das Alte ist im Krieg zerbombt worden und den Rest hat man abgerissen.“
„Willst du deshalb fort?“
„Ja, auch deshalb. Alles ist so grau bei uns zu Hause, so langweilig. Aber am wichtigsten ist mir meine Freiheit. Ich will ein freier Mensch sein.“
„Freiheit. Welch großes Wort, junger Mann. Wer ist schon frei? Überall auf der Welt muss man sich den Gegebenheiten anpassen, um zu überleben. Die Frage ist nicht, wie viel Freiheit der Einzelne braucht, sondern ob er bereit ist, Kompromisse einzugehen. Wo aber ist die Grenze? ... Eigentlich ist das ganz einfach mit der Freiheit, so wie alles Wahrhaftige schlicht und einfach ist. Der wahre Freie gehorcht einzig und allein seinem Gewissen. Glaube mir, wenn du das tust, dann bist du frei, auch wenn du in einem Gefängnis sitzt. Die einzig wahre Freiheit ist die innere Freiheit. Niemand kann dein Herz, deine Seele und deinen Geist einkerkern, auch wenn dein Leib hinter Stacheldraht sitzt. ... Nun schau mich nicht so an, junger Freund! Sicher denkst du jetzt, der meschugge Alte hat gut reden, er hat sein Leben gelebt. Aber ich, ich bin der junge Held und will hinaus in die Welt! Das sollst du auch. Doch es wird der Tag kommen, da wirst du verstehen, wovon ich rede. ... Weißt du, es ist seltsam. Dort drüben, da wo du hin willst, kann jeder nach seiner Fasson leben. Aber sie tun es nicht. Sie sind geradezu süchtig danach, sich in Abhängigkeiten zu begeben, Klischees zu erfüllen und sich anzupassen. Aber lassen wir das für heute, du musst schlafen, wir brechen morgen sehr früh auf. Gute Nacht!“
Hans Rosenbaum kann in dieser Nacht nicht schlafen. Er sitzt am Küchentisch und denkt an Herfried Seewaldt. Der Sohn seiner Cousine Eva stand ihm so nah wie ein eigenes Kind.
Eine Szene steigt aus seinem Gedächtnis auf. Seine Frau Martha steht am Herd und füllt ihnen die Teller voll. Herfried protestiert lachend und behauptet, er hätte schon drei Kilo zugenommen, weil alles so lecker schmeckt. Und überhaupt würde sie die besten Klöße der Welt machen. Martha aber meint grummelnd, wie soll denn einer zunehmen, wenn er sich den ganzen Tag in der Stadt herumtreibt. ... Seine Frau Martha starb im letzten Winter an einer Lungenentzündung, zwanzig Jahre nach Herfrieds Tod.




