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Er steht am Fenster, schaut hinab in den kleinen Hof und denkt an die, die vor ihm gegangen sind. Schließlich geht er ins Wohnzimmer und schaltet die Stehlampe an. Ein verblichenes, amerikanisches Magazin in deutscher Sprache liegt vor ihm. Er weiß, welche Seite er aufschlagen muss und er spürt sein altes Herz klopfen, als er über dem Artikel Herfrieds Bild sieht.
„Der Tag, an dem die Panzer kamen. Ein Bildbericht von Herfried Seewaldt.“
Am Mittag des folgenden Tages sahen sie ihn zum letzten Mal. Lebhaft war er immer, aber an diesem Tag schien er geradezu atemlos. Er nahm sich nicht die Zeit, mit ihnen zu essen und lief nervös in der kleinen Küche auf und ab. Aufgeregt gestikulierend berichtete er, was auf den Straßen geschehen war.
„Geht um Gottes Willen nicht vor die Tür“, sagte er zu Martha und dann nahm er sie in den Arm.
„Und du, Junge“, antwortete sie ihm mit bebender Stimme, „sei mir bloß nicht so waghalsig. Pass gut auf dich auf!“
„Mach ich, Tante Martha“, rief er ihr zu, schon unten am Treppenpodest und wie immer in Eile. „Was soll mir schon passieren, außerdem ist der Spuk bald vorbei.“
Du hattest recht, Herfried, der Spuk war schnell vorbei. Allerdings mit einem anderen Ausgang, als wir es uns erhofft hatten. Der Tag, an dem die Blüten des Prager Frühlings von einem Hagelschauer zerstört wurden, war jener Tag, an dem Herfried ermordet wurde und man ihn tot aus der Moldau barg. Seine Filme und Aufzeichnungen aber verließen auf wundersame Weise das Land. Dafür sorgte Hans Rosenbaum und so entstand dieser Artikel.
Hans nimmt seine Brille ab und reibt sich die müden Augen.
Und nun, so denkt er, schläft dein Cousin dort oben in deiner Mansarde. Eva hat recht, er sieht dir sehr ähnlich. Ich glaube, ihr hättet euch gut verstanden.
Gerhard Erdmann, Sohn eines Offiziers und offensichtlich tüchtig aus der Art geschlagen, will morgen in die Botschaft. Was wohl sein Vater dazu sagt? Und wenn er dann auch noch hört, bei wem er in Prag übernachtet hat, na das wird was geben in Schwedt an der Oder!
Karl-Heinz Erdmann. ... Nahtlos vertauschte er nach dem Krieg die Fronten, schlüpfte von einer Uniform in die andere, wechselte seine Gesinnung so schnell wie andere ihr Hemd. Wobei man sagen muss, die Verwandlung war rein äußerlich nicht besonders groß. Die Uniform der Nationalen Volksarmee hat eine geradezu penetrante Ähnlichkeit mit der Naziuniform. Und der Gerechtigkeit wegen muss man dem Mann zugutehalten, dass er sich, bevor er sich neuen militärischen Herausforderungen stellte, in russischer Gefangenschaft einer ordentlichen Gehirnwäsche unterzog. Nach mehreren Waschgängen verwandelte sich altes muffiges Braun in strahlend frisches Rot und anschließend wurde es im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ glatt gebügelt. Dort erhielt Karl-Heinz Gelegenheit, der Welt zu erzählen, welch ein guter Mann doch Stalin war. Und zwar solange, bis er es selbst glaubte.
Hans Rosenbaum geht zu Bett. Eine Woge köstlichster Genugtuung hüllt ihn ein wie ein warmes Tuch und er schläft in dieser Nacht so tief und gut wie schon lang nicht mehr.
Auch Gerhard Erdmann schläft nun oben in der kleinen Mansarde. Zuvor jedoch hat er einen Wachtraum, eine Vision seiner Wünsche zieht in farbigen Bildern an ihm vorbei. Susanne sieht er im weißen Hochzeitskleid. Sie schneidet die Torte an, ein dreistöckiges Monstrum aus Marzipan. Sie liebt Marzipan über alles. Und er sieht seine Mutter, wie sie lacht und wie stolz sie auf ihn ist. Sie trägt ihr Lieblingskleid, marineblau mit kleinen weißen Tupfen.
Allein ist sie gekommen und freut sich, dass sie die weite Reise ganz allein geschafft hat, denn ihr Mann Karl-Heinz weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er starb an einem Herzinfarkt. ...
„Na ja, das wünsche ich ihm ja nun doch nicht“, flüstert er, bevor er einschläft.
„Beste Zeit, um einen Fiaker zu mieten“, meint Hans Rosenbaum.
Gerhard schaut auf seine Armbanduhr, es ist Viertel vor sechs und die Josefstadt schläft noch. Fast könnte man glauben, die Zeit wäre stehengeblieben. Kein Autolärm, keine Straßenbahn, die Straße gehört den Tauben, die eifrig nach den Bröckchen des gestrigen Tages suchen.
Ein junger Mann kommt aus einer Gasse, sein Äußeres veranlasst Gerhard, ihm hinterherzuschauen. Er trägt einen langen schwarzen Gehrock und einen steifen Hut, Schläfenlocken fallen über seine Wangen. Der Mann geht in die Synagoge. Gerhard spürt, dass Hans Rosenbaum ihn beobachtet. Verlegen wendet er seinen Blick ab.
„Und nun? Gehen wir zu Fuß oder nehmen wir den Bus?“
„Wieso mit dem Bus?“ Hans Rosenbaum grinst. „Wolltest du nicht einen Fiaker mieten? Guck mal, da kommt er schon!“
Tatsächlich hört man das näherkommende Geräusch von Hufschlägen. Ein Zweispänner fährt die Straße hinauf und hält direkt vor ihnen. Hans redet mit dem Kutscher, dann wendet er sich an Gerhard.
„Nun komm schon, steig ein, Junge. Zeit ist Geld und Geld ist knapp.“
„Ach so, jetzt verstehe ich, wir tarnen uns als Touristen. Und ich dachte, das mit dem Fiaker ist ein Witz!“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“
Hans Rosenbaum lacht, doch dann verschwindet sein Lachen jäh. Aufmerksam schweift sein Blick über die leere Straße.
„Warum sind wir Juden wohl so erfindungsreich? Heutzutage nennt man das kreativ! Na, was denkst du, Gerhard Erdmann?“
„Ich weiß es nicht“, murmelt er verlegen, „ich habe da so meine Gedanken, aber ich will nichts Falsches sagen.“
„Nur zu, du musst dich jetzt daran gewöhnen, dass man auch mal was Falsches sagen darf!“
„Vielleicht hat es was mit der Verfolgung der Juden zu tun. Man muss erfindungsreich sein, wenn man überleben will.“
„So ist es! Schreib dir das hinter die Ohren, mein Sohn. Schau, da vorn ist der alte jüdische Friedhof.“
„Ich habe darüber ein Buch gelesen, über dieses Grab vom Rabbi Löw.“
„Rabbi Löw“, sagt Hans und es klingt fast ein wenig verächtlich. „Und was weißt du noch über unser Volk? Was hat man euch gelehrt in den Schulen der DDR?“
„Wir sprachen im Geschichtsunterricht über die Vernichtungslager. ... Über all diese schrecklichen Dinge.“
Worauf will der Alte bloß hinaus, denkt er, und warum macht mich das so verlegen? Ich kann doch nichts dafür.
„Ja, ja über die Lager! Aber was haben sie euch über unser Volk erzählt, über unsere Religion und Kultur? Herzlich wenig, denke ich. Und das ist nicht gut. Gar nicht gut.“
Nun schweigen sie beide. Grau ist der Morgen, die goldene Stadt wartet noch auf die Sonne, um sich in voller Pracht zu zeigen. Die Fahrt endet in einer Sackgasse. Während Hans den Kutscher entlohnt, schaut Gerhard sich um. Man könnte meinen, in einem der alten, prachtvollen Häuser findet ein großes Treffen statt, ein Treffen der Einwohner des Nachbarstaates DDR. Aus allen Bezirken sind sie nach Prag gekommen, man sieht es an den Kennzeichen der geparkten Wagen.
„Lassen sie die Autos einfach hier stehen?“
Hans Rosenbaum nickt.
„Aber das kann man doch nicht machen, die kosten ein Heidengeld. Und auf einen Trabant muss man sechzehn Jahre warten, wenn man keine Beziehungen hat. Einen Gebrauchten kann man sich erst recht nicht leisten, die werden immer teurer auf dem Schwarzmarkt. Die können sie doch nicht einfach hier stehenlassen, das sind doch Werte!“
„Werte, na du hast Nerven! So manch einer hat sein Leben gelassen, weil er noch schnell sein Hab und Gut vor dem großen Brand retten wollte. Da könnte ich dir Geschichten erzählen. ... Nun, vielleicht ein andermal, mein Lieber, wir werden uns gleich verabschieden. Pass auf, von jetzt an sagst du kein Wort mehr. Nicht nur die Miliz durchkämmt regelmäßig die Straßen, am gefährlichsten sind die in Zivil. Du weißt schon, wen ich meine. Siehst du die Mauer dort vorn? Gleich bist du drin.“
Hans biegt in eine Seitengasse ein. Es ist absolut still, sie begegnen keiner Menschenseele. Gerhards Herz klopft so laut, dass er sein Blut in den Ohren rauschen hört.
Schließlich bleibt Hans vor einem Tor stehen. Hinter einem kunstvoll geschmiedeten Gitter stehen kleine Apfelbäumchen, an denen rotbackige, reife Früchte leuchten. Es duftet nach Jasmin. Morgentau glitzert im Gras und man hört den Gesang einer Amsel.
„Das ist schön“, murmelt Gerhard, „ein richtiges kleines Paradies.“
Hans öffnet den linken Flügel des Tores und bittet ihn mit einladender Geste herein.
„Trau dich! Worauf wartest du noch? Ein Paradies ist es nicht, da muss ich dich enttäuschen. Aber es ist ja nur eine Durchgangsstation.“
Er zieht einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schließt hinter ihnen ab. Sie gehen einen schmalen Kiesweg entlang, der an einer Mauer endet. Seine Hand gleitet über einen bronzenen Türklopfer. Er stellt einen grimmigen Löwenkopf dar, aus dessen Maul ein Ring baumelt. Nun erst sieht Gerhard, dass sie vor einer kleinen Pforte stehen, die man im Gemäuer kaum wahrnimmt. Sie verschwindet fast ganz hinter Efeu. Verblüfft schaut er zu, wie Hans einen Schraubendreher aus seiner Tasche holt und den Löwenkopf abmontiert.
Eine Sprechanlage kommt zum Vorschein und Hans drückt auf einen Knopf. Seltsame Geräusche dringen an Gerhards Ohr und er ist sich nicht sicher, ob er ein Flugzeug hört oder einen Insektenschwarm.
„Hörst du sie? Es werden jeden Tag mehr, sie haben schon Zelte im Hof aufgebaut.“
Gerhard nickt stumm. Alles erscheint ihm nicht real, nicht zu ihm gehörig. Ihm ist, als würde er einen Film sehen.
Ein Mann steht plötzlich vor ihnen und redet mit Hans. Er spricht von chaotischen Zuständen und sagt, dass er nur noch damit beschäftigt wäre, die Schäden zu begrenzen.
Gerhard erwidert seinen Willkommensgruß mit einem schüchternen „Guten Tag“, mehr fällt ihm nicht ein.
Hans verabschiedet sich von ihm.
„Wenn du mal in Wien bist. ... Kann ja sein, Junge, jetzt wo du in die große weite Welt kommst. ... Dann miete dir einen Fiaker und denk an den Alten in Prag!“
„Ich vergesse Ihnen das nie“, flüstert Gerhard, „was Sie für mich getan haben, werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Vielen tausend Dank noch mal!“
Hans umarmt ihn. „Ist ja gut“, sagt er, „nicht übertreiben. Los, geh endlich rein.“
Sein Blick wird dunkel und bevor er sich abwendet, murmelt er etwas. Gerhard versteht es nicht, doch es klingt, als würde Hans Rosenbaum ihm einen Segen mit auf den Weg geben.
Er sitzt auf einer Bank im Flur des Seitenflügels und wundert sich, wie erstaunlich ruhig es hier drinnen ist. Draußen auf der Wiese tobt das Leben und soeben stieg er eine Treppe hinauf, auf der die Leute dicht an dicht hockten und Suppe aus Plastikschalen löffelten. Warten soll er hier, hat man ihm gesagt. Gleich käme jemand, um ihn einzuweisen. Er schaut aus dem Fenster, sein Blick schweift über die Dächer der Zelte. Kinder spielen zwischen ihnen Verstecken und Frauen hängen Wäsche auf. Ein Toilettenhaus sieht er, davor stehen sie in langer Schlange an und ihre Füße versinken knöcheltief im schlammigen Boden. Vom gepflegten Rasen ist nichts mehr übriggeblieben.
„So ist das“, sagt plötzlich eine Frauenstimme hinter ihm, „nun stehen sie nicht mehr nach Bananen an, sondern um ihre Notdurft zu verrichten. Wie nennt man so etwas? Vielleicht Ironie des Schicksals. Und Sie? Worauf warten Sie?“
Er mustert sie überrascht, ihr Kommen hat er nicht bemerkt. Eine kleine zierliche Frau steht neben ihm am Fenster, ihr rotes Haar fällt wie eine Feuerlohe über ihre Schultern.
„Ich bin neu hier und warte auf meine Einweisung.“
Ihr Blick irritiert ihn. Ich lasse mich nicht auf ein Gespräch ein, denkt er. Bloß nicht so viel reden, sie sind überall, sicher auch hier.
„Na dann ... Dann warten Sie mal schön. Man sieht sich.“
Eine Stunde später hat er alles geklärt und läuft mit zwei Wolldecken im Arm über den Hof, um sein Zelt zu suchen. Vorn ist es laut, ein Kind schreit und Frauen kreischen. Jemand wuchtet gerade einen Kinderwagen über den Zaun. Er schaut schnell weg. Ich will das nicht sehen, denkt er, ich muss mich jetzt ausruhen, ich kann nicht mehr.
Obwohl es noch heller Nachmittag ist, legt er sich auf seine Pritsche. Er ist allein, alle sind am Zaun. Die Bilder seiner Flucht steigen in ihm auf. Wieder liegt er im nächtlichen Wald in einem alten Schützengraben und hört das knackende Geräusch von Holz, gefolgt von Tönen, die sich anhören wie menschliche Stimmen.
An Schlaf ist jetzt nicht zu denken. Er steht auf, zieht seine Schuhe an und während er am Eingang des Zeltes steht, erinnert er sich an die Zigaretten in seiner Tasche. Diesmal raucht er mit Genuss und er spürt die beruhigende Wirkung des Tabaks.
Die Stimme der rothaarigen Frau reißt ihn aus seinen Gedanken. Sie sitzt vor dem Zelt gegenüber auf einer Kiste, umringt von einer Schar Kinder und erzählt ihnen etwas. Vorsichtig geht er ein paar Schritte näher, um sie zu verstehen, dabei achtet er darauf, nicht von ihr gesehen zu werden. Ihre Stimme klingt warm und melodisch. Sie erzählt mit guter Betonung, nicht ohne eine gewisse Theatralik und er denkt, vielleicht ist sie Schauspielerin. Viele Künstler verlassen jetzt das Land. Es soll Auftrittsverbote geben, wenn sie sich nicht regimetreu verhalten. Er erinnert sich an ein Fernsehinterview im ZDF mit einer in den Westen geflüchteten DDR-Schauspielerin.
Ein kleines Mädchen klatscht in die Hände, die anderen Kinder machen es ihr nach. Den Sinn ihrer Worte hat er nicht verstanden, er lauschte dem Klang ihrer schönen Stimme und sah auf ihre Hände, deren anmutige Gesten ihre Erzählung begleiteten.
„Und nun das Märchen vom Feuervogel! Erzähl doch noch mal vom Feuervogel, bitte!“
Wieder klatscht das kleine Mädchen in die Hände. „Bitte, bitte, das ist so schön.“
„Aber das habe ich doch heute schon erzählt, wollt ihr nicht lieber etwas anderes hören?“
„Es ist aber so schön! Du brauchst ja nur den Schluss zu erzählen, der ist am allerschönsten!“
„Na gut, noch mal den Schluss:
Endlich fand Marlene mitten im tiefsten Wald ihren geliebten Feuervogel. Wie schmerzlich hatte sie ihn vermisst und wie groß war ihre Freude! Doch was war mit ihm geschehen? Ihr fröhlicher Feuervogel, der sonst den lieben, langen Tag die wundervollsten Melodien zwitscherte, steckte müde den Kopf in sein Gefieder und nicht ein einziger Laut drang aus seinem Schnabel. Marlene nahm ihn auf den Arm und streichelte behutsam sein buntes Federkleid.
Mein herzallerliebster Feuervogel, so sprach sie zu ihm, endlich habe ich dich gefunden. Überall habe ich nach dir gesucht. Warum hast du mir das angetan, warum hast du mich verlassen? Ein ganzes, langes Jahr warst du fort und ich war krank vor Sorge um dich.
Es tut mir leid, sagte der Feuervogel, ich weiß, wie sehr du mich liebst und ich liebe dich auch so sehr, von hier bis zum Mond liebe ich dich! Aber die Sehnsucht trieb mich hinaus in die Welt. Alles erschien mir so eng, auch wenn ich in deinem Palast meine Körnchen von goldenen Tellern picken konnte. Fliegen wollte ich, nicht nur einmal kreuz und quer durch die Orangerie zur Belustigung der Diener, sondern fliegen bis zum Horizont und über das blaue Meer bis zum Morgenland. Freiheit wollte ich schmecken, ich konnte nicht anders.
Erzähl mir doch, mein Feuervogel, sagte Marlene, warst du wirklich im Morgenland? Und ist es wahr, dass dort jeden Tag die Sonne scheint und die Bäume sich unter der Last der köstlichsten Früchte biegen, so dass sie den Leuten von allein in den Mund fallen?
Oh ja, antwortete der schöne Vogel und Marlene hörte einen tiefen Seufzer, der aus seiner Brust kam. Auch sah sie unter dem Gefieder sein kleines Herz unruhig pochen, ganz als würde dort ein Vogelkind sitzen. Es ist sehr schön dort, Marlene, sagte er. Und wenn ich hierbleiben darf, wenn du mich nun noch haben willst, obwohl ich dir so untreu war, werde ich dir alles ganz genau berichten.
Ach du dummer Vogel, sagte die Prinzessin. ... Zwei Tränen rannen dabei über ihre Wangen und sie sahen aus wie Perlen, so fein schimmerten sie in der Sonne. Nun ja, es waren die Tränen einer Prinzessin. ... Natürlich darfst du wieder in den Palast, denn ohne dich langweile ich mich furchtbar und es ist mir ganz bange ums Herz. Oder willst du lieber wieder ins Morgenland, wenn es dort doch so schön ist? Dann musst du mich aber diesmal mitnehmen.
Nein, meine liebe Marlene, antwortete ihr der Feuervogel, ich will am liebsten bei dir bleiben! Wie habe ich mich gesehnt nach der Heimat! Wunderschön ist es in der südlichen Fremde, und es gibt dort keinen eisigen, kalten Winter, der uns armen Vögeln zu schaffen macht. Doch glaube mir, das Brot der Fremde schmeckt bitter, besonders wenn man allein ist. Was nützt mir alle Freiheit dieser Welt, wenn ich nicht mehr sehe, wie hinter dem Schlossturm die Sonne untergeht und meine Prinzessin Marlene im Schein des Abendrots am Fenster steht und ihr goldenes Haar bürstet. Was soll ich mit der Freiheit anfangen, wenn ich sie nicht mit dir teilen kann?
Oh, antwortete die Prinzessin, das hast du aber schön gesagt. Sie beugte sich zu ihm hinab und küsste ihn mitten auf seinen kleinen Schnabel. Da schüttelte das Vögelchen sein leuchtendes Gefieder und auf einmal, hast du nicht gesehen, stand ein stattlicher, junger Mann vor Marlene.
Wie groß war nun die Freude im Schloss und sie hörten, dass er ein verzauberter Prinz gewesen war, den nur die Liebe einer Prinzessin erlösen konnte. Als er sie verließ, behielt Marlene die Liebe zum kleinen Vöglein in ihrem Herzen und vergaß ihn nie. Dadurch aber konnte der böse Zauber gebannt werden, der den jungen Königssohn in einen Feuervogel verwandelt hatte und bald hielten sie fröhliche Hochzeit.
Ihre Hochzeitsreise führte sie mit einem Schiff in das Morgenland, damit auch Marlene all die Herrlichkeiten dort sehen konnte. Aber danach, liebe Kinder, da blieben sie in ihrem Schloss, bis an ihr Lebensende, denn in der Heimat ist es am schönsten.“
Die Kinder sind mäuschenstill und man sieht ihnen an, dass sie noch immer im Wald bei der Prinzessin Marlene und ihrem Feuervogel sind. Auch die Erzählerin schweigt nun und malt mit ihren Schuhen Kreise in den schlammigen Boden.
Ein Kind, denkt Gerhard, sie ist selbst wie ein Kind, so zerbrechlich sieht sie aus, so verletzlich.
Ein kleiner Junge fragt die rothaarige Kindfrau, was Heimat ist. Ihre Hände greifen nach den Händen des Kindes und sie sucht seinen Blick.
„Schau mich an“, sagt sie, „magst du mich ein bisschen leiden?“
Der kleine Junge nickt heftig, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Sehr!“
„Und ich mag dich auch sehr. Siehst du, so ist das mit der Heimat. Wo man dich mag und du dich sicher und geborgen fühlst, wo es dir gut geht, da ist deine Heimat.“
„Aber Mama sagt, die Heimat ist da, wo die Wiege stand und nirgends anders.“
„Ich kann deine Mama gut verstehen. Sie ist müde. ... Hab ein bisschen Geduld, wenn all das hier zu Ende ist und ihr ausreisen könnt, was denkst du, wie sie sich freuen wird. Ihr werdet eine neue, gute Heimat finden.
„Und das Brot? Ich meine das Brot in der Fremde, es schmeckt bitter. Das hast du doch gesagt, oder?“
„Das mag wohl sein, wenn man ganz allein in die Fremde geht, so wie der Feuervogel in meiner Geschichte. Dann hat man es in der ersten Zeit sicher nicht leicht. Aber du bist doch nicht allein hier, nicht wahr?“
„Ein bisschen schon. Meine Oma ist nicht hier. Sie wollte nicht mit.“
Wortlos nimmt sie den Kleinen in den Arm. Gerhard aber dreht sich um und geht. Das ist mehr, als er ertragen kann. Das rührselige Märchen, die Tränen des kleinen Jungen, der seine Oma vermisst und die rothaarige Frau, die nun neben ihm im Schlamm kniet und etwas in sein Ohr flüstert.
Tränen rinnen über sein Gesicht. Es ist ihm gleich, ob jemand sieht, dass er weint. Er spürt eine große Erleichterung, seine Tränen spülen fort, was in den letzten Tagen wie ein Stein auf seinem Herzen lag. In der Jacke des fremden, jungen Mannes findet er ein Taschentuch, es riecht tröstlich nach Lavendel und erinnert ihn an Frau Seewaldt.
„Ist es so schlimm?“
Die rothaarige Frau steht plötzlich an seiner Seite und legt ihre Hand auf seinen Arm.
„Ach, es ist nichts. Ich glaube, ich habe wohl eine kleine Bindehautentzündung, ich muss irgendwo im Durchzug gestanden haben.“
„Ich verstehe. Männer dürfen nicht weinen. Lassen Sie es ruhig raus, es erleichtert. Ich kenne das. Als ich vor drei Wochen hier ankam, da habe ich geheult wie ein Schlosshund.“
„Vor drei Wochen? Solange kampieren Sie schon hier? Wie haben Sie das ausgehalten, die vielen Menschen, der Lärm und der ganze Dreck!“
„Zu Anfang war es nicht so schlimm. Aber nun werden es immer mehr. Doch es dauert nicht mehr lange, dann lassen sie die Ersten ausreisen. Hast du von den Montagsdemonstrationen gehört? Die Menschen gehen auf die Straße, jeden Montag, überall, nicht nur in Leipzig, Dresden und Berlin, auch in den kleinen Städten.“
Gerhard zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Eigentlich interessiere ich mich nicht sehr für Politik.“
„Aber warum bist du dann hier? Lass mich raten, sicher willst du drüben ein schickes Auto fahren oder Urlaub machen Gott weiß wo!“
„Nein, es ist eine Familienangelegenheit. Ehrlich gesagt möchte ich nicht darüber reden.“
„In Ordnung. Wenn das so ist ... Na dann, bis ein andermal.“
Er sieht, wie sie langsam über den Hof schlendert. Sie bleibt stehen und redet lebhaft mit einer jungen Frau und er denkt, ich kann gar nicht vorsichtig genug sein. Er weiß nicht, warum er den vagen Verdacht hat, die Staatssicherheit hätte sie hier eingeschleust, es ist ein Bauchgefühl, mehr nicht.
„Na, alles in Ordnung? Du bist neu hier, nicht wahr?“
Ein junger Mann steht vor ihm. Er hat einen alten Parka an, der dem seinigen, den er nicht mehr trägt, sehr ähnelt.
„Ganz neu“, antwortet er und verspürt nicht die geringste Lust, sich jetzt auf ein weiteres Gespräch einzulassen.
„Ich will ja nicht aufdringlich sein“, sagt der junge Mann und schaut ihn ernst an. „Kennst du die Rothaarige, mit der du eben geredet hast?“
„Nicht wirklich. Eigentlich gar nicht. Ich habe zugehört, als sie den Kindern ein Märchen erzählte.“
„Märchen, das ist gut! Pass auf, es gibt hier Einige, die reden zu viel. Und mit der Wahrheit nehmen sie es auch nicht so genau. Vor denen sollte man sich in Acht nehmen. Entschuldige, wenn ich dich voll labere, aber du bist mir sympathisch, Kumpel.“
„Danke, nett von dir. ... Meinst du wirklich, sie ist von der Firma?
„Möglich ist alles. Was hat sie dir denn so erzählt?“
„Ach, nichts Besonderes.“
„Angeblich soll sie Lehrerin gewesen sein, irgendwo in Thüringen. Sie erzählt hier überall, dass sie Berufsverbot hat. Glaubst du so was? Das ist doch Käse! Seit wann gibt es denn in der DDR Berufsverbot!“
„Keine Ahnung. Ich bin Schlosser, Handwerker braucht man immer.“
„Lehrer auch. Auf jeden Fall ist sie nicht ganz koscher, das sag ich dir.“
„Wenn du meinst. Ich lass mich sowieso mit niemand ein, ist nicht meine Art. Tschüs denn und vielen Dank!“
Früh ist es dunkel geworden an diesem Herbstabend und dicht gedrängt stehen sie vor dem Balkon. Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Väter, es wird gelacht und gelärmt. Ein Ruf pflanzt sich fort über die Köpfe, immer lauter wird er, schwillt an zum vielstimmigen Chor, kraftvoll und fordernd schallt er über den Hof.
„Rauskommen, rauskommen, rauskommen!“
Doch dann ist es still. Es ist eine magische Sekunde, in der ein jeder die Energie des anderen spürt und sie mit der eigenen verbindet, um sie in Kraft umzuwandeln.
Wie sie vor dem Balkon stehen und den Mann anschauen, der jetzt dort oben im Licht erscheint wie ein Messias. ... Sie ahnen bereits, dass endlich der Moment gekommen ist, der ihrem Warten ein Ende setzt.
„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...“
Der augenblicklich folgende Lärm schluckt jedes weitere Wort. Gerhard aber findet sich in den Armen eines Fremden wieder, der sich mit ihm jubelnd im Kreise dreht.
Es wird geweint und gelacht und er denkt, wenn es wirklich wahr ist und wir alle ausreisen dürfen, dann hat dieser Mann auf dem Balkon mit seiner Verkündigung etwas Großes erreicht. Nie zuvor rüttelte jemand so vehement an den Grundfesten der DDR.




