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„Das ist das Ende!“, ruft jemand. „Diesen Staat wird es bald nicht mehr geben, weil er keine Bürger mehr hat! Ein Staat ohne Bürger, ha! Wie gönne ich es ihnen!“
Am nächsten Tag diskutieren sie über die Dinge, die da kommen sollen. Gerüchte machen die Runde. Sie werden alle mit dem Zug ausreisen, sagt man und die Fahrt wird über Dresden gehen. Er hört es und beschließt, dass er ganz sicher nicht in einen Zug steigen wird, der durch das Hoheitsgebiet der DDR fährt.
„Überlege es dir gut“, sagt der junge Mann im Parka zu ihm, „vielleicht ist es unsere einzige Chance, keiner weiß, was kommt. Vielleicht marschieren schon morgen die Russen ein, so wie damals. Genau hier in Prag, du weißt schon, 1968.“
„Quatsch“, mischt sich ein Dritter ein, „die Zeiten sind vorbei, da macht Gorbatschow nicht mit!“
Die Diskussionen gehen hin und her, stundenlang werden allerlei Möglichkeiten in Betracht gezogen.
„Und wenn sie nun den Zug stoppen“, meint eine Frau. „Stellt euch vor, sie holen uns da raus, dann sind wir auf ihrem Territorium und so gut wie vogelfrei! Die dürfen das, noch sind wir ja DDR-Bürger!“
„Ach, das ist doch lachhaft“, ereifert sich der junge Mann im Parka, „das können sie sich gar nicht mehr leisten, die ganze Welt schaut ihnen jetzt auf die Finger. Wer nicht will, kann auch über Österreich raus, das habe ich heute Morgen gehört. Raus kommt auf alle Fälle jeder, es ist nur eine Frage der Zeit.“
„Na klasse, also Weihnachten will ich hier nicht feiern.“
„Geh doch Heiligabend zurück, das merkt doch keiner mehr, jetzt geht doch sowieso alles drunter und drüber. Dann kannst du in deinem geliebten Saalfeld Weihnachten feiern und nach Mitternacht, wenn alle schlafen, fährst du wieder retour.“
„Mann, du bist dumm wie ein Konsumbrot!“
„Danke gleichfalls.“
Die größte Mühe gibt er sich, diesen fruchtlosen Diskussionen den Rücken zu kehren, doch das ist nicht leicht. Allein die räumliche Enge sorgt dafür, dass man alles hört und sieht, was in der Botschaft geschieht. So gut es geht, vermeidet er Kontakte und verliert auch nie die Beherrschung, wie es bei einigen Flüchtlingen in diesen Tagen durchaus vorkommt.
Jetzt, nachdem das Schlimmste ausgestanden ist, liegen die Nerven blank und es wird nicht nur über die bevorstehende Ausreise diskutiert, es gibt auch oft genug Streit um banale Nichtigkeiten.
Die rothaarige Frau sitzt eines Morgens im ersten Bus, der das Tor passieren soll und als er ihr blasses, müdes Gesicht sieht, bereut er seinen Verdacht. Sie winkt ihm zu und lächelt. Er sieht, wie hübsch sie ist, hübscher als alle jungen Frauen, die er auf diesem Hof gesehen hat und er winkt zurück. Dann wendet er sich ab, geht in sein Zelt und seine Gedanken weilen bei Susanne.
Wie sie wohl jetzt aussehen wird, denkt er und vergisst dabei, dass sie sich erst vor zwei Monaten das letzte Mal gesehen haben. Es scheint ihm eine Ewigkeit her zu sein und jeder Tag hier in der Botschaft dehnt sich endlos. Er versucht, sich ihr Gesicht in Erinnerung zu rufen, aber es gelingt ihm nur schemenhaft. Es fehlt etwas, es fehlt das ganz Persönliche, das Unverwechselbare. Er kann es nicht mehr in seinem Gedächtnis finden und eine gewisse Schwermut breitet sich in ihm aus.
Als er die Nachricht erhält, dass er schon am nächsten Tag über Österreich ausreisen kann, geht es ihm so wie es all denen erging, die mit dem Zug über Dresden längst ausgereist sind. Die Schwermut weicht einer Hyperaktivität. Unruhig wandert er umher, kramt sinnlos in seinem Rucksack, als gäbe es etwas zu packen. Doch außer seinem alten Parka hat er nichts dabei. Seufzend hält er inne und setzt sich auf seine Pritsche.
„Ich habe nichts mehr“, murmelt er, „wie ein Bettler komme ich da rüber. Und mein Geld ist dort nichts wert.“
Vielleicht will Susanne ihn gar nicht mehr, wenn er dort aufkreuzt. Sie ist sehr hübsch, die Männer werden nach ihr schauen. Vielleicht kommt einer, der ihr was bieten kann, einer, der schon immer da drüben war. Wie nannte es gestern die Frau aus dem Zelt nebenan. ... Einer, der auf der richtigen Seite der Elbe geboren wurde. ...
In der letzten Nacht schläft er nicht. Sein Leben zieht wie ein Film an ihm vorbei. Szenen steigen in ihm auf, an die er sich längst nicht mehr erinnern konnte, Tage, die er lieber aus seinem Gedächtnis löschen würde und Erinnerungen, die seine Seele streicheln wie ein sanfter Sommerwind. Gerhard Erdmann zieht Bilanz und ihm wird klar, es war gut, dieses Leben, trotz aller Widrigkeiten. Er hat es richtig gemacht, auch wenn sie ihm immer einreden wollten, er wäre ein Außenseiter der Gesellschaft. Jemand, der nicht aktiv ist, wie sie es nannten, den sie nur so am Rande duldeten und der ihnen suspekt war. Der ihnen nicht nach dem Munde redete, nicht ihre Einheitskleidung trug und kein Parteiabzeichen an der Jacke hatte. Jemand, der amerikanische Schriftsteller las und die falschen Musiksender im Radio hörte.
Er geht hinaus auf den Hof. Noch ist es dunkel, nur ein fahler Streifen am östlichen Horizont lässt den neuen Tag erahnen. Es ist der Tag Null, der Tag, an dem er in die andere Welt fährt. Es nieselt leicht und am bewölkten Himmel zeigt sich kein einziger Stern. Gerhard schaut auf das Botschaftsgebäude, in der ersten Etage sieht er Licht hinter einem Fenster, das einzige Licht an diesem frühen Morgen.
Ein Mann kommt heraus und geht direkt auf ihn zu.
„Sie können wohl auch nicht schlafen.“
„Ich bin etwas aufgeregt, weil ich heute hier rauskomme. So ein bisschen neben der Spur, wissen Sie. Ich weiß nicht so recht, was da drüben auf mich zukommt.“
„Das kann ich gut verstehen.“
Sicher ist er ein Botschaftsmitarbeiter, denkt Gerhard. Er sieht so ordentlich aus. Der frisch rasierte Mann trägt einen gepflegten Anzug und ein hellblaues Oberhemd mit passender, dunkelblauer Krawatte.
„Meine Verlobte ist schon drüben“, sagt er leise.
Nun verspürt er den heftigen Drang, zu reden. So viele Gedanken und Gefühle bewegen ihn an diesem Morgen. Alles staute sich auf in den letzten Tagen. Es waren schweigsame Tage, er ging den Leuten aus dem Weg. Dieses Schweigen hatte er sich selbst auferlegt, um bloß nichts falsch zu machen.
„Was wissen Sie über die BRD?“
Der Mann schaut ihn an, sein Blick ist freundlich. Dennoch erscheint es ihm so, als würde von seiner Antwort abhängen, ob man ihn nun wirklich und wahrhaftig heute in den Westen reisen lässt.
„Ich war ja noch nie dort“, antwortet er hastig, „ich kenne dieses Land nur aus dem Fernsehen. Ich weiß, es ist eine Demokratie. Es gibt mehrere Parteien und der Bürger kann frei wählen, wer regieren soll. Es gibt Meinungs- und Pressefreiheit, Reisefreiheit und das Recht, zu demonstrieren und zu streiken. Und dann gibt es ein sogenanntes Grundgesetz und eine Verfassung. Die Inhalte sind mir aber noch nicht bekannt. Ich denke, dieses Land ist ein freies Land. Damit meine ich, jeder kann dort nach seiner Fasson leben ... Solange er den Anderen keinen Schaden zufügt. Ich meine damit, die Freiheit der Anderen darf man nicht beeinträchtigen. Das mit der Freiheit ist sicher nicht so einfach.“
„Da haben Sie recht. Sie sind ja gut informiert. Und wenn ich Sie so höre, glaube ich, Sie halten die Freiheit für ein begehrenswertes Gut.“
„Wenn man in einem Land lebt, in dem es keine Freiheit gibt, da muss man sich ganz schön abstrampeln, um sich ein paar kleine Freiheiten zu erkämpfen. Das kann auch nach hinten losgehen und auf einmal sitzt man hinter Gittern. Deshalb ist mir die Freiheit so wichtig.“
„Ich verstehe Sie sehr gut. Versprechen Sie mir etwas! Wenn sie drüben sind, erzählen sie den Leuten vom begehrenswerten Gut Freiheit. Sagen Sie ihnen, wie es sich angefühlt hat, hinter der Mauer zu leben. Leider weiß man oft den Wert der Freiheit nicht zu schätzen. Und so mancher nimmt sich seine persönliche Freiheit und missachtet dabei die Freiheit seines Nächsten.
Sie haben das gut gesagt, junger Mann. Ihr DDR-Bürger habt in einer Diktatur gelebt und es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder musste man sich bedingungslos anpassen oder man dachte und handelte selbstständig im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten. Das war eine gute Schule des Lebens. Ich weiß, wovon ich spreche, meine Eltern stammen aus Dresden. ... Was sind Sie von Beruf, wenn ich fragen darf?“
„Ich bin Schlosser. Speziell für Landmaschinen.“
„Sehen Sie, auch das meine ich. ... Sie sind ein Mann aus der Mitte des Volkes. Ganz unter uns, fragen sie mal einen Schlosser in der BRD, was ihm Freiheit bedeutet und was sie ihm wert ist, er wird nur müde mit den Achseln zucken. Was selbstverständlich ist, das schätzt man oft nicht mehr sonderlich. ... Aber Sie, bleiben sie so wach, wie sie sind! Herzlich willkommen in der Bundesrepublik Deutschland.“
„Vielen Dank! Ich habe da noch eine Frage, ich würde gern jemand anrufen, bevor es heute losgeht. Eine Familie in Dresden. Geht das?“
„Selbstverständlich, kommen Sie morgen früh in mein Büro. Zimmer 5, im ersten Stock.“
„Das ist doch dort, wo die ganze Nacht das Licht brennt, nicht wahr?“
„Ja. Da, wo gewissermaßen das ewige Lämpchen glüht! Versuchen Sie noch ein bisschen zu schlafen. Oder wollen sie lieber mit mir einen Kaffee trinken? Ich habe gerade frischen gemacht.“
„Wenn ich Sie nicht störe, gern. Schlafen kann ich jetzt nicht mehr.“
„Na, dann kommen Sie! Da können wir uns noch ein bisschen unterhalten. Ich schreibe nämlich gerade einen Artikel über den Wert der Freiheit im heutigen Deutschland.“
Hastig wählt er die Nummer, presst den Hörer an sein Ohr und während er dem Rufzeichen lauscht, schaut er hinauf zur Zimmerdecke. Ein großer Kronleuchter verleiht dem ansonsten nüchternen Büro etwas Nobles.
Und dann hört er Frau Seewaldts Stimme. Sehr weit entfernt scheint sie zu sein, es rauscht und knackt in der Leitung. Noch einmal verabschiedet er sich, bedankt sich für alles, was sie für ihn getan haben und er hört, wie sehr sie sich freut, dass er nun ausreisen kann. Versprechen muss er ihr, dass er sich meldet, wenn er drüben ist. Und er soll sich keine Sorgen machen, sagt sie, auch seine Mutter weiß nun Bescheid. Sicher würde ihn das wundern, doch sie hätte Kontakt zu ihr. Aber nun soll er zusehen, dass er nach Freiburg kommt, zu seiner Susanne. Und wenn er sich aus Freiburg meldet, wird sie ihm alles erklären.
Es klickt in der Leitung, Frau Seewaldt hat aufgelegt und Gerhard starrt auf den stummen Telefonhörer. Er kann sich nicht daran erinnern, Frau Seewaldt die Adresse seiner Mutter gegeben zu haben und auch von Susanne sprach er nicht. Woher kennen sie sich?
Langsam legt er den Hörer zurück. Verwandtschaft, dieses Wort ist plötzlich da, huscht durch sein Hirn und er erinnert sich an einen Tag seiner Kindheit. …
Jemand öffnet die Tür zum Büro. Er hört den Lärm im Hof und schaut auf die Uhr.
Drei Busse stehen draußen fahrbereit und nun klopft ihm sein Herz bis zum Hals und seine Gedanken überschlagen sich. Er weiß jetzt, wer die Seewaldts sind, er ist sich ganz sicher.
„Das ist der Wahnsinn“, murmelt er, „der blanke Wahnsinn.“
„Genau“, meint der Mann neben ihm, „ein einziger Wahnsinn ist das!“
„Stell dir vor, ich habe gerade meinen Onkel und meine Tante wiedergefunden. Wir hatten keinen Kontakt mehr, seit ich ein kleiner Junge war. Sie hatten sich mit meinem Vater zerstritten, der kann so ein richtiger Stoffel sein.“
„Sind die auch hier?“
„Nein, sie wohnen in Dresden.“
„Das versteh ich nicht.“
Gerhard lässt sich grinsend in den Sitz fallen.
„Musst du auch nicht. Das ist nämlich ganz schön kompliziert, ich kann es selbst noch nicht fassen.“
Die durchwachte Nacht fordert ihren Tribut. Er schläft ein und erwacht erst, als der Bus hält.
„Mensch“, sagt sein Nachbar zu ihm, „du bist mir ja ein Kunde, du hast alles verpennt. Wir sind schon längst drüben!“
Er schaut aus dem Fenster und sieht einen hässlichen Betonbau, der ihn fatal an die Schwedter Plattenbauten erinnert. Jedoch die bunte Leuchtreklame über dem Eingang gibt ihm Aufschluss darüber, dass der Bus vor einer westdeutschen Raststätte hält. Es ist Mittagszeit und man rüstet sich zum Aussteigen. Wie er von seinem Nachbarn erfährt, ist eine kleine Pause angesagt, eine Toilettenpause, danach soll es Kaffee geben. Verpflegungsbeutel werden auch gleich ausgeteilt, aber die heißen ja hier Lunchpakete, meint er und vielleicht wäre es besser, wenn man Englisch lernen würde, ständig diese englischen Worte. ... Er redet ohne Punkt und Komma.
Als das Gedränge an der Tür aufhört, verlässt auch er den Bus. Er beschließt, sich von nun an allein durchzuschlagen, vielleicht hat er Glück und kommt als Anhalter weiter. Auf keinen Fall wird er mit den anderen in ein Lager gehen. Er kann sie alle nicht mehr sehen, die Frau aus Sachsen, die ihm mit ihrem furchtbaren Dialekt auf die Nerven geht, den dicken Mann, der sich überall vordrängelt und auch nicht die ewig quengelnden Kinder.
„Ich muss hier weg, sonst platze ich“, sagt er zu seinem redseligen Nachbarn, der nicht von seiner Seite weicht, während sie den Parkplatz überqueren.
„Weg? Wie meinst du das?“ Verständnislos schaut er ihn an.
„Hör zu. Ich fahr jetzt allein weiter, jemand wird mich schon mitnehmen, ich bin schon öfter getrampt.“
„Aber wir müssen doch ins Aufnahmelager! Du kannst doch nicht einfach machen, was du willst!“
Gerhard schaut ihn an und er sieht, was er in Schwedt jeden Tag sah. Da steht jemand vor ihm, der stets darauf wartet, dass andere ihm sagen, wo es langgeht.
„Pass auf, wenn alle wieder im Bus sind, dann sagst du dem Obermacker da vorn, dass ich mich abgesetzt habe. Ich muss nicht in ein Lager, meine Verlobte wartet auf mich in Freiburg. Susanne Riedel, Hartkirchener Straße 8, das ist ihre Adresse. Wenn irgendetwas ist, dann können sie mich dort erreichen. Kannst du dir das merken?“
Der Mann zieht ein Notizbuch aus der Tasche und schreibt sich die Adresse auf. Er tut es langsam und bedächtig. Gerhard schaut hinüber zum Bus, die Ersten haben bereits wieder ihre Plätze eingenommen. Hastig verabschiedet er sich.
„Erdmann, Gerhard“, murmelt der junge Mann vorn im Bus, „ja, der fehlt. Alle anderen sind da.“ Wieder schaut er auf seine Liste. „Es tut mir leid, aber unter diesen Umständen können wir nicht weiter. Schließlich trage ich hier die Verantwortung.“
„Aber Sie haben es doch eben gehört, er ist weg! Er will zu seiner Verlobten nach Freiburg. Ich denke, wir sind hier in einem freien Land. Oder sind wir etwa vom Regen in die Traufe gekommen?“
Es fällt das Wort „Stasi-Methoden“. Der Mann mit der Liste versucht vergebens, die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Erst nach einem schrillen Pfiff wird es still im Bus. Alle schauen auf den, der so ohrenbetäubend gepfiffen hat, es ist der Busfahrer. Der große kräftige Mann hat sich schwerfällig aus seinem Sitz erhoben.
„Augen rechts“, brüllt er. „Da ist er.“
Was sie draußen sehen, veranlasst den Mann mit der Liste, aus voller Brust zu seufzen.
„Okay“, sagt er zum Busfahrer, „du kannst fahren. Soll er doch sehen, wie er klarkommt.“
Gerhard ist soeben in einen grünen Kleinlaster eingestiegen. Eine schwungvolle Aufschrift verrät, dass es sich um das Auto eines Winzers handelt. Sie sehen, wie er seinen Arm winkend aus dem offenen Fenster hält und alle winken sie zurück. Es ist ein Moment, der den Frauen das Wasser in die Augen treibt und die Männer schlucken lässt. Da fährt einer von ihnen einfach so los in die Freiheit. Hier, in diesem fremden Land macht er sich allein auf den Weg in eine Zukunft, die er selbst gestalten wird.
„Bist du von drüben?“
„Merkt man das?“
„Man hört es am Dialekt. Kommst du aus Berlin?“
„Fast. Ich komme aus Schwedt an der Oder, das liegt hundert Kilometer nordöstlich von Berlin.“
„Ich bin geborener Berliner, habe hier eingeheiratet. Und du willst also nach Freiburg, zu deiner Verlobten.“
„Ja. Ich war in Prag, in der Botschaft. Bin gerade angekommen.“
„Hier sind schon viele von euch. Wenn das so weitergeht, haben die da drüben bald keine Leute mehr. Die meisten sind über Ungarn gekommen, bei mir in der Kelterei arbeiten zwei, die sind aus Sachsen. Und du? Was bist du denn von Beruf?“
„Ich bin Schlosser.“
„Ach, da könnte ich dir was besorgen. Mein Schwager hat eine Werkstatt, gleich hier nebenan in Waidlingen. Er braucht dringend jemand, er schafft es nicht mehr allein. Wir kommen direkt da vorbei. Wenn du Lust hast, können wir gleich zu ihm. Von da aus kannst du den Bus nach Freiburg nehmen, das Ticket schenk ich dir.“
„Danke. Ja gern, warum nicht. Klar brauche ich Arbeit, je eher, desto besser.“
„Das ist die richtige Einstellung. Eines kann ich dir nämlich sagen, hier fliegen dir keine gebratenen Tauben ins Maul! Als ich damals hierherkam, das war gar nicht so einfach. „Saupreuß“ haben sie mich genannt, obwohl ich hier eingeheiratet habe. Aber denen habe ich es gezeigt. ... Biss musst du schon haben und vor allem ein dickes Fell.“
„Haben sie hier einen Weinberg?“
„Einen?“ Der korpulente Mann grinst. „Schau dich um, das ist alles meins!“
Eine warme, goldene Herbstsonne leuchtet über dem Tal. Gerard schaut hinauf zu den Hängen, nie zuvor sah er Weinberge.
„Da oben“, sagt der Mann, „siehst du das Schild da? „Waidlinger Jungferntröpfchen“, der hat im vergangenen Jahr die goldene Kammerpreismünze bekommen. Komm doch mal vorbei zur Weinprobe und deine Braut bringst du natürlich mit. Ich gebe dir nachher meine Visitenkarte.“
Das Leben lässt sich hier ja ganz gut an, denkt er. Eine Einladung zur Weinprobe und mit der Arbeit klappt es bestimmt. Warum soll er nicht schaffen, was dieser Mann aus Berlin geschafft hat, er muss ja nicht gleich Weinbergsbesitzer werden.
Er schließt die Augen und sieht sich mit Susanne dort oben zwischen den Rebstöcken, dunkle Trauben leuchten verheißungsvoll im grünen Laub und sie trägt ein weißes Hochzeitskleid.
Lächelnd hebt sie ein Glas empor. Das Licht der Sonne glitzert im Wein, es funkelt und strahlt wie ihre Augen. ...
Ein kreischendes Geräusch dringt in sein Ohr. Er spürt den mächtigen Druck, der ihn nach vorn schleudert und bevor der Schmerz kommt und ihm das Bewusstsein raubt, sieht er das Feuer vor sich und hört den Schrei des Fahrers. Es wird dunkel. Gerhard Erdmann befindet sich in einem brennenden Autowrack auf einer Wiese unweit von Freiburg.
Neben ihm liegt der tote Weinbauer, der am Abend zuvor zu tief ins Glas geschaut hat.
Karl-Heinz Erdmann beschließt, einen kleinen Spaziergang zu machen. Wie es im Winter seine Gewohnheit ist, will er die Schwäne unten am Fluss füttern.
„Anneliese! Willst du nicht mit?“
Er steht schon fertig angezogen im Flur, in der Hand hält er den Beutel mit dem alten Brot.
„Wo bleibst du denn? Was ist? Kommst du nun mit, oder nicht?“
Anneliese setzt ein leidendes Gesicht auf.
„Geh allein“, sagt sie, „mir ist heute nicht gut, ich habe Migräne.“
„Das war mir ja gleich klar, dass du nicht mitwillst!“
„Sei doch nicht immer so patzig. Und binde deinen Schal um, es ist kalt draußen.“
Nun steht sie am Fenster, schiebt vorsichtig die Gardine beiseite und schaut ihm hinterher.
Er ist schon auf der anderen Straßenseite, gleich wird er in die Gasse einbiegen. Dann ist sie ihn los und kann zum Briefkasten gehen. Er geht nie zum Kasten, den einzigen Schlüssel hat sie. Hauptsache, er bekommt morgens sein „Neues Deutschland“, das legt sie ihn auf den Frühstückstisch. Die Post kommt erst am Mittag und interessiert ihn nicht sonderlich.
Vorsichtshalber wartet sie noch ein Weilchen, aber jetzt ist er bestimmt schon unten am Fluss. Kalt ist ihr, fröstelnd zieht sie ihre Strickjacke über der Brust zusammen.
„Du lebst“, flüstert sie, „da bin ich mir ganz sicher.“
Geträumt hat sie von Gerhard in der letzten Nacht. Ganz deutlich sah sie ihn, er stand vor ihr, direkt am Fußende ihres Bettes. Merkwürdig war ihr zumute und sie erschrak sehr. Sie schaute hinüber zu Karl-Heinz, der laut schnarchte und sich nicht stören ließ. Deutlich hörte sie seine Stimme. „Ich lebe, Mutter“, sagte er, „und alles andere wird sich finden.“
Dann war er fort. Seine Gestalt verschwand einfach im Dunkel.
„Mein Gott“, sagt sie laut, „das kann kein Traum gewesen sein, ich war doch wach!“
Sie lässt sich in den Sessel fallen und schaut auf ihre zitternden Hände. Parkinson, hat der Arzt gesagt, es könnte Parkinson sein, Frau Erdmann. Das müssen wir noch mal genauer untersuchen. ... Nein, es ist kein Parkinson, denkt sie, das ist mein Kummer. Er ist mein einziges Kind und ich habe ihn geboren, als andere Frauen in meinem Alter schon Großmutter waren.
Er lebt, ganz bestimmt lebt er. ... Sie denkt an den Tag, an dem die Männer von der Staatssicherheit vor der Tür standen. Ganz ruhig ist sie geblieben, obwohl ihr Herz so heftig klopfte. Als sie endlich wieder gegangen waren, da saß sie still im Sessel und eine zufriedene Genugtuung breitete sich in ihr aus.
Er war ihnen entwischt. Sicher war er schon längst in Freiburg und sein Brief noch nicht angekommen, weil jetzt alles drunter und drüber ging. Sie hatte es ja selbst gesehen, am letzten Montag. Da ging es Karl-Heinz nicht gut, er schlief auf der Couch ein und sie ging heimlich zum „Platz der Befreiung“. Sie sah die Transparente und die vielen Menschen, die er als „Abschaum“ bezeichnete. Soviel Abschaum kann es gar nicht geben in einer ordentlichen Stadt wie Schwedt, dachte sie. Die Welt steht Kopf, sie hat es selbst gesehen, wie soll denn da noch die Post funktionieren. ... Die Menschen liefen im langen Zug durch die Stadt, wie sonst nur am 1. Mai. Sie versammelten sich vor der Kirche und trugen brennende Kerzen und sie dachte, wenn so viele Menschen dort mitlaufen, dann kann es doch nicht falsch sein, was sie wollen.
Wie er gebrüllt hat, als sie zu Hause davon erzählte. Und dann fing er wieder an mit seiner ewigen Litanei. Von der Schande sprach er, die der eigene Sohn über sie gebracht hatte und wie er nun dastünde. Er steigerte sich hinein und drohte mit Selbstmord. Da platzte ihr der Geduldsfaden. Dann tu es doch, sagte sie. Wenn du deinen Sohn verstößt, der nie etwas Schlechtes getan hat und nur zu seinem Mädel will, dann geh doch und hänge dich auf, damit endlich Frieden ist.
Ein kleines, ironisches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie denkt an den Ausgang des Streits, als ihr die Pferde durchgingen und sie zu ihm sagte, im Flur hängt die Wäscheleine hinterm Vorhang, nun los. Allerdings weiß ich nicht, ob sie dein Gewicht hält.
Schrecklich wütend wurde er da, knallte die Tür und verschwand. Nein, denkt sie, ich muss mir nicht alles von ihm gefallen lassen. Das hat er mal gebraucht. Aber jetzt gehe ich schnell zum Briefkasten, ich habe so ein Gefühl.
Sie hat sich nicht geirrt, im Kasten liegt ein Brief von Eva. So sehr sie sich sonst über Evas Briefe freut, diesmal ist sie enttäuscht, hoffte sie doch auf eine Nachricht von Gerhard.
Als Karl-Heinz nach Hause kommt, riecht es in der Küche nach frisch gebackenen Kuchen. Schnuppernd steckt er seine Nase durch den Türspalt und schaut auf den Tisch. Ein leckerer Napfkuchen steht dort und Anneliese filtert gerade den Kaffee.
„Was ist denn los, Anneliese? Habe ich was verpasst? Gibt es einen Anlass?“
„Vielleicht“, antwortet sie trocken und vermeidet es, ihn anzuschauen, er soll ihr Glück nicht sehen. „Nun zieh schon deinen Mantel aus und komm Kaffee trinken.“
Er rumort im Flur, brabbelt Unverständliches und es hört sich sehr unfreundlich an.
Nein, beschließt sie, ich werde ihm nichts sagen, jetzt noch nicht. Was soll sie ihm auch erzählen? Wenn er erfährt, dass sie Kontakt mit Eva hat, dann fängt er bloß wieder an zu zanken. Sie weiß jetzt, dass Gerhard in der Prager Botschaft war und über Österreich ausgereist ist.
„Was grinst du denn die ganze Zeit so?“ Verunsichert schaut er sie an.
„Nun hör aber auf, du bist wirklich unausstehlich. Ich habe gute Laune, darf ich das nicht?“
„Doch“, lenkt er ein, „ist ja gut! Gib mir ein Stück Kuchen, der sieht ja richtig appetitlich aus!“
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