- -
- 100%
- +
»Na ja, wir dürfen ungestraft mit Blaulicht durch die Gegend fahren. Ist doch auch was«, erwiderte Frank lakonisch, um sich gleich darauf zu verabschieden.
»Ich hab die Adresse«, rief er Richard zu, der sich mit dem Spurensicherer unterhielt.
Er stieg die schmale Treppe zwischen den Weinreben hinunter, wo sich sein Kollege derweil mit dem Spurensicherer unterhielt.
»Hast du was rausgefunden?«
»Manfred hat mir die Adresse des Toten rausgesucht. Ich denke, wir fahren da gleich mal vorbei, bevor es die Angehörigen von jemand anders erfahren. In so einem kleinen Dorf verbreiten sich derartige Nachrichten schneller als mit DSL.«
In dieser Hinsicht kam er nicht umhin, Frank recht zu geben.
»Hast du den Jogger befragt?«, erkundigte er sich, weil er bemerkte, dass der Sportler sich gerade im Laufschritt vom Tatort entfernte.
»Ja, aber der konnte auch nicht viel beitragen. Ich habe mir seine Adresse notiert. Mehr ist momentan nicht drin.«
»Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit diskutiert?«, wollte Frank wissen.
»Ach, der Adelbert hat mir erklärt, wem welcher Weinberg hier in der Gegend gehört. Mit den Namen konnte ich freilich, außer von Gerd Bäuerle, nichts anfangen.«
»Aha«, gab der etwas lustlos zurück.
»Der Weinberg gegenüber gehört übrigens auch dem Gerd Bäuerle«, fuhr Richard fort, der zu merken schien, wie sich Franks Interesse dem Gefrierpunkt näherte. »Da frage ich mich schon, was er ausgerechnet hier gemacht hat. Noch dazu um diese Uhrzeit.«
»Ich kann’s dir nicht sagen«, antwortete Frank mit zuckenden Schultern. »Ein Spaziergang vielleicht?«
»So etwas glaubst du doch nicht wirklich«, meinte Richard. »Frühmorgens, bei den Temperaturen?«
Frank zweifelte diese Theorie selbst an. Aber ihm wurde trotz der warmen Kleidung langsam kalt, da war es schwierig, klare Gedanken zu fassen. Außerdem mussten sie schnellstmöglich die Angehörigen von Gerd Bäuerle informieren. Sie stiegen ins Auto, wo Frank Richard die Adresse des Toten gab.
Kurz bevor sie wieder auf die Straße, die hinunter nach Uhlbach führte, einbiegen wollten, kam ihnen ein roter Traktor entgegen, der eindeutig mit voller Absicht den Weg versperrte. Der Mann auf dem Gefährt gestikulierte wild mit seinen Händen und schien nicht gewillt, den Weg freizugeben.
»Fahr doch einfach nach links, dann lass uns vorbei«, schimpfte Richard in seinem Auto.
Doch der alte Mann ließ sich nicht beirren, denn er machte keine Anstalten, die Straße freizugeben. Richard blieb nichts anderes übrig, als auszusteigen.
Frank folgte ihm, wenn auch widerwillig. Sie gingen zum Traktor, auf dem jener Fahrer saß und vor sich hin brabbelte.
»Würden Sie freundlicherweise ein Stück nach rechts fahren, damit wir mit unserem Auto an Ihnen vorbeikommen«, bemühte sich Richard um einem höflichen Ton.
»Könnte Ihnen so passen. Erst die Abkürzung durch die Weinberge nehmen, dann noch so frech sein, hier vorbeifahren zu wollen«, schimpfte er.
»Ich glaube, Sie verstehen da was falsch«, schaltete sich Frank in die Konversation der beiden ein.
»Ich versteh überhaupt nichts falsch. Ihr fahrt jetzt schön wieder zurück, um die reguläre Straße zu benutzen, so wie die anderen auch«, gab er sich unversöhnlich.
Der Mann, den Frank auf Ende 80 schätzte, verschränkte seine Arme vor der Brust.
»Guter Mann, zum letzten Mal: Geben Sie den Weg frei«, versuchte es Richard erneut.
»Nein!«, war die prompte Antwort.
»Gut, dann müssen wir Sie leider anzeigen, weil Sie einen Polizeieinsatz behindern«, erwiderte Frank mit einem scharfen Unterton in der Stimme.
Zum ersten Mal schienen sich Zweifel im Gesicht des Traktorfahrers zu zeigen. Bevor er antworten konnte, holten Frank und Richard ihre Dienstausweise heraus, um sie dem Mann unter die Nase zu halten.
Ungläubig starrte er die beiden an.
»Seid ihr von da hinten gekommen? Vom Bäuerle seinem Weinberg?«, erkundigte er sich.
Richard nickte.
»Was ist mit dem Bäuerle? Ist er tot?«
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Frank.
»Na, wärt ihr sonst da?«
Er überging die Frage.
»Dürften wir erfahren, wer Sie sind?«
»Hans Kupernick, mir gehören die Reben neben dem vom Bäuerle.« Er zeigte mit seiner knochigen Hand auf den Weinberg daneben.
»Danke, vielleicht werden wir im Laufe der Ermittlungen noch Fragen an Sie haben«, fuhr Richard fort, reichte ihm dann seine Visitenkarte. »Jetzt fahren Sie bitte mit dem Traktor rechts ran, damit wir vorbeifahren können.«
»Krieg ich ’ne Anzeige?«
»Verdient hätten Sie’s«, meinte Frank. »Aber für heute belassen wir es bei einer mündlichen Ermahnung.«
Sie gingen wieder zum Auto, während Hans Kupernick seinen Traktor nach rechts lenkte, woraufhin Richard ohne Probleme vorbeifahren konnte.
»Der muss jetzt erst mal verdauen, dass er um ein Haar eine Anzeige kassiert hätte«, meinte Frank amüsiert.
»Wenn schon. Dann haben wir wenigstens etwas Ruhe«, gab Richard zurück.
Nun mussten sie einem Angehörigen die Botschaft vom Verlust eines geliebten Menschen überbringen. Dies gehörte, so Franks Meinung, zu den unangenehmsten Aufgaben eines ermittelnden Beamten. Dabei etablierte sich im Laufe der Jahre ein, manch einer würde sagen, makabres Ritual. Beide spielten kurz zuvor Schere, Stein, Papier. Der Verlierer musste daraufhin den Angehörigen die traurige Botschaft überbringen.
Diesmal traf es Frank, nachdem er mit der Schere gegen den Stein verlor. Er überlegte, als sie vor dem Haus von Gerd Bäuerle in der Kufsteiner Straße hielten, wie er es für die Angehörigen am schonendsten formulieren konnte.
Im Gleichschritt gingen sie die Stufen zu dem frei stehenden Einfamilienhaus hinauf und betätigten die Klingel. Die Melodie des berühmten Big Ben in London ertönte. Einige Zeit später sahen sie durch die milchige Glastür, wie sich jemand auf sie zu bewegte. Dann wurde die Tür aufgeschlossen. Vor ihnen stand eine Frau Ende 30 mit braunen langen Haaren im beigefarbenen Morgenmantel. Offenkundig wenig erfreut, erkundigte sie sich nach dem Anlass ihres Besuches.
»Sie sind aber nicht von den Zeugen Jehovas?«, fragte sie. »Wir haben nämlich unsere Religion. Wechseln wollen wir auch nicht.«
»Guten Morgen«, entgegnete Frank, überging die Frage und zeigte ihr seinen Ausweis. »Kripo Stuttgart, sind Sie mit Herrn Gerd Bäuerle verwandt?«,
»Ich bin seine Frau, Greta Bäuerle«, erwiderte sie mit einem leicht pikierten Unterton in der Stimme.
Woher soll ich das wissen. Sie hätte ebenso gut die Tochter sein können, kam es ihm in den Sinn. »Dürfen wir kurz reinkommen?«
»Um was geht es?« Ihre Anspannung schien zu steigen. Ob sie etwas ahnte? Wenn sie die unzähligen, meist schlecht gemachten Fernsehkrimis sah, würde sie zumindest eine vage Vorahnung haben.
»Das würden wir gern drinnen mit Ihnen besprechen. Hier draußen ist es zurzeit etwas kalt«, meinte Richard.
»Also gut, kommen Sie rein, aber die Schuhe bitte ausziehen«, entgegnete sie.
Sie folgten der Anweisung und gingen durch den Flur in ein geräumiges Wohnzimmer, welches durch große Fliesen sowie Teppiche, die nicht billig zu sein schienen, eine gewisse Behaglichkeit ausstrahlte. Einige Holzscheite im Kamin neben der Terrassentür brannten vor sich hin und unterstrichen das edle Ambiente.
Sie nahmen auf dem großen Ecksofa Platz, während Greta Bäuerle mit einem Tablett, drei Tassen und einer Kaffeekanne den Raum betrat.
»Ich nehme an, Sie trinken um diese Zeit auch noch einen Kaffee«, sagte sie, in einem etwas freundlicheren Ton.
»Kaffee geht immer«, seufzte Frank, der hoffte, dadurch die unangenehme Nachricht aufzuschieben.
Greta Bäuerle setze sich auf den Diwan, nahm einen Schluck aus der Tasse.
»Also, um was geht es? Kripo, sagten Sie? Dann ist es bestimmt wegen des Einbruchs im Büro der Genossenschaft letzte Woche. Aber mein Mann ist leider unterwegs. Er musste heute Morgen in den Weinberg, die Reben beschneiden. Das kann dauern. Er ist erst gegen Mittag zum Essen wieder da.«
Frank stellte die Tasse auf den Glastisch, lehnte sich nach vorn, stützte seine Ellenbogen auf die Knie.
»Wir kommen nicht wegen des Einbruchs«, erwiderte er, »aber darauf werden wir im Laufe unserer Ermittlungen bestimmt noch einmal zu sprechen kommen.«
Er schaute ins angespannte Gesicht von Greta Bäuerle.
»Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihren Mann heute Morgen tot aufgefunden haben.«
Nun war es endlich raus. Der Satz, der bei Angehörigen des Opfers für immer alles veränderte. Dieser eine Moment, wo eine bisher oft heile Welt zusammenbrach. Er schaute sie, die erste Reaktion erwartend, an.
Sie sagte nichts. Die Mimik ihres Gesichts ließ keine Rückschlüsse darauf zu, was in ihrem Inneren vor sich ging. Vom Weinkrampf über einen Ohnmachtsanfall bis hin zur Gleichgültigkeit schien in dieser Sekunde alles möglich.
Greta Bäuerle stand auf, die Tasse fest in der linken Hand haltend, und ging dann zur Terrassentür. Frank sah Richard fragend an.
»Wie ist es passiert?«
Die Frage überraschte Frank. Mit so einer Reaktion hatten beide nicht gerechnet.
»Was meinen Sie?«, erkundigte er sich irritiert. Es kam ihm vor, als würde sie diese Nachricht nicht aus heiterem Himmel treffen.
Sie sah aus dem Fenster. Frank konnte nur ihre Silhouette von hinten, nicht aber die Mimik in ihrem Gesicht erkennen. Stellte sie sich mit Absicht so hin, um ihre Reaktion auf die Nachricht vom Tod ihres Gatten zu verbergen?
»Wie ist er gestorben? Ich meine, Sie kommen ja nicht hierher, wenn er nicht getötet worden wäre.«
Sie drehte sich um, kam wieder zu ihnen und setzte sich an ihren Platz.
»Wir ermitteln immer bei einem Tötungsdelikt. Ob Selbstmord oder Mord ist für uns erst mal nicht relevant«, fuhr Richard fort.
»Dann hat ihn also jemand ermordet. Gerd hatte keinen Grund, sich umzubringen«, stellte sie emotionslos fest.
Frank musterte sie unauffällig. Bis jetzt konnte er sich kein für ihn zufriedenstellendes Bild von dieser Frau machen. Einzig, wie sie trotz der niederschmetternden Nachricht in der Lage schien, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, nötigte ihm Respekt ab.
»Ihr Mann wurde in der Tat ermordet«, erwiderte er. »Haben Sie eine Ahnung, wer so etwas getan haben könnte?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Gerd hatte keine Feinde. Schon gar niemanden, der ihm so etwas antun würde. Klar gab es hier die eine oder andere Meinungsverschiedenheit. Aber in einer Genossenschaft wie der unseren ist so was doch normal.«
»Sie erwähnten vorhin einen Einbruch. Wurde etwas gestohlen?«, erkundigte sich Richard. Unter Umständen bestand ein Zusammenhang zwischen den beiden Straftaten, auch wenn es sich dabei wahrscheinlich eher um eine Wunschvorstellung handelte. »Soweit ich weiß, wurde nichts gestohlen. Gerd hat sich nur aufgeregt, weil die Versicherung den Schaden mit der Glasscheibe nicht übernehmen wollte. Haben Sie sonst noch Fragen? Ich möchte jetzt gern allein sein.«
Für die Kommissare bestand vorerst keine Notwendigkeit für Nachfragen. Sie verabschiedeten sich und begaben sich wieder hinaus in die eisige Januarkälte.
»Die hat was zu verbergen«, sagte Richard.
»Wie kommst du da drauf?«
»Na überleg doch mal, wie sie reagiert hat. Richtig nüchtern. Als wenn sie froh ist, ihn endlich los zu sein. Der ist tot, sie kriegt sein Geld. Wenn ich so nachdenke, dann ist das bestimmt nicht wenig. Damit hätte sie jedenfalls ein prima Motiv.«
Frank wollte ihn erst mit dem Hinweis, jeder Mensch würde auf solche Nachrichten anders reagieren, unterbrechen. Ebendiese Begründung, die Richard aber nachschob, klang logisch. Letztlich wurden weit über 80 Prozent der Morde von engen Angehörigen begangen. Nicht, wie im Fernsehen immer suggeriert wurde, von dem großen Unbekannten.
»Vielleicht hast du recht. So was müssten wir prüfen. Schlecht sieht sie ja nicht aus«, stellte Frank fest.
»Nana. Du hast die Lisa. Wenn, dann ist sie eher was für mich«, grätschte Richard verbal dazwischen.
»Ich denke, du bist dafür schon wieder zu alt«, meinte Frank trocken.
»Älter vielleicht. Aber dafür mit Erfahrung«, grinste Richard.
3. Kapitel
Im Präsidium wuselte, als sie eine halbe Stunde später an ihrem Arbeitsplatz ankamen, ein sichtbar aufgewühlter Müller-Gruber herum. Manfred sah dem Treiben von seinem Platz aus argwöhnisch zu.
»Was ist denn mit dem los?«, erkundigte sich Richard.
»Der hat sein neues Smartphone verlegt«, seufzte er, »jetzt findet er es nicht mehr.«
»Dann soll er es doch klingeln lassen. Die Dinger vibrieren auch«, meinte Frank.
»Hab ich ihm schon gesagt. Aber er hat es auf lautlos gestellt, damit er nicht immer gestört wird. Jetzt sucht er wie blöde und macht dabei alle hier ganz nervös. Fehlt noch, dass er beim SEK anruft.«
Manfred ließ sich mit seinem breiten Kreuz zurück an die Lehne des Stuhles fallen, worauf Frank Angst bekam, dieser würde der Belastung des durch Boxtraining gestählten Körpers nicht allzu lange standhalten.
»Gibt’s was Neues bei eurer Leiche?«
»Außer einer bezaubernden Dame, der Frau des Toten, nichts weiter«, antwortete Richard, der wieder an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.
»Ist die verdächtig?«, hakte Manfred nach.
»Noch nicht«, meinte Frank, der dabei zu seinem Kollegen sah, »aber so was kann sich ja bald ändern. Richard hat sie jedenfalls schon auf dem Schirm.«
Der grinste nur.
Müller-Gruber kam erneut ins Büro gestürmt.
»Ne, ne, ne. Wo ist bloß dieses blöde Ding? Ich hab’s doch heute dabeigehabt. Ich könnt durchdrehen. Wozu gibt es die Dinger überhaupt.«
Er lief wie ein Spürhund durch ihr Büro und schaute überall nach.
»Also bei uns werden Sie Ihr Handy bestimmt nicht finden. Vielleicht ist es noch in Ihrer Jackentasche«, versuchte Richard zu helfen. Nicht ohne Hintergedanken, denn er wollte diesen Unruhestifter so schnell wie möglich wieder aus dem Büro haben. Es galt, einen Mord aufzuklären. Da waren die ersten Stunden entscheidend, somit durfte man keine Zeit mit unnötigen Kleinigkeiten vergeuden. Dieses verlegte, beziehungsweise nicht auffindbare Smartphone ihres Chefs gehörte dazu.
»Wird wohl langsam Zeit, den Staatsanwalt zu informieren«, meinte Frank, der sich eine frische Tasse Kaffee holte, um dann wieder an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, von welchem er einen guten Blick auf die Hauptstätter Straße hatte.
Richard seufzte. Bei jedem Todesfall musste die Staatsanwaltschaft hinzugezogen werden, die letztlich darüber entschied, ob eine Ermittlung in die Wege geleitet wurde oder nicht.
Ihr zuständiger Staatsanwalt hieß Peter Henssler, ein hochgewachsener Mann, schwarze Haare, Anfang 50. Er war unabhängig, penibel und überparteilich, was in diesem Beruf eine Seltenheit zu sein schien. Die meisten Staatsanwälte besaßen ein Parteibuch, welches ihr Vorwärtskommen ermöglichte. Henssler hingegen hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, denn er gehörte keiner der großen Parteien an und galt als hart, aber fair in der Sache. Dies machte ihn zu einer angesehenen und respektierten Person bei den Ermittlungen. Zudem verfügte er über ein umfassendes fachliches Wissen, da er einer der wenigen war, die ihr Studium mit »summa cum laude« beendet hatten.
Richard erwischte Henssler während einer Verhandlungspause am Oberlandesgericht in der Olgastraße. Er schilderte ihm kurz den Sachverhalt, woraufhin der Staatsanwalt ihn aufgrund der geschilderten Umstände damit beauftragte, ein Ermittlungsverfahren in die Wege zu leiten.
Er selbst wollte nach der aktuellen Verhandlung im Polizeipräsidium vorbeikommen, um sich dann auf den neuesten Stand der Ermittlungen bringen zu lassen. Richard wusste, es war ratsam, dem Staatsanwalt nicht mit leeren Händen gegenüberzutreten.
»Der kommt nachher vorbei«, dann lehnte er sich zurück und atmete tief durch.
»Bleibt zu hoffen, dass sich seine Verhandlung noch länger hinzieht, um uns hier etwas Luft zu verschaffen«, erwiderte Frank. Ihm schwante, was Henssler von Richard sowie seinem Team erwartete.
»Wenn er kommt, präsentieren wir ihm gleich den Mörder samt unterschriebenem Geständnis«, grummelte Manfred. »Diese Bürokraten denken auch, wir können zaubern. Wir haben noch nicht mal einen Verdächtigen.«
»Warten wir mal den Obduktionsbericht ab. Vielleicht kann der uns fürs Erste weiterhelfen«, beruhigte Richard seine Kollegen.
»Ich hab’s gefunden!«, hörten sie Müller-Huber schreien.
»Gott sei Dank, jetzt ist dieses Problem wenigstens vom Tisch«, murmelte Richard, der sich daraufhin einen kräftigen Schluck aus seiner Kaffeetasse gönnte.
Schon stand der über sein ganzes Gesicht strahlende Kriminaldirektor, ihr disziplinarischer Vorgesetzter Horst Müller-Gruber, in der Tür.
Der Mittfünfziger mit seinem schmalen Oberlippenbart sowie den grauen Haaren strahlte wie nach einem Lottogewinn.
»Wo ist es denn gewesen?«, heuchelte Frank Interesse.
»Ich hab’ doch eine Handytasche in meiner Jacke auf der rechten Innenseite. Weil Sie mich vorhin aufgefordert haben, in den Taschen nachzuschauen, hab ich es dort auch gefunden.«
Er schaute ihn mit einem breiten Grinsen im Gesicht an.
»Dann zahlen Sie also heute unser Mittagessen? Zur Feier des Tages? Weil ich Ihnen den entscheidenden Tipp gegeben habe?«, hakte Frank nach.
»Ha noi, no mal langsam mit denne junge Pferde«, verfiel Müller-Gruber ins Schwäbische, »so han mir ned gewettet. Des kann ich mir ned leischte, euch elle zum Esse einzuladen, dann bin i ja pleite.«
»Ein Versuch war’s wert«, murmelte Frank, griff zum Hörer, um sich bei dem Rechtsmediziner nach dem Obduktionsbericht zu erkundigen.
»Riegelgraf?«, ertönte es vom anderen Ende der Leitung. »Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich die Kommissare am Telefon, die wahrscheinlich wissen wollen, was die offizielle Todesursache ist, oder ob es neue Erkenntnisse gibt.«
»Du bist ja echt auf Zack«, lachte Frank. »Ich schalte mal auf Lautsprecher, sonst muss ich nachher alles wiederholen.«
»Ja, damit ich für den senilen Oberkommissar nicht alles noch mal erzählen muss.«
»Das mit dem senilen Oberkommissar hab ich gehört«, merkte Richard leicht angesäuert an. »Du kriegst gleich eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung an den Hals.«
»Ist ja keine Beleidigung in dem Sinne, sondern lediglich eine medizinische Feststellung, die ich, wenn du demnächst auf meinem Tisch liegst, beweisen werde.«
»Da wirst du noch eine Weile ausharren müssen«, gab Richard zurück. »Aber jetzt mal Spaß beiseite, was hast du für uns, Walter?«
»Na ja, nicht viel Neues. Der Schlag wurde mit großer Wucht ausgeführt. Von vorne. Heißt, der Tote muss dem Täter vor der Ausführung ins Gesicht geschaut haben.«
»Gibt es irgendwelche Anzeichen eines Kampfes? DNA-Spuren oder so was?«, erkundigte sich Frank.
»Nein, nichts«, antwortete Riegelgraf. »Keine verwertbaren Spuren. Tut mir leid. Aber vielleicht hat der Herzog was für euch.«
»Das glaub ich nicht«, sagte Richard, der daraufhin auf die Uhr sah. Er wusste, Herzog arbeitete langsam, dafür gründlich. Zudem ließ er sich durch nichts aus der Ruhe bringen. »Aber einen Versuch ist es wert.«
»Wir sehen uns dann heute Mittag in der Kantine«, verabschiedete sich Riegelgraf.
»Geht Walter wieder regelmäßig essen?« Manfred vermochte es nicht so recht glauben. »Ich dachte, der ist auf seinem Salattrip.«
Frank zuckte mit den Schultern. »Vielleicht lag es ja am Salat, warum er so dick geworden ist.«
Richard hatte mittlerweile Adelbert Herzog von der Spurensicherung in der Leitung.
»Kannst du uns schon etwas sagen?«, fragte er vorsichtig, wohl wissend, wie unwirsch Herzog auf solche Fragen meist reagierte. Die Reaktion seines Gegenübers aber erstaunte ihn.
»Ich dachte schon, ihr ruft gar nicht mehr an«, sagte er. »In der Tat gibt es da etwas sehr Merkwürdiges.«
Richard, völlig von der Antwort überrumpelt, schaltete sein Telefon auf Lautsprecher und gab seinen beiden Kollegen ein Zeichen zuzuhören.
»Schieß mal los, was gibt’s denn Interessantes«, wollte Richard wissen.
»Na ja, wie soll ich’s am besten erklären, damit es Laien wie ihr überhaupt versteht«, fing er an.
»Versuch es doch einfach«, drängte Frank. »Wenn wir zu blöd sind, fragen wir nach.«
»Es geht um die Flasche, mit der Gerd Bäuerle erschlagen wurde. Genauer gesagt, um den Inhalt.«
»Da war Wein drin. So was ist uns nicht neu«, meinte Richard, der wegen der Geheimniskrämerei von Herzog langsam, aber sicher etwas genervt schien.
»Richtig, bis hierher hast du recht. Nur der Inhalt passt nicht ganz mit dem Etikett zusammen.«
»Hä? Jetzt muss ich doch mal blöd nachfragen. In einer Weinflasche ist Wein«, schaltete sich Frank in den Dialog ein. »Was passt da nicht zusammen?«
»Da wird es etwas kompliziert. Der Wein in der Flasche stammt nicht aus der Gegend. Zumindest wird diese Rebe nicht in unseren Weinbergen angepflanzt. Der hier stammt aus südlicheren Gefilden.«
»Hab ich richtig verstanden?«, hakte Manfred nach. »Der Bäuerle wurde mit einer Weinflasche erschlagen, die zwar ein Etikett des Weinkonvents Uhlbach trug, sie enthielt aber Wein, der woanders herkam.«
»Ja«, war die knappe Antwort von Adelbert Herzog.
»Was ist mit sonstigen Spuren?«, fragte Frank.
»Der Täter hat wahrscheinlich Handschuhe getragen. Also DNA Fehlanzeige.«
»Gut, danke fürs Erste. Falls du noch was finden solltest, dann melde dich bitte bei uns. Wir brauchen was für den Staatsanwalt«, seufzte Richard, als er sich verabschiedete.
Frank lehnte sich zurück, wobei er die Hände vor seinem Gesicht zusammenfaltete.
»Was ist mit dem Einbruch ins Büro des Weinkonvents Uhlbach?«
»Glaubst du, da gibt es einen Zusammenhang?«, erkundigte sich Richard.
»Wäre ein Ansatz, sonst haben wir ja im Moment nichts weiter«, erwiderte Frank.
»Falscher Wein in der richtigen Flasche, oder richtiger Wein in der falschen Flasche«, sinnierte Manfred, »das ist hier die Frage.«
»Wie heißt es doch so schön: In vino veritas«, sagte Frank und griff zum Telefon, um sich bei den Kollegen nach der Akte über den Einbruch in das Gebäude des Weinkonvents Uhlbach zu informieren. Wenig später hatte er diese per E-Mail auf seinem Computer.
Schnell breitete sich Ernüchterung aus.
»Nichts gestohlen, gab zumindest Andre Kalter, der Vorsitzende des Weinkonvents, bei den Kollegen zu Protokoll. Es wurde nur alles durchsucht, genauer gesagt verwüstet. Man vermutet, es handelte sich dabei um einen dummen Jungenstreich«, gab Frank den Inhalt wieder.
»Vielleicht sollten wir mal mit dem Herrn Kalter reden. Immerhin wurde einer seiner Winzerkollegen ermordet. Vielleicht kann er uns Hinweise auf ein Motiv oder einen anderen Anhaltspunkt geben«, meinte Richard.
»Willst du mitkommen?«, fragte Frank, an Manfred gewandt. Doch der winkte ab.
»Ich muss noch den Schreibkram von letzter Woche erledigen. Außerdem will ich pünktlich Feierabend machen. Meine Frau wartet in der Stadt. Wenn ich da nicht pünktlich komme …«
»Verstehe, so was ist natürlich ein Argument«, grinste er. »Wir wollen ja nicht dafür verantwortlich sein, wenn bei dir der Haussegen schief hängt.«
»Danke, ihr seid so gut zu mir«, frotzelte ein erkennbar erleichterter Manfred. Als Einziger in ihrer Ermittlungsgruppe war er verheiratet und hatte zwei fast erwachsene Kinder.
Richard war seit Jahren »glücklich geschieden«, so vermittelte er es zumindest jedem verbal, der es hören wollte oder nicht. Frank war genau genommen eingefleischter Junggeselle, aber momentan bahnte sich etwas mit Lisa Danninger an. Diese hielt sich aktuell auf einer Weiterbildung in Villingen-Schwenningen auf.
»Gut, bleiben nur wir zwei«, sagte Richard, der daraufhin aufstand, um sich seine Jacke anzuziehen. »Dann wollen wir mal den Herrn Kalter besuchen.«
4. Kapitel




